Liebe Leser, eine kurze Anmerkung vorweg: Man mag sich fragen, warum ich noch nicht in Lappland, Timbuktu, Papua Neu Guinea oder sonstwo herumhänge. Nun, das liegt zum einen daran, dass zunächst noch besagte, namensgebende Hochzeit zu absolvieren war. Zum anderen, weil ich mich erst noch irgendwie aus der Klammer einer leichten Herbstdepression herauswinden und endlich in die Socken kommen muss. Und außerdem warte ich noch, bis ich wieder ein Mobiltelefon habe – mir ist meines just abhanden gekommen. Da ich aber gehört habe, dass man ein wenig Lesestoff von mir erwartet, verblogge ich mal just erst einmal die ungewöhnliche Hochzeit meiner Nudler-Freunde.
Also, ein guter und langjähriger (über 20 Jahre) Freund hatte mich gefragt, ob ich nicht sein Trauzeuge sein wolle. Er hat sich eine waschechte Hamburger Deern geangelt und erfolgreich um ihre Hand angehalten. Klar fühlte ich mich geehrt und sagte Aye dazu. Allerdings war auch schon klar, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Hochzeit handeln würde, sondern um eine recht extravagante – denn mein Freund und seine Frau sind Anhänger der Religionsparodie um das „Fliegende Spaghettimonster“. Und so würde man auch nach „pastafarianischem Brauch“ heiraten. Puh! Und das mir als bekennendem Christ! So ganz wohl war mir bei der Sache nicht, aber andererseits – die Spaghettimonster-Sache ist eine Parodie, also nur Spaß. Und da ich davon ausgehe, dass mein Gott Spaß versteht (wer hätte den sonst erschaffen?) konnte ich also auch zur Zeremonie Aye sagen.
Die Festivitäten begannen bereits am Samstag vor einer Woche mit dem Polterabend, der im Garten in HH-Rahlstedt bei leider nicht ganz so tollem Wetter, aber dennoch enthusiastisch gefeiert wurde. Ich nächtigte beim Brautpaar in Spe und nutzte die Nacht, um eine kleine Schatzsuche zu inszenieren. Ich vergrub ein Marmeladenglas mit einem Video neben einem Baum im Garten. Von dort führte ein Hinweis zum Sicherungskasten, in welchem ein Buch mit einer modernen Piratengeschichte versteckt war. Dieses enthielt einen Hinweis auf einen versteckten Zettel mit einer codierten Nachricht sowie den Dechiffrierschlüssel (ein simpler Ceasar’s Cypher) dafür. Auf dem Zettel stand derart verschlüsselt „De Longhi“. An der Kaffeemaschine fand sich ein Zettel mit Seiten-, Zeilen, Wort- und Buchstaben-Angaben. Mithilfe des Buches aus dem Sicherungskasten ergab das den Ort, wo ein Schlüssel versteckt war. Ich hatte also die Nacht gut zu tun und musste mich ganz schon bemühen, mit vier, fünf Störtebecker-Bier im Hirn noch korrekt Botschaften zu chiffrieren.
Vergangenen Donnerstag wurde es dann erst – man gab sich im Standesamt in HH-Wandsbek das Ja-Wort. Der ernste Teil war schnell vorbei, anschließend gab es noch Kaffee und ein kleines (in einigen Fällen zweites) Frühstück in einem hiesigen Lokal, danach ging es zurück in den Rahlstädter Garten. Hier saß man dann im kleinen Kreis (Brautpaar, Eltern, Trauzeugen) den Rest des Tages und verbrachte sehr entspannte Stunden damit, einfach nur zu quatschen und dem guten Störtebecker (oder im Einzelfall Jever…) zuzusprechen. Das Wetter war besser als erwartet, und so konnten wir den Grill anwerfen. Und auch der gelegentliche Regen juckte uns nicht unter der Markise. Wir hockten noch bis spätabends auf der Terasse und sangen zu Gitarre und Klavier. War richtig schön.
Zwischenzeitlich machte ich einen Besuch bei meinen Eltern für eine Nacht von Freitag auf Samstag, anschließend ging es zurück nach Hamburg, zu den Landungsbrücken. Ich fand mich dort viel zu früh mit meinem Rucksack und meiner quietschorangefarbenen Hartschale ein. Natürlich hatte ich mir, unorganisiert und töffelig, wie man mich kennt, nix Entscheidendes von der Einladung gemerkt und diese auch nicht dabei, also musste ich die Information, wo genau denn die Party steigen würde, noch per Mobiltelefon einholen. Aha, „MS Viktoria“, zwischen Brücke 5 und 9. Letzteres passte zwar nicht ganz, aber das Schiff war leicht zu finden. Ich nutzte die Zwischenzeit, um noch ein paar Ingress-Portale an den Landungsbrücken zu hacken und war gerade auf Höhe der „Rickmer Rickmers“, als mich ein Anruf des Bräutigams ereilte. Man hatte noch viel zu schleppen (Tupperdosen mit Nudeln, Notenständer und dergleichen) und bat mich um Hilfe. Nicht so ganz des „Neinsagens“ mächtig, machte ich mich auf den Weg Richtung Kiez, wo man parkte – eigentlich eher blöd, weil ich mit meiner Hartschale schon genug herumnzuschlüren hatte.
Warum ich das Teil überhaupt mitführte? Nunja, darin befand sich neben meinem Anzugjackett für das Standesamt noch eine Schatztruhe mit einigen Kilogramm Hartgeld als Geschenk von einigen gemeinsamen Freunden und mir, und da fand ich meinen Rollkoffer recht praktisch.
Nach dem kleinen Schlepp-Intermezzo ging es an Bord der „MS Viktoria“. Dort war mittlerweile schon eine muntere Piratenmeute anwesend. Schon die ersten Pastafariani sollen Piraten gewesen sein. So ganz erschließt sich mir der Zusammenhang auch nach dem Lesen des Wikipedia-Artikel nicht, aber es wird schon passen. Jedenfalls hatten sich Gäste und Gastgeber mächtig in Schale geworfen, zumindest die meisten von ihnen. Einen jungen Gast beneidete ich ein wenig um sein T-Shirt mit der Aufschrift „Piratenkostüm“, womit er sich durchaus an Bord legitimieren konnte. Andere hatten wirklich tolle Klamotten und stilechte Accessoires, insbesondere Waffen, dabei. Ich, als Verkleidungsmuffel, hatte auch einen eher einfachen Weg gewählt und bei Amazon für einige Stücke Filz als Piratenkostüm einen nennenswerten Betrag hingelegt. Was tut man nicht alles für seine Freunde…
Der Bräutigam sah natürlich schon auch sehr stattlich in seiner Piratenkluft aus, aber wie bei konventionellen Hochzeiten war natürlich die Braut der Hingucker schlechthin. Sie trug einen langen, weiten, burghunderfarbenen Rock, eine dazu passende Weste, weißes Rüschenhemd und stolzen Dreispitz. Ansonsten begnügte sie sich mit den Waffen der Weiblichkeit, während der Gemahl mit Säbel, Pistole und Nudelholz eine beträchtliche Nahkampf-Bewaffnung vorzuweisen hatte.

So sieht das aus – der „Altar“ für eine Nudel-Hochzeit. Links das Spaghetti-Monster als Kuscheltier. Rechts vorne das Kistchen mit den Ringen. Man entschied sich übrigens für Ringe aus Tungsten, also Wolframcarbid. Das Übergangsmetall Wolfram wird ansonsten gerne für Glühlampendrähte oder Projektilkerne verwendet. Immer noch besser, als wenn dafür abgereichertes Uran benutzt wird – das gilt übrigens sowohl für Geschützmunition als auch für Eheringe.
Gegen 16.45 Uhr legte die „MS Viktoria“ mit viertelstündiger Verspätung ab, und die Zeremonie konnte beginnen. Das Aufgebot (so nannte man soetwas, glaube ich, früher einmal) zog durch die Sitzreihen des Hauptdecks ein. An der Spitze ging „Bruder Spaghettus“, der für die pastafarianische Eheschließung verantwortlich zeichnete. Es folgte eine aus zwei Mann bestehende Ehrengarde und dann, ein zeremonielles Nudelholz hinter sich herziehend, die Trauzeugen, also die scharfe Trauzeugin der Braut und ich. Das Nudelholz dient dazu, um dem Paar symbolisch den Weg zu ebnen, war aber aufgrund der Enge zwischen den Tischen und Stühlen an Bord nicht zeremoniegerecht zu führen. Wir und das Brautpaar hinter uns zogen dann auf die Bühne/Tanzfläche/“Altarraum“. Hier war eine Art „Altar“ mit einem „Kuschelspaghettimonster“ und anderen Utensilien aufgebaut, nebst einem Redepult für „Bruder Spaghettus“. Dieser fand einleitende Worte zur Spaghettimonster-Geschichte im Allgemeinen wie zur Hochzeit des Brautpaares im Speziellem. Es war dann schon so eine Art bizarrer „Gotttesdienst“. Musik gab es allerdings nur aus der Konserve, ebenso wie die musikalisch untermalte Lesung der acht „Es wäre mir wirklich lieber“. Die eigentliche Eheschließung bestand aus dem Trunk (natürlich wieder Störtebecker) des Ehepaares aus Zinnbechern, die dann „im Namen der Spaghetti, der Soße und der Hackbällchen“ vor dem Partner hingestellt wurden, dem gemeinsamen Trunk und der Bestätigung des Ehegelübdes mit einem lauten „Aye!“ der Eheleute. Dabei ist mir aufgefallen, dass das 3. „Es wäre mir wirklich lieber“ zwar auf die Gleichstellung von Frau und Mann hinausläuft, die Ehegelübde in diesem Fall aber eher in eine traditionelle Rollenverteilung gingen. Er gelobte unter anderem, ihr stets beim Putzen der Kombüse zu helfen, während sie gelobte, ihm seine Kanone zu putzen (ähem…?). Das Monster schien aber auf jedem Fall dem Brautpaar wohlgesonnen, denn genau im Augenblick des Rituals riss die Wolkendecke wie bestellt auf, und die Sonne strahlte auf die Eheleute herab. Im Hintergrund legte gerade ein schwimmender Hotelkomplex namens AIDA Sol ab – blöd, dass man gerade heiratete, das Teil zu entern hätte reiche Prise versprochen!

Blick von der Brücke der MS Viktoria elbabwärts. Voraus hat gerade die „AIDA Sol“, ein in Papenburg gebauter, schwimmender Hotelkomplex, ausgeparkt.
Zuletzt wurde noch ein Fürbittengebet für das Brautpaar an das Monster gerichtet (allerdings sagte „Bruder Spaghettus“ voher noch „Wer einen anderen Gott hat, der nimmt einfach den“). Das tat ich dann natürlich auch und wollte eigentlich meine eigenen Gedanken formulieren, aber das viel mir schwer, ich glaube aber, es war schon okay, die guten Wünsche „Bruder Spaghettus'“ an meinen Gott zu forwarden. Eine gemeinsame Freundin erzählte mir hinterher, ihr wäre eher danach gewesen, sich bei ihrem Gott (der derselbe wie meiner ist) zu entschuldigen, dass man an der bizarren Nudelhochzeit so teilgenommen hätte. Auch das kann ich durchaus nachvollziehen. Schließlich wurde in umgekehrter Reihenfolge dann wieder ausgezogen. Geschafft, die Party konnte beginnen.
Zunächst allerdings wendete die „MS Viktoria“ und fuhr zurück an die Landungsbrücken. Denn einige Gäste wollten oder konnten erst nach der Nudel-Zeremonie an Bord kommen. Zwischendurch ging das Brautpaar auch noch kurz an Land, um einige Fotos machen zu lassen. Dann konnte der große Törn beginnen. Die Leinen wurden losgemacht, und die Festivitäten nahmen Fahrt auf. Es gab eine Ansprache, eine ganze Flotte gebackener Piratenschiffe (eins davon ganz aus Spaghetti mit Fleischbällchen) wurde überreicht, eine Liveband spielte und eröffnete den Tanz mit einem als Walzer umarrangierten Piratenlied, welches in der ursprünglichen Fassung vom Bräutigam geschrieben wurde. Der Refrain: „Jo-ho, tally-ho, am liebsten wäre es mir, wir liebten die Frau und den Mann und das Meer, Spaghetti mit Hack und Grog und Bier!“ (by Körrie)

Statt einer Hochzeitstorte gab es eine gebackene Piratenflotte. Eines der Schiffe bestand aus Spaghetti. Die Fleischklößchen sind allerdings schon vom Brautpaar, der Trauzeugin und einer guten Freundin des Paares heruntergenascht worden. Ganz rechts mit Schleife: Die Backform zur künftigen Reproduktion wackerer Piratenschiffe.
Das Buffett wurde eröffnet (es gab neben Fisch-, Fleisch- und Käseplatten mit Brot ansonsten Kartoffel-Gretain und zwei Sorten Fleisch, größere Mengen Spaghetti waren an Bord mitgebracht worden), die Band spielte mittelalterliche Musik (hm, das ist ja eher nicht so meins), später dann kam die Musik vom DJ. Geschenke wurden übergeben. In unserem Falle eine Schatzkiste mit Schokoladentalern und reichlich Hartgeld – offenbar sehr naheliegend, weil das sehr viele Leute gemacht haben. Unsere Truhe war immerhin mit einem gravierten Schloss gesichert, dessen Schlüssel es für das Brautpaar erst noch zu finden galt. Eine Schatzkarte dafür war in die Hochzeitskarte integriert.
Es wurde dann reichlich gebechert und getanzt. Ich persönlich war leider nicht so gut drauf, wahrscheinlich meine leider mittlerweile schon fast übliche Hochzeits-Depression oder so. Eine Weile wich ich deswegen Gesellschaft eher aus, bis ich mich wieder besser fühlte.
Nicht nur deswegen hielt ich mich hauptsächlich auf dem Oberdeck auf. Ich war zwar immer einmal wieder auf der Elbe unterwegs gewesen, von der klassischen Hafenrundfahrt als Kind oder Jugendlicher (wenn meine Eltern Besuchern Hamburg zeigten) über diverse Bootsfahrten mit einem Freund zu einer Kajak-Tour mit anderen Freunden. Aber es ist immer wieder schön, und ich war noch nie nachts bei Dunkelheit unterwegs gewesen, was einen ganz eigenen Charme hat. Zunächst fuhren wir elbabwärts, an Blankenese und den Airbus-Produktionshallen von Finkenwerder vorbei, in denen offenbar gerade vier A-380 für die Emirates endmontiert wurden. Bei Wedel wendeten wir und fuhren wieder zurück bis zu den Landungsbrücken. Hier startete dann eine ausgedehnte Tour durch verschiedene Hafenbecken. Es ging unter der Köhlbrand-Brücke her zum Hafengelände Altenwerder, wo das fast komplett automatische Terminal der HHLA liegt. Die Fahrt ging dann auch durch den Waltershofer Hafen an den Terminals von Eurogate und HHLA vorbei und zum Containerterminal Tollerort. Womit wir alle vier Containerterminals abgeklappert hätten. Es war faszinierend, zuzusehen, dem emsigen Laden, Löschen und Laschen zuzusehen. Emsig huschten Van-Carrier und andere Fahrzeuge mit zuckenden Gelblichtern über die Kais, während Containerbrückern mit fleißigen Laufkatzen die unscheinbaren 20- und 40-Fuß-Quader, die ein entscheidender Motor der Globalisierung sind, luden und löschten.
Doch auch der schönste Ausflug hat einmal ein Ende: Gegen 01.00 Uhr legten wir wieder bei den Landungsbrücken an. Damit war der offizielle Teil der Feier beendet, denn mit dem Schiff verließ die Hochzeitsgesellschaft ja auch die Räumlichkeiten der Feier. Das Brautpaar und ein paar Feierwütige zogen anschließend noch über den nahegelegenen Kiez, während der Rest der Besatzung ihre Nachtquartiere aufsuchten. Ich hatte von einem befreundeten Ehepaar ein Bett inkl. Handtuch und Frühstück angeboten bekommen, was ich dankend annahm. Wir fuhren mit der S1 zum Hochkamp und suchten, in der Wohnung der Freunde angekommen, sogleich die Kojen auf.
Am nächsten Tag fuhr man mich nach dem Frühstück dankenswerter Weise zum Bahnhof Altona. Da ich keinen günstigen Direktzug nach Osnabrück bekommen konnte, nahm ich die S3 zum Hauptbahnhof, futterte beim Wok-Express noch ne anständige Portion Bratnudeln mit Huhn und nahm dann den ziemlich vollen IC nach Osnabrück. Ich bekam trotzdem einen Sitzplatz neben einer jungen Dame und schlief die meiste Zeit. Nach der anschließenden Busfahrt war ich ca. gegen 17.40 Uhr zuhause, früh genug, um noch meinen Wahlzettel abzugreifen und in der Schule gegenüber meiner Wohnung noch ein paar Kreuzchen zu machen. Viel scheint es allerdings nicht genützt zu haben… 😉
Wie geht es weiter? Viel vorzubereiten gibt es für mein geplantes Ziel nicht. Ich brauche kein Visum – dafür wäre es ohnehin viel zu spät. Da ich wahrscheinlich nicht länger als 10 Tage weg möchte, habe ich noch ein paar Tage Zeit, bis ich mich auf die Socken mache. Am Donnerstag ist noch ein Kinobesuch mit einer Freundin geplant, vielleicht geht es erst am Samstag los. Gebucht habe ich noch nicht. Eine Verzögerung ergibt sich noch durch den zwischenzeitlichen Verlust meines Telefons – na, ich sagte es bereits. Nun, ich lasse Euch, liebe Leser, wissen, wenn es losgeht. Bis dahin tschüss und bis zum nächsten Mal.




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