Unterwegs mit der ukrainischen Eisenbahn

Wieder einmal eine Anmerkung vorneweg: Das letzte Mal, dass ich ernsthaft über eine komplette Nacht mit einem Zug unterwegs war, war im Jahre 1986, eine Klassenreise zum Skifahren. Wir haben da einfach Sitze in den Abteilen so zusammengeschoben, dass man da pennen konnte, aber wen interessiert sowas schon, wenn man 14 ist, so wirklich… Seither habe ich soetwas nicht mehr gemacht, eine Reise in einem Liege- oder Schlafwagen.

Die Mitreisenden und ich bestiegen also Waggon Nr. 13. Auf den ersten Blick erschien mir alles sehr eng, was aber auch an der sehr dezenten Beleuchtung liegen könnte. Ich fand mein Abteil und meine Koje. Eine Sache hatte ich vorher nicht gelesen: Wer länger als ich ist (ca. 1,78 cm Lüa) sollte diese Züge meiden! Ich passte gerade so eben da rein. Vor allem hatte ich Schiss, da des Nachts runterzuplumpsen, sei es durch eine Zugbremsung oder meine nächtlichen Rotationsbewegungen im Bett. Ich hielt mich nicht lange mit irgendwelchen zu-Bett-geh-Formalitäten wie Zähneputzen, Umziehen oder sonstetwas auf, sondern ging sofort in meine Koje und blieb da die nächsten acht Stunden. Ich wollte auf keinen Fall meine Mitreisenden nachts stören. Der Schaffner oder wie immer man den Mann bezeichnet, kassierte mein Ticket ein, dafür bekam ich irgendwelche in Plasikfolie eingeschweißten Textilien, Bettzeug, Handtuch, was weiß ich – ich benutzte es nicht.

Sind wir schon da?

Sind wir schon da?

Insgesamt hatte ich so das Problem, dass ich auf keinen Fall nachts für kleine Säbelzahntiger wollte. An meiner Koje war keine Leiter, und so musste ich die anderen Kojen verwenden, um rauf und runter zu kommen. Schwierig, wenn da überall Leute drinliegen, und vor allem dann noch mit meinem kaputten Gelenk im Dunkeln.

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Die anderen Mitreisden gingen die Sache viel professioneller an. In der anderen, oberen Koje schlief ein etwa 50-Jähriger, der Bettzeug dabei hatte. Unter mir schlief ein Mittzwanziger, der ein Verlängerungskabel mitgebracht hatte. Steckdosen gab es nämlich nur auf dem Gang, und er legte sich so einfach Saft für seinen Laptop ins Abteil. Die Vierte im Bunde war eine vielleicht 30-jährige Rothaarige, naja, schwer zu schätzen.

Ich hatte von vorneherein damit gerechnet, dass es unkomfortabel wird und ich kein Auge zukriege. So eingeklemmt, wie ich da war, schliefen gerne einzelne Körperteile unkoordiniert mal ein, aber nicht der Ich so insgesamt. Jedenfalls bis drei oder vier Uhr, danach habe ich dann doch noch drei, vier Stunden geschlafen. Ich ließ mein Schlaufon, versorgt von einem externen Akku, die ganze Zugfahrt per GPS mittracken. Die meiste Zeit ging es recht gemächlich voran, oftmals nur mit 40-60 km/h, nur sehr selten 100 oder mehr. Am Ende war der Topspeed 119 km/h. Jedenfalls konnte ich so jederzeit sehen, wo wir waren.

Ich hatte aber keine Lust, zu lesen oder schonmal den Blog weiterzuschreiben, ich wollte einfach nur so gut es ging, chillen. Und schließlich bin ich ja offenbar dann doch noch eingeschlafen. Jedenfalls war es draußen irgendwann hell und die Uhr zeigte nach acht an. Die Mitreisenden, die übrigend kaum ein Wort miteinander oder mit mir wechselten, wurden auch langsam munter. Apropos Wort wechseln, versucht hatte ich es immerhin. Ich quatschte den jungen Mann unter mir wegen irgendeiner Banalität auf Englisch an, er meinte, sein Englisch wäre nicht sehr gut, worauf ich antwortete, immerhin besser als mein Ukrainisch. Woraufhin er antwortete, er spräche auch nicht Ukrainisch, sondern Russisch. Autsch! Vielleicht auf dem falschen Fuß erwischt? Jedenfalls war das so ziemlich die einzige Konversation, die stattfand. Hm. Vielleicht wahrt man, gerade weil man schon so eng zusammenreist, dadurch etwas Distanz.

Wie auch immer, die Nacht war vorbei, und ich konnte dann auch mal für kleine Ukraine-Reisende. Die Toilette war… naja, könnte schlimmer sein. Allerdings funktionierten die Wasserhähne nicht. Dafür gab es einen Behälter mit Heisswasser, welches man für Tee verwenden konnte. Ich hatte darüber gelesen und mir extra einen Alubecher samt Teebeuteln mitgebracht. Allerdings verzichtete ich dann doch auch die Tee-Zeremonie, weil ich meinen Alu-Becher am Tag vorher als Aschenbecher für meine Zigarre missbraucht hatte. Yuck! Der Mitzwanziger unter mir hingegen nahm wohl einen Tee, wie ich an Umrührgeräuschen von oben wahrzunehmen glaubte.

Für die letzen Stunden der Bahnfahrt griff ich dann doch noch zu meinem Buch. Planmäßige Ankunftszeit war 11.52 Uhr in Simferopol. Dank des spannenden Buches ging die Zeit auch recht ordentlich rum. SChließlich sah ich auf dem Schlaufon, dass es nicht mehr weit war. Der Schaffner oder was auch immer nahm das unberührte Textilienset zurück und gab mit mein Ticket wieder – bisschen seltsam, wenn ich es rückblickend betrachte, ich verstand natürlich kein Wort von dem, was er sagte. Außer halt „Billet“ oder so. Jedenfalls machte der uns auch darauf aufmerksam, dass das Ende der Fahrt nahte.

Meine Koje

Meine Koje im Zug nach Simferopol

Nun, alle packten ihren Kram zusammen, die Rothaarige schminkte sich, dann waren wir in Simferopol. Alle raus aus dem Zug. Regen. Herzlich willkommen auf der Krim. Der Bahnsteig war überfüllt und schien mir genauso endlos wie der Zug. Ich hatte natürlich erstmal keine Ahnung,wo jetzt eigentlich das Bahnhofsgebäude war und ging natürlich erst mal in die falsche Richtung. Also wieder zurück, zwischendurch versuchte mich ein Taxifahrer abzufischen, aber ich fand dann die Kassen für die Tickets.

Bahnsteig Simferopol

Bahnsteig Simferopol – endlos lang. Sowohl der Bahnsteig, als auch die Züge.

Und damit begann der irre nervige Teil. Denn dort waren die berüchtigten Schlangen zu finden, von denen ich schon gelesen hatte. Die Deutsche Bahn verfügt nämlich über eine technische Einrichtung, die ich bisher immer geringgeschätzt, weil für selbstverständlich gehalten habe: Fahrkartenautomaten. Es gab, ich glaube, neuen Schalter. An jedem waren andere Aufschriften, und meine Vermutung war, dass es für unterschiedliche Ziele eigene Schalter gab. Aber ich fand nirgends die kyrillische Entsprechung für Sewastopol. Ich hatte etwa eine Stunde Zeit, bis der Zug fahren sollte – was übrigens auch auf einem Display zu lesen war. Also suchte ich mir einen Schalter, dessen Schlange mir nicht ganz so lang erschien. Wenn das der falsche wäre, könnte mir die Mitarbeiterin vielleicht wenigstens die Zahl mit dem richtigen aufmalen, und mit etwas Glück würde ich es noch schaffen.

Doch weit gefehlt, stattdessen kostete mich die Sache jede Menge Selbstbeherrschung. Denn – und scheiße, da bin ich, auch wenn das vielleicht verrufen ist, an dieser Stelle einmal stolz auf die deutschen Tugenden – hier wurde mitnichten ordentlich angestanden. Ich will ja nicht sagen, dass es bei uns nie Vordrängelei gäbe, aber das hier ging gar nicht. Zwischendurch wurde es laut zwischen den Anstehenden und auch der überforderten Schalter-Dame. Es gab an einem Schalter nicht eine Schlange, sondern drei, weil immer wieder irgendwelche Leute von der Seite angeschissen kamen. Und die kamen mit dieser Masche auch durch, weil sie weder von der Schalter-Dame, noch von den Anstehenden zurechtgewiesen wurden. Vielleicht habe ich das ja auch inhaltlich mangels der Sprachkenntnisse nicht kapiert, was da vorging, aber mir erschien das einfach wie ein unorganisierter Haufen Leute ohne Manieren. Und so biss ich die Zähne aufeinander – ich konnte ja mangels der Spachkenntnisse niemanden anmeckern. Das Nachsehen hatten diejenigen, die versuchten, sozusagen ordentlich in der mittleren Schlange anzustehen.

Irgendwann kam ich doch dran und versuchte, der Frau am Schalter deutlich zu machen, dass ich nach Sewastopol wollte, ich hatte das ja in kyrillischen Buchstaben aufgeschrieben. Aber es passierte ungefähr das Gleiche, wie schon in Odessa bei der ersten Dame: Die gute Frau signalisierte „Geht nicht“, obwohl der Zug ja schon angekündigt war. Aber wie will man argumentieren, wenn man die Sprache nicht spricht? Und für eine weitere Schlange fehlte mir unter den Bedingungen bereits die Zeit.

Zu dem Zeitpunkt war ich echt genervt. Ich habe ja zu Anfang geschrieben, dass ich mit genau solchen Dingen rechnete und hoffte, daran zu wachsen. Aber meine Leidens- oder Frustrationstoleranz wurde schon arg gefordert. Das Wetter war bescheiden, ich war nicht ausgeschlafen, und ich musste meinen Plan ändern. Die Dame am Schalter hatte vage in eine Richtung gedeutet und „Elektrischka“ gesagt. Ich hatte zuvor Widersprüchliches über ein Trolleybus-System auf der Krim gelesen, welches u.a. Yalta, Simferopol, und Sewastopol verbindet, und war nicht sicher, ob das noch der aktuelle Stand war, oder nicht. Aber als ich noch unschlüssig auf der Suche nach diesen Bussen war, wurde ich von einem Taxifahrer weggefischt.

Natürlich ging nix auf Englisch. Er verstand aber soviel, dass ich nach Sewastopol und den Preis wissen wollte. Mithilfe seines Mobiltelefons zeigte er mir eine 400 auf dem Display. Angesichts der nicht unerheblichen Entfernung und den Preisen, die ich vom Flughafen Odessa in die Stadt kannte, schien mir das eigentlich eher günstig. Und ich hatte keinen Bock mehr. Also willigte ich ein. Ich zeigte dem Mann meinen Ausdruck von Expedia, auf dem auch die Adresse des Hotels stand. Der Mann wusste offenbar nicht, wo das ist, er konsultierte einen Kollegen, anschließend willigte er ein, mich zu fahren.

Zuerst mussten wir durch den Regen zu seinem Wagen. Das war ein Auto, dessen Markenzeichen ich nicht mal kannte. Aber abgesehen von einem Sprung in der Windschutzscheibe ganz okay. Allerdings ohne Airbags, wie mir auffiel. Heutzutage bei uns ja schon selten. Es ging los über katastrophale Straßen. „Simferopol“, sagte mein jovialer Fahrer einfach. Dann ging es auf eine Autobahn, oder wie auch immer das hier klassifiziert wird. Auf diesem Staßenabschnitt nickte ich zwischendurch immer mal wieder ein.

Als wir uns Sewastopol näherten, wurde immer klarer, dass mein Fahrer keine blasse Ahnung hatte, wo das Ziel, Hotel Ukraine, zu finden wäre. Wenn ich mich verzählt habe, telefonierte er sieben oder acht Mal, und da immer der Straßenname vorkam, versuchte er offenbar, sich von irgendwem lotsen zu lassen. Ich hatte auch mein GPS-Tracking mit Openbikemap laufen, auch das ließ er sich zeigen. Aber das taugt als Navi, wenn man im Auto unterwegs ist, nicht viel. Ich zeigte ihm noch das Screenshot, welches ich auf meinem iPad gemacht hatte, um den Weg zu Fuß vom Bahnhof zum Hotel zu finden – dachte ich jedenfalls. Als ich das iPad aus dem Rucksack holte, bekam er offenbar einen Schreck – was dachte der denn, dass ich eine Wumme zücke und ihn seines Fahrzeuges beraube?

Allerdings – muss ich zu meiner Schande gestehen, hatte ich ihm das falsche Screenshot gezeigt, das war noch in Odessa. Habe ich aber erst später kapiert. Und außerdem sehe ich das so, dass ein Taxifahrer, wenn er eine Fahrt akzeptiert,zu wissen hat,wo es lang geht. Ich war halt müde. Und genervt, denn wir kamen einfach nicht ans Zeil. Der gute Mann gab sich echt Mühe und fragte dann noch zweimal nach dem Weg, unter anderem einen Kollegen aus Sewastopol.

Wie ich schon einmal geschrieben habe – ich bin vielleicht einfach zu deutsch. So wie ich das sehe, hat das zwei Seiten. Wir haben vielleicht so ein wenig den Ruf, dass es uns schwerfällt, drei gerade sein zu lassen. Aber auch, dass wir toporganisiert sind und in der Lage, Dinge effizient hinzubekommen. Und auch, wenn wir da so Probleme mit einem Bahnhof in Stuttgard und einem Flughafen in der Hauptstadt haben – unter dem Strich stimmt das auch. Vielleicht darf man darauf sogar mal ein bisschen stolz sein. Trotz unserer Vergangenheit. Und unserer ständigen Minderwertigkeitskomplexe und unter dem Strich pessimistischen Sichtweise. Hier habe ich immer wieder das Gefühl, dass die Leute, wenn ich sage, ich komme aus Deutschland so in etwa reagieren „Oh. Deutschland. Das sind die, die eine ganze Menge auf die Reihe kriegen. Wo Mercedes und BMW herkommen. Respekt!“ Vielleicht interpretiere ich das falsch, aber ich hab so ein wenig diesen Eindruck. Kann ja sein. Ich bin nicht stolz auf Mercedes und BMW – dazu habe ich persönlich nix beigetragen. Ich bin auch nicht stolz, Deutscher zu sein, dazu habe ich ebensowenig beigetragen, das hat sich halt so ergeben. Aber auf gewisse deutsche Tugenden, die auch mir anerzogen wurden und die auch ich mir zu eigen gemacht habe – und sei es nur, sich in einer Schlange nicht vorzudrängeln … darauf bin ich vielleicht doch ein bisschen stolz. Warum eigentlich nicht? Philosophieteil Ende. Wer das kontrovers diskutieren möchte – dafür gibt es eine Kommentarfunktion.

Wie auch immer, irgendwann hielt der Taxifahrer und nach einigem Hin- und Her war mir klar, dass wir wahrscheinlich in der Nähe des Ziels waren. Ich wollte dem Mann gerne 50 UAH Trinkgeld geben, hatte es aber nicht in entsprechenden Scheinen am Start. 100 UAH, was gegangen wäre, fand ich aber andererseits zu viel. Und mir rausgeben zu lassen, hätte wieder schwierige Konversation erfordert. So war ich hin- und hergerissen, einerseits zwischen meinem Genervtsein, andererseits der Anerkennung, dass sich der Mann auch echt Mühe gegeben hat. Ich hatte nur so 7 UAH, die ich drauflegen konnte. Mehr gab es dann halt mal nicht. Trotzdem ließ mich der Fahrer nicht einfach aussteigen, sondern ging mit mir die paar Schritte – und mehr war es dann auch nicht – zum Hotel mit. Und gab mir zum Abschied die Hand. Ich wünschte, ich hätte ihm mehr gegeben.

Tja, und damit war ich am Ziel. Einchecken war Routine, Zimmer 511, rein in den Aufzug, und rein ins Zimmer. Alles weitere ist ein neues Kapitel…

Fortsetzung folgt…

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About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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