Tag 11 – Elefanten, die aus Schwebebahnen fallen

Es ist Samstag, nur ein Pflichttermin stand auf dem Programm: Ein Vortrag um 9:00 Uhr. Ich stand um 7:30 Uhr auf und hatte reichlich Zeit zum Frühstücken.

Der Vortrag wurde von einer Therpeutin der psychologischen Abteilung gehalten, die bereits über den „Gefühls- und Bedürfnisnavigator“ referiert hatte. Der Vortrag hatte mir ganz gut gefallen. Diesmal ging es um klassische und operante Konditionierung. Die klassische Konditionierung kenne ich aus dem Biologieunterricht, den pawlow’schen Hund halt. Der hat einem Hund Futter vor die Nase gesetzt, kombiniert mit dem Läuten einer Glocke. Bei dem Hund stellte sich durch den Futter-Reiz Speichelfluss ein. Später – vielleicht nach einigen Wiederholungen der Futter-und-Glocken-Reiz-Kombination löste dann nur noch die Glocke alleine den Speichelfluss aus. Bei Menschen funktioniert das auch. Als Beispiel brachte die Therapeutin, dass sie einmal Achterbahn gefahren sei, als es ihr nicht gut ging, und dass sie ohnmächtig geworden ist. Seither fühlt sie sich schon unwohl, wenn sie nur eine Achterbahn sieht oder darüber spricht.

Das Ganze wurde – natürlich nur oberflächlich – neurologisch erklärt. Der betreffende Teil des Gehirns ist das limbische System, welches für unsere Emotionen zuständig ist, genauer gesagt, die Amygdala. Das Ding kenne ich schon von meiner Psychotherapeutin. Hier können bei extremen oder sich wiederholenden Situationen zwei verschiedene, aber gemeinsam auftretende Reize über eine sich ändernde, synaptische Vernetzung sozusagen verkettet werden. Bei einem traumatischen Erlebnis etwa kann schon eine bestimmter Geruch oder eine bestimmte Farbe, beim Erleben nebenbei wahrgenommen, dieselbe Gefühle von Angst auslösen, auch wenn gar keine tatsächliche Gefahr besteht. Dies alles geschieht völlig automatisch und unbewusst, unterhalb der kognitiven Ebene, auf das Entstehen solcher „Umverdrahtungen“ haben wir auch überhaupt keinen Einfluss.

Anders ist es bei der operanten Konditionierung. Diese ist uns zwar ebenfalls oft nicht wirklich bewusst, und doch führen wir sie durch bewusste Verhaltensweisen herbei. Wenn wir mal eine negative Erfahrung gemacht habe, beispielsweise, als wir um eine Gehaltserhöhung gebeten haben, dann tendieren wir dazu, diese künftig vermeiden zu wollen. Als Beispiel wurde auch das „Nein-sagen“ herangezogen: Viele sagen, wenn sie um etwas gebeten werden, oftmals „ja“ (auch wenn sie eigentlich lieber „nein“ sagen würden), weil sie dadurch eine positive Erfahrung machen, etwa durch Lob. Wenn sie dann doch einmal „nein“ sagen, haben sie womöglich ein schlechtes Gewissen. Ergo bedeutet „nein“ das Ausbleiben einer angenehmen Erfahrung bzw. das Machen einer negativen Erfahrung. Also wird künftig lieber „ja“ gesagt, und diese Verhaltensweise wird so antrainiert, dass auch hier eine neuronale „Verdrahtung“ geschieht, so dass die Verkettung von Ursache und Wirkung später unbewusst abläuft. Durch Vermeiden verstörken wir immer mehr die urspünglich gemachte Erfahrung, bis es ein Automatismus wird.

Beide Arten der Konditionierung sind durchaus funktional. Die Amygdala ist wichtig für das funktionale Angstempfinden zu unserem Schutz – beispielsweise durch das Auslösen einen Fluchtreflexes. Bei akuter Gefahr verliert das Gehirn keine Zeit – da werden sofort Gegenmaßnahmen auf einer Ebene eingeleitet, die sehr viel schneller als alles, was kognitiv abläuft, eingeleitet. Schlecht ist nur, dass diese Verkettung von Gefahr-Reiz und anderen Reizen dysfunktional werden kann, wie eben z.B. bei einem traumatischen Erlebnis.

Auch die operante Konditionierung ist funktional, es ist ja oft sinnvoll, dass wir uns bestimmte Verhaltensweisen so antrainieren können, dass wir sie später automatisch ohne großes Nachdenken beherrschen. Aber durch das Vermeiden bestimmter Situationen durch z.B. eine einmalige, negative Erfahrung nehmen wir uns auch viele Freiheiten. Es ist für uns schlecht, wenn wir nie wieder nach einer Gehaltserhöhung fragen, nur weil wir einmal damit aufgelaufen sind. Oder wenn wir nicht lernen, „nein“ zu sagen. Kurzfristig erreichen wir damit das gewünschte Ergebnis, das Machen einer angenehmen Erfahrung oder das Ausbleiben einer negativen, aber langfristig beschneiden wir uns in unseren Möglichkeiten.

Die gute Nachrichte ist: Egal ob klassische oder operante Konditionierung, die „Verdrahtungen“, die sich dadurch ergeben, lassen sich (wenn auch vielleicht nicht in jedem Fall) auch wieder lösen. Dies ist oft nicht einfach und erfordert Überwindung, denn es geht nur durch Konfrontation. Die Therapeutin sagte, sie wolle z.B. irgendwann einmal wieder Achterbahn fahren, um dann durch die Erfahrung „ich werde jetzt nicht ohnmächtig“ die Verkettung zwischen Ohnmacht (primär ausgelöst durch einen körperlich schlechten Allgemeinzustand) und Achterbahn wieder aufzulösen. Verhaltensweisen, die wir uns unbewusst antrainiert haben, können wir uns auch bewusst wieder austreiben – indem wie bewusst das Vermeiden vermeiden und, auch wenn es uns erst einmal weh tut, z.B. das „nein-sagen“ üben.

Puh. Das war ja jetzt eigentlich schon ein ganzer Artikel für sich. Und der Morgen ist noch nicht einmal zuende…

Nun, nach dem Vortrag war also Wochenende. Der Plan war, nach Barmen zu fahren, um dort unerschlossene Portale zu erschließen. Also holte ich Jacke und Zusatzakku aus meinem Zimmer. Aber ich entschied mich, mal im „Pub“ vorbeizuschauen. Dort spielten ein paar Leute Kicker und Billard, unter anderem die beiden neuen Damen, mit denen ich gestern schon einkaufen war.

Ich konnte in eine Kickerrunde einsteigen, habe anschließend noch jeweils zwei Einzel gegen die beiden neuen Damen gespielt und mich dann noch mit der älteren der beiden (36) unterhalten. Es hat Spaß gemacht, mal sehen, vielleicht werden wir noch zusammen mit einem anderen Kollegen aus der Gruppe zu einer Clique oder so.

Ungeplant blieb ich dann doch bis zum Mittagessen. Ich hatte mich zwar abgemeldet, aber noch meine Essensmarke, also habe ich mir dann doch – nicht ganz korrekt – eine Portion Weiße-Bohnen-Eintopf mit Wurst geholt. War übrigens viel besser als erwartet.

Bookcrossing-Buch

Bookcrossing-Buch in the wild – habe ich für Satay-Spiess fotografiert. Gefunden an der Bushaltestelle Schmiedestraße in Wuppertal-Oberbarmen, aber nicht mitgenommen, weil leider total regendurchweicht.

Anschließend ging ich zusammen mit der jüngeren der beiden neuen Damen (27, und damit die zweitjüngste hier) zur Bushaltestelle und fuhr mit ihr zum Bahnhof Oberbarmen. Ich wollte von da aus weiter mit der Schwebebahn nach Barmen, sie hatte dort eine Verabredung mit jemandem, der ihr ein Rad leihen wollte. Im Bus wollten wir eigentlich eine Tageskarte kaufen, aber der Drucker war kaputt. Ich hatte darauf verzichtet, bei der Sparkasse vorher Geld zu holen, weil mit meine Bus-Begleiterin angeboten hatte, mir etwas zu leihen. Das tat sie dann am Bahnhof Oberbarmen auch. Unnötigerweise eigentlich, weil es dort eine Sparkasse gab und wir für den Bus bis dahin ja nichts bezahlen konnten. Dann hatte ich allerdings das Problem, dass ich kein passendes Geld für den Fahrkartenautomaten hatte. Ich hatte gerade was gegessen, etwas zu essen zu kaufen fiel also aus. Nach einigem Hin und Her ging ich in eine Art 1-Euro-Laden und kaufte ein Sechserpack Teelöffel (ich brauchte eigentlich nur einen für unsere kleine Teeküche). Jetzt hatte ich passendes Geld, ging zurück zur Schwebebahn und löste das Tagesticket.

Blick aus dem Schwebebahn-Cockpit

Blick aus dem Schwebebahn-„Cockpit“

Achtung, Ingress-Absatz!
Bis zur Haltestelle „Alter Markt“, wo mein Ziel lag, waren es nur wenige Stationen. Ich stieg also aus, und… solider Regen. Ich verstärkte und hackte unmotiviert ein paar bereits grüne L5er und verkrümelte mich in eine Bäckerei, wo ich einen Cappuccino und eine Puddingschnecke zu mir nahm.

Danach hieß es „sei kein Frosch“ (ähm…) und raus in den Regen. Es ging durch solide Einkaufsstraßen abseits von Elberfeld. Ich konnte immer ein wenig Schutz unter den Dachvorsprüngen der Geschäfte finden. Die Portaldichte konnte sich sehen lassen, und ich wollte im Wesentlichen Unique Visits sammeln. Ein Portal war durch einen gelben Ring als Startportal einer Mission gekennzeichnet. Hm – halbe Stunde Dauer, nur eine Handvoll Portale nicht-sequenziell hacken – mache ich. Das ließ sich mit dem Vorhaben, einfach nur die Unique Visits zu sammeln auch gut kombinieren.

Tuffi, der Elefant, der aus der Schwebebahn fiel

Skulptur von „Tuffi“, dem kleinen Elefanten, der aus der Schwebebahn in die Wupper fiel.

Irgendwann kam ich zu der Skulptur eines kleinen Elefanten. Ich wusste, dass die irgendwo in Barmen steht, weil ich davon schon mal ein Foto im Chat gesehen hatte. Dabei handelt es sich um ein Bildniss von „Tuffi“, einem kleinen Elefanten, der 1950 aus der Schwebebahn in die Wupper fiel. Ein Ereignis, von welchem ich schon als Jugendlicher in den 80ern durch das beliebte Quizspiel „Trivial Pursuit“ gehört hatte. Da gab es eine Frage, welcher Passagier da in die Wupper gefallen ist, und die Antwort lautete „ein kleiner Elefant“. „Tuffi“ war zu der Zeit vier Jahre alt und sollte mit der Schwebebahn zu PR-Zwecken zu Fotoaufnahmen geschafft werden. Er fühlte sich aber sichtlich unwohl, randalierte und trompetete im Wagen herum, löste eine Panik unter den anwesenden Reportern aus und brach schließlich durch ein Fenster. Den Sturz in die Wupper überlebte „Tuffi“ mit ein paar Schrammen fast unverletzt. Der Zirkusdirektor und der Repräsentant der Verkehrsbetriebe, der die Fahrt erlaubt hatte, erhielten von einem Gericht eine Geldstrafe in Höhe von 450 D-Mark mit der Begründung, die Schwebebahn sei als Transportmittel für Elefanten ungeeignet. Inzwischen ist „Tuffi“ ein beliebtes Maskottchen der Verkehrsbetriebe und auch des Stadtmarketing, man kann ihn etwa als Plüschtier bekommen. Und natürlich ist es ein Portal.

Kaiserwagen

Der original erhaltene, historische „Kaiserwagen“ der Schwebebahn, der u.a. auch für Trauungen gebuchte werden kann.

Achtung, Ingress-Absatz!
Nun, es ging weiter bis zum Ende der Einkaufsstraße, wo ich ein bisschen ausscherte, um eine Handvoll blauer Portale zu übernehmen. Danach ging es, mehr oder weniger auf demselben Weg, wieder zurück. Allerdings mache ich ein paar Schlenker, ich kam z.B. zum Johannes-Rau-Platz (der zwar nur 1969-1970 Oberbürgermeister von Wuppertal, aber immerhin 20 Jahre Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen gewesen ist, achja, und auch Bundespräsident mal). Da steht auch das Barmener Rathaus. Naja, alles nicht so wahnsinnig aufregend, aber ich hatte die Mission abgeschlossen und einiges an Material und Glyph-Hack-Points ergattert.

Schwebebahntrasse

Ein Stück Schwebebahntrasse über der Wupper bei Barmen

Es war schon etwa halb fünf, und ich entschied mich, noch ein wenig in die Innenstadt nach Elberfeld zu fahren, dort in der blauen 8er-Farm paar Glyph-Hack-Points zu sammeln und was zu abend zu essen. Also rein in die Schwebebahn und am Hauptbahnhof raus.

Das Wetter, welches sich zwischenzeitlich gebessert hatte – sogar die Sonne zeigte sich – wurde wieder schlechter. Ich ging zunächst zu Saturn beim Rathaus und kaufte ein HDMI-Kabel. Ich hatte nicht daran gedacht, eins mitzunehmen, und ich möchte vielleicht mal meinen Laptop an einen der Fernseher im Gemeinschaftsraum anschließen, um mit paar Leuten einen Film zu schauen. Danach ging ich wieder im Café Extrablatt was essen, wieder panierte Hühnerbrustfiletstreifen mit Wedges und Pizzabrötchen. Es gibt da so ne Art Vorzelt mit Heizstrahlern, da hielt ich mich auf.

Es ging auf 19 Uhr zu, und das Wetter war schlecht. Also beschloss ich, nachhause zu fahren. Viel gespielt hatte ich in Elberfeld nicht, nur auf den Wegen. Wenn man Regenwasser auf dem Schlaufon-Display hat, kann man ohnehin kaum Glyphen lösen, weil die Berührung des Fingers auf dem Display gestört wird.

Also rein in die volle Bahn und zurück nach Oberbarmen, von da mit dem Bus zurück zur Schmiedestraße und zu Fuß zur Klinik.

Hier checkte ich kurz den „Pub“, ob die neuen Mädels hier vielleicht herumhingen, dem war nicht so. In der Lobby guckten ein paar Mitpatienten einen mir unbekannten Film mit Channing Tatum auf einem Laptop. Ich entschied mich, nicht sofort auf mein Zimmer zu gehen, sondern noch einen Tee zu trinken und in der Sitzgruppe bei unserer kleinen Teeküche noch etwas zu lesen. Neben dem „Café Dallucci“, wo man div. Kaffee, Latte, Cappuccino und Gebäck kaufen kann, gibt es eine kleine, offene Teeküche. Halt ein Wasserkocher, eine Spüle und Regale, auf denen man seine Tasse und seinen Kaffee/Tee aufbewahren kann. Bisher hatte ich das nicht genutzt obwohl ich, wie in den Unterlagen emfohlen, einen eigenen Becher mitgebracht hatte. Aber mittlerweile habe ich Teebeutel, Instantcappuccino und seit heute auch eigene Teelöffel.

Es war ganz angenehm, dort zu sitzen, zu lesen und Tee zu trinken (es blieb nicht bei einem). Irgendwann tauchte ein hübsches, junges Mädchen (echt noch Mädchen, nicht junge Frau) auf, vielleicht 12 Jahre alt oder so, ihre Eltern im Schlepptau. Das waren wohl ein Mitpatient und seine Familie. Das Mädel fand ich irgendwie klasse, sie machte einen aufgeweckten, munteren Eindruck. Ich glaube, die ist noch kein richtiger Teenie. Jedenfalls freute sie sich einen Ast ab, als ihr Vater sie dann mit zum Billardspielen in den „Pub“ nahm. Zuvor hatte sie interessiert zugehört, was ich über mein Buch „Breaking News“ erzählt hatte (in dem es um den Nahostkonflikt zwischen Mitte der 30er-Jahre bis heute über vier Generationen von zwei jüdischen Familien geht).

Aber dann wurde es doch Zeit, mein Zimmer aufzusuchen, um zu bloggen. Zuvor habe ich allerdings noch zwei E-Mails beantwortet.

Das war’s dann für heute. Bis bald.

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Letzter Stand 22.627 1.849 km 2.720 1.647 70.018 51.232
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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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1 Response to Tag 11 – Elefanten, die aus Schwebebahnen fallen

  1. Avatar von Peter Karl Peter Karl sagt:

    Vielen Dank für die regelmäßigen Blogs und vor allem dafür, dass du die Ingress-Artikel jetzt mit einem roten Warnrand versiehst! Deine Mutter bittet übrigens um deine Snail-Mail-Adresse!
    Sei gegrüßt!

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