Tag 20 – Wenn ich blau sehe, sehe ich rot und die 6 Hüte des Denkens

Heute war kein schöner Tag für mich. Immer wieder passierte irgendetwas, was mich rot sehen ließ: Entweder, die Dinge liefen unstrukturiert und nicht so wie geplant, oder ich wurde mit meinen eigenen Schwächen konfrontiert. Ich hatte zwischenzeitlich überlegt, ob ich heute mal ne Blog-Pause einlege, weil ich auch einfach keinen Bock hatte, zu schreiben. Zumal ich außerdem noch einen Brief und einiges in mein persönliches Klinik-Tagebuch zu schreiben hatte.

Aber der Reihe nach: Ich wachte fast eine Stunde, bevor der Wecker klingelte, auf. Nachdem ich nicht wieder einschlafen konnte, beschloss ich, kurz nach sieben Uhr frühstücken zu gehen. Der nächste Termin war dann erst um 09:30 Uhr Visite bei meiner „Hausärztin“, und ich konnte dann zwischen Frühstück und dem Termin nochmal ne gute Stunde schlafen, was ich auch tat.

Die Visite verlief unspektakulär, ich durfte diesmal die Sachen anlassen. Die Ärztin fragte mich, wie es mir ginge und ich antwortete „Gut“ (da hatte der Tag ja noch nicht richtig angefangen), und auf weitere Fragen, dass ich so die eine oder andere Strategie für mein „Leben nach der Klinik“ überlegen würde. Das fand sie natürlich toll. Ferner las sie mir den Bericht der Sporttherapeutin vor, die meine Einzel-Physio gemacht hatte, da kam irgendwie sowas wenig schmeichelhaftes wie „Beinmuskulatur nicht stark ausgeprägt“ oder so vor. Wozu habe ich jahrelang gejoggt, Ergometertraining gemacht und bin Fahrrad gefahren?

Außerdem ließ ich mir von ihr einen Wisch ausdrucken, der mir erlaubt, von Samstag bis Sonntag (kommendes Wochenende, Ostern) zu Verwandten in der Nähe von Iserlohn zu fahren.

Danach war dann der Gruppentermin mit der Bezugstherapeutin. Zuerst galt es, ein wenig organisatorisches Chaos in den Griff zu bekommen. In der Organisation bzgl. der Therpiepläne ist jemand krank, und seitdem geht da so manches schief. Normalerweise hätten wir alle heute morgen z.B. schon den Plan für morgen gehabt, aber der kam erst heute nach dem Abendessen. Und bei einigen fehlten Termine oder waren sonst irgendwie falsch eingetragen. Sowas nervt mich einfach immer, wenn ich das Gefühl habe, es gibt gerade keinen Plan. Das ist einfach einer meiner schwachen Punkte, andere können damit viel entspannter umgehen. Dann gab es noch was anderes, was mich dann belastete, so dass ich einen Moment rot sah, aber darüber mag ich hier nicht schreiben. Achja, was noch Mist ist: Unsere Bezugstherapeutin muss noch Resturlaub abbauen und hat deswegen nochmal eine Woche Urlaub, während ich hier bin. Ich bin nicht sicher, ob ich der einzige Dumme in der Gruppe bin, der von beiden Wochen betroffen ist, aber auf jeden Fall finde ich das ganz schön bescheiden, dass da zwei von sechs Wochen über eine Vertretung laufen werden. Ich kann es halt nicht ändern, die Therapeutin auch nicht (ihr selbst gefällt das auch nicht), aber es bleibt halt Mist.

Dementsprechend war das nicht ganz schön gelaufen, auch wenn ich es erstmal abhaken konnte. Anschließend ging es zum Autogenen Training, wieder mal eine Phantasiereise. Diesmal befanden wir uns auf einer saftigen, grünen Wiese mit Blümelein und Schmetterlingen und blauem Himmel und so weiter. Es war wie bei der Reise auf die Insel: Die Suggestion mit der Schwere des Körpers klappte, obwohl ich nicht wirklich konzentriert bei der Sache war. Wenigstens gab es auf der Wiese Handyempfang (zumindest in meiner persönlichen Version).

Danach folgte das Mittagessen, ich ging früh hin und war früh fertig, denn ich hatte mich für 12:30 – 14:00 Uhr für eine Waschmaschine eingetragen. Also ging ich zur Waschküche und feuerte meine Buntwäsche in Maschine B. Dann besorgte ich mir zum Nachtisch einen Café Latte und eine Mandelecke vom Café Dallucci und zog mich in eine kleine Sitzgruppe abseits von der Lobby, in der ziemlich viele Leute saßen und die Lautstärke nicht so gering war, zurück. Dazu nahm ich mir den Ordner für Patientensprecher mit, ich wollte mir das nochmal vor der ersten Hausführung mit neuen Patienten morgen ansehen. Meine nächste Anwendung war um 14:15 Uhr Job on/Job off.

Der Schlumpf in der Waschküche

Wenn ich blau sehe, sehe ich rot: Der Feind lauert überall. Selbst in der Waschküche der Klinik. Ekelhaft!

Irgendwann sagte mir der Timer meines Schlaufons, die Wäsche sei fertig. Es dauerte dann zwar noch ein paar Minuten länger, aber irgendwann war sie wirklich fertig, und ich lud sie um in den Trockner. Die Waschmaschine hatte seltsame Geräusche von sich gegeben, und ich stellte durch das Drehen an der Trommel fest, dass da offenbar ein Lagerschaden vorliegt.

Ich ging zur Rezeption, um das zu melden. Vor mir war da eine Dame, sie sich Hand-outs von Vorträgen kopieren ließ. Das dauerte gefühlt ewig, weil in 10 Minuten der nächste Termin anstand. Inzwischen waren ein paar Leute aus der Gruppe aufgetaucht, die ebenfalls Hand-outs haben wollten. Da wir sahen, wie lange das dauerte, organisierte eine Gruppenkollegin auf einem Zettel, wieviele Kopien wir wovon haben wollten. Irgendwann waren die Kopien für die Frau fertig. Ich dachte mir „Wie lange kann es dauern, Dateien aufzurufen und auszudrucken?“ bis ich schnallte, dass die Frau jedes Handout erst in einem unsortierten Stapel Plastikhüllen suchte und dann kopierte. Die Aktion mit den Hand-outs für uns dauerte noch mal 20 Minuten, der Vortrag, den ich eigentlich haben wollte, war noch nicht mal dabei. Wir standen insgesamt eine halbe Stunde vor dem Tresen und kamen eine Viertelstunde zu spät zu Job on/Job off. Die eine Gruppenkollegin schlug ein Sortierungssystem vor, bekam aber nur eine Antwort wie „Haben wir schon versucht, macht aber jeder anders, klappt nicht.“ Was!? Wenn man sowas in der Wirtschaft in einem Ersatzteillager macht, dann ist effiziente Arbeit nicht möglich. Wie läuft das da? Jemand bestimmt, wie das sortiert zu sein hat, und so wird es dann auch gemacht und das klappt dann auch. Das wollte uns nicht so recht in die Birne und hat nicht nur mich auf die Palme gebracht. Wie schwer kann es denn sein? Und überhaupt, Kopien von Powerpoint-Folien auf Papier in Plastikhüllen… leben wir in der Steinzeit? Anstatt dass alle Folien als Datei sauber nach Datum oder Titel sortierbar zur Verfügung steht und einfach ausgedruckt werden kann? Jemand hat mal beim Patientenforum angeregt, dass man die per Mail bekommen sollte oder sich herunterladen kann, aber davon ist man hier noch weit entfernt.

Mit einiger Verspätung kamen wir also zu Job on/Job off. Hier ging es um das Thema Mobbing. Begriffe wie „Problem“, „Konflikt“ und natürlich „Mobbing“ wurden definiert. Es wurde viel über Konfliktlösungsmöglichkeiten gesprochen und um Hilfe, die man sich z.B. bei Mobbing holen kann, z.B. Betriebsrat oder Mediation von außen. Das angestrebte Ziel bei Konflikten sollte Konsenz oder wenigstens Kompromiss sein. Aber es wurde auch deutlich gemacht, dass nicht jeder Konflikt lösbar ist, schon gar nicht mit Konsenz. Wir bekamen ein Hand-out (super, wir müssen es nicht erst kopieren lassen), in dem in Punkt 7 „Nutzen Sie Kreativtechniken“ geraten wird. Namentlich wurden hier Edward de Bonos 6 Hüte des Denkens und die ähnliche Walt-Disney-Methode erwähnt. Das ist allerdings nichts für Konflikte zwischen zwei Personen, sondern eher etwas für Teams. Dabei werden z.B. sechs farbige Hüte (Armbänder, Post-it-Zettel…) auf sechs Team-Mitglieder verteilt. Weiß steht z.B. für analytisches Denken, rot für Emotion, schwarz für pessimistisches Denken, gelb für optimistisches Denken, grün für kreatives Denken und blau für ordnendes, moderierendes Denken. Jeder Teilnehmer operiert nicht als er selbst, sondern von der „Position seines Hutes“ aus. Das erzeugt für die Teilnehmer einen Perspektivwechsel, macht das Gespräch offener und stellt sicher, dass alle Blickwinkel berücksichtigt werden. Allerdings muss sich natürlich jeder dazu verstellen. Disney funktioniert ähnlich, nur mit weniger Blickwinkeln.

Naja, es ging ja nicht um die Hüte darüber habe ich nur geschrieben, weil ich es irgendwie lustig fand. Aber ich hab das eben noch bei Wikipedia nachgelesen, weil ich mich bei Job on/Job off nicht richtig konzentrieren konnte. Ich kam auch die ganze Zeit nicht richtig runter und ärgerte mich immer noch über die Sache mit den Kopien. Blöd, ich weiß.

Danach hatte ich „Trainingsgruppe“, und nur wenig Zeit bis dahin. Ich wollte aber meine Wäsche noch einsammeln, mein Timer sagte, die wäre fertig, der Trockner sagte, das dauere noch eine Viertelstunde. Also ging ich doch gleich zum Sport.

Und das schaffte mich dann endgültig. Bodenturnen auf Matten, viele Bauchmuskelübungen und Sachen, bei denen ich mal wieder richtig meine Hüfte merkte. Ich dachte, ich würde damit inzwischen klar kommen, aber weil ich ohnehin vom Tag schon total genervt war, ging da gar nichts mehr und ich musste mich zusammenreißen, um nicht völlig auszurasten. War einfach zum kotzen. Das entging wahrscheinlich keinem, aber eine sehr nette Frau aus der Gruppe versuchte hinterher noch erfolglos, mich aufzumuntern.

Haus 5

Gasthof Bergische Stube, auf der anderen Straßenseite von der Klinik aus gesehen. Wurde von Patienten, die dort zu Gast waren (und ganz bestimmt keinen Alkohol getrunken haben…) immer als „Haus 5“ bezeichnet (die Klink hat Haus 1-4). Schließlich brachte der Wirt das Schild „Haus 5“ (links im Bild, grün) an. Es gibt auch noch „Haus 6“, weiter in Richtung Kreisel. Das ist der hiesige Fachbetrieb fürs Flatrate-Flachlegen. An beiden Häusern komme ich auf meinen täglichen Spaziergängen zum Kreisel vorbei.

Wenigstens war damit das Tagesprogramm erledigt, und ich konnte duschen. Anschließend ging ich an die Lust und machte meinen Kreiselspaziergang. Danach gab es Abendessen. Dabei wurde ich noch von einem Kollegen aus der Gruppe auf das, was mich heute bei der Gruppensitzung so angefochen hat, angesprochen, super, das fehlte mir gerade noch. Manche Leute wissen einfach nicht, wann sie besser einfach mal die Klappe halten sollten (okay, das trifft auf mich sicherlich auch mal zu).

Trotzdem konnte ich mit einem spontanen, situationskomischen Spruch kurz darauf den ganzen Tisch erheitern und war selbst erstaunt, wie mich dieser kleine Erfolg des Humors aufmunterte. Aber insgesamt war meine Laune schon mal besser.

Ich hatte keine Lust mehr, noch irgendwen zu sehen. Ehrlich gesagt, ich empfand auch so etwas wie „Klinik-Koller“: Hier geht es die ganze Zeit hauptsächlich um die Krankheit, die eigene und die der anderen, in den Sitzungen und auch oft in den Gesprächen untereinander. Klar, dafür sind wir ja hier, aber irgendwie sehnte ich mich danach, mit meinen besten Kumpels acht Bier zu trinken und über die drei wirklich wichtigen Dinge im Leben zu reden: Computerspiele, Musik und Filme. Auf die Dauer kann einem das ganze Psycho-Gelaber jeden Tag doch ganz schon an die Substanz gehen.

Daher ging ich auf mein Zimmer und schrieb den Brief fertig (okay, das bedeutete, dass ich die restlichen fünf von sechs Seiten schrieb, geht morgen in den Kasten). Danach ging ich nochmal runter, Tee und Wasser holen. Und kriegte noch mal einen Spruch wegen der Sache heute in der Gruppe. Aber was soll’s, ich sagte dem Betreffenden, ich sei damit durch, also bin ich es auch. War natürlich wohl auch eher ne Kleinigkeit, aber die muss dann ja nicht ein Dritter auch noch unnötig aufblasen. Sorry wegen der Andeutungen.

Achja, ich schaute auch noch mal in mein Postfach. Toll, ein Therapieplan für morgen. Demnach habe ich um 07:00 Uhr Frühsport. Yippie. Also sollte ich mal langsam ins Bett gehen.

Tut mir leid, dass der Artikel nicht fröhlicher ist, aber wenigstens ist er authentisch. Und die Erfahrung lehrt: Es bleibt ja nicht unbedingt so. Also den Blog nicht gleich abbestellen.

Bis morgen.

Mein Therapieplan für morgen:

07:00 Uhr – Frühsport

08:30 Uhr – Depressionsgruppe

11:00 Uhr – Walking (möglicherweise alternativer Sport wegen einer Unwetterwarnung)

13:00 Uhr – PMR Gruppe

15:45 Uhr – Therpeutisches Einzelgespräch

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About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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1 Response to Tag 20 – Wenn ich blau sehe, sehe ich rot und die 6 Hüte des Denkens

  1. Avatar von Elisabeth Elisabeth sagt:

    Ich werd‘ doch nicht Deinen Blog abbestellen! Hey, es war Tag 20, und bisher war ich freudig überrascht von 19 überwiegend positiven Berichten, da kann doch jetzt auch mal ein schlechterer Tag dazwischen sein, that’s life! Und zwar nicht nur bei Leuten mit psychischen Erkrankungen… Auch auf so etwas wie „Klinik-Koller“ hatte ich bereits gewartet, deswegen finde ich es ja ganz gut, dass Du Dich zum Ausgleich mal mit Ingress-Leuten aus Wuppertal triffst. Also, auf Tag 21!

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