Tag 28 – Genusszwerge, Ahoi-Brause und sprechende Schokolade

Heute hatte ich um 07:00 Uhr Frühsport, also stand ich um 06:40 Uhr auf und tat mich in meine Sportklamotten. Ich kam dezent zu spät. Sport absolviert, Frühstück.

Die nächste Anwendung war schon wieder Sport, aber erst um 11:00 Uhr, Walking. Also konnte ich mich nochmal herrlich ins Bett verkrümeln.

Beim Walking wählte ich diesmal die schnelle Gruppe, die so 4km in einer Dreiviertelstunde abreißen wollte. Ich fühlte mich fit genug und war es auch. Und ich wollte mal zu den Coolen in die Gruppe. Wir hatten ausnahmsweise tolles, sonniges Wetter, und das Walking war sehr angenehm.

Fachwerkhäuser in Oberbarmen

Schneckenstecher-Kommando on tour. Ich machte einen schnellen Schnappschuss mit dem Handy. Nicht so einfach, mit Walkingstockschlaufen um die Handgelenke…

Nach dem Walken ging es unter die Dusche, dann zu Mittagessen. Anschließend hatte ich noch kurz Zeit, bevor es um 13:00 Uhr zur PMR (progressive Muskelentspannung ging). Nachdem wir alle Muskelgruppen von Kopf bis Fuß einmal durch angespannt und entspannt hatten, hatten wir Depressionsgruppe im selben Raum.

Da unsere Bezugstherapeutin leider schon wieder Urlaub hat, hatten wir die mal wieder bei einer Vertretung, diesmal bei der Oberärztin. Das Thema war „Rückfallprophylaxe“. Also: Was tue ich, wenn ich wieder eine depressive Episode erlebe? Der Knackpunkt ist da vor allem: Wie erkenne ich überhaupt möglichst früh, dass ich wieder eine depressive Episode erlebe? Es ging also um Warnzeichen, die mit einer beginnenden Depression einhergehen können, z.B. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, negative Gedanken etc. Wir sammelten diese Symptome auf einem Whiteboard. Dann zeichnete die Therapeutin ein Koordinatensystem, deren X-Achse die Zeit, und deren Y-Achse die „Depressionsintensität“ darstellen sollte. Hier sollten wir nun „unseren“ jeweilige Depressionsverlauf skizzieren. Nachdem ein paar von uns sich da – allerdings mit völlig unterschiedlichen Zeitskalen – zusammengekrickelt hatten, skizzierte die Therapeutin den typischen Verlauf einer despressiven Episode. Zunächst nahm hier die Intensität etwa zum Quadrat der Zeit zu, erreichte dann ein Maximum und klang langsam wieder ab. Es gab dann Zettel. auf denen wir dann unsere typischen Symptome und Gegenmaßnahmen aufschreiben sollten. Etwa Gedanken wie „Das schaffe ich nicht.“, Körperempfindungen wie Müdigkeit, Herzrasen, Schweißausbrüche und Handlungen wie sich zurückziehen. Und Maßnahmen wie etwa Ablenkung, Sport, soziale Kontakte, Meditation etc. Dann zeichnete die Therapeutin eine weitere Kurve, diesmal nur den ansteigenden Teil der depressiven Episode. Man hat so einen „Punkt 70“ (das wurde nicht näher erläutert, vielleicht so 70% vom Maximalwert der „Depressionsintensität“). Jedenfalls sei das der „Point of no return“, wenn man den erreiche, sei es zu spät, noch etwas gegen die depressive Episode zu unternehmen, man müsse die schon vorher erkennen und durch Gegenmaßnahmen abfangen. Natürlich gibt es dafür kein Patentrezept. Ganz am Anfang helfen noch Methoden wie Autogenes Training, PMR, Atemübungen, Meditation. Darüber hilft Ausdauersport. Danach nur noch recht drastische Maßnahmen, z.B. sich an einem Boxsack abzureagieren. Ab dem „Point of no return“ kann man die Episode nicht mehr verhindern und muss sie „abreiten“.

Graph Depressionsaufbau

So in etwa sah das auf dem Whiteboard aus…

Die Gruppensitzung löste bei einigen aus der Gruppe Unmut und Frustration aus, weil viele diese ganze Theorie bereits kannten, mehrfach gehört hatten, aber bisher unfähig waren, daraus Nutzen zu ziehen. Das ist nämlich sehr schwierig. Zunächst mal muss man rechtzeitig erkennen, dass man in eine depressive Episode reinläuft und dann auch die richtigen Gegenmaßnahmen kennen und Gelegenheit haben, sie auch anzuwenden. Schließlich kann man in vielen Situationen nicht einfach mal eben 10 km joggen. Und Entspannungsübungen sind auch nicht jedermanns Sache. Die Umsetzung ist die große Schwierigkeit. Am Ende bekamen wir noch alle einen Zettel mit einer großen Liste von Gegenmaßnahmen, was so ein wenig den Charme von „So, Zeit zuende, nehmen Sie im Zweifel zwei Aspirin und legen Sie sich ins Bett.“ hatte. Nein, ich denke, da bin ich der Therapeutin ein wenig unfair gegenüber, aber bei mir kam das bisschen so an, halt vor allem in dem Kontext, dass unsere „eigentliche“ Bezugstherapeutin schon wieder im Urlaub ist.

Direkt im Anschluss hatten wir um 15:30 Uhr SINA/TAF, diesmal war es SINA. Auf dem Tisch war eine Art „Geschmackserlebnisbuffet“ aufgebaut, Schalen mit Zitronen-, Orangen und Grapefuit-Schnitzen, Schokoladenstücken, Salzstangen, Wasabinüsse und sauren Gummiteilen sowie Tütchen mit Ahoibrause. Da wir ein paar Leute, die in den 70s Kind gewesen sind, hatten, brach eine gewisse, nostalgische Freude insbesondere über die Ahoi-Brause aus. Zunächst fragte auch gleich die Ergotherapeutin, wie denn die amtliche Technik des Ahoi-Brause-Konsums wäre. Ich meinte, Finger nassmachen (anlecken) und in die Tüte tauchen, aber offenbar ist die offizielle Technik, die Handfläche anzulecken und die Brause hineinzuschütten. Wie auch immer, es ging um das Thema „Genuss“. „Genuss“ sei eine wichtige Komponente, die zum Heilungserfolg beitragen könne. Auf dem Tisch lagen so ein paar laminierte A3-Papiere, die sich als sogenannte „Genusszwerge“ entpuppten. Diese wurden der Reihe nach umgedreht und vorgelesen. (Auf jedem dieser Papiere war ein Zwerg abgebildet, der Tipps zum genussvollen Konsum parat hatte, d.h. z.B. maßvoll genießen, ausschließlich genießen).

Anschließend ging es zur Verkostung. Jeder hatte ein kleines Tellerchen und eine winzige, zweizinkige Gabel vor sich und sollte sich eine Auswahl aus den Lebensmittelstückchen zusammenstellen. An den Schnitzen der Zitrusfrüchte hatten wir zunächst zu riechen und den Geruch zu beschreiben, dann essen. An den Wasabinüssen sollten wir lecken (brennt kurz auf der Zungenspitze) und sie dann „hinten“ im Mund kauen. Das geht, weil die Schärfe mehr auf der Zungenspitze wahrgenommen wird. Überhaupt ging es darum, die verschiedenen Geschmacksrezeptoren an verschiedenen Stellen der Zunge zu lokalisieren. Bei der Salzstange sollten wir die Salzkörner abknibbeln und einzeln verkosten, danach die Salzstange ohne das Salz. Bei letzterer stellten wir fest, dass der Geschmack schwer zu lokalisieren ist, der wurde als „überall“ oder auch „nirgends“ lokalisiert (bzw. eben nicht). Das liegt daran, dass die Salzstange – ohne Salz – die Geschmacksqualität umami aufweist. Und dieser Geschmack, der auch als „herzhaft“ bezeichnet wird, ist auch nicht genau zu lokalisieren. Während wir den Geschmack von süss, salzig, sauer und bitter recht schnell satt haben können, werden wir umami nicht satt, weshalb z.B. Fastfood-Produkte auf umami designed werden.

Dann kam die Schokolade an die Reihe. Wir sollten in ganz winzigen Bissen ein einziges Schokoladenstück sehr langsam essen und jeden Bissen schmelzen lassen. Ich hatte eine weiße Schokolade von Rittersport mit Nüssen. Ich fand es schon erstaunlich, wie man an einem winzigen Bissen soviel Geschmack herausziehen kann, wenn man so langsam und bewusst die Schokolade genießt. Einige wollten ihr einziges, kleines Schokoladenstück noch nicht einmal aufessen. Das war als Demonstration gedacht, dass man die Süsse auch schnell satt bekommt. Ich hätte schon noch mehr auf diese Weise essen können, allerdings bestimmt keine ganze 100g-Tafel. Vielleicht ein Viertel, maximal die Hälfte. Naja, das kann ja jeder mal selbst testen.

Die Therapeutin meinte abschließend, die Schokolade würde einem sagen: „Genieß mich, nimm Dir Zeit, mich zu essen. Und wehe, wenn nicht! Dann mach‘ ich Dich dick!“

Die Ahoi-Brause durften wir dann mitnehmen. Ich schötze, dafür hat die Zeit nicht mehr gereicht.

Anschließend hatte ich 20 Minuten Zeit, danach stand dann um 17:00 Uhr die Patientenführung an. Diesmal führte ich sie nicht mit der frechen Frau aus Rostock zusammen durch, sondern mit einer anderen Dame, die zusammen mit der Frau aus Rostock angekommen war, aber mit der ich ansonsten bisher noch nicht so viel zu tun hatte. Das Schwierige an der Führung ist immer, den Leuten genug, aber nicht zu viel Information zu geben. Und natürlich vor allem, das, was wichtig ist. Nur, was ist wichtig? Ich schätze, da hätten die Klinik und die Patienten unterschiedliche Meinungen…

Nach der Patientenführung gab es Abendessen, diesmal mit einem leckeren Kartoffel- und einem Hühnersalat.

Danach machte ich meinen Sojourner-Spaziergang zum Kreisel, diesmal ohne Extratouren. Tja, und dann hockte ich mich mit einem Tee in die Lobby und tippte diese Zeilen herunter.

Mein Therapieplan morgen:

08:30 Uhr – Indi Stress

10:15 Uhr – Fitnesstraining

18:45 Uhr – Patientenführung

Ich bin nicht sicher, ob das so bleibt. Nur zwei Termine – außer der Patientenführung. Das ist schon ein wenig dünn. Wenn da nicht was dazukommt und die Patientenführung nicht wäre, würde ich ja ein bisschen in die Stadt fahren, aber so werde ich wohl eher einiges an Schreibkram erledigen. Der morgige Eintrag könnte also etwas dürftig werden, aber warten wir es ab.

Bis morgen.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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