Die Münze – Teil 2

Der Treppenpfosten war leicht zu ersetzen, er hatte auch den ursprünglichen Pfahl ebenfalls selber gedrechselt und sowieso die komplette Treppe selbst gebaut. Das würde ihn nur ein Stück Holz und etwas Arbeit kosten. Mit dem Dach sah es anders aus, da würde er einen Dachdecker kommen lassen müssen. Sein durch einen Arbeitsunfall verletztes Bein ließ keine großen Kletterübungen mehr zu und hatte ihm auch den vorzeitigen Ruhestand beschert.

Doch all das konnte und musste warten. Was jedoch nicht warten konnte, war die Untersuchung des verkohlten Stück Holzes. Was immer es entzündet hatte, es würde vermutlich noch im Holz stecken und vielleicht Aufklärung zur Brandursache bringen. Andrew ließ diese offene Frage keine Ruhe, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Also ging er in seine gut ausgestattete Werkstatt in dem kleinen Anbau und holte sich einen Schraubenzieher. Er löste die vier Schrauben, mit denen der verkohlte Pfahl noch befestigt war und zog das ruinierte Stück Holz aus seiner Verankerung. Sofort kam ihm etwas seltsam vor: Das verkohlte Holz schien ungewöhnlich schwer, auch die Gewichtsverteilung war komisch, das obere Ende war viel schwerer als das untere. Andrew zog den Schluss, dass, was immer das Holz entzündet hatte, im oberen Teil steckte, etwa dort, wo der Fleck des Mondlichtes gewesen war – und dass es ziemlich schwer war.

Er trug den Pfeiler in die Werkstatt und legte es unter die starke Lampe auf seine Werkbank. Zuerst säuberte er das verkohlte Holz mit einem Lappen vom Löschpulver. Dann nahm er ein Schnitzmesser und begann, an dem seiner Meinung nach infrage kommenden Bereich rundherum das verbrannte Holz abzuschaben. Nach einer Weile stieß das Schnitzmesser auf einer Seite auf einen Widerstand. Andrew sah genauer hin und entdeckte eine Kante von einem gräulich-metallischen Objekt. Aha! Viel war aber noch nicht zu sehen, also schnitzte er Schicht um Schicht um die Kante ab. Bald konnte er erkennen, dass es sich offenbar um eine Metallscheibe handelte. In der Kante waren in regelmäßigen Abständen kleine Bohrungen zu erkennen. Die Meteoriten-Theorie konnte er somit abhaken – dies hatte eindeutig jemand gefertigt! Vielleicht stimmte also doch die Vermutung, dass eins der Flugzeuge der RAF – oder überhaupt irgendein Flugzeug – ein Bauteil verloren hatte. Eifrig schnitzte er weiter, bis die Scheibe etwa anderthalb Zentimeter aus dem Holz ragte. Andrew war des Schnitzens überdrüssig, er spannte das Holz in einen Schraubstock, nahm eine Kombizange, packte damit den Rand der Scheibe und zog kräftig. Die Scheibe leistete Widerstand, aber nach etwas Rütteln und Reißen löste sie sich doch ruckartig aus dem verkohlten Holz.

„Hab ich Dich endlich!“, dachte Andrew triumphierend – und stutzte. Die kleine Scheibe war schwer! Er hielt die Kombizange, mit der er die Scheibe herausgezogen hatte, in beiden Händen, und selbst so musste er nennenswert Kraft aufwenden, damit ihm Zange und Scheibe nicht herunterfielen. Andrew hatte seine Leben lang körperliche, praktische Arbeit nicht gescheut und hielt sich nicht gerade für einen Schwächling. Vorsichtig legte er die schwere Scheibe auf einen bereitliegenden Baumwoll-Lumpen, der früher einmal eins seiner T-Shirts gewesen war. Er drückte auf einen Schalter an der Wand, und nachdem der Kompressor auf Touren gekommen war, nahm er eine Druckluftpistole und reinigte die Scheibe von Ascheresten und verbrannten Holzsplittern. Er legte die Pistole wieder weg und nahm die Scheibe näher in Augenschein.

Das Metall der Scheibe war auf der ihm zugewandten Kreisfläche zweifarbig, ein silberner Ring außen, der einen etwas dunkleren Kreis einfasste. Auf dem Kreis in der Mitte war ein merkwürdiger Umriss … ja was? Eingraviert? Eingeprägt? Andrew fuhr mit dem Finger drüber, der Umriss lag minimal, aber fühlbar tiefer in dem Kreis. In dem Umriss waren mehrere Linien und Punkt zu sehen. Es sah ein bisschen aus wie eine stilisierte Landkarte. Eine Insel vielleicht?

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Responses to Die Münze – Teil 2

  1. Avatar von Elisabeth van Nguyen Elisabeth van Nguyen sagt:

    Du erzählst so schön, dass sofort Bilder in meinem Kopf entstehen!

  2. Avatar von Peter Karl Peter Karl sagt:

    Sofort und von Anfang an spannend. Erinnert mich allerdings an S.Kings „Tommyknockers“. Mal sehen, wie’s weiter geht!

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