Die seltsame Münze
Auf dem silbernen Ring, der den dunkleren Kreis umgab, waren seltsame Symbole zu sehen. Sie bestanden allesamt aus Linien, teilweise horizontal, teilweise vertikal, manchmal rechtwinklig zueinander angeordnet. Einige der Zeichen ähnelten so dem Buchstaben L, andere dem C, beides gab es auch spiegelverkehrt und in Kombinationen mit weiteren Linien. Er konnte nichts damit anfangen, er wusste nur soviel, dass es weder wie griechische, noch chinesische, noch arabische Zeichen aussah. Es hatte eher Ähnlichkeit mit den Geheimsprachen, die sich Schüler auf Kästchenpapier ausdachten. Aber in seiner Gesamtanmutung sah es nach einem sehr bekannten Gegenstand aus – es war ganz klar eine Münze.
Oder doch nicht? Andrew stellte sich vor, er müsse auch nur dieses eine, mutmaßliche Geldstück in seiner Brieftasche mit sich herumtragen – es würde ihm buchstäblich fast die Hose ausziehen. Geschweige denn womöglich mehrere davon. Er konnte sich nicht erinnern, jemals ein so kleines und dennoch so schweres Objekt in der Hand gehabt zu haben. Aber vielleicht war es weniger Verkehrswährung, mehr zur Geldanlage gedacht, so wie beispielsweise Goldmünzen wie der Krügerrand? Oder war es womöglich doch keine Münze, eher eine Medaille oder ein Orden?
Andrew musterte die seltsame Metallscheibe erneut genauer. Am Rand waren die seltsamen, kleinen Bohrungen angebracht, rundherum, in augenscheinlich exakt gleichen Abständen, 32 an der Zahl. Er nahm einen großen Schraubenzieher zur Hilfe und drehte die Scheibe mit ein wenig Mühe auf die andere Seite. Dies brachte keine neuen Details ans Licht – sie sah, zumindest auf den ersten Blick absolut identisch wie die andere Seite aus. Ratlos betrachtete er das runde Objekt und besann sich dessen, was jeder moderne Mensch tat, wenn er nicht mehr weiter wusste.
Er verließ seine Werkstatt und fuhr seinen Laptop im Wohnzimmer hoch. Er rief Google auf und gab einfach „schwere Münze“ in das Suchfeld ein. Die ersten Ergebnisse handelten vom Diebstahl einer 100 kg schweren Münze von der Berliner Museumsinsel. Dort wurde war bei einem spektakulären Raub der sogenannte „Big Maple Leaf“ entwendet worden, eine Münze aus reinem Gold, deren Materialwert den Prägewert beim aktuellen Goldpreis weit überschritt. Der reine Goldwert betrug zur Zeit weit über 3 Millionen Euro. Nun, interessant, aber das hatte kaum mit seinem Fund zu tun. Die nächsten fünf Seiten bei Google enthielten fast ausschließlich Suchergebnisse zu diesem Thema. Ansonsten fand er nur ein paar Münzverkäufe bei eBay, bei denen es jedoch um Münzen ging, die nicht im Entferntesten seinem Fund glichen, und ein Logikrätsel, bei dem es darum ging, mit einer Balkenwaage durch geschicktes Wiegen und Kombinieren zwischen gleich schweren Münzen eine Münze herauszufinden, die schwerer war, als die anderen.
Das brachte ihn alles nicht weiter, aber die Sache mit dem Rätsel brachte ihn darauf, die rätselhaft schwere Münze überhaupt erst einmal zu wiegen. Die einzige Waage, die er im Hause hatte, war seine Personenwaage. Die zeigte das Gewicht in 0,5 kg-Schritten an. Nun, besser als nichts. Er schnappte sich die Münze, die neben seinem Laptop lag, und trug sie ins Badezimmer. Zuerst stieg er ohne die Münze auf die Waage. Sie zeigte 73,5 kg an. Nicht ungewöhnlich. Nun nahm er die Münze in die Hand. Die Skalenscheibe drehte sich ein wenig gegen den Uhrzeigersinn, bis der Zeiger bei 77 kg stehen blieb. Die Differenz war also 3,5 kg. Bei einer Genauigkeit von geschätzt +/- 0,5 kg – mehr traute Andrew dem alten Ding nicht zu – wäre also das Gewicht der Münze zwischen 3 und 4 kg anzunehmen, wobei der nach seinem Gefühl eher den höheren Wert annahm1.
Das Ganze war schon reichlich seltsam. Wie war das Ding durch sein Dach gekommen? Wieder kam ihm seine Flugzeug-Theorie in den Sinn. Das Objekt sah eindeutig nicht nach einem Bauteil aus einem Triebwerk aus. Aber Andrew hatte vor kurzem einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, dass eine 80-jährige Chinesin vermutlich aus Aberglauben Münzen von der Gangway aus in Richtung eines Triebwerks einer Passagiermaschine geworfen hatte. Passagiere, die das beobachtet hatten, hatten die Kabinencrew des Jets alarmiert. Das Ende vom Lied war, dass das Flugzeug mit zweistündiger Verspätung startete, weil man, nachdem man Münzen vor dem Triebwerk auf dem Boden gefunden hatte, das Triebwerkgehäuse abmontiert und dann tatsächlich eine Münze in dem Aggregat gefunden hatte. Die Metallscheibe hätte ernsthaften Schaden anrichten können.
Trotzdem… seine ganz spezielle Münze war außergewöhnlich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie in irgendeinem Land der Erde aktuell als Zahlungsmittel im Umlauf war – dazu war sie einfach zu schwer und damit zu unpraktisch. Er nahm die Münze und trug sie wieder in die Werkstatt. Er würde sich am Tag näher damit befassen.
Andrew gähnte und sah auf seine Armbanduhr. Halb sechs. Es war noch dunkel. Er merkte, dass ihn die zurückliegenden zwei Stunden doch ganz schön geschlaucht hatten. Obwohl er sich fragte, ob er wohl angesichts des ungelösten Rätsels um die merkwürdige Münze würde schlafen können, stieg er die Treppe hoch – nicht ohne noch einen letzten Blick auf das ruinierte, untere Ende seines Treppengeländers zu werfen, von dem aber nun keine Gefahr mehr zu drohen schien – und fiel dann in seinem Schlafzimmer ins Bett.
Fortsetzung folgt…