Die Münze – Teil 4

02. Juli 2017, 11:23 AM, Portreath, England
Die Sonne flutete hell durch die Vorhänge des Schlafzimmerfensters, als Andrew erwachte. Gewohnheitsmäßig warf er einen Blick auf die Uhr. Schon halb zwölf. Etwas hatte seinen Rhythmus gestört, normalerweise wurde er zuverlässig etwa drei Stunden früher wach. Ein leichter Brandgeruch lag noch in der Luft. Schlagartig fielen ihm die Ereignisse der Nacht wieder ein. Das Feuer. Die geheimnisvolle Münze. Oops. Wo war die eigentlich? Er hatte sie, müde und abgekämpft, einfach auf der Werkbank liegen lassen. Das schien ihm nun unangemessen – vielleicht war das seltsame Objekt von hohem Wert. Zwar war persönlicher, materieller Reichtum nie von besonders großer Priorität gewesen, aber trotzdem – für ihn lag der Wert der Münze in dem Geheimnis, welches sie umgab. Seitdem der Krebs ihm vor sechs Jahre seine Fiona genommen hatte, war Andrew sein Leben zunehmend sinn- und ziellos erschienen, egal, was er dagegen zu unternehmen versuchte. Plötzlich wurde ihm klar, dass ihn von Anfang an eine Art kindliche Neugier befallen hatte, seitdem er das Loch im Dach entdeckt hatte. Er spürte in sich hinein, und stellte fest, dass das Gefühl noch da war, und dass er es mochte. Hier gab es etwas Neues für ihn zu tun, und egal, ob das Ergebnis noch so banal und enttäuschend sein würde, er würde auf die Suche nach Antworten gehen.

Zunächst aber schwang er seine Beine aus dem Bett und lief die Treppe hinunter. Unten sah alles so aus, wie er es hinterlassen hatte: Feuerlöscher und Putzeimer standen unten an der Treppe, die Streben des Geländers waren verkohlt und hingen lose über dem quadratischen Loch, wo der Pfahl gewesen war. Alle Fenster standen weit offen – Einbruchsgefahr hin oder her, der Rauch musste aus dem Haus, und so hatte Andrew alles aufgerissen, bevor er ins Bett gegangen war. Trotz der frischen Brise, die hier an der Küste fast immer wehte, war der Brandgeruch noch allgegenwärtig, und das würde sicherlich noch mindestens eine Woche lang so bleiben.

Andrew eilte in seiner Schlafanzughose in die Werkstatt. Hier lag die Münze, wo er sie gestern liegen gelassen hatte, neben dem Schraubstock auf einem Putzlumpen. Von nun an, beschloss er, würde er verantwortungsvoller mit seinem eigenartigen Fund umgehen. Dazu gehörte aber auch, herauszufinden, was es damit auf sich hatte. Ohne Information, was das unbekannte Objekt war und woher es kam, war es einfach nur eine schwere Metallscheibe ohne Identität. Zunächst einmal würde er aber zusehen, dass er sie im Auge behielt, also nahm er die Münze mit sich ins Badezimmer. Dort wusch und rasierte er sich und nahm die Münze mit ins Schlafzimmer, wo er sich anzog,

Danach begleitete ihn die Münze wieder ins Erdgeschoss in die Küche, wo er zu seinem Tee eine Schale Cornflakes verzehrte. Dabei dachte er darüber nach, wie er etwas über die Münze erfahren könnte. Er beschloss, das zu tun, was buchstäblich naheliegend war. Im Ortszentrum von Portreath gab es einen Münzhändler. Er kannte den Mann ein wenig, man grüßte einander, wenn man sich im Pub beim Bitter oder am Strand in der Schlange vor der Fish-and-Chips-Bude traf. Einmal hatte Andrew an einer Runde Darts teilgenommen, an der auch der Münzhändler beteiligt gewesen war. Portreath war ein Dorf, dessen Bevölkerung sich durch den Tourismus im Sommer locker mehr als verdoppelte, und so kannte jeder jeden zumindest ein wenig. Wenigstens, sofern der andere nicht ein wellenreitbegeisterter Tourist war, der sich über die Brandung an der Küste Cornwalls freute. Vor den Wanderern, Radfahrern, Sportfischern und ein paar Tauchern war das die am häufigsten in den Hotels und Ferienwohnungen anzutreffende Subspezies des Cornwall-Touristen.

Nun, Andrew würde einfach einmal bei Mr. Jameson’s Laden vorbeischauen und unverbindlich nach seiner Meinung fragen. Der etwa 70-jährige war ihm durchaus sympathisch, und bisher hatte sich Andrew immer auf seinen Instinkt bezüglich anderer Menschen verlassen können. Außerdem würde er sowenig wie möglich sagen und hoffte, trotzdem so viel wie möglich zu erfahren. Selbst keine Information würde ein Information sein – nämlich aussagen, dass das Geheimnis der Münze womöglich tiefer und vielversprechender war, als eine schnelle Aufklärung zu bieten vermochte. Also stellte er die leere Cornflakes-Schüssel in den Ausguss, holte ein Umhängetasche und verstaute die Münze darin. Nachdem er alle Fenster geschlossen hatte zog er seine Windjacke über, verließ das Haus und stieg in seinen alten Vauxhall Astra.

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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1 Response to Die Münze – Teil 4

  1. Avatar von Pavangu Pavangu sagt:

    Hell, yeah! Toller Geschichte, beziehungsweise toller Start und Plot. Gerade fix aufgeholt und hätte mich auch nicht losreißen können, werde nun stets weiterverfolgen. Ach die wohlrecherchierten (wie nicht anders zu erwarten) und geschickt eingeflochtenen Background-Infos nachzugooglen macht Spaß. 🙂

    Bester Gruß,

    Neffe Senior

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