Es war nur eine kurze Fahrt den Lighthouse Hill herunter und dann links in die Sunnyvale Road, wo Andrew seinen Wagen parkte. Rechts neben dem Juweliergeschäft befand sich „Jameson Mintage Trading Ltd.“, sein Ziel. Ein altmodischer Summer schnarrte, als er die Ladentür öffnete. Hinter der Theke stand Mr. Jameson, der ihn sofort begrüßte: „Mr. Summers, willkommen in meinen bescheidenen Geschäftsräumen. Was kann ich für Sie heute tun?“. Andrew war etwas überrascht, dass Jameson seinen Namen kannte, aber vielleicht war das für sein Anliegen nur vorteilhaft. „Ich habe da etwas, über das ich gerne Ihre Meinung als Fachmann wüsste.“, kam er sofort zur Sache. „Sehr gerne. Ich bin gespannt, was sie da haben. Wissen Sie, die Sporttaucher, die draußen um das Wrack der ‚Escurial‘ herumschwärmen und mir aufgeregt viktorianische Pennys in den Laden schleppen, werden auf die Dauer etwas eintönig.“ Andrew griff in seine Umhängetasche, fasste die Münze und legte sie vorsichtig auf die Theke. „Darf ich?“, fragte Mr. Jameson, und als Andrew nickte, versuchte dieser, die Münze aufzuheben. Natürlich unterschätzte er das Gewicht, und so misslang das erst einmal, seine Finger rutschten vom Rand ab. Andrew, der sich mittlerweile an das ungewöhnliche Gewicht der Münze gewöhnte hatte, schmunzelte heimlich ein wenig über den überraschten Gesichtsausdruck des Münzhändlers, sagte dann aber sofort „Nicht mit den Fingernägeln versuchen, die könnten ihnen abbrechen. Schieben sie die Münze halb über den Rand der Theke und fassen sie sie mit sicherem Griff.“ Mr. Jameson tat wie geheißen, und es gelang ihm, die Münze sicher in die Hand zu nehmen. „Nun, dies scheint in der Tat ein ungewöhnliches Objekt zu sein, welches sie mir da bringen.“, sagte er, „allerdings muss ich sofort gestehen, so etwas noch nie gesehen geschweige denn, in der Hand gehabt zu haben“.
„Ist es überhaupt eine Münze?“, fragte Andrew. „Schwer zu sagen.“, antwortete Mr. Jameson, der sich zunächst bedächtig die beiden identischen Seiten der seltsamen Metallscheibe ansah. „Von der optischen Anmutung her würde ich sagen, durchaus möglich. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Sie mich aufsuchen, es sieht eben aus wie eine Münze. Das Gewicht allerdings ist natürlich sehr ungewöhnlich und suggeriert keine große Praktikabilität im täglichen Zahlungsverkehr. Ich vermute, dass Sie diesen Gedanken ebenfalls schon hatten und das Objekt bereits selbst gewogen haben?“ „Ja und ja, das heißt, ich habe leider keine geeignete Waage zuhause. Ich konnte das Gewicht nur grob mit einer Personenwaage bestimmen, das Ding wiegt etwa zwischen drei und vier kg.“ „Nun, mit Ihrer Erlaubnis würde ich das Objekt gerne wiegen und vermessen“. Oh. Vermessen. Daran hatte Andrew noch gar nicht gedacht. Er zögerte kurz. „In Ordnung.“ Mr. Jameson zog eine der zahlreichen Schubladen auf und entnahm ihnen eine altmodisch anmutende Pendelwaage mit dem zugehörigen Gewichtssatz und eine elektronische Schieblehre, deren vierstellige Digitalanzeige in dieser Umgebung absolut fehl am Platz wirkte. Mr. Jameson musste Andrews erstaunten Blick wahrgenommen haben, denn er bemerkte, fast entschuldigend „Nun ja. Meine ursprüngliche Schieblehre, ein Erbstück meines Vaters, ist mir leider auseinandergefallen, und ich dachte, es schadet nicht, hier und da ein wenig mit der Zeit zu gehen…“
Bedächtig legte Mr. Jameson die Münze in eine der Waagschalen seiner altmodischen Pendelwaage. Da er das ungefähre Gewicht ja bereits kannte, legte er drei mal ein kg an Gewichten in die andere Schale. Die Schale mit der Münze blieb unten. Daraufhin fügte Jameson den drei Ein-kg-Gewichten ein weiteres hinzu, worauf sich die Schale mit den Gewichten senkte. Dann ersetzte er ein Ein-kg-Gewicht gegen ein 500-g-Gewicht, worauf sich wieder die Schale mit der Münze senkte. Nun fügte er zwei 100-g-Gewichte hinzu, worauf sich fast schon Gleichgewicht ergab, aber die Gewichtsschale senkte sich langsam wieder. Der Münzhändler tauschte weiter die Normgewichte der Waagschale durch immer kleinere Einheiten hin und her, bis der der Arm mit den Waagschalen die Waagerechte erreichte und sich nicht mehr bewegte. Der Zeiger stand auch Null. „Da haben wir es.“, sagte Mr. Jameson mit sachlicher Stimme, „3,675 kg – in etwa. Es wird nicht auf das Gramm genau sein, aber zumindest schon auf 5 Gramm plus/minus passen. Genauer als ihre Personenwaage allemal.“ Andrew, der den in 21. Jahrhundert vorsintflutlich anmutenden Wiegevorgang fasziniert beobachtet hatte, nickte nur stumm.
Fortsetzung folgt…