Mr. Jameson nahm nun seine digitale Schieblehre in die Hand und vermaß den Durchmesser und die Dicke der Münze. „Das sind aber sehr gerade Werte“, staunte er. „Exakt 3,5 cm im Durchmesser und exakt 3 mm dick. Naja.“ Der Münzhändler griff zu einem unter der Theke liegenden Notizbuch nebst Bleistift und notierte „Münzähnliches Objekt von A. Summers, Durchmesser 3,5 cm, Dicke 3 mm, Gewicht 3675g (!)“. „Haben Sie denn irgendeine Idee, um was es sich handeln könnte?“, fragte Andrew ungeduldig. „Wenn ich ehrlich bin, nicht wirklich.“, antwortete Mr. Jameson. „Handelt es sich denn überhaupt um eine Münze?“, bohrte Andrew nach. „Auch das kann ich Ihnen nicht mit Sicherheit beantworten. Es gibt einige Merkmale, die typisch für Münzen sind, aber ich möchte Sie nicht mit numismatischen Details langweilen…“ „Erzählen Sie alles, was Ihnen einfällt!“, ermutigte Andrew. „Nun, wie Sie wünschen. Sehen Sie, zunächst einmal haben wir es mit einer sogenannten Kehrprägung zu tun – sofern das überhaupt eine Prägung ist“. „Was für eine Prägung?“, fragte Andrew. „Sehen Sie: Wenn ich die ‚Münze‘ um ihre vertikale Achse drehe, dann sehe ich auf der anderen Seite die identische Bild in derselben Ausrichtung. Drehe ich sie jedoch um ihre horizontale Achse, steht das Bild auf dem Kopf.“ Mr. Andrew demonstrierte das Gesagte mühsam mithilfe einer Zange, die er aus den scheinbar unendlichen Tiefen seiner Schubladen hinter der Theke hervorzauberte. „Wäre das umgekehrt, so hätten wir es mit einer Wendeprägung zu tun. Unsere britischen Cent-Münzen sind zum Beispiel auch Kehrprägungen, ebenso die Euro- und Eurocent-Münzen. Ein Beispiel für Wendeprägung sind die früheren, französischen Franc- und Centime-Münzen, weshalb Wendeprägungen teilweise auch ‚französische Prägung‘ genannte wird. Auch die amerikanischen Cent-Münzen sind Wendeprägungen.“ Andrew nickte beeindruckt. Er nahm ungeniert seine Brieftasche zur Hand und überprüfte das anhand einer 10-Cent-Münze. Interessant, da hatte er seit vielen Jahrzehnten alltäglich Münzen in der Hand, aber von diesem Detail hatte er noch nie gehört.
„Was meinten Sie eigentlich mit ‚falls es überhaupt eine Prägung ist‘?“, fragte er Mr. Andrews. „Nun, wenn es eine Prägung ist, dann ist es eine Positiv-Prägung, was sehr ungewöhnlich ist. Sehen Sie, üblicherweise sind die Prägestempel Negativ-Bilder, Motive und Schriften sind eingravierte Vertiefungen im Stempel, in der Münze ragt dann die Prägung in der Regel um 100-200 Mikrometer aus der Münze hervor. Zumindest bei modernen Münzen. Bei Ihrem Objekt ist es umgekehrt, wenn man über die Oberfläche fühlt, merkt man, dass Motiv und Schrift tiefer liegen. Ich kann das nicht vermessen, dazu bräuchte es einen sehr exakten Laserscanner. Wenn das also geprägt ist, dann sieht es so aus, als wäre es mit einem Positivmutterstempel geprägt worden.“ „Was ist das nun wieder?“, fragte Andrew? „Früher unterlagen Prägestempel einer großen Abnutzung. Um jederzeit identisch aussehende Prägestempel für ein identisches Münzbild anfertigen zu können, stellte man eine Mutterstempelmatrize mit einem positiven Prägebild her. Dies sah also genauso aus, wie später auch auf der Münze. Damit konnten dann die negativen Prägestempel jederzeit reproduziert werden, mit denen die Münzen geprägt wurden. Würde man statt des negativen Prägestempels den Mutterstempel verwenden, bekäme man bei der geprägten Münze am Ende ein negatives Prägebild – wie wir es hier vorliegen haben. Und das ist nicht üblich, weder bei aktuellen Münzen, noch bei allen historischen Münzen, die ich aus erster Hand oder aus der Literatur kenne.“
Mr. Jameson zog nun ein großes, beleuchtetes Vergrößerungsglas, welches an einem Schwenkarm an der Theke befestigt war, über die Münze. Er warf einen Blick hindurch, nickte befriedigt und bedeutete Andrew, sich das vergrößerte Bild ebenfalls anzusehen. Andrew schaute hindurch und fragte sich, worauf der Münzhändler hinaus wollte. Seine Ratlosigkeit war ihm offenbar anzusehen, denn Mr. Jameson forderte ihn auf das 10-Cent-Stück, welches Andrew immer noch in der Hand hielt, zum Vergleich unter die Riesenlupe zu halten. „Sehen Sie das? Man muss schon sehr genau hinsehen, aber die Prägung Ihrer 10-Cent-Münze hat sanft abfallende Reliefflanken, etwa 60 Grad. Bei dem fraglichen Objekt hingegen fallen die Reliefflanken offenbar exakt rechtwinklig ab. Genau kann man das nur mit einem Mikroskop oder noch genaueren Methoden ermitteln, aber man kann das schon mit meiner Lupe ansatzweise erkennen.“ „Bedeutet das, dass Motiv und Schrift nicht geprägt sind und es somit gar keine Münze ist?“, fragte Andrew. „Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir es nicht mit einer Prägung zu tun haben. Ich halte das nur nicht für wahrscheinlich. Für mich sieht es, oberflächlich betrachtet, eher so aus, als seien Motiv und Schrift mit einer Werkzeugmaschine entstanden, also zum Beispiel gefräst oder gelasert. Wenn das so wäre, gibt es sicherlich nur eine begrenzte Auflage, denn auch schnelle, computergesteuerte Werkzeugmaschinen arbeiten sehr viel langsamer als eine moderne Prägemaschine. Aber auch wenn es keine Prägung ist, eine Münze könnte es trotzdem sein. Möglicherweise.“ Andrew war erstaunt über das Fachwissen des älteren Mannes, wenn es um Materialbearbeitung ging, ein Fachgebiet, welches ihm selbst nicht fremd war. Seine Bewunderung gegenüber Mr. Jameson wuchs.
Fortsetzung folgt…
Ich bin wirklich gespannt, muss aber einschreiten: dat heißt Mess-Schieber!!!! (nicht Schieblehre) 😉
Hallo Spieß, ja, das weiss ich eigentlich. Allerdings habe ich nicht dran gedacht, zugegeben. Ich habe zuvor aber auch schon bewusst Schraubenzieher anstatt Schraubendreher geschrieben, weil ich mich für das allgemeingebräuchlichere Wort entschieden habe. Wenn ich mich richtig erinnere (ausnahmsweise, ohne Google und Wikipedia), sind Lehren z.B. so Zungen aus Kunststoff oder Metall, verschiedener, Normstärken an einer Art Schlüsselbund. Die kann man dann durch probeweises dazwischenschieben verwenden, um z.B. ein Spaltmaß zu prüfen. Wenn ich das richtig im Kopf habe.