Die Münze – Teil 10

Unwillkürlich musste Andrew über den trockenen Humor des Münzhändlers grinsen. Nein, außergewöhnlich war sein Fund auf jeden Fall, und Jameson war das auch völlig klar gewesen, er hatte Andrew nur ein wenig aus der Reserve locken wollen. Die hübsche Kellnerin brachte sein Essen. Andrew merkte erst jetzt, dass er mächtig Hunger hatte und probierte eine Gabel von dem geräucherten Fisch. Es schmeckte wie immer hervorragend. Während er sich durch die erste Hälfte seiner Mahlzeit hindurcharbeitete, widmete Andrew seine volle Aufmerksamkeit dem Essen. Als der Hunger nachließ, dachte er weiter nach.

Wirklich außergewöhnlich, vielleicht sogar überhaupt nicht zu erklären, waren weder das Motiv, noch die Legende noch die seltsamen Bohrungen im Rand, sondern das hohe Gewicht der Münze. Je länger er darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher erschien es ihm. Verstohlen blickte er sich um. Um ihn herum widmeten sich die Gäste des mittelmäßig besetzten „Waterfront Inn.“ ihrem Essen und Getränken, ihren Gesprächspartnern oder beidem. Andrew legte vorsichtig Messer und Gabel auf seinen halb leergegessenen Teller und nahm unter dem Tisch die Münze aus der Umhängetasche. Nach wie vor lag die Münze so schwer in der Hand, als hielte er nicht eine Münze, sondern mehrere Münzrollen mit jeweils hundert Münzen in der Hand.

„Ist alles in Ordnung mit Ihrem Essen?“, fragte plötzlich eine weibliche, etwas besorgt klingende Stimme. Andrew hätte fast die Münze fallen lassen, fing sich jedoch rechtzeitig und ließ die Münze schnell wieder in der Umhängetasche verschwinden. „Nein, alles in bester Ordnung, das Essen ist wie immer hervorragend. Ich mache nur eine kurze Pause, weil ich am Anfang den Fisch etwas zu schnell angegangen bin.“, versicherte Andrew, vielleicht etwas zu schnell. Für die Kellnerin schien die Sache aber damit erledigt zu sein, denn sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und wandte sich dem nächsten Tisch zu.

Puh. Er musste besser aufpassen. Das letzte, was er wollte, war Aufmerksamkeit zu erregen. Also, was war nun das wirklich Ungewöhnliche an der Münze? Ihr Gewicht. Genauer gesagt, ihr Gewicht bezogen auf ihre Abmessungen. Andrew brauchte nicht lange darüber nachzudenken, welche Eigenschaft dies im Zusammenhang betraf. Die Dichte des Materials, aus dem die Münze gefertigt war. Offenbar war die Münze aus mindestens zwei verschiedenen Materialien für „Ring“ und „Pille“ gefertigt, um deren jeweilige Dichte zu bestimmen, müsste er beides von einander trennen und einzeln wiegen und vermessen. Da er die Münze nicht beschädigen wollte, war das nicht möglich, aber er konnte zumindest die durchschnittliche Dichte des gesamten Objekts bestimmen. Und das war sogar ausgesprochen simpel, jeder mathematisch durchschnittlich begabte 15-jährige könnte das ausrechnen. Obwohl die Versuchung groß war, die paar Zahlen eben auf eine Serviette zu kritzeln, beschloss Andrew, zunächst in aller Ruhe seine Mahlzeit zu beenden und alles Weitere in der Privatsphäre zuhause zu erledigen. Also aß er seinen Teller mit Genuss und angemessenem Tempo ratzekahl leer, gab der hübschen Bedienung beim Zahlen ein anständiges Trinkgeld und verließ alsbald das „Waterfront Inn.“

Zuhause angekommen ging Andrew ins Wohnzimmer, fuhr den Laptop hoch und griff nach Papier und Bleistift, um die durchschnittliche Dichte der Münze auszurechnen. Die Münze war mathematisch gesehen ein Zylinder, dessen Volumen durch das Produkt der Kreisfläche und der Höhe zu berechnen war, also πr2h. Andrew benutzte die Taschenrechner-Funktion des hochgefahrenen Laptops und kam auf ca. 10,36 cm3. Die Formel zur Berechnung der Dichte eines Körpers hatte Andrew nach all den Jahren noch immer im Kopf, sie war einfach der Quotient aus der Masse und des Volumens. Er tippte die Zahlen in den Taschenrechner auf dem Bildschirm des Laptops ein und erhielt 354,62 g/cm3. Dass dieser Wert geradezu astronomisch hoch war, war ihm sofort klar. Als ehemaliger Mechaniker mit Zusatzausbildung in Feinmechanik kannte er sich mit den Materialeigenschaften verschiedener Metalle noch immer gut aus. Eisen beispielsweise, hatte etwa eine Dichte von 7,87 g/cm3, Aluminium nur etwa 2,7 g/cm3 und Kupfer lag bei 8,92 g/cm3. Mit teureren Edelmetallen wie Gold, Silber oder Platin hatte Andrew nie zu tun gehabt, diese Werte hatte er nicht im Kopf, also öffnete er einen Browser, um das zu überprüfen. Was hatte denn womöglich die höchste Dichte? Im Volksmund hieß es oft „schwer wie Blei“, also tippte er Blei in das Suchfeld von Wikipedia. Das Ergebnis war 11,342 g/cm3. Gold und Platin kamen ihm in den Sinn. 19,302 g/cm3 bzw. 21,45 g/cm3. Zuletzt fielen ihm Uran und Wolfram ein: 19,16 g/cm3 bzw. 19,25 g/cm3. Nichts hatte annähernd eine Dichte wie die Münze.

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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1 Response to Die Münze – Teil 10

  1. Avatar von Gunnar Bobbert Gunnar Bobbert sagt:

    Hätte ich mit meinem letzten Kommentar man bis Teil 10 gewartet 😉!

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