Die Münze – Teil 11

Schließlich gab er direkt „Dichte“ in das Suchfeld ein. Er scrollte ein wenig herunter, die Formel zur Berechnung war ihm ja bereits bekannt, und dann stieß er auf eine Tabelle mit Beispielen. Unter „Metalle“ standen da beispielhaft die Werte von Lithium, Quecksilber, Gold und Osmium. Letzteres hatte den höchsten Wert, 22 590 kg/m3, also klickte Andrew auf den Querverweis. Hier war die Dichte von Osmium umgerechnet mit 22,59 g/cm3 angegeben, aber vor allem stand dort: „Osmium besitzt mit 462 GPa den höchsten Kompressionsmodul aller Elemente, lediglich übertroffen von aggregierten Diamant-Nanostäbchen, und mit 22,6 g/cm3 die höchste Dichte“. Die höchste Dichte aller Elemente… Elektrisiert gab Andrew noch ein paar Zahlen in den Taschenrechner auf seinem Bildschirm ein, und da stand das Ergebnis schwarz auf weiß: Die Münze hatte eine über fünfzehn mal höhere Dichte als Osmium, das Element der angeblich höchsten Dichte. Wie konnte das sein? Es war einfach nur eine etwas subtilere Version der ursprünglichen Frage, wieso ein so kleines Objekt so derart schwer sein konnte.

Andrew verordnete sich Besonnenheit. Klar, das roch nach einer Sensation. Aber Sensationen interessierten ihn eigentlich nicht besonders, auf jeden Fall weit weniger als Antworten. Was war da nur in seinem Treppenpfosten steckengeblieben? Er überlegte. Hatte jemand irgendwo, wo sonst niemand hinkam, ein neues Element oder eine natürlich vorkommende Legierung entdeckt, die eine soviel höhere Dichte hatte, als alles, was man gemeinhin kannte? Vielleicht in der Tiefsee oder tief unten in der Erde? Gab es ein neues, geheimes Verfahren, mit denen man die Naturgesetze der Materie einfach so auf den Kopf stellen konnte? Oder… vielleicht kam die Münze gar nicht von hier. Schließlich war sie offensichtlich buchstäblich vom Himmel gefallen. Jede dieser Varianten klang fantastisch und nach Science-Fiction. War es denn überhaupt möglich, dass ein so schweres Metall überhaupt stabil war, müsste es nicht eigentlich zerfallen wie Uran…

Andrew erschrak. Er hatte bisher nicht daran gedacht, dass von der Münze womöglich eine Gefahr ausgehen könnte, aber es wäre denkbar, dass von dem völlig unbekannten Objekt radioaktive Strahlung ausging! Er könnte in höchster Gefahr sein und sich bereits eine tödliche Strahlendosis eingefangen haben! Ihm wurde ganz schlecht. Nicht nur das, er hatte unbeabsichtigt vielleicht auch andere in Gefahr gebracht, den Münzhändler, die Gäste im „Waterfront Inn.“, die hübsche Kellnerin dort.

Er riss sich zusammen – er musste sofort etwas unternehmen. Vielleicht war ja auch alles in Ordnung, aber er musste sicher gehen. Sollte er irgendwo Alarm schlagen? Wo rief man in so einem Fall an, bei der Feuerwehr? Bei der Army? Trotz allem gefiel Andrew der Gedanke, sein Geheimnis preiszugeben, gar nicht, außerdem wollte er sich auch nicht der Peinlichkeit, womöglich völlig unnötig Alarm zu schlagen, aussetzen. Nach kurzer Überlegung holte er sich einen Spaten aus der Werkstatt, wo er auch seine Gartengeräte aufbewahrte. Er trug ihn in den Garten hinter dem Haus, wo er begann, ein tiefes Loch auszuheben. Nachdem er etwa zweieinhalb Meter tief gegraben hatte, ging er zurück ins Haus. Er holte eine alte Geldkassette, aus einem Schrank, die dort bestimmt seit dreißig Jahren unbenutzt herumgelegen hatte, trug sie ins Wohnzimmer, legte die Münze hinein, drehte den Schlüssel und packte das Ganze zurück in die Umhängetasche. Er nahm sie mit zu dem frisch gegrabenen Loch, ließ sie hineinfallen und begann, den Aushub wieder zurück in das Loch zu schaufeln.

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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