Schließlich war das Loch wieder komplett mit Erde gefüllt. Zur Sicherheit, und um das Loch im Rasen zu tarnen, wuchtete er drei Gehwegplatten herbei und legte sie als Stapel auf das Loch. Gut, dass der nächste Nachbar mehrere hundert Meter weit weg wohnte und der Hintergarten von der Straße aus nicht einsehbar war. Andrew wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah auf die Uhr. Die ganze Aktion hatte keine anderthalb Stunden gedauert, er hatte gearbeitet wie ein Besessener. Er brachte den Spaten zurück in die Werkstatt, ging in die Küche und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Die kühle, herbe Flüssigkeit tat gut, aber auch die körperliche Arbeit hatte ihn von seiner Angst, sich womöglich einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt zu haben, wohltuend abgelenkt. Nach der Aufregung und Anstrengung stellte sich langsam Müdigkeit ein. Aber der Tag war noch nicht zuende, und es blieb noch einiges zu tun.
Andrew trug sein Bier ins Wohnzimmer, wo sich auf dem Laptop träge die Uhrzeit in dreidimensionalen Ziffern drehte. Ein Tastendruck stoppte den Bildschirmschoner, und Andrew rief im Browser die Seite eines technischen Online-Shops auf, bei dem er schon öfter Werkzeuge bestellt hatte. Dort gab er „Geigerzähler“ in das Suchfeld ein. Nach kurzer Wartezeit erschien eine Liste mit Suchergebnissen. Es gab Bausätze, fertige Geräte und sogar billige Aufsteck-Zählrohre für Smartphones. Andrew scrollte durch die Liste, klickte ein paar Geräte an, las Käuferkommentare und entschied sich schließlich für ein fertiges Gerät im preislichen Mittelfeld. Er setzte ein kleines Häkchen bei „Express-Versand“, mit dem man ihm die Lieferung bereits am folgenden Tag versprach, und schickte die Bestellung ab. Sofern das wie versprochen morgen geliefert würde, wüsste er dann Bescheid. Das würde womöglich trotzdem gefühlt lange dauern, bis er mit dem Gerät hoffentlich Gewissheit hätte.
Andrew klickte in seinem Browser ein paar Seiten zurück, bis er wieder den Artikel über das Osmium auf dem Bildschirm hatte. Da standen zwei Warnzeichen, eine Flamme und ein Ausrufungszeichen, demnach war Osmium leichtentzündlich und reizend, aber nicht radioaktiv. Auch Wolfram, Platin und Gold waren nicht als radioaktiv gekennzeichnet, das wäre auch sehr verwunderlich gewesen, da Wolfram als Glühfaden in Glühlampen bis heute eingesetzt wurde und die beiden Edelmetalle üblicherweise auch gerne als Schmuck direkt auf der Haut getragen wurde. Gut, schwere Metalle mussten also nicht zwangsläufig radioaktiv sein, das beruhigte ihn ein wenig, wenn auch nicht vollständig. Die im Garten vergrabene Münze war ja offenbar etwas völlig unbekanntes, sicher sein konnte er erst nach der Messung mit dem Dosierleistungsmessgerät. So nannte man offenbar das im Volksmund gerne „Geigerzähler“ genannte Gerät, offiziell. Für heute aber hieß es abwarten – und aufräumen. Denn noch immer standen Putzeimer und Feuerlöscher im Flur herum, und der Brand an der Treppe war natürlich auch nicht rückstandslos vor sich gegangen.
Also stellte brachte Andrew Feuerlöscher und Putzeimer an seinen Platz zurück, wischte den gefliesten Boden im Flur des Erdgeschosses und montierte auch die angekohlten Streben des Treppengeländers ab. Es war fast Zeit für die Fernsehnachrichten, also machte er sich in der Küche ein Käsesandwich mit Tomaten, holte sich noch ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich vor den Fernseher. Es kam nichts Außergewöhnliches in den Nachrichten, nur das im Moment allgegenwärtige Säbelrasseln zwischen den USA und Nordkorea, die neusten Skandale in Politik und Showbusiness und der Wetterbericht. Keine Nachrichten über das Eindringen fremder Flugobjekte in den Luftraum des Vereinigten Königreichs oder einen unerklärlichen Anstieg der Radioaktivität in Südengland.
Den Rest des Tages verbrachte Andrew mit Internet-Recherchen über Metallurgie im Allgemeinen, Radioaktivität und deren Messung, sowie Numismatik. Soweit er das überprüfen konnte, war alles, was der Münzhändler ihm erzählt hatte, korrekt, auch wenn es irgendwie ernüchternd war, dass man all das Wissen auch einfach im Internet nachlesen konnte. Er warf noch einen Blick auf seine E-Mails. Noch keine Nachricht von Mr. Jameson. Naja. Es war ja wahrscheinlich auch kaum damit zu rechnen, dass irgendwer aus von dessen Internet-Bekanntschaften mehr über die Münze zu berichten hatte – so fantastisch es auch klang, es sah nicht danach aus, als ob das Objekt aus dem ungewöhnlichen Material schon einmal irgendjemandem vor ihm über den Weg gelaufen sein könnte.
Fortsetzung folgt…