Zuhause angekommen holte Andrew sogleich den Spaten aus der Werkstatt und ging in den Garten. Zuerst stellte er das Messgerät auf eine Warnschelle von 1,5 μSv/h ein – sollte diese überschritten werden, würde das durch einen Warnton angezeigt werden. Die Anzeige auf dem Display stand wieder bei 0,887 μSv/h. Er legte das Gerät auf den Rasen und wuchtete erst einmal die Gehwegplatten zur Seite. Ein argwöhnischer Blick auf das Display: Keine Änderung. Er nahm den Spaten zur Hand und begann zu graben. Nachdem er schätzte, etwa die Hälfte der Tiefe, in der die Geldkassette mit der Münze lag, wieder ausgehoben zu haben, nahm Andrew das Gerät in die Hand und hielt es in das Loch hinein. Die Anzeige erhöhte sich auf 0,888 μSv/h. Oh. Das konnte etwas bedeuten, musste aber nicht. Die natürliche Strahlung konnte schon in der geringen Tiefe geringfügig höher sein, um die dritte Nachkommastelle zu beeinflussen. Andrew buddelte weiter, bis er der Spaten auf Widerstand stieß. Wieder eine nervöse Prüfung mit dem Messgerät. Keine Änderung der Anzeige. Also grub Andrew die Geldkassette aus, nahm sie aus der Umhängetasche und hielt das Gerät direkt daneben. Die Anzeige stand wieder auf 0,887 μSv/h. Eins war schon mal klar: Die Münze konnte auf keinen Fall harte Gamma-Strahlung absondern, die würde das dünne Blech der Geldkassette durchdringen. Der Wahlhebel des Gerätes stand immer noch auf „alle Strahlungsarten“. Andrew steckte den Schlüssel ins Schloß und öffnete die Kassette, in der die Münze lag. Sofort hielt er das Gerät an die Münze. Nichts. Absolut nichts. Andrew atmete tief aus. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Gleichzeitig ärgerte er sich fast ein wenig, dass er den ganzen Aufwand im Prinzip für die Katz veranstaltet hatte. Nunja, ganz für die Katz doch nicht, nun sah er klar und hatte nebenbei noch eine ganze Menge gelernt.
Nach dem Abendessen checkte Andrew seine E-Mails. Tatsächlich fand er eine E-Mail von Mr. Jameson in seinem Postfach. Neugierig öffnete er sie. Die Mail enthielt nur eine Zeile Text: „Rufen Sie mich bitte so bald wie möglich an!“ Darunter stand eine Telefonnummer. Na dann… Er nahm das Telefon und wählte die Nummer. Jameson nahm schon nach dem ersten Läuten ab, fast, als habe er die ganze Zeit auf seinen Anruf gewartet. „Mr. Summers, ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir es offenbar mit etwas völlig unbekannten zu tun haben. Und was völlig unbekannt ist, ist womöglich auch gefährlich. Ich war zuerst so fasziniert, dass mir diese Tatsache zuerst völlig entgangen ist. Möglicherweise ist Ihr Objekt giftig oder radioaktiv oder mit Krankheitserregern belastet!“ „Hallo, Mr. Jameson. Nun, das mit der Radioaktivität ist mir bereits auch aufgegangen. Ich habe das bereits überprüft. Und ansonsten… bisher fühle ich mich wohl. Das schließt nicht aus, dass die Münze gefährlich ist, aber wir beide haben sie angefasst und können daran nichts ändern.“ Am anderen Ende herrschte kurzes Schweigen. „Hallo Mr. Jameson? Haben denn Ihre Kontakte der Branche etwas beitragen können?“ „Nun ja, es haben sich tatsächlich einige Kollegen gemeldet und erwartungsgemäß Fragen gestellt. Aber keiner hat so etwas schon einmal gesehen oder konnte etwas mit der Symbolen der Legende anfangen.“ „Dann sind wir also keinen Schritt weiter?“, fragte Andrew, „hat man eigentlich Ihre Anfrage eigentlich ernst genommen, oder vermutet man vielleicht einen Scherz oder Aufschneiderei von Ihrer Seite?“
Wenn Mr. Jameson das als Beleidigung auffasste, ließ er sich das nicht anmerken. „Wie ich schon sagte, es gibt einen gewissen Kodex in dieser Branche, außerdem genieße ich einen gewissen Ruf. Meine Anfrage wurde entsprechend respektvoll und sachlich beantwortet.“, entgegnete der Münzhändler. Andrew schwieg einen Moment. „Eine Rückmeldung könnte vielleicht weiterhelfen. Ein Kollege aus Aberdeen war der Ansicht, dass nur eine Untersuchung im Labor weitere Erkenntnisse bringen könne, wenn ansonsten nichts bekannt sein. Und er habe einen Freund, der Professor für Physik in Cambridge sei und da womöglich weiterhelfen könne.“ „Haben Sie etwa von dem ungewöhnlichen Gewicht der Münze verlauten lassen?“, fragte Andrew, um einen sachlichen Ton bemüht. „Natürlich nicht. Ich habe Ihnen mein Wort gegeben.“, antwortete Mr. Jameson. „Was schlagen Sie also vor?“, fragte Andrew. „Mein Kollege klang recht interessiert. Wenn ich richtig in der Annahme gehe, dass Sie das Objekt nicht aus der Hand geben möchten, könnten Sie nach Cambridge reisen. Mr. Miles, so heisst der Kollege, ist wie ich schon in einem fortgeschrittenen Alter und hat Zeit. Er könnte Sie dort treffen und man könne gemeinsam die Fakultät aufsuchen, um ein paar Untersuchungen durchzuführen zu lassen. Ich selbst würde, wenn Sie erlauben, ebenfalls gerne mitkommen.“
Andrew dachte nach. Eigentlich gefiel ihm der Gedanke, die Anzahl der Leute, die mit seiner Münze zu tun hatten, zu verdoppeln, nicht besonders. Aber andererseits… was hatte er schon zu verlieren. Nichts eigentlich. Zu gewinnen hingegen gab es neue Erkenntnisse. „In Ordnung. Können Sie das arrangieren? Ich habe auch keine Einwände gegen Ihre Begleitung.“, sagte Andrew schließlich, „Haben Sie denn eine Ahnung, wie lange so etwas dauern könnte?“ „Ich freue mich, dass ich mitkommen darf, Mr. Summers. Nein, das weiß ich noch nicht, es könnte sein, dass wir uns für ein paar Tage eine Unterbringung suchen müssen. Ich werde umgehend Mr. Miles kontaktieren, damit der mit seinem Professor einen Termin vereinbart. Insgesamt wäre es gut, wenn wir dort Gelegenheit hätten, mit Experten für Physik, Hüttenwesen und Werkstoffkunde zu sprechen.“ Oh. Noch mehr Mitwisser – aber das ließ sich auf die Dauer wohl kaum vermeiden. „Okay. Dann rufen Sie mich doch bitte zurück, wenn der Termin steht.“ „Alles klar. Das werde ich tun. Auf bald, Mr. Summers.“
Fortsetzung folgt…