Die Münze – Teil 18

Andrew und die beiden Numismatiker tauschten verdutzte Blicke. Was war denn jetzt los? Kurze Zeit später klopfte es an der Tür, und auf ein barsches „Reinkommen!“ des Professors erschien ein schlaksiger, bebrillter, junger Mann, der wie der Prototyp des Nerds schlechthin aussah. „Vielleicht ein Doktorand?“, dachte Andrew. Der junge Mann hielt ein etwa taschenbuchgroßes Gerät in der Hand. Der Professor streckte sofort die Hand danach aus, und sofort wurde es ihm ausgehändigt. „Danke Joseph, ich muss Sie bitten, uns sofort wieder zu verlassen.“ Wortlos verließ der Bilderbuch-Nerd das Büro und schloss die Tür hinter sich. Andrew warf einen Blick auf das Gerät, welches der Professor inzwischen eingeschaltet hatte, und musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Das geheimnisvolle „X5C plus“ sah zwar etwas anders aus als sein eigenes Dosierleistungsmessgerät, aber im Prinzip war es doch sehr ähnlich: Taschenbuchgroßes Gehäuse, vorne ein kleines Fensterchen für das Zählrohr, ein Display mit einer Digitalanzeige – auf der Andrew 0,26 μSv/h lesen konnte. Die lokale, natürliche Strahlendosis war hier in der Tat viel niedriger als daheim in Cornwall.

Andrew hörte den Professor durchatmen und erklärte dann: „Ich glaube, ich verstehe, was Ihnen eben durch den Kopf gegangen ist, aber ich hatte schon denselben Gedanken und ebenfalls einen Geigerzähler drangehalten.“ Der Professor wirkte einen Moment ziemlich verwirrt und erklärte dann, dass das Objekt eine außergewöhnliche Dichte haben müsse, was auf sehr große, schwere und möglicherweise instabile Atomkerne hindeute. „Wir haben das Objekt bereits vermessen, gewogen und die Dichte…“, sprudelte Andrew hervor wie ein strebsamer, mit den Fingern beim Aufzeigen schnipsender Achtklässler. „Ach, was auch immer.“, unterbrach ihn der Professor. „Ich gebe zu, dass Sie schon so einiges von dem, was wir hier auch tun werden, getan haben, und dass ich das auch zu würdigen weiß. Dennoch reden wir hier von Basiswissen, und von unzureichend genauen Gerätschaften. Oder können Sie bei sich zuhause auf ein Mikrogramm genau wiegen und auf den Nanometer genau messen?“ Andrew fühlte sich zwar ein wenig abgekanzelt, aber im Endeffekt hatte der Professor ja recht, und es wäre Zeitverschwendung gewesen, in epischer Breite zu berichten, wie seine Überlegungen, Messungen und Berechnungen zustande gekommen waren. Mr. Jameson und Mr. Miles hatten den Dialog mit dezenter Belustigung verfolgt und beschränkten sich aufs Beobachten und Zuhören.

„Auf den Nanometer genau messen? Wirklich?“, erkundigte sich Andrew. „Nun, wir müssen das Objekt gar nicht so genau vermessen, eine simple Mikrometerschraube würde es auch tun. Aber wir könnten und werden auch das Objekt auf Nanometerebene untersuchen. Sehen Sie, wir haben einige der besten Elektronenmikroskope, die es zu kaufen gibt, hier am Cavendish. Wir haben eine Forschungsgruppe, die sich mit Oberflächenstruktur in dieser Größenordnung beschäftigt, eine andere tut dasselbe auf Quantenebene und eine weitere nähert sich den Geheimnissen der Materie mithilfe der Hochenergiephysik in Zusammenarbeit mit dem CERN in der Schweiz. Wie sie wahrscheinlich wissen, zählen wir einige Mitbegründer der modernen Physik und Nobelpreisträger zu unseren Absolventen, beispielsweise Sir Ernest Rutherford, dem wir unter anderem sein berühmtes Atommodell verdanken. Später hat er dieses Labor geleitet.“ Der Professor hatte zuletzt mit derartigem Stolz doziert, als habe er persönlich dem berühmten Wissenschaftler bei seinem Streuversuch assistiert. „Nun, es sieht also ganz so aus, als wären wir am richtigen Ort gelandet.“, warf Mr. Miles ein. James, was meinst Du, können wir sofort mit den Untersuchungen loslegen? Deswegen sind wir ja alle hier – um einem Stück Materie seine Geheimnisse zu entreißen, wie schon einst Sir Rutherford, Wilson, Thomson und wie sie alle hießen.“ „Oha!“, dachte Andrew bewundernd, Mr. Miles hatte seine Hausaufgaben offenbar gemacht. Oder vielleicht war er auch nicht zum ersten Mal hier am Arbeitsplatz seines Freundes, der offenbar gern über die berühmten Geister sprach, die hier einst riesige Fußtapfen hinterla

„Nun denn.“, wandte sich der Professor wieder an Andrew, „Mit Ihrer Erlaubnis würde ich gerne folgende Untersuchungen durchführen: Als erstes machen wir einen 3D-Scan des Objektes, mit dem eine genaue Vermessung einhergeht. Dann kommt die genaueste Waage, die wir auftreiben können, zum Einsatz. Außerdem prüfen wir Eigenschaften wie elektrische Leitfähigkeit, Wärmeleitfähigkeit und -Kapazität sowie die magnetischen Eigenschaften. Und natürlich werden wir uns das Objekt mit dem Hitachi S-5500, einem unserer Elektronenmikroskope ansehen.“ „Gut.“, entgegnete Andrew nur, „deswegen sind wir ja hier. Können Sie sofort beginnen?“. „Sicher. Folgen Sie mir bitte, meine Herren.“, antwortete der Physiker, erhob sich von seinem Schreibtischsessel, öffnete seine Bürotür und trat in den Flur hinaus.

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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