Professor MacIntyre strebte, seine drei Besucher im Schlepptau, auf den Aufzug zu. Im Lift steckte er eine Chipkarte in einen Schlitz und drückte die Taste, die den Fahrstuhl ins 2. Untergeschoss fahren ließ. Insgesamt gab es vier unterirdische Ebenen, wie Andrew erstaunt feststellte – das war ihm vorhin völlig entgangen. Als hätte der Professor seine Gedanken gelesen, erklärte der Physiker „Physikalische Experimentalphysik erfordert extrem empfindliche Versuchsaufbauten. Wenn man genau messen möchte, kann man sich keine störenden Umwelteinflüsse wie Licht, Lärm oder Vibrationen leisten. Schon die Vibration einer Fensterscheibe durch den Wind kann eine Messung zunichte machen. Geschweige denn in der Nähe vorbeifahrender Schwerlastverkehr. Daher werden empfindliche Apparaturen vorzugsweise unterirdisch aufgebaut. Wenn erforderlich, in aufwändig magnetisch abgeschirmten oder komplett schwingungsgedämpften Räumen. Außerdem erfordern manche Versuche die Nutzung gefährlicher Komponenten wie radioaktive Strahlung, Hochleistungslaser oder sehr starke Magnetfelder, vor diesen Gefahren können wir hier unten wiederum die Außenwelt besser schützen.“ „Aha, deswegen auch die Chipkarte?“, folgerte Andrew. „Nicht nur deswegen. Was wir hier erforschen, ist teilweise absolutes Neuland. Keine andere Universität der Welt hat mehr Nobelpreise und Nobelpreisträger hervorgebracht als Cambridge. Und das soll auch so bleiben, da muss es nicht sein, dass uns die Chinesen, die Amerikaner, die Deutschen oder sonst irgendwer unsere Forschungsergebnisse klaut.“ „Und Sie lassen uns alle drei einfach so in Ihre heiligen Hallen?“, entgegenete Mr. Jameson, der ansonsten bisher geschwiegen hatte, erstaunt. „Nun, was Sie zu sehen bekommen, sind zwar sehr genaue Messgeräte, aber nichts, was Sie nicht in anderen Eliteuniversitäten mit genügend finanziellem Budget überall sonst auf der Welt nicht auch fänden. Was nicht jeder mitbekommen muss, ist das, was wir damit so anfangen.“, antwortete MacIntyre und erlaubte sich ein kleines Lächeln. Der Aufzug erreichte Level -2, stoppte sanft, und die Türen glitten auseinander.
„Folgen Sie mir bitte.“, sagte der Professor, und die drei anderen Männer folgte ihm einen weißgekalkten Gang entlang. An den Wänden hingen Portraits berühmter Absolventen der Fakultät. Sie kamen an einer Tür an, der Professor zog zückte erneut seine Chipkarte, ein Türsummer ertönte, und der MacIntyre öffnete die Tür zu einem der unterirdischen Labore. Der Raum war etwa etwa viermal so groß wie Andrews Wohnzimmer und in helles Licht getaucht. Unter durchsichtigen Quadern befanden sich geheimnisvolle Apparaturen, und an einem Versuchstisch saß eine Gruppe von vier jungen Männern vor einer Phalanx von Computerbildschirmen, auf denen nicht minder geheimnisvolle Grafiken zu sehen waren. „Gentlemen, bitte herhören. Mein drei Kollegen und ich benötigen dieses Labor für eine vertrauliche Besprechung. Bitte speichern Sie ihre Ergebnisse und loggen Sie sich aus. Ich bitte um Verzeihung für diese Unterbrechung und möchte Sie bitten, in der Cafeteria einen kleinen Imbiss auf meine Kosten zu sich zu nehmen. Sie können das Labor in einer Stunde wieder voll nutzen.“ MacIntyre schob dem Studenten an der Tastatur eine 20-Pfund-Note zu. Vier verständnislose Augenpaare lösten sich von den Monitoren und wandten sich den Neuankömmlingen zu. Nach einer kurzen Pause drückte der junge Mann, der an der Tastatur saß, ein paar Tasten, und klickte mit dem Trackball. Die Bildschirme wurden dunkel, und eine der Plexiglasabdeckungen öffnete sich fast geräuschlos. Ein anderer Student entnahm dem Gerät einen prismaförmigen Metallgegenstand, offenbar das Objekt der Untersuchung, steckte ihn in seine Umhängetasche und verließ, gefolgt von allen anderen, wortlos das Labor.
Der Professor setzte sich an die Tastatur, steckte seine Chipkarte wieder in einen Schlitz, und gab dann offenbar ein Passwort ein. Er klickte ein wenig mit dem Trackball herum, worauf eine andere Plexiglasabdeckung hochfuhr. „Wenn ich um das Objekt bitten dürfte?“, bat er Andrew, der ihm die Münze aushändigte. Der Physiker nahm die Münze und bugsierte sie auf eine Vorrichtung, die sich mit einigen Rändelschrauben genau justieren ließ. Darauf ging er zurück an das Terminal und klickte wieder ein paar Schaltflächen auf dem Bildschirm an. Daraufhin ertönte ein leises Summen, und Andrew sah, wie die Vorrichtung, in der die Münze eingespannt war, sich auf drei Achsen millimeterweise hin- und herbewegte. Schließlich hörte das Summen auf, und die Vorrichtung kam zu Stillstand. „Der Objektträger hat das Objekt zunächst auf eine sogenannte Null- oder Referenzposition kalibriert.“, erklärte der Professor. „Jetzt beginnt die eigentliche Messung.“ Als höre die Apparatur direkt auf sein Wort, ertönte wieder ein feines Summen, und kleine Metallarme fuhren aus der Bodenplatte des Gerätes aus. Auf der Münze erschienen feine, rote, grüne und blaue Lichtstreifen, die sich langsam bewegten und den Gegenstand der Untersuchung abtasteten. „Wir machen hier nicht nur einen 3D-Scan, sondern wir prüfen auch gleichzeitig einige optische Eigenschaften des Materials, beispielsweise das Reflexionsverhalten.“, erläuterte der Professor. Auf einem seiner Monitore war ein dreidimensionales Koordinatensystem zu sehen, und darin erschien erst ein einzelner, kleiner Punkt, aus dem langsam gekrümmte Linien erwuchsen. Offenbar eine dreidimensionale Darstellung seiner Münze, wie Andrew annahm.
Der Vorgang zog sich in Länge, und Andrew fragte, wie lange das Verfahren wohl dauern würde. „Ich schätze, etwa vierzig Minuten.“, antwortete der Professor. „Ich würde uns ja auch gerne allen einen Snack und Tee besorgen, wenn das hier drin erlaubt ist, aber ich komme ja ohne Chipkarte nicht wieder zurück.“, sagte Andrew. „Das ist kein Problem.“ entgegnete der Professor, „Essen und trinken ist den Studenten hier zwar normalerweise nicht erlaubt, aber was hier im Moment erlaubt ist und was nicht, entscheide ich. Alle Messinstrumente in diesem Labor sind unter ihren Abdeckungen gut geschützt. Und was die Chipkarte angeht… mit dieser hier genießen Sie kurzfristig dieselben Rechte wie die Studenten, die ich hier eben herauskomplimentiert habe. Ich hätte gerne einen Darjeeling und ein Gurkensandwich.“ Mit diesen Worten gab er Andrew eine komplett weiße Plastikkarte. Nachdem auch Mr. Miles und Mr. Jameson ihre Wünsche kundgetan hatten, ging Andrew zurück zum Aufzug.
Fortsetzung folgt…