Die Münze – Teil 23

Zwei Monate vorher
Am Ende des vergangenen Semesters war Joseph mit ein paar Freunden auf einem Rockfestival in London gewesen. Natürlich mit Zelt, viel Bier, Regen, Schlamm und all dem, was so dazugehört. Ein Laptop gehörte eindeutig nicht in diese Kategorie. Nach dem Festival hatte er geplant, noch seine Eltern zu besuchen, die südlich von London in Croydon wohnten. Da er wusste, dass er seinen eigenen Computer, der den Schlüssel für die Verbindung zu seinem Server hatte, nicht mitnehmen würde, trotzdem jedoch auf dem Computer seiner Eltern einen Blick auf seinen Server werfen wollte, hatte er die Verschlüsselung deaktiviert. Der Grund für den Zugriff auf seine gemietete Maschine war, dass sein Spionageprogramm unter anderem über Professor MacIntyres Zugang auch das Benotungssystem der Uni angezapft hatte. Er wollte einfach nur wissen, wie er im vergangenen Semester abgeschnitten hatte, und das so früh wie möglich. Denn es bereitete ihm einfach eine diebische Freude, seine Noten schon vor seinen Kommilitonen einsehen zu können, bevor sie offiziell abrufbar waren. Dabei kam er sich immer vor wie David A. Lightman, dem Protagonisten aus dem 80er-Jahre Hacker-Klassiker „Wargames“, der einer seiner Lieblingsfilme war. Allerdings würde er niemals Noten ändern, wie es die Filmfigur ebenso dreist wie erfolgreich praktizierte – das würde in der wirklichen Welt mit Sicherheit auffallen.

Wieder in seiner Studentenbude hatte er sich dann natürlich baldmöglichst in seinen Server eingeloggt, um die Verschlüsselung wieder zu aktivieren, als sein Smartphone vibrierte. Er sah hin – eine Whatsapp-Nachricht. Erstaunt riss er die Augen auf: Sie war von Sophie. Von der Sophie. Sie war sozusagen der fleischgewordene Traum aller Nerds – naja, eigentlich aller Männer mit hetero- oder bisexueller Einstellung. Sie war an ihrer Schule Jahrgangsbeste gewesen, hatte das Aussehen eines Models ohne jede Affektiertheit und ohne jemals Make-up anzurühren und war eine wandelnde Enzyklopädie in Sachen Science-Fiction und Fantasy. Wow! Sie wollte ihn zu einem Drink einladen, jetzt gleich! In Josephs Gehirn verschoben sich schlagartig sämtliche Prioritäten. Er fuhr seinen Computer herunter, denn alles andere konnte ja bis morgen warten, schnappte sich sein Rad und fuhr zu der Bar, wo Sophie schon auf ihn wartete.

Der Abend begann vielversprechend. Die beiden saßen draußen, genossen ihre Cocktails und plauderten ungezwungen über Star Wars, Star Trek, Herr der Ringe, Game of Thrones, Jule Verne, Asimov, Lem, Adams und Pratchett. Sophie lobte Josephs umfangreiches Wissen, lachte über Josephs Witze, lächelte viel und war überaus charmant. Und unglaublich attraktiv in ihrem kurzen Rock und dem schulterfreien Top. Joseph hatte alle Mühe, die Contenance zu wahren, insbesondere, als weitere Drinks folgten. Natürlich ließ er es sich nehmen, seinerseits Sophie einzuladen, die zwischenzeitlich meinte, sie müsse mal einen Gang herunterschalten und einfach ein Wasser bestellte. Schon da hätte bei Joseph theoretisch ein gewisser Wiedererkennungseffekt einsetzen können, aber er war dafür wahrscheinlich viel zu geflutet von Testosteron. Irgendwann drehte sich das Gespräch um das Thema Hacken, um Firewalls, Verschlüsselungsalgorithmen und Ports. Und als Sophie langsam anfing, über Möglichkeiten zu sprechen, rein theoretisch natürlich, einen Arbeitsplatzrechner eines der Professoren zu hacken, begann in Jospehs Kopf doch leise eine Alarmglocke zu läuten.

Das alleine hätte normalerweise nicht gereicht, um ihn zu retten. Dies tat dann ein wohlmeinender Freund, der – von Joseph, der nur Augen für Sophie hatte, bisher unbemerkt – mit einem Kumpel in derselben Bar saß und ihm eine Whatsapp-Nachricht schrieb. Joseph war gerade einmal kurz die jüngst zu sich genommene Flüssigkeit entsorgen gegangen, als es an seinem Gesäß vibrierte. Er zog das Smartphone aus der Tasche und las „Wußtest Du nicht, dass sie mit dem Captain der Schwimm-Mannschaft geht!?“. Joseph riss die Augen auf, schloss seinen Hosenstall und ging zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Trotz des bisher genossenen Alkohols war er noch einigermaßen in Lage, analytisch zu denken. Sophie hatte zwischendurch Wasser bestellt – wie er damals, als er sich den jungen Admin vorgenommen hatte! Sie hatte ihm immer nach dem Munde geredet, war zuvorkommend und charamant gewesen – genauso, wie er es sich gewünscht hat, und genauso, wie er seinerzeit mit dem Techniker umgegangen war! Langsam war sie dann auf sensible Themen zu sprechen gekommen. Nein, das konnte doch nicht sein, oder? War sein Freund nur neidisch und wollte er nur die sich sanft anbahnende Beziehung sabotieren? Joseph wollte das eigentlich gerne glauben, aber wenn er alles durchdachte, sah er ein anderes Bild. Joseph nahm sein Smartphone und tippte „Bist Du sicher!?“ an seinen Freund ein. Kurze Zeit später kam eine Antwort. Ein Foto. Es zeigte eine junge Frau in inniger Umarmung mit einem breitschultrigen, jungen Mann auf dem Campusgelände. Joseph erkannte die Örtlichkeit und vor allem den kurzen Rock und das schulterfreie Oberteil des Mädchens. Es war definitiv Sophie. Das Bild war heute aufgenommen worden!? Joseph wurde übel, und er übergab sich in das Waschbecken vor ihm.

Danach wollte er nur noch nachhause. Er kam sich so unendlich dumm vor! Dass er so naiv war! Dass er auf – im Prinzip – die gleichen Schachzüge hereinfiel, die er selbst so erfolgreich angewandt hatte! Dazu war er einfach unglaublich enttäuscht und deprimiert. Es war doch alles so verheißungsvoll gewesen!

Joseph nahm den Hinterausgang und fuhr nachhause, und den Rest der Nacht verbrachte er damit, alte Filme anzuschauen und dabei langsam eine dreiviertel Flasche Wodka in sich hineinlaufen zu lassen. Als er am nächsten Morgen aufwachte, hatte er einen mörderischen Kater und dazu einen Filmriss – er erinnerte sich barmherzigerweise nur bruchstückhaft daran, was am Abend zuvor alles passiert war. Zu den Erinnerungen, die seinem exzessivem Alkoholkonsum am Vorabend zum Opfer gefallen waren, gehörte das kleine Detail, dass er die Verschlüsselung der Verbindung von seinem Server auf seinen PC und seinen Laptop eben noch nicht wieder aktiviert hatte.

Fortsetzung folgt…

Avatar von Unbekannt

About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
Dieser Beitrag wurde unter Home, Schreibkram abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse einen Kommentar