Der LtCdr seufzte. „Dazu muss ich leider etwas weiter ausholen.“ „Dann holen Sie aus.“, ermunterte der RDML. So langsam schien die Sache doch interessant zu werden. Wenn er sich selbst gegenüber ganz ehrlich war, so war er sich nicht sicher, ob er wirklich hinter seiner gegenwärtigen Aufgabe stand. Sein Land stand zur Zeit wieder einmal der sehr realen Bedrohung des Terrorismus gegenüber. Diesmal war es nicht die IRA, wie seinerzeit, als er noch zur See fuhr, aber das Ergebnis war immer dasselbe – tote und verletzte Landsleute. Aber die Terroristen waren nicht dumm und wussten genau, dass alle elektronische Kommunikation überwacht wurde, und die brauchte man auch gar nicht, um einen Lieferwagen zu stehlen und damit in eine Menschenmenge zu fahren oder um wahllos in einem Einkaufszentrum mit einem Küchenmesser auf Kunden einzustechen. Auf der anderen Seite bespitzelten er und sein Team hier seine eigenen Landsleute – selbst seine eigene Familie. Seine Frau und seine Kinder nutzten von Telefon und E-Mail über Facebook und Whatsapp die gesamte Palette der elektronischen Kommunikationskanäle. Auch ihnen war klar, dass ihr eigenes Land – und die USA und die Großkonzerne der Welt und wer weiß wer noch alles – ihnen dabei über die Schulter guckte. Aber es war ihnen fast egal. Allerdings wussten sie nicht, dass ihr eigener Ehemann bzw. Vater dazu gehörte. Zum Glück war seine Tätigkeit hoch geheim, selbst wenn er wollte, hätte er seine Familie gar nicht aufklären dürfen.
„Wir haben die Kommunikationsprotokolle von Professor MacIntyre überprüft.“, riss die Stimme des LtCdr Moore aus seinen Gedanken. „Er hat einen Mr. Miles und zwei Begleiter gestern zu sich ins Institut eingeladen. Die ersten Versuchsergebnisse des Professors sind von gestern, es sieht also danach aus, als ob die vier die Tests zusammen durchgeführt hätten. Darauf deutet ebenfalls eine Whatsapp-Dialog zwischen Mr. Saunders und Mr. Lewis von gestern hin.“ „Und weiter?“, drängte der RDML, als eine kurze Pause entstand. „Wir folgten der elektronischen Spur der E-Mail zu Mr. Miles und prüften dessen E-Mails, um Erkenntnisse über die beiden anderen Begleiter zu erhalten. Von Mr. Miles führte die Spur zu einem Mr. Jameson, einem Numismatiker aus Portreath in Cornwall.“ „Einem was?“, unterbrach der RDML. „Einem Fachmann für Münzen. Dem Inhalt des E-Mail-Verkehrs zwischen ihm und Mr. Miles, der ebenfalls Numismatiker ist, zufolge, traf man eine Vereinbarung, um eine seltsame Münze in Cambridge untersuchen zu lassen.“ „Ich vermute, dabei handelt es sich um das metallische Äquivalent meines ‚Pokerchips‘ hier?“, fragte Moore. „Stark anzunehmen. Da noch eine weitere Person involviert war, checkten wir natürlich als nächstes die E-Mails von Mr. Jameson. Wir fanden nichts, was mit der Sache direkt zu tun zu haben schien.“, berichtete der LtCdr. „Haben wir damit nichts über die Identität des dritten Mannes?“, fragte der RDML enttäuscht. „Doch, haben wir. Da wir nichts Konkretes gefunden haben, folgten wir einer E-Mail die nichts enthielt, als eine dringend klingende Bitte nach einem Anruf, gerichtet an einen Mr. Summers, ebenfalls ansässig in Portreath. Also prüften wir die Anrufprotokolle von Mr. Jameson, fanden eine Nummer, die zu einem der beiden in Portreath wohnenden Mr. Summers passte, und besorgten uns das Transkript des Gesprächs.“
„Die Zusammenfassung, bitte.“, bat der RDML. „Zuerst ging es um eine mögliche Gefahr, etwa durch Radioaktivität, die von einem Gegenstand, der als ‚Objekt‘ und auch als ‚Münze‘ bezeichnet wurde, ausgehen könnte. Schließlich erzählte Mr. Jameson von einem Kontakt zu Professor MacIntyre, den sein Kollege Mr. Miles herstellen könne. Man einigte sich darauf, den Besuch in Cambridge zu arrangieren, um ‚das Objekt‘ dort vom Professor analysieren zu lassen. Was dann ja offensichtlich auch gestern und heute passiert ist.“, schloss der LtCdr. „Ich danke für Ihren Bericht. Bleibt die entscheidende Frage: Wo ist ‚das Object‘ jetzt?“. „Das wissen wir nicht mit Sicherheit, Sir. Da es sich, allen E-Mails, die wir geprüft haben, zufolge, in Mr. Summers‘ Besitz befindet, nehme ich an, dass er es nach wie vor bei sich hat. Es sei denn, er hat es Professor MacIntyre zu weiteren Untersuchungen überlassen.“ „Und wo ist Mr. Summers jetzt?“, wollte der RDML wissen. „Wir haben den Kommunikationsprotokollen entnommen, dass er in einem Hotel in Cambridge zusammen mit den beiden anderen Herren untergekommen ist. Wir haben dort bereits angerufen. Demnach hätte Mr. Summers sich um die Buchung für drei Zimmer gekümmert, sei gestern mit dem Auto in Begleitung eines der Herren angereist und heute wieder abgereist.“ „Der andere Herr wird wohl Mr. Jameson sein, der ebenfalls in Portreath ansässig ist, richtig?“ „Davon gehe ich auch aus, Sir. Es ist eine weite Fahrt nach Cornwall. Da sie vor etwas zwei Stunden abgereist sind, werden sie wohl noch drei bis vier Stunden Fahrt vor sich haben.“ Nachdenklich drehte Rear Admiral Moore seinen Kunststoff-Kopie der Münze, die er ‚den Pokerchip‘ nannte, in seiner Hand. „Dann schlage ich vor, dass wir dem Herrn einen Besuch abstatten. Aber vorher telefonieren wir noch mit Professor MacIntyre.“
Fortsetzung folgt…