Die Münze – Teil 29

Das Telefon klingelte. Professor MacIntyre nahm ab, meldete sich und wäre fast aus allen Wolken gefallen, als seine Sekretärin ihm sagte, sie habe einen Rear Admiral Moore in der Leitung. Für den Fall, dass er nicht gewillt sein sollte, den Anruf entgegenzunehmen solle sie ihm die Schlüsselwörter „Münze“, „350 g/cm3“ und „ magnetische Suszeptibilität von -1“ nennen und schöne Grüße von Mr. Miles, Mr. Jameson und Mr. Summers bestellen. „Stellen Sie durch.“, stammelte MacIntyre nach einer kurzen Pause. Was zum Teufel war los? „Guten Tag, Professor MacIntyre.“, meldete sich eine sonore Stimme. „Lassen Sie uns bitte nicht um den heißen Brei herumreden. Sie haben gestern und heute ein Objekt untersucht, welches außergewöhnliche Materialeigenschaften aufweist. Es hat eine Dichte, die mehr als zehnmal größer ist als die von Osmium, ist supraleitend und ein idealer Diamagnet bei Raumtemperatur. Sie selbst sind zu dem Schluss gekommen, dass so etwas fast unmöglich hergestellt worden sein, kann, und doch ist es hier.“ Professor MacIntyre schluckte. Wie konnte der angebliche Rear Admiral das so schnell herausgefunden haben? „Ich komme gleich zur Sache. Sie fragen sich natürlich jetzt in diesem Moment, woher ich diese Informationen habe. Ich sage nur soviel, dass ich für eine Behörde arbeite, deren Aufgabe es ist, Informationen von nationalem Interesse zu sammeln und die über sowohl Befugnisse, als auch Mittel und Wege verfügt, an solche Informationen zu gelangen. Und die Informationen, über die Sie und ich verfügen, sind eventuell nicht nur im nationalen Interesse, sondern sogar im Interesse der nationalen Sicherheit. Das wiederum gibt uns die Befugnis, Ihnen – ich sage mal – einige Unanehmlichkeiten zu bereiten für den Fall, dass Sie nicht kooperieren. Habe ich mich da klar ausgedrückt?“ Der Professor schluckte. Konnte es ein Streich seiner Studenten sein? Aber wie konnten die soviel wissen? Und selbst wenn – würden die soweit gehen, ihren Studienplatz zu gefährden, indem sie Drohungen gegen einen ihrer Professoren ausstießen? Und andererseits… es gab ja wirklich staatliche Programme, die alles und jeden überwachten, soviel wußte man ja spätestens, seitdem Edward Snowden ausgepackt hatte.

Dem angeblichen Rear Admiral Moore wurde die Pause zu lang. „Hören Sie: Ich habe nicht die Zeit, persönlich bei Ihnen vorstellig zu werden, und glauben Sie mir: Das wollen Sie auch gar nicht. Es gibt nur eine Sache, die ich wissen will: Wo ist das fragliche Objekt jetzt? Wenn Sie mir das jetzt sofort sagen, sind Sie mich los. Was haben Sie schon zu verlieren?“ Ein weiterer Moment verstrich. Der Professor entschied sich. „Nach meinem Kenntnisstand befindet sich das Objekt nach wie vor im Besitz von Mr. Summers, und der befindet sich nach meinem Wissen gerade auf dem Rückweg nach Portreath in Cornwall.“ „In Ordnung. Vielen Dank für Ihre Kooperation. Ich habe Ihnen vielleicht ein wenig zu viel versprochen, als ich sagte, Sie sein mich los. Da Sie als anerkannte Kapazität im Bereich der Festkörperphysik und der Hochenergiephysik gelten – und ohnehin Kenntnis von der Sache haben – wäre es gut möglich, dass ich noch einmal auf Sie zurückkomme. Im Moment aber war’s das. Ach, eins noch: Ich empfehle Ihnen, Ihren Büro-PC einmal von Ihrer IT überprüfen zu lassen. Auf Wiederhören.“ Es klickte in der Leitung. Professor MacIntyre starrte den Hörer in seiner Hand noch ungefähr zwei Minuten lang ungläubig an, bevor er ihn mit zitternden Fingern auflegte.

„Hören Sie gut zu, mein Junge.“, wandte sich Rear Admiral Moore dem Lieutenant Commander zu, nachdem er aufgelegt hatte. „Sie scheinen ein heller Kopf zu sein, und ich ernenne Sie ab sofort zu meinem persönlichen Assistenten in dieser Angelegenheit. Wie ist überhaupt Ihr Name?“ „James Chevalier.“, antwortete der LtCdr. „Franzose?“, entfuhr es dem RDML. „Meine Großeltern sind Franzosen.“, antwortete Chevalier. Der Admiral unterdrückte mühsam einen Fluch und murmelte ein „Teufelsraketenverkaufende Reptilienfresser!“ in sich hinein. „Sir?“, fragte der LtCdr. „Ach, lassen Sie es gut sein. Ich hatte nur vor ein paar Jahrzehnten eine sehr unangenehme Begegnung mit einer Exocet-Rakete.“ Der LtCdr. schien zum ersten Mal ein wenig aus der Fassung. „Sie haben auf der ‚Sheffield‘ gedient? Oder war es die ‚Coventry‘?“ „Die ‚HMS Sheffield‘, mein Junge. Die ‚Coventry‘, unser Schwesterschiff, fiel einer Bombe zum Opfer, die von einer A4 abgeworfen wurde. Beides hat unser guter Freund, Uncle Sam, den Argentinieren verkauft. Aber so ist das eben im internationalen Waffenhandel: Wenn das große Geld winkt und Arbeitsplätze gesichert werden können, kennt man keine Freunde.“ Chevalier machte für einen kurzen Moment große Augen, kehrte aber dann zu seinem professionellen, aufmerksamen und ansonsten wenig sagenden Gesichtsausdruck zurück.

„Okay, keine Zeit zu verlieren. Wir spielen das so: Organisieren Sie einen S-61 und ein Security-Team. Splitterschutzwesten, MP7, volles Programm.“ „Schießen wir da nicht mit Kanonen auf Spatzen, Sir?“, fragte Chevalier. „Vermutlich. Aber erstens möchte ich diesen Mr. Summers von vorne herein einschüchtern, zweitens habe ich den Eindruck, die Sache könnte zu wichtig sein, um irgendwas dem Zufall zu überlassen, und drittens – wir können das machen, also warum nicht? Die Jungs können ein wenig Auslauf immer mal gebrauchen. Ferner rufen Sie bei der örtlichen Polizei an. Die sollen uns unterstützen, indem sie für die Absperrung sorgen. Wir und das Team fliegen mit dem Sea King zur Air Force Base Portreath und fahren von dort zu Mr. Summers Wohnstatt. Ich schätze, dass uns noch etwa zwei Stunden Zeit bleiben, um vor ihm dort anzukommen, das können wir schaffen.“ Der LtCdr machte eifrig Notizen, während Moore etwas in seinen PC eingab und den Monitor so drehte, das Chevalier ihn sehen konnte. „Hier gibt es reichlich Vegetation, also reichlich Verstecke. Die Polizei soll ihre Autos dort und dort hinstellen und wir positionieren uns hier.“ – Moore deutete auf die entsprechenden Stellen. Chevalier nickte anerkennend. Wenn es dort wirklich so aussah wie auf den Satellitenbildern und sie es richtig anstellten, würde Summers sie erst entdecken, wenn es zu spät zur Flucht war, falls er das beabsichtigen sollte. „Okay. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Regeln Sie das, und dann geht es los!“, verfügte der Rear Admiral. Wenigstens für eine Weile würde er seinem Schreibtisch entkommen, auch wenn es nur für eine Weile war und obwohl das Operationsgebiet ziemlich trocken für seinen Geschmack war. Er fühlte sich energiegeladen und voller Tatendrang wie schon seit Jahren nicht mehr.

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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