Andrew hatte gerade Mr. Jameson abgesetzt und bog von der Sunnyvale Road rechts in den Lighthouse Hill ab. Er dachte nach. Was hatte die Reise nach Cambridge jetzt eigentlich erbracht? Nicht viel eigentlich. Nun ja, sie hatte immerhin seinen Verdacht, dass seine Münze nicht nur ungewöhnlich, sondern einzigartig war, sehr erhärtet. Vielleicht würde er das Geheimnis der Münze selbst mit der Hilfe aller Experten und Technologien dieser Welt nie ganz entschlüsseln können. Vielleicht musste er das auch gar nicht, vielleicht war einfach der Weg das Ziel, sagte er sich. Interessant war der Besuch in Cambridge auf jeden Fall gewesen.
Als er sich seinem Zuhause näherte, ging – zuerst in seinem Unterbewusstsein – ein kleines Alarmlicht an. Irgendetwas war hier anders, vielleicht sogar gefährlich, meldete sein Instinkt. Sekundenbruchteile später war Andrews Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was hier anders als sonst war: Hier parkten einfach ungewöhnlich viele Autos! Für einen Moment hob sich zögernd Andrews Fuß etwas vom Gaspedal. Die Kennzeichen der Autos war lokal oder regional, es waren Allerweltsautos, weder besonders neu, noch besonders alt, weder besonders teuer noch besonders preiswert, es waren Rover oder Vauxhalls in dunklen Blau- oder Grüntönen. Nun, wahrscheinlich feierte einer seiner Nachbarn einfach eine Party, und der Fuhrpark gehörte seinen Gästen, dachte Andrew, als er wieder Gas gab und seinen Wagen in seine Auffahrt lenkte. Vielleicht war das Auffällige an der Ansammlung der geparkten Fahrzeuge, dass sie allesamt so verdammt unauffällig waren, aber diese Information aus der Tiefe seines Instinkts erreicht Andrews Bewusstsein nicht mehr rechtzeitig.
Denn in dem Moment, als Andrew den Motor abstellte, setzten sich zwei der unauffälligen Autos in Bewegung, und plötzlich war seine ganze Auffahrt voller Männer, die auf ihn zukamen. Natürlich bekam Andrew erst einmal einen gehörigen Schrecken, denn wirklich mit so etwas gerechnet hatte er trotz der leisten Warnungen aus dem Unterbewusstsein nicht. Er sah in den Rückspiegel. Von hinten näherten sich mehr als zehn Männer, dunkel gekleidet. Wie es aussah, trugen sie schusssichere Westen und hatten Maschinenpistolen umgehängt! Was war nur los? Natürlich, wenn nicht zufällig gerade jetzt irgendjemand ihn fälschlicherweise als gesuchten Verbrecher oder potentiellen Terroristen identifiziert hatte, konnte es nur mit der Münze zusammenhängen! Offenbar war sein Geheimnis kein Geheimnis mehr!
An Flucht war nicht zu denken. Dazu müsste er den Rückwärtsgang einlegen, die Männer die sich von hinten näherten, über den Haufen fahren und die Blockade der zwei Autos vor seiner Einfahrt durchbrechen. Dazu müsste er in Kauf nehmen, dass Menschen verletzt oder getötet wurden, und außerdem war die Aussicht auf Erfolg äußerst gering. Womöglich würden die Männer von ihren Schusswaffen Gebrauch machen. Und selbst, wenn er entkam – was dann? Ein Leben auf der Flucht? Andrew war sich klar, dass er kein Elitesoldat, kein Geheimagent, kein Kinoheld war, der so etwas erfolgreich und bei guter Gesundheit durchstehen konnte. Er war nicht mehr jung und hatte ein kaputtes Bein. Keine Chance jenseits einer Kinoleinwand oder den Buchseiten eines Romans.
Ein Polizist, dem Kragenspiegel nach im Rang eines Sergeants, klopfte an die Seitenscheibe auf der Fahrerseite und bedeutete Andrew, die Scheibe herunterzufahren. Nun dann. Andrew betätigte die entsprechende Taste und ließ die Scheibe herunterfahren. „Bitte zeigen Sie mir Ihre Hände.“, ermunterte ihn der Polizist, und Andrew tat wie geheißen. „In Ordnung. Bitte steigen Sie aus.“, wies ihn der Sergeant höflich, aber bestimmt an. Andrew öffnete die Tür und stieg aus. Um ihn hatte sich ein Ring aus Polizisten und Männern, die vielleicht irgendeiner Spezialeinheit oder so etwas angehörten, gebildet. „Bitte heben Sie Ihre Hände über den Kopf, ich möchte sicherstellen, dass Sie keine Waffe tragen.“, kam die nächste Anweisung vom Sergeant. „Wie im Film, mit wem glauben die, es zu tun zu haben?“, dachte Andrew, leistete aber wortlos Folge. Der Sergeant klopfte ihn sorgfältig ab, fand – natürlich – nichts, wovon Gefahr ausging, und sagte zufrieden „In Ordnung, Mr. Summers. Sie können die Hände wieder runternehmen.“
Ein Mann mit grauen Schläfen, etwa in seinem Alter, wie Andrew schätzte, kam auf ihn zu und streckte die Hand aus. „Guten Tag, Mr. Summers. Ich bin Rear Admiral Moore und bitte, unseren dramatischen Auftritt zu verzeihen.“ Andrew zögerte kurz, gab dem angeblichen Rear Admiral dann aber die Hand und fragte „Können Sie sich ausweisen?“. Der RDML verkniff sich ein Schmunzeln, griff in die Tasche und holte seinen Dienstausweis hervor. Andrew studierte das Papier, welches vom GCHQ ausgestellt war. Das Government Communications Headquarters. Davon hatte Andrew vor drei Jahren in einem Magazin im Zusammenhang mit der NSA-Affäre um Edward Snowden gelesen. „Okay, ich habe jetzt eine gewissen Ahnung, wer Sie sind, was Sie hier wollen und woher Sie Ihre Informationen haben.“, sagte Andrew, der langsam Wut in sich aufsteigen fühlte. Was gab diesem Menschen das Recht, seine private Kommunikation zu bespitzeln, mit einer halben Armee auf seinem Grund und Boden aufzutauchen und auf so unverschämte Weise zu konfrontieren?
Offenbar hatte der Marineoffizier ihm seine sich langsam bahnbrechende Wut im Gesicht abgelesen, denn er sagte beschwichtigend „Mr. Summers, es tut mir leid, dass wir hier so uneingeladen aufgetaucht sind und auch für die Art und Weise.“ „Wer glauben Sie eigentlich, wer ich bin, dass Sie hier mit dieser schwerbewaffneten Elitetruppe auflaufen? Sie haben mir einen Heidenschreck eingejagt!“, platzte es aus Andrew heraus. „Das verstehe ich natürlich, aber ich bitte Sie, auch uns zu verstehen. Wir haben, nun ja, unseren Befugnissen entsprechend, eine Information abgefangen, nach der Sie ein Objekt besitzen, welches von Interesse der nationalen Sicherheit sein könnte. Es könnte, in den falschen Händen, dem Vereinigten Königreich möglicherweise Schaden zufügen. In solchen Fällen, selbst wenn wir nur auf Basis von Vermutungen handeln, gehen wir kein Risiko ein uns sichern uns gegen Eventualitäten ab.“, erklärte der RDML. „Was für Eventualitäten? Dass ich insgeheim James Bond bin und Sie alle niedermache?“, schäumte Andrew.
„Hören Sie, Sir, mehr als meine Entschuldigung kann ich Ihnen nicht anbieten. Das kostet doch nur unser aller Zeit hier. Sagen Sie, haben Sie das Objekt bei sich?“ Andrew überlegte. Die Münze steckte in seiner in der Außentasche seines Reisegepäcks, das sich noch im Kofferraum des Vauxhalls befand. Vielleicht könnte er… mechanisch griff er in seine Jackentasche. Einer Art martialischer Choreographie folgend griffen 12 Hände umstehender Marinesoldaten an ihre Maschinenpistolen. Der RDML hob beschwichtigend eine Hand, woraufhin niemand eine Waffe zog. Dennoch blieben die Mitglieder des Security-Team wachsam. Andrew zog die Hand aus seiner Tasche. Auf der Handfläche lag die Kopie aus dem 3D-Drucker, die Professor MacIntyre ihm überlassen hatte.
Der RDML schmunzelte innerlich. Ganz schön dreist von diesem Mr. Summers! Er griff seinerseits in die Manteltasche und zog seinen eigenen 3D-Ausdruck hervor. „Bemühen Sie sich nicht, Mr. Summers, so etwas habe ich selbst. Ich möchte gerne viel lieber das Original sehen.“ Andrew zögerte nur kurz. „Nun, was halten Sie davon, wenn wir das drinnen bei einer Tasse Tee wie unter zivilisierten Leuten klären? Ich habe eine lange Autofahrt und einen ziemlichen Schreck hinter mir und würde das definitiv lieber in einem etwas angenehmeren Ambiente besprechen. Sie können ihre Wachhunde ja mitnehmen, damit die auf mich aufpassen.“ Moore überlegte nur kurz. „Okay. Gehen wir rein.“
Fortsetzung folgt…