Die Münze – Teil 32

Rear Admiral Moore suchte zwei der erfahreneren Männer aus, die ihn und Andrew ins Haus begleiteten. Der Rest des Security-Teams verteilte sich um das Haus und sicherte alle Türen und Fenster. Auch die Polizeitruppe blieb vor Ort und bewachte die Zufahrt. „Was sollen bloß die Nachbarn denken!“, bemerkte Andrew, halb im Scherz allerdings, denn eigentlich interessierte ihn das nicht im Geringsten. Moore und die beiden Ex-SAS-Männer begleiteten ihn in seine geräumige Küche, wo Andrew sofort Teewasser aufsetzte. Er holte Tassen und eine Schachtel mit Teegebäck aus dem Schrank, während die beiden Elitesoldaten jeden seiner Handgriffe mit wachsamen Augen verfolgten, jederzeit bereit, einzugreifen, sollte Andrew etwas Nonkonformes versuchen. Das Wasser kochte, Andrew goss den Tee auf und stellte Kekse und Teetassen auf den Küchentisch. Er bot auch den beiden Schwerbewaffneten eine Tasse Tee an, die diese jedoch dankend ablehnten.

Moore hingegen nahm seine Tasse und trank seinen Tee mit Behagen, und auch Andrew genoss das Bergamotte-Aroma des erstens Schlucks Earl Grey. „Nun, Mr. Summers. Ich würde das Objekt, und zwar das Original, wirklich zu gerne einmal sehen.“, kam der RDML zur Sache. „Was solls.“, dachte Andrew, zog den Reißverschluss der Außentasche seiner Reistasche auf, die er aus dem Kofferraum des Vauxhall mitgebracht hatte. Er holte die Münze heraus und legte sie auf den Küchentisch. „Darf ich?“, fragte Moore. „Als ob ich die Option für ein Nein hätte.“, dachte sich Andrew, beschränkte sich aber auf eine einladende Geste. Moore versuchte, die Münze aufzunehmen, wie man es normalerweise mit einer Münze macht: Er versuchte, einen Fingernagel darunterzuschieben und sie damit anzuheben, was misslang. Andrew verfolgte den Versuch mit einiger Erheiterung, immerhin das wollte er sich nun doch gönnen, nach all dieser Schikane in der vergangenen halben Stunde.

Moore lernte schnell, dass es so nicht ging und schob die Münze mit der rechten Hand umständlich zur Tischkante, wo er sie schließlich in seine linke hinein bugsierte. Mit erstaunter Miene wog er die Metallscheibe in der Hand. „Ganz schön schwer. Ich wusste das ja eigentlich, aber es ist trotzdem erstaunlich, angesichts der Größe.“, murmelte er, halb zu sich selbst. „Apropos Wissen: Woher haben Sie eigentlich Ihre Informationen?“, fragte Andrew unvermittelt. Der RDML fühlte sich augenblicklich unbehaglich. Da saß er in der Küche eines vermutlich völlig unbescholtenen Landsmannes, trank dessen hervorragenden Tee, blickte ihm in die Augen und musste ihm im Prinzip gestehen, dass er sozusagen „an der Tür gelauscht“ hatte. „Wie Sie meinem Ausweis vermutlich entnommen haben, arbeite ich gegenwärtig für eine Behörde, deren Aufgabe es ist, Informationen, die von nationalem Interesse sind, zu wissen. Das bedeutet im Klartext: zu besorgen, auch mit umstrittenen Mitteln.“ „Aha.“, antwortete Andrew vielsagend. „Unter uns gesagt, mir gefällt das selbst nicht immer besonders.“, gab der RDML zu und wandte sich an die zwei Elitesoldaten: „Das bleibt hier im Raum. Ist das klar?“ Die beiden Ex-SAS-Leute nickten stumm. „Und was passiert nun?“, fragte Andrew. Der RDML griff in eine Aktenmappe, die er die ganze Zeit bei sich getragen hatte, und entnahm ihm einige Papiere, die er auf den Küchentisch legte.

„Was ist das?“, fragte Andrew. „Damit bestätigen Sie, dass die Münze Ihr Eigentum ist und dass sie diese freiwillig dem Vereinigten Königreich zu Forschungszwecken auf unbestimmte Zeit sozusagen ausborgen.“ Andrew musste lachen und hätte fast seinen Tee auf den Rear Admiral geprustet. „Was?“, brachte er hervor. „Nun. Das Vereinigte Königreich wird Sie nicht bestehlen. Das Objekt ist Ihr Eigentum. Soweit wir wissen, haben Sie es auf Ihrem Grund und Boden gefunden. Dennoch ist es von großem wissenschaftlichen, eventuell militärischem oder wirtschaftlichem Interesse für Ihr Land. Daher rate ich Ihnen: Unterschreiben Sie diese Papiere.“ „Lassen Sie mich sonst von Ihren Wachhunden erschießen?“, konterte Andrew. „Ich überlege noch.“, entgegnete der RDML mit einem schiefen Grinsen, wurde dann aber ernst und erklärte „Hören Sie bitte. Ich halte Sie für einen vernünftigen Burschen, der nichts verbrochen hat. Aber das könnte der eine oder andere Bürokrat anders sehen. Sie haben da etwas Außergewöhnliches gefunden, da bin ich sicher, dass Ihnen das mittlerweile klar ist. Etwas, dass für Ihr Land von Interesse ist, etwas, was auch den falschen Leuten in die Hände fallen könnte. Sie haben nicht die Mittel, das zu verhindern. Aber Sie wollten es für sich behalten. Damit können Sie sich Schwierigkeiten einhandeln. Wenn es nach mir geht, muss das aber nicht sein.“ „Wollen Sie mir drohen?“, fragte Andrew. „Nein, ich will Sie schützen. Es ist ganz einfach so: Das Vereinigte Königreich wird sich Ihre Münze so oder so holen. Sehen Sie das bitte ganz sachlich. Nur kann das für Sie einigermaßen gut oder schlecht ausgehen. Wenn Sie kooperieren und mir das Objekt überlassen, wird kein Hahn mehr danach krähen, was vorher war. Aber wenn in meinem Bericht steht, dass Sie Schwierigkeiten gemacht haben – dann kann ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass Sie ungeschoren davon kommen.“

Andrew dachte nach. „Werde ich denn die Münze jemals wiedersehen, wenn das Vereinigte Königreich sie erst einmal in den Fingern hat? Und werde ich, wenn hinter verrammelten und streng bewachten Türen erforscht wird, welche Geheimnisse sie noch in sich birgt, jemals mehr über ihre Eigenschaften und Herkunft erfahren?“, fragte Andrew. „Das kann ich Ihnen nicht versprechen.“, antwortete Moore ehrlich. Aber Sie sind der Eigentümer, das ist verbrieft, sobald Sie hier unterschreiben. Ich habe meinen Eid geleistet, diesem Land zu dienen. Die Interessen des Landes werden von seiner jeweiligen Regierung vertreten. Wie diese entscheidet, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass ich meine Mittel und Beziehungen nutzen werde, um auf dem Laufenden in dieser Sache zu bleiben und dass ich versuchen werde, auch Ihre Interessen im Spiel zu behalten. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, Sie an den Erkenntnissen, die wir zu gewinnen hoffen, teilhaben zu lassen, werde ich Sie es wissen lassen.“

Andrew sah dem RDML in die Augen und erkannte, dass er es mit einem Gentleman alter Schule zu tun hatte, unabhängig davon, dass er zur Zeit bei einer umstrittenen Behörde arbeitete. Schließlich nahm er den altmodischen Füllfederhalter, den Moore zu den Papieren auf den Tisch gelegt hatte, und unterzeichnete unbesehen das Dokument. Der Rear Admiral unterzeichnete die Papiere ebenfalls, dann bat er die beiden Ex-SAS-Leute, ebenfalls als Zeugen zu unterzeichnen. „Gut.“, sagte er und blickte auf. „Das wäre geklärt. Würden Sie mir noch die Ehre erweisen, mir einmal genau zu erzählen, wie Sie eigentlich das Objekt gefunden haben? Darüber habe ich nur unvollständige Informationen, demnach haben Sie die Münze hier in Ihrem Haus gefunden?“

Andrew erzählte Moore die komplette Geschichte und ließ diesmal absolut nichts aus. Er berichtete, wie der Rauchmelder ihn geweckt hatte und wie er den brennenden Pfosten im Erdgeschoss gelöscht hatte. Dann führte er den RDML, natürlich begleitet von den beiden Elitesoldaten, auf seinen Dachboden und nahm den Teppichrest von der Stelle, wo die Münze die Decke durchschlagen hatte. Zuletzt zeigte er ihm die verkohlten Überreste des Treppenpfostens, die immer noch auf seiner Werkbank im Anbau lagen. „Darf ich das auch mitnehmen?“, fragte der RDML. „Als ob ich eine Wahl hätte.“, antwortete Andrew, grinste aber dabei. „Nun, man wird ja wohl trotzdem einmal höflich fragen dürfen.“, schmunzelte der RDML und dachte „Wer weiß, unter anderen Umständen könnten wir vielleicht Freunde werden.“

Schließlich war alles beredet und geklärt. Andrew warf noch einen letzten Blick auf die Münze und fragte sich etwas wehmütig, ob er wohl jemals mehr über sie erfahren und ob er sie jemals wiedersehen würde. Er war sich sicher, dass Moore Wort halten würde, aber nicht, ob das ausreichte. Der RDML nahm die Münze und steckte sie in seine Aktenmappe. Er würde sie wie seinen Augapfel hüten, dessen war sich Andrew sicher. Auch die beiden ehemaligen SAS-Leute strafften sich, Andrew sah an ihrer Körperhaltung, dass ihnen klar war, dass sie nun auf etwas Einzigartiges acht zu geben hatten.

Andrew und Rear Admiral Moore gaben sich zum Abschied die Hand. „Sie hören von mir, egal, was ich Ihnen dann sagen kann oder auch nicht.“, versprach der RDML. Die vor dem Haus postierten Männer waren zuvor von ihren Kollegen im Haus per Funk informiert worden, dass das Abrücken bevorstand. Diese hatten den Stützpunkt informiert, so dass die drei Landrover Defender bereits warteten, als Moore und seine Eskorte vor dem Haus auftauchten. Die Männer stiegen ein, die Landrover wendeten und fuhren zurück zur Air Force Base, wo der Sea King – Helikopter auf sie wartete. Auch die Polizeieinheit rückte ab. Andrew blieb allein und ohne die Münze zurück.

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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