Die Münze – Teil 35

Nachdem Politik und Militärs zunehmend das Interesse verloren hatten und die Münze in der wissenschaftlichen Gemeinschaft angekommen war, änderte sich die Sichtweise auf das Objekt. Grundlagenforscher untersuchten die Münze aus der Perspektive des Wissens als Selbstzweck, der nicht von Pragmatismus, sondern von wissenschaftlicher Neugierde befeuert wurde. Und so wurde die längst überfällige Frage nach dem Alter des Gegenstandes gestellt. Herkömmliche Verfahren wie Radiokohlenstoff- oder Thermolumineszenz-Datierung schieden jedoch aus, da beides auf das unbekannte Material nicht anwendbar war. Ausgehend von der These, dass es sich bei dem Objekt um eine Münze handelte, waren klassische Münzdatierungsverfahren jedoch selbstverständlich genauso unbrauchbar, weil das Objekt nicht der Menschheitsgeschichte zuzuordnen war.

Daher blieb den Wissenschaftlern nichts anderes übrig, als mehr über die Materie zu lernen, aus der die Münze bestand. Nachdem die Experten im CERN bei den ersten Versuchen verständnislos und kopfschüttelnd auf ihre Monitore geblickt hatten, zogen die kreativsten Köpfe am Ende doch richtige Rückschlüsse und folgten der sinnbildlichen Spur von Brotkrümeln aus den Daten des großen ATLAS-Detektors. Jahrelang wurden Versuche umgebaut, mit Kollegen aus aller Welt diskutiert, experimentiert, analysiert und wieder experimentiert. Schließlich wurde eine falsifizierbare Methode zur Altersbestimmung gefunden, die von verschiedenen, internationalen Teams immer wieder geprüft und schließlich von allen als valide bezeichnet wurde. Das Ergebnis, welches immer und immer wieder überprüft wurde, sandte Schockwellen des Staunens durch die wissenschaftliche Welt.

Die Versuche der Wissenschaftler liefen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Dennoch war die Geheimhaltung verglichen mit der Sicherheit, unter der die inneren, von Geheimdiensten und Militärs überwachten Kreise der britischen Wissenschaftler agierten, weitaus weniger gewährleistet, zumal der Kreis der eingeweihten Personen stetig wuchs. Und so bekamen natürlich auch die Medien Wind von der Sache. Zuerst waren es die Boulevard-Blätter, die noch mit Fragezeichen versehene Titel wie „Alien-Objekt aufgetaucht?“ oder „Münze aus dem Weltall?“ brachten. Als die Hinweise sich verdichteten, erschienen Artikel in populärwissenschaftlichen Magazinen, und schließlich beschäftigten sich auch die Wochen- und Tageszeitungen mit der Münze.

Schließlich tagte in London eine Runde, die aus der britischen Premierministerin, anderen Mitgliedern der Regierung, wissenschaftlichen Beratern und einem Kreis internationaler Wissenschaftlern bestand. Man hatte sogar auch Professor MacIntyre aus Cambridge eingeladen, weil er sich als erster dem Objekt wissenschaftlich genähert hatte. Er war zuvor irgendwann wieder in den „Kreis der Eingeweihten“ aufgenommen und von Kollegen aus aller Welt um seine geschätzte, fachliche Meinung zu Verfahren und Analysen gefragt worden. Man hatte beschlossen, dass er derjenige war, dem die Ehre gebührte, das offizielle Ergebnis der Altersbestimmung bekannt zu geben.

Nachdem einige seiner Kollegen eine sorgfältig erwogene, möglichst verständliche Darstellung der Versuchsreihen anhand von einem Beamer an die Wand geworfenen Grafiken vorgetragen hatten, ergriff MacIntyre das Wort. „Frau Premierministerin, sehr verehrte Repräsentanten der Regierung, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, es ist mir eine Ehre, Ihnen allen das Ergebnis der Altersbestimmung des Objektes vorzutragen. Dieses Ergebnis wurden von vielen der Anwesenden, aber auch von noch sehr viel mehr weiteren Experten in aller Welt geprüft, nachgerechnet, und wieder geprüft – natürlich so weit wie möglich unabhängig voneinander. Wir sind überzeugt, dass dieses Ergebnis valide ist. Das Alter des Objektes beträgt in etwa 12,5 Milliarden Jahre, mit einer Toleranz von etwa plus/minus 100 Millionen Jahre. Es ist damit rund acht Milliarden Jahre älter als unsere Sonne.“

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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1 Response to Die Münze – Teil 35

  1. Avatar von Elisabeth van Nguyen Elisabeth van Nguyen sagt:

    Oha, jetzt packst Du aber die ganz großen Dimensionen aus!! Und wir befinden uns jetzt in der Zukunft, oder? Mindestens fünf Jahre nach Hurricane Irma und hoffentlich auch schon im Nach-Trump-Zeitalter…

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