Ich habe ganz ordentlich geschlafen, mein Wecker war um 9:15 Uhr gestellt. (Das hätte mir die sportliche Steffi nie durchgehen lassen…) Allerdings klingelte um 8.20 Uhr mein Hoteltelefon mit einem Wake-up-Call, den ich nicht bestellt hatte. Ich lasse mir doch von einem klingelnden Telefon nicht vorschreiben, wann ich aufzustehen habe! Naja… aber eingeschlafen bin ich dann doch nicht mehr.
Nach der Morgenroutine ging ich dann frühstücken im Hotel. Zwei Tassen Kaffee, zwei Brötchen mit Käse, etwas Rührei. Danach wollte ich losziehen zum Bahnhof, aber ich merkte, dass die Sonne doch eine Einölung erforderte. Nachdem ich das, noch mal zurück im Zimmer, erledigt hatte, ging ich die 5 Minuten zum Bahnhof. Grund war, dass ich vor allem schon mal ein Zugticket von hier zurück nach København am Freitag kaufen wollte, das konnte ich in Deutschland nicht über die Seite der Deutschen Bahn bestellen. Zuerst zog ich eine Nummer vor einem Counter, der mit „Public Transport“ überschrieben war, aber als ich dran war, schickte mich der Mensch zu den Automaten. Blöd von mir … die hatte ich vorher eigentlich gesucht und schlicht übersehen. Etwa 1130 svenska kronas später (der Kurs ist etwa 10:1) hatte ich das Ticket samt Reservierung in der Tasche. Ich überlegte noch, ob ich ein „Welcome Pass“ (oder so) kaufen sollte, sowas hatte ich für meine Besuche mit der sportlichen Steffi in Rom und Berlin jeweils gekauft. Wer das nicht kennt: Das ist in der Regel ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr einer großen Stadt plus diverse Rabatte für Sehenswürdigkeiten in einem Paket. Aber ich verzichtete diesmal.
Ich lief nochmal zum Hotel zurück und deponierte das Ticket bei meinen Sachen und machte mich dann auf den Weg zum Rathaus (Stadshus). Im Wesentlichen folgte ich damit einem Prinzip, dem ich gerne folge, wenn ich Städte besuche: Erst mal einen Überblick verschaffen. Dazu gibt es hier mehrere Möglichkeiten, allerdings ist der höchste Aussichtspunkt, nämlich der hiesige Rundfunkturm, wegen Reparaturen für die Öffentlichkeit im Moment nicht zugänglich. Und das Stadshus mit seinem 106 m hohen Turm war im wahrsten Sinne des Wortes einfach naheliegend. Dazu habe ich auf der Wikipedia-Seite zu Stockholm ein großes Panoramabild, welches von diesem Turm aufgenommen worden ist, gesehen, und alleine das hat mich bewogen, auf diesen Turm zu wollen.
Ich ging also den Vasagatan wieder Richtung Bahnhof, stieg die Treppen zum Klarabergsviadukten hoch , der über eine stark befahrene Hauptverkehrsstraße und ein Gewässer namens „Klara sjö“ überquert, und war dann nach einem kurzen Spaziergang am Ufer des Klara sjö schon am Rathaus (ich muss mal prüfen, wer zum Geier diese Klara ist oder war … nach der ist hier eine Menge Zeug benannt). Zuerst verweilte ich einen Moment im großen Innenhof des Gebäudes. Ich hatte keine rechte Lust, mir eine guided Tour durch das Rathaus zu buchen, aber ich wollte ja auf jeden Fall auf den Turm. Also folgte ich den entsprechenden Schildern und hatte Glück: Obwohl der Mann am Counter gerade ein Schild „nächste verfügbare Turmführung um 12:45 Uhr“ aufgehängt hatte, verkaufte er mir für 80 sek noch ein Ticket für 12 Uhr. Zwar war das auch noch etwa eine halbe Stunde zu warten, aber der kleine Park und ein paar Bänke mit Blick auf den Riddarfjärden luden zum Verweilen ein (ok, ja, natürlich gab es auch jede Menge Ingress-Portale…). Ich hatte noch einen Apfel und ein paar Müsli-Riegel dabei und machte eine kleine Pause.

Dann ging es auf den Turm. Eine Guide erklärte uns auf englisch vor dem Aufstieg, es seien 365 Stufen zu bezwingen und man brauche etwa 10 Minuten hoch und 10 Minuten runter und hätte dann auf der Aussichtsplattform 15 Minuten Zeit. Es gäbe zwar einen Aufzug, aber nur für vier Personen und auch nicht ganz bis nach oben. Da nahm ich dann doch lieber gleich die Treppe.
Nach dem Großteil der besagten Stufen kam man in das sog. Turmmuseum (lt. Wikipedia), eine Art Rotunde mit kreisförmig angeordneten Büsten. An einer Seite steht eine 7,6 m hohe Statue von Sankt Eric, dem Schutzheiligen von Stockholm. Da die Zeit ja begrenzt war und ich vor allem viel Zeit auf der 73 m hohen Aussichtsterrasse verbringen wollte, verweilte ich dort aber nicht lange. Die vielen Büsten sagten mir ohnehin nichts.

Es ging dann noch so einige Stufen weiter hoch, außerdem galt es, auf einer aufwärts führenden Rampe den Turm innen an der Außenmauer dreimal zu umrunden (ich habe zwölf Ecken auf den Rückweg gezählt). Auf dem Weg zur Aussichtsterrasse bekam ich noch den Kran, mit dem der liebe Eric und wahrscheinlich auch seine kleineren Kumpels, die Büsten, in das Turmmuseum gehievt worden waren, zu sehen.
Oben angekommen konnte ich dann den tollen Panoramablick auf die Stadt genießen. Viel kannte ich ja noch nicht, aber der naheliegende Hauptbahnhof war leicht zu identifizieren. Natürlich machte ich drei Fantastilionen Digitalbilder mit meinem Handy. Danach wurden wir von den Guides wieder runter kompilimentiert.

Unten angekommen hatte ich einen kurzen Durchhänger, aber ich entschied mich nach einem Blick auf Google Maps, zu Fuß zum Wasa-Museum zu gehen, es waren keine drei Kilometer Fußmarsch. Also machte ich mich auf die Socken und überquerte zuerst den Klara sjö über den Stadshusbron, schlenderte den Klarastrandsleden (erwähnte ich schon, dass nach der Klara hier ne Menge Zeug benannt ist?) entlang, und marschierte über den Jakobsgatan auf die St. Jakobskyrke zu. Danach landete ich im benachbarten Kungststrädgården (wie der Name sagt, ein eigenartiger Platz mit viel Kunstrasen, außerdem ein paar Fontänen, einem amerikanischen Café und einer Open-Air-Bühne) und dann im Berzeli-Park. Dort steht eine Statue des schwedischen Chemikers Jöns Jakob Berzelius, der lt. Wikipedia nicht weniger gilt als „der Vater der modernen Chemie“.
Danach kam ich auf eine Prachtallee namens Strandvägen. Zwei Fahrstreifen für Autos und Straßenbahn sind getrennt von einem Fußweg unter prächtigen Baumen, auf der einen Seite ist die Straße von imposanten Hotels gesäumt, die andere grenzt (natürlich) an Wasser, den Nybroviken. Dieser folgte ich dann etwa einen halben Kilometer, bis ich rechts auf die Brücke Djurgårdsbron abbog und das Gewässer überquerte. Auf der Landzunge auf der anderen Seite sah ich zuerst das imposante Gebäude des Nordiska museet (Museum für schwedische Kulturgeschichte), ein Stück Weg weiter dann auch schon mein Ziel, das Vasa-Museum.

Die Vasa war eine Kriegsschiff, eine Galeone, die Karl Gustaf II Adolph von Schweden im 17. Jahrhundert von einem holländischen Schiffbaumeister für den Krieg gegen Polen bauen ließ. Auf der Jungfernfahrt am 10. August 1628 kenterte das Schiff aufgrund seiner baulich bedingten Instabilität bereits nach knapp anderthalb Kilometern Fahrt hier in Stockholm, wobei zwischen 30-50 Seeleute den Tod fanden. Das Wrack lag dann über 300 Jahre im Schlick, wo es unter anderem aufgrund der geringen Salinität des Wassers gut vor dem Schiffsbohrwurm, aber auch vor Luft und Licht geschützt war. Im Jahr 1961 wurde es dann von einem Bergungsunternehmen mithilfe von Tauchern der schwedischen Marine gehoben. Da das Holz somit wieder dem schädlichen Einflüssen von Licht und Luft ausgesetzt war, überlegte man sich, wie es am besten zu konservieren sei und entwickelte völlig neue Techniken. Im Wesentlichen wurde das Holz 17 Jahre lang (!) mit PEG (Polyethylenglykol) besprüht, wodurch das Wasser in den Zellen des Eichenholzes komplett durch das Polymer ersetzt wurden und somit das Wasser das Holz nicht mehr zersetzen kann. Die etwa 5.000 Nieten, ursprünglich aus geschmiedetem Eisen, hatten sich im Laufe der 300 Jahre komplett aufgelöst. Teile, die damit befestigt gewesen waren, fielen ab und sanken in den Schlick, was gut für deren Konservierung war. Zunächst waren diese Nieten beim Wiederaufbau des Schiffes durch simple Stahlnieten ersetzt worden, die aber ebenfalls wieder korrodierten. Heute bestehen die Nieten aus einer nichtrostenden Legierung.

Das Schiff steht komplett in einer Halle. Es kann nicht betreten werden, weil man es weiter so lange wie möglich erhalten möchte. Dazu sind die Umweltbedingungen, Termparatur und Luftfeuchtigkeit genau geregelt, mithilfe dreidimensionaler, optischer Messverfahren wird darüberhinaus permanent überwacht, ob sich der Schiffskörper verzieht. Das ist der Fall. Der Rumpf ruht in einem Stahlgerüst, welches eine weniger homogene Druckverteilung auf den Schiffskörper ausübt, als Wasser es täte, läge das Schiff denn in solchem. Gegenwärtig wird überlegt, diese Konstruktion zu überarbeiten und zu verbessern. Besucher des Museums haben auf sieben Ebenen vom Kiel bis zum Kastell (so nannte man den „burgartigen“ Heckaufbau der Galeonen) von beiden Seiten einen guten Blick auf das Schiff. Darum herum sind thematisch gegliedert Themen wie die Geschichte des Schiffes (Bau, Katastrophe, Bergung, Konservierung), die geschichtliche Situation Schwedens (30-jähriger Krieg, Hauptgegner zu der Zeit war Polen, die schwedische Marine operierte viel in der baltischen See), das Leben an Bord solcher Schiffe und vieles mehr dargestellt. Die weiteren Exponate reichen von echten Ausrüstungsgegenständen, die geborgen wurden über Nachbildung von solchen (beispielsweise der Kanonen, von denen nur drei echte Exemplare im Museum stehen) bzw. von damaligen persönlichen Gegenständen wie Kleidung, Münzen, Besteck und Geschirr. Dazu gibt es multimedial aufbereitete Inhalte in mehreren Kinosälen und Projektionen und Monitoren überall.

Ein großer Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit den reichen Verzierungen am oberen Teil des Schiffsrumpfes, insbesondere am Kastell. Denn über 700 Statuen von Menschen aus der römischen und griechischen Geschichte wie auch deren Mythologien sowie aus der Bibel (z.B. David, der Harfespieler) sowie Tierfiguren (insbesondere Löwen als Symbol der Stärke) schmückten das Schiff. Der Zweck: Propaganda. König Karl Gustaf II sollte Figuren wie König David aus der Bibel in sofern gleichgesetzt werden, dass Gott auf seiner Seite wäre (und auf der Seite Schwedens und der lutherischen Protestanten, aber natürlich nicht auf der Seite der Polen bzw. der Katholiken). Die Stärke Schwedens und seines Königs sollte mit der des antiken römischen bzw. griechischen Reiches gleichgesetzt werden etc.

Die echten Figuren am Schiff, die größtenteils noch erhalten sind, tragen keine Farben mehr. Ursprünglich waren sie bunt bemalt, mithilfe von Rückständen haben die Wissenschaftler herausgefunden, wie sie wahrscheinlich ausgesehen haben und bildliche und figürliche Nachbildungen geschaffen, die ebenfalls zu besichtigen sind.
Nun, man kann aus meinen vielen Worten ermessen, dass mich das Museum schon sehr beeindruckt hat. Meiner Ansicht nach ist es wirklich beeindruckend und gut gestaltet. Das ist natürlich einerseits der Verdienst der Kuratoren, aber auch der vielen Menschen, die sich sowohl um die geschichtliche wie auch naturwissenschaftliche Forschung, um sowohl das Wissen als auch Schiff und Ausrüstung selbst zu bewahren, mit viel Erfolg bemüht haben.
Kurz vor Schließung des Museum um 18 Uhr verließ ich dasselbe und machte mich auf den Rückweg zum Hotel, wieder zu Fuß, aber auf einem etwas anderen Weg als vom Stadshus aus. Dort angekommen überlegte ich, im Restaurant des Hotels was zu essen. Die Preise sind hier – erwartungsgemäß – üppig. Ich suchte dann doch einen Supermarkt auf (die umfangreiche Lebensmittelabteilung eines großen Kaufhauses in der Nähe des Hotels) und besorgte mir ein paar gekühlte Corona, Cracker und Kekse. Teilweise habe ich mir das, während ich diese Zeilen hier schrieb, in den Organismus geschoben, mit der Idee später vielleicht zumindest noch einen Fastfood-Laden aufzusuchen. Mittlerweile bin ich aber doch schon müde, und ich nehme an, ich werde, nachdem ich ein paar Bilder zur Illustration dieses Beitrages ausgesucht habe, das Bett aufsuchen. Für morgen habe ich noch keinen Plan, aber das findet sich. Auf jeden Fall ist irgendwann eine Bootstour angesagt.
Bis bald.