Gamla Stan und so

Ich erwachte (wie übrigens gestern schon, das hatte ich nur zwischenzeitlich verdrängt) von so einem Geratter draußen, noch vor 8.00 Uhr. Im Hof, auf den das Fenster meines Zimmer raus geht, wurden so Rollwagen in einen LKW ge- oder entladen. Ich vermute, das Hotel hat keine eigene Wäscherei, und die Schnittstelle für Bettlaken und Co. befindet sich just drei Stockwerke unter meinem Fenster. Grrr. Ich hätte dran denken sollen, Ohrstöpsel mitzunehmen.

Um 8.20 Uhr kam wieder der nicht vereinbarte Wake-Up-Call. Den habe ich heute die Rezeptionistin gebeten, doch mal zu canceln. Trotzdem… ich döste dann bis 9.45 Uhr, duschte und ging frühstücken.

Danach buchte ich mir im Netz ein Hop-on/Hop-off-Boot, fragte Google auf meinem Schlaufon, wo ich hin muss (16 min. zu Fuß, bereits bekanntes Terrain), und machte mich auf die Socken. Angekommen an Bootshaltestelle Nybroplan bekam ich erstmal eine kalte, kostenlose, zuckerfreie Dose Pepsicola von einer Promo-Frau. Ja, warum denn nicht. Aber ich landete in der falschen Schlange für die falsche Touri-Schipper-Firma, wurde dann aber von einem Ticketverkäufer zum richtigen Boot geschicht. Da konnte ich direkt an Bord gehen und einige Minuten später losfahren.

Af Chapman, ein ehemaliges Segelschulschiff der Marine, nun ein Hostel

Mein Plan war eigentlich, eine komplette Runde zu schippern und dann zu entscheiden, was ich tun würde und entsprechend auszusteigen. Der erste Stopp war an der Landzunge Djurgården, wo neben anderen Museen das Vasa-Museum angesiedelt ist. Hier befinden sich auch das Sprit-Museum (ja, genau, es geht um Alkohol hier), Junibaken (Kinderliteratur und Erlebnispark mit Astrid Lindgren-Schwerpunkt), das Wikingermuseum, die italientische Botschaft und der Freizeitpark Gröna Lund. Den konnte ich von der Wasserseite aus gut sehen. Wenn ich mich nicht irre gibt es da z.B. drei verschiedene Berg- und Talbahnen, eine sah echt fies aus, und drei Freifalltürme. Außerdem eine Bühne, auf der schon z.B. Jimmi Hendrix und Lady Gaga aufgetreten sind.

Gröna lund – Vergnügungspark vom Hop-on hop-off – Boot aus fotografiert. Schlimme Schleudern! Gut, dass die sportliche Steffi nicht dabei ist…

Die Fahrt ging weiter, ich spare mir mal, alle Haltepunkte aufzuführen, aber es waren ein Stopp an einem Kunstmuseum, beim Kreuzfahrtterminal, dem Ortsteil Södermalm (was wohl irgendwas mit „Süd“ zu tun hat, aber ich hab auf Wikipedia gelesen, im Volksmund wird nur von „Söder“ gesprochen, hm…) und an der Insel, auf der Gamla Stam, die Altstadt liegt. Das war auch der letzte Haltepunkt vor dem, an dem ich meine Fahrt begonnen hatte, und ich entschied mich, hier auszusteigen.

Zuerst erklomm ich die Stufen des Sockels eines Denkmals von König Gustaf, dem III und machte eine kurze Pause. Danach schlenderte ich am Kai entlang, wo unter anderem ein Dreismaster aus Holland lag, auf dem man offenbar Seereisen buchen kann. Danach verließ ich die Wasserseite, um die Altstadt zu erkunden.

Hier, an den Stufen zu Gustaf III, kann man verweilen und tippseln

Einige Gassen waren vergleichsweise menschenleer und ohne Tourianziehungspunkte, in anderen reihte sich ein Lokal an das nächste, hier ein Eisladen, da ein Souvenirshop… und da waren meine Mittouris dann auch in Scharen unterwegs. Es gibt wohl ein paar Hauptachsen, die die Sehenswürdigkeiten verbinden, und daneben liegen ein paar vergleichsweise ruhige Straßen.

Eine der schönen, ruhigen Straßen in Gamla stan. Nur ein Touri unterwegs – ich.

Ich ging zum königklichen Palast, aber da mich weder die Kronjuwelen, noch Kunstwerke oder protzige Schlafkammern wirklich reizen und ich auch kein großes Interesse an Monarchien hege, hatte ich – wie schon in London – keine Lust, mir den Kasten von innen anzusehen. Stattdessen schlenderte ich weiter durch die Gassen, machte hier ein Foto, eroberte da ein Ingress-Portal und landete bei der St. Gertrud-Kirche oder auch „Tyska Kyrkan“, also der „Deutschen Kirche“. Aha. Das musste ich mir dann doch aus der Nähe bzw. von innen ansehen. Vor der Kirche warben Plakate für Chorkonzerte, heute abend ab 18.00 Uhr würde z.B. die Jugendkantorei Wolfsburg hier singen. Ich ging hinein und betrachtete die Kirche von innen. Lt. Wikipedia gehört die Kirche der St. Gertrud-Gemeinde, einer lutherischen, deutschsprachigen Gemeinde in Schweden, was die vielen Schilder in deutscher Sprache erklärt. Erbaut wurde die Kirche bereits im Mittelalter.

In der Tyske kyrkan

Nach diesem Kirchenbesuch durchquerte ich weiter die Altstadt um dann einen kleinen Kanal und die Hauptverkehrsstraße „Centralbron“ („Bron heißt offensichtlich „Brücke“) zu überqueren. Mithilfe der „Riddarholmsbron“ übrigens, die mich konsequenterweise auf den sog. „Riddarholm“ führte. Dieses „Anhängsel“ der Altstadt birgt unter anderem die Riddarholmskyrkan, die ich mir als nächstes ansah. Hier finden seit mehr als hundert Jahren keine normalen Gottesdienste mehr statt, allenfalls Beerdigungen. Das passt, weil die Kirche vor allem eines ist: Grabstädte der schwedischen Könige und ihrer Familien. Deren Überreste ruhen in mehr oder weniger protzigen Särgen und Sarkophagen (in einem Fall ein Teil aus Granit, welches 15 Tonnen wiegt) vor allem in den Seitenkapellen der Kirche.

In dem großen Sarkophag liegen die Überreste von Gustaf II.

Der Besuch kostete (wenn ich mich recht erinnere) 60 sek Eintritt, aber das entrichtete ich gern, dient das Geld doch dem Erhalt der Stätte. Die Wände der Kirche sind mit den verschiedenen Wappen der verschiedenen Ritterorden geschmückt, die den verstorbenen Monarchen untertan waren. Ich suchte mir die Grabstätte von Gustaf II. Adolph, der sagte mir am meisten, hatte er doch die Vasa erbauen lassen. Der fiel übrigens 6 Jahre nach dem Untergang der Vasa im Krieg, „killed in action“, wie es auf der Tafel neben seiner Grabkapelle zu lesen stand. Manchmal wünschte ich mir, auch heute müssten die Oberbefehlshaber noch selbst mit an die Front ziehen… vielleicht träfen sie dann andere Entscheidungen.

Ich weiß nicht, was das Zeichen links bedeutet. Aber dem rechten nach haben hier bereits die Franziskaner, die die Kirche erbaut haben, bereits „Free Wi-Fi“ eingerichtet. Gut möglich, schließlich war Franz von Assisi für seine Mildtätigkeit bekannt.

Nach dem Besuch der Kirche ging ich an das Ufer, welches dem Stadshus zugewandt war, von wo aus ich gestern zu meinem jetzigen Standpunkt herübergeschaut hatte. Dort steht auch eine Skulptur eines Mannes mit einer Mandoline (denke ich), es ist ein Abbild von Evert Taube, einem schwedischen Dichter, Sänger, Komponist und Maler. Es war sonnig, keine Wolke am Himmel, die Wettervorhersage hatte 30° angekündigt, und hier lagen Leute in Badekleidung auf Handtüchern am Ufer, eine Dame war sogar schwimmen gegangen.

Evert-Taube-Statue mit Stadshus im Hintergrund

Ich zog meines Weges und wollte als nächstes das „Rikdagshuset“ auf der kleinen Indel „Helgeandholmen“ besuchen. Diese befindet sich zwischen Gamla Stan und Norrmalm (offenbar dem Nord-Pendant zu Södermalm) und ist mit beiden durch zwei Brücken verbunden. Ich nutzte zuerst die „Norrbro“, die durch einen großen Park vor dem Ostflügel des Parlamentsgebäudes hindurchführt um auf der anderen Seite mit Norrmalm zu verbinden. Ich durchquerte den Park stand kurz vor dem Ostflügel des Riksdagshuset und ging dann darum herum. Zwischen dem Ost- und Westflügel des Gebäudes gibt es einen Durchgang, der auf beiden Seiten über das zweite „Brückenpaar“, die Riksbron und die Stalbron Helgeandholmen ebenfalls mit Gamla Stan und Norrmalm verbindet.

Ich entschied mich, trotz der hohen Preise irgendwo ein Bier in der Außengastronomie zu mir zu nehmen und nahm die Salbron über den Stalkanalen zurück zur Altstadt. Nachdem ich in einem Souvenirladen noch ein paar Postkarten gekauft hatte, setzte ich mich mit einem Corona vor ein Café mit Blick auf die „Demokrativerkstaden“, die auch in einem zum Parlament gehörenden Gebäude in Gamla Stan untergebracht ist.

Anschließend entschied ich mich, zunächst den Weg zum Hotel einzuschlagen. Da sich das fast direkt neben der hiesigen Hauptpost befindet und es noch nicht 18.00 Uhr war, dachte ich, ich könne dort Briefmarken für meine Postkarten erwerben. Ich ging schnurstrax über die Stalbron wieder auf die Parlamentsinsel Helgeandsholmen, durch den Gang zwischen Ost- Westflügel, und dann auf der anderen Seite über die Riskbron zurück nach Norrmalm .Hier führte der Weg weiter über eine große Hauptachse namens „Drottninggatan“ in die richtige Richtung. Viele Touris, viel Gastronomie und Souvenirläden. Die Straße führt dann am großen Platz „Sergels torg“ vorbei, wo das „Kulturhuset“ mit Staatstheater steht. Da ging es dann links auf den „Klarabergsgatan“, der dann wieder in den „Vasagatan“ mündet und direkt neben der Post kam ich da raus. Leider hatte die Post schon geschlossen, also ging ich erst mal zurück ins Hotel, um Postkarten zu schreiben.

Ich hing mein Schlaufon in meinem Zimmer an Strom, besorgte mir Bier im Hotelrestaurant mit dem französischen Namen „Relais de la gare“ (sowas wie „Raststätte am Bahnhof“ oder so) und ging damit über eine spezielle Treppe auf die Dachterasse im ersten Stock (auch „Patio“ oder „Countryyard“ genannt). Dort begann ich, Karten zu schreiben, was mir aufgrund zweierlei Ablenkung nicht ganz leicht fiel. Zum einen sprachen am Tisch neben mir erst eine, dann zwei Damen auf Englisch mit einem Herren, alle drei hatten ihre Macbooks vor sich aufgebaut und planten offenbar einen Werbefilm für irgendetwas. Es ging immer wieder um das Storybook, das Budget und ob der Film in Qubec evtl. wegen der verwendeten Musik nicht gezeigt werden könne. Frechigkeit! Wie soll man denn urlauben, wenn um einen herum so schwer gearbeitet wird?

Der Vogelfänger bin ich ja… nun nicht.

Die zweite Ablenkung war ein kleines Vogeldrama. Auf dem Weg nach draußen wunderte ich mich über kleine Papptellerchen mit Wurststücken, Walnüssen und halben, hartgekochten Eiern. Legte man es denn darauf an, Ratten anzulocken? Dann sah ich, dass im Gebäude eine Elster ihr Unwesen trieb und eine arme Rezeptionistin versuchte, das Tier mit dem Futter nach draußen zu locken. Zwischenzeitlich flog der Vogel auch durchaus hin und bediente sich, machte aber keine Anstalten, nach draußen zu fliegen. Warum auch, wenn man hier so leckere Sachen bekommt, dachte ich. Als ich fertig damit war, Karten zu schreiben und Bier zu trinken, schnackte ich noch kurz mit der Rezeptionistin. Die hatte eher das Wohl des Vogels im Sinn („poor thing“) und sagte mir, das Tier seit seit gestern da, und wenn es sich nicht verkrümeln würde, würde sie jemanden besorgen, der sich kümmert.

Sieht eigentlich ganz lecker aus, das kalte Buffet für die Elster. Wie gesagt, die Rezeptionistin meint es gut mit dem Vogel. Man könnte auch sagen, sie ist… naja, Ihr wisst schon.

Ich ging dann erst mal Abendessen. In letzter Zeit habe ich daheim die Fastfoodketten gemieden und ohnehin meinen Fleischkonsum heruntergefahren. Aber jetzt gab es bei Burgerking ein Whoppermenü – das war wenigstens bezahlbar. Danach entschied ich mich, noch den Vasagatan noch ein paar Schritte weiter in der Richtung entgegen zum Bahnhof weiter zu gehen. Hier stieß ich auf einen Platz, auf dem ein Springbrunnen mit Lichtspiel sprudelte, dessen Design mich stark an eine Pusteblume erinnerte. Und lt. Google Maps heißt das Ding „Maskrobollen fontän“. Lt. Langscheidt heißt „maskros“ Löwenzahn, also ist das offensichtlich auch so gewollt.

Maskrosbollen fontän

Direkt auf der anderen Straßenseite ist so ein Minipark namens Norra Bantorget, in dem das Brantingmonumentet steht. Das ist ein Bronzerelief von Carl Eldh, welches den schwedischen Sozialdemokraten Hjalmar Branting zeigt, wie er zu einer Gruppe von Arbeitern spricht. Nicht weit davon lagen ein paar erschöpfte Menschen (Touristen) im Gras, die zu fotografieren ich mir nicht erlaubt habe.

Brantingmonumenten

Nun bin ich also wieder im Zimmer und tippe diese Zeilen. Als nächstes werde ich Bilder hinzufügen und den Text dann veröffentlichen. Vielleicht gehe ich danach nochmal vor die Tür, um ein paar Bilder bei Dunkelheit zu schießen, vielleicht vom „Klarabergsviadukten“ aus. Das ist die Verlängerung des „Klarabergsgatan“, eine Fußgängerbrücke, die ich schon gestern benutzt habe, um zum Stadshus zu gelangen. Mal sehen.

Bis bald.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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