Ich erwachte vom Piepen eines im Rückwärtsgang fahrenden Nutzfahrzeuges im Innenhof vor Wecker, blieb aber noch eine Weile liegen und döste. Übrigens entdeckte ich dann, dass auf meinem Bettgestell eine Packung Ohrstöpsel liegt… Es lohnt sich manchmal, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen.
Der Tag begann irgendwie nicht so flüssig. Erst hatte ich meine Keycard im Zimmer vergessen. Als ich das Zimmer das nächste mal verließ, hatte ich versehentlich eine Keycard auf dem Schreibtisch liegenlassen und stellte fest, dass es die neue war und die alte invalidiert worden war. Also noch mal die Rezeptionistin nerven…

Als ich endlich los kam, wollte ich Briefmarken kaufen. Kein Ding, dachte ich, die imposante Hauptpost ist ja direkt neben an. Doch Pustewurm, äh -kuchen. Denn in dem Gebäude residierte längst nicht mehr die Post, sondern ein Hotel mit Kongressräumen. Danach ließ ich mich von Google Maps ein wenig herumscheuchen, erst zu einem Ort, der nur Schließfächer hatte, dann zu einem ähnlichen Ort, der zwar auch einen Schalter hatte, aber da war ein Schließvorhang heruntergelassen mit einem Schild „Stälgt. 11-15 Uhr“. Was auch immer. Ich beschloss, zur Touristeninfo am Bahnhof zu gehen und mich da zu informieren. Der Mann schickte mir zu einem „Pressbyter“, so einem Kiosk mit Printmedien, Getränken, Snacks etc. Dort kaufte ich sechs Briefmarken à 26 Kronen. Auch nicht gerade ein Schnäppchen, aber ich hab Urlaub.

Schließlich machte ich mich auf den Weg, meinen Tagesplan umzusetzen. Im Prinzip hatte ich keine Lust, noch irgendwelche Museen zu besuchen – derer gibt es hier viele, von einem Sielzeugmuseum über das Spritmuseum, das Vikinger-Museum, das Abba-Museum und vieles mehr. Gut, das Nordisk-Museum für schwedische Kulturgeschichte, das Abba-Museum und das Wikinger-Museum sind natürlich schon speziell für die Gegend hier, reizen mich aber thematisch nicht so sehr. Und alles andere wiederum hat nicht unbedingt etwas mit Stockholm oder Schweden zu tun. Also entschied ich mich, einfach zu Fuß weiter die Gegend zu erkunden und paar km unter die Sohlen zu nehmen. Zuerst ging ich nach Skeppsholmen, eine Insel, auf die man von Norrmalm über die Skeppsholmsbron gelangt. Dahin musste ich vom Bahnhof aus ein wenig am Wasser den Strömsgatan entlang laufen und die Brücken zur Parlamentsinsel und nach Gamla stan rechts liegen lassen. Auf Skeppsholmen sah ich rechts das Segelschiff/Hostel Af Chapman liegen, entschied mich dann aber, die Insel linksherum am Ufer entlang zu wandern. Auf der Wasserseite lagen etliche Boote am Kai, viele hatten einen (wenn auch jungen) historischen Hintergrund und deswegen eine Beschreibungstafel.

Am Restaurant/Café „Torpedverkstan“ (ja, genau: Torpedowerkstatt) machte ich Pause und gönnte mir ein Budweiser. Skeppsholmen und die benachbarte Insel Kastellholmen waren früher mal ein Marinestützpunkt gewesen, was die Sache mit den Torpedos erklärt. Drei (sicherlich demilitarisierte) Exemplare waren in unmittelbarer Näher des Biergartens auch ausgestellt, dazu auch ein Geschütz (vermutlich alles aus der Zeit des zweiten Weltkrieges).

Ich zog weiter am Ufer entlang bis zur Brücke, die nach Kastellholm führte. Diese Insel, auf deren höchsten Punkt eine Zitadelle steht, war zum einen ebenfalls Teil des Militärstützpunkt, zum anderen aber auch Ausflugsort der früheren, schwedischen Royals. Diese hatten im auslaufenden 19. Jahrhundert das Eislaufen für sich entdeckt und den Royal Skating Club gegründet und zu diesem Zweck einen Pavillon auf Kastellholmen als Clubhaus bauen lassen. Im Sommer wurde der Pavillon später auch vom königlichen Yachtclub genutzt und diente danach verschiedenen Zwecken.

Weiter ich ging meines Wegs und erkletterte einen Trampelpfad, der zur Festung führte, es war sozusagen nicht der „offizielle“ Weg, aber das war mir egal. Die Festung verfügte früher auf dem Batteriedeck und auf dem Turm über verschiedene Geschütze, um die Stadt zu verteidigen oder wenigstens einlaufende Schiffe mit Salutschüssen zu begrüßen. Im zweiten Weltkrieg waren hier Flugabwehrkanonen installiert. Heute hat sich das Militär komplett zurückgezogen, und Skeppsholmen und Kastellholmen dienen nun ausschließlich der Freizeit, der Unterhaltung und dem Tourismus. Auf Skeppsholmen liegen das Spielzeugmuseum und das Museum für moderne Kunst, sowie Tennisplätze, Gastronomie und Bootsanleger.

Nachdem ich Kastellholmen einmal der Länge nach mittendurch durchschritten und am Ufer wieder zurück gewandert war, ging ich wieder zurück nach Skeppsholmen und auf einem anderen Weg zurück Richtung Skeppsholmenbron und dann über dieselbe wieder nach Norrmalm. Ich ging wieder in Richtung Bahnhof und bog über die Strömbron nach Gamla stan ab. Mein Ziel war, die Altstadt komplett zu durchqueren und dann bis nach Södermalm zu gehen. In Gamla Stan erstand ich noch drei weitere Postkarten (ich hatte noch drei Briefmarken über) und setzte mich in den Biergarten eines Lokals namens „Under Kastanjen“ unter eine große Kastanie. Ich hatte mir ein Three Towns Lager aus dem Lokal geholt und schrieb im Schatten des Baumes die drei Karten. Apropos Schatten: Lt. meiner Wetterapp hatte es satte 33°, der Himmel war erneut wolkenlos und es war wichtig, ab und zu Schatten zu suchen und genügend Wasser zu trinken.

Nachdem ich mit Bier und Karten fertig war, ging ich weiter Richtung „Slussen“. Diese Schleuse trennt den Mälaren(see) vom Riddarfjärden, somit der Ostsee (und somit Süsswasser und Salzwasser). Sie liegt zwischen Gamla stan und Södermalm und kann über eine Brücke überquert werden, was ich dann auch tat. Puh… eben noch war ich vom Charme der Alstadt umgeben, jetzt sah ich nur noch Beton und Baumaschinen, denn die Schleuse und/oder die Brücke werden offenbar gerade saniert/modernisiert oder was auch immer. Auch auf der Södermalm-Seite wurde gerade viel gebaut, hier gab es einen großen Verkehrsknotenpunkt mit Fähranleger, Busbahnhof und S-Bahnhof. Daneben war ein moderner Gebäudekomplex zu sehen, offenbar soll hier ein modernes städtebauliches Schmuckstück geschaffen werden. Im Moment jedoch war der Ort eine riesige Baustelle. Am Ende durchquerte ich Södermalm komplett auf einer Straße namens Götgatan. Die Stadt war hier ganz anders als die edle Gegend, die ich von Norrmalm her kannte, viel verbauter, ein weniger schmutziger und irgendwie „normaler“, „volksnäher“. Ich vermute, dass hier eher normale Leute wohnen, während hier in Norrmalm Mieten und Wohnungspreise sicher nichts für Normalsterbliche sind. Schon gar nicht am noblen Strandvägen, wo es Wohnung mit 20 Zimmern und bis zu 5 Meter Deckenhöhe geben soll.

Dass die Gegend günstiger wurde, zeigte sich auch in Form abnehmender Bierpreise auf den Tafeln vor den Lokalen, an denen ich vorbei kam. Meine Bier auf Skeppsholmen und in Gamla stan hatten jeweils 79 Kronen gekostet. Zuerst entdeckte ich ein Schild für Budweiser mit 58 Kronen. Weiter im Süden dann ein Schild „Starköl 40cl 32 sek, 50 cl 39 sek. Na, das sind doch mal normale, wenn nicht gar günstige Preise. (Ich bin übrigens nicht sicher, ab wann hier Bier Starköl genannt wird. Die Alkoholgesetzgebung in Schweden ist ja strickter als bei uns, und das Corona z.B. hat hier, glaube ich, weniger Alkohol als bei uns, irgendwas bei weniger als 4%).

Das war zwar verlockend, aber ich ging weiter … vielleicht auf dem Rückweg… Irgendwann hatte ich Södermalm komplett durchquert und landete wieder auf einer Brücke, der Skanstullsbron. Die Gegend sah nun eher fast schon industriell aus. Trotzdem überquerte ich die Brücke noch. Auf der anderen Seite, südlich von Södermalm, gab es dann einen großen S-Bahnhof, und ich überlegte, ob ich von hier mit der Bahn zurück nach Norrmalm fahren sollte. Aber irgendwie fand ich den Zugang zum Bahnhof nicht von meinem Weg aus und kehrte schließlich um. Zurück in Södermalm kaufte ich noch etwas ein und entschied mich dann, von der Bahnstation Skanstull zurück zum Hauptbahnhof zu fahren. Es war das erste und wird wohl auch das einzige Mal sein, dass ich bei diesem Besuch die S-Bahn benutzte, also kaufte ich mir nur einen Einzelfahrschein. Die vierte Station war dann schon der Bahnhof. Von dort ging ich dann – mit einem Abstecher zu McDonald’s – zurück ins Hotel, wo ich dann diese Zeilen tippte.

Ich bin übrigens gestern nicht noch einmal raus gegangen, um Nachtaufnahmen zu machen. Vermutlich tue ich das auch heute nicht mehr, ich merke meine Füße deutlich, es waren halt ein paar km. Morgen geht es dann ja weiter (bzw. eigentlich ja „zurück“, aber für im Sinne des Urlaubs ja irgendwie doch auch „weiter“) nach Kopenhagen. Also kommt der nächste Bericht vielleicht von dort, aber ich schreibe vielleicht doch vorher morgen auf der Fahrt noch ein Stockholm-Fazit.
Bis bald.