Die schwarze Maß war gestern

Unterwegs nach Wien

Ich schreibe diesen Beitrag aus dem ICE 23 von Nürnberg nach Wien. Aktuelle Position: Bei Parsberg, irgendwo zwischen Nürnberg und Regensburg. Zeit: 11:34. Geschwindigkeit 139 km/h,

Seit Freitag bin ich schon unterwegs im Urlaub. Bevor ich in Nürnberg in den Zug nach Wien stieg, war ich zuvor zu Gast bei Freunden in Muhr am See. Diese Tage werde ich erst einmal Revue passieren lassen.

Freitag, 28. Juli. Anreise und erster Besuch auf der Kerwa

8.00 Uhr morgens. Mein Schlaufon weckt mich mit… tatsächlich irgendeinem ärgerlichen Standard-Klingelton aus dem Systemverzeichnis. Da muss ich mal was dagegen tun. Ich hatte am Vorabend noch nichts gepackt und bin daher, obwohl der Zug erst ab 10.47 Uhr fahren sollte, früh aufgestanden. Also packte ich Klamotten, Bier (als Geschenk für meine Gastgeber in Muhr am See) und eine Box mit „Die Siedler von Cathan – Baden-Würthenberg-Edition“ (gehört einem Freund, den ich am Ende der Reise besuchen werde) in meinen knallorangenen Reisekoffer Bob.

Der Regionalexpress von Osnabrück war halbwegs pünktlich, ich errreichte meinen Anschluss in Düsseldorf. Im ICE nach Würzburg machte ich es mir bequem und schaute einen Film „Ticket To Paradise“ mit George Clooney und Julia Roberts in den Hauptrollen. Die Handlung war zwar extrem vorhersehbar (was ebenfalls vorhersehbar war), aber die beiden Hauptpersonen lieferten sich sehr schöne, verbale Schlagabtausche, was den Film amüsant machte. Ich musste mich lachtechnisch am Riemen reißen, weil ich in einem Ruhebereich saß. Nach dem Film wechselte ich auf einen anderen, „Bombshell“, über eine wahre Geschichte über sexuelle Übergriffe bei Fox News, die dessen CEO schließlich zu Fall brachten. Naja… der bekam von Rupert Murdoch (in der echten Welt) 40 Mio. USD Abfindung, während die klagende Frau 20 Mio. USD erhielt. Äh… ich schweife ab.

Der Zug fuhr langsamer, hielt zwischenzeitlich und irgendwann war dann ziemlich klar, dass ich den Anschluss in Würzburg nicht bekommen wurde. Ich hab die Durchsagen nicht so ganz mitbekommen, weil ich ANC-Kopfhörer trug. Aber ich brach das Filmgucken irgendwann ab, um mich mit den Mitreisenden auszutauschen. Es war von einem medizinischen Notfall die Rede. Am Ende kamen wir in Aschaffenburg an, aber der Zug fuhr nicht weiter. Es kamen offenbar Rettungskräfte, jedenfall hörte ich die Sirene eines Ambulanzfahrzeugs. Ich konnte das nicht sehen, aber ein just Zugestiegener sagte, an habe jemanden im Zug reanimieren müssen. Schlimmer als einen Anschluss zu verpassen, sowas…

Irgendwann wurden wir dann aus dem Zug herauskomplimentiert und mussten in einen anderen Zug Richtung München Hbf umsteigen. Dieser war überfüllt, aber viele andere Passagiere und ich ignorierten einen Haufen rotes Flatterband, mit dem ein Wagon wegen ausgefallener Klimaanlage abgesperrt war und besetzten das Ding. Es war auch überhaupt nicht heiß bei maximal 20 Grad Außentemperatur.

Uns doch egal…

Mit einiger Verspätung erreichte ich dann Würzburg, wo ich in einen Regionalexpress, der von „Go ahead Bayern“ betrieben wurde. Der war ebenfalls schon mit Verspätung in Würzburg, und es dauerte gefühlt ziemlich lange, bis endlich alle Aussteigenden den Zug verlassen hatten. Die „Go ahaed Bayern“-Züge haben nämlich nur eine Tür auf jeder Seite pro Triebwagen, nicht wie man es sonst kennt, zwei. Etwa 75 Minuten als urspünglich geplant ging es dann mit dem an jeder Milchkanne anhaltenden Zug nach Muhr am See dann weiter. Etwa gegen 19.17 Uhr kam ich dann in Muhr am See an, wo mich meine Gastgeberin (vormals „Frankfurter Gastgeberin“ aka „Handtaschenfreundin“) abholte.

Sie brachte mich mit ihrem Wagen zu dem Haus, in dem sie zusammen mit ihrem Freund wohnt. Ich war ihm bisher nur virtuell während der Pandemie per Bildschirmtelefonat begegnet und wurde sehr herzlich begrüßt. Ich bekam auch ziemlich umgehend mein erstes Spalter (ein helles Bier aus einem Dorf namens Spalt in der Nähe) in die Hand gedrückt. Nachdem ich mir einen Eindruck von dem schönen Haus, welches direkt an einem Fischweiher gelegen ist, gemacht und mein Gepäck in das Gästezimmer gebracht hatte, machten wir uns trotz des regnerischen Wetters auf den Weg zur „Kerwa“ (Kirchweih). Diese Volksfeste sind gefühlt fast immer in irgendeinem Nachbardorf (wie ich erfuhr), doch dieses war in Altenmuhr und fußläufig erreichbar. Aufgrund des Regens hatte man kurzfristig ungewöhnlich viele Zelte organisiert, damit man auf den Bierzeltgarnituren einigermaßen trocken bleiben konnte.

Mein erstes Spalter umgehend nach Ankunft eingefordert. Im Volksmund heißt es: „Spalter-Bier, dann steht er Dir“.

Es gab erst einmal zwei Maß Spalter-Bier für uns Jungs und eine Weinschorle Sauer (das bedeutet, mit Wasser, Süß wäre mit Sprite) für die Dame. Ich wurde etlichen Freundinnen und Freunden meiner Gastgeber vorgestellt und versuchte, die hiesige Kultur zu verinnerlichen (in erster Linie in Form von Gerstensaft, versteht sich). Apropos Kultur, es spielte ein Duo unter dem Namen „MP3-Player“ auf, mit Keyboard und Gitarre und beiden am Gesang. Allerdings schien mir im wesentlichen der Gesang live zu sein, der Rest kam vermutlich entweder von einem Sequencer oder halt von einem namensgebenden Gerät… Der Stimmung tat das allerdings mutmaßlich weniger Abbruch als das Wetter.

Ich erfuhr jedenfalls etwas über den fränkischen Diminutiv, dem „-la“. Ein Madla ist ein Mädchen, Plural ist „-li“, als Madli. Ein kleines Bier (0,5 Liter) wird als „Seidla“ bezeichnet. Nach dem Verzehr eines Hähndel mit Pommes und beschwingt von der ersten Maß und begeistert von meinen neuen Kenntnissen schlenderte ich zur Tränke, um zwei „helle Seidla“ zu ordern. Das wäre dann fast schief gegangen, denn Meister Zapfhahn fragte mich argwöhnisch „Wos? Zwo Radler?“ … was mich desillusioniert in meine Muttersprache zurückfallen ließ. Der folgende Halbliter Spalter brachte mich aber schnell wieder ins seelische Gleichgewicht zurück.

Weitere Erkenntnisse gab es über ein fesches Madli im Dirndl, die just den Titel der Bürgerschützenkönigin erworben hatte und die Tochter von Freunden meiner Gastgeber war. Ihr jüngerer Bruder bekam (noch nicht so altersgemäß und unter dem missbilligendem Blick meiner Gastgeberin) von seinem Vater eine sogenannte „schwarze Maß“ zugeschanzt. Dieses Getränk besteht zu großen Teilen aus Bier und Cola, was ja erst einmal einigermaßen harmlos ist. Allerdings wird das Gebräu alkoholtechnisch dann noch mit zwei Asbach und einem Kirschlikör aufgemotzt, weshalb man sich damit entsprechend komod abschießen kann. Bei der Dorfjugend war das Getränk entsprechend hoch im Kurs.

Hier wurde eine schwarze Maß unverrichteter Dinge am Wegesrand ausgesetzt.

Nach einem Ausflug in „Die Bar“, ein Zelt, in dem auch Spirituosen und Mixgetränke gereicht wurden, landeten wir am Ende in einem Festzelt, wo mir noch weitere Freunde vorgestellt wurden und man mir aus dem Freundeskreis noch ein weiterers Seidla ausgegeben wurde.

Wir machten und auf den Heimweg, und während die Gastgeberin recht unmgehend die Matratze aufsuchte, nahmen wir Kerls noch ein weiteres Spalter aus der Flasche zu uns. Die Dinger kommen auch als Halbliter, und wer mitgezählt hat, hat eine Erklärung dafür, dass ich am Samstagmorgen dann etwas indisponiert war. Aber erstmal unterhielten wir uns noch angeregt über eine Spalterlänge in der Küche, bevor auch wir das Bett aufsuchten.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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