Hammerhaie und pinke Kinobesucher:innen

Im RJX-60 von Wien nach München, 231 kmh, ca. 10 km vor St. Pölten

Donnerstag, 3. August – Haus des Meeres und Barbie

Heute hatte ich ziemlich konkrete Pläne. Nach dem Frühstück schaute ich im Zimmer nur kurz, wie ich zum „Haus des Meeres“ käme, welches mir von jemandem im Zug nach Nürnberg empfohlen worden war. Aha. Mit der U1 (wie so oft zuvor) los Richtung Leopoldau, dann Umsteigen am Stephansplatz in die U3 Richtung Ottakring (da, wo das gute Bier offenbar hinkommt), dann Neubaugasse aussteigen und ein paar Minuten Fußmarsch zum Aquarium. Und abends, so hatte ich mir nach einer Empfehlung meiner Leserin und Freundin Satayspiess überlegt, ins Kino, „Barbie“ gucken. Warum nicht konsequent sein und „Barbenheimer“ komplett in Wien schauen? Das Wetter war okay… bedeckt, aber nur wenig Regen.

An der Naubaugasse ausgestiegen landete ich in einer großen Einkaufsstraße. Nicht so edel wie am Stephansdom, eher für Otto Normalverbraucher. Ich erspähte ein großes Kaufhaus namens „Zara“ und beschloss, da kurz reinzugehen. Ich brauchte einen Kugelschreiber, um ein paar Postkarten zu schreiben. Ich fand einen in der Spielwarenabteilung, wo es auch Schulausrüstung zu kaufen gab und verließ das Kaufhaus wieder. Allerdings nicht, ohne einen sehnsüchtigen Blick auf das LEGO-Batmobile und die Playmobil-Enterprise zu werfen, die es neben anderen coolen Sachen dort zu kaufen gab.

Das Portal der Mariahilfer Kirche. Der Stadtteil heißt Mariahilf.

Ich ließ mich von Google zum „Haus des Meeres“ führen. Dabei kam ich an der prächtigen Mariahilfer Kirche vorbei und machte schnell ein paar Bilder. Angekommen am „Haus des Meeres“ machte sich zunächst eine gewisse Ernüchterung breit – vor dem Eingang stand eine Riesenschlange, und Nieselregen setzte ein. Guides vom Museum verteilten allerdings Regenschirme, ich verzichtete aber auf den Schirm und auch darauf, meine Regenjacke anzuziehen – allzu viel kam nicht herunter. Ein Guide meinte zu (mutmaßlich) einem Vater mit Sohn vor mir, die Wartezeit betrüge etwa 45 Minuten. Im Gegensatz zu diesen beiden entschied ich mich, die Wartezeit in Kauf zu nehmen.

Ich beschäftigte mich mit meinem Schlaufon, mit Ingress und Nachrichten, unter anderem hatte ich ein Auge auf dem Spiegel.de-Liveticker des Fußball-WM-Spieles der DFB-Frauen gegen die südkoreanische Mannschaft. So war die Wartezeit vor dem ehemaligen NS-Flakturm, in dem das Aquarium (eigentlich ein ganzer Zoo) untergebracht war, ganz erträglich. (Obwohl leider die DFB-Damen in der Vorrunde aus dem Turnier ausschieden.)

Das „Haus des Meeres“, untergebracht in einem alten NS-Flak-Turm. Ob Friedrich Tamms, der Architekt, sich jemals hätte träumen lassen, was aus seinem Stahlbeton-Monster hier werden würde?

Schließlich war ich im Gebäude und an der Kasse angekommen und löste ein Ticket. Ich las auf einem Schild die Empfehlung, die Tour ganz oben anzufangen und mich dann Stockwerk für Stockwerk nach unten vorzuarbeiten. Also fuhr ich mit dem Aufzug in die neunte Etage und ging von da aus die Treppen bis ins oberste Stockwerk, das elfte. Hier gab es eine Aussichtsplattform mit Blick auf die Stadt und ein Restaurant. Da es Mittagszeit war und ich ohnehin geplant hatte, in der Gastronomie der Einrichtung etwas zu essen, bestellte ich mir Bier und geschreddertes Huhn mit Dip, welches ich dann mit Blick auf die Dächer der Stadt verzehrte.

Imbiss über den Dächern Wiens

Danach machte ich mich daran, die Exponate zu besichtigen. Zunächst sah ich in der 10. Etage in einem Aquarium Hammerhaie, Rochen und andere Fische. Dann ging es weiter unten zu Habitaten von Kattas aus Madagaskar (eine Lemuren-Art, bekannt aus den animierten „Madagascar“-Filmen) und Kommodo-Waranen aus Australien. Die Lemuren waren recht aktiv, der Waran, den ich sah, eher sehr gechillt. Über die Warane lernte ich, dass die mal eben in einer Mahlzeit 80 kg ihres Eigengewichtes wegknabbern können. Auch sollen sie ziemlich intelligent sein. so sollen sie auf ihre Namen und ihnen zugewiesene Symbole reagieren und sogar zählen können. Irgendwie erinnerten mich die Viecher an die Velociraptoren aus „Jurassic Park“. Denen möchte ich nicht in freier Wildbahn begegnen, wenn die Hunger haben.

Katta beim Mittagessen

Insgesamt muss man sagen, dass „Haus des Meeres“ die Einrichtung also nur unvollständig beschrieb, obwohl es den Kernpunkt der Ausstellung beschrieb. Eigentlich war es eher ein vertikaler Zoo, auch wenn natürlich große Wildtiere fehlten, die man in einem Gebäude halt nicht halten kann. Wie auch immer, mir gefiel die Ausstellung gut. Sie war vor allem edukativ auf Kinder ausgerichtet, denn die Schautafeln waren kindgerecht und leicht verständlich (sogar ich habe sie verstanden). Es waren auch viele Kinder mit ihren Eltern unterwegs. Bei einem der Aquarien beneidete ich sie darum, dass sie im Gegensatz zu mir einen Krabbeltunnel durch eins der großen Aquarium nutzen konnten, das sah echt spannend aus!

Hammerhai unterwegs.

Eine ganze Etage schien mir neben einer Ausstellung über die Meeresforscher Hans und Paula Hass schwerpunktmäßig dem Thema gewidmet zu sein, wie der Mensch den Meeren schadet. Im Wesentlichen ging es um die Verschmutzung durch Plastik, aber auch um Überfischung. Und darum, was jeder einzelne durch sein Konsumverhalten dazu beitragen kann, dem Meer möglichst wenig Schaden zuzufügen (Kunststoffe und Mikrokunststoffe möglichst meiden, ggf. fachgerecht entsorgen, bei Meerestieren auf Siegel achten, die auf nachhaltige Fischerei verweisen). Auch das war für Kinder leicht verständlich dargestellt. Besonders beeindruckt hat mich die Skulptur eines großen Wals aus Plastik, die unter dem Titel „The last whale“ von Schüler:innen eines Gymnasiums aus Kunststoffabfällen angefertigt worden war. Schautafeln zufolge führte das Engagement dieser Kinder in der Folge zu einer von der UNO unterstützen, von Kindern veranstalteten und geleiteten Konferenz zum Schutz der Meere, der nebst anderen Persönlichkeiten diverse Staatsoberhäupter und der Papst beiwohnten.

The Last Whale – von Schüler:innen angefertigter Wahl aus Kunststoffabfällen. Ist Kunst, kann nicht weg.

Außerdem ging es viel um das Thema der gefährdeten Haie. In einer Grafik war zu sehen, dass jedes Jahr Millionen von Haien durch Menschen zu Tode kämen (gezielter Fang, Beifang, Klimawandel, Meeresverschmutzung), aber lediglich 3-10 Menschen durch Haie. Wer ist hier der Bösewicht? Haie und deren Schutz war für Hans Hass ein wichtiges Thema, es ging ihm auch darum, Menschen die Angst vor den Tieren zu nehmen. Er und seine Frau Paula gehörten zu den ersten, die absichtlich mit Haien schwammen.

Chamäleon. Das hier schlicht langsam den Ast hoch. Ich fand es faszinierend, wie gut Hände und Füsse genau dafür angepasst sind, diese runden Äste zu umfassen.

Ich arbeitete mich Etage für Etage weiter nach unten. Es gab viele kleine Aquarien und Terrarien mit Fischen, Krebstieren, Spinnen, Schlangen und Echsen, durchsichtige Kunststoffröhren mit Blattschneiderameisen. In einem Aquarium bewegten sich unzählige, weiße Kanonenkugel-Quallen in einem quirligen Reigen. Ich sah riesige Pythonen, und sehr giftige Schlangen wie die grüne Mamba und den Inland-Taipan. Letzteres, in Australien vorkommendes Reptil, soll die giftigste Schlange der Welt sein, ein Biss soll eine Giftmenge enthalten, die für 230 Menschen zum Ableben reichen sollte. Allerdings seien die Tiere so scheu, dass es kaum zu Begegnungen mit Menschen käme, zwischenzeitlich galt die Art sogar als ausgestorben, weil es keine Sichtungen gab.

Ein verflixt giftiger Bursche. Aber zum Glück leben die Inline-Taipane in von Menschen unbewohnten Regionen Australiens. Daher gibt es selten Sichtungen und keinen einzigen, dokumentierten Todesfall.

Das große Atlantik-Aquarium mit seinen Weiß- und Schwarzflossen-Haien, Katzenhaien, Rochen und vielen anderen Fischen gehörte für mich zu den beeindruckensten Attraktionen. Durch einen Tunnel konnte man mitten durch das Aquarium hindurch spazieren. Außerdem gab es ein großes Tropenhaus, welches als komplett zusätzliche Konstruktion an die Außenwand des ehemaligen Flak-Turms angehängt war. Hier konnte man auf zwei Etagen beispielsweise kleineren Affen begegnen, die sich hier frei bewegen konnten – ich machte mir deswegen ein bisschen Sorgen um meine Mütze, frei lebende Affen haben ja den Ruf, gerne mal übergriffig gegenüber Menschen zu werden. Außerdem gab es hier frei fliegende, bunte Papageienvögel verschiedener Arten.

Schildkröten-Polonnaise? Und Erwin fasst der Heidi von hinten an die Schulter?

Insgesamt schien mir die Tierhaltung im wesentlichen artgerecht zu sein, einen Ansatz von Hospitalismus habe ich nur bei einer Echse gesehen. Außerdem schien mir die Einrichtung sehr engagiert in der internationalen Zusammenarbeit beim Tier- und Artenschutz zu sein, einerseits durch Nachzucht, andererseits durch Aufklärung. Gleichwohl gab es trotz der Appelle gegen Kunststoff im „Café Sharky“ Softdrinks und Wasser in Plastikflaschen im Automaten zu kaufen…

Achso, daher pfeift der Wind!

Nach über drei Stunden im „Haus des Meeres“ verließ ich dasselbe wieder. Es war weiterhin bedeckt, regnete aber gerade nicht. Ich suchte ein Café in der Nähe für ein Stück gedeckten Apfelkuchen und eine Wiener Melange auf und schrieb drei Postkarten. Außerdem reservierte ich telefonisch im CineCenter ein Ticket für „Barbie“. Nachdem ich noch ein Wieselburger auf den Kaffee geschüttet hatte ging ich wieder in Richtung U-Bahnhaltestelle, suchte aber noch eine Postfiliale (bzw. deren Briefkasten außen) und einen Bankautomaten auf. Danach fuhr ich von der Haltestelle Zieglergasse wieder zurück zum Stephansplatz, um in die U1 Richtung Leopoldau zu wechseln.

Da es erst gegen 18 Uhr war und der Film erst um 20.30 Uhr begann, beschloss ich, nicht am Schwedenplatz auszusteigen, sondern weiter bis zur Haltestelle Donauinsel zu fahren. Diese befindet sich in der Reichsbrücke, welche die Donau samt Donauinsel überspannt. Man kann von da aus sowohl beide Ufer der Donau, als auch die Donauinsel erreichen. Eigentlich wollte ich mal auf die Insel, folgte aber einem vielversprechenden Schild „Copa Beach“. Das war am nordwestlichen Donau-Ufer. Es gab Skater, die Tricks unter der Reichbrücke probten, viele Schwäne und ein paar Enten im Wasser und Gastronomie und einen kleinen Strand mit Liegestühlen sowie einen Badesteg. Aber ich wollte ja eigentlich zur Insel, also überquerte ich die Fußgängerbrücke „Ponte Cagrante“, die dorthin führte.

Donauufer it Donauturm

Am Ufer der Insel gab es ebenfalls verschiedene gastronomische Einrichtungen, und ich bestellte ein Gösser Stiftsbräu und Soulvlaki in der Außengastronomie eines griechischen Restaurant. Ich kalkulierte, dass ich dafür vor dem Film noch genügend Zeit hätte. Es passte dann auch. Nach dem Essen ging ich von der Insel aus zur U-Bahnstation Donauinsel zurück und nahm die Bahn Richtung Oberlaa, um am Schwedenplatz auszusteigen.

Da mir diese Gegend durch vorangegangene Besuche ja schon einigermaßen vertraut war, brauchte ich Google nicht mehr, um das nahegelegene Kino zu finden und meine reservierte Karte abzuholen. Ich hatte noch ca. eine halbe Stunde Zeit bevor der Film beginnen sollte und spazierte noch ein wenig durch die Gassen. Schließlich war es mein letzter Abend in Wien, und es gab noch ein paar Ingress-Portale, die noch keinen lila Kringel (= von mir schon einmal besucht, Durftmarke hinterlassen) hatten in der Nähe.

Auf einer Gasse, dem Bauenmarkt, kam ich unter einer Art Viadukt hindurch. Auf der anderen Seite stand ein Rudel (mutmaßlicher) Touristen mit ihren Smartphonekameras im Anschlag bereit. Allerdings nicht für mich (was ich natürlich auch nicht annahm), sondern um die historische Anker-Uhr auf der anderen Seite des Viadukts zu fotografieren oder zu filmen. In einer Art „touristischem Reflex“ drehte ich mich flugs um 180 Grad, um ebenfalls meine Kamera in dieselbe Richtung auszurichten. Just in dem Moment, als ich die Uhr mit ihren allegorischen Figuren sah, ertönte der 20.00 Uhr Glockenschlag. Weiter passierte … nix. Ein spektakuläres Figurentheater wie bei der astronomischen Uhr am Prager Rathaus blieb aus. Hm. Ich hab es gerade bei Wikipedia nachgeschaut. Die Uhr, die von der Anker-Versicherung an ihrem Gebäude am Fleichermarkt in Auftrag gegeben und 1915 erstmals getestet wurde, liefert ausschließlich zur Mittagsstunde ein Musik- und Figurenspektakel ab.

Die Anker-Uhr. War nix los…

Ich sah mich noch ein wenig auf dem prächtigen Platz um und schlug dann wieder den Weg zum Kino ein. Dort versorgte ich mich mit Getränken für den Film und wartete auf den Einlass. Wenig bespäter konnte ich in den Saal, und nach ein paar Trailern für andere Filme begann „Barbie“. Achja, erwähnenswert ist vielleicht noch, dass die komplette Sitzreihe vor meinem Platz mit pinkfarben gewandeten Damen (und einem ebenso gekleideten Herren) besetzt war.

Was den Film betrifft: Irgendwie habe ich so eine durchwachsene Meinung dazu. Hat er mir gefallen? Ich bin nicht sicher. Würde ich den Besuch empfehlen: Auf jeden Fall, und zwar Frauen sowie Männern. Das klingt jetzt widersprüchlich. Einerseits mochte ich irgendwie die Vibes des Films nicht so, es war halt alles so künstlich und aufgesetzt, und die Geschichte ausgesprochen hanebüchen – sowohl die Szenen, die in „Barbieland“ spielten, wie auch die in „der echten Welt“. Aber was habe ich denn anderes erwartet? 

Lustig war der Film andererseits schon, und er transportiert eine Menge Botschaften über die Rolle von Männern und Frauen und deren Beziehungen zueinander in der echten Welt. Und die wiederum finde ich so relevant, dass ich den Besuch des Films nur empfehlen kann. Wir Männer können, so glaube ich, hier ein paar Lektionen über die Damenwelt lernen. Ich halte mich eigentlich nicht für einen toxischen Misogynisten, nicht mal annähernd, und dennoch ertappe ich mich Frauen gegenüber immer wieder einmal bei Denk- und Verhaltensweisen, die ich selbst nicht in Ordnung finde. Da kann auch ich noch viel lernen und verbessern. Daher finde ich den Film relevant, und selbst, um einiges noch mal klar vorgeführt zu bekommen, was man an sich weiß. 

Und auch für Frauen kann der Film relevant sein, ich könnte mir vorstellen, dass es befreiend seien kann, wenn Frau feststellt, dass sie mit ihren Problemen und Ansichten gegenüber der Männerwelt nicht alleine ist. Und dass es einfach stimmt, dass auch in so genannten aufgeklärten, westlichen Gesellschaftssystemen wirkliche Gleichberechtigung meist nicht erreicht ist. Und dass die Gesellschaft, auch tatsächlich nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen untereinander, teilweise viel zu viel von Frauen erwartet. Ich hoffe, dass ich das so beurteile ist an sich nicht anmaßend – natürlich kann ich das nur vermuten. Denn die Perspektive einer Frau kann ich ja, wenn überhaupt, nur auf einer theoretischen, interlektuellen Ebene einnehmen, also bin ich allenfalls begrenzt urteilsfähig.

Wien Hauptbahnhof von der anderen Straßenseite aus.

Mit solchen Gedanken machte ich mich also mit der U1 wieder zurück zum Südtiroler Platz. Angekommen im Hotel ging ich umgehend ins Bett. Am nächsten Tag stand schließlich die fast sieben Stunden lange Reise nach Ludwigsburg an.

Avatar von Unbekannt

About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized, Wien abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Response to Hammerhaie und pinke Kinobesucher:innen

  1. Avatar von Storasyster Storasyster sagt:

    Ein toxischer Misogynist – nee, das bist Du nun wirklich nicht, auch nicht ansatzweise!

Hinterlasse einen Kommentar