Can Tho, Duc’s Gästehaus, 03:55 Uhr Ortszeit
Eigentlich würde ich gerade lieber pennen, aber gerade schaffe ich es nicht, wieder einzuschlafen. Ich schlief schon, aber ich habe einen sehr leichten Schlaf und wurde (vermutlich vom Anspringen der leisen, aber nicht geräuschlosen Klimaanlage) geweckt. Ich schaltete sie aus, aber dann wurde es auch schnell wärmer, was zum Einschlafen auch nicht so förderlich ist. Ebensowenig, wie die vielen Gedanken und neuen Eindrücke vom Vortag, von dem ich jetzt in Rückblende berichten möchte.
Nachdem wir in Istanbul ca. drei Stunden Aufenthalt hatten, konnten wir an Bord des A350-900 nach Saigon gehen. Insgeheim war dieser Flugzeugtyp, von dem die Flugbereitschaft der Bundesluftwaffe zwei Exemplare zum Transport von Top-Politikern und ihrer Trosse bereit hält, mein Favorit. Nun, andere Flugzeuge sind auch gut, aber von Boeing hört man im Moment wenig Gutes, und der A350 ist ein noch ziemlich aktueller Typ. Es gab einen nennenswerten Unfall, bei dem niemand an Bord des Airbus ernsthaft zu Schaden kam, aber das Flugzeug selbst ein Totalverlust war: Erst vor kurzem ist in Japan ein A350 bei der Landung mit einer Dash-8 der japanischen Küstenwache kollidiert, die auf der Landebahn stand und dort nichts zu suchen hatte. Dafür konnten weder der A350 noch dessen Besatzung etwas.

Der Großraumflieger der Turkush Airlines hatte vergleichsweise große Bildschirme für das Onboard-Entertainmentsystem, auch größere als der A321 Neo derselben Linie, mit dem wir nach Istanbul gelangt waren, und dieselbe Auswahl an Filmen, TV-Programmen, Fernsehserien, Spielen, Fluginformationen (Geschwindigkeit, Höhe, Kurs, Position etc.) aber noch ein Feature, das ich ziemlich cool fand: Zugriff auf drei Kameras außen Am Flugzeug. Es gab zwei Kameras unter dem Rumpf, von denen eine den Blick senkrecht nach unten und eine den Blick nach vorne zeigte. Eine dritte Kamera am Seitenleitwerk zeige einen Blick nach vorne und den größten Teil der Maschine selbst von schräg oben. Die Kamera unter dem Rumpf zeigte auch das Bugfahrwerk, wenn es ausgefahren war. Das war interessant bei den letzten Vorbereitungen vor dem Flug, beim Taxiing und beim Ein- und Ausfahren des Fahrwerks. Die Kamera auf dem Seitenleitwerk zeigte einen guten Blick auf die Tragflächen und das Hauptfahrwerk, so dass man sehr gut Vorflügel-, Lande- und Störklappen sehen konnte. Das war schon ein nettes Feature, welches ich so noch nicht kannte. Meine vorangegangenen Flüge waren im Jahr 2016 gewesen, und meine letzten Flüge in einem Großraumflugzeug wahrscheinlich so 2011.

Der Start war für 03.05 Uhr vorgesehen, aber sicherlich nicht pünktlich. Ich habe nicht so auf die Uhr geschaut, aber nachdem wir auf unseren Plätzen saßen, dauerte es sicherlich eine halbe Stunde, bevor das Flugzeug von einem Push-Back-Fahrzeug vom Terminal ausgeparkt wurde. Danach kamen sicherlich noch 10 Minuten Taxiing auf dem großen Flughafen dazu, bevor die große Maschine (nach meinem Gefühl) erstaunlich schnell beschleunigte und abhob.
Ich schaute mir noch das Ende von „Mission Impossible – Dead Reckoning Part 1“ bis zum Ende an, wobei das Ende natürlich kein richtiges Ende war, weil ja noch ein zweiter Teil kommen wird. Danach versuchte ich, „Fast X“, den aktuellen Teil der „Fast and the Furious“-Reihe anzusehen. Irgendwie hatte ich keine rechte Lust drauf, ist auch irgendwie eh immer dasselbe, ein Stück weit. Dann versuchte ich es mit dem Pixar-Animationsfilm „Soul“, über den ich gutes gehört hatte. Doch auch da konnte ich mich nicht so recht konzentrieren. Ehrlich gesagt, es lag auch ein bisschen daran, dass auf dem Bildschirm meiner Schwester, die neben mir saß, „Top Gun – Maverick“ lief und ich teilweise einfach nicht auf den richtigen Schirm schaute … vielleicht hat meine Schwester einfach die bessere Wahl getroffen als ich. Es gab noch Abendessen, betitelt mit irgendwas wie „Meatball with…“, jedenfalls auf türkische Art, es wahr wohl Köfte, einem Mitflieger zufolge, bisschen Salat und einen leckeren Vanillepudding, dazu ein Heineken. Das Essen war, wie auch alles andere, recht gut.
Schlafen viel mir schwer. ich habe im Moment ein orthopädisches Problem, um dass ich mich kümmern muss, wenn ich daheim bin: Mir tut immer schon nach kurzem Sitzen der Hintern weh, egal auf welchem Sitzmöbel. Keine gute Voraussetzung für einen achtstündigen Flug … Ich hörte etwas Musik und las ein bisschen in „Lovecraft Country“ von Matt Ruff. Ich kenne das Buch bereits, möchte es aber noch ein zweites Mal lesen, bevor ich mir die Fortsetzung kaufe. Zwischendurch Toilettengang, Glieder recken, paar Kniebeugen. Mit dicken Beinen oder Füßen hatte ich zum Glück, auch ohne Kompressionsstrümpfe keine Probleme. In meinem Alter ist das ja nicht selbstverständlich.
Es war längst heller Tag an unserer Position, aber die Blinds der Fenster blieben noch lange geschlossen, um den Passagieren zu ermöglichen, ihren Schlafrhythmus beizubehalten. Irgendwann begann dann doch der Tag an Bord, und es gab Frühstück – Omelette und ein Brötchen mit Käse oder Marmelade (je nachdem, was man halt drauf machte) und Getränke. Nicht lange danach begann auch schon der Landeanflug. Ich saß am Fenster und konnte bei der Landung viel von der Großstadt Saigon sehen, die ausgedehnten Flusslandschaften samt Schiffsverkehr, große Hochhäuser, Hafen und Industrie und andere Wohngebiete. Dann setzten wir auf und rollten zum Terminal.

Der Flughafen von Saigon ist viel kleiner und übersichtlicher als der von Istanbul. Zuerst hieß es, mit ein wenig Nervosität, ob es Probleme bei der Einreise in das kommunistische Land geben würde, die Passkontrolle zu passieren. Erst seit kurzen benötigt man für einen Aufenthalt von bis zu 45 Tagen kein Visum mehr, und der Freund meines Neffen und ich hatten daher auch keins. Obwohl sehr viele Schalter geöffnet hatten, waren die Schlangen ziemlich lang. Der Beamte am Schalter legte uns aber keine Steine in den Weg, hatte kaum Fragen und gab uns ziemlich schnell einen netten Stempel ins Reisedokument, als wir an der Reihe waren.
Danach hieß es, die Koffer abzuholen, ich erspähte Bob, meine orangefarbene Hartschale, fast sofort. Man (Passagiere, Flughafenmitarbeiter?) hatte schon viele Koffer vom Karussell genommen und in Reihen davor aufgestellt. Nachdem auch meine beiden Reisebegleiter ihre Koffer gefunden hatten, ging es Richtung Ausgang. Niemand wollte am Checkpoint prüfen, was wir einführten, es gab nur ein Lächeln von der offensichtlich zuständigen Dame, das wars – was uns entgegen kam, weil es schnell ging. Denn mein Schwager und die Freundin des Freundes meines Neffen, die schon vorher mit einem anderen Flug in Saigon eingetroffen war, erwarteten uns bereits mit einem Fahrer und dessen „etwas größeren Kleinbus“.
Das Fahrzeug war ein Bus der Marke Hundai und hatte, wenn ich recht gezählt habe, so 18 Sitzplätze, die recht komfortabel waren. Außerdem gab es Wasser und WLAN an Bord. Die Busfahrt vom Flughafen in Saigon zu unserem ersten Übernachtungsziel in Can Tho hatte mein Schwager organisiert, der hier ja „Heimvorteil“ hat. Er ist in einem Dorf unweit von Can Tho aufgewachsen, bevor er als Achzehnjähriger mit einem Stipendium nach Deutschland gekommen ist. Er besucht jedes Jahr seinen Bruder und dessen Familie in Can Tho und veranstaltet dann von hier aus Rundreisen mit Interessierten aus seinem großen Bekanntenkreis. Daher kennt er sich natürlich bestens aus, wenn es darum geht, günstig Fahrzeuge samt Fahrer für Inlandreisen zu buchen.
Wir verständigten uns, irgendwo unterwegs anzuhalten, um eine Abendessen einzunehmen. Zuerst ging es aber ungefähr eine Stunde lang durch die große Stadt. Man sah (was ich aus Berichten von anderen Vietnamreisenden kannte) sehr viele Mopeds, auf denen vor allem junge Leute saßen, teilweise alleine, manchmal zu zweit, manchmal auch Mann, Frau und dazwischen ein Kind. Die ganz großen Transporte, die es hier wohl in früheren Jahren (Vietnam entwickelt sich rasant) noch öfter sah (Familien mit mehreren Kindern und vielleicht noch einer Ladung Lebensmittel auf einem Moped) sah ich nicht, das gibt es wohl nur noch auf Postkarten. Das Leben tobte, es wurde viel gehupt, am Straßenrand boten Händler Streetfood oder andere Waren feil.
Die Architektur war bunt gemischt – heruntergekommene Gebäude aller möglichen Baustile wechselten mit edlen Hotels und modernen Hochhäusern, die Verkabelung von Strom- und Telefonleitungen war… sehr kreativ (davon hatte ich auch schon gehört, vielleicht kann ich mal ein Bild nachliefern), und es gab viel zu sehen.

Irgendwann waren wir aus der Innenstadt heraus und dann erst auf einer Schnellstraße, dann auf einer Autobahn (CT01) unterwegs. Hier machten wir Rast. Es war schon vergleichbar mit einer Raststätte, wie man sie an den Autobahnen europäischer Länder kennt, Tankstelle, Parkplätze, Toiletten, Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten, aber natürlich doch auch anders, vietnamesisch Eben.
Wir setzen uns, unter Verhandlungen mit einem Mitarbeiter des Restaurants, draußen an einen Tisch (die Gastronomie war komplett offen, aber überdacht). Der Mitarbeiter sprach passables Englisch und outete sich schnell als Fan des FC Bayern München, als er mitbekam, dass wir aus Deutschland kamen. Mein Schwager beriet uns in der Essensauswahl. Wir nahmen allesamt huu tiê, eine Nudelsuppe, Pho nicht unähnlich, aber mit anderen Nudeln und anders gewürzt, mit unterschiedlichen Zutaten (einig nahmen die Suppe mit Huhn, andere mit Garnelen). Ich übertrieb die Zugabe von Chilli-Salz-Mischung und zusätzlichen Chilli-Scheiben und machte das Gericht zu einer sehr scharfen Angelegenheit. Zwischenzeitlich dachte ich, ohne etwas Brot dazu überlebe ich das nicht, es wurde dann aber doch besser und ich schlürfte auch brav alles auf, ich fand es ja auch durchaus schmackhaft.

Nach der Mahlzeit setzten wir unsere Fahrt auf der CT01 fort. Es war kurz nach 20.00 Uhr, lt. Google Maps sollte die Fahrt wohl so um weitere, knapp zwei Stunden dauern. Ich versuchte, zwischenzeitlich ein wenig zu schlafen. Irgendwann überquerten wir, teilweise auf großen, noch recht neuen Brücken, auf die mein Schwager enthusiastisch hinwies, den Mekong und diverse Nebenarme. Dann war die Fahrt nicht mehr weit.
In Can Tho selbst fühlte ich mich an Las Vegas erinnert, weil an den Straßenrändern und auf Verkehrsinseln bunte Dekorationen emsig und bunt blinkten. Meiner Schwester zufolge sind das vorübergehende Blickfänger für das bevorstehende Tet-Fest (chinesisches Neujahr), das hier eine große Sache ist – und man betreibt in den Städten dafür eben etwas, was mit unseren Weihnachtsdekorationen vergleichbar ist).
Es war dann auch nur noch ein Katzensprung zu unserem Ziel. Ein jüngerer Bruder meines Schwagers, Duc, lebt hier in einem vierstöckigen Haus mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen, dessen Frauen und – bei der einen Kind-Familie – noch zwei Enkelkindern. Es ist also ein Dreigenerationen-Haus, in dem zusätzlich auch Gästezimmer vermietet werden. Das Haus ist sehr modern und nach westlichen Standards eingerichtet. Die Familien haben auf unterschiedlichen Etagen ihre Schlafzimmer, die jeweils eigene Badezimmer haben, im Erdgeschoss gibt es ein großes, gemeinsames Wohnzimmer mit Küche. Außerdem gibt es mehrere Balkone und (Dach)terrassen. Und einen sprechenden Aufzug mit seltsamer Aufzugsmusik.
Dazu betreibt eine der beiden Schwiegertöchter von Duc hier im Erdgeschoss einen Saftladen, in dem man superleckere Smoothies und Säfte aus verschiedenen (aus unserer Sicht exotischen) Früchten bekommen kann. Ein großer Smoothie kostet 30.000 Dong, das ist nur wenig mehr als ein Euro (der etwa 26.000 Dong wert ist). Und meeeegalecker und bestimmt auch gesund. Es gibt hier halt Früchte wie Mango, Passionsfrucht, Drachenfrucht und vieles mehr, was bei uns über Kühlcontainer landet, hier aber halt direkt vom Baum oder Strauch kommt und sehr viel aromatischer schmeckt. Da bietet sich so ein Shop schon wirklich an.
Wir wurden also herzlich im Wohnzimmer von Duc empfangen, bekamen unsere Zimmer (ich habe eins für mich samt Badezimmer, großem Bett, Klimaanlage und Fernseher) und wurden von Duc durch das ganze Anwesen geführt. Zwar ist das Haus nach westlichem Standard und sehr modern eingerichtet, aber da es ja sowohl Gäste, als auch Wohnhaus der Familie ist, gibt es eben doch auch viel vietnamesischen Touch. Ein Raum enthält alte Möbel vor Eltern meines Schwagers und seines Bruders, samt einer Bibliothek. Es gibt einen Ahnenaltar, was in der vietnamesischen Kultur häufig zu sehen ist. Die Vietnamesen ehren ihre Vorgängergenerationen, sowohl noch zu Lebzeiten, als auch darüber hinaus, sehr. Das täte auch unserer deutschen Gesellschaft manchmal gut, denke ich. Mehrere (Dach)terrassen laden mit Sitzgruppen und Topfplanzen zum Verweilen draußen ein. Außerdem gibt es noch einen Mops (ja, so einen Hund) und ganz neu eine noch sehr junge Tigerkatze von der Straße, die gerade erst hier anfängt, heimisch zu werden. Sie ist hier willkommen und bekommt Essen und Streicheleinheiten und wurde sofort zur Attraktion der Reisegruppe.

Insgesamt kann man sagen, dass Duc (und ein bisschen sicherlich auch mein Schwager, der ihn unterstützt hat) sehr stolz auf das ist, was er sich hier nach dem Krieg aus wenig Startkapital (das Grundstück gehörte wohl schon der Elterngeneration) für sich und seine Familie geschaffen hat – und absolut zu Recht, wie ich finde.
Wir nahmen noch eine Runde Smoothies und Säfte aus dem Saftladen der Schwiegertochter zu uns und suchten dann unsere Betten auf. Das werde ich jetzt auch wieder tun – bis zum Aufstehen um sieben bleiben mir nur noch weniger als zwei Stunden. Wir treffen uns um halb acht, um auswärts mit großem Buffet zu frühstücken. Danach machen wir eine Tour mit einem Kleinbus, wenn ich es recht verstanden habe, besuchen wir das Dorf, in dem mein Schwager aufgewachsen ist. Insgesamt bleiben wir noch zwei (oder drei?) Nächte in Can Tho, bis es mit dem Flieger von Can Tho aus nach Da Nang geht (wo mein älterer Neffe und seine Freundin zur Zeit leben). Später mehr. Ich kann das noch nicht veröffentlichen, WLAN-Passwort und SIM-Karten gibt es erst nachher.
Bis denne.