Can Tho, Duc’s Gästehaus, 19.07 Uhr Ortszeit (GMT +7)
Der Wecker war auf 04.00 Uhr gestellt. Ich war aber, nach fünf bis fünfeinhalb Stunden Schlaf bereits eine halbe Stunde vorher wach und döste so vor mich hin, bevor ich duschte und mich für den Tag fertig machte. Es war noch dunkel und auf den Straßen fast nichts los.

Wir trafen uns um halb fünf, um zum Fluss zu gehen, wo mein Schwager ein Boot gechartert hatte, um damit zum schwimmenden Markt zu fahren. Angekommen am Anleger konnten wir recht bald an Bord eines traditionell aussehenden Holzbootes mit eingebauter Dieselmaschine gehen. Das mit der Maschine betone ich so, weil viele kleine und größere Boote unterwegs waren, die so einen Außenborder mit sehr langer Propellerwelle hatten, ich kannte die bisher nur aus einem James-Bond-Film „Der Mann mit dem goldenen Colt“. Die Szene spielt allerdings in Hongkong. Die Motoren sind laut knatternde Zweitakter.
Wir legten kurz vor 05.00 Uhr ab und waren etwa eine Stunde nur mit unserer fünfköpfigen Gruppe und dem Bootsführer unterwegs. Das Boot hatte vielleicht Platz für 18 Passagiere, ich habe die Sitze nicht gezählt. Zwischenzeitlich legte ein anderes Boot längsseits an und verkaufte und Heißgetränke. Ich bekam eine heisse Sojamilch mit einem Hauch von Kaffee. Dann kamen wir am Schwimmenden Markt an. Dieser besteht im Wesentlichen aus vier Läden auf vier Booten.

Lt. meiner Schwester war der Schwimmende Markt dereinst eine generische Angelegenheit, da viel Warenverkehr auf dem Wasser der Mekong-Arme stattfand. Heute sind die Straßen gut ausgebaut und es gibt viele Brücken über die Mekong-Arme, so dass heute viel mehr auf der Straße transportiert wird, der Schwimmende Markt ist seither eher eine Touristenattraktion. Meine Schwester ist seit über 30 Jahren mit meinem Schwager verheiratet und war seither etwa 20 mal in Viet Nam. Ihren Erzählungen zufolge hat sich seither unglaublich viel in rasantem Tempo verändert. Der allgemeine Wohlstand ist stark gestiegen, die Infrastruktur viel besser geworden, aber die Kehrseite der Medaille ist, dass viel Ursprüngliches dem Modernen und teilweise auch westlichen Standards gewichen ist.

Auf im ersten Shop konnten wir zusehen, wie Reisnudeln hergestellt wurden. In einem beheizten Bottich wurde Reismehl mit Wasser lange gerührt. Auf einer von einem Holzfeuer beheizten, heißen Platte wurden daraus dünner Fladen hergestellt, was an die Zubereitung französischer Crêpes erinnerte. Getrollt und in Stücke geschnitten wurde das direkt als Snack angeboten, was wir auch probieren. Die meisten Fladen kamen dann in eine elektrische Nudelpresse, die aus den Fladen lange Nudeln produzierte. Diese wurden dann verpackt und direkt zum Verkauf angeboten.

Neben den Nudeln in verschiedenen Farben gab es auch Süssigkeiten zu kaufen, getrockneten Fisch, Spirituosen, Sonnenhüte, Dinge aus Holz und vieles mehr. Ich streifte durch die vier aneinander gedockten Shops und kaufte eine Art Reisgebäck mit Kokosnuss-Geschmack. Danach gingen wir wieder auf unser Boot und traten die Heimfahrt an. Unterwegs legten wir noch an anderer Stelle an, wo wir in einem Markt an Land noch eine andere, traditionelle Art der Nudelherstellung sehen konnten.

Nach diesem kurzen Abstecher ging es retour zum Startpunkt der Bootstour. Als wir unterwegs dorthin waren, ging die Sonne auf uns schuf eine faszinierende Atmosphäre auf dem Wasser, auf dem sich zahlreiche Boote tummelten, um Waren anzubieten oder zu transportieren. Am Ufer gab es derweil einige Möglichkeiten, auf festgemachten Booten zu frühstücken. Wir tuckerten wieder zurück zum Anleger, den wir zu Fuß gut von Duc’s Haus erreichen konnten.

Ich ging dann mit meiner Schwester und meinem Schwager im selben Hotel wie gestern frühstücken. Die anderen beiden Mitglieder der Reisegruppe zogen es vor, direkt zur Unterkunft zu gehen und dort direkt das Bett aufzusuchen. Wir drei frühstückten wieder im 7. Stock, diesmal auf der Terrasse über den Dächern.

Dann war es etwa 9.00 Uhr, und die nächste Tour aufs Land sollte um 14.00 Uhr mit dem Auto beginnen. Tja, es hätte die Möglichkeit gegeben, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden und bisschen mehr Ingress unterwegs zu spielen, das Militärmuseum, welches unmittelbar beim Frühstückshotel gelegen war, zu besichtigen, schon einmal Blog zu schreiben … oder einfach auf Matratze zu gehen und zu ratzen. Ich war echt müde mit meinem Schlafdefizit, also hörte ich auf meinen Körper und machte mich in meinem Zimmer lang.

Ich schlief etwa vier Stunden und wachte nach 13.00 Uhr auf. Danach dödelte ich noch so bis 13.45 Uhr vor mich hin und machte mich dann fertig für die nächste Tour. Es ging nach Giai Xuan, dem Heimatort väterlicherseits meines Schwagers. Diesmal chauffierte uns Duc mit seinem Mazda-SUV, in dem bis zu sieben Leute Platz finden können, zum Ziel. Dies war der Ort, wo mein Schwager geboren ist und wo er das erste Lebensjahr verbrachte, bevor sein Vater beschloss, es sei sicherer, in die Stadt (Can Tho) zu ziehen. Das Haus ist nicht mehr dasselbe, aber meinem Schwager zufolge ähnlich dem Haus seiner Kindheit. Die verwandschaftlichen Verhältnisse zu den Menschen, die vor Ort lebten, habe ich ehrlich gesagt, nicht so recht verstanden, aber die Leute waren sehr gastfreundlich. Auf uns wartete eine Kanne grüner Tee (exzellent natürlich!), und man buk eigens leckere Reis- und Sesamfladen, die uns dazu aufgetischt wurden. Außerdem gab es frische Früchte und Kokosnüsse zum Austrinken, frisch vom Baum. So authentisch bekommt man das sicherlich als „normaler Touri“ nicht, das ist schon ein Privileg.

Nach dem Tee konnten wir das Haus und das Gelände erkunden. Das Haus war wirklich sehr bescheiden, es gab eine alte und eine neue Küche. In der alten war noch ein mit Holz befeuerter Herd, der auch noch benutzt würde, obwohl es nebenan in der neuen Küche elektrische Herdplatten gab. Diese waren aber nicht in Küchenschränke eingebaut, sondern standen oben drauf. Ich hatte nicht den Eindruck, als ob es in dem Haus einen Fernseher oder Computer gab (Smartphones haben aber lt. meiner Schwester alle). Während vor dem Haus bunte Blumen blühten, gab es hinter dem Haus landwirtschaftlich genutzte Flächen. Hier gab es Hühner in Käfigen, Kräuterbeete, Kokospalmen und andere Obstbäume. Alles sah allerdings wenig organisiert, naturbelassen und chaotisch aus, was natürlich seinen Charme hatte. Leider nur war an vielen Stellen auch achtlos zurückgelassener Kunststoffmüll zu sehen, sonst wäre es wirklich ein kleines Paradies gewesen. Sowas gefällt mir viel besser als ein perfekt gepflegter Garten. Auch hier (wie am Vortage im Dorf der mütterlichen Verwandschaft meines Schwagers) gab es viele Bewässerungskanäle, die nur mit etwas waghalsig zu überquerenden Brücke zu passieren waren. Irgendwie fühlte ich mich dort ausgesprochen wohl, mir dämmerte, dass dieser bescheidene, simple Lebensstil gegenüber dem Leben in der Stadt im Wohlstand durchaus seine Vorteile haben kann. Es fühlte sich alles so ruhig und friedlich und ECHT an. Ich denke, in diesem Leben kann man absolut und immer man selbst sein, es gibt absolut keinen Grund, sich irgendwie zu verstellen und vorzugeben, jemand zu sein, der man nicht wirklich ist.

Nach der Exkursion besuchten wir noch ein weiteres Haus der Ahnen. Auf dem Grundstück gab es ein Gebäude, welches vor allem der Erinnerung an die Familie des Vaters meines Schwagers gewidmet war. Dieses war sehr viel kleiner und bescheidener als das Haus in Vinh Long, es war auch noch recht neu und eigens gebaut worden. Aber es war auch eher privat, kein Museum wie das alte Haus in Vinh Long, welches wir am Vortage gesehen haben. Eine Zwischenbemerkung: Es ist schon aus meiner Sicht besonders, wie die Vietnamesen ihr Leben zwischen Broterwerb, Privatheit und Ahnenkult miteinander verbinden. Die Grenzen zwischen diesen Dingen sind durchlässig, nicht so klar definiert, wie wir Europäer es oft schätzen. Meiner Schwester zufolge sind Vietnamesen ausgesprochen pragmatische Menschen, das scheint mir auch so – gepaart mit einer gewissen Leichtigkeit den Dingen des Lebens gegenüber, die mir gut gefällt.
Nachdem wir auch dieses Haus besuchte hatten, gingen wir wieder zum Auto zurück. Das heisst, mein Schwager ließ sich von einem Nachbarn auf seiner Honda (so wird hier gerne ein Moped egal welcher Marke genannt, wenn ich das richtig verstanden habe) mitnehmen, so zum Spaß. Auf dem Rückweg machten wir in Can Tho noch an einer speziellen Pagode halt. Gestern hatten wir das Haus der Ahnen meines Schwagers mütterlicherseits besucht, heute das von der Seite seines Vaters. Im sauber manikürten Garten der Pagode, die wir besuchten, waren die Urnen beider Eltern meines Schwagers untergebracht. Das Gelände dient als Ruhestätte und Ort der Erinnerung für Anghörige verschiedener Familien, die den Ort mit ehrenamtlicher Arbeit und Spenden von Besuchern erhalten.

Mein Schwager erklärte die traditionellen Rituale, die mit dem Ahnenkult verbinden sind und aus Taoismus, Konfuziunismus und Buddhismus stammen und teilweise vom kommunistischen Regime verboten sind. Beispielsweise gibt es eine Sache, bei der Angehörige Verstorbener gemeinsam miteinander physisch verbunden Botschaften „des Geistes“ schreiben. Da können beispielsweise französische Texte heraus kommen, auch wenn keiner der Schreiber Französisch beherrscht. Es scheint mir so etwas Ähnliches wie Gläserrücken zu sein.
Nach dem Besuch der Pagode chauffierte uns Duc zu demselben Restaurant am Fluss, wo wir bereits gestern diniert hatten und wieder denselben Tisch eingedeckt vorfanden. Mein Schwager hatte teilweise die gleichen, teilweise auch andere Speisen ausgewählt, beispielsweise eine etwas andere Suppe, panierten Tintenfisch, Frühlings- und Sommerollen (vegetarisch). Es gab auch wieder gebratenen Tofu und Gemüse, aber anderes als gestern. Die Frühlings- und Sommerrollen waren die besten, die ich je gegessen habe, einfach großartig. Die Suppe gefiel mir auch sehr gut, und den Tofu mochte ich schon gestern. Ich probierte ein Stück Tintenfisch, aber ich mag die Konsistenz nicht so. Dazu gab es für mich zwei Bia Saigon Special. Tja, und das Ganze kostete für fünf Personen umgerechnet keine 25 Euro… Übrigens: Das Frühstücksbuffet im Hotel kostete mit 150.000 Dong pro Nase knapp sechs Euro.

Nach dem Abendessen gingen wir zu Fuss zurück zu Duc’s Gästehaus. Ich holte mir ein Bier aus dem Kühlscharank auf meiner Etage und begann, den Text hier zu schreiben. Nach einer Weile benachrichtigte mich meine Schwester, weil die Dame des Hauses, Duc’s Frau, uns eine Süssspeise zubereitet hatte, die es dringend zu probieren galt. Also ging ich die Treppe runter zum Erdgeschoss, wo Duc, meine Schwester und mein Schwager schon am Tisch saßen. Anne, die Freundin des Freundes meines Neffen, kam auch noch dazu. Die Speise hieß Che Bap, bestand aus Reis und Mais und wurde mit Kokosmilch zusammen gegessen und war absolut spektakulär lecker! Meine Schwester wusste schon, warum sie darum gebeten hatte. Dazu gab es noch etwas, dessen Namen ich mir nicht gemerkt hatte, eine Art „vietnamesisches Müsli“, welches man in der Hand zu einem kleinen Küchlein kneten kann, bevor man es sich einverleibt – weniger süss als Che Bap, aber auch sehr lecker.

Nach diesen Genüssen im Erdgeschoss begab ich mich wieder in mein Zimmer, wo ich diesen Text zu Ende schrieb. Das war es also für heute.
Ausblick: Morgen um 11.35 Uhr geht unser Flieger von Can Tho nach Da Nang, wo mein jüngere Neffe zur Zeit mit seiner Freundin Loih lebt. Da trennt sich unsere fünfköpfige Reisegesellschaft für die Zeit in Da Nang: Der Freund meines Neffen, dessen Freundin und ich gehen ins Hainan, ein Hotel am Strand. Meine Schwester und mein Schwager schlafen bei meinem Neffen und Loih. Sie hat bereits den Transport vom Hotel zu den Unterkünften organisiert. In Da Nang bleiben wir fünf Nächte, also länger als hier, bevor wir alle zusammen (mit meinem Neffen und seiner Freundin) weiterreisen. Ich bin sehr gespannt auf Da Nang. Hier wird weniger Ahnenkunde, dafür mehr Stadtbesichtigung, Strand und Shopping angesagt sein, nehme ich mal an. Schauen wir mal. Wir wollen um 10 Uhr hier losfahren, eine Stunde Zeit am eher kleinen Flughafen soll reichen, sagt mein Schwager. Da wir kein großes Frühstück geplant haben, sondern nur schnell was von der Bäckerei hier auf der anderen Straßenseite holen wollen, können wir morgen recht lange schlafen.
Bis denne!
Lieber Michi, das ist spannend zu lesen, was du da alles erlebst. Wie grandios, dass du in deinem Schwager gleichzeitig einen quasi Einheimischen und auch einen Vertrauten an der Seite hast. Ich stelle es mir schwierig vor, in so einem fremden Land alles selbst zu wuppen. – Auch wenn das für Experimentierfreudige sicher spannend ist. 😉
Diese krassen Stangen mit Propeller dran kannte ich noch nicht. Meine Güte, da braucht man ja einen Waffenschein für!
Ich wünsche morgen einen guten Flug und einen spannenden „Teil 2“ in Viet Nam (ich wusste gar nicht, dass man das so schreibt, und nicht „Vietnam“.
Hallo Spiess. Ja, es ist schon toll, was für Einblicke wir hier durch meinen Schwager erhalten, er gibt auch alle möglichen guten Tipps, besorgt und organisiert Transporte zu guten Tarifen… das ist schon privilegiertes Reisen.