Mood-swings in Kon Tum

Kon Tum, im Hotel, 21.13 Uhr Ortszeit

Heute morgen, nachdem ich nach dem Schreiben des vorigen Blog-Eintrags noch ein bisschen gedöst/geschlafen habe, war ich um 09.30 Uhr mit gepackten Taschen am Start an der Rezeption. Ich hatte nicht mitbekommen, dass das auf 10.00 Uhr geschoben war, meine Familie war noch ein einem protestantischen Jarai-Gottesdienst und kam erst später zurück. Es blieb noch Zeit für einen Kaffee am Hotel.

Vietnamese Drip-coffee klassisch und ein Ingwertee (gabs dszu). Für 15.000 VND (60 Cent)

Wir hatten alle ausgecheckt und bezahlt und fuhren mit den Koffern wieder zum Haus der Eltern der Freundin meines Neffens. Hier hatte man gerade das Festzelt von der Party am Vortag wieder abgebaut und war noch dabei, Plastikstühle auf ein landwirtschaftliches Fahrzeug zu verladen. Danach gab es vietnamesisches Frühstück mit Suppe, Reis, hartgekochten Eiern, verschiedenen Fleisch- und Gemüsesorten… Ich mag das ja ganz gerne, aber irgendwie gibt es das scheinbar zu jeder Mahlzeit, und jeden Tag. So kommt es mir jedenfalls vor. Wirklich viel Abwechslung ist da nicht am Start. Vielleicht bin ich einfach zu sehr verwöhnter West-Europäer.

Das Zelt und die Stühle werden auf ein Tuck-Tuck verladen

Wir gingen dann zu Fuß durch die Nachbarschaft, um drei verschiedene Häuser bzw. deren Einwohner zu besuchen. Das erste war das des Bürgermeisters des Dorfes. Wir hatten gerade gegessen, und es wurde wieder beängstigend viel aufgetischt, natürlich Reis, verschiedene Fleisch- und Gemüsesorten, Suppen … und Süssigkeiten und Wassermelone und so weiter. Mir fiel es da schon schwer, gute Miene zu bewahren. Es ist für mich nicht so einfach, wenn ich von den Jarai auf Jarai oder Vietnamesisch angesprochen werden, als würde ich die Sprache verstehen. Ich fühl mich dann einfach nur unhöflich bis hilflos und innerlich irgendwann völlig frustriert.

Beim Bürgermeister wurde aufgetischt … schon wieder.

Am Vortag hatte ich mich ja schon früh mit den Kampftrinkern abgeschossen (also, nur ich mich, die sich nicht), und der Ausflug zum Reisfeld und Fluss hinterher hat mir sehr gut gefallen. Heute hieß es aber: Von einem Haus zum nächsten ziehen, viele Unbekannte Leute, mit denen ich mich nicht, oder nur per Dolmetscher verständigen konnte und immer gute Miene bewahren, weil man ja keinen schlechten Eindruck hinterlassen möchte, vor allem, wenn man überall so toll bewirtet und aufgenommen wird. Das hätte ich alles vorher wissen können, dann wäre einfach die Konsequenz gewesen, auf die Reise komplett zu verzichten.

Ein Zug durch die Gemeinde, wie man sagt.

Irgendwann kam ich mir auch vorgeführt vor, und das mochte ich einfach nicht. Meine zwei Mitreisenden, die nicht zur Familie gehören, machten alles tapfer mit und ich kam mir umso undankbarer vor. Dazu kommt, dass ich im Moment ganz schlecht sitzen kann, das ist immer mit Schmerzen verbunden, und auf dem Boden sitzen geht gar nicht. Und die essen hier gerne auf dem Boden, und ich brauchte immer irgendeinen Hocker, weshalb ich mir zusätzlich doof vorkam.

Von Haus zu Haus… in diesem hat die Freundin meines Neffen mit ihren Eltern gewohnt, bevor sie in ihr eigenes Haus gezogen sind.

Dazu kam dann die wiederkehrenden Avancen der Kampftrinker. Ich hätte mit denen ja gerne das eine oder andere gemütliche Bierchen getrunken, aber auf diese 50/50-Kultur kann ich nicht. Es wäre wahrscheinlich schlauer gewesen, wenn ich mich von vorne herein zurückgehalten hätte. Einmal kann ich das mitmachen, aber danach wird es nur anstrengend. Dazu kommt, dass man meist entweder warmes Bier, oder Bier mit Eiswürfeln trinken kann – nur wenn man Glück hat, kommt es aus einer Kühlbox. Die beiden ersten Varianten finde ich beide nicht so gut.

Tja… ich lasse mich ja eigentlich gerne zu nem Bier einladen, aber hier gestaltet sich das schwierig.

Nachdem wir in drei Häusern eingekehrt waren (Bürgermeister, das Haus, in dem die Freundin meines Neffen mit ihren Eltern vorher mal gewohnt hatte, das Haus der Nachbarn auf der anderen Straßenseite (zum Glück gab es nicht überall diese Mengen von Essen) landeten wir wieder bei den Eltern der Freundin meines Neffen. Dann hieß es, von allen Abschied nehmen, ganz viele Hände schütteln.

Wir nahmen noch den ältesten Bruder der Freundin meines Neffen, im Bus mit nach Kon Tum, außerdem dessen Sohn. Ich döste ein bisschen im Bus während der Fahrt. Nachdem wir bisher nur zum Tanken und fürs WC angehalten hatten, gab es einen Sightseeing-Stopp, auf denen die meisten nicht so richtig vorbereitet waren. Sowohl mein Schwager als auch die Freundin meines Neffens haben mit viel Arbeit und Liebe ein Programm mit Sehenswürdigkeiten ausgearbeitet und zur Verfügung gestellt. Da ich vorher so mit dieser Reise gefremdelt habe und auch andere Sachen im Kopf hatte, hab ich mir das im Detail nicht angesehen, sondern mich entschieden, alles auf mich zukommen zu lassen. Aber ehrlich gesagt, es sind auch so viele Orte mit fremden Namen und so viele Sightseeing-Punkte – das hätte ich sowieso nicht alles verstanden bzw. mir merken können.

Phu Cuong – Wasserfall in Thac Phứ Cường

Hier ging es um einen berühmten Wasserfall, der zu besichtigen war. Dazu mussten wir eine steile Treppe herunter- und hinterher wieder raufklettern. Es waren unheimlich viele andere Leute unterwegs, die meisten offenbar Vietnamesen. Es war alles total voll. Der Wasserfall war recht schön und eindrucksvoll, aber der Platz davor extrem zugemüllt mit Plastikflaschen und Bierdosen und halt dem Zeug, was man so auf einen Ausflug mitnimmt und dann achtlos in die Natur schmeißt. Das hat mir, neben dem Gedränge und den Massen an Selfies schießenden Leuten die Sache ziemlich verdorben. Es gab die üblichen Möglichkeiten, an unterdimensionierten Plastiktischen auf Kindergartenstühlen zu sitzen und Kokosnüsse oder Zuckerrohrsaft zu trinken oder frisches Obst zu essen, das vor Ort verkauft wurde. Ich wollte eigentlich nichts, aber der älteste Bruder der Freundin meines Neffen gab mir einen Zuckerrohrsaft aus. Ich mag Zuckerrohrsaft, aber unsere Plastikbecher und -strohhalme landeten (mangels einem Müllcontainer) dann wohl am Ende auch auf der allgemeinen Müllhalte mitten in der einst schönen Natur. Am Ausgang des Geländes sahen wir noch ein Schild, man solle seinen Müll nicht wegwerfen. Da hielt sich nur keiner dran. Man könnte ja seinen Müll auch einfach wieder mitnehmen, oder man könnte Abfalleimer, deren Inhalt entsorgt wird, aufstellen. Aber so weit ist man hier wohl noch nicht, weder von der Eigenverantwortung, noch von der Seite des Staates aus.

Massen an Menschen, Massen an Müll

Die US-Amerikaner sind in mancher Hinsicht (mit uns Europäern zusammen) die größten Erzeuger von Müll aller Art pro Kopf. Aber immerhin ein haben die drauf: Ihre Nationalparks nicht zuzumüllen, so dass sie schön zu besichtigen bleiben. Das würde mir hier auch gefallen. Obwohl ich zugeben muss, dass diese Site mit dem Wasserfall auch ein extremes Negativbeispiel war, beispielsweise sah es in den Marmorbergen von Da Nang überhaupt nicht schlimm aus.

Der touristisch erschlossene Ibis-See

Ich war eher froh, wieder unterwegs zu sein. Irgendwann kamen wir in Kon Tum im Hotel an. Das ist eine sehr schön angelegte Anlage aus einzelnen kleinen Häuschen, in denen die Zimmer sind. Dazwischen gibt es Pflanzenbeete und schön gestaltete Wege. Auch die Beleuchtung ist gut gemacht, nicht nur die hier oft (z.B. auf den Nachtmärkten) anzutreffenden Lampen, die helles, kaltweißes Licht absondern und nicht gerade Gemütlichkeit schaffen, sondern auch viel eher gelbliches, wärmeres Licht. Vielleicht tut auch dieses kaltweiße Licht, welches es auch in allen Hotelzimmern (außer im Haian Beach, aber auch hier im Zimmer der von außen sehr schönen Anlage) gegeben hat, auch etwas dazu, dass ich etwas aggro bin.

Abgesehen vom kaltweißen Licht ist das Zimmer ganz schick.

Nach dem Check-In hatten wir eine Stunde individuell Zeit in unseren Zimmern. Ich habe mich rasiert und eine andere Hose angezogen und dann den Blogeintrag vorbereitet, indem ich schon einmal ein paar Bilder hochgeladen habe. Danach stand der nächste Programmpunkt, nämlich der nächste Verwandtenbesuch an. Diesmal bei einem Onkel der Freundin meines Neffens. Es gab Reis und Suppen und verschiedene Fleisch- und Gemüsesorten. Neu war getrockneter Bambus, der ganz lecker war, wie auch Streifen aus Kokosnuss-Fruchtfleisch, die ich absolut super fand.

Die Hotelanlage in Kon Tum. Also, ein kleiner Teil davon. Mein Zimmer ist in einem der Häuschen rechts.

Dennoch war es wieder, aus den eingangs erwähnten Gründen, schwer für mich. Ich hatte auch einfach langsam genug für den Tag, von Verwandtschaftsbesuch zu Verwandtschaftsbesuch geschlürt zu werden. Es wurde mir einfach zu viel. Natürlich wurde ich auch wieder zum Biertrinken genötigt. Ich mag Bier, aber erstens gerne kalt, zweitens gerne mit individuellem Tempo zu trinken. Also musste ich ein paar 50/50-Avancen abwehren. Ich hatte einfach keine Lust auf dieses Kampftrinken. Dazu saß ich wieder höher als alle anderen und fühlte mich einfach nur unwohl.

Später konnte ich mich auf einen angenehmen Liegestuhl setzen, auf dem ich schmerzfrei sitzen konnte, und die Karaoke-Anlage wurde angeschmissen. Das weckte ein bisschen die Rampensau in mir. Mein Neffe machte mit „Hotel California“ den Anfang, meine Schwester sag „Aux Champs Elysees“ und „Happy New Year“. Ich sang „Wonderful Tonight“, dann noch „Teddy Bear“ und „Jailhouse Rock“ von Elvis. Zwei der jungen Vietnamesinnen sagen jeweils einen vietnamesischen Song. Ich fing gerade an, mich einigermaßen wohl zu fühlen, da hieß es, Aufbruch in 10 Minuten. Der Bus stand schon früher bereit.

Erst, als wir wieder im Hotel waren, stellte ich fest, dass ich meinen Rucksack beim Onkel vergessen hatte, in dem vor allem mein Reisepass war. Das machte mich wütend auf mich selbst und nervös. Irgendwie war der ganze Tag nicht so mein Freund, und das gab mir irgendwie den Rest. Die Freundin meines Neffen kümmerte sich darum, dass der Rucksack umgehend mit einer Honda von ihren Verwandten angeliefert wurde, aber ich war einfach durch mit mir und der Welt.

In meinem Zimmer überlegte ich kurz, ob ich das jetzt hier eigentlich schreiben wollen würde oder besser erst morgen. Wenn ich das morgen schriebe, also früher schlafen ginge und dann früher aufstünde, dann wäre ich bestimmt versöhnlicher gelaunt, und dieser Eintrag würde sich auch versöhnlicher lesen. Eigentlich möchte ich, da auch meine Mitreisenden das hier mitlesen, gar nicht so unversöhnlich schreiben. Aber das Problem habe ich ja im Wesentlichen mit mir selbst. Meine Familie gibt sich total viel Mühe, mich bei Laune zu halten und auf meine Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, insbesondere meine Schwester und die Freundin meines Neffen. Und die beiden anderen Mitreisenden sind auch total super. Daher schäme ich mich, wenn ich irgendwie nicht klarkomme. Aber es hilft ja nichts, ich konnte heute einfach irgendwann nicht mehr so weitermachen.

Morgen steht noch ein Verwandtenbesuch (im Hause des ältesten Bruders der Freundin meines Neffen an). Hier war auch schon wieder ein Essen und ein längerer Besuch angedacht, aber meine Schwester machte der Freundin meines Neffen klar, dass es zwar für sie kein Problem wäre, aber andere Mitreisende (wahrscheinlich insbesondere mich) langsam am Limit sei, was diese Familientour angeht. Es war für alle Mitreisenden vorher klar, dass diese Besuche auf dem Programm standen, und jeder hätte ja auf die Reise verzichten können, es wurde ja keiner gezwungen (ich allerdings durchaus ein bisschen genötigt). Aber andererseits… was genau auf einen zukommt und wie es dann sein wird, das weiß ja dann doch keiner wirklich.

Vorher steht noch Frühstück und Sightseeing hier in der Nähe auf dem Programm. Es gibt eine alte Holzbrücke noch aus der Zeit der französischen Kolonialherrschaft und eine ganz aus Holz gebaute Kirche, beides soll sehenswert sein. Ich weiß noch nicht. was ich morgen davon noch mitnehmen werde. Nach dem Besuch im Haus des Bruders geht es dann auf längere Autofahrt zurück nach Da Nang (ohne Pausen etwa sechs Stunden). Alleine deswegen hoffe ich, dass das Programm vorher nicht zu lange dauert. In Da Nang haben wir dann alle wieder ein bisschen mehr individuell Zeit für uns. Allerdings bleiben wir nur drei Nächte, d.h. nur einen ganzen Tag, umrahmt von Anreise- und Abreisetag.

Es tut mir leid, dass sich der heutige Eintrag zu depressiv liest, aber so geht es mir halt gerade. Morgen ist ein neuer Tag und eine neue Chance, bessere Laune zu haben.

Bis denne.

PS: Ich hab in meinem Zimmer nun docj eine angenehmere Licht-Alternative gefunden. Gute Nacht.

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About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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