Saigon, im Hotel, 10. Stock, 21.07 Uhr Ortszeit
Der Flug war angenehm ruhig, obwohl man Turbulenzen angekündigt hatte, ich döste so vor mich hin und so waren die ca. 75 Minuten Flugzeit schnell vorüber. Schon bald wurde der bevorstehende Sinkflug verkündet und ich konnte ein paar Bilder aus dem Fenster knipsen.

Nach der Landung holten wir unserer Gepäck ab und traten hinaus in die morgendliche Hitze Saigons. Da die Erfahrung meiner Schwester und meines Schwagers die war, dass Grub-Fahrer nicht bis auf das Flughafengelände fahren, marschierten wir ein paar hundert Meter zu einer nahegelegenen Tankstelle und orderten dann die Grubs. Meine Schwester und mein Schwager kamen bei einer Schwester meines Schwagers (was für ein Satz, ist aber so) unter, also einer Schwägerin meiner Schwester (es wird nicht besser…). Diese wohnt hier in Saigon und kann Gäste beherbergen. Meine Mitbewohner und ich wollten zu unserem Hotel fahren. Zumindest unser Grub-Fahrer fuhr dann prompt zur Ankunft der Inlandsflüge, ich musste den erst per Chat (hat eine integriert Übersetzungsfunktion) bitten, zur Tanke zu kommen, was uns 25.000 VND (also n Euro…) mehr kosteten sollte.

Wir kamen dann ungefähr um 09.00 Uhr im Hotel an. Leider konnten wir nicht einchecken, weil der Check-in erst um 14.00 Uhr, also satte fünf Stunden später beginnen sollte. Wir wussten schon vorher um die Umstände und hatten schon versucht, auf einen späteren Flug umzubuchen, aber es ging nicht. Nun, zunächst stand uns der Sinn nach Frühstück. Das gestaltete sich leider auch nicht einfach. Wir fanden eine Banh Mì-Bude, vor der zwei sehr lange Schlangen standen. Meine Mitbewohnerin holte sich zwischenzeitlich einen Kaffee in einer Bude auf der anderen Straßenseite, der sie zunächst bei Laune hielt. Wir standen wirklich eine halbe Stunde an, und dann gab es keine Auswahl, sondern nur ein Standard-Banh-Mì, nicht für Vegetarier geeignet. Sie kosteten 68.000 VND, also locker mehr als doppelt so viel, wie ich anderswo bezahlt hatte… allerdings waren das auch Riesendinger, die auch mindestens doppelt so groß waren. Ich kenne einige, die das Ding nicht so mal eben aufgefuttert hätten.

Meine Mitbewohnerin war immer noch ohne Frühstück. Der Versuch, sich in einem K-Circle-Markt ein Custom-Banh-Mì zusammenstellen zu lassen, endete ebenfalls unbefriedigend. Schließlich landeten mein Mitbewohner und ich auf einer Parkbank, wo wir die riesigen Sandwiches mit Ei, Gemüse und verschiedenen Wurstsorten verdrückten, während sich seine Freundin auf der anderen Straßenseite eine Mahlzeit mit Tofu organisierte. Danach wollten die beiden etwas umherstreunen und eine Mall aufsuchen. Ich entschied, mich solo zu machen, und das zu tun, was ich immer tue, wenn ich in einer fremden Stadt Zeit totzuschlagen habe: Ingress spielen.

Das wurde allerdings trotz der hohen Portaldichte ein schweißtreibendes Unterfangen. Es waren 36 Grad und knallende Sonne da draußen. Vom Flug aus Da Nang her hatte ich immer noch eine lange Hose an. Ich hatte einen sehr hohen Wasserverbrauch. Es waren noch vier Stunden bis zum Check-in, drei davon strich ich durch die Gegend. Dabei habe ich zwei Liter Wasser getrunken und musste dafür zweimal in Supermärkte, um neues Wasser zu kaufen. Anfang ging ich noch einmal zum Hotel, um mir meine Sonnencrème aus dem Koffer, den ich wie die anderen dort deponiert hatte, zu holen. Ich kam zu einem einer Art Park oder Jahrmarkt, dessen Besuch 25.000 VND Eintritt kosteten, die ich aber entrichtete, weil es sich für mein Spiel lohnte. Es gab dort Têt-Dekorationen, einige Fahrgeschäfte (aber nur kleinere, für Kinder attraktive), jede Menge Streetfood und Sitzgelegenheiten, dieses zu verzehren, so wie Verkaufsbuden für allen möglichen Tand.

Nachdem ich das Areal im wesentlichen für mein Spiel „erschlossen“ hatte, zog ich weiter, merkte aber dann ziemlich schnell, dass ich ans körperliche Limit kam, ich war einfach gar. Ich begann mir schon Sorgen zu machen, dass ich es vielleicht übertrieben hatte und das Konsequenzen haben könnte, wie etwa Hitzeschlag. Bisher bin ich hier gesundheitlich (außer meiner bekannten orthopädischen und mentalen Probleme) wirklich gut davon gekommen, keine Erkältung, keine ersthaften Verdauungsprobleme. Jedenfalls merkte ich, dass es besser war, ins Hotel in gekühlte Räumlichkeiten zurückzukehren, was ich dann auch tat.
Die Lobby war inzwischen recht voll mit Menschen, die alle auf den Check-in warteten. Es war gegen 13.10 Uhr, also noch 50 Minuten Wartezeit. Ich zog mich in einen Gastronomiebereich, in dem gerade kein Betrieb herrschte, zurück und las mein E-Book weiter, bis es 14.00 Uhr war. Dann konnte ich endlich einchecken und bekam meine Schlüsselkarte. Ich fuhr in den 10. Stock, betrat mein Zimmer, und ohne mich sonst irgendwie noch einzurichten, warf ich mich aufs Bett um erste einmal gut zwei Stunden Siesta zu halten. Das Zimmer war übrigens nicht (im Vergleich zum Haian Beach oder New Orient in Da Nang) luxuriös, aber doch sehr groß, modern und ordentlich. Die Hotels hier sind auch eher etwas teurer als in Da Nang, wo man für 40-50 Euro pro Nacht (inkl. Frühstück) ausgesprochen luxuriös unterkommt.
Also ich wieder wach wurde, war es nach 16.00 Uhr. Ich war irgendwie ausgesprochen unmotiviert, das angenehm kühle Zimmer zu verlassen und wieder in diese Hitze raus zu gehen. Einen Vorgeschmack bekam ich schon, wenn ich das Bad betrat – die Tür zum Bad war geschlossen und das Badezimmerfenster offen, zwischen Bad und dem Zimmer mit der Klimaanlage waren mindestens 10 Grad Unterschied. Meine hilfreiche Schwester, die schon etliche Male hier war und sich mit den Sehenswürdigkeiten in Saigon und Umgebung gut auskennt, schrieb mir eine sehr lange Whatsapp-Nachricht mit Möglichkeiten, die sie für mich passend hielt. Es gibt z.B. ein Kriegsmuseum, welches z.B. Wracks US-amerikanischer Militärfahr- und flugzeuge ausstellt. Da möchte ich in der Tat auch gerne noch hin, vielleicht morgen.
Außerdem gibt es einen Turm, der bis vor wenigen Jahren noch das höchste Gebäude Saigons, wenn nicht sogar Vietnams, war. Das 262 Meter hohe Gebäude hat eine Aussichtsplattform in 178 Meter Höhe, was einen guten Blick über die Stadt bietet. Nun gibt es allerdings noch einen neueren, noch größeren Turm, der einfach „Landmark 81“ (nach 81 Stockwerken) genannt wird. Das Ding it 396 Meter hoch und hat eine Aussichtsplattform in 382 Metern Höhe. Es gehört übrigens dem Vincom-Konzern, wie auch die Automarke Vinfast.
Ich entschied mich am Ende, doch den kleineren Turm aufzusuchen, den Bitexo Financial Tower. Früher hatte dort die Heineken-Brauerei eine Residenz, wenn man deren Ausstellung besuchte, konnte man kostenlos auf die Aussichtsplattform und bekam noch ein Bier dazu! Inzwischen ist Heineken da aber leider raus, der Eintritt für die Aussichtsplattform kostet 240.000 VND, und man bekommt oben kostenloses Mineralwasser.

Ich ging zu Fuß dorthin, es sind ungefähr 20 Minuten vom Hotel aus. Dabei kam ich an einer Gebäudefront mit einem auffälligen Türmchen vorbei. Von oben auf Google Maps gesehen ist das ein ziemlich großer Komplex, der unter anderem einen großen Ben-Tranh-Markt enthält. Davor war ein Fußgängern vorbehaltener Platz. Auffällig war, dass mehrere Drohnen herumschwirrten, auch über der großen Straßenkreuzung davor, ich sah mindestens fünf Stück, auch mehrere Drohnenpiloten, die die Fluggeräte kontrollierten. Bei uns ist es überhaupt nicht erlaubt, die Dinger so über vielbefahrenen Straßen rumschwirren zu lassen. Hier hat man wahrscheinlich nur dann ein Problem, wenn man einen Unfall verursacht.

Ich setzte meinen Weg fort und kam schließlich zum Bitexo Financial Tower und auch direkt zum Eingang für den Ticketschalter und die Aufzüge zum Skydeck. Ich entrichtete das Eintrittsgeld und wurde mit einem Aufzug in den 49. Stock gebracht. Die Aussichtsplattfform befindet sich direkt unter der Ebene mit dem Hubschrauber-Landeplatz und bietet einen 360-Grad-Rundum-Blick auf die Stadt.

Ich ging einmal in die Runde, machte eifrig Nachtaufnahmen durch die Scheiben und las ein paar der Tafeln, die dort aushingen. Eine zeigte die 20 „iconischten“ Hochhäuser der Welt, und ich stellte mit Erstaunen fest, dass die Urheber auf Platz 3 (nach dem Empire State Building in den USA und dem China Central Television Headquarters in Peking) der Commerzbank-Turm in Frankfurt, Deutschland, gesetzt hatten, noch vor dem Biteco Financial Tower selbst, der auf Platz 5 rangierte. Eine weitere zeigte einen Überblick über 300 Jahre Geschichte Saigons bzw. Ho-Chi-Minh-Citys, aber ich war zu faul, mir das durchzulesen. Es gab auch eine Ausstellung traditioneller Festgewänder, die ich aber nur einmal kurz durchschritt. Nach geschätzt einer Stunde Aufenthalt fuhr ich mit dem Lift wieder ins Erdgeschoss.

Wieder auf Ground-Level hatte ich mir inzwischen überlegt, noch kurz an das Flussufer zu gehen. Ich hatte von oben gesehen, dass das Ufer des Sông Sài Gòn, also des Saigon-Flusses, ganz in der Nähe war. Also ging ich dorthin und musste aber erst eine vielbefahrene, mehrspurige Straße überqueren. Also… ein richtiger Fußgängerüberweg war das nicht, und es war die bisher mulmigste Straßenüberquerung, die ich hier hatte. Der Punkt ist, dass sich da irgendwie automatisch ein kleines Grüppchen von Mutigen ansammelt, die dann irgendwann gemeinsam die Straße überqueren, weil man sich in der Gruppe sicherer fühlt.
In Italien, so habe ich in Rom gelernt, braucht man Gottvertrauen, um Straßen zu Fuß zu überqueren. Hier reicht das alleine nicht aus. Zwei Sachen sind noch wichtig: Timing und Selbstvertrauen. Man braucht manchmal einfach eine Portion stoischen Mut, um als schwächster Verkehrsteilnehmer den Auto- und Mopedfahrenden zu signalisieren: Weich aus oder brems, oder Du hast ein Problem. Manche Fußgänger strecken dabei den Motorisierten eine Handfläche entgegen, was ich ein bisschen lustig finde – wenn man das nicht macht, dürfen einen die motorisierten Verkehrsteilnehmer über den Haufen fahren? Ist denen ohne diese Geste nicht klar, dass es nicht gut ist, Fußgänger über den Haufen zu fahren? Aber vielleicht fühlen sich die Leute so (selbst)sicherer, als sei die eigene Handinnenfläche ein Schutzschild, den die Motorisierten nicht zu durchbrechen vermögen.

Nach der mulmigen Straßenüberquerung war ich dann am Flußufer der Sài Gòn. Am anderen Ufer sah ich die riesigen, elektronischen Werbetafeln, deren Licht mir schon Fotografieren mit dem Handy vom Turm aus Schwierigkeiten bereitet hatte. Außerdem gab es ein paar mehr oder weniger bunt beleuchtete Hochhausfassaden und eine Brücke, nun, nichts Spektakulären, das sah in Da Nang alles etwas schöner aus. Also machte ich mich auf den Weg zurück ins Hotel.
Unterwegs stoppte ich noch an einem Geldautomaten, den ich um 3 Millionen Dong erleichterte. Ich hatte das schon hier direkt neben dem Hotel versucht, aber das hatte nicht geklappt. Somit wieder reich wie ein Scheich, tat ich etwas, was ich zuhause nicht mehr oft mache: Ich suchte den McDonald’s auf, den ich schon auf dem Weg zum Turm gesehen hatte. Ich wollte einfach mal das Erlebnis „McDonald’s in Saigon“ mitnehmen, gucken, was man so bezahlt, und ob es Besonderheiten im Angebot oder im Geschmack des Essens gibt.
Um dorthin zu kommen, musste ich wieder eine vielbefahrene Straße überqueren. Und da hätte mich fast ein ziemlich rücksichtsloser, abbiegender Autofahrer erwischt (wenn ich mich nicht in Sicherheit gebracht hätte), obwohl ich ein grünes Fußgängerlicht hatte. Selbstsicherheit alleine reicht auch nicht, manchmal muss man einfach schnell flüchten, wenn sich etwas nähert.

Bei McDonald’s hatte ich (oder vermittelte zumindest den Eindruck) ein paar Probleme mit dem elektronischen Bestellsystem. Das haben wir bei uns ja auch, und es funktioniert hier auch ganz ähnlich, nur sind die Menü-Optionen andere und das Kartenlesegerät ist anders. Es gibt hier Getränke, die es bei uns nicht gibt, und außerdem Reisgerichte. Offenbar möchte sich McDonald’s bzw. die hiesigen Franchise-Nehmer diese große Zielgruppe hier nicht entgehen lassen, aber für mich war es interessant. Unter anderem deswegen war ich ja auch da.

Ich hatte so einen Teryaki-Burger, der hatte eine spezielle Sauce und Bacon, eine mittlere Portion Curly Fries und eine große Cola, das kostete mich 148.000 VND, also etwa sechs Euro. Dafür bekommt man so ein Menü in Deutschland nicht, da wäre man eher mit acht oder neun Euro dabei. Andererseits kann man in Vietnam für das Geld auch anderswo etwas zu essen inklusive Getränk bekommen, und wahrscheinlich Lebensmittel von höherer Qualität.
Nach dem Essen ging ich dann endgültig (für heute) zurück ins Hotel, machte ein Bia Saigon Lager auf und schrieb diesen Eintrag.
Vorschau: Noch zwei ganze Tage in Saigon, bevor es Sonntag auf den Heimflug geht. Morgen werde ich wohl so gegen 08.30 Uhr aufstehen. Je nachdem, worauf ich Lust habe oder was meine Schwester und meine Mitbewohner so vorhaben, werde ich mich irgendwem anschließen oder wieder auf eigene Faust unterwegs sein. Dieses Kriegsmuseum interessiert mich schon, das ist recht weit oben auf meiner Liste. Landmark 81 auch, aber das ist recht teuer. Man kann auch irgendwohin fahren, und alte Tunnel des Vietcong besichtigen, was mich auch interessiert. Guerilla-Taktiken gegen einen rein technisch hoch überlegenen Gegner sind ja auch heute noch hochmodern, wie man in Gaza sehen kann. Ich werde berichten.
Bis denne.