Von Riesenrädchen, Undercover-Piloten und balzenden Seedrachen

Saigon, im Hotel, 10. Stock, 21.05 Uhr Orszeit, 27° Außentemperatur

Mein Tag begann mit dem Wecker um 08.45 Uhr. Nach der Dusche etc. ging ich im Hotel frühstücken, wo meine Mitbewohner schon unterwegs waren, sich Nahrung vom Buffet zusammenzustellen. Ich nahm etwa das Gleiche wie gestern: Rührei, Würstchen, paar süße Teilchen, Obst (Wassermelone, Drachenfrucht, Passionsfrucht), Kaffee, Passionsfruchtsaft.

Die Nacht war kurz gewesen und ich überlegte, ob ich nach dem Frühstück noch ein paar Stunden Schlaf nachholen wollte. Da ich aber eigentlich nicht müde, sondern höchstens etwas träge war, entschied ich mich, mit einem Grab zum Vincom Landmark 81 zu fahren und mir den Blick über die Stadt über das dortige Skydeck zu erschließen. Das tat ich dann auch.

Am Ziel angekommen sah ich erst einmal nur Hochhäuser und halt ein sehr hohes Haus. Das Untergeschoss B1 und die ersten drei überirdischen Etagen werden von einem Vincom-Center, also einer riesigen Mall belegt. Hier gibt es neben den obligatorischen Samsonite- Tommy Hilfiger-Stores und dem ebenfalls obligatorischen WinMart sowie dem Vinfast-Showroom auch eine Kunsteis-Laufbahn. Ich machte mich auf die Suche nach dem Ticketschalter für die Skydecks (tatsächlich sind es die Etage 79-81, die man mit dem Ticket besuchen kann).

Ich fand den Ticketschalter im Untergeschoss B1, angenehmerweise gab es vor mir nur wenige andere Interessierte, die das Ticket erwerben wollten. Zu löhnen für den reinen Besuch der Skydecks ohne zusätzlichen Firlefanz wie VR-Show oder Essen waren 500.000 VND (etwa 20 Euro). Das war etwas mehr als doppelt so viel wie bei dem anderen Turm, wo ich vorgestern war – aber die Skydecks waren auch etwas mehr als doppelt so hoch wie beim Bitexo Financial Tower.

Landmark 81

Ich erwarb also ein Ticket und begab mich zur Sicherheitsschleuse, dessen Verantwortliche aber trotz Metalldetektor die Sache sehr lässig angingen. Auch durfte ich meinen Rucksack, entgegen den Hinweisen auf einem Schild, mitnehmen. Dann ging es mit dem Aufzug ins 79. Stockwerk.

Landmark 81 ist schon ein massiv hohes Gebäude.

Der Ausblick war erwartungsgemäß sehr beeindruckend. Zuerst sah ich in die Richtung, in der der Bitexo Financial Tower lag. Ach, was für ein kleines Türmchen, dachte ich aus der Perspektive, denn Landmark 81 ist mehr als 100 Meter höher, auch die Aussichtsdecks. Diese liegen hier unmittelbar unter dem Dach, nicht wie beim Bitexo Tower über 70 Meter tiefer. Ein Schild am Lift informierte, dass man sich im 79. Stock bereits auf 369,65 Meter Höhe befinde. Damit sind die Aussichtsplattformen von der Höhe her mit denen des Empire State Buildings in New York City vergleichbar, ohnehin sind beide Gebäude ähnlich hoch. Zwar ist das Empire State Building mit Antennenspitze etwa 443 Meter hoch, während die Dachhöhe von Landmark 81 auf 392 Meter liegt, aber die betretbare Ebene liegt bei beiden Gebäuden etwa bei 380 Metern. Das Landmark 81 misst mit seiner Spitze 481,2 m Höhe, damit ist da Gebäude auf Platz 17 der höchsten Gebäude der Welt.

Auf diesem Bild versteckt sich ein „Riesenrädchen“. Wer findet es?

In einer Richtung erspähte am Horizont ein Flugzeug im Landeanflug, und links davon den Flughafen Saigon, auf dem es dann landete. Es ist lustig, auf ein sich noch im Flug befindliches Flugzeug hinabzublicken. Die Sicht war wirklich sehr gut. Ich hatte natürlich auch einen sehr guten Blick auf den Fluss, dessen Windungen und den Schiffsverkehr. Leider kenne ich die Stadt ja nicht wirklich, so dass ich bestimmte Dinge wie etwa den großen Markt oder den Unabhängigkeits-Palast nicht entdeckte bzw. nicht einmal danach suchte. Aber egal, ich genoss einfach den Ausblick und machte reichlich Bilder.

Noch eine Aufnahme aus dem Landmark 81. Es fällt mir nicht leicht, eine Auswahl zu treffen.

Das 80. und 81. Stockwerk stieg ich über Treppen hoch. Es gab auf diesen Decks unterschiedliche Gastronomie, etwa ein japanisches Restaurant. Es gab auch einen nicht überdachten Außenbereich, aber der war geschlossen. Auf Deck 81 gab es noch so Virtual-Reality-Stationen, die hautptsächlich von Kindern und Jugendlichen genutzt wurden. Naja, ich brauchte gerade keine virtuelle Realität, die echte Realität war gerade ausreichend interessant genug.

Wer sieht das Flugzeug im Landeanflug?

Natürlich war die Sicht aus dem 81. Stock in 382 Meter Höhe nicht wirklich großartig besser als zwei Stockwerke tiefer. Trotzdem machte ich natürlich noch diverse Bilder. Man konnte auch (ich vermute, gegen ein zusätzliches Entgelt) draußen einen kleinen Spaziergang machen. Dazu bekam man ein Gurtgeschirr angelegt, mit dem die Mutigen dann in eine Führungsschiene eingeklinkt außerhalb des Gebäude ein paar Meter spazieren gehen konnten. Allerdings denke ich, dass der Gurt eher nur psychologische Gründe hatte, eigentlich gab es ein genügend hohes, gläsernes Gelände, welches Unfälle eher schon ausschloss. Oder man wollte damit spektakuläre Suizide verhindern. Ich glaube, man konnte da auch spektakuläre Selfies machen (lassen). Egal, ich habe das nicht gemacht.

Nachdem ich mich eine Weile auf den Skydecks herumgedrückt hatte, ging ich über die Treppen zurück auf Deck 79 und von dort per Aufzug runter auf Groundlevel. Ich hatte um 13.00 Uhr eine Verabredung mit meiner Schwester beim Unabhängigkeitspalast zu dessen Besichtigung. Die Fahrt dorthin mit einem Grub würde gut eine Viertelstunde dauern, ich hatte also noch etwas Zeit. Ich fuhr mit der Rolltreppe wieder ins Untergeschoss B1, wo ich im WinMart ein paar Sachen einkaufte. Danach sah ich noch, dass am Ticketschalter für die Eislaufbahn eine riesige Menschenschlange stand. Die Eislaufbahn öffnete offenbar gerade erst, denn man konnte sie einsehen und es war noch kein Betrieb dort

Gegen 12.30 Uhr sah ich zu, dass ich zurück zur Straße kam, bestellte mir über die App ein Grab und musste noch ein bisschen latschen, um zum Pickup-Point zu kommen. Irgendwie hatte ich eine falsche Vorstellung von der Farbe des Autos, und ich fand es nicht – aber wie schon mehrfach fand der Fahrer mich anhand meiner übermittelten GPS-Position. Das nächste Ziel war also der Unabhängigkeitspalast.

Der Unabhängigkeitspalast. Oder Wiedervereinigungspalast?

Dort angekommen fand ich nach kurzer Zeit meine Schwester, die bereits im Schatten des Ticketschalters auf mich wartete. Wir lösten Tickets („mit allem“) für 65.000 VND und betraten den Park vor dem Palast. Hier war inmitten einer großen Rasenfläche ein aktiver Springbrunnen zu sehen. Eine Karte zeigte eine empfohlene Besucherroute erst einmal im Park einen bestimmten Weg entlang. Dieser führte erst einmal zu zwei ausgestellten Kampfpanzern.

Kampfpanzer im Park

Es handelte sich, den Schildern zufolge nicht um die beiden tatsächlichen Panzer, die als erste am 30. April 1975 gegen 10.30 Uhr das Tor des Palastes durchbrachen, was das Ende der südvietnamesischen Regierung und damit auch des Vietnamkrieges markierte. Aber die beiden mit den Nummern 390 und 843 am Turm markierten Kampfpanzer waren identische Modelle der sowjetischen Modelle T59 und T54 (der T59 aus chinesischer Lizenzproduktion), die man für die Ausstellung hergerichtet hatte. Sehr ehrlich, fand ich, dass man die nicht als die exakten beiden Panzer verkaufte. Mich erinnerte das an das sowjetische Ehrenmal in Berlin Tiergarten, wo angeblich die ersten zwei T34-Panzer der Roten Armee stehen, die Berlin 1945 erreichten.

Und eine F-5 hat hier auch irgendwer geparkt.

Wenige Schritte weiter stand, wie die beiden Panzer unter Bäumen, ein Kampfflugzeug des Typs F-5E Tiger aus US-amerikanische Produktion. Die Geschichte hinter diesem Ausstellungsstück liest sich wie ein Thriller. Nguyen Thanh Trung, ein Pilot der südvietnamesischen Luftstreitkräfte, die mit Flugzeugen aus US-Produktion wie der F-5 ausgerüstet waren, entpuppte sich als kommunistischer Spion des Nordens, als er am 8. April 1975 mit dem leichten Jagdbomber einen Luftangriff auf den Unabhängigkeitspalast flog. Er hatte erfolgreich die südvietnamesische Luftwaffe infiltriert. Nachdem er zwei Bomben auf den Palast abwarf, landete er auf einem von seinen Mitstreitern vorbereiteten, improvisierten Flugfeld, wo er sehr gefeiert wurde. Der tatsächliche Schaden, den seine Bomben unter anderem am Hubschrauberlandeplatz des Palastes anrichteten, war gering und schnell repariert, zu Schaden kam niemand. Aber die psychologische Wirkung des Angriffs war, dass die US-Amerikaner ihren Rückzug aus Vietnam noch beschleunigten.

Zwischenbemerkung:

Man sagt, dass sich die Geschichte wiederholt. Überstürzte Flucht letzter Amerikaner per Hubschrauber vom Dach eines Gebäudes aus… erinnert an die überstürzte Flucht vom Dach der US-amerikanischen Botschaft in Teheran nach dem Zusammenbruch des Schah-Regimes.

Und den Rückzug der US-Amerikaner aus einem Land, das man in einem militärischen Konflikt unterstützt hat und den darauffolgenden Zusammenbruch des dortigen Regimes und Übernahme durch die Kräfte, die man eigentlich mit viel Blut, Zeit und Geld zu besiegen versucht hat – siehe Afghanistan, Taliban, vor wenigen Jahren. Dieselben Fehler werden immer wieder gemacht.

Wobei ich nicht sicher sagen kann, wo der Fehler liegt: Sich überhaupt erst militärisch zu engagieren, oder irgendwann aufzugeben und abzuziehen. Andererseits: Hinterher ist man immer schlauer. Und keiner kann sagen, wie die Geschichte ohne militärisches Engagement abgelaufen wäre. Das Leben lässt keine A/B-Tests zu.


Nun, wir betraten den Palast im 1. Stock. Hier waren Empfangsräume und auch ein Raum für Sitzungen des Kabinetts zu sehen. Eine Etage tiefer sahen wir vor allem die große Küche, die offensichtlich dafür ausgerichtet war, Mahlzeiten für viele Gäste vorzubereiten, sei es asiatische oder westliche Küche. Es gab zum Beispiel riesige Woks zu sehen. Außerdem waren hier zwei Autos ausgestellt, darunter ein restaurierter Jeep aus den 70er-Jahren. Mit so einem Modell hatte man damals, nach der Eroberung des Palastes, den im Amt befindlichen Machthaber Südvietnams, General Duong Van Minh (seit neun Tagen im Amt nach der Flucht seines Vorgängers Nguyễn Văn Thiệu ins Ausland) zum Radiosender gekarrt, damit dieser die bedingungslose Kapitulation Südvietnams und damit das Ende des Krieges verkünden konnte.

Der Unabhängigkeitspalast. Oder Wiedervereinigungspalast?

Außerdem gab es einen 60er-Jahre Mercedes (mit angedeuteten Heckflossen) zu sehen, der von Nguyễn Văn Thiệu benutzt worden war.

Danach begaben wir uns noch eine Ebene tiefer, in den Bunker. Dieser konnte vom Büro und dem Wohnbereich des Präsidenten über eine Treppe direkt erreicht werden und bot Schutz gegen Bomben von 500 – 2.000 lbs. (je nachdem, wo man sich dort genau aufhielt). Der Bunker war weitläufig und enthielt, über schmale Gänge verbunden, den „Situation Room“ des Präsidenten, wo auf großen Landkarten an den Wänden die Situation an den Fronten ständig aktualisiert wurde. Die militärischen und geheimdienstlichen Informationen wurden über Funk- und Fernschreiberzentralen, die von insgesamt 41 Mitarbeitern bedient wurden, zusammengetragen und kamen direkt von den eigenen und befreundeten Militäreinheiten sowie aus dem verbündeten Ausland (USA, Süd-Korea, Australien, Neuseeland). Direkt neben dem „Situation Room“ des Präsidenten gab es für ihn einen geschützten Schlafraum (ich habe mal gelesen, dass Winston Churchill im zweiten Weltkrieg ein ähnliches Refugium gehabt hat).

„War Room“ im Bunker

Es gab einfach viele Räume mit Kommunikationstechnik, Büros und Räume mit großen Karten an der Wand, auf denen die aktuelle Situation mit Fettstiften auf Plexiglas dargestellt werden konnte. Das alles war schon spannend, aber in so vielfacher Ausführung vorhanden, dass sich dasselbe Thema von Büros, Technik und Kartenräumen irgendwann doch auch wiederholte.

Kommunikationstechnik im Bunker (davon gab es mehrere Räume voll mit Funkgeräten, Telexmaschinen und ähnlichem)

Genauso verhielt es sich mit dem Rest des Palastes, dessen vier oberirdische Etagen wir anschließend erkundeten. Im zweiten Stock waren verschiedene Tagungsräume, Empfangsräume und Büroräume des Präsidenten und Vizepräsidenten zu besichtigen. Die Innenarchitektur war unterschiedlich, das Prinzip jedoch dasselbe: Reichlich Platz, um zu regieren, und alles ordentlich repräsentativ. Außerdem gab es hier Schlaf- und Wohnräume für Präsident bzw. Vizepräsident.

Einer der vielen Räume für Empfänge und Gespräche

Im dritten Stock hatte die „First Lady“ ihren eigenen Empfangsraum, ferner gab es dort ein Kino, einen Freizeitbereich (mit Flügel und Carambolage-Billardtisch) und eine Bibliothek. Im vierten Stock gab es schließlich noch einen Salon und das Helikopter-Deck, auf dem ein UH-1H „Huey“ stand. Leider konnten wir die Heli-Plattform nicht betreten und somit das Schild am Hubschrauber nicht lesen. Vermutlich wurden der Palast damit evakuiert, bevor der Palast von den Nordvietnamesen erobert wurde. Also, sicherlich nicht mit exakt diesem Hubschrauber, aber halt mit einem „Huey“. Außerdem, so kann ich einem Bild auf Wikipedia entnehmen, ist auf dem (reparierten) Dach die Stelle markiert, wo die Bomben der F-5E von Nguyen Thanh Trung eingeschlagen waren.

Zwischenbemerkung:

An sich bräuchte man, um wirklich die historischen Zusammenhänge im Bezug auf den Vietnamkrieg und auch die Geschichte des Unabhängigkeitspalastes zu verstehen, zumindest ein Kurzzusammenfassung vietnamesischer Geschichte (insbesondere seit der französischen Kolonialzeit). Aber dazu bin ich gerade zu müde, außerdem habe ich das selbst bisher erst bruchstückhaft verstanden.


Wir nachdem wir in der 4. Etage des Palastes angekommen waren, waren meine Schwester und ich uns unsicher, ob wir schon alles in diesem wirklich weitläufigen Gebäude gesehen haben, aber es war uns nach etwa 3 Stunden Besichtigung auch ein bisschen egal. Wir hatten viele Konferenzräume, Büros und Schlafräume gesehen, im Wesentlichen änderte sich nur der Stil der Innenarchitektur. Ein Raum war im westlichen 70er-Jahre-Stil eingerichtet, ein anderer im japanischen Stil. Es gab auch Esszimmer mit gedeckten Tischen, und wir schnappten auf, dass es jeweils einen fertig gedeckten Tisch für Essen im asiatischen Stil und einen anderen (mit Tischdecke) für Essen im westlichen Stil gab. Außerdem hatten wir ein großes Ankleidezimmer mit einer viele Meter messenden Kleiderschrankfront gesehen.

Der „Huey“ auf dem Dach. Vom Platz her würde auch ein CH-47 passen.

Jedenfalls verließen wir den Palast. Es war ca. 16.00 Uhr, und das Gelände sollte für Besucher eine halbe Stunde später schließen. Meine Schwester wollte die Zeit noch nutzen, um ein Nebengebäude zu besuchen, dessen Ausstellung sich hauptsächlich mit der Geschichte des Palastes an sich beschäftigte, und ich kam gerne mit. Dieses Gebäude war noch im Baustil des ursprünglichen, französischen Palastes gehalten.

Das erhaltene Gebäude im selben Baustil wie der ursprüngliche, französische Gouverneurspalast

Denn im Prinzip war es der dritte Palast an derselben Stelle. Der erste Palast war nach nach der Kolonialisierung durch Frankreich noch aus Holz errichtet worden und vergleichsweise bescheiden. Die Franzosen entschieden später, einen repräsentativen Palast im wirtschaftlich aufstrebenden Saigon nach dem Vorbild des Palastes von Napoleon III. zu errichten. Der Bau des Palastes verschlang 1/4 des französischen Staatsbudgets für Kolonialgebiete insgesamt, das Baumaterial wurde zum größten Teil per Schiff aus Frankreich angeliefert. Der 1873 fertiggestellte Palast wurde wie die Straße davor nach dem damaligen König von Kambodscha, Norodom I., benannt – also Norodom-Palast (weder die Straße noch der Palast heißen heute noch so).

In dem „zweiten Palast“, also dem Norodom-Palast, regierten die damalige Gouverneure der französischen Provinz. Nachdem durch das Genfer Abkommen 1954 die Kolonialherrschaft Frankreichs endete und sich die beiden Staaten Nord- und Südvietnam bildeten, wurde am 7. September 1954 der Norodom-Palast durch den französischen Repräsentanten General Paul Ély übergeben an den südvietnamesischen Premierminister Ngô Đình Diệm.

Die Herrschaft Diêms, die stets durch andere Kräfte im Land bedroht war, und sich auch durch eine ziemliche Vetternwirtschaft (alle wichtigen Ämter wurden durch seine Geschwister und ggf. deren Partner:innen besetzt) auszeichnete, währte neun Jahre. Der Palast wurde umbenannt in „Unabhängigkeitespalast“, um das Ende der französischen Herrschaft hervorzuheben.

Am 27. Februar 1962 rebellierten zwei Piloten der südvietnamesischen Luftwaffe, Nguyễn Văn Cử und Phạm Phú Quốc, die zwei A-1 Skyraider zum Palast flogen und diesen bombardierten, anstatt den Vietcong anzugreifen. Dabei wurde fast der gesamte linke Flügel zerstört. Trotzdem überlebten Diem und seine Familie das Attentat. Da es nahezu unmöglich war, das Gebäude in den alten Zustand zu versetzen, ließ Diem es abreißen und gab eine neue Residenz in Auftrag.

Wikipedia

Der Angriff der rebellierenden Piloten (später sollte sich auch diese Geschichte mit einer F-5E ähnlich wiederholen) war das Vorspiel eines Coup d’Etat durch das südvietnamesische Militär, welche die Djêm-Herrschaft schließlich beendete. Um langsam zum Ende zu kommen: Die Südvietnamesische Führung, die den Palast nutze, änderte sich bis zum Ende des Vietnamkrieges durch nordvietnamesische Truppen noch mehrfach und war von Korruption und der Abhängigkeit der USA geprägt. Nachdem der Vietnamkrieg beendet und die Teilung des Landes in Nord- und Südvietnam ebenfalls sein Ende fand, wurde der Palast in „Wiedervereinigungspalast“ umbenannt. Er wurde von der vietnamesischen Staatsführung 1990 für Besichtigungen freigegeben und zu einer historischen Sehenswürdigkeit erklärt.

Zurück zur Besichtigungstour: Das Gebäude, welches noch im Baustiel des Norodom-Palastes existierte, zeigte anhand von Schautafeln und Videos verschiedenes zur Geschichte des Palastes, aber auch zur Geschichte Saigons an sich. Wir hatten ja noch eine halbe Stunde Zeit, uns das reinzuziehen, bevor wir das Gelände kurz vor Toresschluss gegen 16.30 Uhr verließen.

Lecker Nachtisch!

Nach dreieinhalb Stunden im Museum war es auch Zeit für eine Pause. Wir fanden zufällig in unmittelbarer Nähe zum Palast eine richtige „Fressmeile“. Hier gab es unter einem gemeinsamen Dach unterschiedliche Arten von vietnamesischer und internationaler Gastronomie. Die Preise waren höher als „auf der Straße“, aber immer noch sehr erschwinglich für uns reiche Westeuropäer. Meine Schwester entschied sich für Sommerrollen mit Garnelen, ich nahm ein Banh Mì und ein Tiger. Danach gab es ein Dessert, Kokosnuss-Eis in einer halben Kokosnuss, für meine Schwester mit süssem Sticky-Rice, für mich mit ein paar Poundcakes. (Wie ich herausfand, sind „pound cakes“ eigentlich Rührkuchen, meist in Kastenform, die bei uns meist „Sandkuchen“ genannt werden. Die Dinger waren aber kleine Gebäckstücke, die ein bisschen wie ein Crossover aus Pancakes und Berliner Pfannkuchen ohne Füllung aussahen und schmeckten). Es war jedenfalls klasse. Danach gab es noch für meine Schwester und mich je einen Coconut-Coffee, dieser war recht stark und wenig süss.

Das Wasserpuppentheater

Danach machten wir uns auf den Weg zum Wasserpuppentheater. Das ist eine vermutlich auf das 11. Jahrhundert zurückgehende, vietnamesische Kulturform, bei der ursprünglich in Flüssen oder Dorfteichen gespielt wurde. Die Puppen bewegen sich unter- und oberhalb der Wasseroberfläche und werden durch Stangen und Seilzüge von Spielern, die sich hinter einem Vorhang im Wasser befinden, bedient werden. Die Fertigkeiten in Spiel und Herstellung der Puppen war lange ein geheimes Wissen, welches nur von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sie war nach dem Krieg fast ausgestorben und wurde von Nachkommen französischer Kolonialisten in den 80er-Jahren wiederentdeckt und wiederbelebt. Heute gibt es in Hanoi und Saigon Theater, in denen Wasserpuppen gespielt werden. Dies findet in einem Wasserbecken auf der Bühne statt. Dieses wird rechts und links von Musikern eines Orchersters flankiert, die die Vorstellung nicht nur begleiten, sondern den Puppen auch ihre Stimmen leihen.

Inhaltlich gibt es kein zusammehängendes Stück, sondern mehrere Szenen, die das historische, vietnamesische Leben zeigen, etwas Fischfang, Ernte, Szenen am Königshof. Es werden auch alte Legenden, wie die Legende vom zurückgegebenen Schwert, dargestellt. Das ist wohl ein ziemlicher Klassiker, den auch wir sahen.

Nun, wir kamen vor Einlass am Theater an, vor dessen Eingang bequeme Sessel zum Verweilen einluden. Schließlich durften wir, von in traditionellen Gewändern gekleideten Menschen (einem jungen Mann und einer jungen Frau, die offenbar beide gutes Englisch sprachen und denen der Dress ausgesprochen gut stand) aufgefordert, das Theater betreten. Etwa 20 Minuten später begann die Aufführung. Das Theater hatte sich inzwischen gut gefüllt. Insbesondere unter Touristen ist das Wasserpuppentheater wohl ausgesprochen beliebt, was hilft, diese Kunstform zu erhalten.

Da die Dialoge auf Vietnamesisch waren, habe ich einige Szenen nicht wirklich verstanden, zum Beispiel die erste. Die zweite Szene war ohne Menschen, hier schienen zwei Seedrachen sich im Synchronschwimmen zu üben – oder im Balztanz. Das Coole war, dass die Seedrachen nicht nur umherschwammen, sondern auch Wasser speien konnte, was sie ebenso synchron taten, wie ihre Bewegungen waren. Das hat mir ganz gut gefallen.

Spätere Szenen zeigten weitere ausgefuchste Features der verwendeten Puppen. Ein Mann (also eine Puppe) auf einem Boot, der eine Zigarre rauchte, konnte z.B. den Rauch sowohl durch seinen Mund wie auch durch seine Ohren (was zu Gelächter führte) entweichen lassen. Später kam nochmals ein Drache vor, der Feuer bzw. Funken speien konnten, er hatte wohl einen Feuerwerkskörper im Rachen.

Eine meiner Lieblingsszenen zeigte zwei balzende Wasservögel, die ihren Hals ziemlich weit aus- und einfahren konnten. Nach dem Gebalze/Liebesspiel tauchte plötzlich ein Ei auf (im wahrsten Sinne des Wortes), und später ein Kücken. Das war schon herzallerliebst. Eine weitere Szene zeigte ein Bootsrennen zwischen drei Ruderbooten mit jeweils vier Ruderern.

Langhälsige Wasservögel mit Nachwuchs. Es wurde allseits viel geschnäbelt.

Die Vorstellung dauerte etwa eine Stunde. Ich bedauerte, dass ich die Dialoge nicht verstand, weil ich den Eindruck hatte, dass sie teilweise sehr humorvoll waren. Aber ich hatte den Eindruck, dass alle Beteiligten mit Feuer und Flamme bei der Sache waren, und unter dem Strich hat es mir gut gefallen. Am Ende der Vorstellung begaben sich die Spieler der Wasserpuppen, noch im Becken, vor das Bühnenbild, hinter dem sie zuvor agiert hatten, und ließen sich applaudieren.

Es ist sicherlich nicht einfach, viele Puppen gleichzeitig mit vielen Spielern zu koordinieren, ohne sich dabei mit den Steuerstangen ins Gehege zu kommen. Dazu muss die Aktion der Puppen auch noch mit der Musik und den Texten der Musiker abgestimmt sein. Natürlich sieht alles locker und leicht aus, aber das ist sicherlich, wie so oft, die wahre Kunst: Es einfach aussehen zu lassen. Eigentlich hätten meiner Ansicht nach auch die Musiker einen Extraapplaus verdient, diese blieben aber bescheiden im Hintergrund.

Wohlverdienter Applaus für das Puppenspieler-Ensemble

Nach dem Wasserpuppentheater überlegten meine Schwester und ich, noch irgendwo einen Cocktail trinken zu gehen. In der Nähe meines Hotels (dieses wiederum gar nicht weit weg vom Wasserpuppentheater) gibt es eine ganze Reihe von Bars, wie ich auf Google Maps feststellte. Also versuchten wir, eine attraktive Bar zu finden. Die erste bot Cocktails in einer Preiskategorie an, wie wir sie auch am Vortag in der fancy Rooftop-Bar des Majestic-Hotels gehabt haben, aber eine weniger große Auswahl in einer weniger stil- und stimmungsvollen Umgebung. Die nächste Bar war wieder eine Rooftop-Bar, erlaubte aber den Zutritt nicht mit Sandalen. Man hätte und Leihschuhe gegeben, aber ich lehnte das ab. Das Majestic gestern war da viel entspannter! Eine weitere Bar nach Google Maps fanden wir dann schlicht nicht. Da mich der Straßenverkehr hier mit den Massen an Mopeds immer nach einer Weile stresst (dazu kommen die Abgase) hatte ich dann keine Lust mehr, weiter zu suchen.

Meine Schwester ließ sich in Hotelnähe wieder von einem Moped-Grab abholen (bei Starbucks), ich wartete, bis sie mit ihrem Fahrer losfuhr. Danach kaufte ich in der Nähe noch ein paar Sachen ein und ging dann ins Hotel zurück. Und begann in meinem Zimmer, diesen Eintrag zu schreiben.

Was mich zum aktuellen Zeitpunkt bringt.

Vorschau: Morgen Abend startet der Rückflug nach Deutschland, allerdings erst nach 21.00 Uhr. Ich kann also ganz locker so schlafen, dass ich das Frühstück hier mitnehmen kann. Check-out ist um 11 oder 12 oder so, das kann ich morgen beim Frühstück noch mit meinen Mitbewohnern checken. Meine Mitbewohnerin fliegt leider auch zurück unabhängig von ihrem Freund, meiner Schwester und mir. Daher wird die Reisegruppe morgen wieder auf die drei Leute schrumpfen, mit denen wir die Reise begonnen haben. Zwischen Check-out und Flug haben wir noch einiges an Zeit. Die Optionen sind: Koffer hier lassen und noch ein bisschen in die Stadt gehen, oder zum Haus der Schwester meines Schwagers fahren, wo meine Schwester wohnt. Wir könnten dort noch ein paar Stunden schlafen oder ein paar Runden „Wurm“ spielen, bevor wir drei zum Flughafen fahren.

Der Rückflug bis Istanbul wird vermutlich ein oder zwei Stunden länger dauern als der Hinflug, danach haben wir vier Stunden Aufenthalt in Istanbul. Ankunft in Hamburg-Fuhlsbüttel soll dann kurz nach 10.00 Uhr am Montag sein. Von dort fahre ich per S-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort direkt nach Osnabrück, weil ich Dienstag wieder arbeiten muss (Homeoffice). Ich werde, denke ich, den nächsten (und vielleicht vorletzten) Eintrag beim Zwischenstopp in Istanbul schreiben.

Bis denne.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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