Die Münze – Teil 14

Nachdem das erledigt und der kleine Schlitz notdürftig mit Silikon abgedichtet war, dachte er nochmal über die ungewöhnlichen Löcher nach. Hatte irgendwer ihm doch einen subtilen Streich gespielt? Oder war die Münze anfangs so heiß gewesen, dass sie durch Dach und Decke wie ein heißes Messer durch ein Stück Butter gegangen war? Plötzlich klingelte es. Obwohl Andrew eigentlich so sehr darauf gewartet hatte, war er einen Moment lang doch überrascht. Er eilte zur Tür. Es war tatsächlich ein Paketlieferdienst mit seiner Lieferung, welche in mit dem Logo des Technikversands bedruckten Karton verpackt war. Nachdem er seine Unterschrift auf eines dieser seltsamen Geräte gekritzelt hatte, die Mitarbeiter der Lieferdienste heutzutage immer hatten, schloss er die Haustür und öffnete hastig im Wohnzimmer das Päckchen.

Er holte das Dosierleistungsmessgerät aus seiner Schachtel, schlug das Heftchen mit der Bedienungsanleitung auf und setzte die mitgelieferten Batterien ein. Das Gerät hatte ein paar Tasten für verschiedene Messbereiche, eine große Digitalanzeige, und einen mechanischen Hebel, mit dem man die Fensteröffnung des Zählrohres für wahlweise nur Gammastrahlung, Beta- und Gammastrahlung oder Alpha-, Beta- und Gammstrahlung einstellen konnte. Er beließ den Hebel auf „nur Gamma“, schaltete das Gerät ein und drückte die Taste mit dem Radioaktivitätssymbol. Somit sollte das Gerät der Bedienungsanleitung nach die Strahlendosis in Mikrosievert pro Stunde anzeigen. Das Display zeigte 0,887 μSv/h1 an. Andrews Recherchen am Vortag hatten ergeben, dass in Cornwall die natürliche Strahlungsexposition zu den höchsten in England gehörte, weil die hügelige Gegend hier aus vulkanischem Granit mit hohem Urananteil bestand. Der Wert war angeblich fast dreimal so hoch wie der Durchschnittswert auf der britischen Insel. Allerdings war der Wert mit im Internet mit 7,8 mSv/a2 angegeben, nicht in μSv/h, was sein Gerät anzeigte. Nun, das war aber leicht umzurechnen, schließlich war es kein Geheimnis, dass ein Jahr 365 Tage, ein Tag 24 Stunden, also 8.760 Stunden hatte und dass 1 mSv = 1.000 μSv entsprach. Der Umrechnungsfaktur von mSv/a zu μSv/h war also ungefähr 0,114. Also multiplizierte Andrew die 7,8 mSv/h mit 0,114 und kam auf 0,8892. Wow. Tatsächlich fast das, was sein Gerät tatsächlich anzeigte.

Also bestand keine Gefahr, zumindest nicht, solange die Münze vergraben blieb. Aber irgendwie traute Andrew dem Gerät trotz des sinnvollen Ergebnisses auf dem Display nicht recht über den Weg. Irgendwie wollte er das Gerät gerne insofern testen, was es anzeigte, wenn es wirklich mit irgendeiner Strahlungsquelle konfrontiert würde. Aber wie konnte er das machen? Schließlich kam man aus gutem Grund an radioaktives Material nicht so ohne weiteres heran. Andrew überlegte ein Weile und verwarf Schnapsideen wie eine Röntgenuntersuchung bei seinem Orthopäden mit heimlichem Einsatz seines Dosierleistungsmessgeräts. Das war ihm nun eindeutig zu doof. Irgendwann erinnerte er sich an die Wecker und Armbanduhren aus seiner Kindheit, deren Zifferblätter in der Nacht leuchteten. Sie waren mit einer Farbe gemalt, die Radium enthielt, dessen Gefährlichkeit durch die Radioaktivität erst in den fünfziger Jahren untersucht wurde. Verboten wurde die Herstellung solcher Zifferblätter dann erst in den sechziger Jahren. Gefährlich war die radiumhaltige Farbe dabei weniger für die Nutzer der Uhren als für diejenigen, die diese Zifferblätter herstellten und ständig mit der gefährlichen Substanz hantierten. Leider besaß Andrew keine solche Uhr mehr. Doch ihm fiel ein, dass er sich mal mit einem Freund, mit dem er sich ab und zu zum Angeln traf, einmal über das Thema unterhalten hatte, und dass der ihm gesagt hatte, dass er noch eine solche Uhr besaß, sie aber lieber im Keller aufbewahrte, um nicht „verstrahlt“ zu werden. Das war doch einen Versuch wert! Er nahm das Telefon und wählte Alberts Nummer aus seinem Notizbuch. Albert nahm nach dem dritten Läuten ab und erklärte sich bereit, ihn zu empfangen.

Albert wohnte in Redruth, nur eine knappe Viertelstunde Autofahrt entfernt. Andrew packte das Messgerät ein und stieg in den Vauxhall. Nach kurzer Fahrt über die B3300 kam er an seinem Ziel an und klingelte an Alberts Tür. Der Freund öffnete und bat ihn herein. „Nun, was kann ich für Dich tun, Du klangst etwas geheimnisvoll am Telefon. Was ist der Anlass des plötzlichen Besuchs?“ Andrew hatte sich eine Erklärung für die Anschaffung seines Dosierleistungsmessgeräts überlegt. Er holte das Gerät hervor und erklärte Albert, dass er es gerne anhand von dessen alter Armbanduhr mit dem Radiumzifferblatt testen wolle. Natürlich wollte der wissen, woher das plötzliche Interesse an der Messung von Radioaktivität herrühre. Andrew erklärte, er hätte Bedenken wegen der maroden Atomanlagen in Winfrith und Bridgewater und wolle einfach rechtzeitig Bescheid wissen. Albert lachte nur und meinte, beide Anlagen seien doch mehr als 100 Meilen entfernt und überhaupt, was Andrew denn im Gefahrenfall überhaupt zu unternehmen gedächte? Aber schließlich winkte er ab und holte die alte Tissot aus dem Keller. „Ein tolles Ding!“, sagte er, als er die zwei Flaschen Dunkelbier, die er ebenfalls mitgebracht hatte, abstellte. „War mal richtig teuer, und sie läuft auch immer noch, wenn man sie aufzieht, und sogar recht präzise. Aber tragen mag ich sie doch nicht mehr.“ Andrew nahm einen Schluck von dem wohlschmeckenden Getränk, holte das Gerät hervor, stellte den Hebel auf Alpha-, Beta- und Gammastrahlung und schaltete es ein. Albert mustere es mit unverhohlenem Interesse. Das Display zeigte 0,889 μSv/h. Andrew brachte das Gerät näher an die Uhr heran und der Wert stieg auf 0,910 μSv/h. Danach stand er auf und entfernte sich mit dem Gerät von der Uhr. Er öffnete die Terassentür, ging auf die Terasse und stellte sich hinter die Mauer. Die Anzeige des Messgerätes zeigte nur noch 0,886 μSv/h. Als er sich der Uhr wieder näherte, stieg der Wert wieder. Okay. Das musste genügen, mehr konnte er nicht erwarten. Andrew trank sein Bier aus und bedankte sich bei Albert, der zwar amüsiert wirkte, aber dankenswerterweise keine misstrauischen Fragen stellte. Nachdem er sich, nicht ohne das Versprechen zu geben, sich bald wieder einmal zum Fischfang zu verabreden, verabschiedet hatte, fuhr er zurück nach Portreath, um die Münze wieder auszugraben.

Fortsetzung folgt…

1Mikrosievert pro Stunde
2Millisievert pro Jahr
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Die Münze – Teil 13

Andrew gähnte. Der Tag war irgendwie anstrengend gewesen. Die Anspannung, die er wegen seines ungewöhnlichen Fundes befallen hatte, war zwar einerseits anregend, aber sie forderte auch ihren Tribut. Er hatte die Angst bezüglich der möglichen Gefahr, die von der Münze ausging, nicht völlig abschütteln können und fragte sich, ob er angesichts dessen würde schlafen können, aber kurz nachdem er sich hingelegt hatte, übermannte ihn auch schon der Schlaf.

03. Juli 2017, 08:33 AM, Portreath, England
Andrew erwachte wie üblich ohne einen Wecker zur üblichen Zeit. Ziemlich schnell fielen ihm die seltsamen Erkenntnisse des vorangegangenen Tag wieder ein, auch seine Besorgnis in Bezug auf die mögliche Gefahr, die von der in seinem Garten vergrabenen Münze ausgehen mochte, und seine Bestellung des Dosierleistungsmessgerätes. Wenn alles wunschgemäß klappte, würde das Gerät heute geliefert und ihm Klarheit verschaffen. Hoffentlich war das Ergebnis, dass die Münze ungefährlich wäre und ihm nicht der baldige Krebstod aufgrund einer hohen Strahlendosis drohte!

Die Lieferung war für die Mittagszeit angekündigt, er hatte also noch ein paar Stunden Zeit. Nichtstun würde ihn nur noch nervöser werden lassen, also erledigte er schnell seine Morgentoilette, nahm eine Tasse Tee und eine Schüssel Cerealien zu sich und fuhr mit dem Vauxhall in den Nachbarort Pool. In der ehemaligen Bergarbeitersiedlung suchte er den Baustoffhandel seines Vertrauens auf. Hier erwarb er das Holz, welches er nach entsprechender Bearbeitung in seiner Werkstatt verwenden würde, um sein Treppengeländer wiederherzustellen. Es war nur eine etwa viertelstündige Fahrt nachhause, die Einkaufsfahrt hatte insgesamt nur eine gute Stunde in Anspruch genommen. Andrew nahm seine Einkäufe aus dem Kofferraum des Vauxhalls und brachte das Holz in seine Werkstatt. Es war gut, sich zu beschäftigen. Nur nicht ins Grübeln kommen!

Was nun? Seitdem Fiona ihn vor Jahrzehnten zum ersten Mal besucht hatte, war er nicht mehr so erpicht auf das Läuten einer Türklingel gewesen. Hoffentlich klappte es überhaupt heute wie versprochen mit der Lieferung des Dosierleistungsmessgeräts. Nun, das dumpfe Warten war nicht seine Sache. Er nahm das Telefon, suchte die Nummer des Dachdeckers aus seinem Notizbuch und wählte. Der Dachdeckermeister höchstpersönlich nahm seinen Anruf entgegen, und Andrew vereinbarte einen Termin zur Dachreparatur. Es würde schwierig werden, dem Handwerker die seltsame Beschädigung im Dach zu erklären, aber ein Problem nach dem anderen. Apropos Dach – bisher hatte es zum Glück seit dem „Münzeinschlag“ nicht geregnet, aber das musste ja nicht bis zur Reparatur so bleiben. Also tat er gut daran, das Loch im Dach so gut wie möglich abzudichten, bis die Reparatur erfolgen würde. Andrew ging in den ersten Stock. Zuerst holte er sich einen Stuhl aus dem Schlafzimmer, den er unter das Loch in der Zimmerdecke stelle und erkletterte. Dieses Loch würde er auch so bald wie möglich zuspachteln und übermalen. Als er es, auf dem Stuhl stehend, näher in Augenschein nahm, wollte er das umso mehr schnell tun. Das Loch war irgendwie merkwürdig – es sah aus, als sei es sauber ausgefräst oder ausgestanzt worden. Die Tapete an der Decke war an den Rändern des Lochs weder durch die Hitze der Münze angesengt, noch ausgefranzt. Das schmale, rechteckige Loch sah so exakt aus, wie der Münzschlitz eines Spielautomaten. Mindestens.

Andrew öffnete die Bodenklappe, zog die Bodenleiter herunter und kletterte mühsam hinauf. Solche Turnübungen hatte sein kaputtes, linkes Bein nicht so gerne, aber er biss die Zähne zusammen und stieg Stufe für Stufe hinauf. Oben angekommen musste er erst einmal ein wenig verschnaufen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann betrachtete er den „Münzschlitz“ im Boden von der anderen Seite. Auch hier, wo die Münze die Holzdielen durchschlagen hatte, sahen die Kanten des Schlitzes so sauber aus, als sei das Loch nicht durch einen zufälligen Einschlag entstanden, sondern von einem geschickten Handwerker mit hervorragendem Werkzeug ausgefräst und anschließend geschliffen worden. Keine Splitter, keine verkohlten Stellen. Andrew drehte den Kopf, um das Loch im Dach selbst zu suchen. Das war gar nicht so einfach, denn der kleine Schlitz fiel in der Isolierung nicht sofort auf. Aber nachdem Andrew durch das Loch im Boden auf das viereckige Loch im Erdgeschoss, wo der Pfosten gewesen war, gepeilt und die imaginäre Linie in Richtung Dach verlängert hatte, konnte er den Schlitz in dem dunklen Isolationsmaterial doch ausmachen.

Er zog die Arbeitshandschuhe an, die er mitgebracht hatte, um seine Hände vor der Glaswolle zu schützen. Dann wühlte er in dem Dämmstoff herum, bis er die Dachpfannen dahinter betrachten konnte. Das würde ohnehin nach dem Austausch kaputter Dachpfannen neu gemacht werden müssen. Andrew staunte. Er hatte mit einer oder mehreren völlig zerschlagenen Dachpfannen gerechnet. Aber auch hier machte er wieder dieselbe Beobachtung wie schon bei dem Loch im Boden: Der Schlitz war exakt und sauber – und die betroffene Dachpfanne ansonsten intakt. Das würde in der Tat schwer zu erklären sein. Nun, dafür war der Schlitz nun umso leichter abzudichten. Allerdings hatte Andrew sich das anders vorgestellt gehabt, das war dann eher eine Sache für die Silikonspritze anstelle von Plastikplane, Hammer und Nagel – was er mitgebracht hatte. Also musste er sich wohl oder übel noch einmal nach unten in die Werkstatt und noch einmal hier herauf bemühen.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 12

Schließlich war das Loch wieder komplett mit Erde gefüllt. Zur Sicherheit, und um das Loch im Rasen zu tarnen, wuchtete er drei Gehwegplatten herbei und legte sie als Stapel auf das Loch. Gut, dass der nächste Nachbar mehrere hundert Meter weit weg wohnte und der Hintergarten von der Straße aus nicht einsehbar war. Andrew wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah auf die Uhr. Die ganze Aktion hatte keine anderthalb Stunden gedauert, er hatte gearbeitet wie ein Besessener. Er brachte den Spaten zurück in die Werkstatt, ging in die Küche und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Die kühle, herbe Flüssigkeit tat gut, aber auch die körperliche Arbeit hatte ihn von seiner Angst, sich womöglich einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt zu haben, wohltuend abgelenkt. Nach der Aufregung und Anstrengung stellte sich langsam Müdigkeit ein. Aber der Tag war noch nicht zuende, und es blieb noch einiges zu tun.

Andrew trug sein Bier ins Wohnzimmer, wo sich auf dem Laptop träge die Uhrzeit in dreidimensionalen Ziffern drehte. Ein Tastendruck stoppte den Bildschirmschoner, und Andrew rief im Browser die Seite eines technischen Online-Shops auf, bei dem er schon öfter Werkzeuge bestellt hatte. Dort gab er „Geigerzähler“ in das Suchfeld ein. Nach kurzer Wartezeit erschien eine Liste mit Suchergebnissen. Es gab Bausätze, fertige Geräte und sogar billige Aufsteck-Zählrohre für Smartphones. Andrew scrollte durch die Liste, klickte ein paar Geräte an, las Käuferkommentare und entschied sich schließlich für ein fertiges Gerät im preislichen Mittelfeld. Er setzte ein kleines Häkchen bei „Express-Versand“, mit dem man ihm die Lieferung bereits am folgenden Tag versprach, und schickte die Bestellung ab. Sofern das wie versprochen morgen geliefert würde, wüsste er dann Bescheid. Das würde womöglich trotzdem gefühlt lange dauern, bis er mit dem Gerät hoffentlich Gewissheit hätte.

Andrew klickte in seinem Browser ein paar Seiten zurück, bis er wieder den Artikel über das Osmium auf dem Bildschirm hatte. Da standen zwei Warnzeichen, eine Flamme und ein Ausrufungszeichen, demnach war Osmium leichtentzündlich und reizend, aber nicht radioaktiv. Auch Wolfram, Platin und Gold waren nicht als radioaktiv gekennzeichnet, das wäre auch sehr verwunderlich gewesen, da Wolfram als Glühfaden in Glühlampen bis heute eingesetzt wurde und die beiden Edelmetalle üblicherweise auch gerne als Schmuck direkt auf der Haut getragen wurde. Gut, schwere Metalle mussten also nicht zwangsläufig radioaktiv sein, das beruhigte ihn ein wenig, wenn auch nicht vollständig. Die im Garten vergrabene Münze war ja offenbar etwas völlig unbekanntes, sicher sein konnte er erst nach der Messung mit dem Dosierleistungsmessgerät. So nannte man offenbar das im Volksmund gerne „Geigerzähler“ genannte Gerät, offiziell. Für heute aber hieß es abwarten – und aufräumen. Denn noch immer standen Putzeimer und Feuerlöscher im Flur herum, und der Brand an der Treppe war natürlich auch nicht rückstandslos vor sich gegangen.

Also stellte brachte Andrew Feuerlöscher und Putzeimer an seinen Platz zurück, wischte den gefliesten Boden im Flur des Erdgeschosses und montierte auch die angekohlten Streben des Treppengeländers ab. Es war fast Zeit für die Fernsehnachrichten, also machte er sich in der Küche ein Käsesandwich mit Tomaten, holte sich noch ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich vor den Fernseher. Es kam nichts Außergewöhnliches in den Nachrichten, nur das im Moment allgegenwärtige Säbelrasseln zwischen den USA und Nordkorea, die neusten Skandale in Politik und Showbusiness und der Wetterbericht. Keine Nachrichten über das Eindringen fremder Flugobjekte in den Luftraum des Vereinigten Königreichs oder einen unerklärlichen Anstieg der Radioaktivität in Südengland.

Den Rest des Tages verbrachte Andrew mit Internet-Recherchen über Metallurgie im Allgemeinen, Radioaktivität und deren Messung, sowie Numismatik. Soweit er das überprüfen konnte, war alles, was der Münzhändler ihm erzählt hatte, korrekt, auch wenn es irgendwie ernüchternd war, dass man all das Wissen auch einfach im Internet nachlesen konnte. Er warf noch einen Blick auf seine E-Mails. Noch keine Nachricht von Mr. Jameson. Naja. Es war ja wahrscheinlich auch kaum damit zu rechnen, dass irgendwer aus von dessen Internet-Bekanntschaften mehr über die Münze zu berichten hatte – so fantastisch es auch klang, es sah nicht danach aus, als ob das Objekt aus dem ungewöhnlichen Material schon einmal irgendjemandem vor ihm über den Weg gelaufen sein könnte.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 11

Schließlich gab er direkt „Dichte“ in das Suchfeld ein. Er scrollte ein wenig herunter, die Formel zur Berechnung war ihm ja bereits bekannt, und dann stieß er auf eine Tabelle mit Beispielen. Unter „Metalle“ standen da beispielhaft die Werte von Lithium, Quecksilber, Gold und Osmium. Letzteres hatte den höchsten Wert, 22 590 kg/m3, also klickte Andrew auf den Querverweis. Hier war die Dichte von Osmium umgerechnet mit 22,59 g/cm3 angegeben, aber vor allem stand dort: „Osmium besitzt mit 462 GPa den höchsten Kompressionsmodul aller Elemente, lediglich übertroffen von aggregierten Diamant-Nanostäbchen, und mit 22,6 g/cm3 die höchste Dichte“. Die höchste Dichte aller Elemente… Elektrisiert gab Andrew noch ein paar Zahlen in den Taschenrechner auf seinem Bildschirm ein, und da stand das Ergebnis schwarz auf weiß: Die Münze hatte eine über fünfzehn mal höhere Dichte als Osmium, das Element der angeblich höchsten Dichte. Wie konnte das sein? Es war einfach nur eine etwas subtilere Version der ursprünglichen Frage, wieso ein so kleines Objekt so derart schwer sein konnte.

Andrew verordnete sich Besonnenheit. Klar, das roch nach einer Sensation. Aber Sensationen interessierten ihn eigentlich nicht besonders, auf jeden Fall weit weniger als Antworten. Was war da nur in seinem Treppenpfosten steckengeblieben? Er überlegte. Hatte jemand irgendwo, wo sonst niemand hinkam, ein neues Element oder eine natürlich vorkommende Legierung entdeckt, die eine soviel höhere Dichte hatte, als alles, was man gemeinhin kannte? Vielleicht in der Tiefsee oder tief unten in der Erde? Gab es ein neues, geheimes Verfahren, mit denen man die Naturgesetze der Materie einfach so auf den Kopf stellen konnte? Oder… vielleicht kam die Münze gar nicht von hier. Schließlich war sie offensichtlich buchstäblich vom Himmel gefallen. Jede dieser Varianten klang fantastisch und nach Science-Fiction. War es denn überhaupt möglich, dass ein so schweres Metall überhaupt stabil war, müsste es nicht eigentlich zerfallen wie Uran…

Andrew erschrak. Er hatte bisher nicht daran gedacht, dass von der Münze womöglich eine Gefahr ausgehen könnte, aber es wäre denkbar, dass von dem völlig unbekannten Objekt radioaktive Strahlung ausging! Er könnte in höchster Gefahr sein und sich bereits eine tödliche Strahlendosis eingefangen haben! Ihm wurde ganz schlecht. Nicht nur das, er hatte unbeabsichtigt vielleicht auch andere in Gefahr gebracht, den Münzhändler, die Gäste im „Waterfront Inn.“, die hübsche Kellnerin dort.

Er riss sich zusammen – er musste sofort etwas unternehmen. Vielleicht war ja auch alles in Ordnung, aber er musste sicher gehen. Sollte er irgendwo Alarm schlagen? Wo rief man in so einem Fall an, bei der Feuerwehr? Bei der Army? Trotz allem gefiel Andrew der Gedanke, sein Geheimnis preiszugeben, gar nicht, außerdem wollte er sich auch nicht der Peinlichkeit, womöglich völlig unnötig Alarm zu schlagen, aussetzen. Nach kurzer Überlegung holte er sich einen Spaten aus der Werkstatt, wo er auch seine Gartengeräte aufbewahrte. Er trug ihn in den Garten hinter dem Haus, wo er begann, ein tiefes Loch auszuheben. Nachdem er etwa zweieinhalb Meter tief gegraben hatte, ging er zurück ins Haus. Er holte eine alte Geldkassette, aus einem Schrank, die dort bestimmt seit dreißig Jahren unbenutzt herumgelegen hatte, trug sie ins Wohnzimmer, legte die Münze hinein, drehte den Schlüssel und packte das Ganze zurück in die Umhängetasche. Er nahm sie mit zu dem frisch gegrabenen Loch, ließ sie hineinfallen und begann, den Aushub wieder zurück in das Loch zu schaufeln.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 10

Unwillkürlich musste Andrew über den trockenen Humor des Münzhändlers grinsen. Nein, außergewöhnlich war sein Fund auf jeden Fall, und Jameson war das auch völlig klar gewesen, er hatte Andrew nur ein wenig aus der Reserve locken wollen. Die hübsche Kellnerin brachte sein Essen. Andrew merkte erst jetzt, dass er mächtig Hunger hatte und probierte eine Gabel von dem geräucherten Fisch. Es schmeckte wie immer hervorragend. Während er sich durch die erste Hälfte seiner Mahlzeit hindurcharbeitete, widmete Andrew seine volle Aufmerksamkeit dem Essen. Als der Hunger nachließ, dachte er weiter nach.

Wirklich außergewöhnlich, vielleicht sogar überhaupt nicht zu erklären, waren weder das Motiv, noch die Legende noch die seltsamen Bohrungen im Rand, sondern das hohe Gewicht der Münze. Je länger er darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher erschien es ihm. Verstohlen blickte er sich um. Um ihn herum widmeten sich die Gäste des mittelmäßig besetzten „Waterfront Inn.“ ihrem Essen und Getränken, ihren Gesprächspartnern oder beidem. Andrew legte vorsichtig Messer und Gabel auf seinen halb leergegessenen Teller und nahm unter dem Tisch die Münze aus der Umhängetasche. Nach wie vor lag die Münze so schwer in der Hand, als hielte er nicht eine Münze, sondern mehrere Münzrollen mit jeweils hundert Münzen in der Hand.

„Ist alles in Ordnung mit Ihrem Essen?“, fragte plötzlich eine weibliche, etwas besorgt klingende Stimme. Andrew hätte fast die Münze fallen lassen, fing sich jedoch rechtzeitig und ließ die Münze schnell wieder in der Umhängetasche verschwinden. „Nein, alles in bester Ordnung, das Essen ist wie immer hervorragend. Ich mache nur eine kurze Pause, weil ich am Anfang den Fisch etwas zu schnell angegangen bin.“, versicherte Andrew, vielleicht etwas zu schnell. Für die Kellnerin schien die Sache aber damit erledigt zu sein, denn sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und wandte sich dem nächsten Tisch zu.

Puh. Er musste besser aufpassen. Das letzte, was er wollte, war Aufmerksamkeit zu erregen. Also, was war nun das wirklich Ungewöhnliche an der Münze? Ihr Gewicht. Genauer gesagt, ihr Gewicht bezogen auf ihre Abmessungen. Andrew brauchte nicht lange darüber nachzudenken, welche Eigenschaft dies im Zusammenhang betraf. Die Dichte des Materials, aus dem die Münze gefertigt war. Offenbar war die Münze aus mindestens zwei verschiedenen Materialien für „Ring“ und „Pille“ gefertigt, um deren jeweilige Dichte zu bestimmen, müsste er beides von einander trennen und einzeln wiegen und vermessen. Da er die Münze nicht beschädigen wollte, war das nicht möglich, aber er konnte zumindest die durchschnittliche Dichte des gesamten Objekts bestimmen. Und das war sogar ausgesprochen simpel, jeder mathematisch durchschnittlich begabte 15-jährige könnte das ausrechnen. Obwohl die Versuchung groß war, die paar Zahlen eben auf eine Serviette zu kritzeln, beschloss Andrew, zunächst in aller Ruhe seine Mahlzeit zu beenden und alles Weitere in der Privatsphäre zuhause zu erledigen. Also aß er seinen Teller mit Genuss und angemessenem Tempo ratzekahl leer, gab der hübschen Bedienung beim Zahlen ein anständiges Trinkgeld und verließ alsbald das „Waterfront Inn.“

Zuhause angekommen ging Andrew ins Wohnzimmer, fuhr den Laptop hoch und griff nach Papier und Bleistift, um die durchschnittliche Dichte der Münze auszurechnen. Die Münze war mathematisch gesehen ein Zylinder, dessen Volumen durch das Produkt der Kreisfläche und der Höhe zu berechnen war, also πr2h. Andrew benutzte die Taschenrechner-Funktion des hochgefahrenen Laptops und kam auf ca. 10,36 cm3. Die Formel zur Berechnung der Dichte eines Körpers hatte Andrew nach all den Jahren noch immer im Kopf, sie war einfach der Quotient aus der Masse und des Volumens. Er tippte die Zahlen in den Taschenrechner auf dem Bildschirm des Laptops ein und erhielt 354,62 g/cm3. Dass dieser Wert geradezu astronomisch hoch war, war ihm sofort klar. Als ehemaliger Mechaniker mit Zusatzausbildung in Feinmechanik kannte er sich mit den Materialeigenschaften verschiedener Metalle noch immer gut aus. Eisen beispielsweise, hatte etwa eine Dichte von 7,87 g/cm3, Aluminium nur etwa 2,7 g/cm3 und Kupfer lag bei 8,92 g/cm3. Mit teureren Edelmetallen wie Gold, Silber oder Platin hatte Andrew nie zu tun gehabt, diese Werte hatte er nicht im Kopf, also öffnete er einen Browser, um das zu überprüfen. Was hatte denn womöglich die höchste Dichte? Im Volksmund hieß es oft „schwer wie Blei“, also tippte er Blei in das Suchfeld von Wikipedia. Das Ergebnis war 11,342 g/cm3. Gold und Platin kamen ihm in den Sinn. 19,302 g/cm3 bzw. 21,45 g/cm3. Zuletzt fielen ihm Uran und Wolfram ein: 19,16 g/cm3 bzw. 19,25 g/cm3. Nichts hatte annähernd eine Dichte wie die Münze.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 9

Mr. Jameson hüstelte verhalten. „Ich glaube, ich weiß, was Sie irritiert. Das Objekt ist absolut sauber und unbeschädigt, nicht der geringste Kratzer. Entweder, es ist fabrikneu, oder es wurde schonend gelagert und war niemals in Gebrauch, oder es besteht aus einem sehr harten Material. Das ist in der Tat bemerkenswert. Nun, wenn Sie nach wie vor einverstanden sind, verbleiben wir doch so: Ich schicke die Bilder raus in die virtuelle Welt der Numismatik, und ich melde mich dann bei Ihnen, wenn ich ein paar Rückmeldungen bekommen habe. Maße und Masse der Münze halte ich zurück. Man wird mich zwar danach fragen, aber akzeptieren, wenn ich damit hinter dem Berg halten. Diskretion ist in diesem Geschäft ein Kodex. Ist das für Sie in Ordnung?“ „Ja, das passt.“, antwortete Andrew. „Wenn ich dann um Ihre E-Mail-Adresse und Telefonnummer bitten dürfte?“, bat der Münzhändler. Andrew nannte beides, und Mr. Jameson schrieb die Angaben neben den Maßen der Münze in sein Notizbuch. Sie gaben sich die Hand, und Andrew verließ, begleitet vom erneuten Schnarren des Summers, das Geschäft.

Zurück im Auto warf Andrew einen Blick auf die Uhr am Amaturenbrett. Es war schon zwei Uhr durch, fast schon etwas spät für den Lunch, aber der Tag hatte ja auch ungewohnt spät begonnen. Oder ungewohnt früh, je nach Betrachtungsweise. Er beschloss, im „Waterfront Inn.“ am Hafen ein spätes Mittagessen einzunehmen. Also wendete er, fuhr die Sunnyvale Road in die entgegengesetzte Richtung, bog am Square links auf die B3301 ab und recht rechts in die Forth-An-Nance. Er parkte den Vauxhall, trat ein und setzte sich an einen freien Tisch, von dem aus er einen herrlichen Blick auf den Atlantik hatte. Eine hübsche, junge Kellnerin tauchte auf und fragte nach seinen Wünschen, und er entschied sich für geräucherte Makrele mit Spiegelei, Bratkartoffeln und Salat sowie ein Ginger Ale. Andrew sah der jungen Frau nach. Vielleicht studierte sie in Cardiff und war über den Sommer hier, um Geld zu verdienen. Nicht schlecht, mittags kellnern, abends sonnenbaden oder surfen… Jung müsste man sein.

Er löste seinen Blick und seine Gedanken von der Kellnerin, blickte auf den Atlantik hinaus und wandte sich gedanklich wieder seinem Münz-Problem zu. Er überlegte, ob ihm Mr. Jameson jetzt eigentlich wirklich hatte weiterhelfen können. Einerseits nein. Denn obwohl Andrew das Gespräch mit dem Münzhändler sehr anregend gefunden hatte, tatsächliche Ergebnisse hatte es nicht zutage gefördert. Andererseits ja, denn Jameson vermittelte ihm einen Eindruck von Kompetenz und Sachkenntnis, insofern war das Ergebnis, dass er es offenbar nicht mit irgendeiner x-beliebigen, sich irgendwo im Umlauf befindlichen Münze handelte, sondern tatsächlich um etwas Außergewöhnliches. Oder um eine Duschmarke.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 8

„Ein über dreieinhalb kg schweres Dusch-Token? Nicht sehr praktisch. Was soll der Sarkasmus?“, bemerkte Andrew, etwas verdutzt. „Wäre als Zahlungsmittel genauso unpraktisch.“, konterte Mr. Jameson. „Übrigens, eine Frage haben Sie mir noch nicht gestellt.“, sagte Mr. Jameson ruhig. „Was für eine Frage?“, fragte Andrew. „Überlegen Sie mal.“, insistierte der Münzhändler. Andrew dachte nach. Dann dämmerte ihm, worauf Jameson hinauswollte. „Ähm… was ist meine Münze Ihrer Meinung nach wert?“ „Das interessiert Sie herzlich wenig.“, schmunzelte der Münzhändler, der es offenbar in jeder Hinsicht faustdick hinter den Ohren hatte. „Das glaube ich Ihnen so wenig, wie dass sich die Münze mehrere Jahrzehnte in Ihrem Haus befand, bevor Sie sie fanden.“ „Aber…“, stammelte Andrew, ziemlich aus dem Konzept gebracht. „Wissen Sie, diese Pennytaucher von der ‚Escurio‘ stellen die Frage nach dem Wert spätestens an zweiter Stelle. Ich weise sie dann höflich darauf hin, dass Sie einfach auf die Münze gucken sollen, was drauf steht, worauf sie dann in der Regel beleidigt wieder abziehen. Ihr Fall liegt da wohltuend anders. Deswegen verzeihe ich Ihnen auch alles, was Sie mir vielleicht nicht ganz wahrheitsgemäß erzählt haben. Sie werden Ihre Gründe haben.“ Andrew war ziemlich perplex, was eine gewisse Pause entstehen ließ.

„Und wie verbleiben wir nun?“, brachte er schließlich heraus. Verdammt, dieser gerissene Münzhändler brachte es tatsächlich fertig, dass er sich mit seinen über sechszig Jahren noch grün hinter den Ohren fühlte. „Nun, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wenn Sie einverstanden sind, fertige ich Fotografien des Objektes an. Ich habe im Internet Benutzerkonten in den einschlägigen Foren zum Thema Numismatik und dementsprechende Kontakte. Es ist ein Geben und Nehmen, man tauscht sich halt aus. Mit ihrem Einverständnis würde ich die Bilder posten und meine Kollegen um ihre Meinung fragen.“ Andrew zögerte kurz. „In Ordnung, aber nur unter einer Bedingung: Halten Sie bitte das ungewöhnliche Gewicht der Münze zunächst geheim.“, antwortete er schließlich. „Sie haben mein Wort.“, entgegnete Mr. Jameson. „Okay. Das genügt mir.“, nickte Andrew, worauf der Münzhändler in einen Nebenraum ging und mit einer erstaunlich modern und hochwertig aussehenden Spiegelreflexkamera mit einem großen Objektiv zurückkam. Er ging nochmals nach nebenan und hatte diesmal ein kleines Stativ und eine Art „Mini-Lightroom“ mit einer Fotoleuchte daran dabei. „Es kommt durchaus nicht selten vor, dass ich Münzen fotografiere, um mir die Meinung von Kollegen in aller Welt über das Internet einzuholen.“, bemerkte Mr. Jameson, dem Andrews erstaunter Blick nicht entgangen war. Mit routiniert wirkenden Handgriffen schraubte der Münzhändler die Kamera auf das Stativ, stöpselte den Stecker der Fotoleuchte in eine Steckdose und arrangierte die Münze in den kleinen Lightroom, dessen weiße Wände in Verbindung mit der Fotoleuchte Schattenbildung weitgehend verhindern würde.

„Ich werde auf jeden Fall Avers und Revers fotografieren, wie ich es immer mache, auch wenn wir hier nicht sicher sagen können, was hier was ist, weil ja beide Seiten identisch zu sein scheinen. Vielleicht sieht jemand später auf den Bildern doch einen Unterschied, der uns entgangen ist. Außerdem werde ich Detailaufnahmen von Motiv, Legende und ‚Rändelung‘ machen.“, erklärte Mr. Jameson, der sich sofort daran machte, diese Ankündigungen umzusetzen. Mit flinken Fingern stellte er die Kamera ein, drückte den Auslöser, änderte Postion der Münze und die Einstellungen der Kamera und löste erneut aus. Klick. Klick. Klick. „Nun denn.“, sagte er schließlich, „Werfen wir mal einen Blick auf die Bilder.“ Er holte einen Laptop unter der Theke hervor, nahm die Speicherkarte aus der Kamera und schob sie in den Computer. Nachdem er die Bilder von der Speicherkarte auf das Gerät kopiert hatte, drehte er den Laptop so, dass Andrew die Aufnahmen begutachten konnte. Wieder einmal staunte Andrew. Was immer Jameson machte, machte er offenbar gut. Die Bilder waren scharf, kontrastreich und detailliert. Die Makroaufnahmen von Motiv, Legende und Rändelung waren vergrößerte Darstellungen. Andrew stutzte. Was hier auffällig war, war das, was man nicht sah. Er griff erneut nach seiner Brieftasche, entnahm ihr einige Münzen musterte sie aus der Nähe. Alle hatten kleine Kratzer, Schrammen oder Flecken. Die Detailaufnahmen jedoch zeigten absolut nichts dergleichen, Die Münze sah selbst in der Vergrößerung fabrikneu und makellos aus. Weder der Sturz durch sein Dach, noch das Eindringen in das Hartholz seinen Treppenpfostens noch das Feuer hatten ihr das Geringste anhaben können.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 7

„Haben Sie weitere Beobachtungen gemacht?“, fragte Andrew wissbegierig. „Nun, einige. Aus Sicht der Numismatik, also betrachtet als Münze, haben wir es hier augenscheinlich mit einer sogenannten Ronden-Kombination zu tun. Die innere Scheibe mit dem Motiv ist der Farbe nach aus einer anderen Legierung als der äußere Ring mit der Legende…“ „Was ist eine Legende?“, unterbrach Andrew. „So nennen wir eine ringförmig um das Motiv angeordnete Schrift, wie sie hier offenbar vorliegt. Der innere Teil wird bei Ronden-Kombinationen auch gerne als ‚Pille‘ bezeichnet. Das ist gegenwärtig durchaus modern, wir finden so etwas z.B. bei den 1- und 2-Euro-Münzen. Noch etwas: Seltsam sind diese Bohrungen am Rand. So etwas habe ich noch nie gesehen. Man könnte das schon als eine Art Rändelung durchgehen lassen, aber üblich ist das nicht.“

„Wie ist denn Ihr Fazit?“, fragte Andrew gespannt. „Naja, ich habe Ihnen einen eher allgemeinen Vortrag über Numismatik gehalten, um ein wenig zu verschleiern, dass ich Ihrem Fund ziemlich ratlos gegenüber stehe.“, bekannte der Münzhändler. „Apropos Fund: Darf ich fragen, woher Sie das Objekt eigentlich haben?“ „Nun, ich habe es zuhause in einem Spalt entdeckt, vielleicht steckte es dort schon, als die Vorbesitzer meines Hauses dort wohnten“, log Andrew, „Wie ist denn nun Ihr Fazit?“

„Nun gut, ich kann Ihnen allenfalls meine Vermutungen unter Vorbehalt mitteilen.“, sagte Mr. Jameson etwas zurückhaltend. „Zunächst einmal kann ich zum Motiv überhaupt nichts sagen. Es sieht aus, als sei es eine stilisierte Insel mit einem hervorgehobenen Ort, vielleicht einer Stadt. Die Linien könnten Längen- und Breitengrade sein. Da aber mehrere dieser Linien über die mutmaßliche Landmasse gehen, müsste das dann eine ziemlich große Insel sein. Ich bin nie besonders gut in Geografie gewesen, aber ich glaube, eine Insel dieser Form und Größe existiert nicht. Ich würde eher auf eine fiktive Darstellung tippen, oder auf die künstlerische Interpretation eines Mythos wie Atlantis.

Zur Legende kann ich ebenfalls kaum etwas sagen, ich bin kein Semiotiker. Es sieht ein bisschen danach aus, als hätte jemand mit simplen Mitteln eine Art Geheimschrift erfinden wollen. Aber sie hat andererseits auch die nüchterne Anmutung von Logik und Geometrie. In der Regel tragen moderne Münzen Angaben über ihren Wert, das Ausgabeland und das Prägungsjahr. Allerdings ist nichts davon wirklich obligatorisch, und alle diese Angaben könnten in der für uns nicht lesbaren Legende auch enthalten sein. Bezüglich möglicher Fertigungsverfahren habe ich Ihnen eigentlich schon alles gesagt. Ich würde ausschließen, dass Ihr Fund vor dem Ende des vergangenen Jahrtausends angefertigt wurde. Ob geprägt, ob mit spanenden oder thermischen Verfahren produziert, in jedem Fall waren hier hochpräzise CNC-Maschinen am Werk. Was die ‚Rändelung‘ angeht, das könnte sowohl eine Verzierung sein als auch ein geduldeter Nebeneffekt des Fertigungsverfahrens. Sie fragen mich, ob hier eine Münze vor uns liegt? Ich kann es Ihnen nicht sagen. Es könnte eine Münze sein. Oder eine Art geheimes Erkennungszeichen. Oder eine Duschmarke von einem Campingplatz.“

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 6

Mr. Jameson nahm nun seine digitale Schieblehre in die Hand und vermaß den Durchmesser und die Dicke der Münze. „Das sind aber sehr gerade Werte“, staunte er. „Exakt 3,5 cm im Durchmesser und exakt 3 mm dick. Naja.“ Der Münzhändler griff zu einem unter der Theke liegenden Notizbuch nebst Bleistift und notierte „Münzähnliches Objekt von A. Summers, Durchmesser 3,5 cm, Dicke 3 mm, Gewicht 3675g (!)“. „Haben Sie denn irgendeine Idee, um was es sich handeln könnte?“, fragte Andrew ungeduldig. „Wenn ich ehrlich bin, nicht wirklich.“, antwortete Mr. Jameson. „Handelt es sich denn überhaupt um eine Münze?“, bohrte Andrew nach. „Auch das kann ich Ihnen nicht mit Sicherheit beantworten. Es gibt einige Merkmale, die typisch für Münzen sind, aber ich möchte Sie nicht mit numismatischen Details langweilen…“ „Erzählen Sie alles, was Ihnen einfällt!“, ermutigte Andrew. „Nun, wie Sie wünschen. Sehen Sie, zunächst einmal haben wir es mit einer sogenannten Kehrprägung zu tun – sofern das überhaupt eine Prägung ist“. „Was für eine Prägung?“, fragte Andrew. „Sehen Sie: Wenn ich die ‚Münze‘ um ihre vertikale Achse drehe, dann sehe ich auf der anderen Seite die identische Bild in derselben Ausrichtung. Drehe ich sie jedoch um ihre horizontale Achse, steht das Bild auf dem Kopf.“ Mr. Andrew demonstrierte das Gesagte mühsam mithilfe einer Zange, die er aus den scheinbar unendlichen Tiefen seiner Schubladen hinter der Theke hervorzauberte. „Wäre das umgekehrt, so hätten wir es mit einer Wendeprägung zu tun. Unsere britischen Cent-Münzen sind zum Beispiel auch Kehrprägungen, ebenso die Euro- und Eurocent-Münzen. Ein Beispiel für Wendeprägung sind die früheren, französischen Franc- und Centime-Münzen, weshalb Wendeprägungen teilweise auch ‚französische Prägung‘ genannte wird. Auch die amerikanischen Cent-Münzen sind Wendeprägungen.“ Andrew nickte beeindruckt. Er nahm ungeniert seine Brieftasche zur Hand und überprüfte das anhand einer 10-Cent-Münze. Interessant, da hatte er seit vielen Jahrzehnten alltäglich Münzen in der Hand, aber von diesem Detail hatte er noch nie gehört.

„Was meinten Sie eigentlich mit ‚falls es überhaupt eine Prägung ist‘?“, fragte er Mr. Andrews. „Nun, wenn es eine Prägung ist, dann ist es eine Positiv-Prägung, was sehr ungewöhnlich ist. Sehen Sie, üblicherweise sind die Prägestempel Negativ-Bilder, Motive und Schriften sind eingravierte Vertiefungen im Stempel, in der Münze ragt dann die Prägung in der Regel um 100-200 Mikrometer aus der Münze hervor. Zumindest bei modernen Münzen. Bei Ihrem Objekt ist es umgekehrt, wenn man über die Oberfläche fühlt, merkt man, dass Motiv und Schrift tiefer liegen. Ich kann das nicht vermessen, dazu bräuchte es einen sehr exakten Laserscanner. Wenn das also geprägt ist, dann sieht es so aus, als wäre es mit einem Positivmutterstempel geprägt worden.“ „Was ist das nun wieder?“, fragte Andrew? „Früher unterlagen Prägestempel einer großen Abnutzung. Um jederzeit identisch aussehende Prägestempel für ein identisches Münzbild anfertigen zu können, stellte man eine Mutterstempelmatrize mit einem positiven Prägebild her. Dies sah also genauso aus, wie später auch auf der Münze. Damit konnten dann die negativen Prägestempel jederzeit reproduziert werden, mit denen die Münzen geprägt wurden. Würde man statt des negativen Prägestempels den Mutterstempel verwenden, bekäme man bei der geprägten Münze am Ende ein negatives Prägebild – wie wir es hier vorliegen haben. Und das ist nicht üblich, weder bei aktuellen Münzen, noch bei allen historischen Münzen, die ich aus erster Hand oder aus der Literatur kenne.“

Mr. Jameson zog nun ein großes, beleuchtetes Vergrößerungsglas, welches an einem Schwenkarm an der Theke befestigt war, über die Münze. Er warf einen Blick hindurch, nickte befriedigt und bedeutete Andrew, sich das vergrößerte Bild ebenfalls anzusehen. Andrew schaute hindurch und fragte sich, worauf der Münzhändler hinaus wollte. Seine Ratlosigkeit war ihm offenbar anzusehen, denn Mr. Jameson forderte ihn auf das 10-Cent-Stück, welches Andrew immer noch in der Hand hielt, zum Vergleich unter die Riesenlupe zu halten. „Sehen Sie das? Man muss schon sehr genau hinsehen, aber die Prägung Ihrer 10-Cent-Münze hat sanft abfallende Reliefflanken, etwa 60 Grad. Bei dem fraglichen Objekt hingegen fallen die Reliefflanken offenbar exakt rechtwinklig ab. Genau kann man das nur mit einem Mikroskop oder noch genaueren Methoden ermitteln, aber man kann das schon mit meiner Lupe ansatzweise erkennen.“ „Bedeutet das, dass Motiv und Schrift nicht geprägt sind und es somit gar keine Münze ist?“, fragte Andrew. „Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir es nicht mit einer Prägung zu tun haben. Ich halte das nur nicht für wahrscheinlich. Für mich sieht es, oberflächlich betrachtet, eher so aus, als seien Motiv und Schrift mit einer Werkzeugmaschine entstanden, also zum Beispiel gefräst oder gelasert. Wenn das so wäre, gibt es sicherlich nur eine begrenzte Auflage, denn auch schnelle, computergesteuerte Werkzeugmaschinen arbeiten sehr viel langsamer als eine moderne Prägemaschine. Aber auch wenn es keine Prägung ist, eine Münze könnte es trotzdem sein. Möglicherweise.“ Andrew war erstaunt über das Fachwissen des älteren Mannes, wenn es um Materialbearbeitung ging, ein Fachgebiet, welches ihm selbst nicht fremd war. Seine Bewunderung gegenüber Mr. Jameson wuchs.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 5

Es war nur eine kurze Fahrt den Lighthouse Hill herunter und dann links in die Sunnyvale Road, wo Andrew seinen Wagen parkte. Rechts neben dem Juweliergeschäft befand sich „Jameson Mintage Trading Ltd.“, sein Ziel. Ein altmodischer Summer schnarrte, als er die Ladentür öffnete. Hinter der Theke stand Mr. Jameson, der ihn sofort begrüßte: „Mr. Summers, willkommen in meinen bescheidenen Geschäftsräumen. Was kann ich für Sie heute tun?“. Andrew war etwas überrascht, dass Jameson seinen Namen kannte, aber vielleicht war das für sein Anliegen nur vorteilhaft. „Ich habe da etwas, über das ich gerne Ihre Meinung als Fachmann wüsste.“, kam er sofort zur Sache. „Sehr gerne. Ich bin gespannt, was sie da haben. Wissen Sie, die Sporttaucher, die draußen um das Wrack der ‚Escurial‘ herumschwärmen und mir aufgeregt viktorianische Pennys in den Laden schleppen, werden auf die Dauer etwas eintönig.“ Andrew griff in seine Umhängetasche, fasste die Münze und legte sie vorsichtig auf die Theke. „Darf ich?“, fragte Mr. Jameson, und als Andrew nickte, versuchte dieser, die Münze aufzuheben. Natürlich unterschätzte er das Gewicht, und so misslang das erst einmal, seine Finger rutschten vom Rand ab. Andrew, der sich mittlerweile an das ungewöhnliche Gewicht der Münze gewöhnte hatte, schmunzelte heimlich ein wenig über den überraschten Gesichtsausdruck des Münzhändlers, sagte dann aber sofort „Nicht mit den Fingernägeln versuchen, die könnten ihnen abbrechen. Schieben sie die Münze halb über den Rand der Theke und fassen sie sie mit sicherem Griff.“ Mr. Jameson tat wie geheißen, und es gelang ihm, die Münze sicher in die Hand zu nehmen. „Nun, dies scheint in der Tat ein ungewöhnliches Objekt zu sein, welches sie mir da bringen.“, sagte er, „allerdings muss ich sofort gestehen, so etwas noch nie gesehen geschweige denn, in der Hand gehabt zu haben“.

„Ist es überhaupt eine Münze?“, fragte Andrew. „Schwer zu sagen.“, antwortete Mr. Jameson, der sich zunächst bedächtig die beiden identischen Seiten der seltsamen Metallscheibe ansah. „Von der optischen Anmutung her würde ich sagen, durchaus möglich. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Sie mich aufsuchen, es sieht eben aus wie eine Münze. Das Gewicht allerdings ist natürlich sehr ungewöhnlich und suggeriert keine große Praktikabilität im täglichen Zahlungsverkehr. Ich vermute, dass Sie diesen Gedanken ebenfalls schon hatten und das Objekt bereits selbst gewogen haben?“ „Ja und ja, das heißt, ich habe leider keine geeignete Waage zuhause. Ich konnte das Gewicht nur grob mit einer Personenwaage bestimmen, das Ding wiegt etwa zwischen drei und vier kg.“ „Nun, mit Ihrer Erlaubnis würde ich das Objekt gerne wiegen und vermessen“. Oh. Vermessen. Daran hatte Andrew noch gar nicht gedacht. Er zögerte kurz. „In Ordnung.“ Mr. Jameson zog eine der zahlreichen Schubladen auf und entnahm ihnen eine altmodisch anmutende Pendelwaage mit dem zugehörigen Gewichtssatz und eine elektronische Schieblehre, deren vierstellige Digitalanzeige in dieser Umgebung absolut fehl am Platz wirkte. Mr. Jameson musste Andrews erstaunten Blick wahrgenommen haben, denn er bemerkte, fast entschuldigend „Nun ja. Meine ursprüngliche Schieblehre, ein Erbstück meines Vaters, ist mir leider auseinandergefallen, und ich dachte, es schadet nicht, hier und da ein wenig mit der Zeit zu gehen…“

Bedächtig legte Mr. Jameson die Münze in eine der Waagschalen seiner altmodischen Pendelwaage. Da er das ungefähre Gewicht ja bereits kannte, legte er drei mal ein kg an Gewichten in die andere Schale. Die Schale mit der Münze blieb unten. Daraufhin fügte Jameson den drei Ein-kg-Gewichten ein weiteres hinzu, worauf sich die Schale mit den Gewichten senkte. Dann ersetzte er ein Ein-kg-Gewicht gegen ein 500-g-Gewicht, worauf sich wieder die Schale mit der Münze senkte. Nun fügte er zwei 100-g-Gewichte hinzu, worauf sich fast schon Gleichgewicht ergab, aber die Gewichtsschale senkte sich langsam wieder. Der Münzhändler tauschte weiter die Normgewichte der Waagschale durch immer kleinere Einheiten hin und her, bis der der Arm mit den Waagschalen die Waagerechte erreichte und sich nicht mehr bewegte. Der Zeiger stand auch Null. „Da haben wir es.“, sagte Mr. Jameson mit sachlicher Stimme, „3,675 kg – in etwa. Es wird nicht auf das Gramm genau sein, aber zumindest schon auf 5 Gramm plus/minus passen. Genauer als ihre Personenwaage allemal.“ Andrew, der den in 21. Jahrhundert vorsintflutlich anmutenden Wiegevorgang fasziniert beobachtet hatte, nickte nur stumm.

Fortsetzung folgt…

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