02. Juli 2017, 11:23 AM, Portreath, England
Die Sonne flutete hell durch die Vorhänge des Schlafzimmerfensters, als Andrew erwachte. Gewohnheitsmäßig warf er einen Blick auf die Uhr. Schon halb zwölf. Etwas hatte seinen Rhythmus gestört, normalerweise wurde er zuverlässig etwa drei Stunden früher wach. Ein leichter Brandgeruch lag noch in der Luft. Schlagartig fielen ihm die Ereignisse der Nacht wieder ein. Das Feuer. Die geheimnisvolle Münze. Oops. Wo war die eigentlich? Er hatte sie, müde und abgekämpft, einfach auf der Werkbank liegen lassen. Das schien ihm nun unangemessen – vielleicht war das seltsame Objekt von hohem Wert. Zwar war persönlicher, materieller Reichtum nie von besonders großer Priorität gewesen, aber trotzdem – für ihn lag der Wert der Münze in dem Geheimnis, welches sie umgab. Seitdem der Krebs ihm vor sechs Jahre seine Fiona genommen hatte, war Andrew sein Leben zunehmend sinn- und ziellos erschienen, egal, was er dagegen zu unternehmen versuchte. Plötzlich wurde ihm klar, dass ihn von Anfang an eine Art kindliche Neugier befallen hatte, seitdem er das Loch im Dach entdeckt hatte. Er spürte in sich hinein, und stellte fest, dass das Gefühl noch da war, und dass er es mochte. Hier gab es etwas Neues für ihn zu tun, und egal, ob das Ergebnis noch so banal und enttäuschend sein würde, er würde auf die Suche nach Antworten gehen.
Zunächst aber schwang er seine Beine aus dem Bett und lief die Treppe hinunter. Unten sah alles so aus, wie er es hinterlassen hatte: Feuerlöscher und Putzeimer standen unten an der Treppe, die Streben des Geländers waren verkohlt und hingen lose über dem quadratischen Loch, wo der Pfahl gewesen war. Alle Fenster standen weit offen – Einbruchsgefahr hin oder her, der Rauch musste aus dem Haus, und so hatte Andrew alles aufgerissen, bevor er ins Bett gegangen war. Trotz der frischen Brise, die hier an der Küste fast immer wehte, war der Brandgeruch noch allgegenwärtig, und das würde sicherlich noch mindestens eine Woche lang so bleiben.
Andrew eilte in seiner Schlafanzughose in die Werkstatt. Hier lag die Münze, wo er sie gestern liegen gelassen hatte, neben dem Schraubstock auf einem Putzlumpen. Von nun an, beschloss er, würde er verantwortungsvoller mit seinem eigenartigen Fund umgehen. Dazu gehörte aber auch, herauszufinden, was es damit auf sich hatte. Ohne Information, was das unbekannte Objekt war und woher es kam, war es einfach nur eine schwere Metallscheibe ohne Identität. Zunächst einmal würde er aber zusehen, dass er sie im Auge behielt, also nahm er die Münze mit sich ins Badezimmer. Dort wusch und rasierte er sich und nahm die Münze mit ins Schlafzimmer, wo er sich anzog,
Danach begleitete ihn die Münze wieder ins Erdgeschoss in die Küche, wo er zu seinem Tee eine Schale Cornflakes verzehrte. Dabei dachte er darüber nach, wie er etwas über die Münze erfahren könnte. Er beschloss, das zu tun, was buchstäblich naheliegend war. Im Ortszentrum von Portreath gab es einen Münzhändler. Er kannte den Mann ein wenig, man grüßte einander, wenn man sich im Pub beim Bitter oder am Strand in der Schlange vor der Fish-and-Chips-Bude traf. Einmal hatte Andrew an einer Runde Darts teilgenommen, an der auch der Münzhändler beteiligt gewesen war. Portreath war ein Dorf, dessen Bevölkerung sich durch den Tourismus im Sommer locker mehr als verdoppelte, und so kannte jeder jeden zumindest ein wenig. Wenigstens, sofern der andere nicht ein wellenreitbegeisterter Tourist war, der sich über die Brandung an der Küste Cornwalls freute. Vor den Wanderern, Radfahrern, Sportfischern und ein paar Tauchern war das die am häufigsten in den Hotels und Ferienwohnungen anzutreffende Subspezies des Cornwall-Touristen.
Nun, Andrew würde einfach einmal bei Mr. Jameson’s Laden vorbeischauen und unverbindlich nach seiner Meinung fragen. Der etwa 70-jährige war ihm durchaus sympathisch, und bisher hatte sich Andrew immer auf seinen Instinkt bezüglich anderer Menschen verlassen können. Außerdem würde er sowenig wie möglich sagen und hoffte, trotzdem so viel wie möglich zu erfahren. Selbst keine Information würde ein Information sein – nämlich aussagen, dass das Geheimnis der Münze womöglich tiefer und vielversprechender war, als eine schnelle Aufklärung zu bieten vermochte. Also stellte er die leere Cornflakes-Schüssel in den Ausguss, holte ein Umhängetasche und verstaute die Münze darin. Nachdem er alle Fenster geschlossen hatte zog er seine Windjacke über, verließ das Haus und stieg in seinen alten Vauxhall Astra.
Auf dem silbernen Ring, der den dunkleren Kreis umgab, waren seltsame Symbole zu sehen. Sie bestanden allesamt aus Linien, teilweise horizontal, teilweise vertikal, manchmal rechtwinklig zueinander angeordnet. Einige der Zeichen ähnelten so dem Buchstaben L, andere dem C, beides gab es auch spiegelverkehrt und in Kombinationen mit weiteren Linien. Er konnte nichts damit anfangen, er wusste nur soviel, dass es weder wie griechische, noch chinesische, noch arabische Zeichen aussah. Es hatte eher Ähnlichkeit mit den Geheimsprachen, die sich Schüler auf Kästchenpapier ausdachten. Aber in seiner Gesamtanmutung sah es nach einem sehr bekannten Gegenstand aus – es war ganz klar eine Münze.
Oder doch nicht? Andrew stellte sich vor, er müsse auch nur dieses eine, mutmaßliche Geldstück in seiner Brieftasche mit sich herumtragen – es würde ihm buchstäblich fast die Hose ausziehen. Geschweige denn womöglich mehrere davon. Er konnte sich nicht erinnern, jemals ein so kleines und dennoch so schweres Objekt in der Hand gehabt zu haben. Aber vielleicht war es weniger Verkehrswährung, mehr zur Geldanlage gedacht, so wie beispielsweise Goldmünzen wie der Krügerrand? Oder war es womöglich doch keine Münze, eher eine Medaille oder ein Orden?
Andrew musterte die seltsame Metallscheibe erneut genauer. Am Rand waren die seltsamen, kleinen Bohrungen angebracht, rundherum, in augenscheinlich exakt gleichen Abständen, 32 an der Zahl. Er nahm einen großen Schraubenzieher zur Hilfe und drehte die Scheibe mit ein wenig Mühe auf die andere Seite. Dies brachte keine neuen Details ans Licht – sie sah, zumindest auf den ersten Blick absolut identisch wie die andere Seite aus. Ratlos betrachtete er das runde Objekt und besann sich dessen, was jeder moderne Mensch tat, wenn er nicht mehr weiter wusste.
Er verließ seine Werkstatt und fuhr seinen Laptop im Wohnzimmer hoch. Er rief Google auf und gab einfach „schwere Münze“ in das Suchfeld ein. Die ersten Ergebnisse handelten vom Diebstahl einer 100 kg schweren Münze von der Berliner Museumsinsel. Dort wurde war bei einem spektakulären Raub der sogenannte „Big Maple Leaf“ entwendet worden, eine Münze aus reinem Gold, deren Materialwert den Prägewert beim aktuellen Goldpreis weit überschritt. Der reine Goldwert betrug zur Zeit weit über 3 Millionen Euro. Nun, interessant, aber das hatte kaum mit seinem Fund zu tun. Die nächsten fünf Seiten bei Google enthielten fast ausschließlich Suchergebnisse zu diesem Thema. Ansonsten fand er nur ein paar Münzverkäufe bei eBay, bei denen es jedoch um Münzen ging, die nicht im Entferntesten seinem Fund glichen, und ein Logikrätsel, bei dem es darum ging, mit einer Balkenwaage durch geschicktes Wiegen und Kombinieren zwischen gleich schweren Münzen eine Münze herauszufinden, die schwerer war, als die anderen.
Das brachte ihn alles nicht weiter, aber die Sache mit dem Rätsel brachte ihn darauf, die rätselhaft schwere Münze überhaupt erst einmal zu wiegen. Die einzige Waage, die er im Hause hatte, war seine Personenwaage. Die zeigte das Gewicht in 0,5 kg-Schritten an. Nun, besser als nichts. Er schnappte sich die Münze, die neben seinem Laptop lag, und trug sie ins Badezimmer. Zuerst stieg er ohne die Münze auf die Waage. Sie zeigte 73,5 kg an. Nicht ungewöhnlich. Nun nahm er die Münze in die Hand. Die Skalenscheibe drehte sich ein wenig gegen den Uhrzeigersinn, bis der Zeiger bei 77 kg stehen blieb. Die Differenz war also 3,5 kg. Bei einer Genauigkeit von geschätzt +/- 0,5 kg – mehr traute Andrew dem alten Ding nicht zu – wäre also das Gewicht der Münze zwischen 3 und 4 kg anzunehmen, wobei der nach seinem Gefühl eher den höheren Wert annahm1.
Das Ganze war schon reichlich seltsam. Wie war das Ding durch sein Dach gekommen? Wieder kam ihm seine Flugzeug-Theorie in den Sinn. Das Objekt sah eindeutig nicht nach einem Bauteil aus einem Triebwerk aus. Aber Andrew hatte vor kurzem einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, dass eine 80-jährige Chinesin vermutlich aus Aberglauben Münzen von der Gangway aus in Richtung eines Triebwerks einer Passagiermaschine geworfen hatte. Passagiere, die das beobachtet hatten, hatten die Kabinencrew des Jets alarmiert. Das Ende vom Lied war, dass das Flugzeug mit zweistündiger Verspätung startete, weil man, nachdem man Münzen vor dem Triebwerk auf dem Boden gefunden hatte, das Triebwerkgehäuse abmontiert und dann tatsächlich eine Münze in dem Aggregat gefunden hatte. Die Metallscheibe hätte ernsthaften Schaden anrichten können.
Trotzdem… seine ganz spezielle Münze war außergewöhnlich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie in irgendeinem Land der Erde aktuell als Zahlungsmittel im Umlauf war – dazu war sie einfach zu schwer und damit zu unpraktisch. Er nahm die Münze und trug sie wieder in die Werkstatt. Er würde sich am Tag näher damit befassen.
Andrew gähnte und sah auf seine Armbanduhr. Halb sechs. Es war noch dunkel. Er merkte, dass ihn die zurückliegenden zwei Stunden doch ganz schön geschlaucht hatten. Obwohl er sich fragte, ob er wohl angesichts des ungelösten Rätsels um die merkwürdige Münze würde schlafen können, stieg er die Treppe hoch – nicht ohne noch einen letzten Blick auf das ruinierte, untere Ende seines Treppengeländers zu werfen, von dem aber nun keine Gefahr mehr zu drohen schien – und fiel dann in seinem Schlafzimmer ins Bett.
Fortsetzung folgt…
1Anmerkung: Ich habe mit dem Gedanken gespielt, der Autentizität wegen englische Maßeinheiten für alles zu verwenden. Das habe ich aber verworfen, es wäre für meine Zielgruppe einfach unpraktisch zu lesen, oder ich müsste immer Fußnoten anbringen…
Der Treppenpfosten war leicht zu ersetzen, er hatte auch den ursprünglichen Pfahl ebenfalls selber gedrechselt und sowieso die komplette Treppe selbst gebaut. Das würde ihn nur ein Stück Holz und etwas Arbeit kosten. Mit dem Dach sah es anders aus, da würde er einen Dachdecker kommen lassen müssen. Sein durch einen Arbeitsunfall verletztes Bein ließ keine großen Kletterübungen mehr zu und hatte ihm auch den vorzeitigen Ruhestand beschert.
Doch all das konnte und musste warten. Was jedoch nicht warten konnte, war die Untersuchung des verkohlten Stück Holzes. Was immer es entzündet hatte, es würde vermutlich noch im Holz stecken und vielleicht Aufklärung zur Brandursache bringen. Andrew ließ diese offene Frage keine Ruhe, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Also ging er in seine gut ausgestattete Werkstatt in dem kleinen Anbau und holte sich einen Schraubenzieher. Er löste die vier Schrauben, mit denen der verkohlte Pfahl noch befestigt war und zog das ruinierte Stück Holz aus seiner Verankerung. Sofort kam ihm etwas seltsam vor: Das verkohlte Holz schien ungewöhnlich schwer, auch die Gewichtsverteilung war komisch, das obere Ende war viel schwerer als das untere. Andrew zog den Schluss, dass, was immer das Holz entzündet hatte, im oberen Teil steckte, etwa dort, wo der Fleck des Mondlichtes gewesen war – und dass es ziemlich schwer war.
Er trug den Pfeiler in die Werkstatt und legte es unter die starke Lampe auf seine Werkbank. Zuerst säuberte er das verkohlte Holz mit einem Lappen vom Löschpulver. Dann nahm er ein Schnitzmesser und begann, an dem seiner Meinung nach infrage kommenden Bereich rundherum das verbrannte Holz abzuschaben. Nach einer Weile stieß das Schnitzmesser auf einer Seite auf einen Widerstand. Andrew sah genauer hin und entdeckte eine Kante von einem gräulich-metallischen Objekt. Aha! Viel war aber noch nicht zu sehen, also schnitzte er Schicht um Schicht um die Kante ab. Bald konnte er erkennen, dass es sich offenbar um eine Metallscheibe handelte. In der Kante waren in regelmäßigen Abständen kleine Bohrungen zu erkennen. Die Meteoriten-Theorie konnte er somit abhaken – dies hatte eindeutig jemand gefertigt! Vielleicht stimmte also doch die Vermutung, dass eins der Flugzeuge der RAF – oder überhaupt irgendein Flugzeug – ein Bauteil verloren hatte. Eifrig schnitzte er weiter, bis die Scheibe etwa anderthalb Zentimeter aus dem Holz ragte. Andrew war des Schnitzens überdrüssig, er spannte das Holz in einen Schraubstock, nahm eine Kombizange, packte damit den Rand der Scheibe und zog kräftig. Die Scheibe leistete Widerstand, aber nach etwas Rütteln und Reißen löste sie sich doch ruckartig aus dem verkohlten Holz.
„Hab ich Dich endlich!“, dachte Andrew triumphierend – und stutzte. Die kleine Scheibe war schwer! Er hielt die Kombizange, mit der er die Scheibe herausgezogen hatte, in beiden Händen, und selbst so musste er nennenswert Kraft aufwenden, damit ihm Zange und Scheibe nicht herunterfielen. Andrew hatte seine Leben lang körperliche, praktische Arbeit nicht gescheut und hielt sich nicht gerade für einen Schwächling. Vorsichtig legte er die schwere Scheibe auf einen bereitliegenden Baumwoll-Lumpen, der früher einmal eins seiner T-Shirts gewesen war. Er drückte auf einen Schalter an der Wand, und nachdem der Kompressor auf Touren gekommen war, nahm er eine Druckluftpistole und reinigte die Scheibe von Ascheresten und verbrannten Holzsplittern. Er legte die Pistole wieder weg und nahm die Scheibe näher in Augenschein.
Das Metall der Scheibe war auf der ihm zugewandten Kreisfläche zweifarbig, ein silberner Ring außen, der einen etwas dunkleren Kreis einfasste. Auf dem Kreis in der Mitte war ein merkwürdiger Umriss … ja was? Eingraviert? Eingeprägt? Andrew fuhr mit dem Finger drüber, der Umriss lag minimal, aber fühlbar tiefer in dem Kreis. In dem Umriss waren mehrere Linien und Punkt zu sehen. Es sah ein bisschen aus wie eine stilisierte Landkarte. Eine Insel vielleicht?
Liebe Leser,
inspiriert durch einen Traum formte sich in meinem Kopf die folgende Geschichte. Sie wird insgesamt vielleicht länger als die typische Kurzgeschichte, bisher ist sie allenfalls halb fertig. Ich habe mir überlegt, dass ich sie als Fortsetzungsgeschichte hier im Blog veröffentlichen möchte. Genug der Vorworte, viel Spaß beim Lesen.
Die Münze
01. Juli 2017, 03:12 AM, Portreath, England
Andrew erwachte vom lauten Fiepen des Rauchmelders und saß sofort senkrecht im Bett. Dass es sich um nicht um einen Fehlalarm handeln konnte, meldete ihm seine Nase sofort, die Luft roch sichtlich nach brennendem Holz. Er sprang aus dem Bett und hechtete aus der Schlafzimmertür, so behände, wie man es einem Anfang 60-jährigen kaum zutrauen würde. Er bemerkte den Feuerschein, richtete seinen Blick nach unten und sah, dass im Erdgeschoss der hölzerne Pfosten des Treppengeländers in hellen Flammen stand. Die Flammen griffen bereits auf das Treppengeländer über. Andrew rannte die Treppe herunter, passierte den brennenden Pfahl und erreichte unversehrt die Küche. Dort riss er den Feuerlöscher von der Wand, rupfte den Sicherungssplint heraus, während er schon wieder in den Flur zurück hastete, und deckte dann den brennenden Pfeiler stoßweise mit Löschpulver ein. Das Feuer leistete nicht viel Widerstand, und bald hatte das Löschmittel seinen Dienst, dem Brand die Sauerstoffzufuhr abzuschneiden, getan. Die Flammen waren bald erloschen, doch rauchte der Pfeiler noch ein wenig vor sich hin, so dass Andrew in die Küche zurückging, einen Putzeimer mit Wasser füllte und diesen zur Sicherheit über dem Pfeiler entleerte. Es zischte und dampfte nur wenig, viel Glut konnte nicht mehr am Holz gewesen sein. Andrew fiel aber auf, dass es seltsamerweise eine Stelle im oberen Drittel des verkohlten Holzpfahls gab, die offenbar immer noch viel heißer war, als der Rest. Also holte er einen weiteren Eimer Wasser und goss dieses im Schwall auf den speziellen Bereich, bis auch hier schließlich nichts mehr dampfte und zischte.
Im Wohnzimmer stand auf einem Regal eine Flasche Talisker nebst zwei Gläsern. Andrew nahm sich die Flasche und eins der Gläser, schenkte sich großzügig von dem würzigen Single Malt ein, und kippte den Drink hinunter. Normalerweise genoss er seinen Whisky nippend in kleinsten Schlückchen, doch dies war nicht der Moment für den Alkoholgenuss im ursprünglichen Sinne. Der Alkohol entfaltete schnell seine Wirkung, und das warme Gefühl im Magen beruhigte seine flatternden Nerven. Nun, wo die unmittelbare Gefahr vorüber war, wandten sich Andrew Gedanken der Ursachenforschung zu. Wie war das nur passiert? Der nächste Gedanke versetzte ihn erneut in Angst und Schrecken – konnte es Brandstiftung gewesen sein? Schnell prüfte Andrew alle Türen und Fenster im Erdgeschoss und im ersten Stock. Alles war verschlossen und verriegelt wie immer, wenn er abends schlafen ging. Keine Außentür und auch kein Fenster zeigte das geringste Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens. Andrew atmete tief durch. Gut, offenbar kein Einbruch, keine Brandstiftung, aber was war es dann gewesen, was den Treppenpfeiler in Brand gesetzt hatte? Sollte er die Polizei rufen? Sein Leben lang war Andrew ein Mann der Tat gewesen, jemand, der wichtige Dinge ungern jemand anderem überließ und am liebsten alles selbst erledigte. Er setzte sich auf die dritte Treppenstufe und dachte nach.
Ein elektrischer Fehler kam kaum infrage, in der Nähe des Pfahls verliefen keine Leitungen. Was konnte es dann gewesen sein? Er musste die Überreste des Pfeilers selbst untersuchen. Plötzlich bemerkte Andrew auf dem schwarz verkohlten Überrest einen schwach schimmernden, kleinen, gelben Fleck. Was war denn das? Andrew ging zum Lichtschalter und löschte die Treppenbeleuchtung. Der Fleck war nun deutlich besser zu erkennen. Er ging zum Pfeiler und legte vorsichtig eine Hand auf den Lichtfleck. Nun war der Fleck auf seiner Hand. Andrew ging die Treppe hinauf und bewegte seine Hand so, dass der Fleck auf dem Handrücken blieb. Oben angekommen hob er die Hand weiter und blickte hoch. Dann sah er es: In der Decke war ein kleines Loch, mehr eine Art Riss, durch das der Mond hindurch schien. Etwas hatte offenbar das Dach durchschlagen. Und was immer es gewesen war, es hatte offenbar denselben Weg wie das Mondlicht genommen und dann den Treppenpfosten in Brand gesetzt.
Aber was konnte das gewesen sein? Vielleicht hatte ein Jet im Anflug auf die nahegelegene Basis der Royal Air Force ein Teil aus dem Triebwerk verloren, etwa eine Turbinenschaufel. Wäre das denkbar, dass so ein Teil so schnell und so heiß würde, um das Dach zu durchschlagen und danach das Holz in Brand zu setzen? Allerdings wurde der Stützpunkt, der heutzutage hauptsächlich eine Radar-Frühwarn-Station war, nur selten von Flugzeugen angeflogen. Oder war es doch ein Anschlag gewesen, und jemand hatte das heiße Projektil, welches mutmaßlich nun in dem verkohlten Pfahl steckte, mit einer Art Schleuder oder einer anderen Waffe durch sein Dach geschossen? Oder war es am Ende ein kleiner Meteorit gewesen, der sich ausgesucht hatte, ausgerechnet sein Dach zu durchschlagen und dann seine Treppe zu entzünden? Vielleicht war das sogar noch die plausibelste Theorie, dachte Andrew missgelaunt.
So saß ich also nun im Zug nach Bochum. Was war es doch wieder einmal für ein innerliches Hin und Her gewesen. Schon vor Monaten hatte einer meiner besten Freunde angemeldet, dieses Jahr mit mir zu Dream Theater zu wollen. Da wusste ich noch gar nichts vom Konzept der Tour. Leider konnte ich zu dem Termin, an dem mein Freund konnte, nicht – ich hatte eine Aufgabe in der Probebühne, nur einen winzigen Auftritt, aber Pflicht ist Pflicht. Mein Freund wiederum konnte aufgrund seiner Pflichten nicht mit nach Bochum. Ein anderer Freund ebenfalls nicht. Mist!
So hatte ich hin und her überlegt. Außerdem hatte ich mir in der vergangenen Woche eine veritable Erkältung zugezogen. Ein weiteres Problem: Nach dem Konzert fuhr der nächste Zug nach Osnabrück erst um 03:16 Uhr zurück! Also wären da mitten in der Nacht über vier Stunden Zeit zu überbrücken, womöglich in der Kälte…
Aber schließlich bestellte ich mir in letzter Minute doch noch ein Ticket. Auch das war nicht ohne Komplikationen, ich hatte aufgrund einer anderen Bestellung beim selben Anbieter gedacht, ich könne es mir selber ausdrucken. Doch weit gefehlt – es blieb nur die Option Eillieferung für 9,90 Euro. Egal, dann so. Dann stand in der Mail des Anbieters, ich müsse zum Empfang zuhause auch noch anwesend sein! Okay, ich war am Mittwoch anwesend und schrieb meinen Kollegen, ich käme später zur Arbeit und feierte Bereitschaftsstunden ab. Ich harrte zuhause auf das Türklingeln des UPS-Mannes, doch es klingelte nicht. Um 11 Uhr fand ich das Ticket dann im Briefkasten vor. Na toll… aber auch egal. Ich hatte es!
Es ist da – Das Astonishing-Ticket! Nur blöd, dass nicht einmal „The Astonishing“ draufsteht!
Ich hatte dann noch über Google Maps die Kneipen und Restaurants und deren Öffnungszeiten in der Nähe des Bahnhofs und des RuhrCongress-Zentrums (wo das Konzert stattfand) gecheckt. Der ursprüngliche Plan A war, nach dem Konzert irgendwo einzukehren, was zu essen und zu trinken und bis Ladenschluss um 02:00 Uhr dort zu bleiben und meinen Blog zu schreiben. Danach dann noch eine Stunde Ingress zocken in der Bochumer Innenstadt, dann würde auch mein Zug schon fahren. Akzeptabel.
Allerdings wusste ich, dass mein Chorleiter Kai, ebenfalls großer Dream-Theater-Fan, mit einem Freund ebenfalls zum Konzert fuhr. Ich besorgte mir von einem Chorkollegen seine Handynummer und whatsappte ihm, worauf er mir anbot, mich mit zurück zu nehmen. Also wurde Plan A zu Plan B.
Ich hatte noch richtig Angst bekommen, weil ich beim Heraussuchen des Zuges übersehen hatte, dass ich in Dortmund umzusteigen hatte – und dort nur 4 Minuten Zeit dafür hatte. Sowas ist gefährlich mit der Deutschen Bahn, das geht gerne mal schief. Und mit dem Zug einer Stunde später wäre ich zu spät in Bochum gewesen… das war gewagt, ich hätte normalerweise eine Stunde früher fahren sollen!
Aber es klappte alles, der Zug war pünktlich, der ICE stand auf dem Nebengleis bereit, und nach weiteren zehn Minuten Fahrt (lohnte nicht mal, das iPad zum bloggen rauszuholen) war ich in Bochum.
Auf der Website des Veranstaltungsortes stand für die Anfahrt vom HbF, man solle die Buslinie 488 Richtung Riemke nehmen. Ich fand am Busbahnhof den richtigen Bussteig und die Abfahrtszeit des Busses um 19:08 Uhr, was mir noch knapp 10 Minuten Zeit ließ, ein paar blaue Portale am Busbahnhof zu vernaschen. Zur Not hätte ich den Veranstaltungsort auch zu Fuß lt. Google Maps noch rechtzeitig erreichen können (in 27 Minuten).
Vor dem RuhrCongress in Bochum
Auch die Busverbindung klappte problemlos, und so traf ich ca. 40 Minuten vor Veranstaltungsbeginn im RuhrCongress-Zentrum (übrigens in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stadion des VfL Bochum und zum Starlight Express – Theater gelegen) ein. Davor hatten sich schon Schlangen gebildet, aber es ging ruckzuck voran. Im Gebäude wurde meine Karte abgerissen, und ich sah zuerst einen NOMAC. Dies war ein verkleidetes, kugelförmiges Display mit einer Kamera obendrauf. Das Display zeigte teilweise das Design des NOMACs von vorne, teilweise die Perspektive des NOMACs (aus Sicht der Kamera, aber verfremdet und mit allerlei technischem Spielkram unterlegt, Fadenkreuz und so etwas, ein bisschen wie in einem Computerspiel oder das Head-up-Display eines Kampfflugzeugs). Dann wurde ein Countdown eingeblendet, und bei null wurde ein Foto geschossen. Dann wurde darunter ein Name aus dem Astonishing-Universum angezeigt, anschließend eine Web-Adresse, unter der man dan wohl sein Foto finden könne. Hab gerade nachgeguckt, aber noch nichts gefunden… Wie auch immer, die Verkleidung von dem Ding sah bisschen schäbig aus, aber das kugelförmige Display und das Screendesign fand ich recht beeindruckend.
Ein „NOMAC“ – Daneben eine Dame vom Stab, die die Leute animierte, sich vom NOMAC knipsen zu lassen.
Dann gab ich meine Jacke bei der Garderobe ab und traf allsbald meinen Chorleiter und seinen Kumpel. Wir verabredeten, uns nach dem Konzert am Eingang zu treffen, und ich holte mir ein Pre-Show-Bier. Schließlich wurde es dann Zeit, und ich begab mich zum Platz in Reihe 10, Platz 4. Zu meiner Rechten saß ein stiller, etwas blasser Jüngling (vielleicht 17, vielleicht Anfang 20…), der mir ebenfalls alleine zur Show gekommen zu sein schien. Zu meiner Linken saß ein gut gelaunter Mann, vielleicht eher so in meinem Alter, und daneben saß wohl dessen Kumpel, und man scherzte angeregt auf Stammtisch-Niveau – mal nett gesagt. Ich erhaschte einen – offenbar auf alle anderen Konzertbesucher bezogenen Kommentar, man solle nicht so viel Kiffen, das würde man selbst schon erledigen. Oh, na toll! Leider wurde für mich der Mensch zwei Plätze links neben mir während des Konzertes zu einer echten Plage, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass er mir das Konzert regelrecht zumindest zum Teil durch sein Verhalten verdarb.
Denn diese der Darbietung in meinen Augen völlig unwürdige Person legte über die komplette Dauer der Veranstaltung ein Verhalten an den Tag, welches bei einem „gewöhnlichen“ Rockkonzert Open-Air akzeptabel gewesen wäre – aber nicht bei dieser Veranstaltung mit kompletter Bestuhlung in einer Halle. Die meisten im Auditorium lauschten eher andächtig und verfolgten die Handlung auf den Videoscreens, wenn auch natürlich manche ein wenig körperlich mitgingen und geklatscht und gejubelt wurde. Dieser Mensch aber rauchte und kiffte die ganze Zeit, zappelte albern herum, spielte „Airdrums“ und rief teilweise herablassende Kommentare wie „Ihr Flitzpiepen“ oder „Ausziehen!“. MANN! Ich war selten so kurz davor, ernsthaft handgreiflich zu werden! Soll der Vollpfosten zu Jürgen Drews gehen, wo er hingehört – oder aber die Kunst genießen, wie es sich gehört! Ich werde immer noch ganz aggressiv, wenn ich daran denke. Und leider konnte ich mich so nicht auf Handlung und Musik konzentrieren, wie ich wollte und nicht tief eintauchen in Atmosphäre und Geschichte von „The Astonishing“. Immerhin kann ich das jetzt als Ausrede dafür gebrauchen, dass mir viele Details entgangen sind.
Der Saal vor Beginn des Konzertes. Hinter der Bühne sieht man fünf der insgesamt acht Display-Elemente. Die fünf Elemente zeigen die Karte von „The Great Northern Empire of the Americas“ an.
Als erstes nahm ich natürlich den Bühnenaufbau wahr, noch bevor ich zu meinem Platz ging. Mike Manginis mächtiges Schlagzeug war in Bühnenmitte aufgebaut, links daneben stand Jordan Rudess Workstation (Keyboard) auf dem üblichen dreh- und schwenkbaren Ständer, der diesmal allerdings quasi vollverkleidet war. Sah nicht besonders toll aus, hätte man sich sparen können. Vor dem Schlagzeug James LaBries Mikrofonstativ, links davon John Myungs (Bass) Fußpedale und ein iPad auf einem Stativ, rechts davon die Pedale von John Petrucci – also eigentlich alles wie immer. Ansonsten vielen nur acht besonders geformte LED-Wände auf, eine dieser Display-Flächen war unterhalb des Schlagzeugs zu sehen. Diese acht unterschiedlichen Displays bildeten zusammen die Projektionsfläche für zunächst eine animierte Kartendarstellung des fiktiven „Great Northern Empire of the Americas“ – und später für die animierte Handlung von „The Astonishing“.
Dann kam die Ansage, man solle seine elektronischen Geräte ausschalten und dürfe nicht fotografieren oder filmen, gefolgt von einer erzählerischen Einleitung der Handlung. Dann erschien eine Schwadron NOMACs zu den Klängen von „Descent of the NOMACS“ auf dem achtteiligen Display. Es gibt auf dem Album 5 Tracks, in denen ausschließlich die Geräusche der NOMACs zu hören sind. Das Spektrum reicht dabei von an elektronische Spielsachen der 80er Jahre gemahnendes Gedüdel über mechanische Servo- und Fluggeräusche bis zu einem tiefen Tuten. Dieses erinnert an das Horn eines Ozeanriesen, oder an die Tripods in Steven Spielbergs Verfilmung von „Krieg der Welten“ von 2005. Jedenfalls deutet ein solches Tuten normalerweise an, dass etwas Großes kommt (etwa ein Ozeanriese, ein Tripod oder wie in diesem Fall, die Ouvertüre von „The Astonishing“). Diese Multimedia-Show wurde dazu noch sehr eindrucksvoll durch die Licht-Choreographie (ich denke, man kann das durchaus so nennen) untermalt.
Der Blick von meinem Platz auf die Bühne. Ich bitte um Entschuldigung, das ist ein echt schlechtes Handy-Foto. Zu sehen sind die acht Display-Elemente: Die fünf leuchtenden Streifen in der Mitte, links und rechts auf der Bühne sieht man zwei treppenstufenhafte Gebilde, das sind ebenfalls LED-Elemente, das achte befindet sich unter dem Schlagzeug.
Während „Descent of the NOMACs“ komplett eine Einspielung war, erschienen dann zur Ouvertüre („Dystopian Ouverture“) Dream Theaters Instumentalisten Jordan Rudess (Keyboards), Mike Mangini (Schlagzeug), John Myung (Bass) und John Petrucci (Gitarre) auf der Bühne und wurden mit Applaus empfangen. Ich hatte in einem Bericht zum Konzert in Hannover gelesen, die Ouvertüre sei für die Live-Aufführungen etwas anders arrangiert, damit Rudess mehr Instrumentalparts auf seinem Keyboard spielen könne. Mir fiel auf, dass sie tatsächlich etwas simpler gehalten war als auf der CD, beispielsweise wurde auf die chorische Untermalung des „Brother Can You Hear Me“-Themas verzichtet.
Während der Ouvertüre wurde auf dem unterteilten Display „The Great Northern Empire Of The Americas“ aus der Luft dargestellt, dazu Schwadronen von NOMACS und schwer geknechtete Menschen, die offenbar in Schmieden arbeiteten, jedenfalls sah man viel Feuer und große Vorschlaghammer schwingende Schattenrisse.
Nach der Ouvertüre, die – wie es eine Ouvertüre nun einmal so macht, wesentliche, spätere Themen des Werks aufgriff, vorüber war, wechselte Petrucci auf eine semiakkutische Gitarre und Sänger LaBrie betrat, untermalt von den ersten Klängen von „The Gift Of Music“ die Bühne. In den Applaus nach diesem Titel begrüßte er artig das Auditorim mit einem „Gutennabend, Bochum!“ – gefolgt von der Gitarrenballade „The Answer“.
Hörprobe: The Gift of Music – und so sehen ansonsten übrigens NOMACS aus.
Diese Titel wie auch das folgende „A Better Live“ drücken allesamt die Situation der Personen aus Ravenskill aus, so dass hier die Szenerie und die Personen von dort auf dem Display gezeigt wurden. Ravenskill ist offenbar recht idylisch gelegen, umgeben von Wald, da könnte man mal Urlaub machen… Allerdings sah man bei „A Better Live“ auch das Trainingslager der „Ravenskill Militia“, wo mit mittelalterliche Hieb- und Stichwaffen der Kampf trainiert wurde.
Bei „Lord Nafaryus“ hingegen wurde das Setting der unbenannten Hauptstadt und des Palastes der herrschaftlichen Familie gezeigt. Und wie sich, analog zum Text, die ganze Familie auf die Reise nach Ravenskill macht. Übrigens mit einer Art Flugscheibe mit einem Geländer ringsherum, auf dem die Familie stehend nach Ravenskill entschwebte. Alles ein wenig seltsam: Es gibt die ebenfalls schwebenden NOMACs, somit also eine Schwebe-Technologie, die allem, was wir heute in der Richtung haben, überlegen zu sein scheint, aber die Palastwache trägt mitnichten Strahlenkanonen, sondern mittelalterliche Wurfspieße. Die Architektur der Hauptstadt wiederum sieht nach Science Fiction aus, die Kleidung, die Waffen und Ravenskill hingegen nach Mittelalter. Wahrscheinlich konnte Petrucci sich einfach nicht zwischen „Star Wars“ und „Games of Thrones“ entscheiden.
Nun, ich werde darauf verzichten, den gesamten Konzertverlauf weiter im Detail zu beschreiben. Unter dem Strich fand ich die Animationen gelungen. Die Bewegungen der Figuren und Objekte mutete zwar etwas simpel an, beispielsweise bewegten sich die Gesichtszüge der Charaktere nicht wirklich, abgesehen von rudimentären Bewegungen von Haaren und Augen. Dennoch waren die Bilder selbst, also die Figuren und Hintergründe sehr schön gestaltet, teilweise sehr detailliert, manchmal auch nur als Silhouetten. Das gab dann einen schönen Effekt: Wenn die Bandmitglieder von vorne nicht angestrahlt wurden, wurden sie ebenfalls vor den leuchtenden LED-Wänden zu Silhoutten, als wären sie in diesem Moment selbst Teil der Video-Show. Das passierte insbesondere bei den vielen Auf- und Abtritten der Band, wenn zwischendurch die Einspieler der NOMAC-Tracks kamen. Grundsätzlich war eigentlich immer nur auf der Bühne, wer auch spielte oder sang, weshalb es viel Auf und Ab gab. Beispielsweise kam bei den Stücken, die zunächst nur mit Klaviertönen begannen (wie etwa „The X Aspect“), auch erst nur Jordan Rudess auf die Bühne.
Die Displays zeigten, im Gegensatz zu anderen Dream Theater-Konzerten übrigens niemals Detailaufnahmen der Spielfertigkeit wie Rudess‘ Klaviatur oder Petruccis Griffbrett, sondern ausschließlich die animierte Handlung oder irgendwelche fließenden Muster. Das war aber für mich auch nicht nötig, ich konnte die Musiker sehr gut sehen. Rudess schwenkte wie immer gerne mal seine Workstation so, dass man ihm auf die Tasten schauen konnte, und Petruccis Finger wie kleine Eichhörnchen über sein Griffbrett huschen zu sehen, als wäre es die einfachste Sache der Welt, war wie immer ein beeindruckender Anblick.
Und wie gefiel es mir? Nun, ganz am Anfang bekam ich vor Ergriffenheit und Begeisterung schon mal etwas Schnappatmung, und bei „Act Of Faithe“ rannen mir die Tränen in Bächen die Wangen herunter, besonders bei dieser Stelle:
„My music player,
my private paradise,
my music player,
a refuge I must hide.
And lost at sea forever
I drifted far away“.
Keine Ahnung, es mag noch so kitschig sein, mich berührte das irgendwie.
Andere Titel, von denen ich zuvor dachte, dass sie mich live richtig kicken würden, ließen mich aber vergleichsweise kalt, etwa „Brother Can You Hear Me“. Das ist eine bombastisch arragierte Hymne, die aber live ohne Orchester und Chor für mich einfach nicht richtig zündete. Es ist einfach zu ernüchternd, auf eine noch leere Bühne zu schauen, während die Hörner und Trompeten des – rein akustisch eindrucksvollen – Intros erschallen. Vorhin, als ich mir das noch mal aus der Konserve anhörte, musste ich einfach nochmal ein paar Runden im Gleichschritt zur Musik um meinen Couchtisch marschieren, so sehr packt mich das normalerweise.
Insgesamt waren das die beiden großen Abtörner bei dem Konzert:
1. Der bereits erwähnte Vollpfosten zwei Plätze neben mir
2. Die vielen vorproduzierten Klänge anstelle von Live-Orchester und Chor
Ich habe in einem Interview gelesen, dass halt Dream Theater nicht von Orchester und Chor unterstützt würde – es sei denn, für eine Aufzeichnung für DVD/Bluray. Also wusste ich das, auch von zwei Konzertberichten aus Hannover, schon vorher. Und falls ich mitbekomme, dass die es irgendwann komplett fett mit allem Drum und Dran aufführen, werde ich wohl tief in mein Sparschwein greifen und nach New York (oder wohin auch immer) fliegen müssen. Es fiel mir einfach schwer, zu unterscheiden, was genau eingespielt wurde, und was Rudess über sein Keyboard lösen konnte. Bei einer guten Live-Band (und das ist Dream Theater ohne Zweifel) ist es einfach schade, wenn so viel nicht live ist.
Nun, es war klar, dass es ein sehr ungewöhnliches Rock-Konzert würde. Der Applaus zwischen den einzelnen Stücken kam mir immer etwas verhalten vor, vielleicht auch deswegen, weil diese Zäsuren sowieso irgendwie die Handlung ungewohnt (im Vergleich zum Hören der CD-Fassung) unterbrachen. Ganz ohne Interaktion mit dem Publikum ging es doch nicht ab, zum ersten Mal ermunterte James LaBrie das Publikum bei „A Life Left Behind“ zum Mitsingen, aber viel kam nicht – auch von mir nicht, weil das keiner meiner Lieblingstitel ist und ich den Text nicht kannte.
Nicht lange vor der Pause gab es dann noch eins meiner persönlichen Highlights, das längste Stück der CD, „A New Beginning“. In diesem Song überzeugt Faithe, unterstützt von ihrer Mutter, ihren Vater, Gabriel noch einmal anzuhören. Nach fünf Minuten mit Gesang endet der Titel mit einem mehr als zweiminütigen Gitarrensolo. Dazu stellte sich John Petrucci breitbeinig auf James LaBries Platz in der Bühnenmitte und lieferte wie immer gnadenlose Perfektion ab. Im Gegensatz zur CD-Fassung wurde hier ein – aus meiner Sicht – Schwachpunkt vermieden: Auf der Studiofassung wird dieses grandiose Solo am Ende langsam ausgeblendet. Live kam es zu einem soliden, knackigen Abschluss.
Nach „The Road To Revoluten“ – übrigens auch wie „Brother Can You Hear Me“ ein wiederkehrendes, zentrales Thema von „The Astonishing“ war Act I zuenede, und es ging in eine 20-minütige Pause, in der ich mir ein weiteres Bier gönnte.
Act II begann mit dem instumentalen „2285 Entr’acte“ – sowas wie einer zweiten Ouvertüre zum 2. Akt. Die Handlung bewegte sich nun auf den Showdown zu, schön gestaltet war dann auf den Displays das Amphitheater „Heaven’s Cove“ zu sehen. Als dann Faithe tot und Gabriel seinen Schrei ausgestoßen hatte („The Last Farewell“) kam dann „Hymn Of A Thousand Voices“. Da klatschten dann alle mit. Zu meiner großen Freude machte der blasse Jüngling dasselbe wie ich: Die 1 jedes zweiten Taktes mitklatschen. Denn so ist es im Song: Alle acht Schläge ertönt ein Klatschen, und während die meisten entweder jeden Schlag oder die 1 jedes Taktes klatschten, machten ich und der junge Mann neben mir es so wie es auf der CD zu hören ist. Inhaltlich ist „Hymn Of A Thousand Voices“ die Wendung, als die Musik zurückkehrt und Faithe von den Toten aufersteht. Und am Ende des Titels stand auch das ganze Auditorium für standing ovations. Ein toller, intensiver Moment.
Nachdem dann all die dramatischen Ereignisse geschehen waren, kam die Band zum vorletzten Titel (wenn man mal vom NOMAC-Track „Power Down“ absieht), nämlich „Our New World“. Hier animierte LaBrie abermals zum Mitsingen. Da der Refrain ziemlich simpel ist, kam diesmal auch Echo vom Publikum:
„We build a new world,
a better world.
We build a new world,
our new world.“
Der Jüngling rechts neben mir war nun gar nicht mehr so zurückhaltend wie am Anfang, sondern er blieb (im Gegensatz zu mir und so ziemlich allen anderen) stehen und sang laut mit. Das fand ich aber mehr als okay – vor allem, weil es bei ihm eher von Respekt als dem Gegenteil davon wie bei dem Idioten zwei Plätze zu meiner Linken aussah.
Nach dem Titel verließ die Band die Bühne. Ich wusste von Berichten aus Hannover, dass es keine Zugabe geben würde – aber man war ja noch den letzten, namensgebenden Titel „The Astonishing“ des Albums schuldig, und so wurde das quasi als Zugabe gespielt. Dazwischen kam natürlich noch der letzte NOMAC-Track „Power Down“ – der Moment, in dem die NOMACs abgeschaltet werden und vom Himmel fallen, was auf den Displays dann zu sehen war.
Darauf kam die Band zurück und spielte den Schluss-Titel „The Astonishing“, in dem unter anderem auch wieder die zwei zentralen Themen „Brother Can You Hear Me“ und „Road To Revolution“ vorkommen. Hier meinte ich doch zumindest zu erhaschen, wie Rudess die Harfenklänge beim chorischen Knabengesang (Einspielung, nicht LaBrie)
„Father I will make you proud, rest in peace“ (Xander)
und später einige Flötenklänge seiner Workstation entlockte. Achja, zu LaBries Gesang: Es war schon beeindruckend, wie unterschiedlich LaBrie ansonsten die unterschiedlichen Charaktere der Geschichte interpretierte. Ich fragte mich, was er davon über Variantion seiner Stimme schaffte, und was Effekt war. Da muss dann ggf. jemand in der Technik ein genaues Drehbuch haben, denn er selbst hatte keine Pedale wie die beiden Johns für ihre Saiteninstrumente…
Nach dem Ende dann nochmals donnernder Applaus im Stehen, Verneigen der Band, Abspann (Credits) auf den Videowänden. Und danach dann nochmal ein großer NOMAC, dessen „Augen“ noch einmal rot aufflackern. Fortsetzung?
Fazit: Natürlich lieferte Dream Theater wie immer absolute, musikalische Perfektion ab. Light- und Multimediashow dazu waren echt toll. Dennoch wollte sich die totale Verzückung bei mir nur selten einstellen (aber immerhin, besser als nie). Das lag an den bekannten zwei Gründen und vielleicht auch daran, dass durch das Konzept des Konzertes mit dem Konzept der nahtlosen Story und bestuhltem Auditorium das Publikum, das nun einmal bei Live-Konzerten ein wichtiger Teil der Atmosphäre ist, eher zurückhaltend war (außer dem Idioten zu meiner Linken). Meiner Ansicht nach wäre es mit Chor und Orchester grandios – aber das ist finanziell und logistisch für Dream Theater vielleicht nicht zu stemmen bzw. ein zu großes Risiko. Ohne das allerdings war es irgendwie ein Zwischending zwischen Oper/Musical-Charakter und Rockkonzert – und weder das eine noch das andere so richtig.
Mittig im Bild: Jordan Rudess vollverkleidete Workstation mit Notendisplay und einem zusätzlichen iPad für was auch immer. Ein Kontinuum hatte er diesmal nicht dabei, es wurde einfach nicht gebracht. Rechts Manginis imposantes Schlagzeug.
Nach Ende der Darbietung machte ich noch vor der Bühne ein Foto von Rudess‘ Workstation (zusammen mit einigen anderen), wurde dann aber von einem wichtigtuerischen Anzugträger mit den Worten „Hier passiert nichts mehr“ zurückgedrängt. Ach wirklich?
Draußen holte ich meine Jacke von der Garderobe, ging nochmal für kleine Jungs und traf dann meinen Chorleiter samt Kumpel vor dem Eingang. Wir mussten nur eine Treppe runter in die Tiefgarage, wo der SUV meines Chorleiters geparkt war. Wir waren dann ratzfatz auf der Autobahn und danach gerne mit 170-180 km/h unterwegs. Ich wurde dankenswerterweise bis vor die Haustür geliefert, wo ich fast Strich null Uhr ankam.
Das war’s dann für diesmal. Danke fürs Lesen!
Ein paar Links zum Thema:
offizielle Astonishing-Website – Bilder und Beschreibungen zu allen Charakteren, Bilder zu den Settings, Tracklistings, Hintergrundstory (sehr detailliert).
Okay, los geht’s. Gerade bin ich in Osnabrück in den Zug gestiegen, der immerhin schon mal pünktlich losgefahren ist. Das ist schon viel wert, die Umsteigezeit in Dortmund beträgt nur 4 Minuten, und mir ist echt mulmig zumute. Ich muss diesen Anschluss kriegen, sonst ist die Reise wahrscheinlich umsonst. Und ich wäre über 100 Euro und eine Menge Zeit ohne Gegenleistung ärmer…
Worum geht es eigentlich? „The Astonishing“, ein Dream-Theater-Konzert, heute, 20.00 Uhr in Bochum. Mitte Februar erfuhr ich zufällig, dass meine Lieblingsband Ende Januar ein neues Album herausgebracht hat. Ich hörte ein anderes Album der Band über die Amazon-Cloud und wurde daraf hingewiesen. Okayyyy… Ich erfuhr per whatsapp, dass ein sauberer Herr jüngerer Neffen schon seit einiger Zeit davon wusste und mir nicht Bescheid gesagt hat. Grrrr. Ein paar Tage später meldete sich der Herr älterer Neffe per Whatsapp: „Ey, krass, Dream Theater hat ein neues Album draußen, wusstest Du das?“ Ähm. Soviel zum Thema Glashäuser und Steine werfen.
Natürlich bemühte ich sofort Google und Wikipedia, um nähere Informationen zu bekommen. Es handelt sich bei „The Astonishing“ nicht einfach nur um „irgendein“ Album, „episches Werk“ trifft es wohl eher. Ca. 2 Stunden und 10 Minuten (2 CDs), bombastischer Prog-Metal mit Chor und Orchester, lange Hintergrundgeschichte, in den USA das erste Dream-Theater-Album auf Platz 1 der Album-Charts, in Deutschland und diverse anderen eropäischen Ländern ebenfalls in den Top 10. Bei den Konzerten dazu (vier davon in Deutschland) würde das gesamte Album gespielt werden, wobei auf Videowänden die Geschichte, die die 34 Titel erzählen, in Form eines eigens produzierten Animationsfilmes gezeigt würde. Wow. Einige Mausklicks später hatte ich das Album erworben und über die Cloud sofort verfügbar, die CDs kamen einige Tage später. Ich musste das Werk einige Male durchhören, um Musik und Handlung voll zu erfassen.
Der offizielle Astonishing-Trailer
Und die Geschichte geht – in meinen eigenen Worten, etwa so:
Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit ein sehr talentierter Prog-Metal-Gitarrist, der hieß John Petrucci. Und dachte bei sich: „Ei was gibt es doch für gar feine Erzählungen auf dieser Welt über Jedi-Ritter und Ring-Träger und Thron-Spieler. Ich will auch eine gar feine Geschichte schreiben und meine wackeren Bandkollegen fragen, ob sie mir nicht helfen, diese in ein musikalisches Epos einzubetten.“ Und so geschah es. Der Barde James LaBrie, Keyboard-Zauberer Jordan Rudess, Bass-Ninja John Myung und Schlagzeug-Geist Mike Magini willigten ein. Und so schrieb John Petrucci seine Geschichte.
Und diese Geschichte geht – in meinen eigenen Worten, etwa so:
Es wird einmal sein in nicht allzu ferner Zukunft ein Land, das wird „The Great Northern Empire Of The Americas“ heißen. Dort wird einmal gewesen sein … ach… kacke. Das wird mir zu anstrengend, das alles im Futur zu schreiben, das bekommen ich eh nicht konsequent geregelt. Also schreibe ich, als wäre es schon passiert, das müsst Ihr dann selber klarkriegen…
Wo war ich? Achja. Das „Great Northern Empire of the Americas“ wurde von einem gierigen Herrscher, Lord Nafayius, mit eiserner Hand regiert. Während er mit seiner Famile in einem komfortablen 27-Zimmer-Küche-Bad-Bowlingbahn-Palast in Saus und Braus residierte, lebten seine Untertanen im Lande in ärmlichsten Verhältnissen. Über den Landen schwebten, alles sehend, die NOMACS (noise machines), überwachten die Untertanen und verdrängten mit ihren elektronischen Missklängen jegliches Aufkommen von Musik und Kultur.
Doch wie immer in solchen Geschichten von Unterdrückung durch allmächtige Herrscher gibt es sowas wie ein kleines gallisches Dorf, in diesem Falle mit dem klingenden Namen „Ravenskill“, in dem sich der Widerstand gegen die Unterdrückung formierte. In Ravenskill lebte ein junger Barde, der (im Gegensatz zu seinem Pendant aus dem kleinen, gallischen Dorf) vortrefflich zu musizieren und zu singen verstand. Die Dorfbewohner hingen an seinen Lippen und priesen ihn als kommenden Retter. Besonders sein älterer Bruder Aryths vertrat diese Meinung und sammelte wehrhafte Männer um sich, um das Einläuten der neuen Zeit durch seinen Bruder Gabriel notfalls mit Gewalt zu flankieren. Aryths hatte seiner Frau Evangeline einst auf dem Sterbebett versprochen, dass ihr gemeinsamer Sohn Xander es einst einmal besser haben würde…
Inzwischen fragte sich Lord Nafaryus in der fernen Hauptstadt: „Was dringet denn hier seit einiger Zeit so ein penetrantes, wenngleich irgendwie melodisches Geräusch an mein hochherrschaftliches Ohr? Wer wagt es, an meinem Throne zu sägen?“ Die Gerüchte über den Retter und seine Musik hatten sich mittlerweile bis in die Hauptstadt herumgesprochen. Unsicher, ob sei Regentschaft wirklich in Gefahr wäre, beschloss der Lord, sich persönlich ins ferne Ravenskill aufzumachen, um sich selbst ein Bild zu machen. Zusammen mit seiner Frau Arabelle, Sohn Daryus und Tochter Faithe, umgeben von seiner Palastwache, machte er sich also auf die Reise um einmal auf richtig dicke Hose zu machen.
In Ravenskill hatte man sich auch dem Dorfplatz versammelt, um Gabriels Musik zu lauschen, als plötzlich mit machtigem Getöse der königliche Tross in die dörfliche Idylle platze. „Höre nicht meinetwegen auf, Deine Musik zu machen“, bat der Lord Gabriel in die einsetzende Stille. „Tu, wie mein Vater sagt, lass ihn nicht noch mal fragen!“, fügte Prinz Daryus mies gelaunt hinzu. Die folgende Performance war dann jedoch so überwältigend, dass es der gesamten, königliche Familie die Tränen in die Augen trieb.
Als wäre das nicht bemerkenswert genug, so genügte der erste Blickkontakt zwischen Retter Gabriel und Prinzessin Faithe für sofortige, erotisch-romantische Hochspannung zwischen diesen beiden…
Dies entging jedoch Nafaryus nicht. Nach der gelungenen und vielbeklatschten Performance Gabriels auf dem Dorfplatz wischte sich der große Imperator die Tränen aus den Augen und verkündete, Gabriel solle sich gefälligst von seinem Thron auf die Erde hinabbemühen, und man solle sich allerseits darüber klarwerden, dass er, Nafaryus, hier der Boss sei. Und damit das auch so bliebe, habe man Gabriel innerhalb von drei Tagen gut verschnürt per UPS ihm, dem König, zuzustellen, äh, auszuliefern. Andernfalls würde er Ravenskill dem Erdboden gleichmachen, jawoll! Mit diesen Worten traten Lord Nafaryus und sein Tross den Heimweg an.
Aryths schwor seinem Bruder indes mit reichlich Pathos, dass er ihn niemals ausliefern würde, man würde gemeinsam kämpfen.
Zurück im heimischen Palast in der fernen Hauptstadt haderte inzwischen Faithe mit ihrem Dasein. Nicht nur Gabriels Lied, auch die Ärmlichkeit der Dorfbewohner, aber auch die Hoffnung und der Mut, den sie in deren Augen sah, hatten sie tief bewegt. Und nicht zuletzt natürlich auch die ebenso spontan wie heftig aufgeflammte Liebe auf den ersten Blick zu Gabriel. Das Konzept der Musik war ihr übrigens nicht fremd – als Kind hatte sie vor Jahren bei Streifzügen durch die geheimen Hallen des Palastes einen vergessenen Music-Player entdeckt, fortan ihr größter Schatz und ihr „privates Paradies“. Und so beschloss sie, dass die Zeit reif sei für einen Wechsel, dass die Musik nicht privat bleiben dürfe, und überhaupt, dass sie auch Gabriel unbedingt wiedersehen müsse. Ergo schlüpfte sie schnell in eine Verkleidung, um heimlich und inkognito nach Ravenskill zurückzukehren und nach Gabriel zu suchen.
Jedoch entging dies ihrer Mutter Arabelle nicht, und in Sorge um ihre Tochter im feindlichen Ravenskill beauftragte sie Kronprinz Daryus, ihr heimlich zu folgen und sie zu beschützen. Damit ihr dort kein Lied geschehe. Pardon. Kein Leid geschehe. Daryus willigte ein, allerdings mit seinen eigenen Hintergedanken… Denn ihm ging mächtig auf den Keks, dass sein Vater seine Schwester ihm immer vorzog, da hatte er sich mittlweile einen mächtigen Komplex aufgebaut. Er würde sich schon einen Namen machen!
Zurück in Ravenskill suchte Faithe, unbemerkt verfolgt von ihrem Bruder Daryus mithilfe einer Zeichnung nach Aryths. Aber die Dorfbewohner halfen ihr nicht weiter. Kurz davor, aufzugeben, sah sie plötzlich Xander, Daryus‘ Sohn und bat diesen, sie zu seinem Vater zu bringen. Ohne Argwohn, die Güte in den Augen der Fremden erkennend, führte Xander Faithe (und somit unbewusst auch Daryus) in die heimische Sozialbauwohnung. Dort wurde Faithe von Aryths umgehend erkannt und bekam ersteinmal einen gehörigen Anschiss, wie sie es wagen könne, in seiner Hütte aufzutauchen, sie als Angehörige der imperialen Unterdrückung! Es gelang Faithe jedoch, sich zu erklären, und bald tauchte auch Gabriel auf, und die beiden begannen sofort ohne weitere Knutscherei, Pläne für die neue Welt zu schmieden. Gabriel war nicht entgangen, dass er auch den Imperator mit seinem Lied bewegt hatte, man würde ihn gemeinsam umstimmen, mit Musik und Liebe im Gepäck würde das ganz sicher klappen. Und so machten sich die beiden auf den Weg in die Hauptstadt.
Inzwischen war der kleine Kevin Xander allein zuhaus. Vater Aryths war beim Schwerttraining, beim Arbeitsamt, in einer Selbsthilfegruppe für künftig aufgabenlose Rebellenanführer oder wo auch immer. Dies nutzte der hinterlistige Kronprinz Daryus und klingelte an der Tür, die alsbald vom nach wie vor arglosen Xander geöffnet wurde. Daryus stellte schnell klar, dass Xander nun sein Gefangener sei, man würde nun auf Papa warten, damit er, der Kronprinz, einen Deal vorschlage könne.
Als Daryus dann heimkam und Daryus und dessen Schwert an der Kehle seines Sohnes entdeckte, wurde er entsprechend unwillig, wie könne Daryus es wagen.. (wie schon zuvor bei dessen Schwester Faithe). Alle Apelle an den Kindesentführer Daryus prallten jedoch an diesem ab, dieser unterbreitete stattdessen sein Angebot: Freiheit plus Harvard-Stipendium und Bausparvertrag für Xander gegen Auslieferung Gabriels, auf dass er, Daryus, aus dem dunklen Schatten seiner Schwester hervortreten und seinem Vater einmal zeigen könne, was für ein Hecht er sei.
Schwere Entscheidung für Daryus, hatte er doch seiner Frau verprochen, „X“ würde es einmal besser haben. Aber seinem Bruder andererseits ja auch, ihn zu beschützen, und was würde nun aus seinen revolutionären Plänen? Schweren Herzens entschied er sich schließlich für seinen Sohn.
Inzwischen wieder in der Hauptstadt, versuchte Faithe, ihren Vater zu überzeugen, seinen eisernen Griff um sein Königreich aufzugeben, Musik wieder zuzulassen und ihre Beziehung zu Gabriel zu akzeptieren. Diese Diskussion wogte ein wenig hin und her, bis Faithe schließlich ihre Mutter Arabelle bat, ihr doch zu helfen. Worauf diese ihren Gatten erinnerte, dass dieser einst genauso fühlte wie einst Faithe und dabei enthüllte, dass Faithes Music-Player einst ihrem Vater gehört hatte. Von seinen zwei Frauen schließlich halb überzeugt (die er heimlich unter seiner harten Schale mehr liebte als seine Herrschaft) willigte Lord Nafaryus schließlich ein, sich mit Garbiel im alten Amphitheater „Heaven’s Cove“ zu treffen, um ihn erneut musizieren zu hören. Eine Chance für einen Neubeginn.
Aryths, der von dem Plan Gabriels, sich mit Lord Nafaryus in Heaven’s Cove zu treffen, wusste, verriet diesen Plan an Daryus, worauf dieser hier einen Hinterhalt ersann. Dort, im alten, verlassenen Amphitheater würde kommende Nacht der große Showdown steigen!
Und so, als die Sterne über Heaven’s Cove aufgingen, tauchte Gabriel als vermeintlich Erster dort auf – unwissend über den Verrat seines Bruders und dessen sowie Daryus Anwesenheit. Als Aryths jedoch seinen Bruder erblickte, änderte er schlagartig seine Meinung – er würde ihn nicht um seines Sohnes willen verraten! Von Aryths Stimmungswandel nicht gerade begeistert, stellte sich Daryus gegen Arayths, und es kam zum Schwertkampf zwischen den beiden. Schließlich unterlag Aryths, tödlich verwundet, Daryus. Unbemerkt war Xander seinem Vater und Daryus gefolgt und war so zum Zeugen des Todes seines Vater geworden. Übrigens ein wenig unlogisch, warum hat das Gör als Daryus‘ Faustpfand frei im Vergnügungsviertel herumzulaufen, geschweige denn unbegleitet nach 22 Uhr in seinem Alter in einer fremden Stadt, aber naja. Ist ja kein Dokumentarfilm.
Ebenso unverständlich ist, dass sich auch Faithe, wieder verhüllt, auf den Weg zu Heaven’s Cove gemacht hat, und sich dann so ihrem Bruder näherte. Diesem troff nach dem erfolgreichen Schwertkampf gegen Aryths noch ein gefährlicher Testosteron- und Adrenalin-Mix aus allen Poren, und er hielt die sich ihm nähernde, schattenhafte Gestalt fälschlicherweise für Gabriel. Und so wurde er erst, nachdem er die verhüllte Figur seinen Stahl hatte schmecken lassen, gewahr, dass es seine Schwester war, die nun um ihr Leben ringend und blutend vor ihm zusammensank.
Für Gabriel war es indes nicht unbedingt so der Bringer, im Minutentakt geliebte Menschen Opfer von Daryus‘ Klinge werden zu sehen. So stürzte er herbei, um die Hand seiner Faithe im Augenblick ihres Todes zu halten und diesen auch musikalisch zu untermalen. Nach ihrem letzten Atemzug beendete er sein Requiem mit einem lauten Schrei der Verzweiflung.
Mittlerweile waren auch Lord Nafaryus und seine Frau Arabelle am Tatort erschienen und beweinten den Tod ihrer Tochter. Der Imperator, tief traurig und bar aller Herrschaft im Angesicht des Dahinscheidens seiner geliebten Faithe, bat Gabriel, seine Tochter durch die Gabe seines Gesangs (in der er offenbar auch heilsame Kräfte vermutete, auch wenn das nie zuvor erwähnt wurde) zu retten. Doch der hatte seine Stimme durch den letzten Schrei verloren und war dazu tragischerweise nicht mehr fähig, so dass alle Hoffnung dahin war.
Nein, doch nicht! Denn durch den Schrei angerührt, erschienen nun, nach und nach, immer mehr singende Menschen in Heaven’s Cove, um Gabriel in dieser schweren Stunde beizustehen. Wiederum durch den Gesang der Menschenmenge angerührt (und durch den Willen des Autors John Petrucci), fand Gabriel wundersamerweise nun ebenfalls seine Stimme wieder, und so stimmte er in die mächtige „Hymne der 1.000 Stimmen“ mit ein – und diese weckte Faithe nun doch von den Toten wieder auf! Hurra!
Epilog: Der mächtige Imperator legte einen Schalter um und somit die bösen NOMACS für immer still, Daryus wurden seine Taten großmütig vergeben (eigenartigerweise von Arabelle, dabei waren ja Xander und Gabriel eher diejenigen, die etwas zu vergeben hatten), die Musik und die Freiheit kehrten ins Land zurück. Faithe und Gabriel adoptierten den Vollwaisen Xander und gründeten so eine Instant-Familie. Alles tutti.
Nun, „Team ChaOS“ suchte sich also ein Lokal, setzte sich trotz des durchwachsenen Wetters draußen hin, und bestellte eine Runde Getränke. Ich mochte das Bier, welches dort ausgeschenkt wurde, „Jupiler“, ganz gerne. Wir bauten uns zwei 8er-Portale, die sogar zwei Hacks oder so überlebten. Es blieb nicht bei einer Runde. Am Ende vergaß ich aufgrund des spontanen Alkoholkonsum kurzzeitig, dass wir nicht mehr in Deutschland waren und sprach die hübsche Bedienung auf Deutsch an, als wir zahlten. Peinlich…
Der aktuelle Ingress-Report mit Suzanna Moyer mit den abschließenden Ergebnissen der Persepolis Anomalie-Serie. Wir haben es in Utrecht verkackt!
Es dürfte so gegen 19 Uhr gewesen sein. Nun stand noch ein Gruppenbildtermin mit allen teilnehmenden Enlightened-Spielern auf einem Platz vor dem Domturm an. Nunja, wieder viele grüne Farben, ein bisschen Arme hoch und yeah, das war’s. Wir trafen aber da unseren TL und die junge Dame, mit der er offenbar unterwegs war, wieder, so dass wir noch die Gelegenheit hatten, uns fürs Leading zu bedanken und tschüss zu sagen.
Der Turm des beeindruckenden Doms zu Utrecht
Anschließend überlegte wir eine Weile, was nun zu tun sei. Der Bus fuhr erst um 22.00 Uhr gen Heimat. Ein Teamkollege äußerte Interesse, einen Coffeeshop aufzusuchen, und ich überlegte, ihn vielleicht zu begleiten. Die anderen wollten gerne noch ein paar Kurz-Mission durchprügeln. Letztenendes war die ganze Truppe dann unterwegs in der Altstadt, um einen ganzen Haufen Persepolis-Missionen durchzuziehen. Diese gab es in 20 Ausgaben, vor allem in verschiedenen Farben. Wir haben sie alle durchgezogen, dazu noch die „NDS goes Utrecht“, noch eine Mission vor beginn der Measurements. Apropos „durchziehen“, der eine Kollege verschwand dann doch noch im Coffeeshop, ich entschied mich fürs Missionen durchziehen. Leider habe ich bei einer geschlafen und vergessen, die rechtzeitig zu starten, so dass ich im Gegensatz zu den anderen diese Mission (hatte irgendwas mit dem Dom zu tun) nicht mehr verbuchen konnte.
Danach hatten wir immer noch Zeit, eigentlich wäre die einstündige Afterparty angesagt – mit den Offiziellen von NIANTIC mit Ergebnisverkündung und so weiter. Es regnete gerade, und ich weiß eigentlich gar nicht so genau, warum, aber irgendwie zogen wir es vor, uns nochmal in Ruhe auf eine überdachte Terasse vor einem Lokal zu setzen und in Ruhe ein paar Getränke zu konsummieren. In unmittelbarer Nähe saßen auch Schlümpfe, so dass es ein ständiges Gemetzel um die fünf oder sechs Portale in Reichweite gab. Was den meisten von uns entgegen kam, weil dadurch eine Menge Captures, Deploys und AP für alle rumkamen.
Langsam trudelten auch Ergebnisse über die Hangouts ein. Wir haben zwar in M2-M4 viel besser ausgesehen als bei M1, aber trotzdem haushoch in Utrecht verloren – und nicht nur das, am Ende war unser schlechtes Ergebnis in Utrecht vor allem für die Gesamtniederlage der Entlightened bei Persepolis verantwortlich. Wir als „Team ChaOS“ waren trotzdem nicht unzufrieden, immerhin sahen wir mit einer knapp positiven Bilanz (3 RES, 4 ENL, 1 neutral) deutlich besser aus als in Hannover bei der Shonin-Anomalie (ich war nicht dabei, wie gesagt…).
Ergebnisse vom 20. Juni 2015
Primary Site
ENL
RES
Persepolis #3 (Tokohu,JP)
1.358
2.524
Persepolis #4 (Utrecht, NL)
4.240
1.498
Persepolis #5 (Portland, USA)
3.196
4.141
Persepolis TOTAL (inkl. Satellites & Shards)
22.575
22.146
Nun, das war es dann auch im Wesentlichen. Wir zahlten unsere Getränke und begaben uns zum Bus. Nachdem alle an Bord waren, ging es los gen Heimat. Die Biervorräte waren schon etwas geschrumpft, und ich nahm noch ein Radler und ein Cola-Bier zu mir (ich hatte auch Durst). Später verkündete der Busfahrer, es gäbe noch Bier im Kühlschrank, aber mir war eher danach, zu dösen und mich einfach nur zu entspannen. Die Fahrt verlief ohne besondere Vorkömmnisse und mit einer Pause. Kurz nach null Uhr, wenn ich mich richtig erinnere, erreichten wir den Osnabrücker Hauptbahnhof. Gegen null Uhr dreißig war ich im Bett.
Fazit: Es hat mir Spaß gemacht. Irgendwie konnte ich meine anfängliche Skepsis und das „das mache ich kein zweites Mal“ nicht so richtig aufrecht erhalten. Zwar kann ich nicht ganz so enthusiastisch an die Sache herangehen, wie es Mittzwanziger tun (wäre ich jetzt Mitte Zwanzig, würde ich wahrscheinlich auch voll in der Ingress-Szene aufgehen…) aber Spaß macht es trotzdem allemal, solange jemand anderes die Orga übernimmt. Auch wenn ich keine Kontakte geknüpft habe und mich fürs gestellte Jubeln für die Gruppenfotos irgendwie zu alt fühlte, die Atmosphäre und das Zocken an sich in großen Teams in einer fremden Stadt haben mir sehr gefallen. Und mit „Team ChaOS“ hatten wir auch eine tolle, einsatzfreudige Truppe am Start, mit der das Spielen Spaß gemacht hat. Immer wieder gab es lustige Momente, als z.B. unsere jüngeren, weiblichen Team-Mitgliedern beim Schlangestehen zur Registrierung auffiel: „Ach, so riecht Gras!“. Oder die verstörten Passanten, die fragten „What is this all about?“, worauf ich in etwa entgegnete „World domination! But it’s only a game. Don’t worry, tomorrow you’ll have your town back!“. Oder als eine Kollegin, zu sehr in den Anblick ihres Scanners vertieft, einen ganzen Cluster geparkter Fietse umrannte…
Also, das war’s, aber wer weiß, wenn „Team ChaOS“ wieder zu einer anderen Anomalie, und sei es, nur in einer Satellite-Site, auf Tour geht und ich nichts Wichtigeres vorhabe – dann bin ich womöglich wieder dabei!
Warnung: Dieser Artikel ist nun wirklich sehr Ingress-lastig, was das Spielen an sich angeht!
Auf dem Weg zu unserem ersten Portal und Messpunkt erklärte unser TL, wie wir vorgehen würden. Aus dem vorhanden Personal, also uns 12 Leuten, wurden kleine Teams für unterschiedliche Aufgaben gebildet. Diese Aufgaben sind:
Offensiv: Burstern und striken
Defensiv: Deployen und modden
Burster sind Waffen, die man gegen gegnerische Resonatoren einsetzt. Sie erzeugen um die Spielerposition eine kreisförmige Druckwelle, wie die Welle, die entsteht, wenn ein Stein ins Wasser fällt. Trifft diese Welle gegenerische Resonatoren, verlieren diese Energie. Wenn die Energie eines Resonators auf Null fällt, fällt der Resonator. Sind alle Resonatoren eines Portals gefallen, fällt das Portal, und man kann es einnehmen, indem man eigene Resonatoren setzt. Dies ist die Aufgabe der Deployer. Modden bedeutet, modifications (mods) setzen, in diesem Falle ausschließlich Portalschilde. Diese mindern die Auswirkung gegnerischer Bursterangriffe auf die eigenen Resonatoren. Striker wiederum feuern andere Waffen, sog. Ultra-Strikes. Diese haben eine deutlich geringere Reichweite als Burster, aber eine größere Punktwirkung und werden gegen mods, also die Schilde eingesetzt. Dazu stellt sich der Angreifer möglichst ins Zentrum eines Portals (oder Portalkern).
Das Video oben ist ein Werbespot der AXA-Versicherung. NIANTIC hat Ingress an AXA vermarktet, seither gibt es mit AXA-Schilden die effektivsten Portalschilde im Spiel. Der Spot ist gut gemacht, finde ich, und verwendet ein klassisches Motiv der Literatur…
Nun ist normalerweise der Einsatz von Waffen nur dann sinnvoll, wenn das Portal der gegnerischen Seite gehört, und der Einsatz von Resonatoren und Schilden nur möglich, wenn das Portal der eigenen Seite gehört. Wenn sich zwei Teams beider Seiten um ein Portal bekriegen (insbesondere, wenn sie etwa gleichstark sind), dann feuern die Offensiv-Teams dennoch permanent ihre Strikes und Burster, denn „Der Scanner lügt!“ (so unser TL). De fakto ist es so, dass die technische Infrastruktur des Spiels (Smartphones, Internet via Handynetz, Server) bei so einem Massenevent am Limit operiert, was bedeutet, nicht gerade schnell. Die Information auf dem Bildschirm, welcher Seite ein Portal gerade gehört, kann also bereits veraltet sein (bezeichnet man als „lag“), man kann sich darauf also nicht verlassen.
Ergo: Die eigentliche Spielhandlung besteht darin, stumpf während der 10 Minuten des Messpunktes auf eine Schaltfläche des Touchscreens zu hämmern, wie einst bei den Arcarde-Games der 80er den „Feuer-Knopf“. So legte es uns jedenfalls unser TL nahe, ich habe mich nicht immer daran gehalten. Gelegentlich wich ich von meiner vordefinierten Rolle ab und setzte mods, auch wenn ich eigentlich eine Offensiv-Rolle hatte, oder warf Burster, obwohl ich deployen sollte. Je nachdem, ob wir zahlenmäßig eher überlegen oder unterlegen waren (kam bei den vier Messpunkten beides vor) habe ich als Offensiv-Spieler auch die Defensive unterstützt oder umgekehrt (wir haben unsere Rollen bei jedem Messpunkt neu eingeteilt, abhängig, was für Material jeder noch hatte – denn die Resonatoren, Schilde, Burster und Strikes, die jeder Spieler einsetzt, werden ja verbraucht und fehlen dann dem Spieler, so dass man das gleichmäßig aufteilt).
So schön ist Utrecht, wenn man nicht auf sein Smartphone schaut…
Wir erreichten unser Portal „Lange Smeestraat“ ca. zwanzig Minuten vor Start des ersten Messpunktes (M1). Im Auftrag des TL luscherte ich um die Ecke (das Portal lag an einer Kreuzung) und versuchte, die Gegner zu zählen. Es war nicht jeder, der ein Smartphone in der Hand hielt, klar als Schlumpf zu erkennen, aber ich erspähte ca. zehn verdächtige Gestalten und meldete zehn Gegner an unseren OP. Es stellte sich heraus, dass es wohl deutlich mehr waren. Als nämlich unser OP das supergeheime Passwort ausrief (welches übrigens „supergeheimes Passwort“ lautete) und wir unser Engagement starteten, mussten wir feststellen, dass wir offenbar unterlegen waren. Jedenfalls war das Portal während des Measurements überwiegend blau, und die späteren Ergebnisse zeigten, dass es vor allem auch am Ende vom M1 blau war, wir das Portal (und die entsprechenden Punkte) also nicht für unsere Seite verbuchen konnten. Immerhin waren wir nicht so unterlegen, dass wir das Portal nie einnehmen konnten, daher blieben wir motiviert und unverdrossen. Das Gesamtergebnis von M1 war allerdings ziemlich frustrierend: RES: 2000, ENL 300. Grund: Die Schlümpfe hatten ihre leichte, zahlenmäßige Überlegenheit insgesamt sinnvoll genutzt und fähige Linkteams eine gute Portalverlinkung, die viele Zusatzpunkte bringt aufbauen lassen.
Bei M2 hatten wir zwei Portale („Brandbel“ und „Oude Hortus Botanicu“) zu halten. Wir erreichten die Location wieder mit einem reichlichen Zeitpolster. Ich war bei M1 „Striker“ gewesen und hatte meine 200 Ultra-Strikes, mit denen ich der Materialempfehlung für die Anomalie entsprechend angereist war, fast vollständig verfeuert. Bei M2 meldete ich mich dann zum Burster-Team und platzierte mich zwischen die beiden Portale. Plötzlich leuchtete der Scanner komplett grün: Ein fähiges Froschteam hatte so ziemlich komplett Holland und damit auch die gesamte Anomalie „überdacht“ (ein großes, grünes Feld gebaut) – sogar mit mehreren Schichten („Multi-Layer“). Auf diese Art und Weise leisteten diese Fraktionskollegen einen sehr wertvollen Beitrag, ohne vor Ort zu sein. Denn erstens brachte diese Aktion Punkte für unsere Fraktion, zum anderen wurde unterbunden, dass die Schlümpfe wieder wie bei M1 linken konnten – denn innerhalb eines Feldes kann man keine Links setzen. Demzufolge war unser Team in bester Laune und bewunderte die fähigen Kollegen, die diese Aktion durchgeführt haben.
M2 begann wieder auf Startbefehl unseres TL, und ich ballerte, was das Zeug hielt. Leider hatte ich (und nicht nur ich, aber das wird dem Gegner nicht besser gegangen sein), immer Probleme damit, XM nachzuladen. Wenn ich meine Powercubes aufrief, waren diese wegen des „lags“ lange nicht verfügbar, und ohne Energie konnte ich nicht feuern, und mein temporärer Ausfall half dann dem Gegner. Gefühlt ging es etwas schneller, wenn ich Ingress neu startete. Dem Scanner nach lief es diesmal erheblich besser, die Portale waren überwiegend grün – und wie sich später zeigte, auch zum Ende von M2, so dass wir die Punkte für beide Portale für unser Team verbuchen konnten. Yippie!
Also auf zu M3. Dieser führte uns zu einer Straße auf der Rückseite des beeindruckenden Doms zu Utrecht. Es galt diesmal drei Portale zu halten, „Claustraal Huis Van Een Kanunnik Van De Dom“, „Francois Villon“ (eine Statue) und „Sol 912“. Zuerst schienen wir mit dieser Aufgabe überfordert und überlegten, uns nur auf zwei Portale zu konzentrieren. Doch dann bekamen wir unerwartet höchst willkommene Verstärkung: Ein niederländisches Enlightened-Team, das per „Fiets“ (Fahrrad) unterwegs war, stieß zu uns. Das große, grüne Feld war immer noch über dem gesamten geschehen, das Fiets-Team hatte eigentlich die Aufgabe zu linken und war nun arbeitslos (weil unter dem Feld nicht gelinkt werden konnte). Daher war es angewiesen worden, unser Cluster-Team zu unterstützten. Durch diese Verstärkung waren wir diesmal zahlenmäßig deutlich überlegen. Ich hatte noch reichlich Burster und hatte mich demzufolge zum wieder zum Burster-Team gemeldet. Auch hier sah es während des Measurements wieder sehr gut für uns aus. Das Ergebnis, welches wir viel später erst erhielten besagte, dass wir „Francois“ und „Claustraal“ gehalten hatten. „Sol 912“ war am Ende neutral geblieben, konnte also von keiner Seite als Punktgewinn verbucht werden.
Wir machten uns auf die Socken zu M4. Dazu gingen wir durch einen schönen Innenhof des Doms, aber als ich Fotos machen wollte, trieb uns der TL zur Eile, unsere Zielportale seien innerhalb der uns zur Verfügung stehenden Zeit nur mit flottem Tempo zu erreichen. Unser Weg führte uns aus der schönen Altstadt von Utrecht (dazu später mehr) in ein moderneres Viertel. Dieses war nicht so schön wie die Altstadt, aber auch nicht so hässlich wie das Bahnhofsviertel mit dem Messegelände, eine Einkaufsgegend, wie man sie in jeder größeren, westlich geprägten Stadt findet. Unsere Zielportale lagen am Rande einer großen Baustelle, wir mussten diese erst einmal umrunden, um dorthin zu gelangen. Wir fanden uns auf einer kleinen Fläche vor einem größeren Gebäude wieder, in unmittelbarer Nähe tranken Leute an Tischen draußen Kaffee. Von den Schlümpfen war zunächst nichts zu sehen. Wir nahmen die beiden Portale präventiv ein und befestigten sie mit insgesamt 8 AXA-Schilden (diese sind momentan die stärksten Schilde, die es gibt – sie tragen das Logo der AXA-Versicherung, an die NIANTIC Ingress zur Zeit vermarktet hat).
Zwei verdächtige Personen per Fiets tauchten auf. Der eine trug einen froschgrünen Hut, aber keine von den grünen Plastikkarten. Wir waren sofort (und zu Recht) skeptisch. Wir sprachen sie an, und sie versuchten gar nicht erst, uns hinter das Licht zu führen sondern outeten sich. Es waren ganz offensichtlich Aufklärer, denn kurze Zeit später tauchte ein uns zahlenmäßig deutlich überlegener Trupp Schlümpfe auf, mehr als 20 Leute. Vor Beginn des Messspunktes feuerte der Gegner nur sporadisch und entspannt auf unsere zwei Portale, wir hatten keine Mühe, unsere Resonatoren nachzuladen. Allerdings hatten mehrere Schlümpfe den Sound von Ingress laut aufgedreht, vermutlich als psychologische Kriegführung zu verstehen.
Den Sound von Ingress finde ich eigentlich sehr cool gemacht. Die ganze Zeit läuft so eine Art „Gruselsoundtrack“ im Hintergrund, der sehr geheimnisvoll klingt. Dazu kommen Soundeffekte für die verschiedenen Aktionen, und vor allem eine Sprachausgabe (weiblich, englisch), die viele Aktionen kommentiert. Schon cool gemacht, aber auf die Dauer nervig. Daher haben fast alle Ingress-Spieler den Sound normalerweise deaktiviert. Der laute Sound aus den Geräten der Schlümpfe sollte uns wohl provozieren oder demoralisieren.
M4 startete, und die Schlümpfe begannen, unsere Portale mit Strikes und Burstern einzudecken. Meine Aufgabe war diesmal „Deployer“, aber da wir deutlich unterlegen waren, schoss ich eher mit Burstern, ich hatte noch welche von M2 und M3 über. Nur zwischenzeitlich versuchte ich, zu deployen. Es war auch eher sinnlos, wir konnten gegen die Übermacht allenfalls neutrale Portale erreichen (also quasi „Unentschieden“). Es sah aber sehr schlecht aus, und wir verloren beide Portale.
Danach war es das dann mit den offiziellen Gefechten gegen die Schlümpfe – und wir konnten ein Bier trinken gehen.
Angekommen auf dem Messegelände in Utrecht hackten wir zuerst die restlichen zwei oder drei Portale der in Osnabrück begonnenen Mission „NDS goes Utrecht“. Und „wir“ bedeutet in diesem Kontext wahrscheinlich: Die ganze Busladung.
Messegelände Utrecht: Ingress Persepolis Anomaly und DatingFair
Eine große, elektronische Anzeigetafel verkündete: 20. Juni Ingress Persepolis. 20. – 21. Juni Dating Fair. Aha. Interessante Kombination. Auf dem Vorplatz der Messehallen waren farbige Striche zu sehen, auch ein grüner und ein blauer, ein stetiger Strom von Resistance- („Schlümpfe“) und Enlightened-Spielern („Frösche“) schlenderte den Strichen ihrer jeweiligen Fraktionsfarbe über den Platz und in eine Messehalle. So auch wir, „Team ChaOS“. In den Hallen setzten sich der blaue und der grüne Strich in Form von Teppichen dieser Farbe fort, und so wurden wir in eine riesige Halle geleitet. Hier hing das Persepolis-Logo von der Decke, und die letzten Meter vor der NIANTIC-Anmeldung strahlten blaue und grüne Scheinwerfer von einer langen Traverse auf die jeweiligen Fraktionen herab, die also in ihren jeweiligen Farben leuchteten. Ein wenig Schlangestehen war angesagt, aber es ging sehr fix. Ein junger Mann in blauem T-Shirt und grünem Hut (sowas nennen wir „cross-faction“) bot selbstgebackene Muffins aus einem Bauchladen an. Neben der Schlange saß eine Frau und offerierte Gesichtsbemalung mit grüner oder blauer Farbe. Ein paar Leute, die nicht zu „ChaOS“ gehörten, hatten sich bereits im Bus grüne Kriegsbemalung angelegt.
Auf dem Weg zu Registrierung sieht man hier eine Schlange Schlümpfe in einer Messehalle in Utrecht
Schließlich an der NIANTIC-Anmeldung angekommen erhielten wir einen Persepolis-Stempel (auf Hand oder Arm), einen kleinen, roten Umschlag und ein weißes Kärtchen mit fremdartigen Zeichen und einem QR-Code. In dem Umschlag befanden sich zwei Kärtchen mit sogenannten Passcodes. Diese kann man bei der Ingress-App (auch „Scanner“ genannt) eingeben und bekommt dann z.B. Punkte (AP), Energie (XM), Gegenstände oder Medaillen. Ein Code war für die Persepolis-Badge, eine virtuelle Medaille, die im Spielerprofil angezeigt wird und zeigt, dass man an Persepolis teilgenommen hat. Für den anderen bekam man quasi als Bonus 10 Level 8 Powercubes (man braucht für alle Spielaktionen Energie, die man einsammeln kann, oder man verwendet einen Powercube, um seine Energie aufzuladen). Außerdem war noch ein Aufkleber mit dem Ingress-Logo in der Tüte. Die weiße Karte enthielt ein Rätsel. Mit dem QR-Code gelangte man auf eine Webseite, auf der man die Lösung eingeben konnte. Das Rätsel hatte schnell irgendwer gelöst und über die diversen Kommunikationskanäle, die Smartphones so bieten, weitergeleitet. Das Codewort war „Nursemaid“. Für die Antwort gibt es wohl auch irgend ne Medaille für das Profil.
„Wir gehen alle auf den Strich“ – Ingress-Spieler beider Fraktionen stehen an auf dem Weg zur Registrierung. Ein Junger Mann bietet Muffins an.
Nach der Anmeldung bei NIANTIC teilte sich der blau-grüne Strom nach links (blau) und rechts (grün) auf, dort leuchteten die jeweiligen Anmeldeschalter der beiden Fraktionen. Und hier hatte ich ein Problem. In der Schlange hatten wir von Enlightened-Mitarbeitern Kärtchen mit QR-Codes bekommen, über die wir unsere Anmeldung aktivieren konnten oder so. Das klappt bei mir nicht. Wahrscheinlich hatte ich mich online bei Enlightened Deutschland mit der falschen Gmail-Adresse angemeldet. Ich habe zwei davon, weil ich mich einmal neu beim Spiel hatte anmelden müssen. Jedenfalls war meine Online-Anmeldung nicht durchgegangen, was ich die ganze Zeit nicht realisiert hatte – meine Daten waren alle abrufbar, ich hatte das zuvor noch mal gecheckt. Ich besprach das mit einer der Mitarbeiterinnen am Enlightened-Counter. Schließlich wies ich mich durch das Vorzeigen meines Scanners mit Enlightened-Anmeldung als „Frosch“ aus – da ich mit Level 16 das gegenwärtig höchst mögliche Level habe, welches man nicht „mal so eben“ erreichen kann, reichte das als Legitimation, tatsächlich zum grünen Team zu gehören. Ich bekam eine der durchsichtigen, grünen Karten zum Umhängen, die ihre Träger als Enlightened-Spieler auswiesen. Die waren recht schön gestaltet, mit dem Ingress-Logo, der Aufschrift „Enlightened Utrecht“, dem angedeuteten Turm des Utrechter Doms, zwei springenden Fröschen und dem Motto „Illustra nos“ (dürfte, wenn mich mein schwachten Lateinkenntnisse nicht im Stich lassen, „erleuchte uns“ heißen). Allerdings bekam ich eine blanke Karte, nicht mit eingelasertem Spielernamen – ich war ja offenbar nicht angemeldet. Die anderen hatten alle personifizierte Versionen, was natürlich als Souvenir wesentlich cooler ist. Naja, egal – ist auch nur ein Stück Plastik letzenendes, und ich konnte mitspielen. Das Ding ist übrigens oben in dem Header-Bildchen mit dem Persepolis-Logo zu sehen.
Insgesamt waren schon viele Spieler da – aber die Halle war auch echt riesig, so dass die ziemlich verloren aussahen.
Damit waren wir durch die Anmeldungen durch, hatten aber noch Zeit. Einer der Kollegen aus „Team ChaOS“ musste sich noch eine SIM-Karte besorgen, wir spielten noch eine sehr kurze Mission in der Nähe und gingen dann zum nahegelegenen Bahnhof, bei Burger King was zu essen besorgen ggf. die Toilette frequentieren. Auf dem Platz vor dem Bahnhof sollte eigentlich auch ursprünglich auch Fotos (und vermutlich auch Video) mit allen Spielern von NIANTIC-Leuten geschossen werden, für deren Google-Plus- und sonstigen Webseiten und sicherlich auch den nächsten Ingress-Report über Persepolis. Als wir dort dann mit unserer fast vollen Mannschaftsstärke (eine niederländische Webseite textete von ca. 4.000 Spielern beider Fraktionen) herumlungerten, tauchte Anne Beutemüller (sowas wie die deutsche NIANTIC-Repräsentantin und Presseprecherin, arbeitet in Hamburg, ist leider Schlumpf) mit einem eher niedlichen Megaphon auf und forderte die Menge auf Englisch auf, das Feld zu räumen, die Polizei hätte entschieden, dass wir unsere Versammlung dort nicht abhalten dürften. Wir wurden zu einem anderen Platz dirigiert, wo sich alle Spieler sammelten.
Mann, das war echt schon ein heftiger Anblick, bei dem mir fast ein bisschen mulmig wurde. Einige Spieler beider Fraktionen schwenkten große Fahnen mit den Fraktionslogos und ihren Teamnamen oder Ortsgruppenbezeichnungen. Teiweise waren die allerdings sehr schön und phantasievoll gestaltet. Trotzdem hatte ich irgendwie unwillkürlich Bilder vor Augen, wie es sie in Deutschland Mitte und Ende der 30er Jahre gegeben hat. Was ja ein Quatsch ist – schließlich waren es hier zwei opponierende Parteien, und beim Fußball gibt es ja ähnliche Bilder auch. Wobei diese Angelegenheit, abgesehen vom Spiel selbst, absolut entspannt und friedlich ablief. Es war auch fast keine Polizei zu sehen, man rechnete also offenbar auch nicht wirklich mit Schwierigkeiten.
Aber es ist schon krass, wie NIANTIC es mit Ingress geschafft hat, die Massen zu motivieren, in Bewegung zu bringen. Und auch wenn mir nichts von Gewalttaten von Anhängern der einen Fraktion gegen die andere bekannt ist, so ergibt sich durch die Fraktionszugehörigkeit schon ein „Wir“ und „Die“. Das ist auch okay für mich, nur reagiere ich ziemlich empfindlich, wenn jemand die Leute der gegnerischen Fraktion ernsthaft schlecht macht (im Scherz ist natürlich okay). Aber es wird halt von einigen Leuten schon pauschalisiert, die Schlümpfe seien ja generell blöder oder unfreundlicher oder was auch immer. Ist ja auch kein Wunder – bei der Anzahl von Spielern auf beiden Seiten ist es ja logisch, dass Idioten dabei sind (wie auch bei jeder Fanbasis der Fußballvereine), die schnell mal alle auf der gegnerischen Seite in eine Schublade stecken. Dabei ist es doch sicherlich meist eher Zufall, auf welcher Seite man landet. Viele entscheiden sich ja nicht so wirklich, sondern wählt eine Seite, weil die Freunde, die einen rekrutieren (heisst wirklich so…) auf derselben Seite sind. Ich z.B. wurde von einem Arbeitskollegen rekrutiert, der Enlightened ist. Sonst wäre ich vielleicht Schlumpf geworden, ich finde erst mal Widerstand eigentlich cooler. Das sind Leute, die sich nicht der herrschenden Klasse (wie damals den Nazis) unterordnen, sondern gegen sie kämpfen. Enlightened hingegen erinnert an die Illuminati, die in der polulären Literatur wie bei Dan Brown (und erst recht Robert Shea und Robert Anton Wilson) eher als Böse dargestellt werden. Wie auch immer, nun bin ich halt Frosch, aber wäre ich ein schlechterer Mensch, wenn ich Schlumpf wäre? Es ist halt schon ein Massenphänomen, und da muss man immer aufpassen, den Kopf einschalten und gucken, wo man da eigentlich mitmacht und wie weit.
Ich denke auch immer mal wieder darüber nach, wie viel Zeit ich dafür investiere, und wenn ich sehe, wie die Leute unterwegs sind, wie viel Engagement und auch Geld aufgebracht wird. Kann man das nicht sinnvoller nutzen, frage ich mich manchmal. Aber dann muss man sich diese Frage bei jeder Freizeitbeschäftigung genauso stellen. Klar, alles was Sport ist, dient ja der Gesundheit. Aber erstens muss man sich auch die Frage stellen, ob alles, was man in der Freizeit tut, unbedingt Sinn ergeben muss. Dafür ist Freizeit doch da, auch mal völlig sinnlose Dinge tun zu dürfen. Und: Ingress hat schon so manche Couch-Potato dazu gebracht, vom Sofa und vom heimischen Bildschirm aufzustehen und richtige Kilometer in der richtigen Welt zurückzulegen und richtige Leute dabei zu treffen – auch wenn wir die meiste Zeit auf den Smartphonebildschirm gucken, wir treffen uns ja doch in der echten Welt. Und manche Spieler arbeiten international zusammen.
Aber ich frage mich auch manchmal, was NIANTIC (also Google) alles so mit den gesammelten Daten anstellt. Es ist ja ein Hammer, was da anfällt: Tonnenweise Bewegungsdaten von sehr vielen Menschen. Die meiste Kommunikation läuft auch über Hangouts oder Google Plus, beides Google-Systeme. Damit kann eigentlich alles an Spieldaten (die eigentlichen Spielaktionen natürlich sowieso) personalisiert getrackt, gespeichert und analysiert werden. Aber es fallen auch wahnsinnige Mengen empirischer Daten an, Material für Studien und Dissertationen. Zum Beispiel kann man analysieren, wie sich das durchschnittliche Verhalten von Spielern ändert, wenn man Parameter des Spiels ändert – und Antworten auf Fragen wie „wie motiviert man die Spieler, weiterzuspielen – was motiviert Menschen überhaupt?“ finden.
In meiner Phantasie gibt es Analysten, die die Kommunikation zwischen den Spielern analysieren, mit dem Ziel, herauszufinden, welche Spieler besonderes strategisches oder organisatorisches Geschick aufweisen. Denn beides ist für die Umsetzung ehrgeiziger Ziele, wie z.B. Felder über ganze Kontinente zu spannen, erforderlich. Vielleicht klingelt es bei solchen Leuten mal an der Tür, und dubiose Zeitgenossen mit Sonnenbrille und Sportsakko fragen, was man denn von einem gutbezahlten Job in den USA halten würde?
Nun, ich komme nicht in Frage, ich zocke halt ein bisschen, halte mich aber aus größeren, organisatorischen Sachen lieber raus – ich will nur spielen. Also: Zurück zum Spiel.
Wir sammelten uns also auf dem Platz, Fahnen wurden geschwenkt, helium-gefüllte Froschballons waren zu sehen, und irgendwann tauchten auf einem Dach ein paar Gestalten mit großer Fotoausrüstung auf. Die mussten ziemlich brüllen, um sich verständlich zu machen und machten auf mich, was die Lenkung der Massen angeht, einen leicht hilflosen Eindruck. Dann wurde Suzanna Moyer angekündigt. Das ist eine – neutrale – „investigative Journalistin“, die in regelmäßig erscheinenden Videos, dem „Ingress-Report“ die fortlaufende, fiktive Geschichte erzählt, aber immer gemischt mit realen Geschehnissen wie eben den Anomalien, wo sich echte Menschen in der echten Welt treffen, um zu spielen. Sie ist also so eine Art „Ingress-Promi“, eine capuccinobraunhäutige, attraktive Frau wohl um die 30. Sie besorgte sich das Megaphönchen von Anne Beutemöller („is this thing on?“) und begrüsste beide Fraktionen. Sie erzählte, was vom Ausgang der Anomalie abhängt (hab ich wieder vergessen, aber es geht halt darum, wie die Geschichte weitergeht) und stellte die obligatorischen Fragen: „Enlightened, will you be victorious today?“ und „Resistance, will you be victorious today?“ – natürlich gaben sich beide Parteien siegessicher.
Nach dem Fototermin war dann noch etwas Zeit, sich mit seinen Cluster-Teams zusammenzufinden und die Lokalitäten aufzusuchen, die die TLs und OPs für die jeweiligen Teams eingeteilt hatten. Ich hatte bis zum Schluss nicht ganz kapiert, wie groß unser Team werden würde und wer dazu gehören würde. Insgesamt waren wir ein internationales Großteam, zu dem auch eine Gruppe Spanier gehörte, welches aber dann wieder in kleinere Einzelteams zerfiel. Am Ende blieben wir dann doch „Team ChaOS“, dazu aber ein auswärtiger TL (junger Mann, Mitte 20, sehr begeistert und engagiert bei der Sache, hat seinen Job gut gemacht) mit einer etwa gleichaltrigen, jungen Dame (vielleicht seine Freundin?), außerdem stieß noch ein Mann zu uns, der etwa mein Alter (geschätzt) hatte. Damit war unser Cluster-Team also 12 Leute stark. Unser TL wurde noch organisatorisch von einem aus unserm Osnabrücker Team unterstützt, der schon Erfahrung als TL aus der Shonin-Anomalie in Hannover mitbrachte. Die beiden führten uns zum ersten Measurement zu dem Portal, welches wir zu halten hatten.
Osnabrück, 20. Juni, 04:45:00.
Ein etwa centstück großer Siliziumchip auf meinem Nachttisch vergleicht einen Soll- mit einem Istwert und stellt Übereinstimmung fest. Daraufhin schickt er eine pulsierende Gleichspannung in einen Piezo-Summer.
Welcher Vollpfosten hat das Teil auf diese unmögliche Zeit gestellt? Ja wer?
Ich wache auf. Der Wecker piepst. Warum tut er das, er soll aufhören zu piepsen! Mitten in der Nacht, am Samstag! Und vor allem, welcher Vollpfosten hat das Teil auf 04:45 Uhr gestellt!? Was? Ach, ich mal wieder. Und apropos Vollpfosten, da war ja was… Richtig, Anomalie in Utrecht. Also ab unter die Dusche, rein in die Klamotten, Rucksack nochmal überprüft (Wasser, niederländische SIM-Karte, Ausdruck der Bus-Bestätigung, Zusatzakkus, USB-Kabel), und los.
Mit dem Fahrrad ging es zum Bahnhof, von wo aus der Bus fahren sollte. Ich war als erster von „Team ChaOS“, unserer neunköpfigen Truppe, die aus Osnabrück zusammen mit Enlightened Hannover zur Anomalie fahren würde, vor Ort. Der Bäcker im Bahnhof hatte schon offen, also schnell ein belegtes Brötchen und ’nen kleinen Kaffee. Während ich frühstückte, tauchten die ersten Teamkollegen auf. Der Rest folgte, darunter auch zwei Teamkolleginnen. Die Jüngste aus der Truppe war 16, ich mit meinen 43 der Opa im Team.
Die anderen holten sich zum Teil auch noch was vom Bäcker, wir zogen uns ein nahes Portal auf Level 8 (das „Rote Haus“ – den, äh, Bahnhofspuff), um noch bisschen zu hacken. Dann kam raus, dass es noch eine „NDS goes Utrecht“-Mission gab, dabei ging es darum, am Bahnhof vier Portale zu hacken – und dann noch ein paar in Utrecht. Also erledigten diejenigen, die die Mission noch nicht begonnen hatten (darunter ich) die vier hiesigen Hacks.
Wir wussten nicht, wo genau am Bahnhof der Bus uns wohl aufpicken würde, und gingen davon aus, dass der zu den Parkplätzen, von denen aus die Fernbusse fahren, kommen würde. Auch waren wir nicht so schlau, uns einfach aufzuteilen, um auch den anderen, möglichen Halt (da, wo die Linienbusse fahren) abzudecken. Der Bus kam, sah… (uns nicht) und fuhr wieder. Oooops. Schrecksekunde. Ich weiß gar nicht so genau, ob irgendwer von uns Kontakt zu irgendwem im Bus hatte, aber wie auch immer – natürlich wollten die wohl kaum auf immerhin neun Mitstreiter verzichten. Jedenfalls drehten die nur schnelle eine Extrarunde und kamen dann zurück, um uns aufzupicken.
Die Hannoveraner wollten zum Teil ohnehin eine rauchen, die NDS-goes-Utrecht-Portale hacken, Kaffee am Bahnhof besorgen und ähnliches. Man beschwerte sich, dass die Portale bei den Linienbussen noch blau waren (was sich sehr schnell änderte). Eine junge Dame stieg aus, stellte sich als Kathy (oder Cassie) vor, erklärte, man habe mehrere Kisten Bier und eine Toilette an Bord, begrüßte uns und sagte, wir sollten uns einfach hinsetzen, wo Platz sei. Einen Zahlungsbeleg in irgendeiner Form wurde nicht verlangt. Bier koste 50 Cent pro Flasche auf Vertrauensbasis, gerne auch mehr, um ein Trinkgeld für den Busfahrer zu generieren.
Die erste Kiste Bier hatten die Hannoveraner schon auf dem Weg nach Osnabrück verhaftet (links). Rechts ist Colabier und Alster zu sehen… das überlebte am längsten.
Also stiegen wir ein, ich setzte mich etwas abseits von „Team ChaOS“ neben einen jungen Mann, der sich als Thilo vorstellte. Der Rest von „ChaOS“ saß weiter vorne. Auf dem Weg zur Autobahn ging es noch ein Stück durch Osnabrück, wobei alles, was an Portalen am Straßenrand war, gegebenenfalls zerschossen (falls blau) und auf grün Level 8 gezogen wurde (in jedem Fall). Wir kamen an einem gutverlinkten, blauen Portal in einiger Entfernung vorbei – außerhalb Deployreichweite. Da haben auch 8er Burster nur noch begrenzt Wirkung. Trotzdem hatte das Portal keine Chance, als wir vorüberfuhren, ballerten wohl 30 oder 40 Frösche jeweils ein bis zwei 8er Burster, und das Ding war platt. Es war, als wäre der Bus ein altes Kriegsschiff mit drei Kanonendecks, welches eine Breitseite aus allen Rohren feuert.
Auf der Autobahn stellte sich der Busfahrer akzentreich (klang irgendwie nach neuen Bundesländern) über Mikro vor, wünschte uns eine angenehme Reise und viel Erfolg am Ziel, mit dem, was wir da vorhätten. Hm, ich weiß nicht, ob ihm das jemand zu erklären versucht hat. Es war zwar noch früh, aber ich gönnte mir ein Bier… und dann noch eins bis Utrecht. War auch nicht schlecht, es machte mich etwas lockerer, so dass ich mich ein bisschen mit den Leuten in meiner unmittelbaren Umgebung gut unterhalten konnte. Vor allem über Filme.
Nach der Grenze wechselten die, die schon über NL-SIM-Karten verfügten, die kleinen Chips im Smartphone aus. Ich war vor etwa einer Woche vorbereitend mit zwei Bros aus „Team ChaOS“ nach Enschede gefahren, um einen Stapel SIMs einzukaufen, so dass wir im Wesentlichen ausgerüstet waren. Wer schon eine Karte hatte, konnte somit direkt in Utrecht, nachdem wir die Autobahn verlassen hatten und die ersten Portale auftauchten, wieder loslegen.
Schließlich erreichten wir unser Ziel, ein Messegelände in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, und der Bus spie eine Horde schießwütiger und erwartungsfroher Ingress-Spieler in Grün auf den Parkplatz.