Tag 35 – Rote Krokodile und Bananenschulden

Der Tag begann um 06:35 Uhr. Frühsport um 07:00 Uhr, anschließend Frühstück.

Danach hatte ich erst um 11:00 meinen nächsten Termin, Walking. Normalerweise hätte ich mich noch mal ins Bett verkrümelt. Aber heute fuhren drei Leute aus meiner Therapiegruppe davon nach „draußen“. Ich mochte alle drei, zwei Frauen und ein Mann. Die eine Frau ist sehr herzlich und liebevoll, sie war immer sofort tröstend zur Seite, wenn jemand mal weinen musste. Die andere ist ein wenig zurückhaltend, aber humorvoll und hat das Herz am rechten Fleck. Und der Mann war lange mein Tischgenosse, ein sehr feiner Beobachter, interessierter und interessanter Gesprächspartner und einfach ein netter Kerl. Wir waren gestern ja noch beim Jugoslawen, ein Abschiedsessen abhalten.

Jedenfalls lungerte ich den größten Teil des Morgens in der Lobby herum, um ja nicht zu verpassen, noch tschüss zu sagen. Anschließend blieben mir noch ca. 20 Minuten für ein kleines Nickerchen, bevor es zum Walking ging.

Ich hatte diesmal vorher meine Birne sicherheitshalber mit Solarprotektionsfluid verspachtelt, um mir die nicht noch weiter anzubruzzeln. Dem amiterenden Sporttherapeuten der „schnellen“ Gruppe fiel das olfaktorisch angenehm auf, er meinte, das sei der Duft von Sommerurlaub. Das Wetter war auch erneut herrlich, diesmal waren wir auf Waldwegen unterwegs, so macht das Schneckenstechen Spaß!

Wieder in der Klinik hüpfte ich unter die Dusche und schlüpfte in T-Shirt, eine kurze Hose und Sandalen. Danach gab es Mittagessen (bunte Nudeln mit Rinderragout und Gemüse, Salat und Vanillepudding mit Pfirsichstücken).

Nach dem Mittagessen hatte ich Progressive Muskelentspannung in London. Ich entschied mich, das ausnahmsweise im Liegen zu versuchen. Zuerst war das ganz angenehm, aber als ich meinen linken Arm ein wenig anheben sollte, zerrte ich mir irgendwas, und ab da war das Ganze ein wenig verkrampft, so dass ich nicht gut entspannen konnte. Meine Entspannungshaltung ist wohl doch eher die sitzende…

Kirschbaum

Unter diesem in voller Blüte stehenden Kirschbaum hielten wir heute unsere Depressionsgruppe mit unserer Bezugstherapeutin ab.

Danach ging es gleich weiter zur Depressionsgruppe bei unserer Bezugstherapeutin. Wir schleppten unsere Gartenstühle zu einem großen Kirschbaum (glaube ich), der draußen auf dem Rasen vor der Sonnenterrasse in voller Blüte steht. Da ich noch Cappuccinoschulden bei der Therapeutin hatte (wer die Kurzgeschichte gelesen hat, weiß, warum) besorgte ich noch schnell das Heissgetränk und schleppte es samt Tisch zur Gruppe.

Unter anderem wurden noch Leute verabschiedet, die uns morgen verlassen. Außerdem sieht es so aus, als ob keiner von uns eine Verlängerung bekommt, mit einer Ausnahme: Wir haben einen Gruppenkollegen, der hier ambulant an den Behandlungen teilnimmt. Das ist in einigen Fällen schade. Ich wäre auch nicht abgeneigt gewesen, noch eine Woche länger zu bleiben, obwohl es natürlich nicht mehr dasselbe sein wird, jetzt, wo sich unsere Gruppe so langsam auflöst. Am Ende gab es eine Übung zur kognitiven Umlenkung. Dazu sollte zuerst jeder 10 Gegenstände anfassen und sich mit kurzer Beschreibung merken. Etwa „Kugelschreiber, Metall, Silber“. Anschließend gab es die Anweisung, jeden dieser Gegenstände mit einem völlig anderen Beschreibung zu versehen, die überhaupt nichts mit der tatsächlichen Beschreibung zu tun hat, also weder in Farbe, Material, Beschaffenheit, oder Bezeichnung des Gegenstandes. Für den Kugelschreiber exemplarisch die für die Übung Namengebende Beschreibung „rotes Krokodil“. Ich habe leider weder richtig zugehört, noch nachgefragt, und deswegen die Übung nicht richtig mitgemacht. Daher konnte ich nichts zur Nachbesprechung beitragen, als die Teilnehmer ein paar Beispiele für ihre neuen Beschreibungen für die von ihnen berührten Gegenstände nennen sollten.

Wenn ich es richtig verstanden habe, dient die Übung dazu, das Gehirn dazu zu bringen, flexibler zu denken und damit gewohnte Bahnen zu verlassen. Wir sehen einen Kugelschreiber, und das Gehirn registriert automatisch „Kugelschreiber, Metall, Silber“. Wir werden mit einer Problemsituation konfrontiert, und das Gehirn schmeisst automatisch Gedanken wie „Ich schaffe das nicht!“, bevor wir uns auch nur ansatzweise kognitiv damit auseinander gesetzt haben. Durch die kognitive Umlenkung kann man sich genau das erstens bewusst verdeutlichen, und zweitens das Gehirn auch trainieren, den kognitiven Vorgängen mehr Priorität einzuräumen. Wir wollen ja gar nicht unbedingt „Das schaffe ich nicht!“ denken, aber der Gedanke ist einfach da, bevor wir uns wirklich bewusst mit der Situation auseinandergesetzt haben. Wie gesagt, ich habe zwischenzeitlich nicht gut aufgepasst, aber so in etwa kam das bei mir an.

Kurze Pause, dann ging es weiter mit SINA/TAF, in diesem Fall TAF (Training Arbeitsrelevanter Fähigkeiten). Normalerweise müsste ich das schon einmal gehabt haben, aber ich weiß gar nicht so genau, was wir da gemacht haben. Jedenfalls stellte die Ergotherapeutin vor, warum wir das eigentlich machen, naja, Arbeitsfähigkeit wieder herstellen, Existenzsicherung und so etwas. Sie unterschied die Umstände am Arbeitsplatz in Resourcen und Stressoren. Resourcen können beispielsweise eigene Fähigkeiten sein, oder auch Kollegen, mit denen man gut zusammenarbeiten kann. Stressoren können (scheinbar) unlösbare Probleme, Zeitdruck, schwierige Kollegen oder auch Umweltbedingungen wie Lärm oder Gerüche sein. Anhand dem Beispiel von einer Krankenschwester, die in der Instensivstation ihre Fähigkeiten nicht ausspielen kann, vielen Stressoren ausgesetzt ist und sich deshalb für eine schlechte Krankenschwester hält, wurde gezeigt, wie entscheidend die Situation am Arbeitsplatz für das Wohlbefinden und die Selbsteinschätzung sein kann. Dieselbe Person könnte nämlich z.B. an einer Dialyse-Station vielleicht viel eher gemäß ihrer Fähigeiten, Interessen und Bedürfnisse arbeiten und da einen besseren Job machen.

Wir wurden gefragt, wie wir verschiedene Arbeitsauftrage beurteilen würden (macht Stress, bin unsicher, alles super), mit Handzeichen war abzustimmen. Da ging es erst um Laub sammeln im Garten, und dann darum, in der Lehrküche einen Apfelkuchen zu backen. Das in verschiedenen Varianten, alleine, in der Gruppe, mit oder ohne Rezept etc. Die Therapeutin wollte zeigen, dass, was für den einen eine Resource ist (z.B. Zusammenarbeit mit anderen) für andere ein Stressor sein kann.

Wie auch immer, nachdem wir gefühlte zehn Minuten über Apfelkuchen geredet hatten und einigen von uns schon in pawlow’scher Manier der Sabber aus dem Gesicht lief, bekamen wir eine ganz andere Aufgabe. Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen bekamen dieselbe Aufgabe: Wir sollten für einen Mann (42 Jahre alt, 40 Wochenarbeitsstunden) und eine Frau (38 Jahre alt, 10 Wochenarbeitsstunden) und deren drei Kinder unterschiedlichen Alters einen Freizeit- und Nutzgarten planen. Dabei sollten wir daran denken, dass die beiden Eltern, beide unerfahren in Gartenarbeiten, den Garten in der ihnen zur Verfügung stehenden Freizeit in Ordnung halten können sollten, eine Kostenrechnung aufstellen, einen Pflanzungsplan erstellen und eine Zeichnung anfertigen. Und das ganze in 25 Minuten.

Ich bekam sofort schlechte Laune, weil ich die Aufgabe ernst nahm und mich total überfordert fühlte. Denn ich habe ja mal von der Gestaltung eines Gartens so gar keine Ahnung. Ein Teamkollege begann, ein wenig die Leitung zu übernehmen und meinte, wir sollten erstmal überlegen, wie viel Zeit die Eltern denn wohl neben Arbeit, Haushalt, Kindern, Körperpflege und Hobbys noch für den Garten bliebe. Ich dachte sofort, so ein Quatsch, dafür haben wir doch gar nicht genügend Zeit – und sagte das auch. Der Teamkollege, der diese Vorgehensweise vorgeschlagen hatte, blieb locker und meinte, die Zeit reiche sowieso vorne und hinten nicht, aber das, was wir anfangen, sollten wir wenigstens ordentlich machen. Okay, da ich diese Herangehensweise akzeptierte, ordnete ich mich unter, und half, die zur Verfügung stehenden Zeitresourcen der Eltern zu überschlagen. Anschließend überlegten wir uns eine Flächenplanung mit ganzen 30 qm Rasen, auf den wir noch ne Schaukel und vielleicht ne Sandkiste für die kleineren Kinder stellen wollten. Außerdem eine 15 qm große Terrasse und ein 8 qm großes Gemüsebeet mit Tomaten, Radieschen, Zwiebeln und Kräutern, alles nicht so pflegebedürftiges Gemüse. Dann fingen wir an, das aufzumalen, und dann war die Zeit schon zuende. Über Kosten hatten wir noch gar nicht wirklich angefangen, nachzudenken. Achja, wichtig ist noch, dass die Therapeutin zwischenzeitlich die Säge anwarf und soviel Lärm machte, dass wir uns anschreien mussten, um was verständlich zu vermitteln, und dass wir einmal den Raum wechseln mussten.

Dann stellten beide Gruppen ihre Ergebnisse vor. Die andere Gruppe war weniger – wie wir – von den vorhandenen Resourcen (hier die in der Woche zur Verfügung stehende Zeit der Eltern zur Gartenpflege) ausgegangen, sondern eher davon, was sie sich wünschten, vor allem auch in Bezug auf die Kinder, die viel Platz zum Spielen bekommen sollten. Irgendwann ergriff ein Mitglied der anderen Gruppe die Initiative, und malte das kleine Paradies auf. Bei uns regierte ja eher der Pragmatismus. Jeder sollte dann auch noch erläutern, wie es ihm oder ihr bei der Lösung der Aufgabe ergangen sei. Das mit der Säge war natürlich reine Schikane gewesen, um den Stressor „Umwelteinflüsse“ genauer gesagt, Lärm, zu verdeutlichen. Einer aus meiner Gruppe ist an dieser Stelle auch komplett ausgestiegen. Ich hatte nur so Gedanken wie „Mann, ich hab zuhause auch so Stress genug, und jetzt hier auch noch, und nur so zum Spass…“ Wobei ich ja eigentlich weiß, das Konfrontation Training ist. Immerhin besserte sich meine Laune ab dem Punkt, als mein Teamkollege meinte, es sei sowieso illusorisch, die Aufgabe in der zur Verfügung stehenden Zeit sorgfältig zu bearbeiten, und ich mich seinem pragmatischem Ansatz unterordnete.

Insgesamt erkannte ich schon einiges in meiner tatsächlichen Arbeitssituation wieder. Es kommt schon vor, dass der zeitliche Rahmen für Aufgaben eng – oder manchmal auch sogar völlig unrealistisch ist. Dann gibt es die Möglichkeit, zu versuchen, die Aufgabe komplett, aber nicht sorgfältig zu bewältigen, oder auch einfach anzufangen, sorgfältig zu arbeiten – und nicht fertig zu werden. Was auch immer läuft, es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken oder zu blockieren, sondern man muss den Kopf frei kriegen und anfangen zu arbeiten, und das Beste draus machen. Das fällt mir persönlich in der Tat auch am Arbeitsplatz manchmal recht schwer. Aber vielleicht hilft es mir ja künftig, mich an diese Einheit zu erinnern. Sie war hart und mental anstrengend für mich, aber sinnvoll.

Danach hatte ich Feierabend. Es war 17:00 Uhr. Ich entschied mich, bei dem guten Wetter mal zum Kaufpark zu marschieren, um dort ein paar Einkäufe zu erledigen. Denn ich hatte noch Bananenschulden bei der frechen Frau aus Rostock, meiner Ex-Mitpatientensprecherin. Das war dadurch gekommen, dass ich am Tisch beim Jugoslawen ein paar Ausschnitte aus „Hallo Zoni“ von Norbert & Die Feiglinge vorgesungen habe. Das Lied ist von 1990, es thematisiert einen Ostdeutschen, der nach der Maueröffnung einen Westdeutschen besucht, der stolz alle möglichen Errungenschaften des Westens (unter anderem Bananen) vorführt, den „Ossi“ aber dann wieder nachhause schicken möchte, weil „so gut geht es uns hier ja nun auch wieder nicht“.

Ich habe das Lied – auch durch die Art, wie es gesungen wird (übrigens mehrstimmig à cappella nach der Melodie von „Hello Dolly“) immer wie folgt interpretiert: Hier sollten sowohl die Ostdeutschen mit ihrer (ja auch nicht ganz unzutreffenden) Sicht von Westdeutschland als dem „Land, in dem Milch und Honig fließen“, als auch die geizigen Westdeutschen, die die jahrelange Misswirtschaft im Osten nicht mit bezahlen wollten, hochgenommen werden. Also Augenzwinkern in beide Richtungen. Ich glaube, die liebe Frau fand es nicht oder begrenzt lustig, ich konnte auch die Ironie in dem Lied nicht so rüberbringen wie Norbert & die Feiglinge. Aber sie trug es mit Fassung und meinte, zur Strafe, weil ich mich über ihre Herkunft lustig gemacht hätte, schuldete ich ihr eine Bananenstaude.

Also lief ich den nervigen Weg zum Kaufpark (weitaus länger als bis zum Kreisel), bearbeitete das Portal in der Nähe des Supermarktes und ging einkaufen. Paar 0,5 Liter-Flaschen Cola und andere Getränke für mich, und Bananen, Kiwis, Dosenwurst und Toast für die freche Frau aus Rostock. Denn im Text heisst es:

Willst ne Banane, Zoni?
Sind genug von da, ne Zoni!
Und vielleicht zum Mittagessen eine Wurst.
(Du, da ist richtiges Fleisch drin!)
Das nennt man Kiwi, Zoni,
unser Sohn ist Zivi,
und das Brot hier aus Amerika heisst Toast.

Wieder in der Klinik gab es erst einmal Abendessen. Danach nahm ich einen der Kartons von Päckchen, die ich hier bekommen habe (hatte ich mir zum Glück aufgehoben) und verpackte die Lebensmittel darin. Dann hörte ich mir das Lied an, schrieb den Text handschriftlich auf zwei A4-Seiten, rollte sie zusammen und legte sie dem Paket bei. Schließlich klebte ich das Paket zu, machte noch ein buntes Bändchen darum und schrieb mit einem Textmarker „Begrüßung-Paket“ (in Anlehnung auf das Begrüßungsgeld, welches es ja damals gegeben hat) drauf.

Begrüßungspaket

„Willst ’ne Banane, Zoni? Sind genug von da, ne Zoni! Und vielleicht zum Mittagessen eine Wurst? Das nennt man Kiwi, Zoni, unser Sohn ist Zivi und das Brot hier aus Amerika heißt Toast.“ (Norbert & die Feiglinge)

Ich fand die Dame in der Sitzecke in der Pflege bei der Teeküche, gab ihr das Paket und baute meinen Laptop auf, um ihr das Lied auch vorzuspielen. Hm. So richtig lustig fand sie das Lied noch immer nicht, glaube ich. Aber trotzdem freute sie sich über die Kiwis und Bananen (wie sollte es auch anders sein, hihi) und verzieh mir großmütig meine Sünden. Puh. Nochmal gerettet.

Tja, jetzt ist es 21:48 Uhr, und ich habe den Blogeintrag fertig. Viel werde ich nicht mehr machen, ich bin schon recht müde. Also bis morgen!

Mein Therapieplan für morgen:

08:30 Uhr – Indi Stress

10:15 Uhr – Fitnesstraining

11:10 Uhr – Einzel-Physio

15:30 Uhr – Abschlussrunde

Soweit ich weiß, ist diese Abschlussrunde so ne Art Kaffeeklatsch im Speisesaal mit der Chefärztin Frau Farhat. Nun, mal sehen.

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Tag 34 – Man kann auch ohne Alkohol lustig sein… unter Bekloppten

Ich hatte den Wecker deaktiviert und beliebte, auszuschlafen und auf das Frühstück zu verzichten. Leider hab ich nicht ganz so gut geschlafen und war zwischendurch mal wach. Gegen 08;30 Uhr, also spät für hiesige Verhältnisse, dämmerte ich langsam dem Tag entgegen und stand kurz 09:00 Uhr auf. Also zu spät für das Frühstück. Aber dafür trotz allem recht ausgeschlafen.

Ich duschte, zog mich an und stiefelte mit meinem Laptop und Portemonnaie bewaffnet in die Lobby, um Kaffee zu trinken und Blog zu schreiben. Dazu erwarb ich beim Café Dallucci ein Salamibrötchen. Mit dem Schreiben klappte es immer zwischendurch wieder ein wenig, aber in einer Sitzecke hockten nicht unerhebliche Teile meiner Therapiegruppe. Ich erzählte von meinem Ausflug nach Düsseldorf und erntete bei einer jungen Dame aus meiner Gruppe ein gestrenges Stirnrunzeln mit dem Kommentar, ich sei ja wohl in die falsche Stadt gefahren… Ups. Die ist mehr in Bonn und Köln zuhause… Jetzt muss ich womöglich auch nach Kölle, um das wieder gut zu machen. Na, vielleicht kommendes Wochenende, mein vielleicht letztes hier.

Es war ganz gemütlich, der Kaffee war lecker, und ich verbrachte einige Zeit in der Lobby. Vor dem Mittagessen verbrachte ich meinen Laptop in mein Zimmer und ging dann essen. Wie im vorangegangenen Beitrag beschrieben, stand auf meinem Therapieplan lediglich ein Job on / Job off Termin um 14:15 Uhr. Allerdings hatte inzwischen ein Kollege aus meiner Therapiegruppe, der von ein paar scheidenden Mitgliedern der Gruppe darum gebeten worden war, bei unserer Bezugstherapeutin um einen Sondertermin heute zur Verabschiedung gebeten, den wir prompt auch bekamen.

Zunächst hatte ich nach dem Mittagessen noch eine gute Stunde Zeit bis zu Job on / Job off. Ich nutzte diese, um meinen Blogeintrag von gestern weiter zu schreiben.

Bei Job on / Job off ging es um das Thema „Kündigungsformen“, d.h. welche Möglichkeiten Arbeitgeber haben, Angestellten zu kündigen, was sie dazu nachweisen müssen und was man als Angestellter ggf. dagegen tun kann. Bei einer personenbedingten Kündigung ist der Arbeitgeber in der Beweispflicht und muss drei Sachen nachweisen:

  • negative Gesundheitsprognose des Arbeitnehmers per ärztliches Gutachten für die kommenden 24 Monate (bei psychischen Erkrankungen fast nicht machbar)
  • Interessenbeinträchtigung des Arbeitgebers
  • Interessenabwägung des Arbeitnehmers (z.B. Betriebszugehörigkeit, Alter…)

Lt. der vortragenden Dame bedeutet das in der Praxis, dass der Arbeitgeber in diesem Fall vor dem Arbeitsgericht normalerweise den Kürzeren zöge. Schadet natürlich nicht, so etwas zu wissen, obwohl der Arbeitgeber vielleicht eine andere Möglichkeit findet, den unerwünschten Arbeitnehmer loszuwerden.

Zuvor hatte allerdings die Vortragende gefragt, ob wir Fragen zu anderen Themen hätten, die ihr Fachgebiet (Sozialdienst) beträfen. Ich erkundigte mich nach IRENA. Das steht für Intensivierte REhabilitations NAchsorge. Das wurde immer mal in Zusammenhang für weitere Maßnahmen nach der Reha genannt, außerdem gibt es hier in der Klinik auch abends IRENA-Gruppen.

Wir erfuhren, dass sich das Angebot nur auf ehemalige Reha-Patienten bezieht und 26 Sitzungen (inkl. eine Aufnahmesitzung und ein Abschlussgespräch nur mit dem Leiter) in Gruppentherapie beinhaltet. Das Ganze dauert so ein halbes Jahr (bei wöchentlichen Sitzungen) in Gruppen von ca. 12-15 Personen. Kostenträger ist die Rentenversicherung, man kann einmal wechseln oder die Therapie auch abbrechen, wenn sie „nicht passt“.

Ich würde das sehr gerne als anschließende Maßnahme nach der Reha machen. Das muss beantragt werden, und natürlich hängt es davon ab, ob ich eine Gruppe in der Nähe von Osnabrück finde, wo ich mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln gut einmal pro Woche nach der Arbeit hinfahren kann. Hm, ich habe das gerade im Netz nachgeschlagen, die nächste Möglichkeit für mich wäre wohl in Bad Essen. Wäre schon aufwändig… aber machbar. Alles eine Frage der Prioritäten. Aber es wäre schlecht, wenn das mehr Stress verursachte, als Probleme zu lösen.

Nach dem Job on / Job off – Termin hatten wir dann nach einer Pause den 15:30 Uhr – Sondertermin mit unserer Bezugstherapeutin, den wir – nach anfänglichem Zaudern – auf der Terasse verbrachten. Es war nicht allzu warm, aber sonnig. Unsere Therapeutin freute sich offensichtlich, auch noch einmal die scheidenden Gruppenmitglieder zu verabschieden. Sie sprach im Wesentlichen mit den drei Personen, darüber, was sie in der Reha erreicht haben und was sie nach der Reha erreichen wollen. Die Stimmung war so gut wie noch nie in so einem Gruppentermin, obwohl ich bestimmt nicht der einzige in der Gruppe bin, der ein bisschen traurig darüber ist, dass drei Leute morgen gehen. Ich finde es schade um jeden einzelnen von den dreien, der geht, ich mag sie nämlich alle.

Am Ende gab die Therpeutin den Scheidenden (und uns allen) noch zwei Geschichten mit auf den Weg. Zu der ersten durfte sich jeder ein paar Böhnchen aus einem Sack nehmen, die gefiel mir auch besser als der zweite Text. Es ging um einen Lebemann, der das Genießen des Tages zu einer Kunstform für sich entwickelt hatte. Für alles, was ihm am Tage gut gefiel, holte er eine Bohne aus der linken Hemdtasche und steckte sie in die rechte. An jedem Abend zählte er dann die Bohnen in der rechten Tasche, als festes Ritual, und freute sich selbst, wenn es nur eine einzige war, an dem, was der Tag ihm Gutes gebracht hat. Das ist Achtsamkeit.

Zu guter Letzt las ich meine eigene Kurzgeschichte vor, die „42 Tage in Wuppertal“, die ich hier auch schon veröffentlicht habe. Es war ja eine Hausaufgabe, die ich von unserer Bezugstherapeutin gestellt bekommen hatte. Jemand aus der Gruppe hatte vorgeschlagen, ich könne das ja zum Abschied der Scheidenden Kollegen mal vorlesen. Also tat ich es. Und das hatte auch den Vorteil, dass ich das jetzt nicht in einer Einzel-Session machen muss, was mir da die Therapiezeit einspart, yippie!

Aber vor allem war die Gruppe echt beeindruckt, ich bekam sehr viel sehr gutes Feedback. Nicht nur unmittelbar, sondern auch später noch mal. Das war natürlich schon echter Balsam für die wunde Seele, und ich kann üben, das auch einfach mal hinzunehmen und nicht gleich zu relativieren. Auch wenn mir das leider auch nicht recht gelingen will.

Artega GT

Auf dem Parkplatz vor unserem Jugoslawen parkte dieser Artega GT. Ein Auto, von dem ich noch nie gehört hatte. Ich hatte schon fast gemutmaßt, die Preise im Restaurant wären nichts für unseren Geldbeutel, lag aber falsch. Naja, ich habe gegoogelt. So ein Ding kostet „nur“ etwa 50.000 – 70.000 Euro gebraucht (neu ist der nicht zu haben, weil in einer Kleinserie produziert, die ausgelaufen ist). Aber zuvor habe ich da auch schon einen Aston Martin gesehen, der ist nicht für Kleingeld zu haben…

Nach der Sitzung hatte ich dann Feierabend. In der Lobby besprachen wir mit einigen aus unserer Gruppe, zusammen zum Abschied essen zu gehen, im Jugoslawischen Restaurant am Kreisel. Leider kamen nicht alle aus der Gruppe mit, und eine von den scheidenden Leuten war zwar auch im selben Restaurant essen, aber mit anderen Mit-Patienten. Trotzdem war es ein sehr lustiger Abend mit den „anderen Bekloppten“. Eins meiner „drei Lieblingsmädels“ ist nicht in unserer Gruppe, aber sie war trotzdem mit. Wir haben richtig viel gelacht. Und so richtig schwer fiel es mir noch nicht einmal, auf ein schönes Pils mit Alkohol zu verzichten – und auf den Slibowiz hinterher aufs Haus.

Wieder zurück in der Klinik hockten wir mit ein paar Leuten noch eine ganze Weile in der Lobby und quatschten. Aber dann ging ich auf mein Zimmer, um diesen Beitrag „en bloc“ zu schreiben. Es sieht so aus, als ob unsere Gruppe jetzt zu so etwas wie einer Einheit zusammengewachsen ist. Wir haben seit heute auch eine Whatsapp-Gruppe, d.h. jeder hat zumindest alle Handynummern und einen Kanal, auf dem wir viel Blödsinn posten können. Mal sehen, einige Kontakte bestehen bestimmt auch über die Reha-Zeit hinaus.

So, ich muss langsam ins Bett. Morgen habe ich Frühsport.

Mein Therapieplan für morgen:

07:00 Uhr – Frühsport

11:00 Uhr – Walking

13:00 Uhr – PMR Gruppe

13:30 Uhr – Depressionsgruppe

15:30 Uhr – SINA/TAF (müsste ausschließlich TAF sein)

Bis morgen!

Nachtrag:

Achja, ich hatte einen Laufzettel in meinem Postfach, d.h. Dinge, die bei verschiedenen Leuten an Papierkram etc. zu klären sind, bevor ich abreise. Außerdem habe ich am Mittwoch einen Termin „Abschlussrunde im Speisesaal“. Das bedeutet, dass ich wahrscheinlich keine Verlängerung bekomme. Ist ein bisschen schade, geschadet hätte mir das bestimmt nicht. Ich denke, ich kann, wenn ich mich am Riemen reiße und nach der Reha für mich die richtigen, weiterführenden Maßnahmen finde, auch so „draußen“ gut zurecht kommen. Aber man lernt schon jede Woche was dazu, was man gebrauchen kann…

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Tag 33 – Ingress in D-Dorf

Ich stand um 08:00 Uhr auf, duschte und ging frühstücken. (Achja, da ich normalerweise nicht nackt frühstücke, habe ich mir noch vorher Klamotten angezogen.)

Anschließend ging ich zum Kreisel, um einen Bus nach Oberbarmen-Bahnhof zu nehmen. Leider war der zwei Minuten zu früh dran, das war blöd, weil ich noch nicht damit fertig war, ein Portal, genauer gesagt, die berühmte Aal-Kate, in der Nähe der Bushaltestelle zu entschlumpfen. Der fuhr mir deswegen vor der Nase weg. Nun, was machen mit einer halben Stunde am Kreisel? Naja, was solls, ich ging halt die paar hundert Meter zum nächsten Portal Richtung Hasslingen, und dann wieder zurück, und irgendwie kriegte ich die halbe Stunde rum. Um 10:18 Uhr kam ich weg.

In Oberbarmen nahm ich wie immer die Schwebebahn zum Hauptbahnhof. Dort angekommen fragte ich mich erstmals ernsthaft, wo jetzt eigentlich dieser Hauptbahnhof an sich überhaupt denn wäre. Unmittelbar neben der Schwebebahnhaltestelle Hauptbahnhof ist eine riesige Baustelle. Und so fand ich schnell heraus, dass es sich dabei genau um den Hauptbahhof handelte. Ich hatte vorher immer schon mal vage was von „Schienenersatzverkehr“ gehört und gelesen, aber nun hatte ich das konkret vor mir. Der gesamte Vorplatz vor dem Bahnhofsgebäude war eine einzige Baugrube.

Baustelle Hauptbahnhof Wuppertal

Als wäre die Stadt nicht hässlich genug, da ist auch noch diese Riesenbaustelle vor dem Hauptbahnhof zu bestaunen.

Am Bahnhof angekommen informierte ich mich am Fahrkartenautomaten. Köln oder Düsseldorf, das war hier die Frage. Nach Köln würde die Fahrt über eine Stunde dauern, nach Düsseldorf maximal 50 Minuten. Es gab Verbindungen mit S-Bahn oder Nahverkehrszügen in Kombination mit einem Bus, oder einen Bus für die ganze Strecke. „Schienenersatzverkehr“… das war nichts, womit ich unbedingt gute Erfahrungen gemacht hätte. Improvisierte Verbindungen, randvolle Busse, Verspätungen, Chaos… Wollte ich mir das wirklich freiwillig antun? Ich entschied mich, dass ich wollte, und kaufte ein Ticket für knapp sechs Euro. Inzwischen war durchgesagt worden, dass der Grund für den SEV der Neubau eines Stellwerks sei und dass die Busse vor der historischen Stadthalle in ca. 5 min. Fußentfernung fuhren. Mist! Ich hatte kaum noch 5 Minuten Zeit. Aber wider Erwarten kriegte ich den Bus um 11:45 Uhr.

Dieser fuhr erst einmal zum alten Bahnhof Vohwinkel, von dort dann auf die A46 nach Düsseldorf. Hm. Diese Busse sind einfach dafür gebaut, mit maximal 50 km/h durch den Stadtverkehr zu fahren, nicht mit 85 über die Autobahn – obwohl sie es können. Komfortabel ist was anderes. Immerhin hatte ich die ganze Rückbank für mich.

Gegen 12:35 Uhr war ich also am Hauptbahnhof Düsseldorf. Hmpf. Auch hier war alles Baustelle, irgendwas wird da an der Straßenbahn gebaut. Eigentlich wäre es Zeit fürs Mittagessen. Aber zuerst musste ich mich ein wenig orientieren. Schließlich war ich ja zum Zocken hier. Also nahm ich mir erst einmal die Portale in unmittelbarer Nähe vor.

Achtung, Ingress-Abschnitt
An einem begann eine „Zug verpasst?“-Mission. In der Beschreibung der mit 15 Minuten angegebenen, nicht sequentiellen Mission stand auf Englisch sinngemäß „Zug verpasst? Zug verspätet? Zeit für ein bisschen Ingress…“ Ich hatte mir ungefähr folgendes vorgenommen:

Primärziele: Unique Visits, Unique Captures, Deployen
Sekundärziele: Glyph Hacks, eine Mission, um ein Badge als Andenken zu haben

Also kam mir die 15-Minuten-Mission ganz recht. Ich musste dazu einmal durch den großen Bahnhof durch. Auf der Rückseite kam ich auf einen carée-artigen Platz, der in allen Himmelsrichtungen von Gebäuden umgeben war. In eine Richtung ging es in den Bahnhof, es gab aber auch drei weitere Ausgänge. Hier gab es einiges an öffentlicher Kunst, somit Portale, die noch zu der reinen Hacker-Mission gehörten. War alles blau, daher hackte ich nicht nur, sondern bombte alles weg und übernahm den kompletten Laden.

Skulptur hinter dem Hauptbahnhof

Eine Skulptur hinter dem Hauptbahnhof. Man beachte den gut definierten Gluteus Maximus…

Anschließend ging ich wieder zurück durch den Bahnhof. Wie gesagt, es war eigentlich Mittagszeit, und natürlich gab es in und vor dem Bahnhof jede Menge Möglichkeiten, etwas zu essen. Aber ich wollte meine Mahlzeit in einem angenehmern Ambiente zu mir nehmen, möglichst am Rhein. Überhaupt, das Rheinufer war mein Hauptziel. Egal, wo, Hauptsache am Wasser.

Johanniskirche

Die Johanniskirche. Hier kam ich auf dem Weg zum Rhein entlang.

Ich checkte Google Maps und stellte fest, dass eine Kirche, die ich aus der Ferne vom Bahnhof aus sehen konnte, ungefähr in der richtigen Richtung lag. Also zog ich in diese Richtung los und stand bald vor der Johanneskirche. Davor gab es gleich zwei Bismark-Statuen, eine stehend, eine zu Pferde (hm… ganz sicher bin ich mir nicht, ob das beides der eiserne Kanzler war).

Irgendwo in dieser Richtung sollte Schildern zufolge auch die berühmte Düsseldorfer Altstadt liegen. Zuerst aber überquerte ich die Königsallee, die glaube ich, im Volksmund nur „Kö“ genannt wird. In der Mitte, zwischen den Bäumen, gibt es auch eine Art Bach, lt. Google Maps der „Stadtgraben“. Hübsch, das alles.

Rheinturm

Der Rheinturm von der Rheinkniebrücke aus fotografiert.

An der Altstadt zog ich – wie ich auf dem Rückweg feststellen sollte – zielstrebig knapp vorbei. Schließlich erreichte ich das Rheinufer beim Filmmuseum. Es herrschte strahlender Sonnenschein, aber es war recht windig. Ich sah zwei recht imposante Hängebrücken, zu meiner linken die Rheinkniebrücke, rechts die Oberkasseler Brücke, die beiden sahen fast baugleich aus. Links sah ich auch den Düsseldorfer Fernsehturm, den sogenannten Rheinturm.

Rheinkniebrücke

Die Rheinkniebrücke. Wenn man genau hinsieht, erkennt man trotz des flachen Winkels, dass die Binnenschiffe hier alle eine ziemlich scharfe Kurve nehmen müssen. Bei längeren Exemplaren sieht das zuweilen ein bisschen abenteuerlich aus, weil die auch ziemlich dabei driften.

Ich wollte gerne hier mittagessen und schaute mich um. Ein zur Debatte stehendes Lokal war mit zu teuer (hatte ich irgendwie schon befürchtet, bei der Rheinlage). Nachdem ich mich ein wenig umgesehen hatte, entschied ich mich, erstmal ein Eis zu essen und einen Latte zu trinken. Ein Eiscafé war direkt am Start und die Tarife waren normal. Ich nahm eine Giotto-Becher und einen Latte Macciato. Es war gut, die Sonne schien, aber es war leider ziemlich zugig. Und ich bemerkte zu spät, dass ich hier auch Pasta oder Pizza hätte ordern können. Okay, nahm ich halt den Nachtisch zuerst… Nee, ich habe erst in Wuppertal abends sozusagen das Mittagessen genommen und es für Düsseldorf beim Eis belassen.

Aus irgendeinem Grund dudelten in meinem Kopf die ganze Zeit die „Toten Hosen„, ein mentaler Campino trällerte

Durch das Gedränge, der Menschenmenge
Bahnen wir uns den altbekannten Weg
Entlang der Gassen, zu den Rheinterrassen
Über die Brücken, bis hin zu der Musik
Wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudreh’n
Wo die Anderen warten, um mit uns zu starten, und abzugeh’n

An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit
Wünsch ich mir Unendlichkeit

Ich habe keine blasse Ahnung, warum.

Dann bezahlte ich mein Eis und machte mich auf die Socken entlang des Rheins. Aus meiner Position am Einscafé beim Filmmuseum sah es so aus, als wäre der Rheinturm weit weg und auf der anderen Seite des Rheins. Aber das täuschte, weil der Rhein nach der Rheinkniebrücke eine scharfe Biegung macht – offenbar rührt daher auch der merkwürdige Name der Brücke. Als ich weiter in Richtung der Brücke ging, sah ich anhand von Schildern, dass ich mich auch dem Gebäudekomplex des NRW-Landtags näherte. Und auch dem Rheinturm, der bald gar nicht mehr so weit weg und auf „meiner“ Rheinseite war. Ich passierte den Landtag zwischen Gebäude und Rhein und stand dann bald vor dem Rheinturm. Türme finde ich toll. Erstens, weil ich sie als Bauwerke technisch interessant finde, das Bauwerk an sich, und dann auch – bei „Fernsehtürmen“ auch ihre Rolle in der Telekommunikation. Zweitens aber auch, weil man, wenn es eine Aussichtsplattform gibt, einen tollen Überblick über die Stadt gewinnen kann. Wer meinen Blog schon länger liest, weiß das auch.

Blick vom Rheinturm

Das östliche Rheinufer aus einem anderen Blickwinkel

Also rein in den Rheinturm. Kostenpunkt 6 Euro Aufzugsgebühr, verglichen mit einem Besuch auf dem Empire State Building oder der Aussichtsterasse von „The Shard“ in London ein Witz. Mit dem Aufzug ging es auf 168 Meter Höhe, in die Lounge & Bar „M168“, ihres Zeichens die höchste Bar in NRW.

Rheinkniebrücke von oben

Rheinkniebrücke vom Rheinturm aus. Leider habe ich meine Bilder nicht sofort kontrolliert, sonst hätte ich vielleicht noch mal so fotografiert, dass diese störenden, diagonalen, gelbgepunkteten Linien nicht zu sehen wären. Denn ansonsten finde ich das Foto klasse.

Als ich aus dem Aufzug schrägen Fensterfront kam wurde mir ein bisschen mulmig zu Mute. Ich meine eigentlich, ich kann eigentlich ganz gut mit Höhe, aber gefühlt ging ich auf einen Abgrund zu. Denn die schrägen Aussichtsfenster rundherum begannen am Boden, so dass da sozusagen die Kante war, von der man herunterfallen könnte. Natürlich sind die bestimmt extrem stabil und sicher, falls jemand stolpert und dagegen fällt. Eine junge Frau legte sich da auch ungeniert drauf und animierte eine zögerlichere Freundin, es ihr gleichzutun. Nee, nix für mich und meine mein Übergewicht… wer weiß, ob das wirklich stabil genug ist!

NRW-Landtag von oben

Der Landtag Nordrhein-Westfalens aus der Vogelperspektive mit dem Schatten des Rheinturms.

Aber ich genoss die Aussicht auf den Rhein bei dem strahlenden Sonnenschein, die Sicht war ja grandios. Am liebsten wäre ich abends nochmal in der Dunkelheit gekommen, aber da wollte ich schon wieder in Wuppertal sein. Ich liebe es ja, Nachtaufnahmen von oben zu machen. Ich drehte zwei Runden und knipste emsig mit meinem Handy. Leider sah ich erst hinterher eine Spiegelung auf den ansonsten teilweise sehr tollen Bildern, sonst hätte ich mich vielleicht doch noch auf die Fenster gelegt, um die Kamera direkt ans Glas zu legen.

M 168

In der „M 168“, der höchsten Bar Nordrheinwestfalens. Hier kann man auch ein Schäumchen (Cocktails) trinken. Vorausgesetzt, man hat das nötige Kleingeld.

Die Getränke waren mir zu teuer, für 0,2 Liter Coca Cola waren 3,50 Euro fällig, und das war noch das günstigste. Auf 172 Meter Höhe ist oberhalb der Bar noch ein Restaurant, auch da werden die Preise entsprechend sein. Na klar, die Aussicht ist ja auch toll, und der Aufwand, alles erst einmal da hoch zu schaffen, ist natürlich auch etwas höher als anderswo. Die Pacht für die Örtlichkeiten wird wohl auch was kosten. Jedenfalls stellte ich mich dann an, um einen der beiden Fahrstühle nach unten zu bekommen. Die Dinger sind lt. Wikipedia mit bis zu 4 m/s (14,4 km/h) unterwegs.

Wieder unten angekommen, entschied ich mich, einmal über die Rheinkniebrücke zum anderen Rheinufer zu gehen. Die Gesamtlänge dieser Brücke beträgt lt. Wikipedia über 1,5 km. Also war ich zu Fuß eine ganze Weile unterwegs, zumal ich das ja auch im Wesentlichen machte, um von der Brücke aus ein paar Bilder zu machen. Auf der anderen Rheinseite gab es vor allem viel Grün mit vielen Menschen, die hier das schöne Wetter genossen. Einige ließen Drachen steigen, ein paar Drachenleinen waren auch einfach im Boden verankert. Ansonsten war hier nicht so viel los, vor allem Ingress-mäßig nicht. Ich überlegte, vielleicht auf dieser Rheinseite bis zu Oberkasseler Brücke zu laufen und den Rhein dort wieder auf die andere Seite zu überqueren. Es war aber gerade schon 17:00 Uhr durch, und ich wollte nicht allzu spät die Fahrt zurück nach Wuppertal antreten. Also ging ich schnurstracks wieder über die Rheinkniebrücke zurück, ohne weitere Experimente.

Ich beschloss, so schnell wie möglich zurück zum Bahnhof zu gehen, und dann bald die Rückfahrt anzutreten. Immerhin würde ich zu Fuß noch eine Weile bis zum Bahnhof benötigen. Im Wesentlichen ging ich fast genauso zurück wie ich gekommen war, aber ich kam diesmal durch einen Teil der Altstadt hindurch. Hier war eine ganze Menge los, eine Menge Leute saßen hier schon draußen beim Altbier. Hm, ich hätte auch gerne eins getrunken, aber ich bin ja zur Zeit abstinent. Und außerdem wollte ich ja nicht mehr länger verweilen. Auch für Ingress nahm ich mir weniger Zeit als auf dem Hinweg, ich verzichtete auf Glyphhacking, damit ich schneller voran kam.

Ich war gegen 18:30 Uhr am Bahnhof, besorgte mir am Automaten ein Rückfahrticket und an einem Infoschalter die Information, von welchem Bussteig der Schienenersatzverkehr (alleine das war klingt schon besch…) nach Wuppertal fahren würde. Dann kaufte ich noch eine Flasche Wasser, und konnte auch schon bald in den Bus einsteigen.

Die Rückfahrt war anstrengend, weil neben mir oder zumindest in der Nähe jemand ziemlich müffelte und ein Kind in einem Kinderwagen immer wieder laute Geräusche von sich gab. Damit kann ich nicht gut umgehen. „L’Enfer, c’est les autres“ („Die Hölle, das sind die anderen“), wie Jean-Paul Sartre es einst so schön in „Geschlossene Gesellschaft“ auf den Punkt brachte, und wie Dietmar Wischmeyer es einst in Bezug auf das Busfahren bereits zitierte: „Ach, auch mit dem Bus unterwegs?“ „Nein, Du Arsch, dies ist ein Raumschiff!“

Doch nach 50 weniger angenehmen Minuten im SEV kam ich endlich wieder am Hauptbahnhof Wuppertal, d.h. an der historischen Stadthalle an. Ich brauchte jetzt erstmal mein Stammessen in meinem Stammlokal („The Deal“ mit panierten Hühnerbruststreifen und Cajuns mit Aioli und Barbecuesauce und eine Waldmeister-Limo im Café Extrablatt) und vor allem einen Stuhl. Also passierte ich die hässliche Großbaustelle, die einst ein Hauptbahnhof gewesen war, und begab mich in die Elberfelder Innenstadt. Mahlzeit!

Nach dem Essen drehte ich noch eine sehr kurze Runde bis zum Rathaus und zurück zur Schwebebahnstation, um noch ein bisschen Material zu sammeln und Glyph-Hacks zu machen. Da waren wieder einmal blaue L8-Portale zwischen Haltestelle und Rathaus, und ich ließ sie auch stehen, weil ich nicht mehr viel Zeit in Elberfeld verbringen wollte.

Gegen 21:00 Uhr nahm ich die Schwebebahn zurück nach Oberbarmen-Bahnhof und konnte nach nur sechs Minuten Wartezeit den Bus zur Schmiedestraße nehmen. Also war ich noch vor 22:00 wieder in der Klinik.

Ich war schon ziemlich platt. Außerdem merkte ich, dass ich mir die Pläthe verbruzzelt hatte. Daher ging ich schleunigst in mein Zimmer. Ich begann, diesen Eintrag zu schreiben, hatte aber für mich schon klar, dass ich den erst am Folgetag beenden würde. Ich würde auch Zeit haben, denn auf meinem Therapieplan stand nur ein einziger Eintrag:

14:15 Uhr – Job on/Job off

Seltsam. Aber gut, viel Freizeit. Um 23:10 Uhr fand ich ins Bett. Und deaktivierte für den Folgetag meinen Wecker. Feierabend.

Ingress-Stats:

Translator Trekker Explorer Pioneer Builder Purifier
letzter Stand 31.001 1.928 km 2.894 1.724 72.702 53.585
Jetzt 32.458 1.947 km 3.055 1.812 73.806 54.391
Delta 1.457 19 km 161 88 1.104 806
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Tag 32 – Regenwetter und ein Schlumpfigel

Ich hatte den Wecker, den elenden Aufdringling, für heute morgen entschärft. Natürlich wachte ich trotzdem rechtzeitig zum Frühstück auf, ignorierte das aber und schlief noch etwas weiter.

Ich lag noch wach im Bett, als es an der Tür klopfte. „Jo!“ sagte ich laut. Nichts passierte. Irgendwann kratzte es an der Tür. „Herein!“, sagte ich (ich hatte Putzmenschen antizipiert, wie ich es zu der Zeit schon ein paarmal erlebt hatte, und die haben einen Schlüssel). Stattdessen sagte eine weiblich Stimme „Ich kann ja nicht!“. Aha. Die freche Frau aus Rostock. Ich schlüpfte schnell in etwas weniger Bequemes und öffnete die Tür. Die gute Frau brachte mir zum Frühstück eine Packung Ahoi-Brause-Bonbons. Sehr lieb von ihr. Offenbar machte sie sich Sorgen, weil sie mich zuletzt gestern nachmittag gesehen hatte, und das nicht gerade in bester Laune.

Nun, ich duschte und ging runter in die Lobby, um wenigstens einen Instant-Kaffee zu trinken. Ich nahm meinen Laptop mit, um den Beitrag von gestern zu beginnen. Natürlich konnte ich, wie immer, wenn ich unten schreiben will, das nicht voll konzentriert machen, aber dafür bekomme ich was vom sozialen Leben hier mit (weshalb ich mich nicht voll konzentrieren kann, aber man kann halt nicht alles gleichzeitig haben). Ein paar Leute wollten sich Schloss Burg von innen ansehen, und es war noch ein Platz im Auto frei, ich hätte mitkommen können. Naja. Das Wetter war nicht so toll, und irgendwie sind so muffige alte Gebäude von innen einfach nicht so mein Ding. Ich kann mich ja nicht so besonders für Geschichte erwärmen. Also entschied ich mich, in der Klinik zu bleiben, Schreibkram zu erledigen und zu entspannen.

Ich schrieb also weiter, irgendwann war es dann Zeit für das Mittagessen. Es gab, wie immer samstags, einen Eintopf. Ich saß mit einem von meinen „drei Lieblingsmädels“ an einem Tisch, ich glaube, ich beschrieb sie mal als „Typ zum Pferdestehlen“. Ihr ging es nicht so gut, aber sie erzählte mir gegenüber zum ersten Mal ein bisschen was von ihren Problemen. Nach dem Essen tranken wir noch einen Kaffee vom Dallucci zusammen. Ich genoss ihre Gesellschaft und das Gespräch mit ihr, auch wenn es keine schönen Sachen waren, über die wir redeten. Irgendwann haben wir uns gegenseitig unsere Sympathie ausgedrückt, worüber ich mich auch gefreut habe. Das ist das erste Mal gewesen, dass hier jemand so was Nettes zu mir gesagt hat, jedenfalls in der Form.

Danach legte ich mich eine Stunde hin, hatte aber das piepende Schwein aktiviert und den festen Vorsatz gefasst, nicht den ganzen Tag im Bett zu vertun. Machte ich dann auch nicht, als das vorlaute Gerät sich dann meldete.

Ich schrieb meinen Blogeintrag fertig, dann hatte ich noch eine Hausarbeit fertig zu schreiben. Zwischendurch schaute ich mal unten in der Lobby vorbei. Da war eine ehemalige Patientin zu Besuch und hockte mit ein paar Mädels in einer Sitzecke. Die hat bis vor kurzem mit an meinem Tisch gesessen, der sich inzwischen aufgelöst hat, weil fast alle nicht mehr da sind. Ich hab mich gefreut und wurde gedrückt.

Achtung, Ingress-Abschnitt
Später ging ich noch zum Supermarkt, was einkaufen. Bei der Gelegenheit konnte ich noch ein Portal hacken und zwei weitere, die nicht all zu weit weg waren, zu unique visits und unique captures verarbeiten. Danach stellte ich fest, dass das erstgenannte Portal womöglich ein homeportal war, jedenfalls war es schon wieder blau. Nachdem ich es wiederholt angriff, wechselte es noch zweimal die Farbe. Insbesondere, weil ich es nach dem Einkauf nochmal zurück zur richtigen Farbe holte… (es ist bestimmt längst wieder blau).

Ich kaufte Schokolade und paar Getränke. Auch wenn der Kaffee lecker ist, immer nur Kaffee, Tee und Wasser ist schon manchmal etwas langweilig. Außerdem musste ich einen großen Schein mal kleinkriegen. Dann machte ich mich auf den Rückweg. Der Supermarkt ist definitiv weiter weg als der Kreisel, und an dieser Hauptstraße ohne Bürgersteig entlang zu latschen nervt schon.

Einkäufe

Mal was anderes zu trinken… und alles brav mit Etiketten mit Name, Zimmernummer und Abreisedatum für den Patientenkühlschrank versehen, so wie wir es den Neuankömmlingen als Patientensprecher immer vorgebetet haben.

Ich hatte auch durch das kleine Ingress-Intermezzo mehr Zeit als gedacht gebraucht und war deutlich nach 18:00 Uhr wieder in der Klinik, aber es reichte noch für das Abendessen.

Tja, und das war dann auch schon dieser wenig ereignisreiche Tag in der Klinik. Keine explodierenden Kannen, keine Therapeutinnen, die an meinem Gluteus Maximus herumfummeln… Achja, ich öffnete das Ü-Ei aus dem „Schafseher“-Eierbecher, den meine Schwester mir zu Ostern geschickt hat. Darin befand sich ausgerechnet eine Art „Schlumpfigel“.

Schlumpfigel

Da öffnet man arglos sein Ü-Ei, und dann… Arrrgh! Ich postete das Foto hier auch in meinem hiesigen Ingress-Hangout, und Nadine aus der Enlightened-Community hier fand es „trotzdem putzig“.

Ich schrieb meine Hausarbeit zu Ende, chattet wie so oft mit einer Freundin aus dem Chor, und dann schrieb ich dies hier. Und das war es. Was ich morgen mache, weiß ich noch nicht genau. Das Wetter soll besser werden. Entweder, ich fahre normal zocken in Elberfeld, mache doch mal wieder was mit anderen Patienten, oder ich fahre nach Köln oder D-Dorf. Alles denkbar.

Bis morgen.

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Tag 31 – Physioschmerzen

Ich hatte um 07:30 Uhr Frühsport, daher piepte der Wetter um 07:10 Uhr. Nach dem Frühsport Frühstück. Keine besonderen Vorkömmnisse. Naja. Der Frühsport war bei der sehr durchtrainierten Frau mit dem indischen Touch. Und die machte mit uns andere Sachen, als ich bisher gemacht habe. So Bewegungen wie die „Tassenübung“, die, wenn man sie gut ausführt, sehr elegant aussieht und an die „Trockenübungen“ asiatischer Schwertkämpfer gemahnt, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Ungefähr so wie in dem untenstehenden Video, wir haben das stehend und nur mit einer Hand zur Zeit gemacht (und ohne Bälle).

Um 09:30 Uhr hatte ich Einzel-Physio bei der Therapeutin, die mich beim Walken aus dem Verkehr gezogen hat. Die mit dem exotischen Touch und dem durchtrainierten Körper, der Männerblicke anzieht wie ein Magnet Eisenfeilspähne. Aber: Die Therapeutin, bei der ich bisher Einzel-Physio hatte, hatte mir am Vortag gesagt, dass ich eine Viertelstunde eher kommen sollte und dann wieder bei ihr hätte. So wir wir das letztes Mal auch schon umgeplant hatten.

Soweit die Theorie. Ich kam in den Sportbereich, da ärgerte sich bereits eine Mit-Patientin, dass sie bereits seit 12 Minuten auf ihren Therapeuten wartete. Es stellte sich heraus, dass der Plan geändert worden war und die andere Patientin bei der Therapeutin behandelt werden sollte, die ich erwartete. Das hatte die verpennt und nahm sich jetzt der anderen Mit-Patientin an. Ich musste nun noch 10 Minuten warten und bekam dann doch meine Einzel-Physio bei der indisch anmutenden Dame. Die von einem Mit-Patientin mit einem Ausdruck belegt wird, den ich entweder für Munition von Projektilwaffen oder ein Stockwerk eines mehrstöckigen Gebäudes verwende. Nicht Etage, das andere.

Okay, zweimal also bei Therapeutin A, nun bei Therapeutin B. Und zwar nur, weil Therapeutin A einen Termin verpennt hatte. Die durchtrainierte, junge Dame machte nicht viel Federlesen mit mir. Zuerst stellte sie fest, dass mein linkes Bein kürzer sei als das rechte. Das hat mir bisher auch noch kein Orthopäde gesagt. Dann legte sie mich flach und begann, mir Schmerzen zuzufügen… Also, sie faltete meine Beine nacheinander mit viel Kraft zusammen in die Kniebeuge und meinte, ich solle die Schmerzen wegatmen. Aua! Dann begann sie sich mit meinem Hintern auseinanderzusetzen und meinte, sie käme nicht unter meinen Gluteus Maximus. Wat für’n Ding!? Ich fragte, ob das ein Nerv oder ein Muskel sei, weil ich zu argwöhnen begann, dass sie mir im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven gehen wollte. Nein, dass sei der große Gesäßmuskel, und fügte (womöglich augenzwinkernd, das konnte ich nicht sehen) hinzu, der gäbe dem Hintern die Form. Sie wollte an meinen Gluteus Minimus oder Medicus, kam aber nicht dran. Der Gluteus Maximus ist der größte Muskel, den wir haben, und der ist wörtlich genommen für’n Arsch.

Wie auch immer, sie drückte schon an ein paar Stellen herum, an denen es weh tat. Irgendwann sagte ich ihr, falls sie mal keine Lust mehr auf ihren Job hier hätte, Kim Jong-Un hätte bestimmt Verwendung für sie, oder in Guantanamo Bay könne sie sich auch bewerben. Sie meinte, bisher sei es recht nett mit mir gewesen, ich solle mich vorsehen. Hm. Oder sonst? Fängt sie dann erst an, mir richtig weh zu tun? Uh-oh… lieber nicht… Ich war dann schnell ganz brav.

Die Therapeutin sagte dann ein paar seltsame Sachen. Ich hätte kurze Muskelstränge, was dazu führte, dass ich, selbst wenn ich nicht trainiere, eine ausgeprägte Muskulatur hätte. Daher sei ich von der Anatomie her eher der Krafttyp als der Ausdauertyp. Aber damit ist nicht gemeint, ich solle Kraftsport anstelle von Ausdauersport machen, im Gegenteil. Sie meinte, ich solle Kraftsport eher meiden, um die natürlich Ausprägung nicht noch mehr zu fördern. Und ich solle Ausdauersport mit möglichst wenig Kraftaufwand betreiben, also nicht unbedingt mit einem Rad Berge hochfahren. Ich sagte ihr, dass ich – wenn ich mein Ergometer nutze, was ich bestimmt mehr als ein Jahr lang nicht gemacht habe, vorher aber schon recht intensiv – ein Programm fahre, bei dem im Wechsel 2 Minuten bei 100 Watt und eine Minute bei 200 Watt trainiert wird. Sie meinte, ich solle bei 50 Watt trainieren. Uff. Daran müsste ich mich gewöhnen. Das fordert mich ja irgendwie wenig. Sie meinte, Radsport wäre auch nicht unbedingt das richtige für mich. Ich fragte, was ich denn ihrer Meinung nach machen solle. Sie meinte, ich solle Inliner fahren. Nun denn. Ich bin geneigt, das auszuprobieren. Auf meine Frage, ob ich lieber den Aufzug nehmen sollte, als die Treppen zu steigen meinte sie, ja, wäre besser. Das missfällt mir irgendwie auch, aber ich versuche es. Versuchen in dem Sinne, dass ich manchmal hier zu spät merke, dass ich die Treppe schon genommen habe… die Gewohnheit eben.

Aber was mich echt nervt: Sie meinte, die Übungen, die mir zuvor von der anderen Therapeutin gezeugt worden sind, und auch die, die von anderen Sporttherapeuten propagiert werden, seien besser zu vermeiden. Arrrrgh! Was denn nun? Ich diskutierte ein wenig mit ihr, dass ich jetzt echt nicht wüsste, was ich denn machen solle, ob die sich nicht mal mit ihren Kollegen absprechen könne. Nein, könne sie nicht, und daher sei es ja auch besser, durchgängig bei derselben Therapeutin die Physio zu haben. Na, vielen Dank! Ich komme mir langsam vor wie ein Spielball der therapeutischen Konzepte. Zuletzt meinte sie dann, ich solle eben selber schauen, was mir gut tut. Das finde ich schwer. Denn manches, was uns erst weh tut, ist langfristig gut für uns. Und umgekehrt kann man sich während des Sportes auch gut fühlen, hinterher aber Schmerzen haben. Oder man macht den richtigen Sport, aber die Bewegungen falsch. Anders gesagt: Ich fühle mich irgendwie selber einfach nicht kompetent, das wirklich zu beurteilen.

Später am Tag sollte mir das Thema noch richtig auf den Keks gehen…

Aber erstmal war Gruppensitzung angesagt. Ich kam zwölf Minuten zu spät und erwähnte, ich hätte bis gerade Einzel-Physio bei Therapeutin B gehabt, was so manches Grinsen erzeugte. Unsere Bezugtherapeutin wurde von dem Oberarzt vertreten, der das schon überwiegend in der ersten Urlaubswoche der Therapeutin gemacht hatte. „Geschlossene Psychatrie“ scheint sein Lieblingsthema zu sein, er sprach schon wieder darüber. Kurze Zeit später waren wir dann beim Thema „Suizid“, und natürlich war oder ist das bei vielen hier irgendwann mal ein mehr oder weniger akutes Thema. Es war anstrengend und aufwühlend, es flossen Tränen. Irgendwie waren wir schlecht vorbereitet und hatten keine Taschentücher am Start – normalerweise steht da aber auch immer eine Packung. Ich besorgte schnell welche aus meinem Zimmer. Im Nachhinein frage ich mich, ob mich die Sitzung unter der Oberfläche vielleicht mehr mitgenommen hat, als ich erst gemerkt habe.

Nach der Sitzung war um 12:00 Uhr der Termin bei der Verwaltungsdirektorin, den ich zusammen mit einer der drei Mit-Patientensprecherinnen wahr nahm. Die Klinikchefin war ganz gut gelaunt und besprach mit uns die Anforderungen aus dem Kummerkasten. Ich notierte ihre Statements zu Raucherecke, Gartenmöbel, dem Wunsch nach Boxsäcken, einem drittem Patientenkühlschrank an der Teeküche etc. Anschließend zeigte sie uns eine Teekanne, in die jemand einen Golfball gesteckt hatte. Golfbälle liegen natürlich hier draußen überall am Wegesrand herum, weil unsere Walking-Strecken quer durch die Golfbahnen führen. Leider bekommt man den Ball nicht so einfach aus der Kanne heraus, wie er wohl hineingekommen ist – nämlich gar nicht. Ergo kann man die Kanne wegschmeißen, und es muss eine neue gekauft werden. Die Verwaltungsdirektorin zeigte mir das nur als ein Beispiel für Dinge, die hier beschädigt oder gestohlen würden, und gleichzeitig werden immer wieder Dinge von den Patienten gewünscht, die auch Geld kosten.

Ich verstehe, dass sie solche Gedankenlosigkeiten sauer machen. Mir geht es auch auf den Keks, weil für Vandalismus – und der Golfball in der Kanne ist nichts anderes – bezahlen wir alle. Daher nahm ich die unbrauchbare Kanne an mich, um das Thema beim Patientenforum anzusprechen. Danach hatten meine Sprecher-Kollegin und ich noch eine halbe Stunde zum Mittagessen. Es gab paniertes Seelachsfilet mit Kartoffeln und Gemüse.

Nach dem Mittagessen und vor dem Patientenforum stand ich mit einer jungen Dame aus meiner Gruppe in der Lobby, und ich hatte die Kanne mit dem Golfball in der Hand. Ich hatte schon versucht, den Ball irgendwie herauszubekommen, weil ich es peinlich gefunden hätte, wegen der Sache vor versammelter Mannschaft Zeter und Mordio zu schreien, und dann kullert das Ding auf einmal ganz locker aus der Kanne… es ging aber nicht. Und so stand ich mit der Frau da, erklärte ihr das Kannenproblem und ließ den Ball dabei geräuschvoll in der Kanne umherkullern. Plötzlich gab es einen Knall laut wie ein Pistolenschuss, und die Isolation in der Kanne zerbarst in viele Splitter, von denen einige wenige aus der Kanne herausflogen und zum Glück keinen weiteren Schaden anrichteten. Aber da haben sich einige wohl ganz schön erschrocken, nicht zuletzt die arme Frau aus meiner Gruppe, die ja direkt vor mir stand. Ich eigentlich nicht, aus irgendeinem Grund bin ich nicht sehr schreckhaft.

Anschließend begann das Patientenforum. Die Sprecher-Kollegin, die mit mir bei der Verwaltungsdirektorin gewesen war, moderierten die Veranstaltung. Ich begrüßte die Patienten und die Repräsentanten des Personals. Meine Kollegin begrüßte die Neuankömmlinge und verabschiedete die in der kommenden Woche die Klinik verlassenden Patienten. Da wurde noch ein Gedicht vorgetragen. Die zwei Mit-Patienten, die sich schon zuvor als mögliche Patientensprecher („wenn es niemand anderes machen möchte“) angemeldet hatten, wurden als neue Patientensprecher angemeldet. Leider vergaß ich, sie nach vorne zu bitten, wie sich das eigentlich gehört. Gemeinsam mit der Sprecher-Kollegin sprach ich über die Anliegen aus dem Kummerkasten. Sie las die Anliegen vor und ich die Statements der Klinikleitung. Und das war es dann auch schon wieder.

Nach dem Forum hatte ich noch ein paar Minuten Zeit und ging vor die Tür an die Sonne. Da trag ich einen Mit-Patienten, mit dem ich zuvor nie geredet hatte und der mich fragte, ob er Kritik äußern dürfe. Ich bejahte das, und er steckte mir, dass ich zu ausschweifend redete. Er war wohl beruflich mit dieser Materie befasst und würde öfter Telefonkonferenzen leiten, bei denen er darauf achten müsse, dass sich alle Beteiligten kurz fassten. Er hatte wohl auch schon einige Seminare zu dem Thema besucht und gab mir ansonsten auch den Tipp, einfach zwischendurch auch mal ein paar Sekunden einfach zu schweigen. Ich blieb freundlich und bedankte mich für das Feedback. Schließlich weiß ich nur zu gut, dass er Recht hatte. Egal ob mit dem gesprochenen oder mit dem geschriebenen Wort, es ist nicht meins, mich kurz zu fassen, siehe hier in diesem Blog.

Aber es hilft mir leider nicht weiter, denn es reicht ja nicht, das zu wissen. Man kann nicht einfach einen Knopf im Kopf umlegen und dann, „Achja, ich fass mich mal kurz, schaffe es aber trotzdem, die Information, die wichtig ist, zu vermitteln. Und zuvor schaffe ich es ad hoc, wichtiges von unwichtigem sicher zu differenzieren. Kein Problem.“ Haken dran.

Eben nicht! Das muss man trainieren, das geht genauso wenig wie zu sagen, „Achso, ich habe also Depressionen, gut zu wissen. Na, dann lasse ich das doch einfach mal. Ist ja auch blöd, immer so jähzornig zu sein.“ Wäre also Punkt… was weiß ich auf meiner To-do-Liste. Seufz.

Hier in der Klinik kriegt man teilweise schneller, unverblümter und direkter Feedback (was eben auch bedeuten Kritik bedeuten kann) als „draußen“, außerhalb dieser Käseglocke Klinik. Einerseits ist das gut, denn wenn man Kritikfähig ist, kann man ja etwas damit anfangen. Aber es kann auch gefährlich sein. Schließlich sind wir hier meistens mit Depressionen, Ängsten oder Schmerzen belastet. Wenn jemand das Pech hat, mehrere Tag hintereinander von verschiedenen Leuten unschöne Sachen aufs Brot geschmiert zu bekommen, dann kann das auch mal ganz schön niederschmetternd sein. Und selbst wenn jemand vorher fragt, ob es okay ist, dass man ehrlich Feedback/Kritik äußert, alleine die Tatsache, dass jemand nachfragt, sagt einem ja schon, dass man irgendwas hätte besser machen können. Schwierig, finde ich.

Auf der anderen Seite ist auch dieses „Niedergeschmettert“ sein manchmal gerade hilfreich. Manchmal muss man erst ganz am Boden sein, um den Weg nach oben wieder einzuschlagen. Zum Teil beobachte ich, dass Mit-Patienten gerade dann Fortschritte machten, wenn sie mutig mit ihren Problemen umgegangen sind und geweint haben.

Ich musste dann, mit dem Feedback im Hinterkopf, etwas unzufrieden mit mir selbst, zu Sport und Bewegung. Und da hatte ich dann zunehmend den Kaffee erst recht auf. Denn die Übungen machten mir keinen Spaß und gingen mir ziemlich auf den Keks. Ich ging zwischenzeitlich kurz an die frische Luft, in der Hoffnung, meine sich aufbauende Aggression in den Griff zu bekommen. Es half nichts. Als wir dann auch noch mit Übungen begannen, von der „Therapeutin B“ meinte, „das geht gar nicht“, hatte ich endgültig die Schnauze voll, schnappte mir mein Handtuch und verließ kommentarlos den Turnsaal.

Nun, die Therapiedisziplin ist unterschiedlich. Ich habe bisher nichts geschwänzt und bin nicht so oft zu spät gekommen. Andere lassen sich irgendwie entschuldigen und fehlen mal unentschuldigt, ich bin hier eigentlich sehr brav und regelkonform unterwegs. Aber ich war schon zu sehr „im roten Bereich“, um noch mit irgendwem zu sprechen, aber noch nicht so sehr, als dass ich vor Ort ausgerastet bin. Also nur raus aus der Situation. Und ich hatte hinterher kein schlechtes Gewissen, sondern war sogar noch recht zufrieden, dass ich immerhin das geschafft hatte, so frei zu sein, abzuhauen anstatt auszurasten.

Frisch geduscht ging ich in die Lobby und nahm eine frische Waffel mit Vanilleeis und einen Kaffee von Dallucci zu mir. Danach begegnete mir die Sporttherapeutin und sprach noch mit mir. Die hätte es vorgezogen, dass ich vorher mit ihr gesprochen hätte, ich hätte ja die Übungen nur leicht und nicht bis zur Schmerzgrenze machen können. Aber das ist genau das Problem: Therapeutin B meint, ich solle diese Übungen ÜBERHAUPT NICHT machen, die anderen Therapeuten sind der Ansicht, ich könne sie halt auf niedrigem Niveau mitmachen. Und mir geht dieses Hin und Her einfach gehörig auf den Knispel. Da geht man sowieso schon denkbar unmotiviert in Sporteinheiten, bei denen sowas wie Bodenturnen auf dem Programm stehen könnte, und dann weiß man noch nicht mal sicher, ob einem das nun gut tun wird oder eher das Gegenteil der Fall ist. Das gehört bestimmt nicht zu den Dingen, die ich vermisse werde, wenn ich hier durch bin!

Um 15:30 Uhr startete die letzte Anwendung des Tages, MAT (mentales Aktivierungstraining). Wir taten uns in 2er-Teams zusammen und bekamen Filmdosen mit Buchstaben-Plättchen darin, die zusammen jeweils komplett ein sinnvolles Wort ergaben, welches man zusammenzupuzzlen hatte. Es gab kleine Wörter aus wenigen Buchstaben (wie ANANAS), aber auch Wortkomposita aus vielen Buchstaben. Ich dachte, es würde mir vielleicht leichtfallen, weil ich ja einiges an Scrabble- und Topwords-Erfahrung habe. Aber mein Partner und ich taten uns schwer mit dem ersten Wort. Wir ließen uns Hints von der Ergo-Therapeutin geben, sowohl den einen nach dem Anfangsbuchstaben, als auch noch einen zweiten, es handle sich um ein Hobby. Schließlich hatten wir FOTOGRAFIE zusammen. Das zweite, SUPPENSCHUESSEL, lief etwas flüssiger. Es ist halt auch Glücksache, wenn man am Anfang gleich zufällig was legt, was passt, dann läuft der Rest von selbst. Ich hatte zuerst SCHULESSENSUPPE gelegt, was ein Anagramm von Suppenschuessel ist, aber das war nicht das gesuchte Wort. Wie auch immer, es war nicht einfach, aber ganz witzig.

Aber trotzdem hatte ich genug für heute. Die Sonne schien, und ich verspürte wieder Anzeichen von Klinikkoller. Also schnell ein Tagesticket gekauft, Jacke und Zusatzakku aus dem Zimmer geholt, und ab in die Innenstadt.

In Elberfeld ging ich erst mal ein Eis essen. Ich beschloss, genießen zu üben, und die Ingress-Portale in Reichweite eine Weile nicht zu hacken. Es war erst sehr genussvoll. Als ich mehr als die Hälfte des Spaghettieises langsam und mit geschlossenen Augen gegessen hatte, fuhr ich das auf normalen Konsum runter, weil ich befürchtete, dass ich das Eis sonst nicht zu ende essen würde vor lauter Geschmacksflash… Es war schon lecker, obwohl ich auf den Eierlikör verzichtet hatte, der normalerweise zu diesem Eis gehört.

Deweerthscher Garten

Blick über den Deweerthschen Garten mit dem Turm der Sophienkirche

Achtung, Ingress-Abschnitt
Danach zog ich bis zum Luisenviertel, bis hinter die Sophienkirche. Zunächst sah es in Elberfeld danach aus, als gäbe es keine blauen 8er-Portale, aber das war nur in der unmittelbaren Einkaufszone der Fall. Richtung Luisenviertel gab es zig 8er, so dass ich, was wieder mal mein Ziel war, tonnenweise Glyph-Hack-Points sammeln konnte. Mein Ziel, die 30.000 GHP zu knacken, hatte ich auch bald erreicht. Natürlich hatte ich immer wieder Probleme mit dem Itemlimit, und als ich nichts Entberliches mehr recyclen konnte, warf ich mit 6er- und 7er-Burstern um mich und bombte ein paar grüne Flecken in die blaue Fläche von Elberfeld.

Langsam wurde es Zeit zum Abendessen. Ich hätte gerne beim Café Extrablatt, die reichlich Stühle rausgestellt hatten, gegessen. Aber nachdem ich da – nicht mal allzu lange – gesessen hatte, beschloss ich, lieber eine schnellere Variante von Abendessen zu nehmen, weil ich möglich noch viel spielen wollte, und ging zu McDonald’s. Hier waren leider auch ziemliche Schlangen vor den Kassen, aber dann bekam ich mein Royal TS Menü.

Anschließend stand mir der Sinn eher danach, ein bisschen mehr blaue Fläche einzugrünen, das sagte mir auch mein Inventar. Ich hatte auch keine Lust, mit Itemlimit wieder zurück nach Oberbarmen zu fahren. Es gab diesmal erstaunlich wenig Gegenwehr der Schlümpfe, obwohl das Wetter doch fantastisch war. Ich lief im T-Shirt rum, und dafür war es nicht zu kalt. Ich grünte den Platz vor dem Rathaus ein und dann die Strecke bis zur Schwebebahnstation. Einiges war lt. der Kollegen auf dem Hangout sogar am nächsten Morgen noch grün.

Schließlich nahm ich nach 21 Uhr die Schwebebahn zurück nach Oberbarmen-Bahnhof, wo ich nur acht Minuten auf die 602 warten musste. Ich war dann trotzdem erst kurz nach 22 Uhr wieder in meinem Zimmer.

Ich holte nur noch Wasser und chattete via Skype mit einer Freundin daheim. Aber ich hatte keine Lust mehr, zu bloggen, das habe ich alle erst am Samstag geschrieben.

Und das war es dann auch, es ging ab ins Bett.

Ingress-Stats:

Translator Trekker Explorer Pioneer Builder Purifier
letzter Stand 28.761 1.904 km 2.833 1.699 72.022 52.968
Jetzt 31.001 1.928 km 2.894 1.724 72.702 53.585
Delta 2.240 24 km 61 25 680 553

Anmerkung:

Obige Stats sind nicht das reine Ergebnis des Trips oben genannten Trips nach Elberfeld. Da steckt auch der Ostertrip zu meinen Verwandten im Sauerland und so ein bisschen „hier und da“ (Sojourner-Spaziergänge) mit drin…

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Tag 30 – Sag mir, wer ich bin!

Der Wecker, das blöde Schwein, weckt mich um 07:40 Uhr. Sportklamotten, Frühstück, Ihr kennt das ja mittlerweile. 08:30 Uhr war ein Gesundheitsvortrag angesagt. Leider war das dann nicht, wie auf dem Plan stand, Thema „Motivation“ (hätte meine Bezugstherapeutin gehalten, aber die ist diese Woche ja noch im Urlaub), sondern bei einer Dame vom Sozialdienst das Thema „Versorgungssysteme in Deutschland“ oder so ähnlich. Ich sah gleich an der ersten Folie, dass ich den Vortrag schon gehört habe.

Mir war nicht danach, wieder ins Bett zu gehen, also gönnte ich mir einen Tee und arbeitete an einer Hausaufgabe weiter. Viel Schreibkram, den ich langsam mal zu einem Ende führen muss.

Der nächste Termin war um 09:30 Uhr Visite bei meiner Ärztin. Wir kauten meinen Physio-Kram bzgl. Hüfte und Knie nochmal durch. Ich sagte ihr, dass ich beim Treppe hoch steigen Beschwerden hätte, und sie gab mir einen Tipp mit, wie ich mich bewegen solle, ich sollte das aber noch mal mit meiner Sporttherapeutin besprechen, insbesondere, ob ich vielleicht lieber Aufzüge verwenden sollte. Normalerweise vermeide ich das, weil ich die Bewegung mitnehmen möchte. Wir würden uns um 14:30 Uhr zum therapeutischen Einzelgespräch wiedersehen und besprachen, dass wir uns mit dem Thema „ADHS“ auseinandersetzen würden. Außerdem brachte ich zur Sprache, dass ich mir eine Verlängerung wünschen würde, insbesondere vor dem Hintergrund, dass meine Bezugstherapeutin während meiner Zeit hier zwei Wochen im Urlaub war und es daher kaum einen therapeutischen, roten Faden gab. Die Ärztin sagte, sie würde das aufnehmen und mich auf die Liste setzen, aber wahrscheinlich würde es nicht klappen, weil das Haus voll sei. Aber es wird auf jeden Fall besprochen, und es hängt halt u.a. davon ab, wer noch eine Verlängerung bekommen soll etc. Kommende Woche ist ja meine Bezugstherapeutin wieder da, die frage ich dann auch nach ihrer Meinung, und vielleicht weiß ich dann mehr.

Ich hatte anschließend knapp anderthalb Stunden Zeit. Das Wetter war ausnahmsweise der Hammer, blauer Himmel, Sonnenschein, sogar recht warm. Daher machte ich einen spontanen Sojourner-Spaziergang zum Kreisel.

Elektroschrott

Unverhofft stieß ich auf dem Weg zum Kreisel an einem Container, in dem man Elektrogeräte entsorgen kann, dieses Technikmuseum. Es sieht mir eigentlich nach einem uralten Oszilloskop aus, obwohl die Beschriftung der Schalter mir nicht bekannt vorkommt. Ist lange her, dass ich so ein Ding mal (in modern) benutzt habe…

Danach musste ich noch mein Handtuch aus dem Zimmer holen und kam fünf Minuten zu spät zum Fitnesstraining. Naja, ich war nicht mal der letzte… Jedenfalls schaffte ich deswegen nicht zwei volle Zirkel.

Anschließend gab es Mittagessen. Ich hatte mich eigentlich für einen Entlastungstag eingetragen (mit Obst und Reis, weiß auch nicht, was mich da geritten hat). Aber als ich das alternative Essen nirgendwo sah, nahm ich dann doch, wie ich zu meiner Schande hiermit gestehe, den Hackfleischauflauf und Apfelquark…

Da ich schnell und pünktlich zu Mittag gegessen hatte, hatte ich danach noch eine knappe Stunde Zeit für einen Mittagsschlaf.

Danach hatte ich 13:30 Uhr Walking. Ich ging wieder mit der schnellen Gruppe, diesmal eine Strecke, die ich noch nicht kannte. Es gibt hier, wie ich wahrscheinlich schon erwähnte, eine ehemalige Eisenbahntrasse, die asphaltiert zum Fahrradfahren, joggen, walken, etc. genutzt werden kann. Diese führt auch durch den über 700 Meter langen Scheetunnel. Eigentlich sind es zwei parallele Tunnel, der andere ist gegenwärtig nicht zugänglich, um die Fledermäuse, die dort nisten, nicht zu stören. Unser Sporttherapeut, der aus Wuppertal kommt, erzählte, dass während des zweiten Weltkriegs in den Tunnels mit Zwangsarbeit Flugzeugteile für Messerschmidt hergestellt wurden. Lt. Wikipedia für das erste in Serie gebaute Flugzeug mit Strahltriebwerken überhaupt, die Me 262. Nach dem Tunnel gingen wir weiter auf der Trasse, an beiden Seiten murmelte ein Bächlein, und es war einfach grandios bei dem Wetter.

Gegen 14:15 Uhr kamen wir wieder an der Klinik an, ich hatte gut geschwitzt. Eigentlich hatte ich nicht genügend Zeit, aber ich wollte lieber zu spät als so verschwitzt zum Einzelgespräch mit meiner Ärztin gehen, also duschte ich schnell und zog frische Klamotten an.

Das Einzelgepräch empfand ich leider als nicht sehr produktiv, und ich zügelte mich sehr, um mir meinen Unmut darüber nicht anmerken zu lassen. Meine Ärztin hier ist Allgemeinmedizinerin, aber auch ausgebildete Psychotherapeutin. Allerdings in der Fachrichtung Tiefenpsychologie, meine Bezugstherapeutin ist Verhaltenstherapeutin. Und so ein Durcheinander bringt es einfach nicht, d.h. es gibt keinen „roten Faden“. Das weiß die Ärztin auch. Wir hatten ja abgesprochen, dass wir über ADHS sprechen wollten, daraufhin suchte sie hier nach Material, fand keins und hat dann ein paar Seiten aus dem Internet ausgedruckt, die wir dann oberflächlich durchgingen. Nun ja, sowas kann ich auch zur Not alleine machen, wie gesagt, irgendwie empfand ich das für eine der seltenen, wertvollen Einzelgespräche hier eher als wenig tollen Notnagel. Es ging halt um Symptome, die die Ärztin abfragte, und danach kann es gut sein, dass ich das als Kind hatte und vielleicht auch noch immer habe. Sie meinte, ich hätte inzwischen gute Strategien entwickelt, um damit trotzdem einigermaßen im Leben klarzukommen. Wie auch immer, was ich aus diesem Termin mitnehmen kann: Vielleicht lasse ich mich mal darauf testen. Die Ärztin meinte aber, bei mir wäre wohl eine Behandlung, etwa medikamentös (z.B. mit Ritalin) übertrieben.

Unmittelbar anschließend (seit dem Walking ging alles Schlag auf Schlag ohne Pause) hatte ich mit der Gruppe Gestaltungstherapie. Hurra. Darauf hatten viele (vielleicht gar alle) nicht all zu viel Lust. Ich auch nicht. Aber wir waren da etwas voreilig, viele von uns beurteilten im Nachhinein die Einheit als ausgesprochen sinnvoll und interessant. Die Aufgabe lautete: Gestalten Sie Ihr Selbstbild (Zeichnen, Schreiben, Collage – wie sieht man sich selbst, was macht mich aus). Anschließend war der Zettel zu falten und mit Namen zu versehen. Dann gaben alle ihre Zettel zum rechten Nachbarn weiter. Auf den Zettel, den man jetzt vor sich hatte, sollte man die Eigenschaften desjenigen, deren Namen der Zettel trug, schreiben. Da die Zettel gefaltet waren, konnte man die Selbstbilder ja nicht sehen. Man hatte jeweils eine Minute Zeit, dann gingen die Zettel wieder eine Station weiter. Und das Ganze so lange, bis die Zettel einmal im Kreis herumgegangen waren und man wieder seinen eigenen Zettel hatte.

Danach sollte man das von den anderen erstellte Fremdbild (aus deren Fremdwahrnehmung) mit seinem Selbstbild vergleichen. In meinem Falle deckten sich die von mir eingeschätzten, positiven Eigenschaften ganz gut mit denen aus der Gruppenwahrnehmung. Naja, da stand tatsächlich zweimal „Selbstbewusstsein“, und das würde ich bei mir nicht so sehen, dann bin ich allenfalls ein guter Schauspieler. Aber offenbar gibt es doch Situationen, in denen ich so wirke. Es gab auch ein paar negative Sachen, die ich nicht so auf dem Schirm hatte, aber zum Glück nicht viele. Wie auch immer, ich mag nicht so sehr ins Detail gehen, ist ja sehr persönlich. Auf jeden Fall war das für einige sehr bewegend, eine Person aus der Gruppe war ziemlich aufgewühlt, wenn auch – glaube ich – im positiven Sinne. Die hat, glaube ich, ein ziemlich gutes „Zeugnis“ von der Gruppe bekommen. Das ist eine sehr liebevolle Person, die immer da ist und tröstet, wenn irgendwo mal Tränen fließen, was hier immer mal vorkommt. Ich selbst fand es schon interessant, auf jeden Fall konnte ich unter dem Strich mit dem Fremdbild ganz gut leben, auch wenn mir einiges nicht gefallen hat.

Nach der Einheit saß ich noch mit zwei Leuten aus der Gruppe eine ganze Weile zusammen in der Lobby, und wir redeten über die Einheit in der Gestaltungstherapie. Dabei erhielt ich auch ein persönliches Feedback von jemandem aus meiner Gruppe, was ich ganz gut fand, weil das vielleicht so ne Sache ist, an der ich mal mit meiner Bezugstherapeutin ansetzen kann.

Um 19:30 Uhr stand die Patientenführung an, aber es war unmittelbar nach der Gestaltungstherapie erst 16:30 Uhr. Wir hockten eine ganze Weile bei Kaffee vom Dallucci in der Lobby. Später wollten diverse Leute in der Aal-Kate Fisch oder Sushi essen gehen. Ich hatte auch Lust, mitzukommen, aber nur, wenn ich das rechtzeitig vor der Patientenführung schaffen würde. Das ist ja immer so ne Sache, bis die ganze Bande bereit am Start ist. Wir gingen bzw. fuhren dann auch so ein bisschen grüppchenweise los, ich tigerte mit meiner Mit-Patientensprecherin aus Rostock zu Fuß zur Aal-Kate, während ein paar andere später mit dem Auto losfuhren.

Aal-Kate

Die Aal-Kate mit einer künsterlischen Darstellung der Wupper, der Schwebebahn und ein paar Fischen. Ich weiß nicht, wie es mit den Fischen aussieht, aber Wupper und Schwebebahn sind ein wenig idealisiert dargestellt…

Ich nahm das Tagesangebot, verschiedenen Räucherfisch mit Rührei und Bratkartoffeln, und ein Malzbier. Es war sehr lecker. Meine Mit-Patientensprecherin und ich machten uns dann rechtzeitig wieder zu Fuß auf die Socken zurück zur Klinik.

Wir kamen rechtzeitig an. Aber 19:30 Uhr verstrich, weit und breit keine Neuankömmlinge. Wir sprachen dann zwei Damen, die wir nicht kannten, in der Raucherecke an, und es waren tatsächlich Neuankömmlinge, die hatten den Termin nicht auf dem Therapieplan stehen. Es fehlte noch ein dritter Neuankömmling, der dann aber auch noch auftauchte. Alle drei waren wenig motiviert, die waren von der Anreise platt und wollten eigentlich lieber auf ihre Zimmer. Aber nach ein wenig hin und her scheuchten wir die doch noch ein bisschen im Schnelldurchlauf durch die Klinik, es ist einfach doof, wenn die morgen keinen einzigen Raum finden, der auf deren Therapieplänen steht.

Anschließend hatte ich Feierabend und ging auf mein Zimmer, um zu bloggen. Irgendwann wollte ich Wasser holen, und mir fiel wieder ein, dass ein paar Leute eigentlich einen „Metal-Abend“ im „Pub“ machen wollten. Will heißen, man wollte dort einfach mal laute, harte Musik hören. Also ließ ich die Flaschen auf dem Tresen der Rezeption stehen und ging durch den Tunnel (nicht den oben erwähnten Scheetunnel natürlich, sondern durch den Tunnel, der Haus 3 mit dem abseits stehenden Haus 4 verbindet) zum Pub. Hier war die freche Rostockerin, die gerade Billardkugeln in Stellung brachte und mit ihrem Freund telefonierte. Sie erwartete offenbar noch ein paar Leute. Schließlich beendete sie ihr Telefonat, und wir begannen zu spielen, danach kamen noch meine beiden anderen „Lieblingsmädels“ dazu, dann auch noch zwei ebenfalls geschätzte Kerls aus meiner Gruppe. Ich spielte zwei Runden Kicker gegen eins von den Mädels und eine Runde Billard gegen einen meiner Gruppenkollegen. Der „Metal-Abend“ fiel aber irgendwie aus, es gab nur Musik aus dem Handy, und das war kein Metall.

Danach zog ich mich dann wieder auf mein Zimmer zurück, um den Beitrag hier fertig zu schreiben. Und das war es auch für heute.

Mein Therapieplan für morgen:

07:30 Uhr – Frühsport

09:15 Uhr – Einzel-Physio

10:00 Uhr – Therapiegruppe

12:00 Uhr – Termin bei Frau Mietzner-Liebmann (Verwaltung)

13:00 Uhr – Patientenforum

14:00 Uhr – Sport+Bewegung

15:30 Uhr – MAT Gruppe (Mentales AktivierungsTraining)

19:00 Uhr – Wochenendplanung

(Die Wochenendplanung werden wir sicherlich innerhalb von 5-10 min. unmittelbar nach der Therapiegruppe legen, nicht so bescheuert um 19 Uhr, dass einem das den Feierabend zerschießt)

Mein Patientensprecher-Amt werde ich wohl morgen dann auch abgeben. Es haben sich (ich meine, ich hätte das erwähnt) ja auch schon zwei Interessierte für die Nachfolge gemeldet. Mal sehen, ob die beiden dazu stehen.

Bis morgen!

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Tag 29 – Stress in Paris und eine selbstgebastelte Piepshow

Ich stand um 7:30 Uhr auf, ging in Sportklamotten frühstücken. Leider war ich ungefähr schon eine Stunde früher wach. Bin nicht sicher, aber vielleicht haben mich die Autos geweckt, die sind auch bei geschlossenem Fenster doch noch deutlich zu hören. Und natürlich piepste der Wecker ungefähr, als ich gerade wieder eindöste. Vielleicht muss ich mir Ohropax besorgen.

Um 08:30 Uhr hatten wir Indi Stress in Raum Paris. Mangels unserer Bezugstherapeutin bei einer Vertretung. Die Therapeutin war mir von einem therapeutischen Einzelgespräch (als meine „eigentliche“ Therapeutin schon mal im Urlaub war) und von zwei Gesundheitsvorträgen her bereits bekannt. Hübsche Frau, und spätestens heute habe ich gemerkt, dass die auch für Ihr Fach richtig brennt. Wahrscheinlich ist sie deswegen auch so gut darin. Ihre Vorträge waren gut, und sie hat auch einen guten Ruf als Bezugstherapeutin.

Sie stellte uns zwei Themen zur Wahl: Das „Vier-Ohren-Modell“ (Kommunikationsmodell, welches jeder Nachricht vier Aspekte und jedem Empfänger „vier Ohren“ für diese Aspekte zuweist) oder die „Biologischen Hintergründe von Stress“ (oder so ähnlich). Nach einigem Hin- und Her entschieden wir uns per Abstimmung erst für das „Vier-Ohren-Modell“, aber da einige das schon kannten, bekamen wir davon nur ein Handout und machten Stress-Bio.

Zuerst sammelten wir körperliche Stressindikatoren wie Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Tunnelblick, Übelkeit/Erbrechen, Durchfall/Verstopfung, Schlafstörungen, Tinnitus etc. Dann skizzierte die Therapeutin die Zusammenhänge im Körper:

Ein äußerer Reiz (gern genommenes Beispiel: Säbelzahntiger) wird wahrgenommen und an den Hypothalamus genannten Teil des Gehirns gemeldet. Diese gibt die Info an die Hypophyse (auch Hirnanhangdrüse genannt) weiter, die lt. Wikipedia eine Art Schnittstelle zwischen Gehirn und Hormonproduktionssystem ist. Über den Sympathikus, einen Teil des vegetativen Nervensystems, werden die Nebennieren angewiesen, die Stresshormone Adrenalin und Cortisol auszuschütten. Adrenalin wirkt sehr schnell, aber nur kurzfristig. Cortisol braucht länger, aber die Wirkung hält länger an. Die Aufgaben dieser Hormone ist, den Körper optimal auf zwei mögliche Reaktionen in einer Gefahrensituation (z.B. Säbelzahntiger) vorzubereiten: Kampf oder Flucht (fight or flight).

Dazu wird alles, was für diese beiden Varianten benötigt wird, hochgefahren, und alles andere runter. Der Herzschlag und Blutdruck werden hochgefahren. Blutgefässe für die Arm- und Beinmuskulatur werden erweitert. Blutgefässe für gerade nicht so dringend benötigte Körperteile werden verengt. Die Atmung fährt hoch, um mehr Sauerstoff für die Muskeln bereitzustellen. Die Leber wandelt eingelagertes Fett in Energie um und schickt eingelagerten Zucker in den Blutkreislauf. Die Darmtätigkeit wird runtergefahren, um Resourcen wie Energie und Sauerstoff einzusparen. Schweiß wird produziert, um den Körper zu kühlen. Wir erfuhren auch, dass wir an den Hand- und Fussflächen Schweiß produzieren, um „mehr Grip“ zu haben, etwa, um barfuss zu laufen oder mit den Händen eine Waffe halten zu können (Stöcke und Steine, bei der Zeit, auf die das wohl zurückgeht). Das Immunsystem fährt ebenfalls hoch, um den Körper auf mögliche Verletzungen vorzubereiten.

Mit anderen Worten: Der Körper wird rapide in absolute Alarm- und Verteidigungsbereitsschaft versetzt, alle Prioritäten werden von „Normalbetrieb“ auf „Ausnahmezustand“ umgestellt. Das wird für viele sicherlich nicht alles neu sein, war es für mich auch nicht, aber ich wusste das nicht so im Detail und finde es schon faszinierend, was da alles so abgeht. In einem plumpen Vergleich ist das ähnlich wie bei einigen Computerspielen, bei denen man einen Weltraumfighter fliegt: Im Kampf kann man bei solchen Spielen teilweise Prioritäten bei der Energieversorgung seines Raumfighters einstellen, beispielsweise mehr Energie auf Waffensysteme und Schilde auf Kosten von anderen Systemen umleiten.

Leider sind diese uralten Mechanismen, die uns seit Menschengedenken in Gefahrensituationen früher und auch heute (wenn es z.B. brennt) beim Überleben helfen, in der modernen Welt auch manchmal dysfunktional. Ein Grund dafür ist, dass nicht nur äußere Reize die oben beschriebenen Mechanismen triggern können, sondern auch innere Reize, Gedanken und Gefühle. Gedanken wie „Hilfe, ich schaffe das nicht!“ wirken auf das Limbische System, welches für unseren „Gefühlshaushalt“ verantwortlich zeichnet. Hier entstehen Gefühle wie Wut oder Angst, die auf den Hypothalamus eine ähnliche Wirkung haben können, wie die Sichtung eines Säbelzahntigers: Die ganze Verteidigungsmaschinerie wird angeworfen. Mit allen Folgen, die ziemlich negativ sein können. Wir können es z.B. gerade überhaupt nicht gebrauchen, übermäßig zu schwitzen. Auch das Runterfahren des Verdauungssystem kann unerwünschte Folgen haben. Viel Stress fördert durch die viele Zuckerausschüttung der Leber das Diabetes-Risiko, der hohe Blutdruck das Risiko von Schlag- und Herzanfällen. Außerdem werden kognitive Hirnfunktionen zugunsten von Verteidigungsautomatismen runtergefahren, das Großhirn hat sozusagen im Notfall nicht „dazwischenzureden“. Das kann bei dysfunktionalem Stress zur völligen Blockade führen. Schlecht für eine Matheprüfung…

Das Immunsystem, welches unter extremem Stress auf maximalem Niveau arbeitet, hat später möglicherweise „sein Pulver verschossen“, etwa den Vorrat an Material zur Produktion von Blutplättchen und anderen Abwehrsubstanzen aufgebraucht. Deswegen werden wir auch gerne krank, wenn der Stress vorbei ist (etwa im Urlaub), weil dann das Immunsystem runterfährt und mit unterdurchschnittlicher Leistung arbeitet, wenn vorher sozusagen „alles was geht“ rausgefeuert wurde.

Allerdings kann auch der durch innere Reize, wie beispielsweise den Gedanken an eine Prüfung auch durchaus funktional sein. Stress ist nicht gleich Stress, es kommt sozusagen auf das Level an. Eine gewisse Anspannung lässt uns bei z.B. Prüfungssituationen wacher und geistig fitter sein. Man spricht ja auch von „positivem Stress“, der uns auch produktiver werden lässt.

Interessant sind bei dysfunktionalem Stress natürlich die Gegenmaßnahmen. Kurz gesagt, natürlich sind das die üblichen, wie bei Depressionen auch: Entspannung und Sport. Deswegen üben wir hier ja auch beides so viel und oft.

Um den Stressaufbau entgegenzuwirken, können Entspannungsübungen wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung helfen. Durch die Entspannung aktiviert man den Parasympathikus. Dieser gehört wie der Sympathikus zum vegetativen Nervensystem, agiert parallel dazu und ist vor allem, wie die Therapeutin sich ausdrückte, dessen „Gegenspieler“. Während der Sympathikus „nach außen gerichtete Aktionsfähigkeit bei tatsächlicher oder gefühlter Belastung erhöht“ (Wikipedia), diene der Parasympathius dem Stoffwechsel, der Erholung und dem Aufbau körpereigener Reserven. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann bewirkt „Funkverkehr“ auf dem einen Nervenstrang eine Reduzierung desselben auf dem anderen, d.h. wenn durch Entspannungsübungen die Parasympathikus-Aktivität angeregt wird, senkt man damit die Sympathikus-Aktivität. Und da die organischen Abläufe bei Stress für den „Verteidigungsfall“ über den Sympathikus ablaufen, werden somit die körperlichen Stress-Symptome vermindert.

Bei akutem Stress hilft, wenn man die Gelegenheit dazu hat, natürlich auch wieder Ausdauersport. Der Körper stellt ja, wie oben beschrieben, zusätzlichen Sauerstoff und Energiereserven z.B. in Form von Zucker bereit. Wenn wir diese Energie aber nicht für den Kampf oder die Flucht nutzen, dann macht uns das unruhig und nervös, und der erhöhte Blutzuckerspiegel erhöht das Diabetes-Risiko. Also ist es, wenn möglich gut, das erhöhte Sauerstoff- und Energieniveau in sportliche Aktivität zu pumpen und so abzubauen. Damit fahren wir alles wieder auf ein normales Niveau zurück, und außerdem setzt nach dem Sport, wenn wir uns ausgepowert haben, normalerweise eine Entspannung ein, die dann wie oben beschrieben den Parasympathikus aktiviert und zusätzlich stressmindernd wirkt.

So, das war ja ein ziemlicher Exkurs, ich hoffe, ich habe das alles richtig verstanden und beschrieben. Zumindest wird deutlich, dass ich gut aufgepasst habe. Wie übrigens die meisten, ich schrieb ja schon, die Frau ist gut. Sie fand all diese Vorgänge sehr spannend und freute sich über das – auch in vielen Fragen geäußerte – rege Interesse aus unserer Gruppe. Sie meinte, so mache das richtig Spaß. Ich glaube, die Frau liebt ihren Job, vielleicht vor allem, anderen etwas zu erklären, und das kann die auch richtig gut.

Nach dem Vortrag hatte ich Zeit, nochmal zu checken, ob meine Matratze noch da ist, anschließend hatte ich um 10:15 Uhr Fitnesstraining. Nix besonderes, wir absolvierten halt zweimal den Zirkel, wie immer. Zu erwähnen wäre diesmal allenfalls noch die gute Musik dabei, es gab Songs wie „Behind blue eyes“ (Originalversion von The Who), „All along the watchtower“ (Jimi Hendrix) und Songs von Bush und Live, die ich aber namentlich nicht kenne. Und die Therapeutin. Wie schon beschrieben gibt es hier viele hübsche Frauen Anfang 30 im medizinischen Stab. Die besagte Sporttherapeutin ist aber wohl die durchtrainierteste von allen und hat dazu durch indische Wurzeln auch noch einen exotischen Touch, wie auch immer, einige meiner Geschlechtsgenossen verhehlen ihre Bewunderung nicht… Das ist übrigens diejenige, die mich vor ein paar Wochen beim Walken aus dem Verkehr gezogen hat, aber ich grolle ihr deswegen ja nicht, sie hat es ja nicht böse gemeint, sondern wollte nicht, dass ich mir durch falschen Sport Schaden zufüge. Außerdem ist das wohl sowas wie die Meditations-Expertin hier.

Tja. Mehr Aktivitäten kamen nicht mehr dazu, also hatte ich bis zur Patientenführung um 18:45 Uhr frei. Ich ging erstmal duschen und dann mittagessen (Goulasch, Nudeln, Gemüse, Salat, Karamellpudding, war ganz gut).

Achja… meine Tischgemeinschaft ist übrigens auseinander gefallen. Bis auf zwei verbliebene Leute sind alle anderen abgereist. Ich hatte mir ja Asyl bei einer anderen Ankunftsgruppe gesucht, und bis auf einen, der verlängert hat, sind nun alle abgereist. Sogleich kreisten die Geier über unserem Tisch, der von einer anderen 8er-Gruppe mit Beschlag belegt wurde. Also suchten wir beiden „Übriggebliebenen“ an einem anderen Tisch Zuflucht, aber auch die Gruppe ist in der Auflösung begriffen. Mal sehen, ich werde vielleicht mal hier, mal da unterkommen. Egal. Noch bin ich am Tisch der Ankunftsgruppe vom 04.03. „Die Durchblicker“, wie die sich genannt haben, weil alle Brillenträger sind. Mal sehen, wohin es mich verschlägt.

Nach dem Essen legte ich mich noch mal hin, so für zwischen ein und zwei Stunden, aber ich hatte mir den Wecker gestellt, weil ich ja den Tag auch noch nutzen wollte. Ich hatte schon ein bisschen Probleme, in Schwung zu kommen. Aber ich ging dann zur Erledigung einer Hausaufgabe in die Lobby und trank Kaffee vom Dallucci. Ich schaffte im Laufe der Zeit anderthalb handschriftliche Seiten, wurde aber immer wieder abgelenkt. Beispielsweise unterhielt ich mich mit einem türkischen Patienten, der sehr nett war und dem gegenüber ich nicht unhöflich sein wollte. Jedenfalls habe ich das nicht fertig bekommen. Ach ja, ich bekam auch einen langen Brief von meiner Mutter, den ich in der Lobby beim Kaffee las.

Irgendwann tönte ein enervierendes Gepiepe durch die Lobby. Es kam offenbar von einem Wasserspender, der auch kein Wasser mehr spendete. Da ein Schild darauf hinweist, man möge kein Restwasser hineinschütten, da der Auffangbehälter im Gerät klein sei und das Gerät abschalte, wenn der voll sei, vermutete ich, dass dieser vielleicht voll sei. Zunächst mal war die Frau an der Rezeption total hilflos. Die Hausdame und Haustechnik waren nicht erreichbar. Irgendwann tauchte die Verwaltungsdirektorin auf, die zufällig unten herumlief, weil Patientenverabschiedung mit Kaffee und Kuchen war. Dann wurde aus der Pflege doch der Schlüssel für das Innere des Wasserspenders aufgetrieben, aber dann wusste keiner, was nun zu tun sei. Schließlich, nach einer gefühlten halben Stunde, schaffte man es endlich, das Piepen abzustellen. Man konnte nicht einfach den Stecker ziehen, weil das Gerät einen festen, stationären Stromanschluss hatte. Irgendwie machte mich das ganz schön sauer, weil ich das auch wieder als Symptom für die teilweise schlechte Organisation im Haus empfand. Wenn es der Restwasserbehälter war, dann passierte das bestimmt nicht zum ersten Mal. Aber vielleicht hatte da jemand anderes an der Rezeption oder in der Pflege Dienst und weiß nun Bescheid, hat aber das Wissen nicht an die Kollegen weitergegeben. Naja – mit anderen Worten, es läuft nicht anders als anderswo auch… Ist ja irgendwie n Klassiker.

Piepshow

Selbstgebastelte Piepshow auf einem Breadboard. Rechts von der rot leuchtenden LED der Piezosummer, rechts davon die Platine mit dem Arduino-Controller, der hier lediglich den Takt für Piepsintervalle erzeugt.

Mir fiel dann ein, dass ich ja einen Arduino-Microcontroller, Breadboard und paar elektronische Teile dabei hatte, falls mir langweilig würde. Zu den Teilen gehörte auch ein Piezo-Summer, der genau solche Geräusche von sich geben kann wie der Wasserspender es getan hatte. Hm… Irgendwie juckte es mich, der Dame an der Rezeption vielleicht einen Streich zu spielen, indem ich das Geräusch mit meinen Bauteilen reproduzierte und die Schaltung hinter dem Wasserspender versteckte. Ich brauchte aber zu lange, um das zusammen zu stöpseln und zu programmieren, auch wenn beides vergleichsweise simpel war. Schließlich musste nur der Summer an einen Ausgang und GND geklemmt und ein EIN und ein AUS – Intervall mit einer Sekunde Verzögerung programmiert werden. Aber ich habe erst das falsche Bauteil für den Summer gehalten, das war wahrscheinlich eher ein Mikrofon oder sowas. Als ich das schließlich fertig hatte, hatte die Dame am Empfang schon Feierabend. Naja, war eh bisschen niederträchtig, die arme, überforderte Dame auch noch so zu triezen.

Um 18:45 Uhr stand die Patientenführung an. Gegen 18:00 Uhr fiel mir ein Fehler in meinem Zeitmanagement auf: Ich hatte noch nicht mein Portal am Kreisel gehackt, musste das aber bis ca. 19:30 Uhr oder so erledigen, wenn ich meine bisherigen Tage für die Sojourner-Medal nicht verlieren wollte. Und nach dem Abendessen müsste ich die Patienten führen, und danach wäre es zu spät. Kurz entschlossen schmierte ich mir eben ein Käsebrot und nahm es mit auf den Weg zum Kreisel, hackte die beiden Portale da und ging zurück.

Eingang

„Home sweet home“ nach dem täglichen Sojourner-Spaziergang

Diesmal waren es nur sechs Neuankömmlinge, und eine meiner Mit-Patientensprecherinnen und ich (das sind zur Zeit ja drei Damen, jede übernimmt mit jeweils mir zusammen einen Ankunftstag) konnten pünktlich mit den vollzählig erschienenen Mit-Patienten losziehen.

Nach der Führung hatte ich dann Feierabend. Ich habe noch bei der kleinen, frechen Frau aus Rostock eine CD-ROM, die Übungsdateien für meinen Microcontroller enthielt, auf einen USB-Stick kopiert, weil mein Laptop kein Laufwerk hat und ich das zuhause vergessen hatte. Danach ging ich auf mein Zimmer, chatten und bloggen, wie immer.

Ich muss gleich noch Wasser besorgen (ups, keine Ahnung, ob das Piep-Ding jetzt eigentlich wieder tut…) und dann bald ins Bett.

Morgen muss ich mal mit meiner Ärztin über eine Verlängerung reden. Ich bin inzwischen so weit, dass ich das definitiv möchte – alleine schon wegen dem Mist mit den zwei Wochen Urlaub meiner Bezugstherapeutin und der zwei Tage, die ich durch Ostern als Therapietage verloren habe. Dann muss ich zwar Übergangsgeld beantragen und mit meinem Arbeitgeber reden und Urlaubstage verschieben, aber das ist ja alles machbar. Die Therapie geht vor. Morgen habe ich Visite bei der Ärztin – und komischerweise auch therapeutisches Einzelgespräch, obwohl das, glaube ich, keine Psychotherapeutin/Psychologin, sondern Allgemeinmedizinerin ist.

So richtig fertig für die Welt „da draußen“ fühle ich mich noch nicht. Zwar habe ich hier schon viel gelernt und mitbekommen und auch ein paar vage Ideen, was ich künftig für meine Besserung tun kann, aber ich denke, das kann man alles noch gut vertiefen. Vielleicht haben es andere auch nötiger als ich, und es hängt halt auch davon ab, ob hier genug Platz ist, aber ich werde auf jeden Fall zusehen, dass der Antrag gestellt wird.

So, das war es für heute, ich muss ins Bett.

Mein Therapieplan für morgen:

08:30 Uhr – Gesundheitsvortrag

09:30 Uhr – Visite

11:15 Uhr – Fitnesstraining

13:30 Uhr – Walking

14:30 Uhr – Therapeutisches Einzelgespräch

15:00 Uhr – Gestaltungstherapie

19:30 Uhr – Patientenführung

… also volles Programm, vor allem im Vergleich zu heute.

Nachtrag

Kleine Episode zur Nacht: Ich ging noch mal nach unten um Wasser zu holen und stellte ziemlich schnell fest, dass ich den falschen Schlüsselbund mitgenommen hatte. Den von zuhause in Osnabrück. Der liegt hier normalerweise im Safe, aber weil ich den USB-Stick daran benutzt hatte, lag er noch auf dem Schreibtisch – neben dem richtigen für die Klinik. Eine nette Frau aus der Pflege (die mich übrigens hier auch aufgenommen hatte, als ich gerade angekommen war) half mir schnell mit einem Generalschlüssel weiter, so dass ich jetzt ins Bett kann.

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Tag 28 – Genusszwerge, Ahoi-Brause und sprechende Schokolade

Heute hatte ich um 07:00 Uhr Frühsport, also stand ich um 06:40 Uhr auf und tat mich in meine Sportklamotten. Ich kam dezent zu spät. Sport absolviert, Frühstück.

Die nächste Anwendung war schon wieder Sport, aber erst um 11:00 Uhr, Walking. Also konnte ich mich nochmal herrlich ins Bett verkrümeln.

Beim Walking wählte ich diesmal die schnelle Gruppe, die so 4km in einer Dreiviertelstunde abreißen wollte. Ich fühlte mich fit genug und war es auch. Und ich wollte mal zu den Coolen in die Gruppe. Wir hatten ausnahmsweise tolles, sonniges Wetter, und das Walking war sehr angenehm.

Fachwerkhäuser in Oberbarmen

Schneckenstecher-Kommando on tour. Ich machte einen schnellen Schnappschuss mit dem Handy. Nicht so einfach, mit Walkingstockschlaufen um die Handgelenke…

Nach dem Walken ging es unter die Dusche, dann zu Mittagessen. Anschließend hatte ich noch kurz Zeit, bevor es um 13:00 Uhr zur PMR (progressive Muskelentspannung ging). Nachdem wir alle Muskelgruppen von Kopf bis Fuß einmal durch angespannt und entspannt hatten, hatten wir Depressionsgruppe im selben Raum.

Da unsere Bezugstherapeutin leider schon wieder Urlaub hat, hatten wir die mal wieder bei einer Vertretung, diesmal bei der Oberärztin. Das Thema war „Rückfallprophylaxe“. Also: Was tue ich, wenn ich wieder eine depressive Episode erlebe? Der Knackpunkt ist da vor allem: Wie erkenne ich überhaupt möglichst früh, dass ich wieder eine depressive Episode erlebe? Es ging also um Warnzeichen, die mit einer beginnenden Depression einhergehen können, z.B. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, negative Gedanken etc. Wir sammelten diese Symptome auf einem Whiteboard. Dann zeichnete die Therapeutin ein Koordinatensystem, deren X-Achse die Zeit, und deren Y-Achse die „Depressionsintensität“ darstellen sollte. Hier sollten wir nun „unseren“ jeweilige Depressionsverlauf skizzieren. Nachdem ein paar von uns sich da – allerdings mit völlig unterschiedlichen Zeitskalen – zusammengekrickelt hatten, skizzierte die Therapeutin den typischen Verlauf einer despressiven Episode. Zunächst nahm hier die Intensität etwa zum Quadrat der Zeit zu, erreichte dann ein Maximum und klang langsam wieder ab. Es gab dann Zettel. auf denen wir dann unsere typischen Symptome und Gegenmaßnahmen aufschreiben sollten. Etwa Gedanken wie „Das schaffe ich nicht.“, Körperempfindungen wie Müdigkeit, Herzrasen, Schweißausbrüche und Handlungen wie sich zurückziehen. Und Maßnahmen wie etwa Ablenkung, Sport, soziale Kontakte, Meditation etc. Dann zeichnete die Therapeutin eine weitere Kurve, diesmal nur den ansteigenden Teil der depressiven Episode. Man hat so einen „Punkt 70“ (das wurde nicht näher erläutert, vielleicht so 70% vom Maximalwert der „Depressionsintensität“). Jedenfalls sei das der „Point of no return“, wenn man den erreiche, sei es zu spät, noch etwas gegen die depressive Episode zu unternehmen, man müsse die schon vorher erkennen und durch Gegenmaßnahmen abfangen. Natürlich gibt es dafür kein Patentrezept. Ganz am Anfang helfen noch Methoden wie Autogenes Training, PMR, Atemübungen, Meditation. Darüber hilft Ausdauersport. Danach nur noch recht drastische Maßnahmen, z.B. sich an einem Boxsack abzureagieren. Ab dem „Point of no return“ kann man die Episode nicht mehr verhindern und muss sie „abreiten“.

Graph Depressionsaufbau

So in etwa sah das auf dem Whiteboard aus…

Die Gruppensitzung löste bei einigen aus der Gruppe Unmut und Frustration aus, weil viele diese ganze Theorie bereits kannten, mehrfach gehört hatten, aber bisher unfähig waren, daraus Nutzen zu ziehen. Das ist nämlich sehr schwierig. Zunächst mal muss man rechtzeitig erkennen, dass man in eine depressive Episode reinläuft und dann auch die richtigen Gegenmaßnahmen kennen und Gelegenheit haben, sie auch anzuwenden. Schließlich kann man in vielen Situationen nicht einfach mal eben 10 km joggen. Und Entspannungsübungen sind auch nicht jedermanns Sache. Die Umsetzung ist die große Schwierigkeit. Am Ende bekamen wir noch alle einen Zettel mit einer großen Liste von Gegenmaßnahmen, was so ein wenig den Charme von „So, Zeit zuende, nehmen Sie im Zweifel zwei Aspirin und legen Sie sich ins Bett.“ hatte. Nein, ich denke, da bin ich der Therapeutin ein wenig unfair gegenüber, aber bei mir kam das bisschen so an, halt vor allem in dem Kontext, dass unsere „eigentliche“ Bezugstherapeutin schon wieder im Urlaub ist.

Direkt im Anschluss hatten wir um 15:30 Uhr SINA/TAF, diesmal war es SINA. Auf dem Tisch war eine Art „Geschmackserlebnisbuffet“ aufgebaut, Schalen mit Zitronen-, Orangen und Grapefuit-Schnitzen, Schokoladenstücken, Salzstangen, Wasabinüsse und sauren Gummiteilen sowie Tütchen mit Ahoibrause. Da wir ein paar Leute, die in den 70s Kind gewesen sind, hatten, brach eine gewisse, nostalgische Freude insbesondere über die Ahoi-Brause aus. Zunächst fragte auch gleich die Ergotherapeutin, wie denn die amtliche Technik des Ahoi-Brause-Konsums wäre. Ich meinte, Finger nassmachen (anlecken) und in die Tüte tauchen, aber offenbar ist die offizielle Technik, die Handfläche anzulecken und die Brause hineinzuschütten. Wie auch immer, es ging um das Thema „Genuss“. „Genuss“ sei eine wichtige Komponente, die zum Heilungserfolg beitragen könne. Auf dem Tisch lagen so ein paar laminierte A3-Papiere, die sich als sogenannte „Genusszwerge“ entpuppten. Diese wurden der Reihe nach umgedreht und vorgelesen. (Auf jedem dieser Papiere war ein Zwerg abgebildet, der Tipps zum genussvollen Konsum parat hatte, d.h. z.B. maßvoll genießen, ausschließlich genießen).

Anschließend ging es zur Verkostung. Jeder hatte ein kleines Tellerchen und eine winzige, zweizinkige Gabel vor sich und sollte sich eine Auswahl aus den Lebensmittelstückchen zusammenstellen. An den Schnitzen der Zitrusfrüchte hatten wir zunächst zu riechen und den Geruch zu beschreiben, dann essen. An den Wasabinüssen sollten wir lecken (brennt kurz auf der Zungenspitze) und sie dann „hinten“ im Mund kauen. Das geht, weil die Schärfe mehr auf der Zungenspitze wahrgenommen wird. Überhaupt ging es darum, die verschiedenen Geschmacksrezeptoren an verschiedenen Stellen der Zunge zu lokalisieren. Bei der Salzstange sollten wir die Salzkörner abknibbeln und einzeln verkosten, danach die Salzstange ohne das Salz. Bei letzterer stellten wir fest, dass der Geschmack schwer zu lokalisieren ist, der wurde als „überall“ oder auch „nirgends“ lokalisiert (bzw. eben nicht). Das liegt daran, dass die Salzstange – ohne Salz – die Geschmacksqualität umami aufweist. Und dieser Geschmack, der auch als „herzhaft“ bezeichnet wird, ist auch nicht genau zu lokalisieren. Während wir den Geschmack von süss, salzig, sauer und bitter recht schnell satt haben können, werden wir umami nicht satt, weshalb z.B. Fastfood-Produkte auf umami designed werden.

Dann kam die Schokolade an die Reihe. Wir sollten in ganz winzigen Bissen ein einziges Schokoladenstück sehr langsam essen und jeden Bissen schmelzen lassen. Ich hatte eine weiße Schokolade von Rittersport mit Nüssen. Ich fand es schon erstaunlich, wie man an einem winzigen Bissen soviel Geschmack herausziehen kann, wenn man so langsam und bewusst die Schokolade genießt. Einige wollten ihr einziges, kleines Schokoladenstück noch nicht einmal aufessen. Das war als Demonstration gedacht, dass man die Süsse auch schnell satt bekommt. Ich hätte schon noch mehr auf diese Weise essen können, allerdings bestimmt keine ganze 100g-Tafel. Vielleicht ein Viertel, maximal die Hälfte. Naja, das kann ja jeder mal selbst testen.

Die Therapeutin meinte abschließend, die Schokolade würde einem sagen: „Genieß mich, nimm Dir Zeit, mich zu essen. Und wehe, wenn nicht! Dann mach‘ ich Dich dick!“

Die Ahoi-Brause durften wir dann mitnehmen. Ich schötze, dafür hat die Zeit nicht mehr gereicht.

Anschließend hatte ich 20 Minuten Zeit, danach stand dann um 17:00 Uhr die Patientenführung an. Diesmal führte ich sie nicht mit der frechen Frau aus Rostock zusammen durch, sondern mit einer anderen Dame, die zusammen mit der Frau aus Rostock angekommen war, aber mit der ich ansonsten bisher noch nicht so viel zu tun hatte. Das Schwierige an der Führung ist immer, den Leuten genug, aber nicht zu viel Information zu geben. Und natürlich vor allem, das, was wichtig ist. Nur, was ist wichtig? Ich schätze, da hätten die Klinik und die Patienten unterschiedliche Meinungen…

Nach der Patientenführung gab es Abendessen, diesmal mit einem leckeren Kartoffel- und einem Hühnersalat.

Danach machte ich meinen Sojourner-Spaziergang zum Kreisel, diesmal ohne Extratouren. Tja, und dann hockte ich mich mit einem Tee in die Lobby und tippte diese Zeilen herunter.

Mein Therapieplan morgen:

08:30 Uhr – Indi Stress

10:15 Uhr – Fitnesstraining

18:45 Uhr – Patientenführung

Ich bin nicht sicher, ob das so bleibt. Nur zwei Termine – außer der Patientenführung. Das ist schon ein wenig dünn. Wenn da nicht was dazukommt und die Patientenführung nicht wäre, würde ich ja ein bisschen in die Stadt fahren, aber so werde ich wohl eher einiges an Schreibkram erledigen. Der morgige Eintrag könnte also etwas dürftig werden, aber warten wir es ab.

Bis morgen.

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Tag 27 – Vanilliepudding zum Frühstück und die Nimm-2-Therapie

Der Wecker erfrechte sich, um 07:20 Uhr die Stille zu zerbrechen. Ich hatte ab 08:00 Uhr die Waschmaschine gebucht, und um 08:30 Uhr gab es einen Gesundheitsvortrag. Also duschen, rein in die Klamotten, Wäsche in den Rucksack und erstmal ab zur Waschküche durch den Gang unter dem Parkplatz. Die Waschküche ist im Keller von Haus vier. Haus vier steht etwas abseits, man gelangt durch einen langen, unterirdischen Gang dorthin. Daher muss ich irgendwie immer an die „Fünf Freunde“ denken, wenn ich da hindurchgehe…

Ich warf die Klamotten in die Trommel und ging frühstücken. Dort wartete noch ein von einer Ergo-Therapeutin gebastelter Papierhase mit einem Schoko-Artgenossen und Schoko-Eiern auf mich. Hm, sehr nett, aber ich glaube nicht, dass ich deswegen milde gestimmt in die nächste Gestaltungstherapie gehen werde… Aber ich werde mich trotzdem noch bei der Frau bedanken, kann sein, ich sehe die morgen bei SINA/TAF. Achja, und es gab eine riesige Schüssel mit Vanillepudding. Ich erfuhr, dass es am Tag zuvor Obstsalat mit Vanillepudding gegeben hatte, da war wohl noch irre viel von dem Vanillezeug übrig geblieben. Also nahm ich mir einfach ein Schüsselchen, ehe es weggeworfen wird…

Osterhasi

Tja, da hat eine fleissige Ergo-Therapeutin eine Menge Hasen für uns gebastelt. Und es ist sogar ein Schoko-Artgenosse darin…

Nach dem Frühstück versammelten wir uns im Vortragsraum. Ich war spät dran, was aber egal war, weil die Bildübertragung zum Beamer nicht funktionierte. Ein paar Berufene versuchten gerade, das in Gang zu bekommen, auch wurden alternative Laptops aus privaten Beständen herangeschafft. Ich hielt mich da raus, denn erstens fummelten da schon genügend Leute herum, und ich hatte auch absolut keine Lust dazu. Es war auch alles vergebens, also gab es diesmal keine Powerpoint-Folien.

Das Thema des Vortrags war Achtsamkeit. Achtsamkeit (englisch „mindfulness“) ist eine aus dem Buddhismus übernommene Technik, die simplifiziert zwei Punkte umfasst:

  1. Sei bei Dir selbst
  2. Sei im Jetzt

So simpel das klingt, so schwierig ist die Umsetzung. „Sei bei Dir selbst“ bedeutet, nehme Deine Sinneswahrnehmungen ganz bewusst war. Wie fühlt sich das Atmen im Körper an (den Atem zu beobachten ist eine Basisübung, die auch bei anderen Techniken wie beim Autogenen Training oder bei der PMR eine Rolle spielt), wie fühlt sich der Kontakt der Füße mit dem Boden an, wie der des Gesäßes zum Stuhl? Oder auch, wenn man z.B. im Wald spazieren geht, wie nachgiebig ist der Boden, was für Geräusche nehme ich wahr, was für Gerüche? Natürlich ist Konzentration wichtig, aber man soll sich gegen Gedanken nicht wehren, sondern auch diese wahrnehmen, beobachten, nicht bewerten… und wieder ziehen lassen. Hallo Gedanke, tschüss Gedanke. Das Ganze war mir nicht neu, ich habe schon einige Male an Übungsabenden teilgenommen, während ich in Psychotherapie war.

Nachdem uns die wesentlichen Informationen zum Thema gegeben worden waren, machten wir zwei kleine Übungen. Die erste ähnelte AT, das war so eine typische „Spühre-in-dich-selbst-hinein-und-beobachte-deinen-Atem“-Übung. Anschließend wurden Nimm 2 – Bonbons verteilt. Einige Mitpatienten steckten sich die sofort in den Mund, hm, nicht so schlau, es war doch klar, dass es um eine Übung ging. Allerdings beobachtete ich mich selbst, dass ich das Ding auch fast schon auswickelte, ohne darüber nachzudenken. Und das ist genau der Punkt: Achtsamkeit ist ein Schlüssel zum Genuss. Wenn wir uns die Schokolade gedankenlos und „nebenbei“ reinschieben, merken wir kaum, dass wir sie essen, geschweige denn nehmen wir den Geschmack in voller Intensität wahr. Dasselbe gilt natürlich auch für andere Genussmittel wie Alkoholika. Hm… während ich das schreibe, bekomme ich Lust auf … nicht auf Alkohol, sondern auf eine Zigarre. Denn das ist das, was ich tatsächlich am bewusstesten genieße. Nur sehr selten, und ich mache das nie nebenbei, sondern immer als Event an sich. Bei Alkohol ist das leider schon was anderes.

Wie auch immer, auf Kommando verschwanden die Nimm 2 in den Futterluken von uns Patienten. Wir sollten erst nur lutschen und den Geschmack und die Oberfläche des Bonbons wahrnehmen. Der Geschmack ist natürlich eine Mischung aus Süß und Sauer. Durch das Lutschen und Druck mit der Zunge verliert das Bonbon mit der Zeit an struktureller Integrität, und es bildete sich ein Spalt in der Oberfläche, den ich mit der Zunge wahrnehmen konnte. Schließlich sollten wir es zerbeißen. Dann kann man den zersplitterten „Trümmerhaufen“ in seinem Mund fühlen, der aber durch den klebrigen Kern des Bonbons trotzdem noch zusammengehalten wird. Dieser wiederum fühlt sich weich und verformbar und zäh an und hat einen anderen Geschmack als die Außenhülle des Bonbons. Man sieht: Wenn man möchte, kann man beim Konsum eines Nimm 2 Bonbons eine Menge Sinneserfahrungen machen und darüber viele Worte schreiben. Deswegen eignet es sich so gut für so eine Übung. Kann ja jeder selbst ausprobieren, einfach am besten Ruhe im Zimmer, Augen zu, und das Ding langsam und bewusst lutschen und kauen.

Anschließend gab es eine Feedback-Runde. Achtsames Verhalten war zuvor auch als Möglichkeit zur Entspannung zwischendurch am Arbeitsplatz propagiert worden. Zwei Leute opponierten ziemlich heftig, das sei an ihrem Arbeitsplatz nicht möglich, und man würde doch langsamer arbeiten. Im Nachhinein denke ich, das war eigentlich eine blöde Diskussion. Natürlich kann man nicht unbedingt während der Arbeit Achtsamkeitstraining praktizieren, genausowenig wie AT oder PMR. Es geht da eher um Pausen. Es wurde dann auch gefragt, ob man bei einer eher stumpfsinnigen Arbeit voll bei dem, was man tue mache oder in Gedanken woanders sein dürfe. Auch da dachte ich mir, na was ein Quatsch. Wenn ich was extrem langweiliges tue, was völlig automatisiert laufen kann und was ich nebenbei tun kann, ohne in Gefahr zu laufen, mich zu verletzen, dann gehe ich in Gedanken anderswohin. Dann geht die Zeit schneller rum. Ich hatte schon mal genauso einen Job, und das hat für mich hervorragend funktioniert. Da war meine Phantasiebegabte Denkdose echt ein Segen. Wenn ich jedoch genießen möchte, dann ist es sinnvoll, dass ich ganz bei mir und meinen Wahrnehmungen bin. Aber – mal extrem gesagt – es ist nicht unbedingt empfehlenswert, während man gefoltert wird (naja, mal etwas praxisnäher, sagen wir, beim Zahnarzt). Da kann man ruhig mal in Gedanken woanders sein. Ist doch eigentlich nicht schwer und ziemlich logisch, oder?

Nach dem Vortrag legte ich mich erst mal wieder hin, stand zwischendurch auf, um meine Wäsche von der Waschmaschine in den Trockner umzufüllen, legte mich wieder hin. Kurz vor dem Mittagessen wollte ich meine Wäsche aus dem Trockner holen, aber er wollte noch 14 Minuten haben. Damit kam ich ein wenig in Zeitdruck, weil ich ursprünglich unmittelbar nach dem Mittagessen mit ein paar Leuten zur Therme fahren wollte, und die wollten zeitig los. Ich klärte das, und auf zehn Minuten käme es dann doch nicht an. Aber beim Mittagessen ging ich so in mich und hatte doch keine rechte Lust, mitzukommen. Ich wollte mich lieber in aller Ruhe um meine Wäsche kümmern, und dann… ja, was eigentlich?

Nun, erstmal Mittagessen. Ich hatte ausnahmsweise Menü 3 gewählt, das ist die vegetarische Mahlzeit, in diesem Fall eine Gemüselasagne. Das war… nun, essbar. Nach dem Essen wollte der Trockner immer noch 11 Minuten haben. Inzwischen stand da schon jemand anderes, der den nutzen wollte, und ich hatte auch die Nase voll von leeren Versprechungen und öffnete die Trommel. Die Wäsche war auch trocken, also nahm ich sie mit und faltete sie in meinem Zimmer zusammen. Immerhin, das war geschafft. Und jetzt?

Ich ging erstmal mit einem Buch in den abseits gelegenen Teil der Lobby. Dazu hatte ich mir diesen Kaffee bereitet, den mir Freunde geschickt hatten, so ein Tütchen mit Kaffee in einem Filter, der sich so an der Tasse anbringen ließ, dass man da heißes Wasser drauf schütten konnte. Das funktionierte und war auch lecker, dazu ein Marzipan-Nougat-Ei, klasse.

Danach hatte ich aber leider zu nichts recht Lust. Die Therme hatte ich ja sausen lassen. Ich hätte einiges zu schreiben gehabt, auch einiges zu lesen, aber ich legte mich wieder ins Bett. Ich war einfach antriebsschwach. Richtig in die Socken, auch wenn ich nicht die ganze Zeit geschlafen hatte, kam ich erst zur Abendbrotzeit. Hm. Da wäre selbst eine Fahrt nach Elberfeld und Ingress spielen produktiver gewesen. Ich hatte mir die Auszeit einfach gegönnt, war aber hinterher doch unzufrieden mit mir.

Wasserturm

Wasserturm in der Nähe „meines“ Kreisverkehrs. Über 9 km Luftlinie entfernt gibt es in Elberfeld auf einem Stromkasten eine künstlerische Darstellung, die ein Ingress-Portal ist (genau wie der Turm selbst auch). Diese trägt dem Umstand Rechnung, dass das Teil entfernte Ähnlichkeit mit einem Cocktailglas hat. Ich habe ein Bild davon, weil ich davon einen Portalschlüssel habe. Ist natürlich gerade Level 8 blau – wie so viele Portale in Elberfeld. Übrigens lässt sich dieses Bild per Mausklick vergrößert darstellen. Wie fast alle Bilder in diesem Blog.

Achtung, Ingress-Abschnitt
Nach dem Abendessen machte ich dann meinen Sojourner-Spaziergang. Der Tag war im wesentlichen grau, aber trocken gewesen. Abends kam aber noch die Sonne durch, und ich wollte wenigstens noch ein paar Sonnenstrahlen mitnehmen. Am Kreisel sah ich wie immer die prägnante Struktur im Landschaftsbild, den großen Wasserturm. Der war mir natürlich schon bei der allerersten Fahrt zur Klinik nicht entgangen. Natürlich ist der auch ein Portal, aber etwas abseits von der Busroute 602. Daher war das noch ein Unique Visit und ein Unique Capture für mich. Ich peilte das Portal an, demnach war es ca. 350 m Luftlinie vom Kreisel entfernt. Da die Sonne noch einige Handbreit über dem Horizont stand, beschloss ich, hinzugehen. Aus unmittelbarer Nähe ist das schon ein ziemlich gewaltiger Koloss. Ich entschlumpfte das Portal, und auf dem Scanner tauchte schon das nächste an der Busroute 602 Richtung Oberbarmen Bahnhof auf. Okay, da ging ich auch noch eben hin. Das war blau, und auch vermutlich noch ein Unique Capture. Danach ging ich dann aber wieder bergauf zum Kreisel und dann zurück zur Klinik.

Ich schrieb erst eine E-Mail an einen Freund, dann diesen Beitrag. Vielleicht hänge ich noch ein wenig mit einem Tee und/oder einem Buch in der Lobby herum, vielleicht schreibe ich noch weitere E-Mails, aber das war es für heute. Nicht sehr spannend, ein sehr lauer Tag. Aber auch das gehört zu dem, was ich vielleicht mal lernen kann: Mir selbst zu erlauben, auch mal total faul zu sein und nichts zu machen. Aber auch, zu erkennen, wann das angesagt ist, und wann nicht.

Mein Therapieplan für morgen:

07:00 Uhr – Frühsport (yuck!)

11:00 Uhr – Walking

13:00 Uhr – PMR Gruppe (Progressive Muskelentspannung)

13:30 Uhr – Depressionsgruppe

15:30 Uhr – SINA/TAF

17:00 Uhr – Patientenführung

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Tag 26 – Auferstanden! Das wird gefeiert!

Ich hatte den Wecker meines Schlaufons auf 08:00 Uhr gestellt, war aber schon etwa eine Viertelstunde vorher wach. Um 08:45 Uhr sollte es Frühstück geben. Nach der Morgentoilette trafen wir uns bei Kaffee, Brötchen und Eiern am Frühstückstisch.

Bauernkirche Iserlohn

Dies ist die Bauernkirche in Iserlohn. Hier findet morgen der Ostermontagsgottesdienst statt.

Anschließend fuhren wir nach Iserlohn zur oberen Stadtkirche. Dort begann um 10:30 Uhr der Ostergottesdienst mit der Feier des Abendmahls, musikalische Untermalung durch den Posaunenchor unter der Leitung von Hans-Peter Springer.

Bemerkenswert war, dass irgendwann zu den Klavierklängen einer Art „Zirkusmarsch“ Jugendliche aus den Bänken aufstanden, „Frohe Ostern!“ ausriefen, kreuz und quer durch die Kirche liefen und Eier verteilten.

Oberste Stadtkirche Iserlohn

Dies ist die oberste Stadtkirche in Iserlohn, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bauernkirche. Hier haben wir den Ostersonntagsgottesdienst gefeiert.

Von der Predigt habe ich im Wesentlichen ein Zitat behalten, mit dem die Predigt begann:

Ich war im Kino.
Blutüberströmt
fertig gemacht
fiel einer um
als Letzter von allen.
Das war ein Western!
Ich war in der Kirche
Blutüberströmt
fertig gemacht
stand einer auf
als Erster von allen.
Das war ein Ostern!

Lothar Zinetti

Als ich das gegoogelt habe, stellte ich fest, dass so offenbar heute viele Predigten begannen. Das heilige Abendmahl wurde gefeiert, danach traten wir wieder in das Sonnenlicht hinaus. Meine Tante und mein Onkel hatten den Plan, in einem Lokal am Seilersee einen Happen zu essen und dann zur Sorpe zum Spazieren zu gehen. Leider hatten viele andere denselben Plan, zumindest den mit dem Seilersee. Denn wir fuhren wie viele Autos vor und nach uns auf den Parkplatz, um wieder umzudrehen, weil kein Platz frei war. Es war Ostern, das Wetter toll, und viele strebten an den See und die zugehörige Gastronomie.

Also fuhren wir stattdessen zurück zum Zuhause meiner Verwandten, und die beiden bereiteten eine Mittagsmahlzeit. Ich fütterte den Kamin und schaffte neues Holz heran. Kurz vor dem Essen konnten wir zwei Rehe am Waldrand beobachten. Ich versuchte, Fotos zu machen, aber ohne optisches Zoom bekam ich nur recht grobkörnige Bilder hin.

Reh vom Wohnzimmerfenster aus gesehen

Reh vom Wohnzimmerfenster aus gesehen. Mit Digitalzoom so eine Sache, aber es geht so.

Nach dem Essen legte ich Holz nach und schrieb diese Zeilen in der Kaminecke. Gleich werde ich mich wohl ebenfalls eine Weile hinlegen.

Man klopfte an die Tür und bat zu Kaffee und Kuchen, den wir wieder in der Kaminecke einnahmen. Die Philadelphia-Torte schmeckte noch genauso gut wie gestern. Nach dem Kaffeetrinken packte ich meine Sachen, zog mein Bett ab und machte dann mit meiner Tante noch einen kleinen Rundgang durch das obere Stockwerk des Hauses. Ich war ja lange nicht mehr dort gewesen, und auch hier hatte sich etwas verändert. Danach brachten mich meine Verwandten nach Iserlohn zum Bahnhof.

Hagen Hbf

Das ansehnliche Bahnhofsgebäude von Hagen. In diese lustigen Mini-Fontänen auf dem Platz kann man bestimmt gut reintreten, wenn man die ganze Zeit auf sein Smartphone guckt, weil man Ingress spielt. Ist mir allerdings nicht passiert.

Der Zug fuhr pünklich um 18:17 Uhr ab, Umsteigen in Hagen, ca. eine Viertelstunde Aufenthalt, dann noch ein Katzensprung bis Wuppertal-Oberbarmen. Mein Bus fuhr nur fünf Minuten spöter, und gegen 20:00 Uhr war ich wieder in meinem Zimmer in der Klinik.

Ich besorgte Wasser und trug mich für morgen früh ab 08:00 Uhr für eine Waschmaschine ein. Am liebsten würde ich ausschlafen, aber um 08:30 Uhr ist ein Gesundheitsvortrag. Das ist allerdings auch der einzige Termin morgen, immerhin ist Ostermontag. Aber der Kostenträger (in den meisten Fällen die Bundesversicherungsanstalt für Arbeit) möchte nicht zwei Tage komplett ohne Anwendungen durchgehen lassen.

Ich traf die freche Frau aus Rostock, und dann kam noch eine andere, von mir geschätzte Dame wieder, die in Köln eine Freundin besucht hatte. Die hatte genau wie ich das Abendessen verpasst und noch Hunger, also bestellten wir Pizza.

Nach dem Essen organisierte ich bei der Pflege für 20 Euro Pfand Wii-Zubehör und einen Schlüssel. Wir haben im Raum Wuppertal vier Wii-Spiele-Konsolen mit Bildschirmen, die Konsolen sind in so transparenten, abschließbaren Kugeln untergebracht. Nach einigem Hin- und Her kriegte ich den Kram in Gang. Es war die Ausführung „Wii Fit“, dazu gehört ein sogenanntes „Balance Board“. Das ist eine Plattform, auf die man sich mit beiden Füßen stellt. Durch Gehen auf der Stelle, Gewichtsverlagerung oder Beugen und Strecken der Knie steuert man seine Spielerfigur auf dem Bildschirm. Jedenfalls testete ich mit der frechen Frau aus Rostock ein paar Spiele.

Zuerst machten wir Ski-Slalom, bei dem man durch die Gewichtsverlagerung den Skiläufer durch Tore steuerte. Anschließend balancierten wir mit keckem Hüftschwung bis zu vier Hula-Hop-Reifen. Zuletzt spielten wir ein besonders witziges Spiel. Passend zu Ostern steuerte man seine Spielerfigur in einem Hühner-Kostum durch die Lüfte. Gesteuert wurde durch Gewichtsverlagerung nach vorne/hinten bzw. links/rechts, Höhe gewann man durch kräftiges „Flügelschlagen“ mit den Armen. Das ist schon eine gewiefte Sensorik in diesem Board. Man musste mit der Figur punktgenau auf Plattformen innerhalb eines Parcours und zuletzt auf dem Heck eines Schiffes landen. Natürlich sieht das saudämlich (bzw. urkomisch) aus, wenn man nur die Person auf dem Board herumflattern (oder beim Hula-Hop-Spiel mit den Hüften kreisen) sieht.

Danach hatte die Frau aus Rostock keine Lust mehr, aber ich probierte noch alle anderen Spiele aus. Zwischenzeitlich sagte die Wii mit einer sehr nervigen Piepsstimme „Bitte wechsle meine Batterien aus!“ „Bitte halte Deine vorlaute Klappe!“, pampte ich zurück, aber es hatte keinen Effekt. Wenn die Wii von „sich“ sprach, war das Balance Board gemeint. Das Ding piepste auch, mal solle aufsteigen oder runtergehen oder mal still halten. Ich habe keine Ahnung, wer dem Ding diese furchtbare Piepsestimme verpasst hat. Irgenwann klappte es gar nicht mehr mit den Batterien, aber ich hatte geladene, passende Akkus dabei, mit denen ich das Problem beheben konnte.

Puh. Ich habe wirklich geschwitzt. Insbesondere die Sache mit dem Hühnergeflatter war echt anstrengend, ich habe geschwitzt. Wenn man das stundenlang spielt, gibt es bestimmt Muskelkater. Insgesamt ein lustiger Zeitvertreib.

Danach war es auch Zeit, ins Zimmer zu gehen und diesen Eintrag zu Ende zu schreiben. Morgen stehen, wie gesagt, Waschen und ein Vortrag an. Ursprünglich wollte ich in die Stadt, Ingress spielen, aber ich habe nicht so recht Lust. Wahrscheinlich schließe ich mich einer Gruppe an, die eine Therme besuchen wollen, einer von diesen Läden mit großer Bade- und Saunalandschaft. Und ansonsten möchte ich gerne ein wenig Schreibkram erledigen. Mal sehen.

Bis morgen!

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