Der Tag begann um 06:35 Uhr. Frühsport um 07:00 Uhr, anschließend Frühstück.
Danach hatte ich erst um 11:00 meinen nächsten Termin, Walking. Normalerweise hätte ich mich noch mal ins Bett verkrümelt. Aber heute fuhren drei Leute aus meiner Therapiegruppe davon nach „draußen“. Ich mochte alle drei, zwei Frauen und ein Mann. Die eine Frau ist sehr herzlich und liebevoll, sie war immer sofort tröstend zur Seite, wenn jemand mal weinen musste. Die andere ist ein wenig zurückhaltend, aber humorvoll und hat das Herz am rechten Fleck. Und der Mann war lange mein Tischgenosse, ein sehr feiner Beobachter, interessierter und interessanter Gesprächspartner und einfach ein netter Kerl. Wir waren gestern ja noch beim Jugoslawen, ein Abschiedsessen abhalten.
Jedenfalls lungerte ich den größten Teil des Morgens in der Lobby herum, um ja nicht zu verpassen, noch tschüss zu sagen. Anschließend blieben mir noch ca. 20 Minuten für ein kleines Nickerchen, bevor es zum Walking ging.
Ich hatte diesmal vorher meine Birne sicherheitshalber mit Solarprotektionsfluid verspachtelt, um mir die nicht noch weiter anzubruzzeln. Dem amiterenden Sporttherapeuten der „schnellen“ Gruppe fiel das olfaktorisch angenehm auf, er meinte, das sei der Duft von Sommerurlaub. Das Wetter war auch erneut herrlich, diesmal waren wir auf Waldwegen unterwegs, so macht das Schneckenstechen Spaß!
Wieder in der Klinik hüpfte ich unter die Dusche und schlüpfte in T-Shirt, eine kurze Hose und Sandalen. Danach gab es Mittagessen (bunte Nudeln mit Rinderragout und Gemüse, Salat und Vanillepudding mit Pfirsichstücken).
Nach dem Mittagessen hatte ich Progressive Muskelentspannung in London. Ich entschied mich, das ausnahmsweise im Liegen zu versuchen. Zuerst war das ganz angenehm, aber als ich meinen linken Arm ein wenig anheben sollte, zerrte ich mir irgendwas, und ab da war das Ganze ein wenig verkrampft, so dass ich nicht gut entspannen konnte. Meine Entspannungshaltung ist wohl doch eher die sitzende…

Unter diesem in voller Blüte stehenden Kirschbaum hielten wir heute unsere Depressionsgruppe mit unserer Bezugstherapeutin ab.
Danach ging es gleich weiter zur Depressionsgruppe bei unserer Bezugstherapeutin. Wir schleppten unsere Gartenstühle zu einem großen Kirschbaum (glaube ich), der draußen auf dem Rasen vor der Sonnenterrasse in voller Blüte steht. Da ich noch Cappuccinoschulden bei der Therapeutin hatte (wer die Kurzgeschichte gelesen hat, weiß, warum) besorgte ich noch schnell das Heissgetränk und schleppte es samt Tisch zur Gruppe.
Unter anderem wurden noch Leute verabschiedet, die uns morgen verlassen. Außerdem sieht es so aus, als ob keiner von uns eine Verlängerung bekommt, mit einer Ausnahme: Wir haben einen Gruppenkollegen, der hier ambulant an den Behandlungen teilnimmt. Das ist in einigen Fällen schade. Ich wäre auch nicht abgeneigt gewesen, noch eine Woche länger zu bleiben, obwohl es natürlich nicht mehr dasselbe sein wird, jetzt, wo sich unsere Gruppe so langsam auflöst. Am Ende gab es eine Übung zur kognitiven Umlenkung. Dazu sollte zuerst jeder 10 Gegenstände anfassen und sich mit kurzer Beschreibung merken. Etwa „Kugelschreiber, Metall, Silber“. Anschließend gab es die Anweisung, jeden dieser Gegenstände mit einem völlig anderen Beschreibung zu versehen, die überhaupt nichts mit der tatsächlichen Beschreibung zu tun hat, also weder in Farbe, Material, Beschaffenheit, oder Bezeichnung des Gegenstandes. Für den Kugelschreiber exemplarisch die für die Übung Namengebende Beschreibung „rotes Krokodil“. Ich habe leider weder richtig zugehört, noch nachgefragt, und deswegen die Übung nicht richtig mitgemacht. Daher konnte ich nichts zur Nachbesprechung beitragen, als die Teilnehmer ein paar Beispiele für ihre neuen Beschreibungen für die von ihnen berührten Gegenstände nennen sollten.
Wenn ich es richtig verstanden habe, dient die Übung dazu, das Gehirn dazu zu bringen, flexibler zu denken und damit gewohnte Bahnen zu verlassen. Wir sehen einen Kugelschreiber, und das Gehirn registriert automatisch „Kugelschreiber, Metall, Silber“. Wir werden mit einer Problemsituation konfrontiert, und das Gehirn schmeisst automatisch Gedanken wie „Ich schaffe das nicht!“, bevor wir uns auch nur ansatzweise kognitiv damit auseinander gesetzt haben. Durch die kognitive Umlenkung kann man sich genau das erstens bewusst verdeutlichen, und zweitens das Gehirn auch trainieren, den kognitiven Vorgängen mehr Priorität einzuräumen. Wir wollen ja gar nicht unbedingt „Das schaffe ich nicht!“ denken, aber der Gedanke ist einfach da, bevor wir uns wirklich bewusst mit der Situation auseinandergesetzt haben. Wie gesagt, ich habe zwischenzeitlich nicht gut aufgepasst, aber so in etwa kam das bei mir an.
Kurze Pause, dann ging es weiter mit SINA/TAF, in diesem Fall TAF (Training Arbeitsrelevanter Fähigkeiten). Normalerweise müsste ich das schon einmal gehabt haben, aber ich weiß gar nicht so genau, was wir da gemacht haben. Jedenfalls stellte die Ergotherapeutin vor, warum wir das eigentlich machen, naja, Arbeitsfähigkeit wieder herstellen, Existenzsicherung und so etwas. Sie unterschied die Umstände am Arbeitsplatz in Resourcen und Stressoren. Resourcen können beispielsweise eigene Fähigkeiten sein, oder auch Kollegen, mit denen man gut zusammenarbeiten kann. Stressoren können (scheinbar) unlösbare Probleme, Zeitdruck, schwierige Kollegen oder auch Umweltbedingungen wie Lärm oder Gerüche sein. Anhand dem Beispiel von einer Krankenschwester, die in der Instensivstation ihre Fähigkeiten nicht ausspielen kann, vielen Stressoren ausgesetzt ist und sich deshalb für eine schlechte Krankenschwester hält, wurde gezeigt, wie entscheidend die Situation am Arbeitsplatz für das Wohlbefinden und die Selbsteinschätzung sein kann. Dieselbe Person könnte nämlich z.B. an einer Dialyse-Station vielleicht viel eher gemäß ihrer Fähigeiten, Interessen und Bedürfnisse arbeiten und da einen besseren Job machen.
Wir wurden gefragt, wie wir verschiedene Arbeitsauftrage beurteilen würden (macht Stress, bin unsicher, alles super), mit Handzeichen war abzustimmen. Da ging es erst um Laub sammeln im Garten, und dann darum, in der Lehrküche einen Apfelkuchen zu backen. Das in verschiedenen Varianten, alleine, in der Gruppe, mit oder ohne Rezept etc. Die Therapeutin wollte zeigen, dass, was für den einen eine Resource ist (z.B. Zusammenarbeit mit anderen) für andere ein Stressor sein kann.
Wie auch immer, nachdem wir gefühlte zehn Minuten über Apfelkuchen geredet hatten und einigen von uns schon in pawlow’scher Manier der Sabber aus dem Gesicht lief, bekamen wir eine ganz andere Aufgabe. Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen bekamen dieselbe Aufgabe: Wir sollten für einen Mann (42 Jahre alt, 40 Wochenarbeitsstunden) und eine Frau (38 Jahre alt, 10 Wochenarbeitsstunden) und deren drei Kinder unterschiedlichen Alters einen Freizeit- und Nutzgarten planen. Dabei sollten wir daran denken, dass die beiden Eltern, beide unerfahren in Gartenarbeiten, den Garten in der ihnen zur Verfügung stehenden Freizeit in Ordnung halten können sollten, eine Kostenrechnung aufstellen, einen Pflanzungsplan erstellen und eine Zeichnung anfertigen. Und das ganze in 25 Minuten.
Ich bekam sofort schlechte Laune, weil ich die Aufgabe ernst nahm und mich total überfordert fühlte. Denn ich habe ja mal von der Gestaltung eines Gartens so gar keine Ahnung. Ein Teamkollege begann, ein wenig die Leitung zu übernehmen und meinte, wir sollten erstmal überlegen, wie viel Zeit die Eltern denn wohl neben Arbeit, Haushalt, Kindern, Körperpflege und Hobbys noch für den Garten bliebe. Ich dachte sofort, so ein Quatsch, dafür haben wir doch gar nicht genügend Zeit – und sagte das auch. Der Teamkollege, der diese Vorgehensweise vorgeschlagen hatte, blieb locker und meinte, die Zeit reiche sowieso vorne und hinten nicht, aber das, was wir anfangen, sollten wir wenigstens ordentlich machen. Okay, da ich diese Herangehensweise akzeptierte, ordnete ich mich unter, und half, die zur Verfügung stehenden Zeitresourcen der Eltern zu überschlagen. Anschließend überlegten wir uns eine Flächenplanung mit ganzen 30 qm Rasen, auf den wir noch ne Schaukel und vielleicht ne Sandkiste für die kleineren Kinder stellen wollten. Außerdem eine 15 qm große Terrasse und ein 8 qm großes Gemüsebeet mit Tomaten, Radieschen, Zwiebeln und Kräutern, alles nicht so pflegebedürftiges Gemüse. Dann fingen wir an, das aufzumalen, und dann war die Zeit schon zuende. Über Kosten hatten wir noch gar nicht wirklich angefangen, nachzudenken. Achja, wichtig ist noch, dass die Therapeutin zwischenzeitlich die Säge anwarf und soviel Lärm machte, dass wir uns anschreien mussten, um was verständlich zu vermitteln, und dass wir einmal den Raum wechseln mussten.
Dann stellten beide Gruppen ihre Ergebnisse vor. Die andere Gruppe war weniger – wie wir – von den vorhandenen Resourcen (hier die in der Woche zur Verfügung stehende Zeit der Eltern zur Gartenpflege) ausgegangen, sondern eher davon, was sie sich wünschten, vor allem auch in Bezug auf die Kinder, die viel Platz zum Spielen bekommen sollten. Irgendwann ergriff ein Mitglied der anderen Gruppe die Initiative, und malte das kleine Paradies auf. Bei uns regierte ja eher der Pragmatismus. Jeder sollte dann auch noch erläutern, wie es ihm oder ihr bei der Lösung der Aufgabe ergangen sei. Das mit der Säge war natürlich reine Schikane gewesen, um den Stressor „Umwelteinflüsse“ genauer gesagt, Lärm, zu verdeutlichen. Einer aus meiner Gruppe ist an dieser Stelle auch komplett ausgestiegen. Ich hatte nur so Gedanken wie „Mann, ich hab zuhause auch so Stress genug, und jetzt hier auch noch, und nur so zum Spass…“ Wobei ich ja eigentlich weiß, das Konfrontation Training ist. Immerhin besserte sich meine Laune ab dem Punkt, als mein Teamkollege meinte, es sei sowieso illusorisch, die Aufgabe in der zur Verfügung stehenden Zeit sorgfältig zu bearbeiten, und ich mich seinem pragmatischem Ansatz unterordnete.
Insgesamt erkannte ich schon einiges in meiner tatsächlichen Arbeitssituation wieder. Es kommt schon vor, dass der zeitliche Rahmen für Aufgaben eng – oder manchmal auch sogar völlig unrealistisch ist. Dann gibt es die Möglichkeit, zu versuchen, die Aufgabe komplett, aber nicht sorgfältig zu bewältigen, oder auch einfach anzufangen, sorgfältig zu arbeiten – und nicht fertig zu werden. Was auch immer läuft, es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken oder zu blockieren, sondern man muss den Kopf frei kriegen und anfangen zu arbeiten, und das Beste draus machen. Das fällt mir persönlich in der Tat auch am Arbeitsplatz manchmal recht schwer. Aber vielleicht hilft es mir ja künftig, mich an diese Einheit zu erinnern. Sie war hart und mental anstrengend für mich, aber sinnvoll.
Danach hatte ich Feierabend. Es war 17:00 Uhr. Ich entschied mich, bei dem guten Wetter mal zum Kaufpark zu marschieren, um dort ein paar Einkäufe zu erledigen. Denn ich hatte noch Bananenschulden bei der frechen Frau aus Rostock, meiner Ex-Mitpatientensprecherin. Das war dadurch gekommen, dass ich am Tisch beim Jugoslawen ein paar Ausschnitte aus „Hallo Zoni“ von Norbert & Die Feiglinge vorgesungen habe. Das Lied ist von 1990, es thematisiert einen Ostdeutschen, der nach der Maueröffnung einen Westdeutschen besucht, der stolz alle möglichen Errungenschaften des Westens (unter anderem Bananen) vorführt, den „Ossi“ aber dann wieder nachhause schicken möchte, weil „so gut geht es uns hier ja nun auch wieder nicht“.
Ich habe das Lied – auch durch die Art, wie es gesungen wird (übrigens mehrstimmig à cappella nach der Melodie von „Hello Dolly“) immer wie folgt interpretiert: Hier sollten sowohl die Ostdeutschen mit ihrer (ja auch nicht ganz unzutreffenden) Sicht von Westdeutschland als dem „Land, in dem Milch und Honig fließen“, als auch die geizigen Westdeutschen, die die jahrelange Misswirtschaft im Osten nicht mit bezahlen wollten, hochgenommen werden. Also Augenzwinkern in beide Richtungen. Ich glaube, die liebe Frau fand es nicht oder begrenzt lustig, ich konnte auch die Ironie in dem Lied nicht so rüberbringen wie Norbert & die Feiglinge. Aber sie trug es mit Fassung und meinte, zur Strafe, weil ich mich über ihre Herkunft lustig gemacht hätte, schuldete ich ihr eine Bananenstaude.
Also lief ich den nervigen Weg zum Kaufpark (weitaus länger als bis zum Kreisel), bearbeitete das Portal in der Nähe des Supermarktes und ging einkaufen. Paar 0,5 Liter-Flaschen Cola und andere Getränke für mich, und Bananen, Kiwis, Dosenwurst und Toast für die freche Frau aus Rostock. Denn im Text heisst es:
Willst ne Banane, Zoni?
Sind genug von da, ne Zoni!
Und vielleicht zum Mittagessen eine Wurst.
(Du, da ist richtiges Fleisch drin!)
Das nennt man Kiwi, Zoni,
unser Sohn ist Zivi,
und das Brot hier aus Amerika heisst Toast.
Wieder in der Klinik gab es erst einmal Abendessen. Danach nahm ich einen der Kartons von Päckchen, die ich hier bekommen habe (hatte ich mir zum Glück aufgehoben) und verpackte die Lebensmittel darin. Dann hörte ich mir das Lied an, schrieb den Text handschriftlich auf zwei A4-Seiten, rollte sie zusammen und legte sie dem Paket bei. Schließlich klebte ich das Paket zu, machte noch ein buntes Bändchen darum und schrieb mit einem Textmarker „Begrüßung-Paket“ (in Anlehnung auf das Begrüßungsgeld, welches es ja damals gegeben hat) drauf.

„Willst ’ne Banane, Zoni? Sind genug von da, ne Zoni! Und vielleicht zum Mittagessen eine Wurst? Das nennt man Kiwi, Zoni, unser Sohn ist Zivi und das Brot hier aus Amerika heißt Toast.“ (Norbert & die Feiglinge)
Ich fand die Dame in der Sitzecke in der Pflege bei der Teeküche, gab ihr das Paket und baute meinen Laptop auf, um ihr das Lied auch vorzuspielen. Hm. So richtig lustig fand sie das Lied noch immer nicht, glaube ich. Aber trotzdem freute sie sich über die Kiwis und Bananen (wie sollte es auch anders sein, hihi) und verzieh mir großmütig meine Sünden. Puh. Nochmal gerettet.
Tja, jetzt ist es 21:48 Uhr, und ich habe den Blogeintrag fertig. Viel werde ich nicht mehr machen, ich bin schon recht müde. Also bis morgen!
Mein Therapieplan für morgen:
08:30 Uhr – Indi Stress
10:15 Uhr – Fitnesstraining
11:10 Uhr – Einzel-Physio
15:30 Uhr – Abschlussrunde
Soweit ich weiß, ist diese Abschlussrunde so ne Art Kaffeeklatsch im Speisesaal mit der Chefärztin Frau Farhat. Nun, mal sehen.
























