Tag 25 – Brennnende Küken im Sauerland

Mein Wecker piepste dummdreist um 07:40 Uhr. Was fällt ihm ein? Ich pfiff auf das Frühstück und stellte das Mistding eine Stunde weiter. Bisher hatte ich mäßig geschlafen. Ich hatte meinen Magensäurehemmer zwischenzeitlich abgesetzt, bei der Ernährung und dem Alkoholverzicht in der Klinik dachte ich, auch ohne klarzukommen. Aber der späte Fisch von gestern wehrte sich mitten in der Nacht noch, und das war ziemlich ekelhaft.

Um 09:00 Uhr gab es einen Vortrag, der von einer Mitarbeiterin aus dem Sozialen Dienst hielt. Es ging um ein etwas seltsames Thema: Märchen. Zuerst wurde grundlegend über Bibliotherapie (Büchertherapie) gesprochen. Denn auch Bücher „machen etwas mit uns“. Märchen versinnbildlichen sehr viel, beispielsweise stehen Wege bzw. Weggabelungen als Bild für Entscheidungen. Märchenhelden sind Vorbilder, sie haben Vertrauen ins Leben, treffen mutig ihre Entscheidungen und machen im Verlauf der Geschichte Fortschritte, bis das Ziel erscheint. Märchen haben eine Funktion, in uns Ängste vor Gefahren oder auch vor eigenem Fehlverhalten zu wecken, aber auch Mut zu haben, Risiken einzugehen und Entscheidungen zu treffen (um sinnbildlich am Ende z.B. die Prinzessin zu heiraten). Wie auch immer, als Beispiel wurde dann die Geschichte vom Rotkäppchen als Beispiel in der Originalfassung von 1857 vorgelesen. Das war ganz angenehm, Augen zu und zuhören.

Anschließend wurde noch eine, wie ich fand, ziemlich abenteuerliche Deutung vorgetragen. Beispielsweite sollen dem Wolf Ziel und Entwicklung des Menschen ein Dorn im Auge gewesen sein. Häh? Ich hab immer gedacht, der hatte einfach nur Bock auf Oma rot-weiß mit lecker Rotkäppchen gehabt. Die Brüder Grimm würden wahrscheinlich mit 2.000 U/min. im Grabe rotieren, wenn sie das mitbekämen. Insgesamt war es ein seltsamer Vortrag, der für mich den Beigeschmack „na, irgendwas müssen wir ja heute anbieten, die Bundesversicherungsanstalt für Arbeit will das so“ hatte.

Anschließen warf ich ein paar Klamotten in meinen Rucksack, wünschte ein paar Mit-Patienten schöne Ostern und ging zum Kreisel. Das Timing war recht eng, ich wollte gerne noch im fünf Minuten zu Fuß vom Kreisel entfernten Gartencenter ein blumiges Geschenk für meine Verwandten im Sauerland erstehen. Aber es klappte. Ich kaufte ein kleines Körbchen mit einem Pflanzenarrangement, ließ es verpacken, bekam noch ein kleines Blümchen im Pott als Oster-Dreingabe und war mit fünf Minuten Puffer an der Bushaltestelle für die 602 zum Bahnhof Oberbarmen.

Dort angekommen hatte ich noch eine knappe halbe Stunde Zeit, die ich zum frühstücken (Käse-Schinken-Brötchen, Latten-Kaffee und eine Vanillemilch nutzte. Dann stieg ich in eine Regionalbahn nach Hagen Hbf. Ich war erst nicht sicher, den richtigen Zug erwischt zu haben, der hatte eine andere Nummer und ein anderes Ziel und eine andere Abfahrtszeit als der, den mit die DB-App angezeigt hatte, aber lt. Anzeigetafel am Bahnsteig sollte der nach Hagen fahren. Tat er dann auch.

In Hagen hatte ich, weil der vorangegangene Zug früher da war, eine gute Viertelstunde Aufenthalt, die ich nutzte, um vor dem Bahnhofsgebäude noch vier unique visits abzugreifen. Dann stieg ich in den Zug nach Iserlohn. Auf der Anzeigetafel stand etwas von Baustelle, Zugteilung und Schienenersatzverkehr. In Letmathe sollte der Zug geteilt werden, ein Teil würde nach Iserlohn fahren, der andere nach Siegen, und ich war mir nicht sicher, ob ich im richtigen Zugteil saß. Kurz vor Letmathe wurde das aber per Durchsage sehr gut durchgesagt, und ich saß schon im richtigen Zugteil. Ich gelangte also pünktlich zum Bahnhof Iserlohn, wo mich meine Verwandten ebenso pünktlich vom Gleis abholten.

Wir fuhren dann so 20 Minuten bis zum Haus meiner Verwandten. Die wohnen in einem sehr alten, wenngleich schön neugestalteten Haus, in dem mein Mutter und ihr Cousin (mein Onkel 2. Grades) zusammen aufgewachsen sind. Dieses liegt sehr schön am Waldrand. Seitdem es hier keine Hunde mehr im Haus gibt, wagen sich die Rehe in der Schonzeit auf Sichtweite heran, und man kann sie vom Fenster aus beobachten. Als wir den Weg hochfuhren, sprang uns gleich ein junges Tier aus dem Weg.

Ich möchte noch erwähnen, dass meine Schwester und ich früher als Kinder schon immer gerne hier gewesen sind. Das große Haus mit dem Wald ringsherum und vor allem auch die herzlichen Gastgeber hier mit ihren damals noch jungen Kindern waren immer ein beliebtes Ziel für Familienbesuche. Dennoch bin ich jetzt zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren wieder einmal hier, und es ist schön, alles wieder zu entdecken, aber auch einige Änderungen seit früher zu besichtigen.

Waldblick

Blick aus meinem Zimmerfenster bei den Verwandten im Sauerland.

Nach der Ankunft heizten wir den Kamin an, und es gab Mittagessen in der Kaminecke. Anschließend zogen wir uns zur Mittagsruhe zurück, und ich schrieb den Beitrag bis hierher.

Brennende Küken

Tja, Pech für das Nachwuchs-Geflügel: Kaum geschlüpft, schon angezündet. Rechts ein noch unangezündetes Küken zum Vergleich.

Man klopfte an meine Tür, und rief zu Kaffee und Kuchen. Lecker. Hier geht es mir gut. Im Scheine einiger traulich brennender Küken (siehe Bild) ließen wir uns Philadelphiatorte und Schokokuchen schmecken.

Felsenmeer

Dies ist nur ein kleiner Teil der riesigen, zerborstenen Felsen des Felsenmeeres bei Hemer.

Ich fragte, ob man nicht einen kleinen Spaziergang machen wolle. Mein Onkel ist nicht mehr ganz so gut zu Fuß, aber wenn man sich nicht allzu schnell bewegt, kann man noch immer Strecke machen. Wir fuhren nach Deilinghofen zum „Felsenmeer„. Das ist ein Waldstück, in dem riesige Felsbrocken herumliegen. Anlässlich einer Landesgartenschau wurde das Ganze schön gestaltet, Wege neu gemacht und eine Brücke mittendurch gebaut. Es gibt eine Sage, nach der das Felsenmeer entstanden ist, nachdem ein Zauberzwerg über den Riesen, die hinter seinem Reichtum her waren eine Höhle hat einstürzen lassen.

Es ist tatsächlich nicht ganz ungefährlich dort, man sollte sich nur auf den ausgezeichneten Wegen aufhalten, da es viele, teilweise von Laub bedeckte Felsspalten gibt. Es hat dort schon Todesfälle gegeben. Also ist es nur allzu verständlich, dass mein Vater vor vielen Jahren nach Erzählungen meiner Verwandten hier früher mal nicht so glücklich darüber war, dort alleine mit allen vier Kindern aus beiden Familien dorthin einen Ausflug zu machen. Ich erinnere mich an die Geschichte allerdings selbst nicht mehr, allerdings schon daran, dass ich einmal als Kind dort gewesen bin.

Baumbogen

Dies gehört zum naturbelassenen Teil des Felsenmeers. Von diesen Baumbögen waren mehrere zu sehen. Die Inschriften im Baum rechts sind teilweise schon Jahrzehnte alt.

Wir hatten wirklich Glück mit dem Wetter, wir waren deutlich vor 18:00 Uhr losgekommen und konnten noch bis 19:00 Uhr bei Tageslicht spazieren gehen, und die tiefstehende Sonne tauchte die Landschaft in ein besonders warmes Licht. Mein Onkel war sehr begeistert, dass er sich hat motivieren lassen, weil der Spaziergang echt was für die Augen bot.

Weg am Waldrand

Ein Weg am Waldrand unmittelbar am Felsenmeer. Man beachte das „schöne Licht“.

Nach dem Spaziergang fuhren wir zurück zum Haus meiner Verwandten. Unterwegs musste meine Tante, die fuhr, einmal stark in die Eisen steigen, weil schon wieder ein Reh auf der Straße stand.

Zurückgekehrt bestückte ich den Kamin neu, während Onkel und Tante in der Küche das Abendessen bereiteten, welches wir wiederum in der Kaminecke einnahmen. Es gab Goulasch, Kartoffeln und Rotkohl und mundete prächtig, insbesondere im Vergleich zum Abendbrot in der Klinik… Ich hatte eigentlich gar keine weitere, warme Mahlzeit erwartet.

Eierfeier

Eierfeier: Die von meiner Mutter jeweils in vierfacher Ausführung verpackten, österlichen Süßwaren wurden gerecht aufgeteilt. Das Bier habe ich getrunken, ist aber alkoholfrei, weil ich zur Zeit auf den Stoff verzichte.

Anschließend lasen wir die Karten meiner Mutter, die sie zu Ostern hierher geschickt hatte. Das dazugehörige Päckchen öffneten wir erst nach Mitternacht. Bis dahin klönten wir gemütlich in der Kaminecke und sahen eine Reportage über das Miniaturwunderland auf Youtube, weil ich den beiden den Besuch dieser Institution bei einem Aufenthalt bei meinen Eltern oder in Hamburg nahelegte. Nach null Uhr wurde das Päckchen meiner Mutter geöffnet und der Inhalt auf vier Parteien verteilt (und drei und die Tochter des Hauses, die in einer Woche hier zu Besuch kommen möchte). Vielen Dank an dieser Stelle an die edle Spenderin der edlen Eier und Lindt-Hasen! Achja, ich selbst bekam von meinen Verwandten auch was Süßes von Lindt, ein Piccolöchen M&M (für nach dem Klinikaufenthalt), eins von den Kücken-Teelichtern zum Anzünden, und ein Windlicht.

Schließlich war es schon nach 01:00 Uhr, und wir gingen langsam in Richtung Bett. Morgen wollen wir den 10:30 Uhr Gottesdienst in der Stadtkirche Iserlohn besuchen.

Bis morgen.

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Tag 24 – Toter Fisch mit Glyphhacks zum Karfreitag

Ich stand 07:40 Uhr auf, duschte und ging frühstücken. Um 09:30 Uhr stand der Karfreitagsgottesdienst in der evangelischen Kirche Hottenstein mit drei Mitpatienten auf meiner Agenda. Keine Ahnung, mein Bedürfnis, Karfreitag einen Gottesdienst zu besuchen, ist normalerweise nicht sehr stark ausgeprägt. Karfreitagsgottesdienste sind ja auch gerne mal – der Thematik ja auch ein bisschen angemessen – etwas depressiv. Aber für heute war mit der Gottesdienst irgendwie ungewöhnlich wichtig. Ich wollte nicht einfach nur einen freien Tag genießen und mich des Lebens freuen ohne Gedenken an den Tod Jesu Christi. Also hatten wir uns gestern verabredet, den Gottesdienst einer Kirche, deren Gemeindebrief hier herumliegt, zu besuchen.

Wir trafen und um 09:10 Uhr in der Lobby und fuhren zu viert mit dem Corsa einer Mit-Patientin los. Die Fahrerin war die Frau, die mich zuvor angesprochen hat, ich würde ihr nicht zuhören, wenn sie was erzählt, und bei der ich mich danach dafür auch entschuldigt habe. Ansonsten waren noch meine Mit-Patientensprecherin und ein Mann aus meiner Gruppe dabei.

Kirche Hottenstein

Kirche Hottenstein

Es war eine hübsche, kleine Kirche an der Straße, die der 602er-Bus Richtung Oberbarmen-Bahnhof fährt, aber dichter am Bahnhof als an der Klinik. Der Gottesdienst hat mir gefallen. Der Predigtstil des Pastors war recht nüchtern und sachlich, wie ich das mag. Ich habe nur Bruchstücke der Predigt behalten, obwohl ich meine, gut zugehört zu haben. Es ging um das „rätselhafte Böse“ in uns, zunächst am Beispiel des Copiloten des abgestürzten German Wings – Flugs thematisiert, festgemacht an einer „Welt am Sonntag“ – Schlagzeile, die „Sicherheitslücke Seele“ gelautet hatte. Es ging auch aufgrund des Predigttextes („Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben“, Joh. 19,22) um die Person Pilatus. Der wohl geahnt hatte, das Jesus unschuldig war, und versuchte, ihn vor Tod und Folter zu bewahren, aber doch keinen Weg fand und letztenendes den Aufstand der Hoheprister zu sehr fürchtete. Und der – einigen Auslegern zufolge – der erste christliche Missionar war, indem er die besagte Inschrift „Jesus Christus, König der Juden“ am Kreuz anbrachte und zwar dreisprachig (Latein, Häbräisch und Griechisch). Ich finde, das ist eine etwas gewagte These, weil man bei einem christlichen Missionar ja auch den christlichen Glauben (kurz: Jesus Christus ist der Messias, und ich bin nicht sicher, ob „König der Juden“ da den Punkt trifft) wohl voraussetzen darf. Nun ja, auf jeden Fall eine interessante Predigt.

Dann wurde das heilige Abendmahl gefeiert. Sympathischerweise machte der Pastor einen Fehler bei den Einsetzungsworten und begann mit dem Brot, korrigierte sich aber dann und nannte den Kelch zuerst. Ich fand es schön, mit den drei Mit-Patienten das Abendmahl zu feiern.

Achtung, Ingress-Abschnitt
Nach dem Gottesdienst beschloss ich, nicht wieder mit zurück in die Klinik zu fahren, sondern direkt von der Kirche aus Ingress zu spielen. Allerdings hatte ich keinen Zusatz-Akku dabei, was meine Spieldauer auf etwa vier Stunden beschränken würde. Aber ich beschloss, das sei in Ordnung, weil ich dann ja auch noch was anderes mit dem Tag würde machen können. Zuerst bearbeitete ich ein paar Portale an der Straße, d.h. ich nahm sie ein. Das kann ich vom Bus aus nicht machen, das geht da zu schnell vorbei. Ich hatte noch ein graues Portal etwas abseits, das ich ebenfalls besuchte und einnahm. Das war ausnahmsweise eine etwas schönere Ecke mit ein bisschen Wald und einem hügeligen Panoramablick mit viel Grün und ohne hässliche Gebäude.

Zurück an der Straße suchte ich die nächste Bushaltestelle auf. Von hier fuhren logischerweise die 602 Richtung Oberbarmen-Bahnhof, aber auch die 612 ab. Als erstes kam die 612, deren Endstation der Hauptbahnhof war. Und da ich da ja sowieso hin wollte, zum Zocken nach Elberfeld, nahm ich spontan den Bus, statt nach Oberbarmen-Bahnhof zu fahren und die Schwebebahn zu nehmen. Die 612 würde eine andere Strecke fahren, ergo würde ich ein paar Unique Visits und vielleicht auch Captures bekommen. Der Bus brauchte gefühlt lange bis zum Ziel, aber der Plan ging auf.

Im Wesentlichen wollte ich 1.000+ Glyphhacks machen und meine 40 Mio. AP vollbekommen. Angekommen in Elberfeld sah ich bei den Cityarcarden erst mal nur blaue 7er Portale. Ich hackte die, fing aber dann an, Burster zu werfen, um Material loszuwerden. Ich wollte 5er-Sequenzen glyphen, was helfen mir das 7er-Portale? Aber ich hatte sofort wieder „Klabauterstern“ und ein paar andere Schlümpfe an den Hacken. Es gab eine kurze, bemüht-höfliche Konversation, danach gab ich die Ballerei auf und ging im „Extrablatt“ was essen. Lasagne und Waldmeister-Fassbrause, ausnahmsweise keinen „Deal“ mit Hähnchenbruststreifen und Cajuns.

Anschließend fand ich am Rathausbrunnen eine Ansammlung blauer 8er-Portale und eine Route um einen Block, die an diversen anderen 8ern vorbeiführte. Die absolvierte ich mit einer ziemlichen Erfolgsquote viermal und machte so etwa 500 GHP. Anschließend wollte ich den Laden abreißen. Aber kaum fing ich damit an, bastelte schon wieder ein Schlumpf hinter mir her, den ich auch gleich entdeckte und anhand seines Zusatzakku-Kabels auch ziemlich sicher identifizierte und ansprach. Der war mir bis dato noch unbekannt, und meinte, er sei ebenfalls von außerhalb. Ich versuchte, den Abrissbetrieb etwas weiter Richtung St. Laurentius fortzusetzen, hatte aber dann schon wieder „Klabauterstern“ an den Hacken.

Mein Akku näherte sich dem Ende, und ich beschloss, lieber noch ein paar Glyph-Hack-Points zu machen. Ich fand noch eine kleine 5-Portal-8er-Farm, die ich mit ein paar Runden um den Block abgrasen konnte. Hier machte ich dann auch – zuletzt durch Remote Recharge – die 40 Mio. AP voll. Jetzt brauche ich noch eine Onyx-Medaille zu Level 16, aber das wird sich noch ein paar Monate hinziehen.

Der Akku war fast platt. Es war zwar kalt, aber sonnig, und so ging ich in ein Eiscafé und bestellte einen Walnussbecher ohne Alkohol. Das war lecker.

Danach enterte ich die Schwebebahn Richtung Oberbarmen-Bahnhof. Beim Hacken der Strecken-Portale gab der Akku auf. Angekommen in Oberbarmen sah ich, dass der nächste Bus in einer knappen halben Stunde fuhr. Keine große Wartezeit, wenn man ein funktionierendes Smartphone hat. Nun, ich ging in das Bahnhofsgebäude, sah mir Bücher und Zeitschriften im Relay-Shop an, guckte schon mal, was morgen die Fahrkarte nach Iserlohn kosten wird, und kaufte zwei Stück Gebäck beim Billigbäcker.

Danach fuhr dann der Bus zur Schmiedestraße. Unterwegs wurde ich so müde, dass ich einschlief und durch das Runterfallen der Tüte mit dem Gebäck geweckt wurde.

Daher ging ich in meinem Zimmer auch ins Bett, stellte den Wecker und schlief gut anderthalb Stunden. Als der Wecker um 18:35 Uhr piepte, hatte ich erstmal zu nichts Lust und musste mich aus dem Bett quälen. Ich ging zum Abendessen, war aber so spät dran, dass die schon das meiste abgebaut hatten, und ass eine Scheibe Brot mit Käse und Salami.

Als ich den Speiseraum verließ, kam mit völlig fertig meine Mit-Patientensprecherin entgegen. Die war mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und hatte sich übelst verfahren, so dass sie vier Stunden länger als geplant unterwegs gewesen war, und vor allem musste sie eine lange Strecke auf einem nicht so tollen Rad bergauf bewältigen. Die hat immer einen sehr engen Terminplan (auch außerhalb des Therapieplans) und konnte so einige Verabredungen nicht einhalten. Immerhin hatten wir uns mit einem Kollegen aus unserer Gruppe zum Fischessen bei der Aal-Kate verabredet (auch wenn die anderen beiden da gestern schon gewesen waren), und das klappte noch zu recht später Stunde. Ich hatte das eher schon abgehakt gehabt, entschied mich dann aber, doch noch mitzukommen.

Wir fuhren mit dem Touareg des Gruppenkollegen zur Aal-Kate, die beiden nahmen Sushi, ich ein Seelachsfilet mit Kartoffelsalat. Es schmeckte ganz gut, auch wenn der Lachs nicht viel Eigengeschmack hatte. Und „Schuchard“ hatte meine Kreiselportale eingeschlumpft. Das merkte ich erst recht spät, ich hatte über den Genuss des toten Fisches das Spiel und Portal zwischenzeitlich vergessen.

Wieder in der Klinik lungerte ich noch kurz in der Lobby herum, und ging dann den Tag verbloggen. Tja, vielleicht werde ich demnächst, wie schon mal gemutmaßt, weniger Zeit haben. Es gibt ein paar Leute, die gerne im Vortragsraum musizieren und singen, da möchte ich mal zuhören bzw. mitsingen, und bei den Neuankömmlingen, die ich gestern durch das Haus geführt habe, ist ein ziemlicher Brett- und Kartenspielfan dabei. Der hat ein ganzes Auto voller Spiele dabei und will regelmäßig (wenn nicht gar jeden Abend) in Wuppertal II Spieleabende machen. Heute hat er schon mit seinen Mitankömmlingen dort gezockt. Auch das ist attraktiv für mich.

Ich weiß noch nicht, ob ich morgen abend Zeit und Netz zum bloggen haben werde. Vielleicht kommt also kein aktueller Eintrag und ich verblogge Samstag und Sonntag vielleicht als Einheit.

Also, bis dann!

Ingress-Stats:

Translator Trekker Explorer Pioneer Builder Purifier
Letzter Stand 27.230 1.892 km 2.801 1.690 71.712 52.570
Jetzt 28.761 1.904 km 2.833 1.699 72.022 52.968
Delta 1.531 12 km 32 9 310 398
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Tag 23 – Pharmaindustrie vs. IKEA

Aufstehen war um 07:40 Uhr angesagt. Rein in die Sportklamotten und ab zum Frühstück, wie so oft.

Um 08:30 Uhr stand Depressionsgruppe auf dem Plan, aber nicht bei unserer Bezugstherapeutin, sondern bei einer Oberärztin. Ich weiß nicht, ob ich es schon so explizit geschrieben habe, aber die Chefin des gesamten, medizinischen Stabes ist die Chefärztin Frau Imam Farhat. Den Namen kann ich ruhig schreiben, den kann ohnehin jeder auf der Webseite der Klinik nachlesen. Dann kommen zwei Oberärzte und eine Oberärztin, und dann der restliche, medizinische Stab.

Wie auch immer, das war keine „Depressionsgruppe“, sondern ein Vortrag. Es ging um Medikamente, natürlich insbesondere Antidepressiva. Die Vortragende arbeitete ohne Beamer und Powerpoint, sondern mit einem Flipchart. Zuerst ließ sie das Auditorium alle möglichen Psychopharmaka-Namen in den Raum werfen, die sie in Gruppen unterteilt, an den Flipchart schrieb. Was da alles zusammen kam… eine ganze Menge. Mirtazapin, Valdoxen, Doxepin, Trimipamin, Venlafaxin, Citalopram, Opipramol, nur um ein paar zu nennen. Man mag die Fachleute für Namensfindung von IKEA-Möbeln (gibt es da wohl eine Ausbildung in die Richtung? „Fachwirt für Raumausstatungs-Nomenklatur“ oder so?) für ihren nie enden wollenden Strom an Regal-Neologismen bewundern, die Pharmaindustrie braucht sich da nicht zu verstecken! (Mein Sprüchlein „Die sind ja schlimmer als IKEA!“ erntete im Audiotorium auch einiges an Gelächter.)

Flipchart mit Medikamentennamen

Der Flipchart aus dem Medikamenten-Vortrag. Die Pharmaindustrie steht IKEA in der kreativen Namensfindung für ihre Produkte in nichts nach…

Die Einteilung in verschiedene Gruppen hatte ihren Grund, denn die Vortragende hatte die Medikamente nach der Wirkungsweise sortiert. Ich nehme beispielsweise Citalopram, ein sogenanntes SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitor oder selektiver Serotonin Wiederaufnahme-Hemmer). Im Gegensatz dazu gibt es die Gruppe der SNRI (Serotonin Noradrenalin Reuptake Inhibitor) und die der trizyklischen Antidepressiva. Ich versuche mal, das so zu erklären, wie ich das so in etwa verstanden habe. Zwischen den Synapsen und Nervenzellen gibt es eine Schnittstelle. Mithilfe von Botenstoffen (oder Neurotransmittern) werden Informationen von Synapsen an die Nervenzellen übermittelt. Die Nervenzellen haben dafür für die verschiedenen Neurotransmitter verschiedene Rezeptoren. Die Neurotransmitter haben verschiedene Aufgaben, um z.B. Gefühle weiterzuvermitteln. Damit kann auch so etwas wie „ich bin satt“ gemeint sein. Die trizyklischen Antidepressiva ist die älteste Variante und machen im Vergleich zu SNRI und SSRI einen „Rundumschlag“, denn sie beeinflussen neben der Serotonin-Rezeptor-Wirksamkeit auch die für Noradrenalin, Dopamin und anderen Neurotransmittern. Was bedeutet, dass man sehr wahrscheinlich die gewünschte Wirkung erzielt, aber eben auch viele Nebenwirkungen, weil man eben viele Neurotransmitter beeinflusst. Laienhaft, wie ich bin, vergleiche ich sie hier einfach einmal mit einem Breitbandantibiotikum. Die SNRI beeinflussen die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin und sind quasi der Mittelweg, und SSRI beeinflussen nur Serotonin-Rezeptoren. Damit „zielt“ man also am genausten, muss aber halt auch eine genaue Vorstellung haben, was man beeinflussen will. Aber Achtung: Das ist so, wie ich es verstanden habe – vielleicht ist das auch totaler Quark. Also für Dissertationen bitte verlässlichere Quellen verwenden…

Ansonsten ging es noch um die anderen Gruppen, z.B. Neuroleptika, aber darüber wurde nicht so ausführlich referiert wie über die Antidepressiva.

Nach dem Vortrag hatte ich noch genug Zeit, eine wichtige, per Einschreiben gekommene Postsendung an der Rezeption abzuholen und mein Handtuch zu holen. Denn es folgte um 11:15 Uhr Fitnesstraining. Diesmal hatte ich nur für anderthalb Zirkel Zeit, denn ich musste bereits um 12:00 Uhr mit meiner Mit-Patientensprecherin bei der Verwaltungs-Direktorin der Klinik auflaufen.

Hier galt es, über den Inhalt des Kummer-Kastens bzw. persönlich an uns herangetragene Anliegen zu besprechen. Normalerweise läuft das bei der Chefärztin Frau Farhat, aber die ist zur Zeit im Urlaub, daher fand die Besprechung bei deren Chefin statt. Wir gingen die Treppen zum dritten OG zur Verwaltung hoch, fragten uns durch und landeten bei der Vorzimmerdame der Direktorin. Zuerst durften wir nicht näher in das Allerheiligste treten, weil noch vertrauliche Unterlagen herumlagen, wurden dann aber hereingebeten und setzten uns mit der Verwaltungsdirektorin und ihrer Assistentin an einen Tisch.

Zur Sprache kamen die Beschwerden am Essen, verschiedene andere Anregungen und Beschwerden, auch zwei Zettel mit Lob waren dabei, und eine Beschwerde über die zum Teil fehlerhaften und recht spät erscheinenden Therapiepläne. Ich äußerte dazu, dass man hier nach meiner Meinung über einen sehr guten, medizinischen Stab verfüge, deren Wirksamkeit jedoch leider durch eine solch mangelhafte Therapieplanung eingeschränkt wird. Was der Fall ist, wenn da falsche Räume oder Therapeuten stehen hat oder Termine komplett fehlen. Daher sollte man meiner Meinung nach der Therapieplanung mehr Priorität einräumen. Die Direktorin entgegnete, die beste Therapieplanung helfe nichts, wenn jemand sich um 07:00 Uhr krank melde. Das ist sicher richtig, aber vielleicht nicht die ganze Geschichte. Nun, es obliegt mir ja nicht, mir darüber groß Gedanken zu machen, das bringt ja auch nichts. Irgendwie kommen wir ja klar, auch wenn das zur Zeit Patienten wie Therapeuten schon mächtig auf den Keks geht. Und nach Ostern wird es bestimmt wieder besser.

Nach dem Meeting hatten meine Mit-Patientensprecherin und ich noch eine halbe Stunde Zeit zum Mittagessen, bevor das Patientenforum, welches wir zu moderieren hatten, begann. Wir stellten uns also mit den Zetteln aus dem Kummerkasten, einigen Notizen und dem Ordner für Patientensprecher bewaffnet, ans Rednerpult. Der Ordner enthält die Tagesordnung für diese Treffen. Zuerst begrüßten wir pflichtschuldig die Verwaltungsdirektorin und die sonstigen Repräsentanten des medizinischen Stabes, sowie alle Patienten. Anschließend baten wir die Neuankömmlinge der Woche, sich vorzustellen. Dann ging es an den Kummerkasten. Das dauerte eine Weile, weil da schon einiges zu besprechen war. Bei mir war das größte Thema die Beschwerden am Essen. Die Direktorin hatte klargemacht, dass sie höchstes Vertrauen in MediRest setze, und dass regelmäßig Qualitätskontrollen durch das Fresenius-Institut erfolgten. Was nicht die Küche verlasse, dürfe natürlich für künftige Mahlzeiten verwendet werden, was aus der Küche raus sei, würde weggeschmissen. Das Personal müsse in der Küche Haarnetze tragen, aber nicht unbedingt, wenn die außerhalb der Küche unterwegs sind. Ich hatte das Corpus Delicti (Haar) übrigens nicht mitgebracht. Über das trockene Brot und die mangelnde Abwechslung hatte ich mit der Direktorin gar nicht gesprochen, das war mir zu bescheuert. Da sagte ich dann beim Forum lieber meine persönliche Meinung, die ich auch klar als solche ausdrückte, nämlich dass das hier kein Hotel sei. Mir sei das Abendessen mittlerweile auch etwas eintönig geworden, aber dafür haben wir hier einen Supermarkt und Patientenkühlschränke, so dass man dem auch abhelfen könne.

Vortragsraum

Der Vortragsraum. Hier finden die Vorträge und die Patientenforen statt. Man kann ihn aber auch zum musizieren nutzen (was auch schon gemacht wurde, es gibt ein Klavier und ein Cachon hier), oder zum fernsehen. Gerade schaut hier eine einsame Dame RTL.

Meine Mit-Patientensprecherin verlas die Beschwerden zum Therapieplan und das Statement der Direktorin dazu, sowie einige andere Sachen.

Ich fragte höflich, ob die Leitung noch eine Stellungnahme abzugeben wünsche, dem war nicht so. Dann brauchten wir neue Patientensprecher. Ich erklärte mich von vorneherein bereit, dass noch eine weitere Woche zu übernehmen, aber meine Mit-Patientensprecherin wollte aussteigen. Zunächst meldete sich niemand, aber meine Kollegin kam auf die Idee, das mit den Patientenführungen, die einem schon ziemlich den Feierabend zerschießen, auf mehrere Schultern zu verteilen. Und so erklärten sich doch noch zwei Leute bereit, und meine bisherige Kollegin wollte ebenfalls noch einmal eine Hausführung machen.

Anschließend wollte ich das Forum schon schließen, wurde aber von der Direktorin darauf hingewiesen, dass wir noch die Patienten verabschieden mussten, die die Klinik in der kommenden Woche verlassen (bzw. heute schon verlassen haben). Die Gruppe baute sich vorne auf, und es wurde ein launiges Gedicht von einer Dame, die die Klinik bereits am vormittag verlassen hatte, verlesen. Das war übrigens eine Dame aus meiner Tischgesellschaft, diejenige, die die Fahrt zum Starlight Express initiiert hatte.

Danach konnten wir das Forum schließen. Ich bekam – trotz der kleinen Panne – von verschiedenen Seiten das Feedback, dass wir, oder auch konkret ich, das gut gemacht hätten.

Direkt im Anschluss an das Forum war Walking angesagt. Da es ziemlich kalt und windig war, holte ich nur noch schnell meine Jacke aus dem Zimmer, dann Stöcke, und ab ging es mit der langsameren Gruppe, wieder mal zum stillgelegten Bahnhof Schee. Unterwegs bekam ich von einem Kollegen aus meiner Therapiegruppe noch ein Lob zum Forum, er hätte sich als Patientensprecher absichtlich nicht gemeldet, weil er lernen wolle, auch mal „nein“ zu sagen. In der Tat – nicht „nein“ sagen zu können ist hier das Problem einiger Leute. Dann äußerte sich ein anderer Gruppenkollege, er bewundere das, er könne nicht so vor Leuten reden. Die beiden verstehen sich, glaube ich, untereinander ganz gut, jedenfalls änderte der „Nein“-Sager spontan seine Meinung und meinte, man könne es doch zusammen machen. Das fand ich ziemlich cool von ihm, weil er damit dem Nicht-Redner den Einstieg eröffnete, sich da mal auszuprobieren und zu lernen, vielleicht eine Grenze zu überschreiten. Und dann haben wir beim nächsten Forum nicht mehr die peinliche Situation, dass man nach neuen Patientensprechern fragt, und sich keine Sau meldet. Ich bot natürlich an, die beiden nach Kräften zu unterstützen.

Zurück in der Klinik hatte ich Zeit, zu duschen. Danach war Gestaltungstherapie angesagt. Darauf hatte ich nicht sehr viel Lust, insbesondere, weil ich wieder eine Gruppenarbeit witterte. Dem war dann auch so. Die Therapeutin ist zwar hübsch und sympathisch, aber die Aufgabe, die sie mit unserer Bezugstherapeutin ausgekungelt hatte (da wird eng zusammengearbeitet zwischen Ergo- und Psychotherapie) war schwer zu interpretieren. Wir sollten unsere Ressourcen sammeln, die wir zur Umsetzung unserer Ziele entweder noch brauchen oder die uns bereits zur Verfügung stehen. Klingt banaler, als es ist, insbesondere, wenn man dann in der Gruppe einen Konsens zur Umsetzung finden muss. Zunächst wurde wieder ein „Moderator“ eingesetzt, damit die Besprechung nicht allzu chaotisch wurde. Sehr schnell kam die Idee, dass alle Ressourcen als kleine Bäche dargestellt werden sollten, die in einen großen Fluss münden. Das gefiel sofort sehr vielen, mir auch. Dann kam – etwas spät, wie ich fand – aber von einer einzelnen Person Einspruch. Dann wurde das erstmal wieder verworfen, und stattdessen über eine Straße mit LKWs, die Pakete transportieren, gesprochen, auch über eine Fußballmannschaft, deren Spieler verschiedene Talente mitbringen. Das strengte mich irgendwie alles an. Irgendwie dämmerte mir zwar, dass das Ganze schon einem höheren Zweck dienlich war, nämlich Kommunikationskompetenzen zu trainieren, aber an der Oberfläche konnte ich einfach den Gedanken, „Was soll der Killefit, ist doch scheiß egal, ob wir Autos oder nen Fluss malen, hauptsache, hier wird was fertig, und ich kann mit einigermaßen intakter Laune hier irgendwann wieder raus!“ leider nicht ausblenden. Daher beteiligte ich mich nur spärlich an der Diskussion, weil ich befürchtete, sonst schlechte Stimmung zu verbreiten.

Schließlich wurde es doch ein Fluss. Wir sammelten Ressourcen, dabei „innere“ Ressourcen bzw. Fähigkeiten, die wir mitbringen, aber auch äußere Ressourcen wie „Sonnenaufgang“, „Tiere“, „Musik“ etc. Wir schnitten sehr viele Regentropfen aus Tonpapier aus, schrieben die Stichwörter da drauf und pappten das auf einen großen Papierstreifen. Anschließend gab es eine Feedbackrunde. Einige sahen das Thema verfehlt, auch ich, weil mir der Fluss nicht ausreichend das „Ziel“ symbolisierte (da war zwischenzeitlich noch die Idee gekommen, den Fluss ein Wasserkraftwerk antreiben zu lassen). Anderen gefiel das Werk ganz gut. Die Fragen an jeden waren eigentlich, wie man sich während der Vorbereitung gefühlt hat, und welche von den Ressourcen man bei sich sieht, und welche einem fehlten. Ich äußerte ganz ehrlich meine Probleme mit der Aufgabe, aber ich entdeckte eine Menge der Ressourcen bei mir, aber auch einiges auf der Soll-Seite. Dann wurde aufgelöst, dass es darum gehen sollte, dass wir als Gruppe alle unterschiedliche Ressourcen mitbringen, und jemand vielleicht genau das hat, was jemand anderem fehlt, so dass wir uns innerhalb der Gruppe gegenseitig unterstützen können. Wie auch immer… so eine Gestaltungstherapieeinheit dauert 90 Minuten und ist bei vielen eher nicht so beliebt.

Danach hatte ich bis 19:30 Uhr, zur Patientenführung Feierabend. Ich trank mit der frechen Frau aus Rostock einen „Sweet Love“ mit Karamell-Aroma aus dem Dallucci, während die meisten anderen bei einem Vortrag waren, den wir beide schon gehört hatten, und flachsten herum. Sehr gemütlich. Achja, ich hatte ihr meine Kurzgeschichte zu lesen gegeben und bekam gutes Feedback. Ich hatte auch meinen Laptop mit in der Lobby und Gelegenheit, die Geschichte abzutippen, so dass ich sie hier im Blog veröffentlichen konnte. Später ging es darum, eventuell zur „Aal-Kate“ zu gehen, um Fisch/Sushi zu essen. Zwischendurch entfiel meiner Mit-Patientensprecherin (die freche Frau aus Rostock) und mir, dass wir ja noch die Patienten zu führen hatten, und durch viel „wer kommt mit, wer nicht, machen wir das heute oder morgen“ war plötzlich viel Zeit vergangen, und am Ende wollte man losziehen, aber es ging schon auf sieben Uhr zu. Ich hatte die Führung inzwischen wieder auf dem Plan, schickte meine Mit-Sprecherin zum Fischessen und machte die Führung alleine. Vorher musste ich mich aber noch beeilen, beim regulären Abendessen noch etwas zu bekommen.

Das Patientensprecher-Amt wird – insbesondere von amtierenden Patientensprechern und dem therapeutischen Stab – immer gerne als „Training“ verkauft, für solche, die üben wollen, vor anderen Leuten zu sprechen. Damit habe ich ja kaum ein Problem. Aber ich erkannte, dass es trotzdem Training für mich ist. Die Herausforderung bei mir ist eher, cool zu bleiben, wenn sich Leute verspäten oder gar nicht zu Führung erscheinen. Heute fehlten zwei Leute, aber es war trotzdem kein Problem. Ich saß mit den restlichen sechs oder sieben in einer Sitzecke in der Lobby und machte eine kleine Vorstellungsrunde und erzählte locker das eine oder andere schon mal. So zehn Minuten nach der Zeit zogen wir dann los. Ich machte mir erfolgreich zwei Dinge klar: 1. Wenn jemand zu spät kommt, dann ist das deren Problem, nicht meins. 2. Wer die Führung verpasst, wird hier trotzdem klarkommen.

Eine weitere, etwas nervige Sache ist die elende „Wochenendplanung um 19 Uhr“. Das ist ausdrücklich ein Pflichttermin, man wünscht, dass sich die Gruppen treffen und gemeinsam planen, was am Wochenende so ansteht. Das soll Neulingen die Gelegenheit geben, die Freizeitmöglichkeiten hier zu entdecken, und es wird halt gerne gesehen, dass man sich integriert und gemeinsam etwas unternimmt, anstatt sich in seinem Kämmerlein zu verstecken (und z.B. Blog zu schreiben, höm).

Aber: Das soll zwar gemacht werden, aber es spielt keine Rolle, wo und wann. Auf dem Plan steht aber immer eine konkrete Zeit und ein konkreter Raum, und das ist halt Quatsch, weil das einfach Gruppensache ist, wo und wann man sich da zusammensetzt. So stehen immer wieder Leute vor irgendwelchen Räumen, und nix passiert – das ging mir ganz genauso. Und immer wieder wird gefragt, warum das so ist. Meiner Ansicht nach sollte das vom Therapieplan ganz entfernt werden und von den Bezugstherapeuten kommuniziert werden. Oder es sollte ein Merkblatt dazu herausgegeben werden. Irgendetwas in der Art. Aber ich werde, denke ich, mal einen Zettel dazu ans schwarze Brett hängen. Denn an dem Abend kamen einige Neue zu mir und fragten mich, was das denn solle. Auch die Assoziation, man müsse sein Wochenende mit anderen Patienten verbringen, wurde angesprochen, auch das ging mir selbst schon so. Aber: Auch das ist nicht mein Fehler, eigentlich noch nicht mal meine Baustelle. Wie gesagt: Training.

Nach der Patientenführung eierte ich halt noch ein wenig in der Lobby herum. Einerseits suche ich ja immer gerne die Gesellschaft meiner „drei Lieblingsmädels“. Aber wenn da konkret gerade keine Unterhaltung oder Unternehmung zustande kommt, ziehe ich mich doch lieber irgendwann auf mein Zimmer zurück, blogge und chatte vielleicht noch etwas. So auch heute. Da ich aber nach null Uhr noch nicht fertig war, zog ich es vor, ins Bett zu gehen und den Blog dann am Folgetag weiter zu schreiben.

Inzwischen ist der Folgetag. Also muss ich den Eintrag auch gleich schreiben. Also: Bis gleich.

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42 Tage in Wuppertal – eine Kurzgeschichte

„Sind Sie denn bescheuert, die Therapeutin ‚Frau Specht‘ zu nennen?“ Der stellvertretende Chef-Lektor des Suhrpampenverlags (Name geändert) funkelte mich über den Rand seiner randlosen Brille an. „Da weiß doch jeder, wer gemeint ist, und ratz-fatz sitzt der Anwalt der lieben Dame genau da, wo sie gerade meine Couch abnutzen!“ „Aber ich dachte, als kleine Hommage…“ „Sie dachten, Sie dachten! Ich denke, die Prozesskosten möchte ich meinem Arbeitgeber ersparen! Und überhaupt! ’42 Tage in Wuppertag – Ein Tagebuch aus der Reha‘ – wer soll denn das lesen? Die Leute sind doch schon depressiv genug! Und wie banal kann es noch werden:“ Er hob mein Manuskript mit spitzen Fingern vom Tisch auf, als sei bereits ein Pfund Zander darin eingewickelt gewesen, und begann zu lesen. „Die Therapiegruppe E tagte im Raum Wuppertal 2. Frau Specht erklärte die Evaluation von Zielen anhand zweier Akronyme und einem sprachlichen Bild. Man solle seine Ziele in einen SMART packen und damit die ALPEN hochfahren. In mir entstand mein eigenes Bild. Vor meinem inneren Auge sah ich auf meiner Schulter einen kleinen Specht sitzen, der in regelmäßigen Zeitintervallen seinen Schnabel stimmulierend in meine Großhirnrinde bohrte…“
„Aber ich dachte, das muss doch authentisch…“ „Papperlapapp, authentisch! Zeitgeist, Herr Karl, die Leute wollen Zeitgeist! Lesen sie mal die Werke von Thommy Jaud, der hat Verve! Und apropos Specht: Ich muss mich jetzt weiter durch eine halbe Tonne Makkulatur von Nachwuchs-Schmierfinken wie Ihnen kämpfen. Guten Tag!“

„Völlig entnervt ließ ich die PMR bei Herrn Hund über mich ergehen. Ich war noch total frustriert davon, dass mich Frau Balkoni beim Walking aussortiert hatte, weil ich wegen meines Hüftschadens eher ‚Hinking‘ praktizierte. ‚Und sagen Sie nun in Ihren Gedanken „Ich bin ganz ruhig“ ‚. In Gedanken zeigte ich der PMR-Pissnelke einen mentalen Mittelfinger, aber dann war es überstanden.“ Völlig entnervt klappte ich meinen Laptop zu. Ich hatte versucht, einigen Passagen meines Manuskriptes Feinschliff zu verpassen. Aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Aus Vorbei. Nachdem ich alle kleinen, konzernfreien Verlage, die man bei Google finden kann, abgeklappert hatte, hatte ich den Stier bei den Hörnern gepackt und es bei den Großen der Branche versucht. Leider genauso erfolglos. Kein Verlag wollte mein Reha-Tagebuch. Lustlos holte ich mir einen frischen Kaffee aus der Küche und klappte den Laptop wieder auf.

Wo war doch gleich die Stelle? Achja, Kapitel 5 „Mit dem SMART sicher durchs Therapieplan-Chaos“. Genau, da war der Abschnitt mit dem Einzelgespräch bei Frau Vogel. Nachdem wir einige Dinge, die im therapeutischen Alltag so vorgefallen waren, besprochen hatten, durfte ich meine Hausaufgabe vorlesen, die sie mir aufgegeben hatte: „Schreiben Sie Kurzgeschichten über Ihre möglichen, beruflichen Zukunftsszenarien.“ Bei der Variante „Ich werde ein erfolgreicher Autor“ hatte sie viel geschmunzelt und an einigen Stellen herzhaft gelacht. „Ja!“, hatte sie ausgerufen, „super Geschichte, aber wenn Sie mich wirklich ‚Frau Spatz‘ nennen, sitzt mein Anwalt aber ratz-fatz auf der Couch bei Ihrem Verleger, darauf können Sie sich verlassen!“

Bei dem Cappuccino, den ich ihr für den Namen „Frau Spatz“ ausgeben musste, sprachen wir über meine berufliche Zukunft. Schreiben, so war das Credo, sei meine große Begabung, und es sei quasi meine Pflicht, die Welt daran teilhaben zu lassen. Und vor allem könne ich das ja völlig risikolos neben meinem Beruf abends tun. So wurde das Ziel verabschiedet, innerhalb eines Jahres einen verlagsreifen Roman zu verfassen, nachdem wir es schnell nach SMART (sozialverträglich, marktreif, authentisch, relevant, temporeich) evaluiert hatten.

Ich erinnerte mich, wie euphorisch ich ans Werk gegangen war, welche Blockade und Rückschläge ich hatte überwinden müssen. Wie zufrieden ich mit mir gewesen war, als ich meine Rohfassung fertiggestellt hatte. Und dann… Ablehnung nach Ablehnung, „Wir senden Ihnen zu unserer Entlastung Ihre Unterlagen zurück“, „Wir bedauern, Ihr Werk nicht veröffentlichen zu können“, nein, nein, NEIN! In einem Anfall von Zorn und Frustration markierte ich die Textdatei mit der Maus, klickte rechts, „Datei endgültig löschen“, klick links. Was ziemlich theatralisch und witzlos war, schließlich hatte ich eine Sicherheitskopie auf einer externen Festplatte. Irgendwo.

Mein Handy vibrierte. WhatsApp-Nachricht von Melanie. Da klickte etwas in meinem Kopf. Mein Blick blieb unwillkürlich an meinem eBook-Reader hängen. Melanies Schwester Elisabeth schrieb seit Jahren erfolgreiche Lokalkrimis, die sie über Amazon zunächst ausschließlich als eBook vertrieben hatte. Quasi über Nacht hatte sie so viele eBooks verkauft, dass sie ihren Beruf aufgeben und ausschließlich vom Schreiben leben konnte. Wir hatte ich das nur vergessen können? Ja! Das war der Weg. Das könnte, nein, das würde funktionierten. Mist! Wo war nochmal diese Festplatte? Genau da, wo sie hingehörte, in der dritten Schublade meines Rollcontainers. Und die Datei war auch noch drauf und intakt. Puh. Glück gehabt.

Ein Jahr und 125.000 verkaufte eBooks später…

Ich feilte gerade am Schluss der Fortsetzung „Die Häkelnadel des Grauens“, als das Telefon dudelte. Ich drückte auf den grünen Hörer und meldete mich: „Amt für literarische Terroranschläge und mutwillige Buchstabenverschwendung, Sie sprechen mit Michael Karl. Was kann ich für Sie tun?“ „Ähm…“ Sicher, das. Die Verarbeitung konnte noch so 20.000 Millisekunden dauern, also wartete ich geduldig. „Sind Sie das, Herr Karl?“ Nein, Barak Obama. Also weiter geduldig warten, danke für das Training, Vollpfosten. „Und ist zu Ohren gekommen, dass man in der Autorenszene munkelt, Sie arbeiteten an einer Fortsetzung zu ’42 Tage in Wuppertal‘. Hier spricht Degenhardt Schmidtbauer, stellvertretender Chef-Lektor des Suhrpampen-Verlags. Wollen wir bei einer Tasse Kaffee einmal über die Veröffentlichungsrechte sprechen?“ Weihnachten, Ostern, mein neunter Geburtstag und der Tag, an dem „Battlefield 4“ veröffentlicht wurde, verschmolzen in meinem Kopf zu einem bunten Reigen. „Nein danke. Kein Interesse. Ihre Couch ist mir zu abgenutzt.“, trällerte ich in den Hörer, „Guten Tag.“ Mit mir und der Welt im Reinen drückte ich auf die Taste mit dem roten Hörer.

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Tag 22 – Get it together and see what’s happening und Linedance

Pieppieppieppiep um 07:30 Uhr. Der Wecker. Wer auch sonst. Ich schlüpfte in meine Sportklamotten und ging frühstücken. Um es mal vorweg zu nehmen: Heute war ein richtig guter Tag!

08:30 Uhr war Indi Stress bei unserer Bezugstherapeutin. Diesmal wirklich! Nachdem wir wieder eine ganze Weile über das gegenwärtige Chaos in den Therapieplänen geläst… ähm, konstruktiv diskutiert hatten, kam die Therapeutin zum Thema. Sie ist dafür berüchtigt, aber auch geschätzt, sich nicht streng an irgendwelche Themen zu halten, sondern das zu machen, was ihr in der Gruppe gerade sinnvoll erscheint. Sie referierte über die Evaluation von Zielen. Zunächst brachte sie ein Bild: Packen Sie ihre Ziele in einen Smart und fahren Sie damit auf die Alpen. Sowohl SMART als auch ALPEN sind Akronyme. Der Kleinstwagen z.B. bedeutet:

Spezifisch
Messbar
Anspruchsvoll
Realistisch
Terminiert

Alle diese Kriterien muss ein taugliches Ziel, z.B. für die Zeit nach der Reha, erfüllen. Dazu ist zu erwähnen, dass unsere Bezugstherapeutin auch viel Wirtschaftspsychologie gemacht hat, auch in großen, namhaften Firmen als Coach. Sie erläuterte das SMART an einem einfachen Beispiel, indem sie in der Runde nach Zielen fragte. Einer gab eine klassische Antwort: „Mehr Sport machen“. Darauf meinte die Therapeutin, das sei „Wischi-waschi“ und würde nichts werden. Ein Ziel sollte vor der Umsetzung nach SMART geprüft werden. Erstens: Spezifisch. Also, was für ein Sport, und wie oft bzw. evtl. auch mit wem? Beispielsweise Joggen, zweimal in der Woche 3km. Das ist messbar. Es ist auf jeden Fall am Anfang auch anspruchsvoll, wenn man untrainiert ist, aber auch realistisch. Vier Termine in der Woche wären, wenn man arbeitet und Familie hat, vielleicht nicht realistisch. Und wenn man genau die Tage und Zeiten, an denen man laufen will, benennt, ggf. mit seiner Familie abspricht, dann ist es auch terminiert.

Während man seine Ziele umsetze, seien sie nach dem Prinzip ALPEN weiter zu prüfen. Das steht für ALles aufschreiben, Prioritäten, Evaluation, Nachkontrolle. Das wurde nicht weiter erläutert (oder ich habe vielleicht auch nicht aufgepasst, was mir bestimmt 10 Stockhiebe eintrüge, käme es raus).

Zu sportlichen Zielen habe ich mir notiert: Lass es langsam angehen, aber mach es! Korrektur. Das gilt für Ziele im allgemeinen. Gute Planung, schlau terminiert, flexibel, nicht zu viel, aber verbindlich. Gerne auch mit Partner! Ziele steigern, aber langsam und nicht über das Limit. Achtsam vorgehen.

Wir bekamen als Hausaufgaben, einen Stapel Material durchzuarbeiten sowie ein Ziel nach SMART zu formulieren. Uff. Und ich habe doch schon soviel Schreibkram nach der letzten Einzelsitzung aufbekommen! Aber ich fand, dass das eine recht produktive Einheit war.

Nach der Sitzung hatte ich ca. 20 Minuten Zeit, Kram hin und her zu räumen. Dann war um 10:15 Uhr Fitnesstraining angesagt. Wir absolvierten den üblichen Zirkel zweimal, ich mache das ja nicht ungerne. Ich bin inzwischen echt gut im Balancieren auf der schwierigsten Scheibe an der Station, was mir sogar schon einiges an Bewunderung eingetragen hat. Allerdings wurde ich heute böse von der neidischen, jungen Dame aus Rostock geschubst, die neben mir auf dem Ergometer trainierte. Frechheit!

Eigentlich stand auf meinem Plan Einzel-Physio erst um 16:00 Uhr bei einer anderen Therapeutin. Aber die Therapeutin, die das Fitnesstraining leitete, war auch die, bei der ich meine erste Einzel-Physio gehabt habe, und die fragte mich, ob ich das bei ihr direkt im Anschluss an das Fitness-Training machen wolle. Klar wollte ich, denn erstens war es mir lieber, dass die Einzel-Physio bei derselben Therapeutin, nicht bei wechselnden, stattfand, und zweitens war mir auch der Termin lieber, es machte den Tag kompakter.

Bei der Einzelphysio ließ mich die Therapeutin ein paar Schritte durch die Sporthalle gehen und lobte, mein Gangbild sähe schon viel besser und runder aus. Anschließend legte sie mich auf eine Liege, zunächst mit freiem Oberkörper auf den Rücken. Sie checkte meinen Rücken durch, fand aber nichts akut Auffälliges. Danach zerrte sie hier und da noch am Beinchen und zeigte mir ein paar Übungen. Das war es dann auch, und ich konnte zum Mittagessen gehen. Vorher hatte ich noch Zeit, zu duschen.

Ostergrüße

Die „Päckchenausbeute“ des heutigen Tages. Ostern in der Klinik ist doch gar nicht mal so übel… Vorne links übrigens der „Schafseher“. Den Eierbecher kann ich hier tatsächlich gebrauchen, denn es gibt ab und zu gekochte Eier beim Frühstück, aber keine Eierbecher. Damit bin ich der Chef am Tisch!

Allerdings hatte ich schon wieder einen Zettel bzgl. eines Päckchens im Postkasten, das konnte natürlich nicht warten und musste vor dem Essen auf’s Zimmer geschafft und ausgepackt werden! (Die Frau an der Rezeption meinte schon, es sei bemerkenswert, was ich an Päckchen bekäme… und das finde ich ebenfalls. Ich freu mir ein Ei!) Es war von meiner lieben Schwester und enthielt ein Ü-Ei in einem „Schafseher“-Eierbecher, einen Lindt-Goldhasen, eine große Packung mit lecker Niederegger Marzipaneiern und eine liebe Karte. Am besten gefiel mir der „Schafseher“ (Schaf-Eierbecher mit Brille und Ü-Ei). Meine Schwester hatte dazu geschrieben „Besonders passend fand ich den Schafseher, weil ich finde, dass Du gerade beachtlich viel mit Schärfe betrachtest“. Heute habe ich auch einen beachtlichen Haufen positives Feedback bekommen.

Dementsprechend war ich gut gelaunt. Ich hatte irgendwie gerade einen Titel der Beastie Boys im Kopf, „Get it together and see what’s happening“. Ich übersetze das für mich mal in etwa „Krieg Deinen Kram auf die Reihe und sieh, was passiert“. Natürlich legte ich den Song auf die Bose-Box und tanzte ein bisschen durchs Zimmer:

And I be working on my game
because live is taxing
Got to get it together
and see what’s happening

Ich beschloss, das zum Motto meiner Reha zu machen, schrieb es auf ein A4-Blatt und hängte es auf.

Nach dem Mittagessen (Schweinegeschnetzeltes mit Nudeln und Gemüse, dazu Salat, hinterher Birnenquark, lecker) war dann mein reguläres Programm schon erledigt, und ich hatte theoretisch frei. (SINA/TAF fiel wegen Krankeit aus.) Allerdings stand noch die Hausführung um 18:45 Uhr an. Sonst wäre ich vielleicht in die Innenstadt zum Ingress-zocken gefahren. Aber das lohnte sich so nur begrenzt, weshalb ich es vorzog, erst einmal eine Stunde zu schlafen.

Anschließend (ich hatte den Wecker gestellt) stand ich auf und setzte mich an den Schreibtisch, um eine der Kurzgeschichten, die ich für meine Therapeutin als Hausaufgabe zum Thema „berufliche Zukunftsszenarien“ zu schreiben hatte, anzufangen. Da ich ja einiges an positivem Feedback für meinen Blog bekomme, habe ich wirklich den Traum, eines Tages (gefährlich, weil nicht terminiert!) mal ein Buch zu schreiben. Vielleicht wird das wirklich ein Ziel. Daher habe ich meine erste Kurzgeschichte dem Thema „schreiben“ gewidmet. Da die Zielgruppe an sich ja die Bezugstherapeutin ist, nicht die Öffentlichkeit, habe ich das extra ein bisschen auf sie zugeschnitten. Aber ich werde sie mal abtippen und hier veröffentlichen, vielleicht leicht revidiert. Versprochen.

Nachdem ich die erste Seite geschrieben hatte, machte ich meinen Sojourner-Spaziergang.

Café Dallucci

Oft erwähnt, hier im Bild: Café Dallucci in der Lobby. Das Gebäck ist gut, der Kaffee exzellent. Außerdem kann man hier auch Zeitschriften, kalte Getränke, Süßigkeiten und Artikel des täglichen Bedarfs erstehen (nicht im Bild).

Anschließend ging ich in die Lobby und holte mir bei Dallucci einen Cappuccino und einen Blaubeermuffin. Natürlich war zu viel los, so dass ich nicht viel schreiben konnte. Denn meine drei Lieblingsmädels hingen da auch herum. Eine davon, ein sehr toughes Mädel, studierte Sozialpädagogin, die mit Jugendlichen arbeitet, so Typ zum Pferdestehlen, gab eine Runde Kaffee aus. Und hatte dann aus einer Drehung mit gleichzeitigem Aufrichten eine unglückliche Kollision mit einem Pfeiler. Aua! Nun, es gab eine kleine Platzwunde über dem rechten Auge, daraufhin ein Kühlpack von der Pflege. Zum Glück ist die hart im Nehmen. Es dauerte nicht lange, da lachte sie über sich selbst. Und am Abend war sie schon wieder beim Linedance dabei.

Apropos Linedance… die kleine, freche Frau aus Rostock hat es sich zu ihrer Aufgabe gemacht, mich zu piesacken, damit ich nicht nur blogschreibend in meiner Bude sitzen. Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte, fragte ich sie heute morgen, was sie denn abends vorhätte. Ihre Antwort war „Linedance, trag Dich doch auch ein, kostet 5 Euro.“ Ich sagte halt sofort „Ja“, trug mich bei der Rezeption in die Liste ein und berappte die 5 Euronen. Um 20:00 Uhr sollte es losgehen.

Inzwischen hatte ich aber noch ein wenig Zeit, also ging ich doch noch auf mein Zimmer, um weiter an meiner Kurzgeschichte zu arbeiten. Ich schaffte endlich zwei weitere Seiten, als es Zeit wurde, zum Linedance in den Raum Wuppertal zu gehen. Hier erwarteten die externen Linedance-Experten Nico und Ole schon die Interessierten. Um sofort einem Klischee von Marius-Müller-Westernhagen zu entsprechen kam gleich eine Ansage, dass man sich nicht wundern solle, wenn sich die beiden gegenseitig mit „Schatz“ anredeten, man sei seit zweieinhalb Jahren verheiratet. Nun denn. Süß, die beiden. Die beiden leiten eine Truppe namens „Crazy Dancers Wuppertal“ und haben einen deutschen Vizemeister-Titel und einen Europameister-Titel in dieser Disziplin. Später erläuterten die beiden, dass man im Wettkampf zwar in einer Gruppe tanze, aber die Bewertung einzeln erfolge, also nicht für eine Gruppe als Team, sondern für die einzelnen Tänzer. Die beiden sind in unterschiedlichen Altersklassen, also keine Konkurrenz für einander. Und auch in der Gruppe würden die Füsse synchron alle dasselbe machen, aber jeder könne individuell mit den Armen seinem Tanz einen Ausdruck verleihen.

Der Linedance komme ursprünglich aus dem „wilden Westen“, die klassische Variante würde zu Countrymusik getanzt. Der „moderne Linedance“ hingegen kann zu völlig beliebiger Musik getanzt werden. Ein schönes Beispiel für den eher klassischen Linedance kann man sich in dem untenstehenden Youtube-Video ansehen, das ist eine Szene aus der Neuverfilmung des 80er-Jahre-Tanzfilm-Klassikers „Footloose“.

Wir durften uns dann in mehreren Reihen aufstellen, und Nico begann, uns die Choreographie eines Tanzes namens „Gin and Tonic“ Schritt für Schritt zu erklären. Diese bestünde aus 36 sogenannten „Counts“, wobei ein Count ein Schritt oder eine andere Bewegung mit den Füssen ist (ein Count kann z.B. auch einmal Wippen auf den Fußballen sein). Die 36 Counts bilden zusammen eine sogenannte „Wand“, was schlicht sowas wie „Durchgang“ bedeutet, nachdem sich die Folge der Counts wiederholt. In Falle von „Gin and Tonic“ enthielt jede Wand eine 90 Grad-Drehung, so dass man nach vier „Wänden“ wieder die ursprüngliche Position erreicht hatte. Ich hatte damit gerechnet, mir die Abfolge der Counts nicht so gut merken zu können, und anfangs hatte ich auch Probleme damit. Ich merkte schon, wie der Perfektionist in mir begann, allgemeine Frustration auszurufen. Aber dann klappte es auf einmal verblüffend gut! Nicht nur ich war darüber erstaunt. Wie auch immer, wir übten die Wände rauf und runter, und schließlich kam Musik dazu. In diesem Fall leider eine unsäglich aufgemotzte Discoversion von „Ma Baker“ von Boney M, ursprünglich aus den 70’s. Aber egal, denn es machte mir echt Spaß! Und es war mir auch völlig egal, dass ich mal Fehler machte, wichtig war mir nur, die Counts im Wesentlichen verinnerlicht zu haben und einigermaßen gut über die Bühne zu bringen. Wir waren übrigens nur zwei Männer unter einer Menge Frauen (abgesehen halt von den beiden Leitern).

Zwischendurch gab es eine kurze Pause. Später führten die beiden Damen, die schon beim letzten Mal (das findet hier regelmäßig statt) dabei waren, zusammen mit Nico und Ole den Tanz auf, den sie beim letzten Linedance-Event gelernt hatten. Eine der beiden Damen praktiziert den Linedance auch in ihrer Heimat und führte zusammen mit Ole und Nico eine Nummer vor, die sie aus ihrer Truppe kannte. Und Nico und Ole führten noch zu zweit einen weiteren Tanz auf. Zwischendurch tanzten wir nochmals „Gin and Tonic“. Wahrscheinlich reichte die Zeit nicht, einen zweiten Tanz zu lernen, aber ich hätte lieber mehr selber getanzt, als zwischendurch zuzuschauen. Trotzdem fand ich, dass es eine sehr schöne Sache war. Am 15. April kommen Nico und Ole wieder, und ich bin bestimmt auch wieder dabei. Ich könnte mir sogar vorstellen, mir in Osnabrück eine Truppe zu suchen, lt. Internet gibt es offenbar eine her Western-orientierte klassische Truppe in Osnabrück und eine Modern Linedance Truppe in Belm. Aber ich denke, meine sexuelle Ausrichtung bleibt dieselbe, also Klappe, Marius!

Tja, das war dann der Abend im Wesentlichen. Ich hockte noch kurz mit paar Leuten in der Lobby, ging dann aber in mein Zimmer, und schrieb meine Kurzgeschichte zum Thema „schreiben“ fertig. Apropos „schreiben“… ich würde Euch, die Ihr mir alle so liebe Briefe, Karten und Päckchen schickt, gerne allen individuelle Mails oder Karten schicken. Aber ich weiß noch nicht, wann ich dazu komme, weil ich halt so viel als Hausaufgaben zu schreiben habe. Dann versuche ich, noch ein paar mehr Angebote zu nutzen, ein bisschen zu socialisen und trotzdem den Blog in gewohnter Ausführlichkeit zu schreiben. Da haben ja alle etwas davon. Also bitte ich Verzeihung, dass es mit persönlichen Mails und Karten etwas dauern kann.

Ich versuchte, noch Testleser für meine Geschichte zu finden, aber man war nicht interessiert oder schon auf dem Weg ins Bett. Vielleicht morgen. Ich glaube, die Geschichte ist ganz lustig geworden, aber das soll halt auch mal jemand anderes verifizieren. Vielleicht schaffe ich es ja, sie morgen abzutippen.

Tja, es ist schon fast 01:00 Uhr, so spät war ich noch nie im Bett hier. Wenigstens habe ich morgen keinen Frühsport, aber ein recht volles Programm:

08:30 Uhr – Depressionsgruppe

11:15 Uhr – Fitnesstraining

12:00 Uhr – Termin bei Frau Mietzner-Liebmann (Verwaltung) zur Kummerkasten-Besprechung

13:00 Uhr – Patientenforum (welches ich mit der anderen Patientensprecherin zu moderieren habe)

13:30 Uhr – Walking

15:00 Uhr – Gestaltungstherapie (wenn das nicht mangels Ergotherapeuten ausfällt)

19:00 Uhr – Wochenendplanung (ziehen wir vielleicht vor oder lassen es ausfallen)

19:30 Uhr – Patientenführung

Therapieplanchaos lässt grüßen: Manche hatten heute nur zwei Termine, dafür morgen 11. Bei mir ist das bisher nicht ganz so schlimm gewesen. Achja, ein Nachtrag: Ich habe vergessen zu erwähnen, dass meine Mitpatientensprecherin zufällig mit einem der Neuankömmlinge vor der Patientenführung sprach und feststellte, dass die die Hausführung nicht um 18:45 Uhr, was mittwochs der Normalfall ist, sondern um 19:30 Uhr auf deren Terminplan stand. Das hatte uns erstens niemand mitgeteilt, und zweitens schafft man die Hausführung nicht in einer halben Stunde. Wir haben beim ersten Mal eine ganze Stunde gebraucht, in einer dreiviertel Stunde ist das machbar, aber 30 Minuten sind echt knapp. Also kollidierte der geänderte Termin mit unserem Linedancing. Ich war nur frustriert und genervt, meine Kollegin aber Lösungsorientiert. Sie fand eine Vertretung, die die Leute führte, während wir zum Linedancing gingen. Es geht hier organisatorisch echt drunter und drüber im Moment. Leute im Urlaub, Leute krank, Viertagewoche, Chefärztin auch im Urlaub, Therapieplanung unterbesetzt. Ganz schön nervig am Rande.

Das war es jetzt aber wirklich. Bis morgen!

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Tag 21 – Bergfest (vielleicht) und viel liebe Post

Nachdem der Wecker um 06:40 Uhr Rabbaz gemacht hatte stand ich auf, schlüpfte in die Sportklamotten und eilte zum Frühsport in Raum Wuppertal. Hm. Frühsport nervt zwar (also, insbesondere das „Früh“), aber es ist nicht so anspruchsvoll wie teilweise „Trainingsgruppe“ oder „Sport und Bewegung“. Und ich muss feststellen, dass ich, obwohl ich auch die Sporttherapeutinnen durchaus schätze, einfach lieber bei den Männern Sport mache. Dieselbe Meinung habe ich auch schon von einer der Mitpatientinnen gehört, liegt also nicht unbedingt daran, dass ich selbst ein Kerl bin.

Nach dem Sport ging ich frühstücken, danach traf sich die Gruppe in Raum Wuppertal II. Nur leider kam keine Therapeutin. Auch wenn das nicht jeder in der Gruppe mitbekommen hatte, so hatte unsere Bezugstherapeutin gestern gesagt: „Egal was im Therapieplan steht, wir treffen uns morgen um 08:30 Uhr“. Und wir waren ja auch da. Aber nach 30 Minuten ohne Therapeutin (natürlich versuchten wir, sie aufzutreiben, aber sie war nicht mal im Haus, wir argwöhnten schon, dass sie wegen des Sturms hier womöglich Schwierigkeiten hatte, herzukommen) lösten wir die Runde auf. Ich hatte zwei Stunden Zeit bis zu meiner nächsten Anwendung und machte einen Sojourner-Spaziergang.

Die nächste Anwendung wäre Walking gewesen. Wegen der Unwetterwarnung waren alternative Sportmöglichkeiten angeschlagen. Ich entschied mich mit einer Mitpatientin, zu einer Geh-Meditation in den Enspannungsraum zu gehen. Dort erwarteten uns eine Sporttherapeutin und eine weitere Patientin. Wir waren also insgesamt nur zu viert, und das war auch sehr gut so, weil wir Platz gebrauchen konnten. Zuerst setzten wir uns auf den Boden, und die Therapeutin erklärte, wie das ablaufen würde. Im Wesentlichen geht es darum, so langsam wie möglich durch den Raum zu gehen. Je langsamer, desto besser. Dabei soll man dann seine Aufmerksamkeit komplett auf die Körperempfindungen während des Gehens lenken. Wenn doch Gedanken kommen – was bei Anfängern in meditativen Übungen eigentlich immer passiert, dass soll man die beobachten. Nicht unbedingt wegschieben oder ziehen lassen, sondern versuchen, „von außen zu betrachten“. Ein Ziel für Anfänger ist nämlich, dieses Turbo-Gedankenchaos, welches wir normalerweise den ganzen Tag im Kopf haben, überhaupt erst einmal als solches wahrzunehmen. Sozusagen eine Bestandsaufnahme. Das kam aber erst bei der Retro nach der Meditation so richtig zur Sprache. Das Gehen fand zu meditativer Musik statt. Als die Musik nach 20 Minuten endete, sollten wir uns dort, wo wir gerade waren, auf den Boden setzen. Nach fünf weiteren Minuten ertönte eine Klangschale, und die Meditation war beendet. Natürlich war die ganze Zeit mal Klappe halten angesagt, und auch sowas wie einem Juckreiz nachgeben und kratzen oder so sollte möglichst unterdrückt werden.

Es war eine ganz interessante Erfahrung, so langsam wie möglich zu gehen und dabei den ganzen Bewegungsablauf bewusst wahrzunehmen. Das ist anstrengender, als man denkt, denn erstens steht man länger auf einem Bein (was ich eh nicht gut kann), und zweitens hat man keinen Schwung, den man nutzen kann. Je weniger ich mich konzentrierte, desto schneller ging ich. Trotzdem war ich recht langsam, die Frau vor mir lief mir weg, und die hinter mir holte auf. Achja, man sollte den Blick auf den Boden vor den Füßen richten, damit einen nichts ablenkt. Aber irgendwann sah ich, nach einer halben Runde durch den Raum, die Füße der Therapeutin vor mir. Krass, die war überhaupt fast gar nicht vom Fleck gekommen. Schon ein lustiges Konzept, dass mal nicht der schnellste, sondern der langsamste „gewinnt“, auch wenn es ja kein Wettkampf ist. Da die Therapeutin quer zu mir ging, musste ich mir dann irgendwann noch ein „Konzept ausdenken“, um nicht mit ihr zu kollidieren. Klingt total bescheuert, aber wenn man sich so langsam bewegt, hat man ja Zeit, sich das zu überlegen. „Passe ich da durch? Links vorbei? Rechts?“ Und auch die Ausweichbewegung, das Drehen der Füße, als Abwechslung zum Geradeauslaufen, all das, was sonst völlig automatisch abläuft, habe ich total bewusst wahrgenommen.

Die Musik war zuende, als ich dachte, wir hätten vielleicht 10 Minuten hinter uns. Ich hatte ziemlich genau eine Runde durch den Raum hinter mir, allerdings konnte ich wegen des Ausweichmanövers nicht die volle Raumlänge nutzen. Das Sitzen auf dem Boden war nicht so schön, weil ich nicht gut auf dem Boden sitzen kann. Schneidersitz geht gar nicht, und es gibt einfach keine Position in der ich angenehm lange sitzen kann. So waren die fünf Minuten schon eher lang, weil ich mich nicht bewegen wollte. Schließlich ertönte die Klangschale, und die Übung war beendet. Es folgte noch die Feedbackrunde, das war es dann. Ich fühlte mich anschließend irgendwie gut erholt.

Anschließend gab es Mittagessen, Hühnchen mit Reis und Gemüse in meinem Fall.

Viele schöne Sachen in der Post

Viele schöne Sache in der Post: Schlümpfe, Fröschen, Karten, Briefe, Kaffee, Ostereier und -hase und ein Maulwurfn-Video. Den Maulwurfn hat Bärchen übrigens selbst gemacht.

In meinem Postkasten fand ich einen Brief von einer sehr guten Freundin aus Osnabrück-Schinkel und einen Zettel mit einem Hinweis auf ein Päckchen an der Rezeption vor. Ich holte mir die in Froschkönig-Geschenkpapier eingeschlagene Postsendung ab und eilte auf mein Zimmer. Das konnte ja nun nicht warten! In dem Päckchen war von meiner Chor-Schwester Bärchen und ihrem Freund und enthielt viele tolle Sachen: Eine Packung Haribo Schlümpfe, zum Ausgleich auch eine Packung Haribo Frösche, einen Kopfstand-machenden Bären, der nach dem Aufziehen auf seinen Händen läuft, einen Brief und einen USB-Stick. Ich holte sofort meinen Laptop aus dem Safe und stöpselte das Ding gespannt ein. Er enthielt eine Datei „schlumpfen.mp4“, eigens produziertes Video mit dem Maulwurfn (frei nach René Marek), einem Schlumpf und einem Frosch. Den Stick muss ich aber zurückgeben, weil mich sonst (Zitat) „der Storch holt“.

Der Brief enthielt eine sehr liebe Karte. Gestern schon hatte ich von der „Handtaschenfreundin“ (alte Geschichte) und ihrem Mann ein Päckchen bekommen, da waren schon einmal Osterhasen- und Eier drin, eine sehr liebe Karte und so ein Päckchen Kaffee inklusive Filter für eine Tasse. Ich bin mal gespannt, wie das klappt, muss ich bald mal ausprobieren. Wie auch immer, als ich das alles mal auf meinem Schreibtisch aufgebaut und fotografiert habe, fühlte sich das ein bisschen wie Geburtstag an! Habt Dank, all Ihr Lieben!

Ich suchte danach Raum London für eine PMR auf. Ist ja normalerweise nicht so mein Ding, die Progressive Muskel-Relaxation, aber diesmal tat mir das ganz gut. Die Therapeutin, bei der ich sonst noch nie etwas gehabt habe, hat das ganz gut gemacht. Irgendwer meinte am Ende sogar „Nochmal!“, daraufhin machten wir noch eine kurze Übung, die man zu zweit macht, paarweise.

Nun hatte ich satte zwei Stunden Zeit. Ich ging duschen, zog mir nur meine Schlafanzughose an und legte mich für solide anderthalb Stunden schlafen.

Anschließend ging ich ausgeschlafen zu meiner Bezugstherpeutin. Inzwischen war die da, und ich hatte einen Einzeltermin. Dort kam heraus, dass der Termin heute eigentlich für morgen gedacht war, da hatte sie sich entweder vertan, oder wir haben das kollektiv falsch verstanden. Nun, das ist gegessen. Ansonsten habe ich ihr meine Hausaufgabe in Briefform gegeben. Ich durfte sie ihr dann vorlesen, wobei sie mich bremste, weil ich zu schnell las. Wir sprachen über das Thema, was ich als Kind wollte, was ich jetzt will, und darüber, dass ich immer wieder das Gefühl habe, mein Potential bei weitem nicht abrufen zu können. Es ging auch um das, was ich inzwischen dazu herausgefunden habe und wie so mein Plan aussehen könnte, was gegen das Problem, dass ich sehr ungerne lerne, tun könnte. Insofern war es ganz fruchtbar, auch wenn das alles noch nicht ausgereift ist. Aber ich habe ja noch etwas Zeit hier.

Wie auch immer, vielleicht war es ein Thema, viel und lustig zu schreiben. Denn jetzt verlangt die gute Frau von mir unter anderem als Hausaufgabe, Kurzgeschichten zu möglichen Zukunftsszenarien zu verfassen. Das wird hart. Ich schreibe zwar Reiseberichte und sowas flockig runter, aber ne Kurzgeschichte, die sich schlüssig liest und sowas wie einen vernünftigen Anfang und ein gutes Ende und auch noch sowas wie einen Clou hat… Puh. Darin bin ich total unerfahren.

Nach dem Termin hatte ich theoretisch Feierabend, aber es war schon Zeit für die Hausführung als Patientensprecher mit den heutigen Neuankömmlingen, derer zehn Personen. Eigentlich fast elf, denn eine war ziemlich schwanger. Auf die mussten wir noch fünf Minuten warten, aber dann ging es los. Wir begannen im Therapiezentrum, deren Räume nach Europäischen Hauptstädten benannt sind (außer Jul 1 bis Jul 4). Die Räume gehen alle von einem Raum mit Couch und Fernseher ab, der nach „Feierabend“ im Therapiezentrum als Aufenthalts- und Fernsehraum genutzt wird. Dann ging es zum großen Schwarzen Brett, erklären, was da alles so angeschlagen wird. Unter anderem kann man sich da in die Fernsehliste eintragen. Dann war der Ordner, wo man sich für freiwillige Zusatzaktivitäten (Pilates, Yoga, Feldenkrais etc.) eintragen kann zu zeigen, der Patientenkühlschrank, die Pinnwand mit Freizeittipps etc. Dann gingen wir in den Vortragsraum, vorbei an Schließfächern und öffentlichem Internet-Terminal und dann Richtung Keller. Hier waren die Sporträume, Schwimmbad, Sauna, Werkräume, der Waschraum und der Pub zu zeigen und alles zu erklären. Immer, wenn ich zu ausschweifend wurde, bremste mich meine Mitpatienten-Sprecherin. Denn sie wollte fertig werden, weil sie noch Fitnessraum- und Saunapläne hatte. Wir beendeten die Führung schließlich wieder in der Lobby, wo wir sie auch begonnen hatten, und es gab dann gleich Abendessen. Später sagte mir eine der neuangekommenen Damen (es gab keine Männer heute neu), wir hätten das sehr gut gemacht.

Nach dem Abendessen machte ich einen weiteren Spaziergang zum Kreisel. Anschließend verzog ich mich in mein Zimmer, um zu bloggen. Und das war es dann auch für heute.

Mein Therapieplan für morgen:

08:30 Uhr – Indi Stress

10:15 Uhr – Fitnesstraining

13:00 Uhr – SINA/TAF (Sinnesaktivierung / Training Arbeitsrelevanter Fähigkeiten)

16:00 Uhr – Einzel-Physio

Nachtrag

Meine Mit-Patientensprecherin meint, ich investiere zu viel Zeit in meinen Blog und sollte nicht immer so viel auf meinem Zimmer hocken. Sie nimmt hier alles mit was geht an Zusammensein mit anderen Patienten und zusätzlichen Freizeit-Angeboten – und meint, das solle ich für mich auch tun. Tja. Einerseits klingt das vernünftig. Andererseits muss ich das für mich selbst entscheiden. Ich blogge halt gern, und ich bekomme viel positives Feedback. Und ich hab einfach auch nicht soviel Lust auf Socialising und neue Leute kennen lernen. Und auch nicht unbedingt auf immer mehr Leidensgeschichten von den anderen.

Als ich meinte, ich habe nicht so viel Bock auf neue Kontakte, weil ich schon so viele Freunde habe, meinte sie, ich müsse vielleicht wen aussortieren, und ob das denn wirklich gute Freunde seien und so. Da riss mir dann doch ein bisschen die Hutschnur, mir von so einem jungen Ding was über den Unterschied von „Bekannten“ und „Freunden“ erzählen lassen zu müssen. Das habe ich ihr auch gesagt. Ich glaube, ich bin in der Lage, „Bekannte“, „Kumpels“ und „Freunde“ zu unterscheiden, und ich glaube, dass ich nicht wenige gute Freunde habe.

Trotzdem, mit der anderen Sache, dass ich meine Zeit hier sinnvoller verbringen könnte, als stundenlang Blogeinträge zu schreiben – damit könnte sie recht haben. Falls ich mal weniger oder nicht mehr jeden Tag schreiben sollte, dann wisst Ihr jetzt, warum.

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Tag 20 – Wenn ich blau sehe, sehe ich rot und die 6 Hüte des Denkens

Heute war kein schöner Tag für mich. Immer wieder passierte irgendetwas, was mich rot sehen ließ: Entweder, die Dinge liefen unstrukturiert und nicht so wie geplant, oder ich wurde mit meinen eigenen Schwächen konfrontiert. Ich hatte zwischenzeitlich überlegt, ob ich heute mal ne Blog-Pause einlege, weil ich auch einfach keinen Bock hatte, zu schreiben. Zumal ich außerdem noch einen Brief und einiges in mein persönliches Klinik-Tagebuch zu schreiben hatte.

Aber der Reihe nach: Ich wachte fast eine Stunde, bevor der Wecker klingelte, auf. Nachdem ich nicht wieder einschlafen konnte, beschloss ich, kurz nach sieben Uhr frühstücken zu gehen. Der nächste Termin war dann erst um 09:30 Uhr Visite bei meiner „Hausärztin“, und ich konnte dann zwischen Frühstück und dem Termin nochmal ne gute Stunde schlafen, was ich auch tat.

Die Visite verlief unspektakulär, ich durfte diesmal die Sachen anlassen. Die Ärztin fragte mich, wie es mir ginge und ich antwortete „Gut“ (da hatte der Tag ja noch nicht richtig angefangen), und auf weitere Fragen, dass ich so die eine oder andere Strategie für mein „Leben nach der Klinik“ überlegen würde. Das fand sie natürlich toll. Ferner las sie mir den Bericht der Sporttherapeutin vor, die meine Einzel-Physio gemacht hatte, da kam irgendwie sowas wenig schmeichelhaftes wie „Beinmuskulatur nicht stark ausgeprägt“ oder so vor. Wozu habe ich jahrelang gejoggt, Ergometertraining gemacht und bin Fahrrad gefahren?

Außerdem ließ ich mir von ihr einen Wisch ausdrucken, der mir erlaubt, von Samstag bis Sonntag (kommendes Wochenende, Ostern) zu Verwandten in der Nähe von Iserlohn zu fahren.

Danach war dann der Gruppentermin mit der Bezugstherapeutin. Zuerst galt es, ein wenig organisatorisches Chaos in den Griff zu bekommen. In der Organisation bzgl. der Therpiepläne ist jemand krank, und seitdem geht da so manches schief. Normalerweise hätten wir alle heute morgen z.B. schon den Plan für morgen gehabt, aber der kam erst heute nach dem Abendessen. Und bei einigen fehlten Termine oder waren sonst irgendwie falsch eingetragen. Sowas nervt mich einfach immer, wenn ich das Gefühl habe, es gibt gerade keinen Plan. Das ist einfach einer meiner schwachen Punkte, andere können damit viel entspannter umgehen. Dann gab es noch was anderes, was mich dann belastete, so dass ich einen Moment rot sah, aber darüber mag ich hier nicht schreiben. Achja, was noch Mist ist: Unsere Bezugstherapeutin muss noch Resturlaub abbauen und hat deswegen nochmal eine Woche Urlaub, während ich hier bin. Ich bin nicht sicher, ob ich der einzige Dumme in der Gruppe bin, der von beiden Wochen betroffen ist, aber auf jeden Fall finde ich das ganz schön bescheiden, dass da zwei von sechs Wochen über eine Vertretung laufen werden. Ich kann es halt nicht ändern, die Therapeutin auch nicht (ihr selbst gefällt das auch nicht), aber es bleibt halt Mist.

Dementsprechend war das nicht ganz schön gelaufen, auch wenn ich es erstmal abhaken konnte. Anschließend ging es zum Autogenen Training, wieder mal eine Phantasiereise. Diesmal befanden wir uns auf einer saftigen, grünen Wiese mit Blümelein und Schmetterlingen und blauem Himmel und so weiter. Es war wie bei der Reise auf die Insel: Die Suggestion mit der Schwere des Körpers klappte, obwohl ich nicht wirklich konzentriert bei der Sache war. Wenigstens gab es auf der Wiese Handyempfang (zumindest in meiner persönlichen Version).

Danach folgte das Mittagessen, ich ging früh hin und war früh fertig, denn ich hatte mich für 12:30 – 14:00 Uhr für eine Waschmaschine eingetragen. Also ging ich zur Waschküche und feuerte meine Buntwäsche in Maschine B. Dann besorgte ich mir zum Nachtisch einen Café Latte und eine Mandelecke vom Café Dallucci und zog mich in eine kleine Sitzgruppe abseits von der Lobby, in der ziemlich viele Leute saßen und die Lautstärke nicht so gering war, zurück. Dazu nahm ich mir den Ordner für Patientensprecher mit, ich wollte mir das nochmal vor der ersten Hausführung mit neuen Patienten morgen ansehen. Meine nächste Anwendung war um 14:15 Uhr Job on/Job off.

Der Schlumpf in der Waschküche

Wenn ich blau sehe, sehe ich rot: Der Feind lauert überall. Selbst in der Waschküche der Klinik. Ekelhaft!

Irgendwann sagte mir der Timer meines Schlaufons, die Wäsche sei fertig. Es dauerte dann zwar noch ein paar Minuten länger, aber irgendwann war sie wirklich fertig, und ich lud sie um in den Trockner. Die Waschmaschine hatte seltsame Geräusche von sich gegeben, und ich stellte durch das Drehen an der Trommel fest, dass da offenbar ein Lagerschaden vorliegt.

Ich ging zur Rezeption, um das zu melden. Vor mir war da eine Dame, sie sich Hand-outs von Vorträgen kopieren ließ. Das dauerte gefühlt ewig, weil in 10 Minuten der nächste Termin anstand. Inzwischen waren ein paar Leute aus der Gruppe aufgetaucht, die ebenfalls Hand-outs haben wollten. Da wir sahen, wie lange das dauerte, organisierte eine Gruppenkollegin auf einem Zettel, wieviele Kopien wir wovon haben wollten. Irgendwann waren die Kopien für die Frau fertig. Ich dachte mir „Wie lange kann es dauern, Dateien aufzurufen und auszudrucken?“ bis ich schnallte, dass die Frau jedes Handout erst in einem unsortierten Stapel Plastikhüllen suchte und dann kopierte. Die Aktion mit den Hand-outs für uns dauerte noch mal 20 Minuten, der Vortrag, den ich eigentlich haben wollte, war noch nicht mal dabei. Wir standen insgesamt eine halbe Stunde vor dem Tresen und kamen eine Viertelstunde zu spät zu Job on/Job off. Die eine Gruppenkollegin schlug ein Sortierungssystem vor, bekam aber nur eine Antwort wie „Haben wir schon versucht, macht aber jeder anders, klappt nicht.“ Was!? Wenn man sowas in der Wirtschaft in einem Ersatzteillager macht, dann ist effiziente Arbeit nicht möglich. Wie läuft das da? Jemand bestimmt, wie das sortiert zu sein hat, und so wird es dann auch gemacht und das klappt dann auch. Das wollte uns nicht so recht in die Birne und hat nicht nur mich auf die Palme gebracht. Wie schwer kann es denn sein? Und überhaupt, Kopien von Powerpoint-Folien auf Papier in Plastikhüllen… leben wir in der Steinzeit? Anstatt dass alle Folien als Datei sauber nach Datum oder Titel sortierbar zur Verfügung steht und einfach ausgedruckt werden kann? Jemand hat mal beim Patientenforum angeregt, dass man die per Mail bekommen sollte oder sich herunterladen kann, aber davon ist man hier noch weit entfernt.

Mit einiger Verspätung kamen wir also zu Job on/Job off. Hier ging es um das Thema Mobbing. Begriffe wie „Problem“, „Konflikt“ und natürlich „Mobbing“ wurden definiert. Es wurde viel über Konfliktlösungsmöglichkeiten gesprochen und um Hilfe, die man sich z.B. bei Mobbing holen kann, z.B. Betriebsrat oder Mediation von außen. Das angestrebte Ziel bei Konflikten sollte Konsenz oder wenigstens Kompromiss sein. Aber es wurde auch deutlich gemacht, dass nicht jeder Konflikt lösbar ist, schon gar nicht mit Konsenz. Wir bekamen ein Hand-out (super, wir müssen es nicht erst kopieren lassen), in dem in Punkt 7 „Nutzen Sie Kreativtechniken“ geraten wird. Namentlich wurden hier Edward de Bonos 6 Hüte des Denkens und die ähnliche Walt-Disney-Methode erwähnt. Das ist allerdings nichts für Konflikte zwischen zwei Personen, sondern eher etwas für Teams. Dabei werden z.B. sechs farbige Hüte (Armbänder, Post-it-Zettel…) auf sechs Team-Mitglieder verteilt. Weiß steht z.B. für analytisches Denken, rot für Emotion, schwarz für pessimistisches Denken, gelb für optimistisches Denken, grün für kreatives Denken und blau für ordnendes, moderierendes Denken. Jeder Teilnehmer operiert nicht als er selbst, sondern von der „Position seines Hutes“ aus. Das erzeugt für die Teilnehmer einen Perspektivwechsel, macht das Gespräch offener und stellt sicher, dass alle Blickwinkel berücksichtigt werden. Allerdings muss sich natürlich jeder dazu verstellen. Disney funktioniert ähnlich, nur mit weniger Blickwinkeln.

Naja, es ging ja nicht um die Hüte darüber habe ich nur geschrieben, weil ich es irgendwie lustig fand. Aber ich hab das eben noch bei Wikipedia nachgelesen, weil ich mich bei Job on/Job off nicht richtig konzentrieren konnte. Ich kam auch die ganze Zeit nicht richtig runter und ärgerte mich immer noch über die Sache mit den Kopien. Blöd, ich weiß.

Danach hatte ich „Trainingsgruppe“, und nur wenig Zeit bis dahin. Ich wollte aber meine Wäsche noch einsammeln, mein Timer sagte, die wäre fertig, der Trockner sagte, das dauere noch eine Viertelstunde. Also ging ich doch gleich zum Sport.

Und das schaffte mich dann endgültig. Bodenturnen auf Matten, viele Bauchmuskelübungen und Sachen, bei denen ich mal wieder richtig meine Hüfte merkte. Ich dachte, ich würde damit inzwischen klar kommen, aber weil ich ohnehin vom Tag schon total genervt war, ging da gar nichts mehr und ich musste mich zusammenreißen, um nicht völlig auszurasten. War einfach zum kotzen. Das entging wahrscheinlich keinem, aber eine sehr nette Frau aus der Gruppe versuchte hinterher noch erfolglos, mich aufzumuntern.

Haus 5

Gasthof Bergische Stube, auf der anderen Straßenseite von der Klinik aus gesehen. Wurde von Patienten, die dort zu Gast waren (und ganz bestimmt keinen Alkohol getrunken haben…) immer als „Haus 5“ bezeichnet (die Klink hat Haus 1-4). Schließlich brachte der Wirt das Schild „Haus 5“ (links im Bild, grün) an. Es gibt auch noch „Haus 6“, weiter in Richtung Kreisel. Das ist der hiesige Fachbetrieb fürs Flatrate-Flachlegen. An beiden Häusern komme ich auf meinen täglichen Spaziergängen zum Kreisel vorbei.

Wenigstens war damit das Tagesprogramm erledigt, und ich konnte duschen. Anschließend ging ich an die Lust und machte meinen Kreiselspaziergang. Danach gab es Abendessen. Dabei wurde ich noch von einem Kollegen aus der Gruppe auf das, was mich heute bei der Gruppensitzung so angefochen hat, angesprochen, super, das fehlte mir gerade noch. Manche Leute wissen einfach nicht, wann sie besser einfach mal die Klappe halten sollten (okay, das trifft auf mich sicherlich auch mal zu).

Trotzdem konnte ich mit einem spontanen, situationskomischen Spruch kurz darauf den ganzen Tisch erheitern und war selbst erstaunt, wie mich dieser kleine Erfolg des Humors aufmunterte. Aber insgesamt war meine Laune schon mal besser.

Ich hatte keine Lust mehr, noch irgendwen zu sehen. Ehrlich gesagt, ich empfand auch so etwas wie „Klinik-Koller“: Hier geht es die ganze Zeit hauptsächlich um die Krankheit, die eigene und die der anderen, in den Sitzungen und auch oft in den Gesprächen untereinander. Klar, dafür sind wir ja hier, aber irgendwie sehnte ich mich danach, mit meinen besten Kumpels acht Bier zu trinken und über die drei wirklich wichtigen Dinge im Leben zu reden: Computerspiele, Musik und Filme. Auf die Dauer kann einem das ganze Psycho-Gelaber jeden Tag doch ganz schon an die Substanz gehen.

Daher ging ich auf mein Zimmer und schrieb den Brief fertig (okay, das bedeutete, dass ich die restlichen fünf von sechs Seiten schrieb, geht morgen in den Kasten). Danach ging ich nochmal runter, Tee und Wasser holen. Und kriegte noch mal einen Spruch wegen der Sache heute in der Gruppe. Aber was soll’s, ich sagte dem Betreffenden, ich sei damit durch, also bin ich es auch. War natürlich wohl auch eher ne Kleinigkeit, aber die muss dann ja nicht ein Dritter auch noch unnötig aufblasen. Sorry wegen der Andeutungen.

Achja, ich schaute auch noch mal in mein Postfach. Toll, ein Therapieplan für morgen. Demnach habe ich um 07:00 Uhr Frühsport. Yippie. Also sollte ich mal langsam ins Bett gehen.

Tut mir leid, dass der Artikel nicht fröhlicher ist, aber wenigstens ist er authentisch. Und die Erfahrung lehrt: Es bleibt ja nicht unbedingt so. Also den Blog nicht gleich abbestellen.

Bis morgen.

Mein Therapieplan für morgen:

07:00 Uhr – Frühsport

08:30 Uhr – Depressionsgruppe

11:00 Uhr – Walking (möglicherweise alternativer Sport wegen einer Unwetterwarnung)

13:00 Uhr – PMR Gruppe

15:45 Uhr – Therpeutisches Einzelgespräch

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Tag 19 – ein ruhiger Tag in der Klinik und ein Haar im Salat

Mein Wecker meldete sich mit seiner Piepshow um 08:10 Uhr, von wegen Frühstück bis 09:00 Uhr. Egal. Aus das Ding, umdrehen und weiterschlafen bis nach 10:00 Uhr. Es ging und war auch mal wieder schön. Duschen und anziehen.

Ich machte mir einen Instant-Cappuccino und aß ein paar Kekse. Dann überprüfte ich in der Waschküche, ob was frei wäre… war nicht, aber ich habe mich für morgen eingetragen. So verbrachte ich einen sehr entspannten Vormittag, ein bisschen herumlungern in der Lobby, Cappuccino schlürfen und ein Schwätzchen hier, ein Schwätzchen da.

Irgendwann gab es Mittagessen, und ich nahm teil, obwohl ich mich ausgetragen hatte. Da an meinem Standard-Tisch keiner saß und eine hübsche, junge Dame aus meiner Gruppe alleine an ihrem Tisch aß, fragte ich mich, ob ich mich dazu setzen dürfte. Ich durfte, und wir unterhielten uns sehr angeregt beim Essen. Wir hatten uns in den vergangenen zweieinhalb Wochen noch nie so unterhalten (sie ist länger hier als ich und verlässt die Klinik kommende Woche), wir haben uns gegenseitig unsere Vitae erzählt und so weiter. Nach dem Essen setzten wir das noch bei einem Kaffee vom Dallucci eine ganze Weile fort. Sie ist jetzt ein bisschen alleine hier, weil die Leute, mit denen sie in der Gruppe angefangen hat, schon alle weg sind. Sie hat hier zwei Wochen Verlängerung bekommen, aber die sind nun auch fast zuende.

Nach dem Essen machte ich meine „Hausaufgaben“ und schrieb einen zweiseitigen Aufsatz zum Thema „Was wollte ich als Kind?“ (ich denke, gemeint war, beruflich, jedenfalls habe ich das geschrieben). Das hatte mir meine Bezugstherapeutin beim Einzeltermin aufgegeben. Aus Spaß verfasste ich das ganze wie einen Brief mit „Liebe Frau xxx, ich soll aufschreiben, als Hausaufgabe, was ich als Kind werden wollte. Mit einem Wort: Erfinder.“ Danach folgte die lange Version. Und die zwei Seiten endeten mit „So, ich hoffe, ich habe Ihre Aufmerksamkeit bis hierher fesseln können. Sie hätten sich ja auch für die Kurzversion („Erfinder“) entscheiden können. Also beschweren Sie sich bitte nicht über die Länge. ‚Thema verfehlt, 6, 10 Stockhiebe und 1 Cappuccino für mich!‘ werde ich nicht akzeptieren. Herzlichst sowie hochachtungsvoll (ehrlich!), Ihr Michael Karl.“ Das mit den 10 Stockhieben (wahlweise Peitschenhiebe) und dem Cappuccino, den man ihr ausgeben soll, ist eine Art running gag. Bin gespannt, was sie dazu sagt. Ich schätze, es wird ihr gefallen.

Danach habe ich kurz mit meinem Vater telefoniert. Ich wollte einen Brief an meine Mutter beginnen und überflog den ihren an mich zuvor noch mal, da stand etwas drin, was ich kurz und unverzüglich besprechen wollte. Das war mir beim ersten Lesen noch gar nicht so aufgefallen.

Danach wollte ich den Brief beginnen, aber dann war ich aus irgendeinem Grund noch mal unten, und da lief mir die Frau über den Weg, die diese Tassen gestaltet (siehe vorangegangener Artikel). Ich wollte ja eine davon als Geschenk für eine Mitpatientin aus meiner Gruppe kaufen, die heute Geburtstag hat. Kurze Zeit später tauchte der Mann der Tassenfrau mit ein paar Sätzen Tassen hier auf, und ich konnte ein Exemplar erstehen. Also ging ich zurück in mein Zimmer, habe das ganze mit Tee, Instant-Kaffee, Trinkschokolade und Süssigkeiten aufgemotzt, schön verpackt, noch eine Karte dazu geschrieben, und fertig war das Geschenk.

Danach habe ich dann doch eine Seite an meine Mutter geschafft. Dann war aber schon wieder Zeit für das Abendessen. Ich setzte mich an den Tisch des Geburtstagskindes, an dem reichlich Platz war, offenbar waren viele aus der Tischgruppe noch abwesend. Also konnte ich mein Geschenk überreichen, die Beschenkte hat sich sehr gefreut, ich wurde geknuddelt, und wir beendeten die Mahlzeit gemeinsam.

Eine Dame von einem anderen Tisch wollte mich sprechen, wegen einer Beschwerde. Ich dachte erst, sie wolle sich bei mir über mich beschweren, irgendwas an meinem Verhalten würde ihr nicht passen. Insbesondere, weil es nicht das erste Mal wäre, sie hatte sich bei meinem ersten Walking darüber beschwert, ich redete zu viel und zu laut.

Als ich nach meinem Abendessen mit einem Tee an ihren Tisch kam, hielt sie mir ein Stück Sellerie mit einem Haar unter die Nase: „Kennst Du dieses Haar?“ „Hm, von mir ist es nicht, guck mich mal genau an“, dachte ich. Dann schnallte ich erst, dass sie mich in meiner Eigenschaft als amtierenden Patientensprecher angesprochen hatte. Es wurde kritisiert, und zwar von der ganzen Tischgemeinschaft, dass das Küchenpersonal zwar mittags Häubchen trüge, abends aber nicht. Da im Prinzip das Abendessen schon zuende war, sah ich gerade niemanden vom Personal, ich muss morgen mal darauf achten. Das Haar kann auch von einem Patienten/einer Patientin kommen, die sich alle mal über den Salat beugen. Aber es geht nicht um das Haar, sondern um die Kopfbedeckung. Wenn das stimmen sollte, dann muss sich das ändern. Die können uns hier nicht Hygiene vorne und hinten predigen und das eigene Küchenpersonal (eigen ist so eine Sache, dahinter steht ein Unternehmen namens MediRest) hält das nicht ein. Das muss ich also mal prüfen.

Sellerie und Haar

Das corpus delicti: Sellerie und Haar.

Ein weiterer Punkt war, dass die Wiederverwertung von Lebensmitteln gemutmaßt wurde. Das muss ich absolut so formulieren, denn dass es mittags Wiener Würstchen gegeben hat und abends Wiener Würstchen in der Suppe schwimmen, beweist nicht, dass es sich um dieselben Wiener Würstchen handelt, und wenn es auch noch so naiv sein mag, das Gegenteil anzunehmen. Fakt ist, dass nach der EG Lebensmittelverordnung 852/2004 (ich habe ein wenig recherchiert) Lebensmittel nicht wiederverwertet dürfen, es in der Großküchenpraxis aber, einem investigativen Artikel der „Welt“ zufolge, durchaus werden. Dabei ist von einem britischen Konzern, der Compass Group, die Rede, mit deren Geschäftsführer und anderen hochrangigen Mitarbeitern die Welt auch ein Interview gebracht hat. Da geht es um den Vorwurf der Wiederverwertung, und da wird sogar zugegeben, dass es solche Einzelfälle in Tochterunternehmen gegeben hat. Nun, MediRest ist ebenfalls ein Tochterunternehmen der Compass Group. Grund ist natürlich der Preisdruck. Die Geschäftsführung sagt, Wiederverwertung ist gemäß 852 natürlich streng im Unternehmen verboten, und zuwiderhandelnde Köche würden streng abgemahnt. Die zuwiderhandelnden Köche hingegen sagen, der Einkauf sei ohne Widerverwertung nicht im preislichen Rahmen zu machen, und wenn sie zu viel Geld ausgäben, stünde sehr schnell irgendein Regionalleiter auf deren Matte, um sie zurechtzuweisen. Gut, ich könnte über das Thema noch endlos weiterschreiben, aber ich belasse es mal dabei.

Zwei weitere Punkte der Beschwerde waren die mangelnde Abwechslung, exemplarisch beim Abendessen, und dass das Brot mal trocken war. Dazu habe ich eine abweichende Meinung, aber mein Job ist es wohl, die Beschwerden der Klinikleitung vorzutragen, nicht, sie zu bewerten.

Achtung, Ingress-Absatz
Nachdem ich mir die Beschwerden angehört hatte, trank ich meinen Tee aus und ging auf mein Zimmer. Dann checkte ich das Wetter durchs Fenster, es regnete gerade nicht, also beschloss ich, meinen Sojourner-Spaziergang zum Kreisel zu machen. Zwar gab es zwischenzeitlich keinen Regen, aber der Wind war sehr heftig. Und ein wenig Nieselregen kam auch wieder dazu. Am Kreisel sagte mir Ingress wieder (ich hatte das völlig vergessen), dass ich ein Update bräuchte. Und das versuchte ich schon den ganzen Tag erfolglos runterzuladen. Und das Problem bestand weiter. Ohne Update -> bye bye, Sojourner-Tage. Nachdem ich alles mögliche versucht hatte, lud ich mir eine apk-Datei von einer zweifelhaften Quelle herunter und installierte Ingress von da. Es funktionierte. Ich blieb etwas da und hackte abwechselnd die beiden Kreiselportale, während ich außerdem parallel mit einem Ingress-Spieler daheim und meinem Neffen in Kanada chattete. Irgendwann, als die Portale ohnehin fast ausgebrannt waren, wurde mir das mit dem Wind zu heftig und ich ging wieder zurück zur Klinik.

Hier ging ich wieder auf mein Zimmer und begann, den Blogeintrag zu schreiben. Zwischenzeitlich kam ich auf die Idee, die Essensangelegenheit bzw. die diesbezüglichen Beschwerden mit meiner Mitpatientensprecherin zu besprechen und dabei noch Wasser zu holen, meinen Kaffeebecher zu spülen und so weiter. Ich traf die junge Dame auch an, und wir sprachen auch darüber.

Und jetzt muss ich auch langsam mal ins Bett. Leider habe ich nur eine Seite des Briefes an meine Mutter geschafft. Ich muss dem mal mehr Priorität einräumen.

Achja… in meinem Schließfach wies mich ein Zettel auf ein Päckchen hin, welches für mich gekommen ist. Als ich den sah, hatte man an der Rezeption aber schon Feierabend. Ich bin gespannt!

Bis bald.

Mein Therapieplan für morgen:

09:30 Uhr – Visite

10:00 Uhr – Therapie-Gruppe

11:30 Uhr – Autogenes Training

14:15 Uhr – Job on/Job off

15:30 Uhr – Trainingsgruppe

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Tag 18 – alleine auf einer einsamen Insel und kein Handy-Empfang

Der Wecker stand auf 08:10 Uhr. Also aufstehen, duschen und zum Frühstück. Ich hatte Glück, dass ich noch etwas bekam, denn das Frühstück geht Samstag nur bis 08:30 Uhr. Sonntag, also morgen, geht es bis 09:00 Uhr. Allerdings war ich nicht der einzige, der das verbaselt hatte, ein Gruppenkollege kam noch später als ich.

Danach hatte ich etwa anderthalb Stunden Pause, denn ich hatte um 10:30 Uhr einen Termin, autogenes Training. Blöd. Draußen schien die Sonne, und ich wollte in die Stadt – vielleicht sogar in eine andere Stadt. Aber erstmal musste ich auf den Termin warten. Ich nutzte die Zeit zum lesen. Andere Patienten hatten mehr Glück, die hatten ihren Termin um 09:30 Uhr und danach direkt Wochenende.

Dann traf sich eine gemischte Gruppe (also Patienten aus verschiedenen Behandlungsgruppen) in Raum Paris. Die Therapeutin war diejenige, die den Vortrag über Selbstwertgefühl gehalten hat (und über ihren inneren Kritiker namens „Paul“). Sie sagte, wir würden kein Autogenes Training machen, sondern eine Phantasiereise (hm, ich dachte immer, das sei eine Variante des Autogenen Trainings). Also Entspannungshaltung und Augen zu. Nach und nach wurden alle Körperteile ganz schwer. Also, natürlich nahmen die Extremitäten nicht an Masse zu, sondern fühlten sich ganz schwer an, weil das von der Therapeutin so vorgebetet wurde. Und das funktioniert bei mir sogar, obwohl ich alles andere als konzentriert war. Denn in meinem Kopf kreisten diverse Gedanken rum. Sowas wie „Mann, draußen scheint die Sonne, und ich sitze hier!“ oder „Scheiße, ist diese Therapeutin hübsch!“ oder „Wer hat die flüssige Seife erfunden und warum?“ oder „Hm, hab ich eigentlich den Stecker vom Bügeleisen rausgezogen?“.

So klappte es auch nicht so ganz mit der Fantasiereise bei mir. Die Therapeutin entführte uns auf eine einsame Insel, wahlweise alleine oder mit einer Person, die wir mögen (auf die aber im Folgenden nicht eingegangen wurde). Sonne, leichte Brise, Sandstrand, türkisfarbenes Meer, grüne Vegetation – so traumhafte, ungestörte Natur halt, ganz klischeehaft. Wir gingen am barfuss am Strand spazieren, legten uns in den Sand und spürten die Wärme, den Sand etc. etc. Zufällig lag neben uns eine Taucherausrüstung die wir dann anzogen, um uns das Meer unter Wasser anzusehen, Fische, Korallen und so weiter. Ähm. Ist ja kein Dokumentarfilm, auf Fantasiereisen kommt sowas schon mal vor.

Naja, irgendwann war die Reise halt zuende, und wir waren auf magische Weise zurück in Paris. „Elende Grütze, kein Handy-Empfang auf der blöden Insel, wie soll ich mich denn da bitte entspannen!?“, erboste ich mich gegenüber der Therpeutin. Diese verstand Spaß: „Sie befinden sich mit ihren vier Handys auf einer einsamen Insel und haben Top-Empfang. Alle Handys beginnen zu klingeln. Sie nehmen den ersten Anruf entgegen: Ihr Chef. Sie nehmen den zweiten Anruf entgegen: Ihre Familie…“ Okay. Ist n Punkt…

Danach hatte ich also frei. „Der nächste Bus ist meiner!“, dachte ich mir Naja, der übernächste, ich wollte nicht hetzen. Dann bekam ich so einen Rappel. Ich hatte da was im Internet gesehen, was ich schon abgehakt hatte, aber irgendwie kam das doch wieder hoch. Allerdings kann ich nicht genau sagen, was, denn das ist geheim, und die Person, die das nicht wissen darf, liest vielleicht auch diesen Blog. Jedenfalls musste ich noch ein paar Sachen organisieren, was aber alles per Internet und E-Mail und WhatsApp innerhalb von zwanzig Minuten erledigt war.

Danach konnte ich dann also in die Stadt fahren. Ich hatte vor, nach Elberfeld zu fahren, zum Hauptbahnhof zu gehen und dort Züge nach Düsseldorf, Köln usw. auf Preis und Fahrtzeit zu checken, um vielleicht halbspontan irgendwo andershin zum Zocken und Sightseeing zu fahren. Als ich an der Schwebebahnstation Hauptbahnhof angekommen war, hatte ich der Sonnenschein erledigt. Es war grau und begann alsbald zu regnen, was meine Motivation zu weiteren Exkursionen auf Null drückte.

Es war schon nach 12:00 Uhr, also ging ich erstmal zum Café Extrablatt, das übliche essen: Panierte Hähnchenbrustfiletstreifen mit Cajuns und Pizzabrötchen mit Aioli- und Barbecue-Soße. Und ein alkoholfreies Weizen dazu. Ich bin da nicht sehr kreativ, fürchte ich.

Achtung, Ingress-Abschnitt
Elberfeld war übrigens ausnahmsweise ziemlich flächendeckend grün, wenn auch nur Level 5. Da viele Schlümpfe heute zur Anomalie nach Hannover gefahren sind, ist hier ein wenig „sturmfreie Bude“ angesagt, und das haben sich ein paar Frösche, die nicht nach Hannover gefahren sind, zunutze gemacht und die Innenstadt umgegraben. Ich hatte mich dann gewissermaßen zum „Extrablatt“ vorgearbeitet und alles zwischen Schwebebahnstation und dem Laden auf Level 6 hochgezogen. Während des Essens hatte ich drei Portale, die ich hacken konnte.

Der Regen wurde leider nicht weniger. Eher mehr. Nicht so toll. Ich hatte eigentlich ehrgeizige Ziele, insbesondere, was Glyphhackpoints angeht. Die schraubte ich aber schnell von 2.000 auf 1.000 runter, weil es ja die übliche blaue Level 8 – Farm nicht gab. Da ich mal wieder ein Item-Limit-Problem hatte, ging ich nach dem Essen über die Wupper (also, wörtlich) und nahm da ein paar niedrige, blaue Portale auseinander. Da ich neben Glyphhacks auch stark an Builder-Platin (möglichst viele Resonatoren deployen) arbeite, haute ich auch überall acht Resos rein. Ich überquerte die Wupper erneut und arbeitete mich in Richtung St. Laurentius – Kirche vor. Hier gab es noch ein paar blaue 8er-Portale. Ich wollte die ausbrennen (vier mal hacken) und begann auch damit. Aber Glyphen lösen war durch den Regen schwierig bis unmöglich, das geht mit nassem Touchscreen einfach nicht. Naja, so halbwegs, weil ich Deckungsmöglichkeiten fand. Aber ständig muss man das Handy an der Hose abwischen… es nervt einfach. Nach drei Durchgängen hatte ich die Faxen dicke und ballerte die blaue 8er-Farm weg. In der Nähe des Jungendzentrums (da ist auch Tippen-Tappen-Tönchen nicht weit) wurden meine frisch deployten Resos gleich wieder von einem Schlumpf weggeschossen. Nun, ich deployte fröhlich neu, schließlich war das ja mein Ziel. Irgendwann hatte ich nur noch 6er, 7er, und 8er – aber davon noch jede Menge, so dass ich das Spiel recht lange treiben konnte. Wenn doch mal was blau wurde, packte ich die Burster aus und ballerte die blauen Resos kaputt.

Irgendwann hatte ich aber keine Lust mehr, es waren noch ein paar weitere blaue 8er in der Nähe, die ich zerstören wollte. Also ging ich die Treppe am Jugendzentrum hoch und nahm eine Ebene höher die 8er ins Visier. Da stand dann irgendwann der Schlumpf „Schuchard“ vor mir, der hatte schon vor zwei Wochen mal in Elberfeld hinter mir hergebastelt. Wir schnackten kurz, unter anderem erklärte er mir die Herkunft seines Nicknames. Das ist ein Charakter aus einem polnischen Science-Fiction-Romans, in dem Außerirdische in Russland landen. Hm… ist das überhaupt erlaubt? Steht nicht in der US-amerikanischen Verfassung, dass Außerirdische gefälligst in den USA zu landen haben? Egal. Wir zogen nach dem kurzen Schwatz wieder beide unsere Wege.

Ich drehte schwer marodierend noch eine Schleife und gelangte dann geplant zu Schuchards Homeportal, einer serbisch-orthodoxen Kirche. Die war Level 7 blau. Wieder einmal biss ich mir fast die Zähne aus und verbrauchte sehr viele Burster, um das Ding irgendwann endlich einzunehmen. Denn da sind meistens zwei bis vier very rare shields drin, und ein bis zwei Personen laden nach. Aber schließlich hatte ich es gepackt, und natürlich war bei dem Dauerfeuer auch alles mögliche an blauen Portalen in der Nachbarschaft, die weniger verteidigt waren, gleich mit weggeknickt. Die konnte ich mir dann halt auch noch an Land ziehen.

Aber der Regen war so schlimm, dass ich das Spiel zwischendurch fast gar nicht mehr steuern konnte. Ich wollte noch in Richtung Luisenviertel gehen, wo alles blau war… aber dann hatte ich irgendwann die Nase voll und wollte Kaffee und Gebäck. Also arbeitete ich mich zu einem Laden vor, dessen Namen ich immer vergesse, ich hatte da an meinem ersten Wochenende im Tal schon mal einen Burger gegessen. Hier setzte ich mich draußen unter die Markise und bestellte trotz des Wetters belgische Waffeln mit einer Kugel Vanilleeis und einen Latte Macciato. Ich hatte zwei bis drei Portale in Reichweite.

Lutherische Kirche

Typisch Wuppertal: Es gibt ja einige Gebäude gewisser architektonischer Schönheit, wie das Rathaus z.B. oder diese Kirche hier. Aber die sind leider völlig von hässlichen Zweckbauten eingekeilt, die auch jedes Panorama von höheren Ebenen (wenn man hier die Treppen hochsteigt, die es ja reichlich gibt) versauen.

Das Wetter wurde nicht besser, und ich beschloss, einkaufen zu gehen. Zuerst war ich kurz bei Saturn, ein Kabel 3,5 mm Klinke auf 3,5 mm Klinke zu kaufen. Damit kann ich mein Handy an den Bose-Lautsprecher hängen, was über Bluetooth ja warum auch immer nicht geht.

Morgen hat eine Dame aus meiner Gruppe Geburtstag, die ich ganz gut leiden kann. Vor allem aber tut sie mir leid, weil es ihr nicht gut geht (klar, in gewisser Weise geht es uns allen hier nicht gut, deswegen sind wir ja hier, aber sie hat auch noch physische Schmerzen zusätzlich). Wie auch immer, ich wollte für sie was zum Geburtstag besorgen. Und ein A5-Notizbuch, Zahnpasta, Süssigkeiten und noch so einige Dinge. Das Hauptgeschenk wird eine von einer anderen Mitpatientin gestaltete Tasse, die ich morgen erwerben kann. Die ist, wenn ich sie richtig verstanden habe, ausgebildete Designerin. Sie entwirft ihre Dekors mit Adobe Illustrator und schickt die Vektor-Dateien an eine Brennerei, die dann die Tassen produziert. Jedes Design wird in limitierter Auflage produziert, danach kommt eine neue Serie. Finde ich ganz cool. Jedenfalls soll die Gruppenkollegin eine von mir zum Geburtstag bekommen, mit ein paar Teebeuteln, Instantcappuccinotütchen und Süssigkeiten drin. Und dann brauchte ich dafür natürlich noch eine Verpackung…

Ich entschied mich, mal die „City Arcaden“ aufzusuchen, das ist so ein mehrstöckiges Einkaufszentrum mit diversen Eiscafés und Kaffeeläden dabei. Im Erdgeschoss wurden gerade Kinder bespaßt. Das Ding hatte, glaube ich, vier Etagen mit diversen Geschäften, viel Mode und Schuhe, gähn. Irgendwie finde ich solche Riesenkonsumtempel zunehmend abstoßend. Einfach instinktiv, ohne groß rationell moralisieren zu wollen. Das ist mir aber erst so richtig aufgefallen, als ich drin war. Zuerst fand ich einen 1-Euro-Laden, wo ich Süssigkeiten und Geschenkverpackung erstand. Hätte ich wahrscheinlich nicht da gemacht, wenn ich zuerst den Supermarkt im EG gesehen hätte. Der heisst „Akzenta“ (übrigens ist genau der Schriftzug auf den Schwebebahnwagen in meiner aktuellen Headergrafik oben über dem Blog), und das sagte mir halt nichts, bevor ich näher heran kam. Angeblich beherbergte der Laden „die größte Lebensmittelauswahl in NRW“. Naja, schon möglich, der Laden war schon sehr groß. Ich kaufte halt noch Zahnpasta, Tee, Instantcappuccino und ähnlichen Kram.

Einkäufe

Die gesammelten Besorgungen des Tages. Das war ja der reinste Kaufrausch…

Danach hatte ich halt eine große Tüte mit Zeug und wollte auch nicht mehr im Regen spielen, auch wenn der inzwischen ein wenig nachgelassen hatte. Es war kurz nach 18:00 Uhr. Ich drehte noch eine kleinere Runde. In diesem Teil der Stadt hatte inzwischen ein Schlumpf einiges an unseren Portalen eingerissen und teilweise deployt. Aber auch Frösche waren seitdem wieder da gewesen, so dass ich einige Portale aufrüsten konnte. Ich wollte aber noch meine geplanten 1.000 Glyphhackpoints noch vollmachen, das schaffte ich dann noch bei einer kleinen Runde auf der anderen Seite der Wupper, wo ich heute schon mal war. Dann stieg ich bei der Station Ohlingsmühle (von Oberbarmen aus gesehen eine nach Hauptbahnhof) in die Schwebebahn und fuhr via Oberbarmen zurück zur Klinik. In Oberbarmen hatte ich noch zwei McD-Cheeseburger Zeit, bevor der Bus 602 zur Schmiedestraße fuhr.

Zurück in der Klinik warf ich nur noch einen Blick in mein Postfach, besorgte mir Wasser und verzog mich auf mein Zimmer zum bloggen. Und das war dann der Tag. Ich bin mir nicht sicher, ob ich morgen in eine andere Stadt oder auch nur in die Innenstadt fahre. Denn das Wetter soll wieder schlecht werden. In der Klinik zu bleiben, Briefe zu schreiben, Wäsche zu waschen, zu lesen, vielleicht einen Film zu gucken oder teetrinkend mit Mitpatienten abzuhängen klingt da nicht unattraktiv. Mal sehen. Bis bald.

Nachtrag:

Ich habe mich übrigens inzwischen bei der Frau entschuldigt, die sich bei mir beschwert hat, dass ich ihr nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet habe. Denn ich fand, sie hat ja recht. Sie meinte, sei okay, damit ist die Sache für mich erledigt. Ist alles Training hier.

Ingress-Stats:

  Translator Trekker Explorer Pioneer Builder Purifier
Letzter Stand 25.831 1.877 km 2.781 1.667 70.887 52.128
Jetzt 27.230 1.892 km 2.801 1.690 71.712 52.570
Delta 1.399 15 km 20 23 825 442
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Tag 17 – Hiphop und die Hand am Stab des Nebenmannes

Der Wecker piepte um 06:30 Uhr, und ich stellte ihn weiter auf 06:45 Uhr. Dann schälte ich mich aus dem Bett, zwängte mich in meine Sport-Pelle und eilte zur Sporttherapie. Um dort niemanden vorzufinden. Okay, falscher Ort, Frühsport ist in Wuppertal (im Raum Wuppertal). Auf dem Weg dahin begegnete mir ein Sporttherapeut, der seinen Plan ziemlich genau zu kennen schien. Jedenfalls besser, als ich meinen, denn er meinte „Herr Karl, sie haben erst um 07:30 Uhr bei mir, sie können aber schon jetzt mitmachen.“ Mist. Es war nicht nur der falsche Ort, auch die falsche Zeit. Nun, ich setzte mich mit einem Tee in die Lobby und um 07:30 Uhr ging es dann wirklich los. Bekanntlich stehe ich nicht so besonders auf Frühsport, aber bei dem Sporttherapeuten, der den einen oder anderen, lockeren Spruch abließ und am Ende allen „ein geiles Wochenende“ wünschte, machte es fast Spaß.

Nach dem Frühsport ging es zum Frühstück. Danach hatte ich anderthalb Stunden Zeit. Zuerst machte ich meinen Sojourner-Spaziergang, anschließend legte ich mich noch eine halbe Stunde hin.

Um 10:00 Uhr war Therapiegruppe. Der Flugzeugabsturz und die besonderen Umstände, der erweiterte Suizid (so heisst es wohl, wenn beim Suizid andere Menschen mit in den Tod gerissen werden, ein unscheinbarer Begriff für eine Wahnsinnstat, finde ich), waren ein Thema. Es waren einige Patienten neu zur Gruppe gestoßen, daher gab es noch eine Vorstellungsrunde. Alles weitere ist natürlich Verschlusssache.

Unmittelbar nach der Therapie besprachen wir in der Gruppe noch schnell unsere Wochenendpläne und überlegten uns ein Thema für die nächste Therapiegruppe. Danach gab es Mittagessen.

Danach war Patientenforum angesagt, d.h. die neuen Patienten stellten sich vor, der Inhalt des Kummerkastens und die Reaktionen der Klinikleitung darauf wurden verlesen. Darauf folgte noch eine Stellungnahme eines Oberarztes. Schließlich wurden neue Patientensprecher gesucht. Diese müssen normalerweise nicht gewählt werden, weil es eher schwierig ist, überhaupt Kandidaten zu finden. Die Aufgaben der Patientensprecher sind übersichtlich, man führt am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag die Neuankömmlinge durch das Haus, leert den Kummerkasten, bespricht den Inhalt mit der Klinikleitung und moderiert am Freitag das Patientenforum. Natürlich bietet man sich auch als Ansprechpartner an, aber wenn es darum geht, Neuen die Wege zu zeigen, ist hier eigentlich jeder, der sich auskennt, hilfsbereit. Aber immerhin, man muss für die Hausführung ein wenig Zeit investieren und auch den Mut haben, vor Leuten zu sprechen, sowohl vor den Gruppen der Neuankömmlinge als auch vor dem gesamten Forum. Die Abläufe, worauf man bei Führungen und beim Forum zu achten hat, stehen in einem Ordner, so dass man sich vorbereiten kann.

Ich habe mir von Anfang an gedacht, dass ich das mal machen möchte. Probleme, vor Leuten zu sprechen habe ich ja nicht, und da kann ich mich mal einbringen. Aber gerade auch für Leute, die ein bisschen schüchtern sind, wird schon sehr empfohlen, sich da einmal auszuprobieren und so solche Ängste zu überwinden. Wie auch immer, nach zwei Wochen fand ich die Zeit reif, mich zu melden. Der zweite Patientensprecher musste erst etwas länger gesucht werden. Da meldete sich eine nette, junge Mitpatientin, die eine Woche nach mir ankam und eigentlich auch noch warten wollte. Sie ist auch in meiner Gruppe, und ich kann sie sehr gut leiden, so dass es mich freut, den Job mit ihr zusammen zu machen. Am kommenden Dienstag machen wir also die erst Hausführung. Ich fragte noch die amtierenden Patientensprecher, wo denn nun eigentlich Thron und Zepter herumstünden bzw. lägen, aber ich bekam keine Antwort. Seltsam.

Netterweise habe ich schon positives Feedback bekommen, bevor ich den Job angetreten habe. Eine Dame, die ich nur vom Sehen kenne und mit der ich bisher noch nie gesprochen hatte meinte, sie fände es gut, dass ich mich als Patientensprecher gemeldet habe, ich würde das bestimmt gut machen. Als ich etwas entgeistert bemerkte, dass sie mich doch gar nicht kennen würde, meinte sie nur, „wir kennen Dich alle von den Vorträgen“ (wo ich gelegentlich mal Fragen stelle). Hm, seltsam, aber nett.

Allerdings hatte ich auch ein negatives Feedback. Eine andere Dame warf mir in der Essenschlange vor, nicht richtig zuzuhören, wenn sie mit mir redet, andererseits aber selber beachtet werden wolle. Das bezog sich auf eine Szene am Abend zuvor. Ich antwortete erst einmal in einem neutralen Tonfall „Danke für’s Feedback“. Danach dachte ich während der Mahlzeit und danach mindestens eine halbe Stunde darauf herum. Ich kam zu dem Ergebnis, dass die Dame Recht hat. Da habe ich die Aufmerksamkeit, die die Höflichkeit geboten hätte, wohl vermissen lassen. Deswegen möchte ich die Dame dafür auch noch um Entschuldigung bitten. Bisher habe ich sie ein paar Mal gesehen, hatte aber noch nicht die Chuzpe gehabt, sie anzusprechen und um ein Wort unter vier Augen zu bitten. Sie hatte mich auch recht heftig und aus heiterem Himmel abgebügelt. Mal schauen, ob ich das noch hinbiegen kann. Immerhin bin ich ein bisschen stolz auf mich, dass ich keine aggressive Affektreaktion gebracht, sondern in Ruhe reflektiert habe.

Um 14:00 Uhr folgte dann „Sport und Bewegung“. Eigentlich nicht so mein Ding, auch wenn es genau wie Frühsport nützlich für die Beweglichkeit und Balance ist. Diesmal ging es um Koordination und Reaktion. Es ist nicht einfach, auf einem Bein stehend mit dem anderen Fuß eine liegende Acht zu beschreiben und gleichzeitig einen Ball zu werfen und zu fangen. Ehrlich gesagt, für mich ist es sogar nicht einfach, überhaupt längere Zeit auf einem Bein zu stehen… Aber die Sache mit der liegenden Acht ist eine gute Übung für meine Hüfte, weil sie die Gelenkschmierung verbessert.

Nach einigen Übungen mit Bällen (vorwärts/rückwärts/seitwärts gehen und werfen/fangen oder prellen) haben wir ein kleines Spielchen gemacht. Es hieß „Schildball“. Zwei Spieler (in diesem Fall zwei echt sportliche Jungs) bildeten ein „Angriffsteam“ (oder so ähnlich) mit einem blauen Ball. Alle anderen waren Läufer. Die Angreifer sollten die Läufer jagen und mit dem Ball zwischen Schultern und Gürtellinie treffen. Dazu durften sie jeweils nur zwei Schritte machen und mussten dann entweder den Ball zum Partner passen oder auf einen Läufer werfen. Die Läufer können zur Abwehr ausweichen, oder ihren Ball wie einen Schild benutzen, um den blauen Ball abzuwehren. Der erste getroffene Läufer sucht sich einen Läufer, der noch im Spiel ist, fast diesem an der Schulter an, läuft mit diesem mit und versucht, ihn vor den Angriffen mit dem eigenen Körper zu verteidigen. Am Ende bleibt natürlich nur noch ein Läufer mit einer Horde Schutzleute übrig. War ganz spassig.

Danach folgte ein weiteres Spiel. Jeder bekamt einen etwa armlangen Stock. Zunächst wurde etwas geübt, den senkrecht auf den Boden zu stellen, möglichst in Balance, und dann mit einer Hand loszulassen, diese auf den Rücken zu legen und den Stock vor dem Umfallen mit der anderen Hand zu fangen, bevor er umfällt. Danach stellten wir uns im Kreis auf. Beim Kommando „Hep!“ gehen alle einen Seitschritt nach rechts und fassen den Stock des rechten Nachbars, bevor dieser umfällt. Bei „Hip!“ dasselbe, aber links herum. Und bei „Hop!“ bleibt man stehen. Derjenige, der den Nachbarstab nicht mehr vor dem Umfallen fängt, ist raus. Die beiden letzten haben gewonnen.

So war „Sport und Bewegung“ doch zuletzt recht vergnüglich. Anschließend hatte ich genug Zeit, zu duschen und die Klamotten zu wechseln. Danach hatte ich den letzten Termin, MAT (mentales Aktivierungstraining). Diesmal gab es ein Tiergitterrätsel: In einem Buchstabensalat versteckten sich 44 Tiere horizontal, vertikal und diagonal. Wir hatten 20 Minuten Zeit. Zuerst markierte ich alles, was ich so spontan sah. Danach ging ich systematisch vor und checkte alle Horizontalen und Vertikalen und schließlich die Diagonalen. Naja. Horizontal, was natürlich am einfachsten ist, hatte ich alle gefunden. Vertikal fehlten mir drei oder vier. Diagonal hatte ich nur vier von zwölf oder so gefunden. Ein gewisser Ehrgeiz stellte sich beim Lösen zwar ein, aber ich war mit meinem Ergebnis nicht unzufrieden. Die Therapeutin meinte hinterher, diese Art von Rätsel sei ein gutes Training für die grauen Zellen, besser als Kreuzworträtsel.

Danach war dann Feierabend. Es war erst 16:00 Uhr, also noch zwei Stunden bis zum Abendbrot. Ich wollte erst in der Lobby Kaffee trinken und lesen, aber mit dem Lesen klappte es mal wieder nicht – zu viel los. Leider bekam ich beim Café Dalucci keine frisch gebackene Waffel mehr, aber noch einen Latte Macciato. Ich hockte längere Zeit auf dem Sofa und unterhielt mich mit verschiedenen Leuten. Zwei Mitpatienten, eine davon meine Patientensprecher-Kollegin, wollten zum Kreisel, um sich dort mal den Laden für Dampfmaschinen und technisches Spielzeug von innen anzusehen. Es dauerte eine ganze Weile, bis meine Kollegen noch hier und da mit Leuten Sachen abgesprochen hatte und schließlich mit uns loszog.

Der Laden (ich hatte ihn in meinem ersten oder zweiten Beitrag zum Thema „Wuppertal“ erwähnt) war der absolute Hammer! Wir gingen hinein, und ein schon recht betagter Mann, der an einem Modell des „Kaiserwagens“ der Wuppertaler Schwebebahn werkelte, sagte, er würde uns gleich ein paar Sachen erklären und vorführen. Ich fragte, ob ich fotografieren dürfe. Ich durfte und tat desgleichen.

Stirlingmotoren

Eine Auswahl an Stirlingmotoren. Unter die großen Glaskolben wird als Wärmequelle ein kleiner Spiritusbrenner gestellt. Leider ist das Modell, welches uns vorgeführt wurde, nicht dabei.

Es gab so viel interessante Mechanik zu sehen. Der Mann, offenbar der Inhaber des Ladens, erklärte auf Anfrage, er verkaufe hauptsächlich über das Internet, und zwar in alle Welt. Das kann ich mir gut vorstellen, weil solche Läden weltweit selten sein dürften. In den Kinderzimmern wurde die Dampfmaschine vermutlich von all den Nintendos und Playstations größtenteils verdrängt. Die meisten Sachen – neben ein paar Autos für Modelleisenbahnanlagen und kleinen RC-Helikoptern – werden vor Ort selbst gefertigt. Es gibt vor allem winzigkleine Dampfmaschinen, kleiner als eine Zigarettenschachtel, die z.B. kleine Autos, Motorräder oder Draisinen antrieben. Oder auf eine ebenso kleine Transmissionswelle einwirken, um winzige Maschinen anzutreiben. Faszinierend. Außerdem gab es ein Arrangement von Stirling-Motoren. Der Inhaber erklärte uns, warum Stirling sich das ausgedacht hat – Dampfmaschinenkessel-Stähle waren früher nicht genormt, weshalb manchmal Dampfkessel mit verheerenden Folgen explodierten. Stirling hat sich überlegt, was mit Überdruck geht, müsste auch mit Unterdruck gehen. Allerdings arbeitet ein Stirling-Motor nur mit sehr geringem Unterdruck. Vorteil: Keine Implosionsgefahr. Nachteil allerdings: Sehr wenig Leistung. Deswegen hat sich der Stirlingmotor nicht als Alternative zur Dampfmaschine durchgesetzt. Dennoch hat der Stirlingmotor noch eine Menge anderer Vorteile, weshalb er immer wieder verbessert wird und für verschiedene Anwendungen auch heute noch infrage kommt, Stichwort z.B. Blockheizkraftwerke/Kraft-Wärme-Kopplung. Der Stirlingmotor, der uns vorgeführt und in seiner Funktionsweise erklärt wurde, trieb übrigens einen kleinen Generator an, der eine LED zum Leuchten brachte.

Modellschwebebahn

Dieses Modell des „Kaiserwagens“ fährt mithilfe von Akkus und Elektromotoren. Am Anfang und Ende der Strecke gibt es jeweils eine Wendeschleife – wie bei der echten Schwebebahn.

Außerdem gab es ein riesiges Riesenrad aus Märklin Metall, einem Konstruktionsbaukasten, der heute nicht mehr erhältlich ist, Schwebebahn-Modellstrecken mit Zügen des Maßstabes HO und N, elektrisch betriebene Seilbahnen, ferngesteuerte Boote mit echten Dampfmaschinen, Lokomotiven verschiedener Spurweiten mit echten Dampfmaschinen und vieles mehr. Einige nicht selbst gefertigte Artikel waren sonst längst nicht mehr erhältliche Sammlerstücke von hohem Wert. Aber auch die selbst gefertigten Maschinen waren nichts für den kleinen Geldbeutel, das ging so bei ca. 80 Euro los und hörte bei 500 Euro noch lange nicht auf. Aber es gibt auf dem weltweiten Markt Leute, die bereit sind, das für diese einzigartigen Kleinodien auszugeben. Ich musste an meinen Freund, den Seemann denken. Als ich den auf seinem Schiff im Trockendock in Rotterdamm besucht haben, waren wir in einem Marinemuseum, und er bekam bei einer arbeitenden Dampfmaschine leuchtende Augen. Dieses Geschäft hätte ihn wahrscheinlich total umgehauen.

Winzige Dampfmaschinen

Winzige, dampfgetriebene Maschinen. Rechts z.B. eine Draisine, die auf H0-Schienen fährt (Maßstab 1:87).

Nun, wir blieben echt lange in dem Geschäft und bewunderten die vielen kleinen Wunder.  Danach war es fast schon zu spät für’s Abendessen. Aber wir schafften es noch, uns schnell ein Brot zu schmieren und hastig zu verzehren.

Anschließend saß ich bei Tee und Konversation noch für ein oder zwei Stunden in der Sitzecke beim Wartebereich/Pflege und ging dann bloggen.

Morgen haben wir noch eine Einheit Autogenes Training nach dem Frühstück, dann beginnt das Wochenende.

Tja, genau weiß ich noch nicht, was anzufangen wäre. Die beiden netten Mädels gehen mit fünf weiteren Leute irgendwo in der Nähe zu einem Trommel-Workshop für drei Stunden und haben mich gefragt, ob ich mitkäme. Aber ich hab nicht recht Lust. Die Mädels wollen aber auch nach dem Autogenschweißen, äh, -trainig, in die Stadt fahren, um einzukaufen und „rumzudingsen“ (was immer das bedeutet). Da werde ich wohl mit denen zusammen reinfahren und mich dann irgendwann solo machen.

Ich habe Bock, Ingress zu zocken. Da gibt es zwei Alternativen, die sich aber auch kombinieren lassen: Da viele Schlümpfe wie Frösche morgen ausgeflogen sein werden (weil bei einer sogenannten Anomalie in Hannover, einem Riesenevent mit einigen tausend Ingress-Spielern) könnte ich mal Elberfeld umgraben. Aber ich hätte auch Lust, nach Köln, Düsseldorf oder wohin auch immer zu fahren, um dort Uniques zu sammeln. Wenn ich am Hbf bin, werde ich mich da spontan entscheiden.

Sodenn, morgen wissen wir alle mehr. Bis denne!

 

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