Ausgeschlafen?

Ich stellte mir keinen Wecker. Gestern war ich so platt, dass ich beschloss, das Frühstück ausfallen zu lassen (zumindest das, was inklusive und bis 9 Uhr möglich ist). So gegen viertel vor neun wachte ich auf. Ich angelte mir das eierPad vom Nachtisch, um nochmal Öffnungszeiten des Tempelbergs für Ungläubige zu recherchieren. Manchmal lohnt es sich, eine Google-Anfrage einfach mal auf englisch zu machen.

Ich fand eine Seite, die ziemlich konkrete Informationen zu bieten hatte, auch die, dass sich die Regeln öfter mal aufgrund der aktuellen, poltischen Situation mal ändern. Deswegen wurde empfohlen, vorher anzurufen, inkl. Nummer. Ich habe das mit dem Telefon auf meinem Zimmer nicht auf die Reihe bekommen (erst wählte ich die Null, dann war Avi vom Desk dran, der mit eine Leitung freischaltete und meinte, dann solle ich die Neun wählen, hat nicht klappt). Also ging ich zum Desk, und bat Avi, das für mich zu erfragen. „So let’s call somebody who works there… once again.“ Ich scheine da nicht der Erste zu sein… Auf der anderen Seite ging keiner ran, also reichte ich Avi das eierPad über den Tresen und er wählte die Nummer auf dem Schirm. Das brachte eine Antwort: 12.30 to 01.30.

"Newsroom"

Urlaub auf modern. Was man halt so zum bloggen braucht.

Ich hatte also noch drei Stunden Zeit. Bis zum Tempelberg brauche ich zu Fuß eine Stunde, vielleicht noch eine halbe fürs Verlaufen einkalkulieren. Also um 11 Uhr los. Reicht noch, um ein bisschen zu surfen und zu bloggen. Fernseher an, mal schauen, ob die Waffenruhe hält. BBC berichtet über alles Mögliche, aber nicht darüber. Spiegel.de meldet, die Waffenruhe hielte bis jetzt und beide Seiten feierten sich als Sieger des Konflikts. Meiner Ansicht nach ist der einzige Sieger der ägyptische Präsident Mursi, der durch seine Verhandlungsführung auf dem diplomatischen Parkett an Ansehen gewonnen hat. Hamas und Israel haben beide verloren – wie jedes Mal. Menschenleben, Geld, Infrastruktur, Hoffnung auf Frieden und was weiß ich was noch alles.

So, der Plan ist also: Ab unter die Dusche, dann zu einem ATM, ich brauche noch paar Schekel für heute und morgen. Dann zum „Bagel Bite“ und dann los zur Alten Stadt. Bis später!

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High on the hills of the town of Jerusalem

(Hoffentlich versteht niemand den Titel falsch, das ist wörtlich gemeint, Ihr Banausen!)

GPS-Tracking Fußweg in Jerusalem

Meine Smartphone-App behauptet, ich hätte heute mehr als 16 km zu Fuß zurückgelegt. Man beachte die „Knoten“, wo ich mich verirrt habe.

Nach dem Frühstück ging ich die Hebron wieder Richtung Norden, zurück zur Alten Stadt. Der Plan war, den Gang über die Stadtmauer zu machen und den Tempelberg zu besuchen. Nachdem ich durch das Jaffa-Tor gegangen war, musste ich erstmal suche, wo die Tour denn starten sollte. Außerdem ging ich noch Postkarten einkaufen.

Schließlich fand ich, nachdem ich mir Auskunft geholt hatte, den Eingang und die Ticket-Verkaufsstelle für die „Ramparts-Tour“. Ich erstand also für 16 NIS ein Ticket, hielt es an der Drehtür an den Barcode-Leser und erklomm über eine steile Treppe die Mauer. Auf Baumwipfel bzw Dachhöhe hatte ich super Aus- und Einblicke nach ins alte und neue Jerusalem. Es machte auch Spaß, diese Treppen hoch und runter zu klettern, von Türmen herunterzuschauen und über Dächer zu stiefeln. Das war schon eine tolle Sache, und ich machte gefühlte 300 Fotos. Und auch ein paar Videos.

Auf den Stadtmauern der alten Stadt

Auf der Mauer, auf der Lauer, läuft ein kleines Karlchen…

Der Weg führte vorbei an einer katholischen Schule für Jungs, mehreren Fußball- und Basketballfeldern, Spielplätzen, einer „bescheidenen Familienmoschee“ (lt. Infotafel), dem Rockefeller-Museum für palestinänsische Geschichte, einem alten Friedhof und vielem mehr. Die Sicht reicht auch bis zum Felsendom.

Bescheidene Familien-Moschee

Bescheidene Familien-Moschee

Der Weg führte nicht ganz um die Stadt, sondern nur etwa zur Hälfte, bis zum Löwen-Tor, das ist die jüdische Bezeichnung, die christliche ist St. Stephanus-Tor, nach dem ersten christlichen Märtyrer. Hier grenzt direkt der Tempelberg an, was wahrscheinlich auch der Grund ist, dass der Rundgang hier zuende ist. Ich kletterte an der Sackgasse also die Mauer herunter und machte mich auf in Richtung Tempelberg. Die verschiedenen Zugänge wurden alle durch einen schwer bewaffneten Polizisten (oder Soldaten?) bewacht. Als ich da durch wollte, entgegenete der Posten „It’s closed. Muslims only.“ Mist, das wollte ich mir so gerne ansehen. Ulli war da, sie meinte, man müsse da recht früh auflaufen. Die Infos im Netz über die Zugangmöglichkeiten widersprechen sich zum Teil, aber die können sie wohl ohnehin auch täglich ändern. Ich bin noch nicht sicher, ob ich das morgen nochmal versuchen werde.

Der Felsendom - leider noch weit weg

Der Felsendom – leider noch weit weg

Zu der Zeit hatte ich lt. meiner Navigations-App, in der ich den gesamten Tag tracken ließ, schon über acht Km zu Fuß zurückgelegt. Dass das mit dem Tempelberg nicht geklappt hat, nervte mich irgendwie, und ich war ein bisschen müde und wollte mich am liebsten erstmal irgendwo hinsetzen, was essen, was trinken und mich ausruhen. Nachdem ich die Mauer verlassen hatte, war ich im muslimischen Viertel, ich machte mich erstmal auf die Suche nach einem Café oder so, wo ich draußen sitzen könnte. In der Nähe war zwar was in der Richtung, aber da war nichts frei. Also drang ich in die Katakomben der Alten Stadt ein. Diese sind ein Labyrinth von Gassen und Straßen, die teilweise überdacht sind oder durch Gebäude hindurchführen, durch Torbögen, vorbei an riesigen Märkten, Tandläden mit billigem Tand aus China, Schuhgeschäften, Restaurants, Kunsthandwerker-Geschäften und und und…

Typische Gasse im muslimischen Viertel

Typische Gasse im muslimischen Viertel – T-Shirts, Nüsse und Tand aus China

Der Charakter ändert sich, je nachdem, ob man sich im muslimischen, jüdischen, christlichen oder armenischen Viertel befindet. Ich war nicht überall, aber im muslimischen Viertel fühlte ich mich nicht so wohl. Ulli hatte gestern auch schon soetwas gesagt. Es ist einfach nur fremd, die Gänge sind eng, fremdartige Gerüche liegen in der Luft, und vor allem ist es nirgendwo so voll wie hier. Ich mag einfach keine Menschenmassen. Für die Osnabrücker: War fast ein bisschen wie Maiwoche in der großen Straße ohne Bieranstich. Es gab eine unenedliche Auswahl an Obst, Gemüse, Süssigkeiten, Backwaren, Gewürzen und Kräutern zu kaufen. Manche Betreiber von Geschäften versuchten sehr hartnäckig, Leute zum Kauf von irgendetwas zu bewegen. Irgendwie bin ich wohl zu xenophob für diese Nummer, es hat mir vor Augen geführt, dass mir schon eine gewisse Weltoffenheit einfach abgeht. Immer noch. Leider.

Jewish Quarter Street

Jewish Quarter Street – Übergang vom muslimischen zum jüdischen Viertel. Und ohne einen schwerbewaffneten Sicherheitsposten dazwischen!

Irgendwann gelangte ich ins jüdische Viertel und fühlte mich gleich viel wohler. Vor der Beit Yaakov Synagoge auf einem großen Platz fand ich ein Café oder sowas ähnliches, wo ich mich längere Zeit niederließ. Ich bestellte ein Omelett mit geräuchertem Lachs und Salat sowie ein Goldstar. Ich verweilte länger, schrieb Postkarten und orderte noch einen Capuccino und danach einen Milschshake. Die berühmte Limonade mit Minzblättern gab es leider nicht. Mir ist inzwischen aufgefallen, dass die Küche hier entweder amerikanisch orientiert ist, d.h. es gibt Bagels, Sandwiches, Burger, Steak, Pommes und und überhaupt viel Fleisch, oder sie ist eher mediterran mit viel Salat, Olivenöl, kaum Fleisch, eher vegetarisch oder mit Fisch.

Streuner-Katze am kalten Buffet

Streuner-Katze am kalten Buffet

Besagte Speisen und Getränke sowie sechs Postkarten später war nun die Frage, was mit dem Rest des Tages anzufangen wäre. Irgendwie war ich müde und hatte auch keine richtige Idee. Natürlich gibt es tonnenweise Museen und Sakralbauten, aber so richtig mein Ding ist das ja nicht wirklich. Ich hätte eigentlich nur mal in einen meiner Reiseführer schauen müssen, die ich ja dabei hatte, aber ich kam nicht mal auf die Idee in dem Moment. Das – zumindest für Urlaubsverhältnisse – frühe Aufstehen (8.00 Uhr) und späte ins Bett gehen (kann schon mal 3.00 Uhr werden) – fordert irgendwie seinen Tribut.

Obwohl es erst Nachmittag war, merkte ich, dass ich eigentlich zum Hotel zurück wollte. Also machte ich mich auf die Socken, aber es fiel mir schwer, den Weg zu finden. Vielleicht hätte ich doch mal eine konventionelle Karte zu Rate ziehen sollen. GPS funktionierte auch nicht immer, weil die Gassen und Gänge in der Alten Stadt zum Teil eben komplett überdacht sind. Ich landete zwischenzeitlich im christlichen Viertel, dann wieder im muslimischen, machte zwischendurch noch ein Video von einem Teil dieser Odyssee und fand schließlich meinen Weg heraus aus dem Labyrinth. Kurz bevor ich das Jaffa-Tor erreichte, passierte mir allerdings noch ein ziemlich unangenehme Sache, über die ich aber nicht bloggen möchte. Jedenfalls versaute mir das die Laune ziemlich.

Kirchturm bei Marias Grabkirche

Kirchturm bei Marias Grabkirche und Mond

Es war schon dunkel, und ich wollte wenigstens noch die Gelegenheit nutzen, ein paar Nachtaufnahmen von der Alten Stadt von außen zu machen. Dabei betrat ich auch die Straßenbrücke, auf der ich immer schon gewesen bin. Eine dunkelhäutige Aktivistin, die eine Tafel mit einer Bibelstelle (Joshua) trug, erzählte mir auf Englisch, was alles falsch läuft, und auf wen man hören sollte und auf wen nicht, und, und und. Ich muss gestehen, ich habe nicht alles verstanden, ihr Englisch war zwar gut, aber schnell, und ich war irgendwie nicht mehr so aufnahmefähig. Es ging irgendwie darum, dass die Israelis alles falsch machten, die Amerikaner die Rebellen (oder auf jeden Fall die falsche Seite) im Kongo unterstützten, um ihren Kapitalismus zu schützen und ähnliche Dinge mehr. Wer weiß, vielleicht ist ja sogar was dran. Führte jedenfalls dazu, dass ich mich noch mehr als ignorantes, materialistisches und blödes Arschloch aus dem Westen vorkam als ohnehin schon.

Blick von Mt. Zion

Blick von Mt. Zion

Nachhause, oder nochmal rauf auf den Mount Zion, Nachtfotos schießen? Schwerfällig enterte ich doch noch die Stufen hoch, um den Gebäudekomplex um „David’s tomb“ und Marias Grabkirche nochmal bei Dunkelheit zu knipsen, es wird eben alles schön angestrahlt.

In Marias Grabkirche, wo ich kurz innehielt, um zu beten, waren gerade zwei deutschsprachige Brüder dabei, Stühle umzustellen. Tja, es gibt hier halt praktizierende Anhänger von drei Weltreligionen. Ich machte dann noch ein paar Bilder, ein paar davon sind, glaube ich, ganz gut geworden.

Danach war der Tag im Prinzip zuende. Fußmarsch nachhause, Rucksack entladen, zum Laden, Eis, Wasser, und Goldstar einkaufen, zurück ins Hotel und bloggen.

Morgen ist mein letzter Tag. Ich wollte ja eigentlich gerne noch nach Bethlehem. Aber ich habe bei BBC gerade die dortigen Aufstände gesehen. Die Reporterin trug Helm und Flakweste und flüchtete während der Übertragung, weil eine Menschenmasse auf sie zukam. Sowas brauche ich echt nicht, und ich weiß nicht, ob die Waffenruhe da auch für ruhigeres Fahrwasser sorgt. Vielleicht versuche ich es doch noch mal mit dem Tempelberg.

Jetzt ist also Waffenruhe. Mein Hotelfernseher behauptet das jedenfalls. Hm… Ich bin skeptisch. Das mit der Busexplosion finde ich schlimm, das war lt. Nachrichten das erste Mal sein sechs Jahren. Versteht mich nicht falsch, die Leute im Gaza-Streifen zahlen ein Vielfaches an Blutzoll, und das finde ich natürlich auch schlimm. Mit solchen Bomben können militante Israel-Gegner in Tel Aviv und Jerusalem vermutlich mehr Schaden anrichten, als die wenigen, ungezielten und dann auch noch von Iron Dome teilweise abgefangenen Raketen es vermögen. Und das gefährdet die Waffenruhe und führt damit indirekt eben nicht nur zu israelischen, sondern auch neuen Opfern im Gaza-Streifen.

Nun, mal sehe, wie es bei mir weitergeht. Bis morgen!

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Middleeastern Breakfast im Polly

Ich ließ mich wieder um 8.00 wecken, holte mir einen Breakfast-Voucher beim Desk und ging in das angrenzende Restaurant „Polly“ frühstücken. Die Kellnerin klärte mich auf, ich könne alles bestellen außer das „Special Breakfast“. Ich entschied mich für das „Middleeastern Breakfast“, bestehend aus einem Gurken/Tomaten/Paprika-Salat, zwei Eiern (die übrigens diesmal aussahen und schmeckten wie zuhause), zwei warmen Brötchen mit Butter, Tee und Limonade. Schöne Sache eigentlich, bewahrt einen im Vergleich zu einem Buffet davor, sich unnötig vollzufressen.

Frühstück im Polly

Das Polly, wo ich am ersten Tag in Jerusalem zu Abend aß, hat noch einen ziemlich gediegenen, zweiten Saal, wo man auf Ledercouchen Platz nimmt.

So, nun bin ich also wieder in meinem Hotel. Internet und BCC World News sagen: No ceasefire. Wahrscheinlich beruhigen die sich erst wieder an dem Tag, an dem ich abreise. Nun wird es Zeit, in die Socken zu kommen, ich möchte nochmal in die Alte Stadt, der Rundgang über die Mauer und ein Besuch am Tempelberg stehen an. Bis später.

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Mit Ulli in den Gulli

Puh! Was für ein Tag, ich war zwischenzeitlich ziemlich überwältigt von den Eindrücken und Panoramen. Die alte Stadt, die ich heute besucht habe, bietet so unglaublich viel Schönes und Interessantes zu sehen, dass ich fast ein bisschen überfordert war, die Eindrücke alle zu verarbeiten und zu speichern.

Aber hübsch der Reihe nach. Ich ging diesmal die Hebron in die richtige Richtung. Zunächst bog ich zwischenzeitlich von meinem Weg ab und besuchte eine Aussichtsplattform, um das Panaroma zu bewundern, was zu trinken und einen vlog-Eintrag zu aufzunehmen. Danach sah ich mich in der Umgebung um, kletterte hier einen Hügel hoch, schoss da gefühlte dreihundert Fotos (mit dem Wissen, dass die niemals diesen Anblick wieder geben können) und ging weiter in Richtung Alte Stadt.

Ich besuchte das „House of Quality“, das war ursprünglich ein von den Briten errichtet Krankenhaus. Die Einrichtung besteht aus zwei Gebäuden auf beiden Straßenseiten, die durch einen Tunnel miteinander verbunden sind (der allerdings nicht mehr begehbar ist, es gibt Pläne, den Tunnel wieder für Besucher zu öffnen). Eins der Gebäude beherbergt nun Kunsthandwerker-Ateliers, in denen man den Künstlern bei der Arbeit zusehen kann, natürlich werden auch viele interessante Arbeiten ausgestellt. Bekannterweise bin ich ja eher eine Kunstbanause, viele Kunstwerke entziehen sich mir. Aber eine feine Glasarbeit, eine Darstellung von Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis, hat es mir angetan, wahrscheinlich, weil ich die Bedeutung verstanden habe.

Baum der Erkenntnis in Glas

Baum der Erkenntnis in Glas mit Adam (links) und Eva (rechts, mit Frucht)

Ich ging weiter in Richtung alter Stadt. Eigentlich wollte ich zum Jaffa-Tor, aber ich ging erstmal über diverse Treppen einen Hügel hoch, den „Mount Zion“. Zunächst mal nur der potentiell tollen Aussicht wegen. In der Nähe eines großen Sakralgebäudes mit Glockenturm betrat ich eine weite Fläche, auf der ein einsamer, ortodoxer Jude offenbar betete. Ich umging den Gläubigen und sah mich auf dem Gelände um. Dieses war – aus deutscher Sicht – ziemlich heruntergekommen, verwitterte Mauern, Müll von kaputten Gartenstühlen über leere Wodkaflaschen zu alten Matratzen. Daneben befand sich ein Bolzplatz. War irgendwie seltsam, diese Müllhalde unmittelbar neben dem betenden Menschen.

Bolzplatz neben heiliger Stätte

Flächenplanung auf israelisch: Bolzplatz neben heiliger Stätte

Ich folgte dem inzwischen aufgestandenen Orthodoxen einen Gang entlang und vorsichtig durch einen engen Torbogen, hinter dem es dunkel war. Darüber war ein Schild angebracht „The tomb of David„. Oha! Vorsichtig, weil ich mir zuerst nicht sicher war, ob die Einrichtung überhaupt für Besucher geöffnet hatte, trat ich ein. Ich entdeckte schnell, dass hier auch viele andere Touristen herumlungerten, teilweise in geführten Gruppen. Also holte ich auch meine Kamera wieder hervor und sah mich im verwinkelten Komplex um. Wirklich seltsam, einiges sah aus, wie bewohnte Gebäudeteile mit einem Chaos aus herumliegenden Gegenständen und Müll, anderes war Baustelle und wurde restauriert, wieder andere Teile des Komplexes waren super in Schuss. Neben den Touristen und Gläubigen bevölkerten wieder mal große Mengen an streunendenden Katzen die Anlage.

Straycats

Streunende Katzen – auch die machen vor heiligen Orten nicht halt. Die kleinen sind aber echt ganz niedlich. Aber alle auch von den Texturen her mächtig zusammengewürfelt.

Jedenfalls traf ich hier Ulli. Ich hatte gleich den Eindruch, dass sie aus demselben Land kommen könnte wie ich. Ich fragte „Where are you from?“ „Germany. “ „Alles klar, hallo.“ Ulli ist eine aufgeweckte und hübsche, junge Studentin aus Köln, die gerade ihren Master in Physik gemacht hat und in diesem Fach noch promovieren möchte. Ihr Fachbebiet ist die Oberflächenphysik, besonders die Erforschung sogenannter Grapheen (ich weiß nicht, ob ich das richtig geschrieben habe, ich hab es bei Wikipedia nicht gefunden), dass sind, wenn ich sie richtig verstanden habe, bestimmte Kristallformen von Graphit, die ein paar „coole Eigenschaften“ hätten (z.B. extrem hohe elektrische Leitfähigkeit).

Marias Grabstätte - angeblich

Marias Grabstätte – angeblich. Sowas ist ja immer gerne umstritten unter den Experten. Für Christen ist entscheidend, dass sie gelebt und Christus, den Sohn Gottes, geboren hat.

Sie ging mit mir zusammen noch zur Grabstätte von keiner Geringeren als Maria, die in einer Krypta unterhalb der Kirche angeblich ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Ich machte ein paar Fotos und dann passierte mir das, was ich eigentlich immer vermeiden wollte: Ich ließ Respekt vermissen, weil ich an der falschen Stelle eine Mütze aufhatte. Hätte mich besser vorbereiten müssen. Denn je nachdem, ob man ein muslimisches, christliches oder jüdisches Sakralgebäude betritt, muss man teilweise eine Kopfbedeckung tragen, oder man darf nicht. Mein Fehler… Ein kleingewachsener Hüter der Regeln wies mich mit enttäuschtem Gesichtsausdruck auf meinen Fehler hin. Ich begab mich tiefer in das Gebäude und wurde nochmals vomselben Mann zurechtgewiesen, ich dürfe mich dort nicht aufhalten, warum ich das denn täte, niemand würde sich dort aufhalten (was übrigens nicht stimmte). Dies geschah in einem Tonfall und mit einem Gesichtsausdruck, als hätte ich das Gebäude in die Luft gesprengt. Ich scheine es für immer entweiht zu haben. Aber dann hätte das vielleicht besser ausgeschildert werden sollen… Mist, ich hoffe, das ist nicht der Anfang einer Karriere, die mit einer Buchveröffentlichung „Danebenbenehmen in Sakralbauten für Anfänger“ mit meiner Wenigkeit als Autor endet.

City of David - Eingang

City of David – oder wie es in der Weihnachtsgeschichte heißt: „Die Stadt Davids“.

Es gefiel mir sehr gut, in Gesellschaft der munteren Ulli zu sein, die sich als interessante und interessierte Gesprächspartnerin herausstellte. Auch sie freute sich, nicht alleine durch die Gegend zu ziehen. Also fragte ich sie, was sie als nächstes vorhätte, und als sie sagte, sie wolle zur „City of David„. Da ich da noch nicht war und ihre Gesellschaft genoss (und sie offenbar auch durchaus nichts gegen meine einzuwenden hatte), gingen wir da zusammen hin. Zuerst tranken wir einen Kaffee am Eingang der Anlage, dabei hatten wir Gelegenheit, uns ein wenig mehr zu unterhalten. Die reiselustige Ulli war schon bei israelischen Freunden einem Vorort Tel Avivs und kurz auch in Tel Aviv selbst, ist mit dem Rad um den See Genezareth gefahren und hat sich im toten Meer geaalt. Ich muss gestehen, dass ich etwas neidisch wurde… obwohl ich hier ja auch schon eine richtig gute Zeit hatte.

Siedlung am Hügel

Typische Siedlung am Hügel

Nach dem Kaffee kauften wir uns Tickets für die Anlage und begannen die Besichtigungstour. Vor der Herrschaft Davids war die Anlage eine kanaanäische Festung gewesen. Auf den Erklärungstafeln wurde historisch, wie man das von den Zeittafeln in Bibeln her kennen mag, zwischen der Zeit vor dem ersten Tempel, der Zeit des ersten Tempels und der Zeit des zweiten Tempels unterschieden. Seit Jahrhunderten finden hier archäologische Ausgrabungen statt, die von unterschiedlichen Nationen vorangetrieben wurde (und noch immer wird). Viele Mauerreste lassen die Grundrisse von Davids Palast (vermutlich) erahnen, hier sind verschiedene Zimmer und Kammern zu erkennen. Um meine hübsche Begleiterin zu beeindrucken sparte ich nicht mit flapsigen Sprüchen wie „Oh guck mal, das könnte Salomos Kinderzimmer gewesen sein!“ (ähm, wo waren denn da die guten Vorsetze bzgl. Respekt geblieben?).

Salomos Kinderzimmer?

Salomos Kinderzimmer?

Wir waren noch unterwegs zum Highlight der Tour, den Schächten und Tunnels der unterirdischen, antiken Wasserversorgung, als unvermittelt ein Luftalarm den Anflug von Raketen aus dem Gaza-Streifen signalisierte. Für Ulli war es das erste Mal, aber ich war ebenfalls ein wenig nervös, weil man in absehbarer Zeit nirgendwo so richtig in Deckung gehen konnte (und man hat in Tel Aviv und Jerusalem angeblich höchstens eine Minute Vorwarnzeit). Wir drängten uns also in einem Torbogen und warteten Alarm und Kawumm ab (es scheinen zwei Raketen gewesen zu sein, weil es zweimal unmittelbar nacheinander knallte, aber es klang ziemlich weit weg). Naja, danach ging es weiter, Ulli steckte das auch ganz gut weg. Meiner eigenen Erfahrung nach steckt man den ersten Alarm besser weg, wenn man hinterher jemanden zum Reden hat. Ulli erzählte, sie habe bei ihren Freunden unmittelbar in der Nähe einer Iron Dome – Batterie gewohnt und die Abschüsse von deren Flugkörpern gehört. Außerdem sagte sie, die Raketen, die von Gaza aus Tel Aviv und Israel erreichen könnten, wären iranische Fadschr-5. (Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sie sagte „Faschir-Raketen oder so“, aber immerhin wußte sie damit mehr als ich…) Mann mann mann, jetzt muss ich mich schon von einem Mädchen (sorry Ulli, in meinem Alter darf ich das sagen…) über Artillerieraketen aufklären lassen. Ich lasse nach…

Runter zum Wassertransportsystem

Hier geht es runter zum Wassertransportsystem

Raketen hin, Raketen her, auf zur antiken Wasserversorgung. Wie die Infotafeln erklärten, wurden (bevor man lernte, Regenwasser aufzufangen und in Reservoirs zu speichern) Siedlungen immer in der Nähe einer Quelle gegründet, um die Menschen mit dem lebensnotwendigen Nass auszustatten. Als lebensnotwendige Resource wurden die Quellen in Zeiten des Krieges und der Belagerung zu strategischen Zielen: Gelang es, den Feind von seiner Wasserversorgung abzuschneiden, hatte man im Prinzip schon gewonnen. Deswegen wurden die Quellen und die Tunnels und Schächte, die zum Wassertransport verwendet werden, extrem gut gesichert, auch durch bauliche Maßnahmen. Was soviel heißt wie: Wären wir eine zwanzig Minuten früher in diesen Tunnels unter der Stadt Davids gewesen, hätten uns die angreifenden Fadschr-5 (oder was auch immer) so gar nichts gekonnt.

Gang mit Ulli

Gang mit Ulli – allerdings ziemlich dunkel

Es gab zwei verschiedene Routen, für die eine hätte man wasserdichte Schuhe und Taschenlampen benötigt. Ich fand es schade, dass wir diese Route deswegen nicht nehmen konnten, das schien mir echt spannend. Wir haben uns den Eingang angesehen, das ist eine echt dunkle, enge und lange Route, in der auf dem Boden Wasser fließt. Nichts für Angsthasen (oder Leute ohne Gummistiefel und Taschenlampen). Das wäre schon eine Sache mit Nervenkitzel gewesen, denke ich. Die andere Route war auch interessant, aber erheblich kürzer. Auf jeden Fall muss man den Hut vor den Arbeitern ziehen, die sich vor so langer Zeit zu kanaanäischen Zeit mit Bronze-, später mit Eisenwerkzeugen durch den Fels gegraben haben.

Gang ohne Ulli

Gang ohne Ulli – dafür heller.

Wir blieben noch ein wenig auf dem Gelände, bewunderten das Panorama (und die Gesänge des Mohezins durch eine auf einem naheliegenden Turm installierte Druckkammer-Lautsprecheranlage, klang irgendwie auch ein bisschen wie Luftalarm, öhm, schon wieder diese Probleme mit dem Respekt… ich höre meinen Schweizer Kollegen förmlich „Pfui!“ rufen.)

Druckkammerlautsprecheranlage auf Mini-Minarett

Druckkammerlautsprecheranlage auf Mini-Minarett

Wir kamen an eine Stelle, die als „Quarrier’s Meeting Point“ bezeichnet wurde. Als erstes erschien vor meinem geistigen Auge eine Szene, bei der sich antike Tunnelbauarbeiter zur Mittagspause versammeln, ihre von der Gattin liebevoll verpackte Falaffel aus der Tupperdose schälen und einen lustigen Klönschnack beginnen: „Hey Mosche, hast Du schon gehört, AC Bethlehem gegen Jericho United 4:2!“ Oder dass hier einst der Betriebsrat tagte. Doch weit gefehlt, eine Infotafel raubt mir meine farbenprächtigen Ideen der hypothetischen Altertumsforschung: Hier haben sich zwei Bauarbeiterteams getroffen, die von zwei Seiten aus den Tunnel gegraben haben. Dies geht aus einer Inschrift im Tunnel hervor, die ein Junge im 19. Jahrhundert zufällig gefunden hat („Mama, Mama, guck mal, Grafitti!“ „Igitt! Da müssen wir Bescheid sagen, damit das entfernt wird, wie sieht denn das aus!?“)

Treffpunkt der Tunnelbohrer

Treffpunkt der Tunnelbohrer – hier wickelten die Bauerarbeiter einst ihre Stullen aus. Womöglich.

Nicht lange danach verließen Ulli und ich die Anlage. Ich muss zugeben, dass ich die Navigation die ganze Zeit Ulli überließ, die mit einer Karte der Anlage die Führerin machte. Ich wäre damit, flache Witze zu reißen, die Umgebung zu bewundern (und ein bisschen auch Ulli) und ne Karte zu lesen einfach überfordert gewesen. Sie wollte noch in ein Museum am Jaffa-Tor, welches sich, wenn ich das richtig verstanden habe, die Palästina-Reise Wilhelms II. zum Thema hat.

Jaffa-Tor

Jaffa-Tor

Übrigens hatte mir Ulli zuvor auf eine angenehm lebendige Art ein wenig über die Israelische Geschichte, die letztendlich zu den gegenwärtigen Verhältnissen führte, erzählt. Sie hat darüber jüngst ein Buch gelesen. („Die Osmanen waren zu Kaisers Zeiten auf der Seite der Deutschen. Doof, weil die ja den Krieg dann verloren…“)

The Tower of David

The Tower of David. Beherbergt das „The Kaiser is coming“-Museum, welches wir eigentlich besuchen wollten.

Das Museum im „Tower of David“ schloss um 16 Uhr, und es war schon fast viertel vor, man ließ uns nicht mehr rein. Als Alternative wollte Ulli dann zu einem großen Markt in der Neustadt, um etwas Obst zu kaufen. Wir haben uns dann schon mal präventiv verabschiedet und ein Foto machen lassen. Sie wollte mich nicht unbedingt noch mitschleifen und ich wollte sie nicht unbedingt länger behelligen, aber wir stellten dann doch fest, dass es okay für uns beide war, noch ein wenig Zeit gemeinsam zu verbringen. In der Nähe von Ullis Hostel trafen wir auf Alex, einen netten Schweden, der im selben Hostel wohnte. Er schloss sich uns an, und wir gingen gemeinsam auf den Markt.

Der Markt in Neu-Jerusalem

Der Markt in Neu-Jerusalem – das heißt, nur ein kleiner Teil davon, das Ding ist echt riesig.

Mann, dieser war wieder mal überwältigend! Ich war noch nie auf einem so riesigen Markt! Unmengen von Händlern priesen in einem riesigen Komplex aus überdachten Gängen Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, Kleidung und was weiß ich noch alles an. Es gab vor allem eine riesige Auswahl von verschiedenen Nüssen, getrockneten Früchten, und Obst aller Art, dazu auch Backwaren und regionale Spezialitäten. Ulli holte sich gleich ne Tüte Feigen, von denen sie auch Alex und mir anbot. Ich bin halt nicht sehr experimentierfreudiger Esser nahm skeptisch eine, überraschenderweise mochte ich sie, und ich kaufte mir später selber eine Tüte (die ich übrigens gerade futtere, also, die Feigen, nicht die Tüte). Zwischenzeitlich hatte ich mir für zweieinhalb NIS einen langweiligen Apfel gekauft und verzehrt.

Große Auswahl am Markt

Große Auswahl am Markt

Nach einem ausgiebigen Gang über den Markt meldete sich Hunger, und wir suchten uns eine gastronomische Einrichtung in einer Straße, wo Ulli und Alex zuvor schon einmal was gegessen hatten. Wir setzten uns draußen an einen Tisch, Alex nahm green Shukhran (so hieß das, glaube ich, ein Gericht mit Ei, Knoblauch, Spinat und so), Ulli nahm etwas mit viel Couscous, und ich ein Barchetta mit geräuchertem Thunfisch. Mein Essen war dann ziemlich mediterran, mit Oliven (die ich ja nicht so mag) und viel Basilikum (das ich gern mag), Tomaten, Mozarellabällchen und so weiter. Insgesamt recht lecker. Und es gab ein Goldstar dazu. Allerdings ließ mich Ulli mal ihre Limonade probieren (mit Zitronenscheibe und Pfefferminzblättern), und die war so gut, dass ich mir so eine auch nochmal bestellen muss. Geschmacklich hat Ulli heute ein wenig meinen Horizont erweitert, geschichtlich ebenfalls.

Ulli und ich

Ulli und ich

Nach der Mahlzeit wollten Ulli und Alex zurück ins Hostel, und auch ich wollte den Heimweg antreten, denn ich wollte zu Fuß zurück, und das waren ein paar Kilometer. Es war auch schon dunkel und deutlich kälter geworden, aber ich hatte einen Pulli dabei. So machten wir noch paar Fotos und verabschiedeten uns. „Be safe!“ „You too!“  Ich trat dann mithilfe der letzten 16% im Handy-Akku mithilfe von Open Cycle Maps und GPS den Heimweg an, lt. meiner App etwas mehr als 3 km. Insgesamt dürften es an diesem Tag um die 11 km gewesen sein, die ich unter die Füße genommen habe.

Alex und Ulli

Alex und Ulli – nach dem gemeinsamen Abendessen

Im Hotel schmiss ich paar unnötige Sachen aus dem Rucksack und ging nochmal los zu einem Laden in der Nähe, um meine Goldstar-Vorräte aufzustocken und Eis für den Behelfskühlschrank zu besorgen. Außerdem brauchte ich noch Wasser und gönnte mir ein Eis für den Rückweg.

Dann zurück ins Hotel und Blog schreiben. Und das war’s dann. Achja, Ulli, die schon etwas mehr hier gesehen hat, gab mir noch ein paar Tipps: Das Austrian Hospice besuchen, von dort aus gäbe es einen guten Blick, und das Café sei einen Besuch wert, einen Rundgang auf der Stadtmauer vom Jaffa-Tor aus unternehmen (will ich unbedingt machen) und rechtzeitig am Tempelberg auflaufen. Sie wollte heute eigentlich nach Bethlehem, aber die Tour wurde aus Sicherheitserwägungen abgesagt (obwohl da eigentlich gar nix los ist). Obwohl ich gefühlt heute echt viel gesehen und erlebt habe, warten noch ein paar Highlights auf mich. Ob ich es nach Bethlehem und/oder zum Toten Meer noch schaffe, weiß ich nicht. Morgen muss ich auf jeden Fall erstmal nochmals in die Alte Stadt, damit bin ich einfach noch nicht fertig. Aber bis dahin: Bis morgen.

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Frühstück im „Bagel Bite“

Ich ließ mich um 8.00 mit „Security Joan“ (Fagan) vom eierPad, welches inzwischen die Zeit hier kennt, wecken. Der Mann im an mein Hotel angrenzenden Restaurant gestern meinte nämlich, Frühstück gäbe es bis neun. Also machte ich mich nach der Morgentoilette auf den Weg dorthin, um von einer lächelnden Dame am Eingang gleich wieder weggeschickt zu werden. „English? Sorry, you can’t have breakfast here, you have to go downstairs to the „bagel bite“. Wie meinen? Wozu dann der Hinweis gestern? Ich ging zu Avi am Desk und fragte ihn, wohin es denn mal zum Frühstück ginge. Avi gab mir einen gestempelten Gutschein und meinte, im Restaurant sei ein Event, daher wäre Frühstück ausnahmsweise im „Bagel Bite“.

Bagel Bite

Das „Bagel Bite“. Der Räucherlachsbagel und die Latten waren sehr lecker. Insgesamt ist die Auswahl an Speisen sehr amerikanisch geprägt. Das Ganze erinnert schon auch an das „Bagel’s“ in Osnabrück.

Das „Bagel Bite“ ist nur 300m vom Hotel entfernt. Ich trat ein, gab meinen Gutschein ab und durchstöberte die Karte. Hatte keinen Plan, was ich jetzt eigentlich für meinen Gutschein bestellen darf, aber Avi hatte sowas von „any breakfast you want“ gesagt. Öhm… sollte ich mich jetzt einmal quer durch die Karte futtern, die so Leckereien wie „Pan cakes served with wipped cream or vanilla ice crem“ und ähnlichen amerikanischen Süßkram (auf den ich ja eigentlich stehe) sowie alle möglichen Bagelvarianten am Start hatte? Na, vielleicht besser nicht. Ich nahm einen Bagel mit geräuchertem Lachs und einen großen Latte. Beides sehr gut, danach war ich auch schon satt.

UN-Fahrzeug vor dem "Bagel Bite"

Solche Autos kenne ich sonst nur aus den Nachrichten. Naja, Raketen, die in der Luft abgefangen werden, ja auch… Der Mittlere Osten ist eben eine Reise wert.

Außerdem gibt es hier ein freies WLAN namens „Bagel“, welches zwar keine Rakete ist, aber ausreicht, um Mails zu beantworten. Da ich nicht mein Netbook, mit dem ich sonst blogge, sondern mein eierPad dabei habe, holte ich mir die WordPress-App aus dem Bagel-Netzwerk. Scheint ganz gut zu funktionieren. Jetzt sitze ich also hier bei meinem zweiten Latte und tippe. Draußen scheint die Sonne, es sind so 20 Grad plus. Hier ist es nicht so warm wie in Tel Aviv, gestern abend zog ich mit einem Pulli durch die Gegend, aber im Moment ist schon wieder T-Shirt angesagt.

Nun, wenn ich den Latte erledigt habe, gehe ich nochmal auf mein Zimmer, und dann geht es in die alte Stadt, zum Jaffa-Tor. Und von da aus – vielleicht – mit dem Bus nach Bethlehem. Bis später also!

Update: Wieder im Hotel. Man berechnete mir im Bagel doch 44 NIS, weil der Lachsbagel nicht inkluded war. Ich hätte mich natürlich vorher informieren können, aber andererseits ist mir das sowas von Latte, ich hab auch nix dagegen, 50 NIS in die hiesige Wirtschaft zu pumpen. Ich hab viel zu sehr Urlaub, als dass mich sowas tangiert. Das mit der App funktionierte letztenendes doch nicht so richtig gut, vielleicht lag es auch am Bagel-Netzwerk. Aber das, was ich da verzehrt habe, war so gut, dass ich den Laden jederzeit wieder aufsuchen würde.

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Lost in Jerusalem

Nachdem ich hier im Hotel angekommen war, habe ich erstmal ziemlich mit dem WLAN des Hotels gekämpft. Das klappte alles nicht so, wie es sollte. Dann habe ich neben dem Blog noch Postkarten geschrieben, so dass ich abends erst recht spät loszog. Ein Nachteil der Jahreszeit ist, dass es hier immer schon echt früh dunkel wird.

Das "Litte House in Bakah"

Das „Litte House in Bakah“ – mein Hotel in Jerusalem

Ich wohne hier in der Yehuda Street, eine Abzweigung der Hauptstraße Hebron Road. Also erstmal auf die Hebron, und nach Einkaufsmöglichkeiten umsehen. Direkt auf der anderen Straßenseite liegt eine Drogerie, die auch Softdrinks, Süßigkeiten und sowas hat. Erstmal Eistee und Müsliriegel eingesackt. Daneben ist eine Bank, die aber meine beiden Plastikkarten ablehnte. Die nächste Bank war nicht weit, und deren ATM akzeptierte meine Maestro. Nochmal 500 NIS abgegriffen. Dann bin ich einfach mal ein paar Treppen hochspaziert in der Hoffnung, von dort oben auf dem Hügel Teile der Stadt bei Nacht knipsen zu können, was auch einigermaßen aufging

Wohnblock

Wohnblock – auf dem Dach sind Sonnenkollektoren, um Wasser zu erwärmen. Überall sieht man diese weißen Zylinder, die über Schläuche mit den Kollektoren verbunden sind. Ich nehme an, dass das Druckspeicher sind.

Die Idee war dann, in Richtung Alte Stadt zu gehen, zum Jaffator. Leider ging ich mal wieder von vorneherein in die falsche Richtung, schnallte es aber erst sehr spät, weil ich dachte, ich mache alles richtig. Bei solchen Aktionen war ich oft á la Zen-Navigation teilweise an interessante Orte gelangt, wo ich sonst nicht hingekommen wäre. Diesmal leider nicht. Der Weg an sich war, abgesehen davon, dass man zum Teil einen guten Blick vom Hügel herunter auf tiefer gelegene Teile der Stadt hatte, eher unattraktiv, entlang einer sechsspurigen Hauptstraße mit öder Randbepflanzung und endlosen Natursteinmauern. Ich gelangte eher an den Arsch der Welt, wenn man mal von dieser endlosen Hauptverkehrsader an sich absieht. Ich wäre auch nicht abgeneigt gewesen, irgendwo was essen zu gehen, aber ich habe da nur einen Laden namens Rosmarin gefunden, der nur Croissants und so nebst Kaffee, Tee und Softdrinks anbot.

Der Weg nach Bethlehem

Wenn ich dieser Straße noch weiter gefolgt wäre, wäre ich womöglich in Bethlehem gelandet.

Irgendwie schlug mir das mächtig auf die Stimmung. Gerade noch in Tel Aviv, der Partymetropole, und hier fühlte ich mich irgendwie auf einmal einfach nur noch einsam und deprimiert. Irgendwann war mir klar, dass das zu nix führen würde und kehrte um. Ich schlug mich ein wenig abseits, um mal für kleine Israel-Touristen… Ihr wisst schon. Da war dann so richtig der Arsch der Welt: Müll, aufgegebene Tanks, irgendwer hatte sich dort mal eine behelfsmäßige Behausung eingerichtet, daneben eine geschmackvolle Sitzeecke aus alten Sofas und einem Autositz um eine Feuerstelle gruppiert. Fast ein bisschen gruselig, zumal in der Dunkelheit und alleine. Passte zu meiner Stimmung.

Gemütliche Sitzecke

Gemütliche Sitzecke … ist was anderes.

Ich fand meine Kopfhörer doch noch in der Hosentasche und machte Rage against the machine an. Aber das hilft eher, wenn ich sauer bin, nicht gegen Depri. „Settle for nothing now, and we’ll settle for nothing later…“ machte es eher schlimmer (vor allem, weil es auch noch irgendwie an die Siedlungspolitik erinnert…) Die Frog Bog Dosenband half da besser, und ich machte mich wacker auf den Rückweg. Und sah in dieser Richtung auch die Schilder mit dem Hinweis „Old City“. Die Wegweiser sind hier übrigens dreisprachig, und jede Sprache hat auch ihre eigene Schrift…

Hier geht es lang zur alten Stadt - in der Gegenrichtung zu Bethlehem

Hier geht es lang zur alten Stadt – in der Gegenrichtung zu Bethlehem

Unterwegs ging ich noch in einen kleinen Laden, bei dem es Bier, Toaster, Wasserpfeifen und so zu kaufen gab. Hier erstand ich ne Tüte Chips, ein paar Flaschen Goldstar und einen Beutel Eis zur Einrichtung eines Behelfskühlschranks. Dann machte ich mich auf den Weg zum Hotel zurück.

Mittlerer-Osten-Baustil

Typischer Mittlerer-Osten-Baustil – nicht, dass ich mich damit auskennen würde, aber genauso stellt man sich das doch mit „Hintergrundkenntnissen“ aus Film und Fernsehen vor. Inklusive der außen aufgehängten Wäsche, die kein Klischee ist – habe ich schon reichlich gesehen.

Neben direkt ans Hotel (oder zugehörig dazu, mehr oder weniger) gibt es ein Restaurant. Da ich noch nicht zu Abend gegessen hatte, kehrte ich hier ein und bestellte Spaghetti mit Tomatensauce und ein großes Goldstar. Ich hatte erst überlegt, entgegen meiner Gewohnheit mal einen Rotwein dazu zu bestellen, aber ein Blick auf die Weinkarte belehrte mich eines Besseren. Die Preise waren nämlich nicht ohne. Die Bedienung fragte mich, ob ich im Hotel wohne, was ich bejahte, und nach dem Vorzeigen meines Zimmerschlüssels bekam ich 10%. Da auf der Rechnung „Service not included“ stand (wie im „Mike’s“) waren aber mindestens 16% Trinkgeld angesagt, aber das ist ja auch okay.

Im Restaurant neben dem Hotel

Im Restaurant neben dem Hotel – hier gibt es sicherlich ganz guten, aber auch teuren Wein.

Zurück im Hotel kämpfte ich wieder mit dem WLAN. Wenn ich mal nicht mehr weiter bloggen kann, wisst Ihr, woran es liegt. Immerhin kann ich mich hier zwischen zwei freien Netzen entscheiden. Mal sehen, welches das Bessere ist. Jedenfalls konnte ich während eines längeren Uploads ein wenig mehr in meinem Buch „Betreutes Trinken“ lesen.

Behelfskühlschrank

Behelfskühlschrank – die „amerikanische Lösung“

So unterm Strich war das nicht so mein Tag heute. Hatte mich schon zu sehr an den Strand, das tolle Hotel und die lässige Atmosphäre Tel Avivs gewöhnt. Ist hier alles bisschen anders. Vielleicht sollte man das umgekehrt machen, aber dann kommt der Kulturschock wahrscheinlich genauso, nur umgekehrt. Auf der positiven Seite kann ich aber sagen, dass dies mein erster Raketenfreier Tag in Israel war, das ist ja auch schon mal was. Vielleicht hätte ich mich auch einfach nicht mit „Jerusalem is lost…“ wecken lassen sollen…  Bis morgen.

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A Little House in Bakah, Jerusalem

Sorry erstmal, ich bin inzwischen in Jerusalem, aber auch hier macht das WLAN Zicken. Hier erstmal noch ein Video von gestern, welches ich Euch bisher schuldig bleiben musste:

Nach dem Frühstück warf ich also meine Klamotten in Koffer und Rucksack, natürlich inklusive der letzten zwei Dosen Goldstar. Ich guckte noch mal alle Schränke und Schubladen durch, dabei viel mir auf, dass etwas fehlte: Meine gute, noch recht neue Regenjacke. Großer Mist, ich habe die vermutlich im Kofferraum des Taxis, mit dem ich zum Sheraton gefahren bin, vergessen. Das hat meine Laune natürlich schon gedrückt, immerhin hat sie 200 Euronen gekostet, ich muss mir jetzt eine neue besorgen, und die hat mir echt gut gefallen. Aber was hilft’s, wird ja nicht besser, wenn ich mir davon den Resturlaub versauen lassen. Hab noch an der Rezeption beim Auschecken den Lost&Found-Mann gefragt, aber keine Chance.

Tschüss, Tel Aviv!

Tschüss, Tel Aviv! Gleis 4, Savidor Center, der Zug nach Jerusalem Malha steht schon bereit.

Also los per Taxi zum Savidor Center. Dort musste ich erstmal durch eine Sicherheitsschleuse. Ein Symbol sagte mir, dass ich Getränke nicht mit hineinnehmen durfte. Ich packte die Wasserflaschen aus dem Rucksack, ließ aber dreist das gute Goldstar im Koffer. Der musste durch eine Röntgenanlage, ich durch einen Metalldetektor. Mist, die Dame sah da was auf dem Schirm, was verdächtig aussah: „Do you have a pocketknife in your case? Can I see it?“ Okay, ich musste den Koffer öffnen, damit offenbarte ich meine mitgeführten Biervorräte. Aber man klärte mich auf, dass das Symbol nur bedeuten solle, dass Getränke nicht durch die Röntgenanlage sollten (was ja nun passiert war). Aber mein Taschenmesser war in Rucksack, nicht im Koffer. Was war es also dann? Die Bierdosen waren es nicht. Fieberhaft suchte ich nach dem verdächtigen Gegenstand. Offenbar waren es zwei AA-Akkus in einer Plastiktüte, damit gab sich die Lady zufrieden. Ich suchte meine Schlüssel, Telefon und so weiter zusammen, machte den Koffer wieder zu, und weiter. Zum Glück hatte ich genug Zeit.

Ich kaufte mir am Schalter ein Ticket, dann ab zu Gleis vier, wo ein Dieselzug mit Ziel Jerusalem Malha, schon wartete. Ich war erst misstrauisch, ob es wohl der richtige Zug wäre, schon so früh, entschied mich dann aber dorch fürs Einsteigen, es war warm und der Zug klimatisiert. Anfangs war der Zug echt sehr leer, alles andere, als „Die Reise nach Jerusalem“. Ein paar Leute stiegen aber doch noch zu.

Nachdem ich die kleine Karte mit dem Streckenverlauf studiert hatte, war ich ein wenig irritiert, als der Zug an einer Station hielt, die ich nicht auf dem Schirm hatte. Aber ich stieg nicht sofort aus, und es stellte sich heraus, dass der Zug nur eine andere Strecke als erwartet fuhr. Nachdem der Zug Tel Aviv verlassen hatte, war die Gegend erst sehr öde. Später kamen dann ein paar Bauernhöfe, auf denen gerade gepflügt wurde. Dann wurde die Gegend schließlich immer hügeliger, und dann kam schon die Station „The Biblical Zoo“ in Jerusalem. Die Bahnfahrt wurde in den Hügeln sehr kurvig, man hat die Strecke eher um die Hügel herum anstatt hindurch gebaut.

Ankunft in Jerusalem Malha

Ankunft in Jerusalem Malha. Blick vom Bahnhof zurück, wo der Zug herkam.

Und so kam ich dann gegen 14.20 Uhr in Malha an. Nachdem ich mich kurz umgeschaut hatte, verließ ich den Bahnhof durch einen Metalldetektor, der natürlich laut piepte, was aber keinen interessierte, schließlich verließ ich ja den Bahnhof.

Es dauerte eine Weile, bis mich ein Taxi aufgabelte und der palestinensische Fahrer verstand, dass ich zur Yehuda Street, nicht zur Ben Yehuda, die es ebenfalls gibt, wollte. Aber er kannte das Hotel, kein Problem. Also kämpfte er sich mit mir in und durch den zähen Verkehr.

Unterwegs erklärte er mir in einem Englisch, welches ich nicht richtig gut verstand, die Führer seien schlecht (ich fragte, welche, Israel, Hamas, oder beide?) und er meinte, „beide, aber vor allem Istrael“. Die Israelis würden Hügel um Hügel in Besitz nehmen, und Palestinänser dürften dort zwar wohnen, aber man würde sich eher nur geduldet fühlen. Das sei nicht immer so gewesen, sein Großvater hat ihm erzählt, vor 50 Jahren hätte man friedlich zusammen gelebt. Er selbst sprach auch nicht schlecht über die Israelis, nur über deren Führung, die ihnen die falschen Dinge in den Kopf setzen würden. Mag stimmen.

An dieser Stelle mal ein kurzer Einblick in meine Gedanken: An sich möchte und muss ich keine Partei ergreifen. Was die einfachen Menschen, die einfach nur leben, lieben und arbeiten möchten, angeht, da ist wohl ohnehin auf beiden Seiten kein Stein zu werfen, die wollen aller Wahrscheinlichkeit das, was wir alle wollen: In Frieden leben. Trotzdem habe ich eine leichte Sympathie für die Israelis entwickelt. Ich habe nicht viele und sie auch nicht wirklich kennen gelernt, und natürlich kann man die eh nicht alle über einen Kamm scheren. Aber ich fand sie gastfreundlich, aufgeschlossen, sympathisch, intelligent (oft gutaussehend)… und ich bewundere irgendwie auch ihre Wehrhaftigkeit und Entschlossenheit. Israel ist ein ständig bedrohtes Land, dessen Existenz von vielen Menschen in der unmittelbaren Umgebung nicht akzeptiert und anerkannt wird. Würde – weit hergeholt, aber mal rein theoretisch – Holland die Existenz unseres Landes nicht anerkennen und mit Raketen auf uns schießen – wir würden uns wohl auch irgendwie zur Wehr setzen.

Andererseits… Wäre ich in Gaza City und würde sehen, wie die Zivilbevölkerung dort unter den Luftangriffen der Israelis leidet, dann würde ich die Sache wahrscheinlich ganz anders sehen.

Nun, zurück nach Jerusalem. Mein Taxifahrer Yamall (oder so ähnlich) gab mir noch seine Telefonnummer, ich werde mich dann wohl auch von ihm zum Bahnhof zurückfahren lassen. Er hat mir auch angeboten, mich für 250 NIS zum Ben Gurion zu fahren, aber das wäre höchstens ein Plan B, falls ich den Zug nicht bekomme oder so.

Beim Hotel angekommen, checkte ich bei Avi, meinem Mann am Desk, ein. Er brachte mich dann zu meinem Zimmer, „Apple 3“ (ausgerechnet, aber nach Kollege Marco bin ich ja eh Fanboy. Grrr!). Es gibt auch Orange und Grape, vermutlich sind die Etagen nach Früchten benannt. Nach dem Luxus im Sheraton ist es hier… nun, etwas bieder. Das Mobilar tendiert ins Antike, ich hab keinen Kühlschrank, der Fernseher ist kleiner, und das Zimmer sitzt insgesamt etwas eng um die Hüften. Aber es kostet auch nur die Hälfe pro Nacht, und es ist sauber und ordentlich. Und es gibt hier, im Gegensatz zum Sheraton FREE WLAN! Also eigentlich eine super Bude. Ernsthaft, ich vermisse meinen Strand ein wenig, aber es ist schon völlig okay hier. Und Avi am Desk war sehr nett, und zwar nicht auf so eine professionelle Art wie die Leute im Sheraton, sondern ein bisschen persönlicher, so wie Andrew in Brooklyn vor einem Jahr. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, ein wenig mit ihm zu quatschen.

Ansonsten weiß ich noch nicht, was ich mit dem Rest des Tages anfangen werde. Die alte Stadt, z.B. das Jaffa-Tor, liegen in Fußgänger-Reichweite. Von dort aus kann man per Kleinbus nach Bethlehem fahren, was ich bestimmt machen werde, wenn auch nicht mehr heute. Avi sagte, er könne auch ne Tour zum Toten Meer organisieren, klingt auch sehr verlockend. Aber heute werde ich bestimmt nur noch die unmittelbare Umgebung erkunden und irgendwo was essen.

Sodenn, das war’s, mein erstes Lebenszeichen aus Jerusalem. Bis bald!

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Auf nach Jerusalem!

Um 10 Uhr sollte mich das eierPad mit „The Fall of Jerusalem“ (aus „Crusader“, Chris de Burgh) wecken. Da das aber sehr verhalten beginnt und ich beide Wecker gestellt hatte, war das Default-Gedudel aus dem Handy lauter.

Geduscht ab zum Frühstück. Innerlich geflucht, weil wieder versehentlich die Espresso- anstatt Capuccino-Taste erwischt. Sabbat-Gesetze haben schon was für sich, die bewahren einen vor dusseligen Fehlern (oder auch nicht, weil ich da auch zweimal die falsche Kanne mit dem heissen Wasser statt Kaffee erwischt habe. Wenn Paddeligkeit einen Vornamen hätte, hieße sie „Michi“).

Zuerst Rührei und etwas von einem Gericht, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. War jedenfalls mit Käse überbacken, Tomatenmus und Ei, ein wenig scharf und recht lecker, aber irgend ne Glasur, die sich ziemlich hartnäckig an der Kauleiste etabliert. Noch einen Capuccino hinterher um den Espresso zu verdünnen. Ich erspähte Ahornsirup, also doch nochmal paar kleine Pancakes und French Toast. Und ne Schale Cerealien zum Schluss. Wer weiß, was es in Jerusalem zu essen gibt… und wann. Ich vergaß allerdings, bisschen Obst mitzunehmen, aber ich hab noch ne Birne von gestern (also Obst, nicht, dass jemand denkt, ich hatte zuviel Goldstar bei Mike) und paar von diesen Pseudo-Müsliriegeln.

So, nun muss ich gleich nochmal schauen, wie ich eigentlich vom Bahnhof zum Hotel komme, wenn ich in Jerusalem bin. Und zuende packen. Um 12 Uhr ist checkout-time, das ist in 50 Minuten. Dann kann es losgehen, werde zum Savidor auf jeden Fall ein Taxi nehmen. Und dann beginnt etwas, was ich noch von Kindergeburtstagen her kenne: Wenn die Musik stoppt, muss man sich schnell hinsetzen, der letzte bekommt keinen Stuhl mehr. Mal sehen, ob es in der Bahn so wird. Eigentlich, so heißt es, seien die Züge nur mäßig ausgelastet, weil man mit Bus oder Auto erheblich schneller da ist. Dauert vierzig bis sechzig Minuten anstatt anderthalb Stunden. Aber das ist mir egal.

Ich melde mich also aus Tel Aviv ab. Mir hat es hier gut gefallen, und ich würde durchaus auch noch ein oder zwei Tage länger hier bleiben wollen. Noch ein Tag so richtig zum Chillen und nochmal nach Jaffa bei Tag wäre nicht schlecht. Aber egal: Weiter geht’s. Nächste Meldung also aus der heiligen Stadt. Bis dann!

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Motorroller fahrende Giraffen, sprechende Ampeln und Tel Aviv von oben

Okay, der Tag ist zuuende, ich bin im Hotel und muss nun den Blog-Flickenteppich des Tages zusammenstricken. Ich habe nämlich an schon ein bisschen anderswo vorgeschrieben:

Ich bin unlängst von einem längeren Ausflug in die Stadt zurückgekommen und habe überlegt, ob ich erst bloggen oder erst Zigarre rauchen und Bier trinken am Strand sollte. Dann dachte ich mir, was soll’s, mache ich doch beides gleichzeitig. Schließlich brauche ich zum schreiben nicht online zu sein, obwohl ich festgestellt habe, dass ich das WLAN des Sheraton hier noch einigermaßen kriege… Also sitze ich jetzt hier auf einem Trainingsgerät, welches, glaube ich, für Sit-Ups gedacht ist (hier habe ich gestern schon ein Eis gegessen) und höre dem Rauschen der lächerlichen Wellen hier zu. Eine Mondsichel steht am Himmel, hier ist kaum was los, auch wenig Verkehr. Alles sehr friedlich, wenn man vom zweiten Luftalarm des Tages vor ner Dreiviertelstunde oder so absieht. Dazu später…

Bauhausstil-Hütte

Bauhausstil-Hütte – nehme ich Architektur-Banause einfach mal an.

Ich hatte heute nicht so den Masterplan, was heute zu tun wäre, aber ich entschied, doch noch die Sheinkin St. zu besuchen, wo angeblich die Hippen und Schönen shoppen gehen. Ich hatte zwar nichts mehr zu shoppen, aber ich wollte mal die Hippen und Schönen sehen, wer weiß, vielleicht wäre ja ne 79Z dabei…

Also bisschen Obst, Coke, Wasser und Müsliriegel eingepackt und ab. Ich schmiss eine virtuelle Beachboys-Kassette ins Smartphone und schritt die Herbert Samuel mittellaut mitsingend herunter: „If everybody had an ocean across the USA, then everybody’d be surfin‘ like Californ-I-A…“ (Der Texter des Songs muss ein Genie sein!)

Bei der Allenby bog ich links ab Richtung Osten, weg von der Wasserkante. An der Kreuzung Allenby/Tchernichovsky war ein Platz mit T-Shirt-Läden und so Gedöns. Hier war eine Gruppe Polizisten und Soldaten (letztere mit großen Sturmgewehren ohne Magazin, welches sie stattdessen am Gürtel trugen) dabei, sich von und mit einer Touristin ablichten zu lassen. Ich produzierte ein kleines Filmschnipsel für mein vlog. Man beachte die Soldaten darin, sie sind auch kurz zu sehen, und mir wurde auch ein wenig mulmig dabei, weil sie schon ein wenig misstrauisch guckten.

Gruppenbild mit Touristin

Tja, man weiß es nicht genau, was soll es bedeuten. Jedenfalls sieht es eher nach Präsenz-zeigen als nach großer Wehrhaftigkeit aus, weil die Magazine im Gürtel, nicht in der Waffe getragen werden. Andererseits ist das ne Sache von vielleicht vier Sekunden im Notfall…

Dann ging es weiter zur Sheinkin St. Und hier ein größes Geständnis: Ich habe vorgestern behauptet, ich hätte mich nicht verlaufen. Habe ich auch nicht direkt. Aber ich bin episch komplett völlig falsch gegangen, weil Google Maps mit die Sheinkin an ganz anderer Stelle angezeigt hat, als sie war. Ich hätte da lieber mal in meinen Reiseführer oder auf Open Cycle Maps gucken sollen! Das hatte ich heute morgen herausgefunden, und diesmal erreichte ich die angebliche Schön-und-hipp-Straße mit nur einem ganz kleinen Umweg.

Sheinkin St - Motorrollerfahrende Giraffe

Sheinkin St – Motorrollerfahrende Giraffe. Hier gibt es nicht viel Schönes und Hippes, aber der gefleckte Freund auf dem Zweitakt-Hobel ist beides.

Hm. Okay, hier gibt es so Marken-Läden wie Nike, Diesel und so und ein paar Boutiken mit Schuhen und Handtaschen (sorry Mädels, diesmal keine Bilder! Sonst meldet eine promovierte 79Z aus dem eContent nur wieder Ansprüche an wie letztes Jahr!) Gut, vor einem dieser Läden stand eine hübsche Israelitin in Lederhosen, aber ansonsten: Fehlanzeige! (Kurze Randbemerkung: Die Israelitinnen sind wirklich oft sehr hübsche,junge Frauen. Schlank, sportlich, dunkle Augen, schwarze Haare, hüsches Gesicht, leicht dunkler Teint, nur leider oft in Uniform der IDF…) Die Sheinkin St. war eher leer, die Architektur überwiegend marode, Pressslufthammerlärm und mittendrin ein Saugrüsselfahrzeug, welches seinen Saugrüssel in die Kanalisation steckte, was einen Geruch weit ab von Douglas und allem, was hipp und schön sein soll, verbreitete.

Rotschild Avenue

Allez, allez, allez… Tel Aviv allez! Eine Straße, viele Bäume, ja das ist eine Allee! (In diesem Falle die Rotschild Ave)

Okay. Nächstes Ziel: Asrieli Observation Deck. Lt. Reiseführer das Empire State Building Tel Avivs, was den Ausblick angeht, nur ohne Schlangen. Und ich hätte mich auch besser auf meinen Reiseführer als auf Google Maps verlassen, denn auch hier zeigte mir Google Maps etwas völlig Falsches an. Auch hier hätte ein genauerer Blick auf Open Cycle Maps mir die Richtige Position gezeigt, aber das habe ich erst kapiert, als ich den Turm schon gefunden hatte. So irrte ich natürlich doch mal wieder in die falsche Richtung, weil Google Maps den besten Treffer bei Ecke Rotschild/Balfour anzeigte. Immerhin, die Rotschild Allee, deren Fußgänger- und Fahrradwege und dem Bätterdach von Bäumen inmitten der beiden Fahrspuren des Autoverkehrs (mit einem schönen Abstand dazwischen) liegen, ist eine echt nette Straße zum Flanieren.

Ich nahm dabei fleißig die wechselnde Architektur Tel Avivs mit meiner kleinen Canon unter Beschuss (man möge mir die Ausdrucksweise angesichts der Lage verzeihen, aber ich habe ein Recht auf schwarzen Humor und kann nix dafür, wie die Japaner ihre Kameramarken benennten). Hier gibt es verfallene Bauhaus-Stil-Gebäude (für die Tel Aviv zum UNESCO-Welterbe gehört), sanierte Bauhaus-Gebäude, verfallene Gebäude, die nicht Bauhaus-Stil sind, aber in denen trotzdem Leute wohnen (ganz normal hier, wie gesagt, wir Deutschen jammern in allen Dingen auf hohem Niveau), protzige Glas-und-Stahl-Hochhäuser… und alles bunt durcheinander. Es wird auch weiter fleißig gebaut und saniert überall, heute morgen hörte ich die Presslufthämmer schon von Hotel aus. Israel ist ja wohl eine reiche Nation mit boomender Wirtschaft, gutem Bildungswesen, und eine führende High-Tech-Nation, es gibt wohl durchaus Geld und Investoren hier. Mal sehen, ob das auch so bleibt, oder ob jeder Investor befürchten muss, seine Investments gehen hier durch eine dauerhafte Destibilisation der Region und resultierenden, anhaltenden Raketenbeschuss den Bach runter…

Rubinstein House

Rubinstein House – keine Ahnung, was drin ist. Wahrscheinlich Büros und das unvermeidliche Einkaufszentrum. Draußen wacht jedenfalls so ne Art Blueman-Group. Oder es sind Schlümpfe, die ihre Mützen vergessen haben.

Ich landete schließlich über Rotschild, Sheinkin und Lincoln an der Menahem Begin Rd, an der das Azreili Center (Nr. 132) lt. Reiseführer liegen sollte. Nur hatte ich irgendwie die Seite im Reiseführer erstmal nicht wiedergefunden, wo das stand. An der Kreuzung Lincoln/Menahem Begin befindet sich das Rubinstein House, ein riesiges Glas-und-Stahl-Gebäude. Ich war nicht drin, habe also keine Ahnung, was drin ist, aber außerhalb gab es Sitzgruppen, wo ich Pause machte und ne Banane und nen Müsliriegel mit Coke Zero verdünnt meiner Persistaltik in Arbeit gab. Außerdem war der Business-Tempel nett zu fotografieren.

Immer noch ohne Ahnung, in welche Richtung ich mich wenden sollte, machte ich mich natürlich erstmal auf den Weg in die Falsche. Klar, das Observation Deck würde auf einem der höheren Türme liegen. Ich sah mich also um und zog den Levinstein-Tower und besonders den ovalen Sonol-Tower in Betracht. Am Sonol-Tower checkte ich endlich nochmals den Reiseführer und fand endlich Absatz und Hausnummer wieder und machte mich auf den Weg gen Norden.

Der Azrieli-Komplex

Der Azrieli-Komplex, eigentlich sind es drei Türme: Ein runder, ein quadratischer und ein dreieckiger.

Irgendwann traf ich dann auch an einem riesigen Hochhauskomplex ein, den ich für das mögliche Ziel hielt. Es gab eine Taschenkontrolle am Eingang, was in meinen Augen die Trefferwahrscheinlichkeit erhöhte. Ich fragte einen Soldaten mit Magazinlosem Sturmgewehr am Eingang und sagte ihm, ich suche das Azreili Oservation Deck (oder so ähnlich), sein Englisch war nicht so spitze, aber er sagte, es sei der Azreili-Komplex, und ich solle mich halt durchfragen. Also ging ich durch die Taschenkontrolle.

Einkaufszentrum im Azrieli-Komplex

Einkaufszentrum im Azrieli-Komplex: Ziemlich schön und hipp hier, alles.

Im Innern erwartete mich zunächst mal ein wahnsinnig riesiges Einkaufszentrum. Echt Hammer, HIER würde ich die Schönen und Hippen tausendmal eher erwarten als in der Shenkin St. !!! Das ist mal ne Mall… Aber ich wollte ja nicht shoppen, und das mit den Hippen und Schönen hatte ich abgehakt, die interessieren sich eh nur für ihresgleichen, ich wollte aufs Observation-Deck. In diesem Gebäude liefen auffallend viele Soldaten und Soldatinnen herum, auch zwei, die ihr Magazin nicht am Gürtel, sonden in der Waffe trugen, die Wumme des einen hatte außerdem ein Zielfernrohr.

Baustelle auf dem Aussichtsdeck

Baustelle auf dem Aussichtsdeck – symptomatisch für Tel Aviv.

Der Gebäudekomplex besteht aus drei Glas-und-Stahl-Türmen (einem runden, einem quadratischen und einem dreieckigen), ich hatte kein Navi dabei, fand aber trotzdem wohl eher zufällig meinen Weg zu einer Art Concierge, die gleichzeitig mit Handy und Festnetztelefon telefonierte. Ich wartete geduldig, sagte, was ich vorhatte, blechte 22 NIS und begab mich in Richtung Aufzug. Ich wollte noch mal zurück und fragen, ob ich einfach nur in den 49. Stock fahren solle, aber die hübsche Dame hatte ihre Ohren bereits wieder mit ein bis zwei Telefonen vernetzt…

Sonnenuntergang über Tel Aviv

Sonnenuntergang über Tel Aviv vom Azrieli Observaory aus geknipst.

Also rein in den Lift und den Wurstfinger auf die 49. Wow, ich hätte gerne eine Waage dabeigehabt, um zu checken, wieviel mehr Gewicht ich bei der Beschleunigung aufbrigen kann! (Bzw. runter wieviel weniger…) Die Dinger in diesem Turm hatten ne solide Beschleunigung am Start, in beide Richtungen. Im Lift sprach mich ein Hemd-und-Krawatte-Träger häbräisch an, ich reagierte wie immer mit „Pardon“, er meinte, ich wollte wohl zum Observation Deck und solle die 49 drücken (was ich schon getan hatte). Er meinte außerdem nicht unfreundlich, es sei eine Fehlplanung, einen Büroturm mit einem Observation-Deck zu verbinden. Glaubt der, das sei beim Empire-State-Building anders?

Langzeitaufnahme vom Asrieli Observatory aus

Langzeitaufnahme vom Asrieli Observatory aus

Oben angekommen war die fast leere Aussichtsplattform, die man auch für Events exklusiv mieten kann. Ich hatte Glück, dass sowas gerade nicht anstand, der Reiseführer hatte empfohlen, vorher anzurufen, aber ich habe es einfach mal drauf ankommen lassen. Auf einem Tisch standen einige Teller mit getrocknetem Obst (soweit ich sehen konnte), welches sich einige Leute schmecken ließen. Außerdem wurde hier gebaut, hier lagen Werkzeuge, Eimer mit Sand und ähnliches herum, und einige Ecken wurden offensichtlich gerade rennoviert. Irgendwie symptomatisch für die ganze Stadt… Auch einer der Bänke an den Aussichtsfenstern schlief ein Mann auf dem Schoß seiner wachen und sehr hübschen Freundin.

Langzeitaufnahme vom Asrieli Observatory aus

Wenn man kein Stativ dabei hat, muss man improvisieren. Manchmal tun es schon ein gefaltetes Stück Papier (für den richtigen Winkel) und ein Stuhl.

Ich fing natürlich erstmal an, wie ein Besessener dreitausend Fotos zu knipsen. Der Sonnenuntergang ließ nicht mehr lange auf sich warten. Ich machte mit dem Smartphone einen vlog-Beitrag, wobei plötzlich ein junger Mann auftauchte und auf Deutsch dazwischenquatschte. Ich stellte mich vor „Michael, aus Osnabrück“. Er: „Auch so, aus München“. Er erzählte mir, dass er beruflich öfter in Israel sei und dass ich in Jerusalem besser keine Fotos von Polizisten und Soldaten machen solle, wenn ich nicht nen Tag weggesperrt werde wolle. Die seien weniger entspannt als die Sicherheitskräfte hier. Hm, wichtige Info!

Langzeitaufnahme vom Asrieli Observatory aus

Ich liebe lange Belichtungszeiten…

Ich blieb hier noch einige Zeit, fotografierte den wenig spektakulären Sonnenuntergang und machte dann mithilfe einiger Improvisation einige Langzeitaufnahmen von den Straßen der Umgebung und von der Stadt. Leider war halt alles verglast, und die Fenster waren auch noch alles andere als sauber, was man auf einigen Bildern auch deutlich sieht. Ich hatte gelesen, die würden bis 18 Uhr das Deck geöffnet haben, aber ich wurde schon eine halbe Stunde vorher von der telefonierfreudigen Concierge aus Level 3 runterkomplimentert.

Ich fuhr also auf Level Null. Hier stiegen viele Leute aus, hielten ihre Karten an ein elektronisches Lesegerät, worauf sich die moderne Version von Wildwest-Bar-Türen automatisch öffnete und die Leute raus und zu ihren Autos ließ. Hm. Isch haaabe gar kein Auto… und keine schlaue, elektronische Karte. Scheiße. Ich dachte, ich müsse in eine andere Ebene fahren. Die Reinigungsfrau vor Ort konnte kein Englisch. Um es abzukürzen: Zweimal fuhr ich wieder in erheblich höhere Levels (wo z.B. die Bank of America Büros unterhält), zweimal sagten mir hilfsbereite Leute, ich müsse auf Level 0 fahren und dort einen anderen Lift nehmen und ggf. jemanden am Desk fragen. Leider war aber der Desk AUSSERHALB der Wildwest-Bartüren mit der elektronischen Kartenabfrage. Nachdem ich das Spielchen zweimal gespielt hatte, fand ich eine Tür mit Knopf für Rollstuhlfahrer neben den Wildwest-Türchen, und ein einfacher Knopfdruck entließ mich auf die Straße. So einfach kann es sein.

Langzeitaufnahme vom Azrieli Observatory aus

Die Autos hinterlassen immer so schöne Spuren…

So, ich bin mit dieser Geschichte zwar noch nicht durch, aber mit meinen Bier- und Zigarrenvorräten am Strand. Also werde ich mich ins Hotel verfügen, meinen Kram dort abstellen (und ne Stange Wasser, na, Ihr wisst schon) und dann ins Mike’s gehen, ne Pizza verhaften und schauen, ob die Jungs aus Manchaster da wieder rumlungern. Später schreibe ich dann weiter.

Langzeitaufnahme vom Azrieli Observatory aus

Wenn man dieselbe Stelle mehrfach fotografiert, kann man sogar die Ampelphasen rekonstruieren.

Soweit der Teil, den ich am Strand geschrieben habe. Aber damit bin ich noch nicht ganz mit meinem Ausflug in die Stadt durch, also weiter:

Unten angekommen und das Gebäude erfolgreich via Rollstuhl-Taste verlassen habend, musste ich mich erstmal orientieren. Ich ging dann die Eliezer Kaplan westwärts Richtung Strand. Dabei traf ich die titelgebende, sprechende Ampel: Diese sprach mich, nachdem ich den Knopf gedrückt hatte, unvermittelt an. Leider auf Häbräisch, und dafür brauche ich, wie gesagt, noch ein paar Tage, bisher weiß ich nur, was „Hi“ und „Danke“ heißt. Aber in der Ansprache kam „Kaplan“ vor, was der Name der Straße, auf der ich wandelte, war. Eigentlich ne clevere Sache für blinde Mitbürger, wie ich finde.

Graffiti an der Eliezer Kaplan

Ein Haufen anhand des charakteristischen Lufteinlasses unterhalb des Rumpfes eindeutig zu erkennender F-16. Die Intension des Künstlers würde mich interessieren. In der Mitte jedoch ist eine eindeutige Botschaft zu erkennen.

Die Kaplan mündet in die „Ditze“, wie ich die Dizengoff St. intern nenne. Unterwegs gönnte ich mir noch eine Flasche Eistee und ein Eis. Die „Ditze“ führt durch das Dizengoff-Center, einem modernen Gebäudekomplex mit Hotel, Einkaufszentrum und was weiß ich. Ich folgte der „Ditze“ weiter, zu einem Platz mit einem sehr modern gestalteten Springbrunnen. Mein Reiseführer sagte was von Wasser- und Feuer-Brunnen, und ich fragte mich, ob das vielleicht dieser sei, aber Feuer habe ich nicht gesehen. Von der „Ditze“ aus bog ich dann nur noch in die Frishman ab, und von da geht es eigentlich nur noch westwärts zu Strand und Hotel.

Springbrunnen oberhalb der "Ditze"

Springbrunnen oberhalb der „Ditze“ – die Dizengoff führt an sich darunter durch.

Anstatt sofort zum Hotel zu gehen, kaufte ich mir beim Laden in der Nähe noch Bier und ne Zigarre. Ich wollte erst noch an den Strand, die Zigarre rauchen und ein Bier trinken. Ich war schon unterwegs dorthin, als der zweite Luftalarm des Tages kam. Wieder die Entscheidung, entweder womöglich den Raketenanflug und vielleicht das Abfangen zu filmen, oder mich in Sicherheit zu bringen. Ich lief zum nächsten Gebäude, auch ein Hotel, aber nicht meins, und rein. Eine Etage tiefer, weg von Fenstern und Touren, waren ich und ein paar andere Leute recht sicher vor den mit nur kleinen Sprengköpfen ausgestatteten Qassams. Wenn es zutreffend ist, dass die nicht mehr als 10 kg TNT an Bord haben, bringen die im Leben kein Gebäude zum Einsturz. Höchstens solche, die ohnehin in den nächsten fünf Jahren auch ohne Raketeneinschlag einstürzen. Von denen es meiner bescheidenen Expertise nach ein paar in dieser Stadt gibt, nebenbei bemerkt. Jedenfalls sind das, im Vergleich zu den Dingern aus dem zweiten Weltkrieg, die in Osnabrück alle paar Monate entschärft werden, bessere Knallfrösche. Allerdings sind heute drei Leute durch diese Dinger im Süden ums Leben gekommen, daher sollte man nicht zu lässig damit umgehen. Direkt daneben stehen sollte man nicht.

Jedenfalls ging ich nach Ende des Alarms doch zurück ins Hotelzimmer, Nachrichten gucken und ne Stange Wasser… Ihr wisst schon. Auf CNN lief nur ein Feature über junge Golf-Talente in der Türkei. Tja, was gestern noch Breaking News war, ist heute schon wieder Routine. So ist das Nachrichtengeschäft. Ich packte dann den eeePC, Bier und Zigarre in den Rucksack, um am Strand schonmal ein wenig vorzuschreiben. Was Ihr dann ja auch schon gelesen habt. Auf dem Weg zum Strand, und das habe ich bisher vergessen zu berichten, wurde ich von einem jungen Mann auf einem Fahrrad angesprochen, ob ich irgendein Gaming machen würde (hab ihn nicht richtig verstanden), ich erinnere ihn an jemanden. Wir kamen ins Gespräch. Isaac kommt aus Washington DC („Really? I’ve been there last year and visited the Smithonian Air and Space Museum! Amazing!“) und studiert hier vier Jahre lang Medizin. War ein echt nettes Gespräch mit der hier üblichen, englischen Verabschiedung: „Be safe.“ „You too“.

Anschließend ging es ins „Mikes“, und während ich auf die Rechnung wartete, schrieb ich schonmal folgendes auf dem eierPad:

Nach der Zigarre und den zwei Goldstar am Strand ging ich kurz zurück ins Hotel, tauschte den eePC, mit dem ich normalerweise blogge, gegen das eierPad (auf dem ich paar Fotos habe, die ich den Jungs aus Manchester zeigen wollte), und zog los Richtung „Mike’s“. Mithilfe meiner neuen Kopfhörer ballerte ich mir Faith no more in die Ohren „Collisioooooooooon…“ Irgendwie auch ein passender Titel, wenn man die „Begegnungen“ zwischen Qassam und Iron Dome im Hinterkopf hat, was hier gelegentlich vorkommt.

Im „Mike’s“ lief draußen auf der Leinwand Formel 1 aus Texas (worauf die Amis lt. CNN stolz wie Oskar sind), drinnen lief American Football. Leider traf ich meine Kumpels aus Manchaster nicht an, schade, dabei hatte ich ihnen eigentlich eine wichtige Botschaft meines Bosses zu vermitteln. Aber das Club-Sandwich, die Cheesy-Fries und die zwei Goldstar waren lecker, und das eierPad,  dass ich ja dabei hatte, konnte etwas, was mein Telefon nicht schaffte: Ich konnte es in Mike’s WLAN einklinken. Übrigens, auf der Speisekarte steht, es gibt auch in Jerusalem ein „Mike’s“… Da muss ich hin. Das amerikanische Make-me-Vollformat-Futter ist jedenfalls hundertprozentig.

Ich beantwortete ein paar Blog-Kommentare per E-Mail und konnte mich zwischenzeitlich ein wenig mit der Bedienung mit dem waffenscheinpflichtigen Lächeln unterhalten. Ich fragte sie, ob sie gedient hätte, was sie bejahte. Und ob sie sich Gedanken machen müsse, eingezogen zu werden, was sie eher verneinte, denn zunächst würden diejenigen mit Kampferfahrung gezogen werden, was bei ihr nicht der Fall wäre. Wohl aber bei einem Freund von ihr, der Kampferfahrung hat. Er ist gerade vor einem Monat mit dem Wehrdienst fertig geworden und in die USA gereist, jetzt wurde er gezogen und ist unterwegs, um sich zum Dienst zu melden.

Als ich die Rechnung hatte (wie in den USA üblich in so einem kleinen Heftchen mit Umschlag) und da meine 130 NIS (inkl. Trinkgeld) reingesteckt hatte, ging ich raus aus dem Laden (obwohl da ein Blues-Duo war, das ganz gut klang). Ich entschied mich, auch noch dem Mann vor der Tür die Armee- und Einzugsfrage zu stellen. Er meinte, er habe natürlich gedient (hier ist Wehrpflicht für Männer und Frauen, daher haben sowieso fast alle gedient) und auch Kampferfahrung. Trotzdem würde er, so wurde er angeblich informiert, nur eingezogen, falls die Gegenseite chemische Gefechtsköpfe einsetzte. Keine Ahnung, ob er Döntjes erzählt hat, mir kann man hier natürlich alles erzählen. Aber das ist, was er mir sagte.

Tja, dann halt wieder zurück ins Hotel, Fernseher an (wo auf CNN schon wieder nur Golf läuft) und den Kram von heute blogfertig machen. Morgen geht es nach Jerusaelm. Jetzt noch die Bilder und Videos fertigmachen, und ab ins Bettchen. Bis morgen!

PS: Ich werde wohl nicht alle Videoeinträge hochgeladen bekommen, jedenfalls nicht mehr hier. Eigentlich habe ich hier nur 256 kbit/sec Upload, aber die letzten Tage ging es aus irgendeinem Grund erheblich schneller. Leider ist das jetzt nicht mehr der Fall. Aber vielleicht kann ich die in Jerusalem nachtragen.

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Good morning, Tel Aviv!

Ich hatte meinen Wecker gestern auf 10.30 Uhr gestellt, um nicht wieder fast zu spät zum Frühstück zu kommen. Ungefähr zwei Minuten vorher wachte ich von selbst auf. Zwei Minuten später dudelte also mein Handy (übrigens mit irgend so einem Default-Gedudel, ich hatte nix eingestellt, normalerweise nehme ich eher das eierPad als Wecker, aber das kennt die Zeit hier noch nicht). Dann röhrten die Sirenen. Die „Rakete des Tages“ ist heute früh dran (wenn es bei einer bleibt, der Tag ist ja noch lang. Ich habe auch gerade bei CNN gehört, es waren diesmal zwei, die beide von Iron Dome abgefangen worden sein sollen.)

Ich widerstand der Versuchung, anstatt in den Schutzraum auf den Balkon zu gehen und mein Handy auf den Horizont zu richten. Zwar habe ich mir überlegt, dass ungelenkte Raketen, die aus dem Südosten kommen, kaum wenden und in die Hotelfassade auf Seeseite einschlagen werden. Aber es muss ja nicht sein, dass ich durch die Gewöhnung an die täglichen Alarme leichtsinnig werde, während sich zuhause jemand Sorgen macht. Also Keycard abgegriffen und brav in der Schlafanzughose ins Treppenhaus. In meiner Paddeligkeit lief ich nicht in den vierten Stock, sondern bis zum achten, verließ hier das Treppenhaus und wurde von einer Roommaid in einen Lagerraum mit Handtüchern und Putzmaterialien komplimentiert. Ich glaube, sie bekam die Tür zum Schutzraum nicht auf. Es waren noch zwei ältere Herrschaften da, ebenfalls informell gekleidet. (Dame im Bademantel, Herr in Trainingshose und T-Shirt). Leider wurde nur Häbräisch gesprochen, und da brauche ich wohl noch ein paar Tage, bis ich da mitreden kann…

Nun, nach kurzer Zeit wurde Entwarnung per Lautsprecher gegeben, also zurück in den dritten Stock in mein Zimmer und schnell unter die Dusche. Und dann ab zum Frühstück. Dort informierte mich die Concierge nach der Aufnahme meiner Zimmernummer, das Buffet schlösse in zehn Minuten. Mist. Die „Rakete des Tages“ hat meinen Zeitplan zerschossen. Nun, wenn nichts Schlimmeres passiert, kann ich damit leben. Schnell noch einen Capuccino, Rührei, Schüssel Cerealien, Baguette, Buter, Käse und Obst für den Tag abgegriffen und ab dafür. Last-Minute-frühstücken ist irgendwie suboptimal, aber das ist echt Jammern auf hohem Niveau. So, draußen sind wieder 27 Grad, leicht bewölkt.

Morgen geht es nach Jerusalem. Ich bin noch nicht sicher, wie ich den letzten Tag hier verbringe. Entweder, ich werde nochmal Richtung Stadtzentrum aufbrechen (mein Reiseführer verzeichnet ein südliches, ein mittleres und ein nördliches Stadtzentrum, alles eigentlich auf zu Fuß erreichbar), oder ich gehe nochmal bei Tageslicht nach Alt-Jaffa, aber ein wenig Zeit zum chillen möche ich auch noch haben. Auch wenn ich echt nicht der Strandurlauber-Typ bin, soviel habe ich gestern kapiert. Bis später!

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