Ich hatte meinen Wecker auf 08.45 Uhr gestellt, reichlich Zeit zum Schlafen bei vor 00.00 Uhr Bettzeit. Theoretisch. Ich schlief schnell ein, aber nur für eine Stunde leider. Danach war ich bis kurz vor sechs Uhr wach. Ich spielte mit dem Gedanken, raus zu gehen und Ingress zu spielen und recherchierte über Kriminalität in Can Tho. Hm. Mäßig. Aber ich ließ es doch bleiben, weil ich nicht sicher war, wie das mit den vielen verschiedenen Türen und Toren bei Duc genau funktioniert. Ich hatte am Ende doch noch zwei oder drei Stunden Schlaf.
Habe irgendwie unbewusst meinen Wecker um 08.45 dann auf „Schlummern“ gestellt und stand erst kurz vor neun auf. Ich beeilte mich, war 9.22 fertig und hatte noch Zeit, Croissants und Kaffee von „auf der anderen Straßenseite“ zu holen. Der Mops bettelte, kriegte aber nix ab.
Flughafen Da Nang
Das Taxi war schon frühzeitig da, es konnte zeitig losgehen zum Flieger. Mein Schwager fuhr seperat als Passagier auf einem Moped, wir hatten nur seine Koffer dabei. Wir waren dann gegen 10.30 Uhr am Flughafen. Der Airport hier ist klein aber sehr modern. Gepäckaufgabe und Sicherheitskontrolle lief sehr schnell und problemlos. Wir mussten danach auch nicht mal mehr eine halbe Stunde auf das Boarding warten.
Bereit zum Einsteigen. Immer der Nase nach nach Da Nang.
An Bord eines A321 TC, noch am Gate
Nun gehts also nach Da Nang. Flugzeit: 90 min. Nächster Bericht also von dort.
Can Tho, Duc’s Gästehaus, 19.07 Uhr Ortszeit (GMT +7)
Der Wecker war auf 04.00 Uhr gestellt. Ich war aber, nach fünf bis fünfeinhalb Stunden Schlaf bereits eine halbe Stunde vorher wach und döste so vor mich hin, bevor ich duschte und mich für den Tag fertig machte. Es war noch dunkel und auf den Straßen fast nichts los.
Unser Touriboot für den Weg zum Schwimmenden Markt
Wir trafen uns um halb fünf, um zum Fluss zu gehen, wo mein Schwager ein Boot gechartert hatte, um damit zum schwimmenden Markt zu fahren. Angekommen am Anleger konnten wir recht bald an Bord eines traditionell aussehenden Holzbootes mit eingebauter Dieselmaschine gehen. Das mit der Maschine betone ich so, weil viele kleine und größere Boote unterwegs waren, die so einen Außenborder mit sehr langer Propellerwelle hatten, ich kannte die bisher nur aus einem James-Bond-Film „Der Mann mit dem goldenen Colt“. Die Szene spielt allerdings in Hongkong. Die Motoren sind laut knatternde Zweitakter.
Szene aus „James Bond – The Man with the Golden Gun
Wir legten kurz vor 05.00 Uhr ab und waren etwa eine Stunde nur mit unserer fünfköpfigen Gruppe und dem Bootsführer unterwegs. Das Boot hatte vielleicht Platz für 18 Passagiere, ich habe die Sitze nicht gezählt. Zwischenzeitlich legte ein anderes Boot längsseits an und verkaufte und Heißgetränke. Ich bekam eine heisse Sojamilch mit einem Hauch von Kaffee. Dann kamen wir am Schwimmenden Markt an. Dieser besteht im Wesentlichen aus vier Läden auf vier Booten.
Auf dem Schwimmenden Markt
Lt. meiner Schwester war der Schwimmende Markt dereinst eine generische Angelegenheit, da viel Warenverkehr auf dem Wasser der Mekong-Arme stattfand. Heute sind die Straßen gut ausgebaut und es gibt viele Brücken über die Mekong-Arme, so dass heute viel mehr auf der Straße transportiert wird, der Schwimmende Markt ist seither eher eine Touristenattraktion. Meine Schwester ist seit über 30 Jahren mit meinem Schwager verheiratet und war seither etwa 20 mal in Viet Nam. Ihren Erzählungen zufolge hat sich seither unglaublich viel in rasantem Tempo verändert. Der allgemeine Wohlstand ist stark gestiegen, die Infrastruktur viel besser geworden, aber die Kehrseite der Medaille ist, dass viel Ursprüngliches dem Modernen und teilweise auch westlichen Standards gewichen ist.
So werden auf dem Schwimmenden Markt Reisnudeln hergestellt
Auf im ersten Shop konnten wir zusehen, wie Reisnudeln hergestellt wurden. In einem beheizten Bottich wurde Reismehl mit Wasser lange gerührt. Auf einer von einem Holzfeuer beheizten, heißen Platte wurden daraus dünner Fladen hergestellt, was an die Zubereitung französischer Crêpes erinnerte. Getrollt und in Stücke geschnitten wurde das direkt als Snack angeboten, was wir auch probieren. Die meisten Fladen kamen dann in eine elektrische Nudelpresse, die aus den Fladen lange Nudeln produzierte. Diese wurden dann verpackt und direkt zum Verkauf angeboten.
Nach Sonnenaufgang auf Song Bình Thuy unterwegs. Das Boot entspricht dem, mit dem wir unterwegs sind.
Neben den Nudeln in verschiedenen Farben gab es auch Süssigkeiten zu kaufen, getrockneten Fisch, Spirituosen, Sonnenhüte, Dinge aus Holz und vieles mehr. Ich streifte durch die vier aneinander gedockten Shops und kaufte eine Art Reisgebäck mit Kokosnuss-Geschmack. Danach gingen wir wieder auf unser Boot und traten die Heimfahrt an. Unterwegs legten wir noch an anderer Stelle an, wo wir in einem Markt an Land noch eine andere, traditionelle Art der Nudelherstellung sehen konnten.
Traditionelle Nudelherstellung mit einer Presse, die einen langen Bambus als Hebel nutzt.
Nach diesem kurzen Abstecher ging es retour zum Startpunkt der Bootstour. Als wir unterwegs dorthin waren, ging die Sonne auf uns schuf eine faszinierende Atmosphäre auf dem Wasser, auf dem sich zahlreiche Boote tummelten, um Waren anzubieten oder zu transportieren. Am Ufer gab es derweil einige Möglichkeiten, auf festgemachten Booten zu frühstücken. Wir tuckerten wieder zurück zum Anleger, den wir zu Fuß gut von Duc’s Haus erreichen konnten.
Eins dieser Boote mit langer Propellerwelle. Davon gab es viele in verschiedenen Größen, Boote und Motoren.
Ich ging dann mit meiner Schwester und meinem Schwager im selben Hotel wie gestern frühstücken. Die anderen beiden Mitglieder der Reisegruppe zogen es vor, direkt zur Unterkunft zu gehen und dort direkt das Bett aufzusuchen. Wir drei frühstückten wieder im 7. Stock, diesmal auf der Terrasse über den Dächern.
Frisches Obst und vietnamesisches Gebäck mit Kokossauce.
Dann war es etwa 9.00 Uhr, und die nächste Tour aufs Land sollte um 14.00 Uhr mit dem Auto beginnen. Tja, es hätte die Möglichkeit gegeben, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden und bisschen mehr Ingress unterwegs zu spielen, das Militärmuseum, welches unmittelbar beim Frühstückshotel gelegen war, zu besichtigen, schon einmal Blog zu schreiben … oder einfach auf Matratze zu gehen und zu ratzen. Ich war echt müde mit meinem Schlafdefizit, also hörte ich auf meinen Körper und machte mich in meinem Zimmer lang.
Die Pagode und eine Touristin
Ich schlief etwa vier Stunden und wachte nach 13.00 Uhr auf. Danach dödelte ich noch so bis 13.45 Uhr vor mich hin und machte mich dann fertig für die nächste Tour. Es ging nach Giai Xuan, dem Heimatort väterlicherseits meines Schwagers. Diesmal chauffierte uns Duc mit seinem Mazda-SUV, in dem bis zu sieben Leute Platz finden können, zum Ziel. Dies war der Ort, wo mein Schwager geboren ist und wo er das erste Lebensjahr verbrachte, bevor sein Vater beschloss, es sei sicherer, in die Stadt (Can Tho) zu ziehen. Das Haus ist nicht mehr dasselbe, aber meinem Schwager zufolge ähnlich dem Haus seiner Kindheit. Die verwandschaftlichen Verhältnisse zu den Menschen, die vor Ort lebten, habe ich ehrlich gesagt, nicht so recht verstanden, aber die Leute waren sehr gastfreundlich. Auf uns wartete eine Kanne grüner Tee (exzellent natürlich!), und man buk eigens leckere Reis- und Sesamfladen, die uns dazu aufgetischt wurden. Außerdem gab es frische Früchte und Kokosnüsse zum Austrinken, frisch vom Baum. So authentisch bekommt man das sicherlich als „normaler Touri“ nicht, das ist schon ein Privileg.
Frische Kokosnüsse zum trinken. Oben rechts eigens für uns gebackene Fladen, unseren Eiserkuchen ähnlich.
Nach dem Tee konnten wir das Haus und das Gelände erkunden. Das Haus war wirklich sehr bescheiden, es gab eine alte und eine neue Küche. In der alten war noch ein mit Holz befeuerter Herd, der auch noch benutzt würde, obwohl es nebenan in der neuen Küche elektrische Herdplatten gab. Diese waren aber nicht in Küchenschränke eingebaut, sondern standen oben drauf. Ich hatte nicht den Eindruck, als ob es in dem Haus einen Fernseher oder Computer gab (Smartphones haben aber lt. meiner Schwester alle). Während vor dem Haus bunte Blumen blühten, gab es hinter dem Haus landwirtschaftlich genutzte Flächen. Hier gab es Hühner in Käfigen, Kräuterbeete, Kokospalmen und andere Obstbäume. Alles sah allerdings wenig organisiert, naturbelassen und chaotisch aus, was natürlich seinen Charme hatte. Leider nur war an vielen Stellen auch achtlos zurückgelassener Kunststoffmüll zu sehen, sonst wäre es wirklich ein kleines Paradies gewesen. Sowas gefällt mir viel besser als ein perfekt gepflegter Garten. Auch hier (wie am Vortage im Dorf der mütterlichen Verwandschaft meines Schwagers) gab es viele Bewässerungskanäle, die nur mit etwas waghalsig zu überquerenden Brücke zu passieren waren. Irgendwie fühlte ich mich dort ausgesprochen wohl, mir dämmerte, dass dieser bescheidene, simple Lebensstil gegenüber dem Leben in der Stadt im Wohlstand durchaus seine Vorteile haben kann. Es fühlte sich alles so ruhig und friedlich und ECHT an. Ich denke, in diesem Leben kann man absolut und immer man selbst sein, es gibt absolut keinen Grund, sich irgendwie zu verstellen und vorzugeben, jemand zu sein, der man nicht wirklich ist.
Ein kleines Paradis liegt direkt hinter dem Haus
Nach der Exkursion besuchten wir noch ein weiteres Haus der Ahnen. Auf dem Grundstück gab es ein Gebäude, welches vor allem der Erinnerung an die Familie des Vaters meines Schwagers gewidmet war. Dieses war sehr viel kleiner und bescheidener als das Haus in Vinh Long, es war auch noch recht neu und eigens gebaut worden. Aber es war auch eher privat, kein Museum wie das alte Haus in Vinh Long, welches wir am Vortage gesehen haben. Eine Zwischenbemerkung: Es ist schon aus meiner Sicht besonders, wie die Vietnamesen ihr Leben zwischen Broterwerb, Privatheit und Ahnenkult miteinander verbinden. Die Grenzen zwischen diesen Dingen sind durchlässig, nicht so klar definiert, wie wir Europäer es oft schätzen. Meiner Schwester zufolge sind Vietnamesen ausgesprochen pragmatische Menschen, das scheint mir auch so – gepaart mit einer gewissen Leichtigkeit den Dingen des Lebens gegenüber, die mir gut gefällt.
Nachdem wir auch dieses Haus besuchte hatten, gingen wir wieder zum Auto zurück. Das heisst, mein Schwager ließ sich von einem Nachbarn auf seiner Honda (so wird hier gerne ein Moped egal welcher Marke genannt, wenn ich das richtig verstanden habe) mitnehmen, so zum Spaß. Auf dem Rückweg machten wir in Can Tho noch an einer speziellen Pagode halt. Gestern hatten wir das Haus der Ahnen meines Schwagers mütterlicherseits besucht, heute das von der Seite seines Vaters. Im sauber manikürten Garten der Pagode, die wir besuchten, waren die Urnen beider Eltern meines Schwagers untergebracht. Das Gelände dient als Ruhestätte und Ort der Erinnerung für Anghörige verschiedener Familien, die den Ort mit ehrenamtlicher Arbeit und Spenden von Besuchern erhalten.
Die Pagode im gut gepflegten Garten
Mein Schwager erklärte die traditionellen Rituale, die mit dem Ahnenkult verbinden sind und aus Taoismus, Konfuziunismus und Buddhismus stammen und teilweise vom kommunistischen Regime verboten sind. Beispielsweise gibt es eine Sache, bei der Angehörige Verstorbener gemeinsam miteinander physisch verbunden Botschaften „des Geistes“ schreiben. Da können beispielsweise französische Texte heraus kommen, auch wenn keiner der Schreiber Französisch beherrscht. Es scheint mir so etwas Ähnliches wie Gläserrücken zu sein.
Nach dem Besuch der Pagode chauffierte uns Duc zu demselben Restaurant am Fluss, wo wir bereits gestern diniert hatten und wieder denselben Tisch eingedeckt vorfanden. Mein Schwager hatte teilweise die gleichen, teilweise auch andere Speisen ausgewählt, beispielsweise eine etwas andere Suppe, panierten Tintenfisch, Frühlings- und Sommerollen (vegetarisch). Es gab auch wieder gebratenen Tofu und Gemüse, aber anderes als gestern. Die Frühlings- und Sommerrollen waren die besten, die ich je gegessen habe, einfach großartig. Die Suppe gefiel mir auch sehr gut, und den Tofu mochte ich schon gestern. Ich probierte ein Stück Tintenfisch, aber ich mag die Konsistenz nicht so. Dazu gab es für mich zwei Bia Saigon Special. Tja, und das Ganze kostete für fünf Personen umgerechnet keine 25 Euro… Übrigens: Das Frühstücksbuffet im Hotel kostete mit 150.000 Dong pro Nase knapp sechs Euro.
Unten Frühlingsrollen mit Fleisch, oben Sommrrollen ohne. Beide Sorten sehr lecker!
Nach dem Abendessen gingen wir zu Fuss zurück zu Duc’s Gästehaus. Ich holte mir ein Bier aus dem Kühlscharank auf meiner Etage und begann, den Text hier zu schreiben. Nach einer Weile benachrichtigte mich meine Schwester, weil die Dame des Hauses, Duc’s Frau, uns eine Süssspeise zubereitet hatte, die es dringend zu probieren galt. Also ging ich die Treppe runter zum Erdgeschoss, wo Duc, meine Schwester und mein Schwager schon am Tisch saßen. Anne, die Freundin des Freundes meines Neffen, kam auch noch dazu. Die Speise hieß Che Bap, bestand aus Reis und Mais und wurde mit Kokosmilch zusammen gegessen und war absolut spektakulär lecker! Meine Schwester wusste schon, warum sie darum gebeten hatte. Dazu gab es noch etwas, dessen Namen ich mir nicht gemerkt hatte, eine Art „vietnamesisches Müsli“, welches man in der Hand zu einem kleinen Küchlein kneten kann, bevor man es sich einverleibt – weniger süss als Che Bap, aber auch sehr lecker.
Che Bap (mittlere Schüssel) ist superlecker mit Kokossauce (unten). Ich merk mir den Namen über einen alten Song aus den 80s von Cindy Lauper: She-Bop
Nach diesen Genüssen im Erdgeschoss begab ich mich wieder in mein Zimmer, wo ich diesen Text zu Ende schrieb. Das war es also für heute.
Ausblick: Morgen um 11.35 Uhr geht unser Flieger von Can Tho nach Da Nang, wo mein jüngere Neffe zur Zeit mit seiner Freundin Loih lebt. Da trennt sich unsere fünfköpfige Reisegesellschaft für die Zeit in Da Nang: Der Freund meines Neffen, dessen Freundin und ich gehen ins Hainan, ein Hotel am Strand. Meine Schwester und mein Schwager schlafen bei meinem Neffen und Loih. Sie hat bereits den Transport vom Hotel zu den Unterkünften organisiert. In Da Nang bleiben wir fünf Nächte, also länger als hier, bevor wir alle zusammen (mit meinem Neffen und seiner Freundin) weiterreisen. Ich bin sehr gespannt auf Da Nang. Hier wird weniger Ahnenkunde, dafür mehr Stadtbesichtigung, Strand und Shopping angesagt sein, nehme ich mal an. Schauen wir mal. Wir wollen um 10 Uhr hier losfahren, eine Stunde Zeit am eher kleinen Flughafen soll reichen, sagt mein Schwager. Da wir kein großes Frühstück geplant haben, sondern nur schnell was von der Bäckerei hier auf der anderen Straßenseite holen wollen, können wir morgen recht lange schlafen.
Aufstehen war um 07.00 Uhr angesagt, wir trafen uns um 07.30 Uhr, um zu Fuß frühstücken zu gehen. Mein Schwager hatte ein Buffet im 7. Stock eines Hotels in der Nähe gebucht. Es gab einiges Essen nach westlichem Gusto, wie Spiegeleier, Bacon, Brot, Aufstrich. Wir zogen aber eher vietnamesisches oder gemischtes Frühstück vor, mit Suppe und Reis und frischen Früchten, aber bei mir gab es auch Würstchen, Hackbällchen und Bacon dazu. Aus dem 7. Stock hatte man dazu noch einen ganz guten Blick auf die Stadt.
Blick auf Can Tho
Anschließend gingen wir wieder zu unserer Unterkunft und stoppten unterwegs bei einem Handyladen, um SIM-Karten für den hiesigen Mobilfunk zu erwerben. Wieder beim Gästehaus nahmen meine Schwester und ich erst einmal wieder einen Saft bzw. Smoothie aus dem Saftladen, und ich, mittlerweile im Besitz des WLAN-Passworts, lud den Text hoch, den ich in der Nacht geschrieben hatte, als ich nicht schlafen konnte.
Unterwegs im Mekong-Delta bedeutet, viele Brücken zu nutzen.
Um 10.00 Uhr starteten wir zu einer Tour. Mein Schwager hatte dazu wieder ein Fahrzeug samt Fahrer gebucht. Das Fahrzeug war ein großes Toyota-SUV, in dem bis zu sieben Leute (inkl. Fahrer) Platz finden konnten. Unser Ziel war der Ort Vinh Long, wo Verwandtschaft der Mutter meines Schwagers beheimatet war. Zunächst besuchten wir wirklich nur kurz (weil ohne Voranmeldung) ein Haus, wo entfernte Verwandte (womöglich zweiten Grades ich hab das alles nicht so ganz verstanden) meines Schwagers lebten, nur um eben mal schnell Xin chào zu sagen. Danach ging es eine kurze Strecke weiter zu einem Anwesen, auf dem ein älteres, aber renoviertes Haus stand, welches die Ahnen der Mutter meines Schwager dort gebaut hatten. Es war ein traditionelles, offenes Haus, innen dunkles Holz, traditionelle Aufteilung und Möblierung.
Das „Haus der Ahnen“, wie ich es in diesem Beitrag nenne. Nach vorne zur Straße hin gibt es keine Türen, wenn man es schließen möchte, verbarrikadiert man es mit Vierkanthölzern, die bereit liegen und oben und unten in die „Türzargen“ in passende Aussparungen gesetzt werden.
Das Haus wird nicht mehr bewohnt sondern beherbergt Erinnerungsstätten an die Ahnen und ist heute eher ein Museum. Wenn ich es richtig verstanden habe, so ist das Haus noch aus der Zeit, als das Land ursprünglich urbar gemacht, besiedelt und landwirtschaftlich für den Reisanbau erstmalig genutzt wurde. Um dies der Nachwelt zu erhalten, ist auf dem weitläufigen Gelände hinter dem Haus ein Restaurant untergebracht. Jeder Tisch steht in einer eigenen, kleinen Hütte, die einzelnen Hütten sind über ein großes Gelände verteilt. Die Erlöse fließen offenbar zum Teil in die Instandhaltung des Hauses, für dessen Betretung kein Eintritt verlangt wird. Ein Verwandter mütterlicherseits meines Schwagers betreibt alles und kümmert sich auch um die Instandhaltung des Hauses. Im Haus erklärte uns mein Schwager alles, die Aufteilung, Möblierung, die Ahnenaltare und Inschriften und die Geschichte hinter allem.
Ahnenaltare und auch eine Gedenkstätte für den Gründer Ho Chi Minh (das isst das Bildnis recht oberhalb von vier Hochkant-Kunstwerken, die aus lackierten Eierschalen gemacht sind). Wenn man eine Einrichtung wie diese betreibt, sollte man sich mit den Behörden gut stellen, und das bedeutet, die aktuelle Regierung so wie die Ursprünge des politischen Systems öffentlich anzuerkennen. Vielleicht hat man insgeheim eine andere Meinung, hängt aber die besser öffentlich nicht an die große Glocke.
Wir fanden in einer der Hütten Platz und mein Schwager bestellte ein paar Kleinigkeiten, Wasser, süsse Snacks und Kokoswasser. Zum Leidwesen meiner Schwester wurde letzteres nicht in der Kokosnussschale, sondern in Plastikbechern serviert. Nach dem Genuss der Erfrischungen haute sich meine Schwester in eine in der Hütte aufgehangene Hängematte, der Freund meines Neffen (den wir bald in Da Nang besuchen), dessen Freundin und ich machten uns daran, das weitläufige Gelände näher zu erkunden. Es gab viele Gräben, vermutlich ursprünglich Bewässerungsgräben für den Reisanbau, viele Hütten mit gedeckten Tischen, einige auch belegt von dosenbiertrinkenden Menschen. In den Gräben waren große Fische unterwegs (vermutlich Karpfen), ansonsten stromerten zwei junge Katzen und mindestens zwei Hunde umher (die Katzen) bzw. lagen im Schatten (die Hunde). Achja, in einem Glaskasten wurden Schlangen gehalten, die aber zum Verzehr angeboten wurden.
Ngong! (Lecker!)
Zurück bei „unserer“ Hütte verständigten wir uns, die Heimfahrt nach Can Tho einzuleiten und bestiegen den Toyota. Nach einer Stunde Fahrt waren wir wieder in Duc’s Gästehaus. Dort gab es zwei Stunden Zeit für Siesta. Wir trafen uns um 16.30 wieder, um zum Abendessen zu gehen, was wir dann auch taten.
Unterwegs am frühen Abend zum Abendessen. Die gelben Blüten rechts (manchmal echt, manchmal aus Plastik) gehören zur typischen Deko für das anstehende Tet-Fest, das sich hier überall schon abzeichnet.
Mein Schwager hatte in einem Restaurant am Fluß, dem Sông Hâu gebucht, genauer gesagt, an einem Nebenarm davon. Der Sông Hâu ist wiederum einer der neun Arme des Mekongs, die das Mekong-Delta bilden. Nach kurzer Besprechung orderte mein Schwager Getränke und eine Anzahl Speisen. Dabei waren eine Suppe mit Krebstierfleisch und einem mir unbekannten Gemüse, das geschmacklich relativ neutral an Gurke erinnerte, gebratener Tofu, grüne Sprossen mit gebratenem Rinderhack, weiteres, gekochtes Gemüse verschiedener Art und ein ziemlich bitter schmeckendes Gemüse, das mir auch unbekannt war, und natürlich reichlich Reis. Manches schmeckte mir, anderes weniger, aber es gab auf jeden Fall viel auszuprobieren. Der Freund meines Neffen, ein ziemlich sportlicher Bursche mit hohem Kalorienbedarf, schaffte es am Ende, sein Versprechen einzulösen und wirklich alles aufzuessen. Ich hatte schon lange vorher die Waffen gestreckt.
Tofu, Rindfleisch mit grünen Sprossen, verschiedene Gemüse, Suppe mit Krebsfleisch und unbekanntem Gemüse.
Nach dem Essen pilgerte ich mit meiner Schwester, dem Freund meines Neffen und dessen Freundin noch am Fluss entlang. Überall herrschte emsiges Treiben, es waren viele junge Leute, aber auch bis zu vierköpfige Familien auf Mopeds unterwegs. Überall blinkte bunte Tet-Dekoration, am Fluss lagen Boote und davor versuchten Menschen, den Passanten eine Fahrt zum schwimmenden Markt morgen zu verkaufen (wir haben bereits ein Boote gebucht). Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft gingen wir über den hell erleuchteten Nachtmarkt. Meiner Schwester zufolge ist der, angesichts des Tet-Festes, mit unseren Weihnachtsmärkten vergleichbar. Ein großer Unterschied war, dass die Leute hauptsächlich nicht zu Fuß dorthin gingen, sondern in großen Massen mit ihren Mopeds mit Schrittgeschwindigkeit daran entlangfuhren. Es war voll, laut und voller Zweitakt-Abgase, was mir langsam etwas zu viel wurde, ich befürchtete, Kopfschmerzen zu bekommen. Zwischenzeitlich waren wir noch kurz in einem chinesischen, offenbar auch dem Ahnenkult gewidmeten Tempel, in dem viele junge Leute Räucherstäbchen für vergangene Generationen entzündeten.
Alles ist bunt, alles blinkt… erstaunlich, dass man immer noch LEDs auf dem freien Markt kaufen kann, trotz des Tet-Festes.
Danach gingen wir zurück zu unserer Unterkunft. Die anderen (außer meinem Schwager, der sich schon vorher solo gemacht hatte) nahmen zum Teil noch eine Leckerei aus Quán Chua Phúc (dem Saftladen) zu sich und relaxten auf der Dachterrasse, ich ging in mein Zimmer, um diesen Beitrag zu schreiben und noch ein paar von den Tiger-Bieren, die ich nach dem Frühstück in einem nahegelegenen Supermarkt erworben hatte, einzufüllen.
Morgen heißt es: Um 04.00 Uhr aufstehen. Wenn man den schwimmenden Markt besuchen möchte (früher mal eine sinnvolle Sache, als hier noch mehr Transporte auf dem Wasser als auf der Straße stattfanden, heute eher eine Touristenattraktion, meiner Schwester zufolge) muss man früh aufstehen, ähnlich wie zuhause in Hamburg zum Fischmarkt. Also lade ich jetzt noch ein paar Bilder hoch, und dann geht es ins Bett.
Eigentlich würde ich gerade lieber pennen, aber gerade schaffe ich es nicht, wieder einzuschlafen. Ich schlief schon, aber ich habe einen sehr leichten Schlaf und wurde (vermutlich vom Anspringen der leisen, aber nicht geräuschlosen Klimaanlage) geweckt. Ich schaltete sie aus, aber dann wurde es auch schnell wärmer, was zum Einschlafen auch nicht so förderlich ist. Ebensowenig, wie die vielen Gedanken und neuen Eindrücke vom Vortag, von dem ich jetzt in Rückblende berichten möchte.
Nachdem wir in Istanbul ca. drei Stunden Aufenthalt hatten, konnten wir an Bord des A350-900 nach Saigon gehen. Insgeheim war dieser Flugzeugtyp, von dem die Flugbereitschaft der Bundesluftwaffe zwei Exemplare zum Transport von Top-Politikern und ihrer Trosse bereit hält, mein Favorit. Nun, andere Flugzeuge sind auch gut, aber von Boeing hört man im Moment wenig Gutes, und der A350 ist ein noch ziemlich aktueller Typ. Es gab einen nennenswerten Unfall, bei dem niemand an Bord des Airbus ernsthaft zu Schaden kam, aber das Flugzeug selbst ein Totalverlust war: Erst vor kurzem ist in Japan ein A350 bei der Landung mit einer Dash-8 der japanischen Küstenwache kollidiert, die auf der Landebahn stand und dort nichts zu suchen hatte. Dafür konnten weder der A350 noch dessen Besatzung etwas.
Anflug auf Saigon, abfotografiert von der nach vorne schauenden Kamera unter dem Rumpf
Der Großraumflieger der Turkush Airlines hatte vergleichsweise große Bildschirme für das Onboard-Entertainmentsystem, auch größere als der A321 Neo derselben Linie, mit dem wir nach Istanbul gelangt waren, und dieselbe Auswahl an Filmen, TV-Programmen, Fernsehserien, Spielen, Fluginformationen (Geschwindigkeit, Höhe, Kurs, Position etc.) aber noch ein Feature, das ich ziemlich cool fand: Zugriff auf drei Kameras außen Am Flugzeug. Es gab zwei Kameras unter dem Rumpf, von denen eine den Blick senkrecht nach unten und eine den Blick nach vorne zeigte. Eine dritte Kamera am Seitenleitwerk zeige einen Blick nach vorne und den größten Teil der Maschine selbst von schräg oben. Die Kamera unter dem Rumpf zeigte auch das Bugfahrwerk, wenn es ausgefahren war. Das war interessant bei den letzten Vorbereitungen vor dem Flug, beim Taxiing und beim Ein- und Ausfahren des Fahrwerks. Die Kamera auf dem Seitenleitwerk zeigte einen guten Blick auf die Tragflächen und das Hauptfahrwerk, so dass man sehr gut Vorflügel-, Lande- und Störklappen sehen konnte. Das war schon ein nettes Feature, welches ich so noch nicht kannte. Meine vorangegangenen Flüge waren im Jahr 2016 gewesen, und meine letzten Flüge in einem Großraumflugzeug wahrscheinlich so 2011.
Der Start war für 03.05 Uhr vorgesehen, aber sicherlich nicht pünktlich. Ich habe nicht so auf die Uhr geschaut, aber nachdem wir auf unseren Plätzen saßen, dauerte es sicherlich eine halbe Stunde, bevor das Flugzeug von einem Push-Back-Fahrzeug vom Terminal ausgeparkt wurde. Danach kamen sicherlich noch 10 Minuten Taxiing auf dem großen Flughafen dazu, bevor die große Maschine (nach meinem Gefühl) erstaunlich schnell beschleunigte und abhob.
Ich schaute mir noch das Ende von „Mission Impossible – Dead Reckoning Part 1“ bis zum Ende an, wobei das Ende natürlich kein richtiges Ende war, weil ja noch ein zweiter Teil kommen wird. Danach versuchte ich, „Fast X“, den aktuellen Teil der „Fast and the Furious“-Reihe anzusehen. Irgendwie hatte ich keine rechte Lust drauf, ist auch irgendwie eh immer dasselbe, ein Stück weit. Dann versuchte ich es mit dem Pixar-Animationsfilm „Soul“, über den ich gutes gehört hatte. Doch auch da konnte ich mich nicht so recht konzentrieren. Ehrlich gesagt, es lag auch ein bisschen daran, dass auf dem Bildschirm meiner Schwester, die neben mir saß, „Top Gun – Maverick“ lief und ich teilweise einfach nicht auf den richtigen Schirm schaute … vielleicht hat meine Schwester einfach die bessere Wahl getroffen als ich. Es gab noch Abendessen, betitelt mit irgendwas wie „Meatball with…“, jedenfalls auf türkische Art, es wahr wohl Köfte, einem Mitflieger zufolge, bisschen Salat und einen leckeren Vanillepudding, dazu ein Heineken. Das Essen war, wie auch alles andere, recht gut.
Schlafen viel mir schwer. ich habe im Moment ein orthopädisches Problem, um dass ich mich kümmern muss, wenn ich daheim bin: Mir tut immer schon nach kurzem Sitzen der Hintern weh, egal auf welchem Sitzmöbel. Keine gute Voraussetzung für einen achtstündigen Flug … Ich hörte etwas Musik und las ein bisschen in „Lovecraft Country“ von Matt Ruff. Ich kenne das Buch bereits, möchte es aber noch ein zweites Mal lesen, bevor ich mir die Fortsetzung kaufe. Zwischendurch Toilettengang, Glieder recken, paar Kniebeugen. Mit dicken Beinen oder Füßen hatte ich zum Glück, auch ohne Kompressionsstrümpfe keine Probleme. In meinem Alter ist das ja nicht selbstverständlich.
Es war längst heller Tag an unserer Position, aber die Blinds der Fenster blieben noch lange geschlossen, um den Passagieren zu ermöglichen, ihren Schlafrhythmus beizubehalten. Irgendwann begann dann doch der Tag an Bord, und es gab Frühstück – Omelette und ein Brötchen mit Käse oder Marmelade (je nachdem, was man halt drauf machte) und Getränke. Nicht lange danach begann auch schon der Landeanflug. Ich saß am Fenster und konnte bei der Landung viel von der Großstadt Saigon sehen, die ausgedehnten Flusslandschaften samt Schiffsverkehr, große Hochhäuser, Hafen und Industrie und andere Wohngebiete. Dann setzten wir auf und rollten zum Terminal.
Kurz vor der Landung in Saigon
Der Flughafen von Saigon ist viel kleiner und übersichtlicher als der von Istanbul. Zuerst hieß es, mit ein wenig Nervosität, ob es Probleme bei der Einreise in das kommunistische Land geben würde, die Passkontrolle zu passieren. Erst seit kurzen benötigt man für einen Aufenthalt von bis zu 45 Tagen kein Visum mehr, und der Freund meines Neffen und ich hatten daher auch keins. Obwohl sehr viele Schalter geöffnet hatten, waren die Schlangen ziemlich lang. Der Beamte am Schalter legte uns aber keine Steine in den Weg, hatte kaum Fragen und gab uns ziemlich schnell einen netten Stempel ins Reisedokument, als wir an der Reihe waren.
Danach hieß es, die Koffer abzuholen, ich erspähte Bob, meine orangefarbene Hartschale, fast sofort. Man (Passagiere, Flughafenmitarbeiter?) hatte schon viele Koffer vom Karussell genommen und in Reihen davor aufgestellt. Nachdem auch meine beiden Reisebegleiter ihre Koffer gefunden hatten, ging es Richtung Ausgang. Niemand wollte am Checkpoint prüfen, was wir einführten, es gab nur ein Lächeln von der offensichtlich zuständigen Dame, das wars – was uns entgegen kam, weil es schnell ging. Denn mein Schwager und die Freundin des Freundes meines Neffen, die schon vorher mit einem anderen Flug in Saigon eingetroffen war, erwarteten uns bereits mit einem Fahrer und dessen „etwas größeren Kleinbus“.
Das Fahrzeug war ein Bus der Marke Hundai und hatte, wenn ich recht gezählt habe, so 18 Sitzplätze, die recht komfortabel waren. Außerdem gab es Wasser und WLAN an Bord. Die Busfahrt vom Flughafen in Saigon zu unserem ersten Übernachtungsziel in Can Tho hatte mein Schwager organisiert, der hier ja „Heimvorteil“ hat. Er ist in einem Dorf unweit von Can Tho aufgewachsen, bevor er als Achzehnjähriger mit einem Stipendium nach Deutschland gekommen ist. Er besucht jedes Jahr seinen Bruder und dessen Familie in Can Tho und veranstaltet dann von hier aus Rundreisen mit Interessierten aus seinem großen Bekanntenkreis. Daher kennt er sich natürlich bestens aus, wenn es darum geht, günstig Fahrzeuge samt Fahrer für Inlandreisen zu buchen.
Wir verständigten uns, irgendwo unterwegs anzuhalten, um eine Abendessen einzunehmen. Zuerst ging es aber ungefähr eine Stunde lang durch die große Stadt. Man sah (was ich aus Berichten von anderen Vietnamreisenden kannte) sehr viele Mopeds, auf denen vor allem junge Leute saßen, teilweise alleine, manchmal zu zweit, manchmal auch Mann, Frau und dazwischen ein Kind. Die ganz großen Transporte, die es hier wohl in früheren Jahren (Vietnam entwickelt sich rasant) noch öfter sah (Familien mit mehreren Kindern und vielleicht noch einer Ladung Lebensmittel auf einem Moped) sah ich nicht, das gibt es wohl nur noch auf Postkarten. Das Leben tobte, es wurde viel gehupt, am Straßenrand boten Händler Streetfood oder andere Waren feil.
Die Architektur war bunt gemischt – heruntergekommene Gebäude aller möglichen Baustile wechselten mit edlen Hotels und modernen Hochhäusern, die Verkabelung von Strom- und Telefonleitungen war… sehr kreativ (davon hatte ich auch schon gehört, vielleicht kann ich mal ein Bild nachliefern), und es gab viel zu sehen.
Bunt blinkende Tet-Fest-Deko
Irgendwann waren wir aus der Innenstadt heraus und dann erst auf einer Schnellstraße, dann auf einer Autobahn (CT01) unterwegs. Hier machten wir Rast. Es war schon vergleichbar mit einer Raststätte, wie man sie an den Autobahnen europäischer Länder kennt, Tankstelle, Parkplätze, Toiletten, Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten, aber natürlich doch auch anders, vietnamesisch Eben.
Wir setzen uns, unter Verhandlungen mit einem Mitarbeiter des Restaurants, draußen an einen Tisch (die Gastronomie war komplett offen, aber überdacht). Der Mitarbeiter sprach passables Englisch und outete sich schnell als Fan des FC Bayern München, als er mitbekam, dass wir aus Deutschland kamen. Mein Schwager beriet uns in der Essensauswahl. Wir nahmen allesamt huu tiê, eine Nudelsuppe, Pho nicht unähnlich, aber mit anderen Nudeln und anders gewürzt, mit unterschiedlichen Zutaten (einig nahmen die Suppe mit Huhn, andere mit Garnelen). Ich übertrieb die Zugabe von Chilli-Salz-Mischung und zusätzlichen Chilli-Scheiben und machte das Gericht zu einer sehr scharfen Angelegenheit. Zwischenzeitlich dachte ich, ohne etwas Brot dazu überlebe ich das nicht, es wurde dann aber doch besser und ich schlürfte auch brav alles auf, ich fand es ja auch durchaus schmackhaft.
Für eine Nudelsuppe ein Stopp an der Raste
Nach der Mahlzeit setzten wir unsere Fahrt auf der CT01 fort. Es war kurz nach 20.00 Uhr, lt. Google Maps sollte die Fahrt wohl so um weitere, knapp zwei Stunden dauern. Ich versuchte, zwischenzeitlich ein wenig zu schlafen. Irgendwann überquerten wir, teilweise auf großen, noch recht neuen Brücken, auf die mein Schwager enthusiastisch hinwies, den Mekong und diverse Nebenarme. Dann war die Fahrt nicht mehr weit.
In Can Tho selbst fühlte ich mich an Las Vegas erinnert, weil an den Straßenrändern und auf Verkehrsinseln bunte Dekorationen emsig und bunt blinkten. Meiner Schwester zufolge sind das vorübergehende Blickfänger für das bevorstehende Tet-Fest (chinesisches Neujahr), das hier eine große Sache ist – und man betreibt in den Städten dafür eben etwas, was mit unseren Weihnachtsdekorationen vergleichbar ist).
Es war dann auch nur noch ein Katzensprung zu unserem Ziel. Ein jüngerer Bruder meines Schwagers, Duc, lebt hier in einem vierstöckigen Haus mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen, dessen Frauen und – bei der einen Kind-Familie – noch zwei Enkelkindern. Es ist also ein Dreigenerationen-Haus, in dem zusätzlich auch Gästezimmer vermietet werden. Das Haus ist sehr modern und nach westlichen Standards eingerichtet. Die Familien haben auf unterschiedlichen Etagen ihre Schlafzimmer, die jeweils eigene Badezimmer haben, im Erdgeschoss gibt es ein großes, gemeinsames Wohnzimmer mit Küche. Außerdem gibt es mehrere Balkone und (Dach)terrassen. Und einen sprechenden Aufzug mit seltsamer Aufzugsmusik.
Dazu betreibt eine der beiden Schwiegertöchter von Duc hier im Erdgeschoss einen Saftladen, in dem man superleckere Smoothies und Säfte aus verschiedenen (aus unserer Sicht exotischen) Früchten bekommen kann. Ein großer Smoothie kostet 30.000 Dong, das ist nur wenig mehr als ein Euro (der etwa 26.000 Dong wert ist). Und meeeegalecker und bestimmt auch gesund. Es gibt hier halt Früchte wie Mango, Passionsfrucht, Drachenfrucht und vieles mehr, was bei uns über Kühlcontainer landet, hier aber halt direkt vom Baum oder Strauch kommt und sehr viel aromatischer schmeckt. Da bietet sich so ein Shop schon wirklich an.
Wir wurden also herzlich im Wohnzimmer von Duc empfangen, bekamen unsere Zimmer (ich habe eins für mich samt Badezimmer, großem Bett, Klimaanlage und Fernseher) und wurden von Duc durch das ganze Anwesen geführt. Zwar ist das Haus nach westlichem Standard und sehr modern eingerichtet, aber da es ja sowohl Gäste, als auch Wohnhaus der Familie ist, gibt es eben doch auch viel vietnamesischen Touch. Ein Raum enthält alte Möbel vor Eltern meines Schwagers und seines Bruders, samt einer Bibliothek. Es gibt einen Ahnenaltar, was in der vietnamesischen Kultur häufig zu sehen ist. Die Vietnamesen ehren ihre Vorgängergenerationen, sowohl noch zu Lebzeiten, als auch darüber hinaus, sehr. Das täte auch unserer deutschen Gesellschaft manchmal gut, denke ich. Mehrere (Dach)terrassen laden mit Sitzgruppen und Topfplanzen zum Verweilen draußen ein. Außerdem gibt es noch einen Mops (ja, so einen Hund) und ganz neu eine noch sehr junge Tigerkatze von der Straße, die gerade erst hier anfängt, heimisch zu werden. Sie ist hier willkommen und bekommt Essen und Streicheleinheiten und wurde sofort zur Attraktion der Reisegruppe.
Katze zu Besuch
Insgesamt kann man sagen, dass Duc (und ein bisschen sicherlich auch mein Schwager, der ihn unterstützt hat) sehr stolz auf das ist, was er sich hier nach dem Krieg aus wenig Startkapital (das Grundstück gehörte wohl schon der Elterngeneration) für sich und seine Familie geschaffen hat – und absolut zu Recht, wie ich finde.
Wir nahmen noch eine Runde Smoothies und Säfte aus dem Saftladen der Schwiegertochter zu uns und suchten dann unsere Betten auf. Das werde ich jetzt auch wieder tun – bis zum Aufstehen um sieben bleiben mir nur noch weniger als zwei Stunden. Wir treffen uns um halb acht, um auswärts mit großem Buffet zu frühstücken. Danach machen wir eine Tour mit einem Kleinbus, wenn ich es recht verstanden habe, besuchen wir das Dorf, in dem mein Schwager aufgewachsen ist. Insgesamt bleiben wir noch zwei (oder drei?) Nächte in Can Tho, bis es mit dem Flieger von Can Tho aus nach Da Nang geht (wo mein älterer Neffe und seine Freundin zur Zeit leben). Später mehr. Ich kann das noch nicht veröffentlichen, WLAN-Passwort und SIM-Karten gibt es erst nachher.
Mit dem Shuttlebus unterwegs von Saigon nach Can Tho
Gegen 16.30 Uhr in Saigon gelandet. Nach Passkontrolle und Baggage Claim von meinem Schwager mit einem 18-sitzigen Bus samt Fahrer aufgepickt worden. Nachdem wir ungefähr eine Stunde durch Downtown Ho-Chi-Minh-City (Ho-Chi-Who? Die Südvietnamesen sind doch eher bei Saigon geblieben) gefahren sind, fuhren wir auf eine Autobahn. Hier nehmen wir jetzt auf einer Art Raststätte ein Abendessen zu uns.
Ich schätze, wir sind danach noch so zwei Stunden unterwegs zur Familie meines Schwagers, wo wir ein paar Nächte in Can Tho verbringen werden. Später mehr.
Der Flug von Hamburg nach Istanbul startete mindestens mit 45 Minuten Verspätung. Magischerweise landete der A321 neo trotzdem pünktlich, allerdings waren dann noch fast 20 Minuten taxiing angesagt, bis wird andockten.
Der Flug, der knapp drei Stunden dauerte war ruhig. Das Essen und das Entertainmentprogramm waren gut. Ich schaute mir „Mission Impossible: Dead Reckoning Part 1“ an. Also, fast. Es war ein Rennen Film gegen Flugzeug, Anfangs hatte der Film über 10 Minuten Vorsprung, aber da ich kurz beim Abendessen stoppte und der Film immer pausierte, wenn es Durchsagen gab, gewann doch der Flieger. Hm. Anschlussflug ist dieselbe Linie, bestimmt kann ich da weiter gucken, und der Flug dauert ca. 10 Stunden….
Der Flughafen hier ist erst seit 2018 in Betrieb und ist der größte Flughafen Europas und der siebtgrößte der Welt. Unser Gate für den Anschluss wird erst um 01:45h Ortszeit angezeigt lt. Monitor. Nun, wir schaffen es in einer Stunde und 20 Minuten bestimmt zu umserem Gate, ausserdem denken wir, dass wir hier schon einigermaßen richtig hocken.
Der Fluhafen bietet nur 1h kostenloses Wifi an, ich hab noch 39 Minuten. Wenn wir kein Netz mehr haben, spielen wir vielleicht ne Runde Heckmeck am Bratwurmeck deluxe. Mal gucken.
Mehr gibts nicht zu berichten fürs erste. Ausser, dass es hier regnet.
Nöchster Post kommt also dann aus Saigon, denke ich. Bis denne.
Nun, bisher war alles sehr entspannt. Meine Schwester, ein Freund meines Neffen, den wir in Vietnam besuchen und ich wurden vom Vater des besagten Freundes zum Bahnhof Bardowick gefahren. Von dort aus ging es mit dem Metronom zum Hamburg-Hauptbahnhof, und von da mit der S1 nach Hamburg-Fuhlsbüttel zum Flughafen. Wir haben unser Gebäck konventionell auf (am Schalter) und hingen dann noch eine Stunde bei McDonald’s mit Blick auf das Vorfeld herum.
Dann ging es durch den Sicherheitsbereich, wo ich mich etwas goofy angestellt habe, nun, ich bin seit 2016 nicht mehr geflogen. Meine Schwester hatte ein Insektenschutzmittel dabei, welches kritisch beäugt und dann doch durchgelassen wurde. Nun, jetzt sitzen wir am Gate und warten auf das Boarding. Der Fliger ca. eine halbe Stunde Verspätung, damit beginnt das Boarding ebenfalls verspätet, aber es müsste eigentlich in acht Minuten losgehen.
Flug von Hamburg nach Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt, sagt bei uns aber keiner so) via Istanbul
Nach Ankunft Fahrt mit einem Kleinbus von Saigon nach Can Tho
Flug von Can Tho nach Danang
Fahrt mit Kleinbus von Saigon nach Pleiku
Fahrt von Pleiku nach Kon Tum
Fahrt von Kon Tum zurück nach Danang
Flug von Danang zurück nach Saigon
Flug von Saigon zurück nach Hamburg via Istanbul
Das ist, grob gesagt, der Plan.
Der Plan etwas detaillierter
Abflug von Hamburg
Ankunft in Saigon, Fahrt nach Can Tho (hier lebt ein Bruder meines Schwagers mit seiner Frau, Kindern und Enkelkindern)
Can Tho – Giai Xuan
Can Tho – Schwimmender Markt
Flug nach Danang
Danang (5 Nächte im Hotel), Zeit mit meinem jüngeren Neffen und seiner Freundin, die dort wohnen
Bustour: Danan – My Son – Khe Hai Beach – Quang Ngai – Eo Gio – Sa Huyn Beach – Ong Nui Tempel – Ky Co Beach – Qhuy Nhon (mit meinem Neffen und seiner Freundin)
Bustour: Quuy Nhon Thap Doi – Dia Dia Reef – Pleiku (mit meinem Neffen und seiner Freundin)
Pleiku: Tet-Fest (chinesisches Neujahrsfest) mit meinem Neffen, seiner Freundin und deren Eltern
Per Bus von Pleiku nach Kon Tum, Treffen mit einem Bruder der Freundin meines Neffen und dessen Familie
Per Bus von Kon Tum zurück nach Danang (mit meinem Neffen und seiner Freundin)
Danang (3 Nächte in einem anderen Hotel)
Flug zurück nach Saigon
Saigon (3 Nächte im Hotel)
Rückflug von Saigon nach Hamburg via Istanbul
Anmerkung: Ob es genauso klappen wird, wird man sehen, ich weiß immer noch nicht so genau, was was genau ist und was wir wo genau machen, aber das werde ich dann halt berichten.
Mein erster Urlaubstag (von drei Wochen Urlaub inkl. Reise nach Vietnam) begann um 08.00 Uhr. Nachdem ich in den vergangenen Wochen immer Probleme mit der Verdauung und zuletzt auch Erkältungssymptome hatte, fühle ich mich nach zwei Krankheitstagen, viel Ruhe, schonender Ernährung (mit zuletzt viel Obst und Gemüse) nun doch fit genug, vor der großen Reise noch schnell an der Demo für Demokratie und Grundgesetz und gegen Faschismus und die neue Rechte in Osnabrück teilzunehmen. Ich hatte einen Zug Richtung Lüneburg um 12.23 Uhr gebucht, durch den GDL-Streik waren Fahrplan und Optionen diesbezüglich eingeschränkt.
Die Teilnahme an der Demonstration war mir wichtig. Ich habe nur selten in meinem Leben demonstriert, das letzte Mal wahrscheinlich mit Studierenden der Fachhochschule um 1998. Insgesamt kann ich meine Demo-Teilnahmen an einer Hand abzählen. Aber wie viele andere im Land dachte ich nach den Correctiv-Enthüllungen „Jetzt ist das Maß voll, jetzt heißt es, auf die Straße zu gehen und Flagge zu zeigen.“
Ich fuhr, mitsamt Bob, meinem orangefarbenen Reisekoffer und einem kleinen Rucksack mit dem Bus zum Hauptbahnhof, deponierte mein Reisegepäck im Schließfach und ging zu Fuß vom Bahnhof zum Schlossgarten („Schloga“). Dabei reihte ich mich in einen Tross von Leuten ein, die offenbar mit dem Zug zur Demo angereist waren und dasselbe Ziel hatten wie ich (geografisch wohl ebenso wie politisch). Es fühlte sich ein bisschen so an wie bei Besuchen großer Konzerte oder von Auswärts-Fußballspielen, mit den Gleichgesinnten durch die Straßen zu spazieren.
Ich kam ziemlich genau um 10.00 Uhr im Schloßgarten an. Die Menge war noch sehr übersichtlich, aber es strömten immer mehr Leute hinzu. Die ersten Redebeiträge sollten um 10.30 Uhr stattfinden, ab 10.03 Uhr spielte die Blues Company um „Toscho“ Todorowic ein kurzes Set. Die Songs passten textlich zum Thema der Demo, und die 5 Mitglieder der Band, die halt nicht „bio-deutsch“, wie es heute gerne genannt wird ist, hätten Angst vor den aktuellen Entwicklungen, so „Toscho“. Ich konnte mir zu der Zeit noch einen sehr guten Platz aussuchen, zog es aber vor, den Schlossgarten ingress-mäßig zu „erschließen“, bevor die eigentliche Veranstaltung begann.
Die Versammlung im Schlossgarten zu Osnabrück. Das Schloss im Hintergrund gehört zur Uni, links davon der Turm der Katharinenkirche.
Es strömten noch fleißig Leute auf den Platz, pünktlich um 10.30 Uhr verlas diejenige, die die Veranstaltung (ursprünglich für 200 Leute übrigens) angemeldet hatte, die Regeln und Vorgaben. Danach sprachen Osnabrücks Oberbürgermeisterin Frau Pötter und Landrätin Kebschull. Sie dankten den Menschen für die Teilnahme und ermunterten die Menschen unter anderem, sich in der Gesellschaft zu engagieren. Mir haben die Ansprachen inhaltlich gefallen. Es folgten Sprecher und Sprecherinnen von EXIL, einer Institution, die sich in Osnabrück um Geflüchtete kümmert, dabei kamen Betroffene zu Wort. Am meisten hat mich ein 10-jähriger Junge, dessen Eltern aus Syrien stammen, mitgenommen, der seine Rede sehr gut und selbstbewusst vortrug, seine Verbundheit zu Deutschland betonte und seine Angst vor den Entwicklungen in der Zukunft, aber auch seine Hoffnung, dass aufrechte Menschen das verhindern können. Ich hatte fast Tränen in den Augen.
Gegen 11.30 Uhr gab es Glockengeläut und eine Schweigeminute anlässlich des 79. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz durch die Rote Armee.
Danach sprach dann Verteidigungsminister Boris Pistorius, der zu diesem Anlass seine Heimatstadt besuchte (okay, ich nehme an, dass er anschließend auch zum Heimspiel des VfL Osnabrück gegen den SC Paderborn zur Bremer Brücke ins Stadion gegangen ist…). Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt trug seine Rede sehr klar und markig vor. Er warnte ausdrücklich vor der AfD und bezeichnete Björn Höcke, den „gerichtlich zertifizierten Faschisten“ als das wahre Gesicht der AfD und andere AfD-Mitglieder (ohne weitere Namen zu nennen) als „kreidefressende Wölfe im Schafspelz“. Er zitierte immer wieder die Stelle „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ aus dem Grundgesetzt und beendete seine Rede auch damit, mit dem Zusatz „Und sie bleibt es auch!“. Die Botschaft war klar und eindringlich.
Mein persönliches Lieblingsplakat
Zwischenzeitlich war auch meine Freundin auf dem Gelände unterwegs, aber es war schwierig, zueinander zu kommen, weil das Gelände doch inzwischen recht voll war. Die Polizei sprach von 25.000 Teilnehmenden. Die Funkzellen waren auch überlastet, was die Kommunikation erschwerte. Aber die Ordner machten einen guten Job. Ich wechselte meine Position hier und da, in der Hoffnung, dass wir uns irgendwie treffen würden. Da sie nicht mit nach Vietnam kommt, war es die letzte Chance, sie für die nächsten 3 Wochen noch mal in den Arm zu nehmen.
Inzwischen sprachen unter anderem noch die „Omas gegen Rechts“. Das hat mir auch gut gefallen, klare Ansagen. Allerdings gab es einen Fauxpas, als eine Sprecherin „Gegen Faschismus und Demokratie“ skandierte. Kein Applaus. Sie versuchte es noch ein oder zweimal, aber eine Kollegin stellte dann klar, nun, man hätte vermutlich verstanden, was gemeint gewesen sei. Dennoch eine sehr starke Truppe, gut, dass es sie gibt.
Dann kam die Initiative „Den Rechten die Räume nehmen“ zu Wort, die am Nachmittag desselben Tages eine weitere Demonstration in Osnabrück angemeldet hatte. Die Rednerin nahm kein Blatt vor den Mund und kritisierte die Ampel für das Migrationsverbesserungsgesetz (was zuvor auch schon Redner:innen des Vereins EXIL getan hatten) und die Stadt Osnabrück. Nach ihren Angaben hatten Mitglieder von „Den Rechten die Räume nehmen“ bei einer Informationsveranstaltung der AfD auf dem Haarmannsplatz mit Kreide „FCK AFD“ auf den Boden geschrieben. Daraufhin seien Mitglieder zu vierstelligen Geldstrafen plus (in einem Fall) einer Vorstrafe belegt worden.
Nun bin ich etwas skeptisch: Womöglich gab es andere Vergehen, die mit zu den Strafen führten (lt. NOZ hat bei der zweiten Kundgebung, die ansonsten friedlich verlief, sich ein Vermummter ein Handgemenge mit einem Polizisten geliefert). „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“, und die Methoden der Linksextremen gehen teilweise in die Richtung, auch wenn das stark übertrieben ist. Sie marschieren gerne vor einem Burschenschaftsgebäude oder einem Restaurant auf, dessen Betreiber nach ihren Angaben AfD-Stammtische beherrbergt hat, auf und haben auch schon mit Farbbeuteln geworfen. „Doxing“, also das auswählen konkreter Ziele beim politischen Gegner, um dort eine Bedrohungskulisse zu schaffen, ist meines Wissens auch im Werkzeugkasten der neuen Rechten vorhanden. Meiner persönlichen Ansicht nach sollte man nicht auf das Niveau fallen, weil man den Rechten dann wieder Munition gibt im Sinne von „Ha! Ihr seid ja nicht besser, Ihr macht das doch selber!“ – und das sicher nicht differenziert auf die unterschiedlichen Strömungen ihrer Gegner.
In der Sache „Hohe Strafen für Sachbeschädigung durch Kreidemalerei“ ist im Artikel https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/protest-gegen-afd-in-osnabrueck-und-der-schmutzige-streit-danach-45621435 der NOZ zu lesen, dass zwar die „FCK AFD“-Botschaft in der Tat mit Kreide gemalt und innerhalb von Minuten durch ein Bürstenfahrzeug der Stadtreinigung zu entfernen war, aber eine Botschaft „Ganz Osnabrück hasst die AfD“ mit Farbe am Rand des Haarmannbrunnens hinterlassen wurde. Und das stelle schon einen Straftatbestand dar, Sachbeschädigung an einem Denkmal. Die Rednerin von „Den Rechten die Räume nehmen“ hat also womöglich die Wahrheit zumindest ein bisschen verbogen und nicht die alles erzählt.
Aber es ist ein schmutziges Geschäft: Bei derselben Veranstaltung hat (demselben NOZ-Artikel zufolge) jemand von „Den Rechten die Räume nehmen“ Flugblätter der AfD von einem Infotisch gewischt und dabei die Hand einer AfD-Repräsentantin berührt. Das wurde dann von Seiten der AfD schnell als eine Handverletzung, die im Krankenhaus behandelt werden musste, kommuniziert, und auch da bin ich nicht so sicher, wie dicht das an der Wahrheit sein mag… oder wie weit weg.
Die Veranstaltung im Schloßgarten endete mit einem gemeinsamen Gesang von
„Wehrt euch, leistet Widerstand gegen den Faschismus hier im Land“
Gesang auf Demonstrationen gegen Faschismus, nach der Melodie von „He ho, spann den Wagen an.“
Das Gelände leerte sich recht schnell, so dass meine Freundin und ich uns endlich treffen konnten. Wir trafen noch gemeinsame Bekannte vom „Unordentlichen Zimmertheater“, mit denen wir kurz klönten. Danach begleitete mich meine Freundin noch zu Fuß zurück zum Hauptbahnhof, wo ich meinen Zug, der eine knappe Stunde Verspätung hatte, ziemlich direkt besteigen konnte. Die Angaben in der DB-App waren absolut korrekt. Die Verspätung kam mir also eher entgegen, und auch die Ankunft des Zuges in Hamburg-Harburg entsprach den Anzeigen ab Osnabrück.
Ich bekam in Harburg innerhalb von 20 Minuten einen Anschlusszug nach Lüneburg, der absolut pünktlich war und würde in Lüneburg von meiner Schwester abgeholt. Ich bekam was Leckeres zu essen (Kürbissuppe und Salat), und später kamen mein älterer Neffe und seine Freundin, und wir nahmen je zwei Runden Gin Tonic und „Heckmeck am Bratwurmeck deluxe“ zu uns. Danach ließen wir den Abend vor der Glotze mit ein paar Episoden „How I met your mother“ (comfortbinging) ausklingen. Soviel vom ersten Urlaubstag.
Im IC 612, kurz vor Mannheim Hbf, 10:26, Wagen 4, Platz 76
Freitag, 4. August Teil 2 – Angekommen in Ludwigsburg
Anggekommen in Stuttgart ging es dann weiter mit einem Regionalzug MEX 17 nach Ludwigsburg. Das ist nur eine Station, Fahrzeit neun Minuten. Vom Bahnhof sind es nur neun Minuten Fußweg zur Wohnstatt meiner Gastgeber in Ludwigsburg.
Ich wurde herzlich empfangen und gut untergebracht. Bald gab es Abendessen, an dem auch der 21-jährige Sohn des Hauses teilnahm. Es gab den (nach eigenen Angaben ) „Signiture-Dish“ meiner Gastgeberin: Servietten-Knödel, dazu Rattatouille und Putenschnitzel. Es war sehr lecker, besonders die genannten Knödel. Anschließend ließen wir den Abend noch mit einem Film im Wohnzimmer ausklingen.
Samstag, 5. August – Teure Lebensmittelschneider und handelnde Aliens.
Ich stand gegen 9.00 Uhr auf und duschte. Danach luden meine Gastgeber zum Frühstück ein. Es gab unter anderem Brötchen mit selbst gemachter Erdbeermarmelade. Bekanntlich mag ich ja selbstgemachte Marmelade sehr gerne, außer es ist halt alles drin, was im Herbst an den Hecken und Zäunen aufgelesen wurde, also sowas wie Kirsch-Johannisbeere-Karpfen-Champignon-Aprikose ist eher nicht so mein Fall. Außerdem wurde mit schwerem Gerät hergestellter Kaffee gereicht.
Evangelische Stadtkirche Ludwigsburg
Nach dem Frühstück hatten meine Gastgeber ein paar Besorgungen in der Stadt zu erledigen, was fussläufig problemlos zu bewerkstelligen ist. Ich kannte den Marktplatz und die katholische und evangelische Kirche schon von vorangegangenen Besuchen. Wir waren in einem Haushaltswaren-Geschäft, in dem es sündhaft teure, italienische Schneidemaschinen für Wurst und Käse zu kaufen gab. Die „normalen“ Modelle kosteten etwa zwischen 2.000 und 6.000 Euro (plus Kleingeld), aber es gab auch ein sicherlich unverkäufliches, kunstvoll bemaltes Modell, auf dessen Preisschild 34.900 Euro zu lesen stand.
Küchengerät für 34.900 Euro. Da kann man eine Menge Theromixe mit kaufen…
Außerdem standen noch Lebensmitteleinkäufe auf dem Programm, ich bekam ein Eis ausgegeben und mein Gastgeber brauchte für gemeinsame Retro-Gaming noch einen Adapter von Saturn. Am Ende waren wir noch kurz in einem supergenialen Plattenladen. Neben einer wirklich großen und gut sortierten Auswahl an Vinylscheiben gab es dort außerdem noch andere Genussmittel wie verschiedene Craftbiere und Whisky zu kaufen. Auch die Gestaltung des Ladens fand ich ausgesprochen ansprechend. Ich erwarb zwei Jazzplatten, ein Benny Goodman-Album und eine „Best of Chris Barber & Acker Bilk“. Ich hoffe nur, sie überstehen die Heimreise unbeschadet.
Der Plattenladen in Ludwigsburg ist der Hammer!
Zurück in der Wohnung meiner Gastgeber zockten mein Gastgeber und ich ein paar Retro-Games auf einem Raspberry Pie und verbrachten im Wesentlichen so den Nachmittag. Am Abend stand dass Abendessen auswärts an, welches wir in einer Studentenkneipe bzw. in dessen Biergarten einnahmen. Ich wollte gerne etwas typisch Schwäbisches essen und entschied mich für geröstete Maultaschen. Die waren aber leider aus, also nahm ich dann die Spätzle mit Linsen und Saiten (Saitewurst, so nennt man dort Wiener Würstchen) – obwohl meine Gastgeber meinten, das sei schon eher „Next Level“ und schmecke nicht jedem. Ich ass am Ende mit gutem Appetit und meinen Teller ratzekahl leer.
Ein Klassiker: Doom (allerdings auf dem Raspberry Pie). Und mit Loch in der Socke.
Leider dauerte die Lieferung der Speisen ziemlich lange, der Service war überfordert und nicht sehr gut. Wir befürchteten schon, den Beginn einer Open-Air-Theateraufführung in der Nähe zu verpassen, und mein Gastgeber, dessen Essen als letztes kam, konnte auch nicht in Ruhe aufessen. Außerdem hatte es inzwischen zu regnen begonnen.
Wir eilten also zu dem Ort, an dem die Vorstellung stattfinden sollte. Dort angekommen kamen uns bereits eine Menge Leute entgegen, die uns informierten, dass die Vorstellung aufgrund des Regens abgesagt sei. Nun, Künstlerpech. Andererseits waren wir ganz froh, dass wir nicht zwei Stunden im Regen sitzen mussten – zumindest ging es mir so, und ich hatte den Eindruck, nicht nur mir. Ich persönlich war mit einer mittlerweile soliden Erkältung ohnehin schon angeschlagen.
Wieder in der Wohnung der Gastgeber angekommen, wechselten wir, soweit notwendig, die Klamotten und ließen uns dann wieder zum Ausklang des Abends mit einem Film im Wohnzimmer nieder. Danach war dann auch schon Schlafenszeit.
Sonntag, 6. August – In der guten Stube beim Porsche
Heute stand ein Museumsbesuch auf dem Programm. Mein Gastgeber hatte mir vorgeschlagen, entweder das Daimler- oder das Porsche-Museum zu besichtigen. Oder auch etwas länger nach Sinsheim zu fahren, um das dortige Technik-Museum zu besuchen.
Ich entschied mich dann für Porsche, obwohl ich persönlich ja eigentlich kein Auto-Fan bin. Aus ökologischer Sicht sind Autos sehr ineffiziente Fortbewegungsmittel, insbesondere, wenn sie mit einer Wärmekraftmaschine angetrieben werden. Aber unabhängig vom Antrieb verbraucht die Herstellung von Autos viele Rohstoffe und Energie, und Autos brauchen, ob sie fahren oder stehen, viel Platz im öffentlichen Raum, insbesondere große Fahrzeuge, die nur eine Person befördern. Das ist ja alles hinreichend bekannt, aber man muss das ja nicht unbedingt gut finden. Der zweite Aspekt, der mich an Autos echt stört, ist der Protzfaktor. Die Zur-Schau-Stellung von Reichtum widert mich ohnehin zunehmend an, insbesondere angesichts des schlechten Zustands unseres Planeten und auch unserer menschlichen Gesellschaft.
Davon abgesehen zeugt nach meiner Meinung weder bei Absendern noch guten Rezipienten von „Protz-Reizen“ das Ersetzen solider persönlicher durch rein materielle Werte von allzu viel Intelligenz. Sie lassen meiner Ansicht nach nicht auf Reichtum, sondern eher Armut schließen – dem Bedürfnis der Menschen, irgendetwas, was ihnen im Leben fehlt, durch die materielle Schiene zu kompensieren.
Dennoch lassen mich Autos auch nicht völlig kalt. Das Design und die Technik von Autos interessieren mich schon. Sie waren und sind nun einmal Teil unserer Technologiegeschichte und meiner Ansicht nach auch Teil unserer Kultur, ob es mir gefällt oder nicht. Daher schadet es nicht, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, alleine schon, um Autofans und ihre Begeisterung besser zu verstehen. Denn nur pure Ablehnung funktioniert in einem sinnvollen Diskurs ebenso wenig wie der „Sitz auf dem hohen Ross moralischer Ansprüche“ (die ich ja auch selbst durchaus nicht vollends erfüllen kann).
Unterwegs fragte wir uns noch, ob die Sprachsteuerung des Fahrzeugs, mit dem wir selbst unterwegs waren, den Auftrag, uns zum Porsche-Museum zu navigieren, womöglich strikt ablehnen würde. Denn das Auto meines Gastgebers ist von „der anderen Marke“ aus Stuttgart. Immerhin konnten wir die Hin- und Rückfahrt komplett elektrisch zurücklegen und mussten nicht auf die sich ebenfalls an Bord befindliche Verbrennungsmaschine zurückgreifen. Es sah seltsam aus, den Drehzahlmesser auf Null stehen zu sehen und trotzdem zu fahren. 100 km und damit auch den Arbeitsweg meines Gasgebers schafft sein Dienstfahrzeug komplett elektrisch.
Schlangestehen beim Porschemuseum mit Blick auf den Porscheplatz (das Ding mit den 3 weißen 911, die gen Himmel streben).
Angekommen am Museum in Stuttgart-Zuffenhausen (wo Porsche beheimatet ist und auch nach wie vor eine Produktionsstätte hat) mussten wir uns erst einmal in eine lange Warteschlange außerhalb des Gebäudes im ungemütlichen Wetter stellen. Immerhin schützte uns das weit auskragende Dach des modernen, architektonisch aufwändig gestalteten Museumsbaus. Aber zum Glück ging es doch recht fix vorwärts, so dass wir ins Gebäude kamen und Tickets erwerben konnten.
Die meiste Zeit schauten wir uns die Ausstellung im jeweils eigenen Tempo unabhängig voneinander an, zumal wir ohnehin dem jeweils eigenen Audio-Guide lauschten. Die Ausstellung begann im ersten Stock, im EG sind Ticketschalter, Gastronomie und Museumsshop untergebracht.
Die älteste, erhaltene Konstruktion, an der Firmengründer Ferdinand Porsche beteiligt war: Der Egger-Lohner C2 Phaeton. Ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug.
Das erste und älteste Exponat der Ausstellung ist ein Fahrzeug namens „Egger-Lohner C2 Phaeton“ und ist der älteste erhaltende Motorwagen, an dessen Konstruktion Ferdinand Porsche beteiligt war. Das Baujahr des Elektrofahrzeugs, dessen noch eher an eine Pferdekutsche erinnerndes Chassis vom Wiener Kutschfabrikanten Ludwig Lohner stammt, ist mit 1898 angegeben. Der sogenannte Okatgon-Elektromotor (dessen Bezeichnung vom achteckigen Gehäuse her stammt) soll „3-5 PS“ leisten, die Reichweite ist mit 80 km angegeben, die Höchstgeschwindigkeit mit 35 km/h. Im Vergleich zu einem Pferdefuhrwerk sind das gute Eigenschaften. Allerdings dauerte es eine ganze Woche, den Akku des Fahrzeugs komplett zu laden.
Porsche 550 Speyder. In so einem kam der Schauspieler James Dean im Alter von 27 Jahren ums Leben.
Der chronologische Aufbau der Ausstellung führte, immer entgegen dem Uhrzeigersinn rund um die zentral gelegenen Rolltreppen des Museums über drei Etagen. Zunächst ging es an noch teilweise an Pferdekutschen erinnernden Fahrzeugen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorbei, allerdings habe ich die irgendwie verpasst, weil ich nicht ganz dem vorgegebenen Pfad folgte. Ich landete bei Fahrzeugen, die schon klar als „Auto“ zu erkennen waren nicht mehr von Pferdekutschen abgeleitete Fahrzeuge waren, mit luftgefüllten Felgenrädern und Metallkarosserien. Hier waren Straßen- und Rennfahrzeuge aus den 50ern ausgestellt, die auch schon die Bezeichnung Porsche trugen, wie etwa der erste „Speyder“, ein offener Sportwagen. Ich glaube, mit so einem ist damals James Dean tödlich verunglückt.
Porsche 356C der Autobahnpolizei. Die Fahrer dieser Autos mussten eine spezielle Fahrausbildung in diesen Fahrzeugen absolvieren. Kurios: Ab 5 Grad Celsius musste lt. Vorschrift offen gefahren werden. Man sieht hier schon 911-Gene.
Es ging weiter über die 60er zu den 70er-Jahren, wo bereits Vorgängermodelle des ikonischen Modells 911 auftauchten, darunter ein offener Polizei-Porsche aus den 60ern. Kuriose Diensteinweisung lt. Schautafel bzw. Audioguide der Polizei war: Ab 5 Grad Celsius musste offen gefahren werden. Dann begann die Ära des 911, Modelle waren nach dem „Ur-911“ ausgestellt, dabei auch der erste Targa (offene Konstruktion mit Überrollbügel und herausnehmbaren Dachelementen, Porsche ließ sich den Begriff „Targa“ und das konstruktive Konzept patentrechtlich schützen).
Der erste Porsche 911. Eine Schautafel zeigte ein paar der ehernen Grundsätze, die sich durch die vielen Generationen der 911-Familie ziehen, etwa: „Motor hinten, Kofferraum vorne, eine Golfausrüstung muss reinpassen“.
Neben anderen, nicht der 911er-Reihe angehörigen Porsches mit immer größeren Leistungen und nun auch schon teilweise Karosserien aus GFK für den Rennsport waren verschiedene Varianten des Models 917 zu sehen, ein reinrassiger Rennwagen, unter anderem für die 24 Stundenrennen in Le Mons. Diese brachialen, 12-Zylinder-getriebenen Monster gab es mit unterschiedlichen Karosserieformen (Lang- und Kurzheck) und Lackierungen, unter anderem die hellrosafarbene Variante „die Sau“.
Porsche 917 „die Sau“. Nachdem jemand das Auto mit einem dicken Schwein verglichen hatten, wurde diese selbstironische Sonderlackierung geschaffen.
Es folgte eine Ausstellung über die sogenannten Transaxle-Fahrzeuge der 80er- und 90er-Jahre. Bei diesen Autos sitzt der Motor vorne (viele andere Porsche-Modelle, auch die 911-Reihe haben einen Heckmotor, also hinter den Insassen) und das Getriebe hinten an der angetriebenen Hinterachse.
Michael, ein Porsche 911 hat keinen Mittelmotor, sondern einen Heckmotor! Korrigiere das gefälligst.
Mein Chef
Vertreter dieser Bauweise von Porsche sind die Modelle 924, 928, 944 und 968. Diese Modelle haben einige Ähnlichkeiten untereinander, aber wenig Ähnlichkeit mit dem 911.
Antriebsstrang eines Transaxle-Porsches: Das Getriebe sitzt an der Hinterachse.
Außerdem war in der Nähe ein typischer 6-Zylinder-Boxermotor mit zwei Turboladern zu sehen, wie er im 911 verwendet wurde. Auch gab es zwei Exemplare des vom 911 abgeleiteten Porsche GT 1, der allerdings aufgrund aerodynamischer Details optisch kaum der 911-Familie zugehörig zu erkennen ist. Eins der Exemplare war eine Renn-, das andere eine Straßenversion. Die Regularien irgendeiner Rennsportveranstaltung (ich hab nicht verstanden, welcher genau) sehen oder sahen vor, dass der Hersteller über 20 straßentaugliche Fahrzeuge eines Rennmodells zu bauen hat – ein Riesenaufwand und ein finanzielles Wagnis für den Hersteller.
Typischer 6-Zylinder-Biturbo-Boxermotor, wie er im 911 verwendet wurde. Die beiden Abgasturbolader sind deutlich zu sehen (grüner Pfeile). Darüber sind die beiden Zündverteiler für jeweils drei Zylinder zu sehen.
Zwischenzeitlich machte ich mit meinem Gastgeber zusammen Mittagspause: Zweimal „Macan Turbo“ (Currywurst-Pommes, sowas heisst anderswo „Mantaplatte“) im Museums-Restaurant „Boxenstopp“.
Nun ging es in die 90er-Jahre und damit thematisch zu den wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen Porsche fast Pleite gegangen wäre. Dass dann ’95 wieder eine schwarze Null in der Bilanz zu verzeichnen war, wurde neben Maßnahmen zur Effizienzsteigerung in der Produktion das neue Modell Porsche Boxster angerechnet, der ein Verkaufsschlager wurde. Der Name „Boxster“ ist ein Kofferwort aus „Boxer“ (wegen des Boxer-Mittelmotors) und „Roadster“. In der Ausstellung war ein schon recht dem ersten Serienmodell entsprechender Prototyp zu sehen.
Seriennahe Studie des Porsche Boxsters
Neben verschiedenen Varianten des GT 2 (der optisch wieder deutlich an den 911 erinnerte) und des GT 3 (unter anderem einer Version mit Hybridantrieb von 2010) kam ich nun an einem meiner persönlichen Highlights vorbei: Einem modifizierten, blauen Porsche 911 „Sally Carrera“. Sally Carrera ist ein fiktiver Charakter aus Pixars computeranimierten „Cars„-Filmen, ein „lebender“ Porsche 911 mit Augen in der Windschutzscheibe, einem Mund an der Vorderfront und einem Tattoo am Heckspoiler. Das Fahrzeug wurde zu Promo-Zwecken gebaut bzw. modifiziert: Der Radstand wurde verkürzt, das Dach erhöht, eine Folie mit den Augen an der Windschutzscheibe angebracht und der Mund in den Frontspoiler modelliert. Das Auto ist fahrbereit.
Promo-Porsche „Sally Carrera“ für den Pixar-Animationsfilm Cars (2006). Dahinter ein GT 3, dahinter ein Cayman.
Nun kamen Varianten aktueller Modelle wie der SUVs Cayenne und Macan sowie der viersitzige Panamera in Sicht. Vom Cayenne gab es den sogenannten „Jagdwagen“, ein für die Forstwirtschaft optimiertes Einzelstück mit Zusatzscheinwerfern, einer Schweißwanne hinter den Vordersitzen, in die man erlegtes Wild hineinschmeißen kann sowie gesicherten Fächern für Gewehre und Munition. Ganz was feines.
Porsche Cayenne „Jagdwagen“. Der blieb ein Einzelstück. Hätte eigentlich in den USA vielleicht einen Markt gehabt mit dem integrierten Waffenabteil.
Langsam kam ich dem Ende der Ausstellung näher. Die Motorsport-Trophäen-Abteilung übersprang ich aus Desinteresse. Der Porsche Taycan, das aktuelle rein elektrische Porsche-Modell, interessierte mich schon mehr. Neben dem Auto selbst, waren auch Teile des Antriebs und der Akkumodule ausgestellt und beschrieben. So wurde thematisch dann auch der Kreis zwischen dem Egger-Lohner C2 Phaeton am Anfang und dem aktuellen Elektro-Taycan geschlossen. Es folgten dann noch einige Prototypen und Studien, beispielsweise auch ein Modell zur Promo des Computerspiels „Grand Tourismo“, dessen Karosserie bei einem Liveevent von einem Künstler mit Streetart-Motiven bemalt worden war. Außerdem war ein Raumschiff-Modell zu sehen, welches Porsche-Designer zu einer Promo-Veranstaltung des Films „Star Wars – Rise of Skywalker“ gebaut hatten.
Porsche hat auch ein Raumschiff gebaut. Auf der Tafel stand, die Designer hätten hier ein paar typsche Porsche-Designelemente angewandt. Da stand auch: „Antrieb: Hyperantrieb. Geschwindigkeit: Nicht messbar.“
Dann gab es noch die von meinem Gastgeber als „Krach-Ecke“ bezeichnete Abteilung. Porsche selbst spricht natürlich von Sound, nicht von Krach. Hier kann man sich auf Knopfdruck verschiedene Motoren in verschiedenen Drehzahlbereichen anhören. Das interessierte mich auch überhaupt nicht, für mich ist das auch Lärm, kein Sound. Ich mag das Geräusch von Verbrennungsmotoren nicht, besonders nicht in hohen Drehzahlbereichen. Das habe ich mir lieber geschenkt.
Im Erdgeschoss gab ich meinen Audio-Guide ab und traf mich wieder mit meinem Gastgeber, um den Weg zurück nach Ludwigsburg anzutreten. Ich fand den Besuch des Porsche-Museums durchaus informativ und interessant. Aber natürlich war das Ganze auch sehr auf die Marke Porsche und den damit verbundenen Lebensstil ausgerichtet, es war viel von Träumen die Rede, alles sehr auf Emotion ausgelegt und auch darauf, schon Kinder für Porsche positiv auszurichten. Es wird davon ausgegangen, dass die meisten Besucher liebend gerne in einem Porsche sitzen, einen Porsche fahren und besitzen wollen. Wie gesagt, für mich ist das absolut kein erstrebenswertes Lebensziel, wenn es vielleicht auch mal Spaß machen kann, so ein Ding mal einen Tag zu fahren, sofern es keiner von diesen völlig unbequemen Rennwagen ist. Aber wahrscheinlich macht das etwas mit einem in dem Sinne, dass man Besitz nicht nur besitzt, sondern auch vom Besitz in gewisser Hinsicht besessen sein kann. Also vielleicht doch lieber nicht.
Wieder angekommen in Ludwigsburg sah ich in der Küche, dass die Gastgeberin schon Salate und ein Dessert für das Abendessen vorbereitet hatte. Es sollte trotz des schlechten Wetters gegrillt werden. Das übernahm der anwesende Sohn des Hauses. Wieder war alles sehr lecker und ich futterte mal wieder viel zu viel, zumal auch das angebotene Tegernseer Bier sehr sättigend war. Zum Dessert gab es auf dem Grill erhitzte, mit Kekskrümeln gefüllte Pfirsichhälften mit Vanilleeis.
Nach dem Essen schauten wir, wie an den Vorabenden einen Film und suchten dann das Bett auf.
Montag, 7. August – Heimreise
Nun, heute endet meine Reise und mein Urlaub. Der ICE soll mit 28 Minuten Verspätung Münster erreichen, in 15 Minuten um 14.18 Uhr. Von dort aus ist es dann nicht mehr weit bis Osnabrück. Die restliche Fahrzeit sollte trotz der Verspätung wohl nur noch etwa eine Dreiviertelstunde betragen.
Nach dem Aufstehen um 8.00 Uhr, Morgentoilette und Zusammenpacken meiner Sachen fand ich mich zum Frühstück in der Küche ein. Meine Gastgeber machten beide Homeoffice und hatten schon gefrühstückt, aber für mich stand ein großer Becher Kaffee, Toast und Aufstriche und -schnitte bereit. Außerdem bekam ich von meiner Gastgeberin noch einen Apfel, ein Glas mit Nudelsalat und ein Stück Kuchen für die Reise mit.
Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich herzlich von meinen Gastgebern und trat den Fußmarsch zum Bahnhof an. Von dort aus ging es mit einem MEX-Regionalzug von Ludwigsburg nach Stuttgart, wo ich dann in diesen ICE umstieg, der pünktlich abfuhr und mich nun (vermutlich) mit einer halben Stunde Verspätung ganz bis nach Osnabrück bringen wird. Tja, und das wars dann.
Die Aufenthalte in Muhr am See und in Ludwigsburg waren beide sehr angenehm. Ich traf liebe Freunde wieder, die ich nicht so oft sehe und wurde in beiden Fällen großartig bewirtet und beherbergt. Der Besuch in Wien war auch schön, die Stadt hat viel zu bieten, insbesondere sehr viel schöne Architektur. Auch hier war das Wetter insgesamt mäßig zum Sommerurlauben geeignet, aber eben durchwachsen und nicht durchgängig schlecht. Das Hotel war nicht so der Burner, aber andererseits, mehr brauche ich auch nicht wirklich. Die Zugfahrten waren (bisher) überwiegend angenehm. Auf der Hinreise nach Muhr habe ich einen Anschluss nicht bekommen und war eine Stunde später als geplant am Ort. Der Zug nach Wien hatte etwa eine halbe Stunde Verspätung. Heute wird es hoffentlich nicht noch mehr als eine halbe Stunde. Hinter mir sitzt ein quengelndes Kind, welches mein ANC-Kopfhörer nicht komplett ausgeblendet bekommt. Aber nun, gehört dazu. Und Porsche fahren will ich halt ja nun auch mal nicht.
So macht das Ankommen bei Freunden weit weg Freude!
Das wars, mehr gibt es nicht zu berichten. Vielen Dank allen Leser:innen, die mir die Stange bis hierhin gehalten haben und bis zum nächsten Mal.
PS: Der ICE von Stuttgart nach OS kam mit 27 Minuten Verspätung an, was ich auf der Strecke aber nicht so schlimm finde. Die Platten, die ich in Ludwigsburg gekauft habe, haben den Transport hierher gut überstanden und sind auch beide insgesamt im guten Zustand.