Die Münze – Teil 33

12. August 2017, 9:00 AM, Washington DC, USA
Der US-Präsident saß im Oval Office und beendete gerade einen Tweet an die Welt da draußen, als es klopfte. Er sah auf die Uhr – natürlich, das Neun-Uhr-Briefing. Also legte er sein Smartphone auf den Schreibtisch, grunzte er ein unwilliges „Herein“, und einer seiner Mitarbeiter, eine lederne Aktenmappe in der Hand, trat ein. Mr. Deacons oder Dawkins oder so. Whatever. „Was gibt’s Neues?“, fragte der Präsident. „Nun, die Anhörung ihres Schwiegersohns steht morgen auf dem Programm.“, sagte Mr. Meyers und zog den entsprechenden Umschlag aus der Aktenmappe. „Die New York Times schreibt, dass…“ „Verschonen Sie mich bitte mit diesen Fake News. Das interessiert mich nicht!“, wehrte der Präsident ab. Täuschte er sich, oder war da ein schadenfrohes Funkeln in den Augen des Mitarbeiters, als er über diese Russen-Sache sprach? Er machte sich eine gedankliche Notiz, diesen völlig unbrauchbaren Menschen auf die Abschussliste zu setzen. Zu dumm nur, dass alle nahen Verwandten in brauchbarem Alter bereits Aufgaben in seinem Stab hatten! Zu dumm, dass sein Sohn, den er mit seiner dritten und amtierenden Ehefrau gezeugt hatte, noch nicht die Highschool abgeschlossen hatte und somit für den Posten nicht infrage kam. Hm… vielleicht ein Praktikum?

„Dann haben wir hier die neusten Berichte von Truppenbewegungen aus Nord-Korea…“, riss Mr. Meyers ihn aus seinen Gedanken. „Langweilig. Dieser dicke, schlitzäugige Möchtegern-Herrscher sitzt auf ein paar Atombomben. Da sind wir uns doch sicher, oder? Nun, wir drehen ihm den Ölhahn zu, wir drehen ihm den Geldhahn zu, und wenn er dann immer noch Ärger macht, bomben wir ihn in die Steinzeit zurück. Feierabend.“, wetterte der Präsident. „Haben Sie nicht irgendetwas Interessantes für mich, irgendetwas Inspirierendes?“ „Nun, Hurrikan Irma…“, begann der Mitarbeiter. „Ersparen Sie mir das! Ich will mir nicht schon wieder nasse Füße holen!“, seufzte der Präsident. Auf Mr. Meyers hoher Stirn hatten sich mittlerweile Schweißtröpfchen gebildet.

Fieberhaft wühlte er in seiner Aktenmappe herum. Schließlich zog er einen neuen Umschlag hervor. „Nunja, die Jungs von der National Security Agency haben da einige Informationen von ihren Kollegen bei den Cousins abgegriffen. Ist schon seltsam, wie sicher sich manchmal Leute fühlen, deren Job das ‚Besorgen‘ von Informationen ist. Obwohl die selbst wissen, was für Schwachstellen in anderer Leute Systemen sie ausnutzen können, sehen sie nicht diejenigen in ihrem eigenen Laden. Insbesondere, wenn große Teile ihrer Hard- und Software in den USA hergestellt wurden…“ „Worum geht es denn da?“, unterbrach der Präsident. „Es ist ein Objekt aufgetaucht, welches einzigartige Materialeigenschaften hat. Die Briten haben es sichergestellt, weil es einen enormen Wert hätte, wenn man es reproduzieren könnte.“, erklärte der Mitarbeiter. „Inwiefern?“, fragte der Präsident, der alleine schon aufgrund der Tatsache, dass es der NSA gelungen war, die Briten auszuspionieren, Gefallen an der Sache fand. „Nun, die Briten glauben, wenn es gelänge, dieses Material herzustellen, würde es immense Fortschritte im Maschinen- und Fahrzeugbau sowie in der Luft- und Raumfahrttechnik bewirken.“ „Aha. Und damit geht vermutlich auch ein potentieller, militärischer Nutzen einher.“, folgerte der Präsident messerscharf. „Richtig.“, antwortete Mr. Meyers pflichtschuldig. „Aber das Interessanteste kommt noch: Die Briten glauben, dass das Objekt womöglich nicht von diesem Planeten stammt.“

„Wie bitte? Sie meinen, die Briten glauben, dass, was immer sie da haben, käme aus dem Weltall? Womöglich von Aliens hergestellt?“, fragte der Präsident ungläubig, während er seinen roten Schlips glatt strich. „Genau das. Das Objekt ist der Meinung der Briten nach nicht natürlichem Ursprungs, sondern eindeutig hergestellt worden, und wahrscheinlich nicht auf der Erde.“, war die Antwort. „Sehr interessant. Geben Sie bitte mal her.“, sagte der Präsident und nahm das Dossier im Umschlag entgegen. Nachdem er es gelesen hatte, lehnte er sich in seinem Sessel zurück und dachte einen Moment nach. Eine Alien-Münze, so schien es, war in England gelandet. Frechheit, wenn man darüber nachdachte. Es war doch ein ungeschriebenes Gesetz, dass alles Außerirdische gefälligst in den USA zu landen hatte – ging man denn außerhalb des hiesigen Sonnensystems nie ins Kino? Der Präsident verspürte ein unbändiges Verlangen danach, einen Haufen Abfangjäger starten zu lassen, um die kleinen, grünen Männchen wieder dahin zurück zu jagen, wo sie hergekommen waren. Aber erstens war das Ding ja in England gelandet – in einem Kaff namens Portreath übrigens – und zweitens war es offenbar das einzige seiner Art, und bisher war noch nicht die geringste Aggression gemeldet worden.

Der Präsident seufzte. Das war zwar interessant, würde ihn aber nicht aus seinem aktuellen Umfragetief herausholen können. Dennoch sagte er „Nachricht an die NSA: Die sollen das weiter im Auge behalten, und ich erwarte täglichen Bericht. Nächster Tagesordnungspunkt…“

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 32

Rear Admiral Moore suchte zwei der erfahreneren Männer aus, die ihn und Andrew ins Haus begleiteten. Der Rest des Security-Teams verteilte sich um das Haus und sicherte alle Türen und Fenster. Auch die Polizeitruppe blieb vor Ort und bewachte die Zufahrt. „Was sollen bloß die Nachbarn denken!“, bemerkte Andrew, halb im Scherz allerdings, denn eigentlich interessierte ihn das nicht im Geringsten. Moore und die beiden Ex-SAS-Männer begleiteten ihn in seine geräumige Küche, wo Andrew sofort Teewasser aufsetzte. Er holte Tassen und eine Schachtel mit Teegebäck aus dem Schrank, während die beiden Elitesoldaten jeden seiner Handgriffe mit wachsamen Augen verfolgten, jederzeit bereit, einzugreifen, sollte Andrew etwas Nonkonformes versuchen. Das Wasser kochte, Andrew goss den Tee auf und stellte Kekse und Teetassen auf den Küchentisch. Er bot auch den beiden Schwerbewaffneten eine Tasse Tee an, die diese jedoch dankend ablehnten.

Moore hingegen nahm seine Tasse und trank seinen Tee mit Behagen, und auch Andrew genoss das Bergamotte-Aroma des erstens Schlucks Earl Grey. „Nun, Mr. Summers. Ich würde das Objekt, und zwar das Original, wirklich zu gerne einmal sehen.“, kam der RDML zur Sache. „Was solls.“, dachte Andrew, zog den Reißverschluss der Außentasche seiner Reistasche auf, die er aus dem Kofferraum des Vauxhall mitgebracht hatte. Er holte die Münze heraus und legte sie auf den Küchentisch. „Darf ich?“, fragte Moore. „Als ob ich die Option für ein Nein hätte.“, dachte sich Andrew, beschränkte sich aber auf eine einladende Geste. Moore versuchte, die Münze aufzunehmen, wie man es normalerweise mit einer Münze macht: Er versuchte, einen Fingernagel darunterzuschieben und sie damit anzuheben, was misslang. Andrew verfolgte den Versuch mit einiger Erheiterung, immerhin das wollte er sich nun doch gönnen, nach all dieser Schikane in der vergangenen halben Stunde.

Moore lernte schnell, dass es so nicht ging und schob die Münze mit der rechten Hand umständlich zur Tischkante, wo er sie schließlich in seine linke hinein bugsierte. Mit erstaunter Miene wog er die Metallscheibe in der Hand. „Ganz schön schwer. Ich wusste das ja eigentlich, aber es ist trotzdem erstaunlich, angesichts der Größe.“, murmelte er, halb zu sich selbst. „Apropos Wissen: Woher haben Sie eigentlich Ihre Informationen?“, fragte Andrew unvermittelt. Der RDML fühlte sich augenblicklich unbehaglich. Da saß er in der Küche eines vermutlich völlig unbescholtenen Landsmannes, trank dessen hervorragenden Tee, blickte ihm in die Augen und musste ihm im Prinzip gestehen, dass er sozusagen „an der Tür gelauscht“ hatte. „Wie Sie meinem Ausweis vermutlich entnommen haben, arbeite ich gegenwärtig für eine Behörde, deren Aufgabe es ist, Informationen, die von nationalem Interesse sind, zu wissen. Das bedeutet im Klartext: zu besorgen, auch mit umstrittenen Mitteln.“ „Aha.“, antwortete Andrew vielsagend. „Unter uns gesagt, mir gefällt das selbst nicht immer besonders.“, gab der RDML zu und wandte sich an die zwei Elitesoldaten: „Das bleibt hier im Raum. Ist das klar?“ Die beiden Ex-SAS-Leute nickten stumm. „Und was passiert nun?“, fragte Andrew. Der RDML griff in eine Aktenmappe, die er die ganze Zeit bei sich getragen hatte, und entnahm ihm einige Papiere, die er auf den Küchentisch legte.

„Was ist das?“, fragte Andrew. „Damit bestätigen Sie, dass die Münze Ihr Eigentum ist und dass sie diese freiwillig dem Vereinigten Königreich zu Forschungszwecken auf unbestimmte Zeit sozusagen ausborgen.“ Andrew musste lachen und hätte fast seinen Tee auf den Rear Admiral geprustet. „Was?“, brachte er hervor. „Nun. Das Vereinigte Königreich wird Sie nicht bestehlen. Das Objekt ist Ihr Eigentum. Soweit wir wissen, haben Sie es auf Ihrem Grund und Boden gefunden. Dennoch ist es von großem wissenschaftlichen, eventuell militärischem oder wirtschaftlichem Interesse für Ihr Land. Daher rate ich Ihnen: Unterschreiben Sie diese Papiere.“ „Lassen Sie mich sonst von Ihren Wachhunden erschießen?“, konterte Andrew. „Ich überlege noch.“, entgegnete der RDML mit einem schiefen Grinsen, wurde dann aber ernst und erklärte „Hören Sie bitte. Ich halte Sie für einen vernünftigen Burschen, der nichts verbrochen hat. Aber das könnte der eine oder andere Bürokrat anders sehen. Sie haben da etwas Außergewöhnliches gefunden, da bin ich sicher, dass Ihnen das mittlerweile klar ist. Etwas, dass für Ihr Land von Interesse ist, etwas, was auch den falschen Leuten in die Hände fallen könnte. Sie haben nicht die Mittel, das zu verhindern. Aber Sie wollten es für sich behalten. Damit können Sie sich Schwierigkeiten einhandeln. Wenn es nach mir geht, muss das aber nicht sein.“ „Wollen Sie mir drohen?“, fragte Andrew. „Nein, ich will Sie schützen. Es ist ganz einfach so: Das Vereinigte Königreich wird sich Ihre Münze so oder so holen. Sehen Sie das bitte ganz sachlich. Nur kann das für Sie einigermaßen gut oder schlecht ausgehen. Wenn Sie kooperieren und mir das Objekt überlassen, wird kein Hahn mehr danach krähen, was vorher war. Aber wenn in meinem Bericht steht, dass Sie Schwierigkeiten gemacht haben – dann kann ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass Sie ungeschoren davon kommen.“

Andrew dachte nach. „Werde ich denn die Münze jemals wiedersehen, wenn das Vereinigte Königreich sie erst einmal in den Fingern hat? Und werde ich, wenn hinter verrammelten und streng bewachten Türen erforscht wird, welche Geheimnisse sie noch in sich birgt, jemals mehr über ihre Eigenschaften und Herkunft erfahren?“, fragte Andrew. „Das kann ich Ihnen nicht versprechen.“, antwortete Moore ehrlich. Aber Sie sind der Eigentümer, das ist verbrieft, sobald Sie hier unterschreiben. Ich habe meinen Eid geleistet, diesem Land zu dienen. Die Interessen des Landes werden von seiner jeweiligen Regierung vertreten. Wie diese entscheidet, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass ich meine Mittel und Beziehungen nutzen werde, um auf dem Laufenden in dieser Sache zu bleiben und dass ich versuchen werde, auch Ihre Interessen im Spiel zu behalten. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, Sie an den Erkenntnissen, die wir zu gewinnen hoffen, teilhaben zu lassen, werde ich Sie es wissen lassen.“

Andrew sah dem RDML in die Augen und erkannte, dass er es mit einem Gentleman alter Schule zu tun hatte, unabhängig davon, dass er zur Zeit bei einer umstrittenen Behörde arbeitete. Schließlich nahm er den altmodischen Füllfederhalter, den Moore zu den Papieren auf den Tisch gelegt hatte, und unterzeichnete unbesehen das Dokument. Der Rear Admiral unterzeichnete die Papiere ebenfalls, dann bat er die beiden Ex-SAS-Leute, ebenfalls als Zeugen zu unterzeichnen. „Gut.“, sagte er und blickte auf. „Das wäre geklärt. Würden Sie mir noch die Ehre erweisen, mir einmal genau zu erzählen, wie Sie eigentlich das Objekt gefunden haben? Darüber habe ich nur unvollständige Informationen, demnach haben Sie die Münze hier in Ihrem Haus gefunden?“

Andrew erzählte Moore die komplette Geschichte und ließ diesmal absolut nichts aus. Er berichtete, wie der Rauchmelder ihn geweckt hatte und wie er den brennenden Pfosten im Erdgeschoss gelöscht hatte. Dann führte er den RDML, natürlich begleitet von den beiden Elitesoldaten, auf seinen Dachboden und nahm den Teppichrest von der Stelle, wo die Münze die Decke durchschlagen hatte. Zuletzt zeigte er ihm die verkohlten Überreste des Treppenpfostens, die immer noch auf seiner Werkbank im Anbau lagen. „Darf ich das auch mitnehmen?“, fragte der RDML. „Als ob ich eine Wahl hätte.“, antwortete Andrew, grinste aber dabei. „Nun, man wird ja wohl trotzdem einmal höflich fragen dürfen.“, schmunzelte der RDML und dachte „Wer weiß, unter anderen Umständen könnten wir vielleicht Freunde werden.“

Schließlich war alles beredet und geklärt. Andrew warf noch einen letzten Blick auf die Münze und fragte sich etwas wehmütig, ob er wohl jemals mehr über sie erfahren und ob er sie jemals wiedersehen würde. Er war sich sicher, dass Moore Wort halten würde, aber nicht, ob das ausreichte. Der RDML nahm die Münze und steckte sie in seine Aktenmappe. Er würde sie wie seinen Augapfel hüten, dessen war sich Andrew sicher. Auch die beiden ehemaligen SAS-Leute strafften sich, Andrew sah an ihrer Körperhaltung, dass ihnen klar war, dass sie nun auf etwas Einzigartiges acht zu geben hatten.

Andrew und Rear Admiral Moore gaben sich zum Abschied die Hand. „Sie hören von mir, egal, was ich Ihnen dann sagen kann oder auch nicht.“, versprach der RDML. Die vor dem Haus postierten Männer waren zuvor von ihren Kollegen im Haus per Funk informiert worden, dass das Abrücken bevorstand. Diese hatten den Stützpunkt informiert, so dass die drei Landrover Defender bereits warteten, als Moore und seine Eskorte vor dem Haus auftauchten. Die Männer stiegen ein, die Landrover wendeten und fuhren zurück zur Air Force Base, wo der Sea King – Helikopter auf sie wartete. Auch die Polizeieinheit rückte ab. Andrew blieb allein und ohne die Münze zurück.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 31

Andrew hatte gerade Mr. Jameson abgesetzt und bog von der Sunnyvale Road rechts in den Lighthouse Hill ab. Er dachte nach. Was hatte die Reise nach Cambridge jetzt eigentlich erbracht? Nicht viel eigentlich. Nun ja, sie hatte immerhin seinen Verdacht, dass seine Münze nicht nur ungewöhnlich, sondern einzigartig war, sehr erhärtet. Vielleicht würde er das Geheimnis der Münze selbst mit der Hilfe aller Experten und Technologien dieser Welt nie ganz entschlüsseln können. Vielleicht musste er das auch gar nicht, vielleicht war einfach der Weg das Ziel, sagte er sich. Interessant war der Besuch in Cambridge auf jeden Fall gewesen.

Als er sich seinem Zuhause näherte, ging – zuerst in seinem Unterbewusstsein – ein kleines Alarmlicht an. Irgendetwas war hier anders, vielleicht sogar gefährlich, meldete sein Instinkt. Sekundenbruchteile später war Andrews Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was hier anders als sonst war: Hier parkten einfach ungewöhnlich viele Autos! Für einen Moment hob sich zögernd Andrews Fuß etwas vom Gaspedal. Die Kennzeichen der Autos war lokal oder regional, es waren Allerweltsautos, weder besonders neu, noch besonders alt, weder besonders teuer noch besonders preiswert, es waren Rover oder Vauxhalls in dunklen Blau- oder Grüntönen. Nun, wahrscheinlich feierte einer seiner Nachbarn einfach eine Party, und der Fuhrpark gehörte seinen Gästen, dachte Andrew, als er wieder Gas gab und seinen Wagen in seine Auffahrt lenkte. Vielleicht war das Auffällige an der Ansammlung der geparkten Fahrzeuge, dass sie allesamt so verdammt unauffällig waren, aber diese Information aus der Tiefe seines Instinkts erreicht Andrews Bewusstsein nicht mehr rechtzeitig.

Denn in dem Moment, als Andrew den Motor abstellte, setzten sich zwei der unauffälligen Autos in Bewegung, und plötzlich war seine ganze Auffahrt voller Männer, die auf ihn zukamen. Natürlich bekam Andrew erst einmal einen gehörigen Schrecken, denn wirklich mit so etwas gerechnet hatte er trotz der leisten Warnungen aus dem Unterbewusstsein nicht. Er sah in den Rückspiegel. Von hinten näherten sich mehr als zehn Männer, dunkel gekleidet. Wie es aussah, trugen sie schusssichere Westen und hatten Maschinenpistolen umgehängt! Was war nur los? Natürlich, wenn nicht zufällig gerade jetzt irgendjemand ihn fälschlicherweise als gesuchten Verbrecher oder potentiellen Terroristen identifiziert hatte, konnte es nur mit der Münze zusammenhängen! Offenbar war sein Geheimnis kein Geheimnis mehr!

An Flucht war nicht zu denken. Dazu müsste er den Rückwärtsgang einlegen, die Männer die sich von hinten näherten, über den Haufen fahren und die Blockade der zwei Autos vor seiner Einfahrt durchbrechen. Dazu müsste er in Kauf nehmen, dass Menschen verletzt oder getötet wurden, und außerdem war die Aussicht auf Erfolg äußerst gering. Womöglich würden die Männer von ihren Schusswaffen Gebrauch machen. Und selbst, wenn er entkam – was dann? Ein Leben auf der Flucht? Andrew war sich klar, dass er kein Elitesoldat, kein Geheimagent, kein Kinoheld war, der so etwas erfolgreich und bei guter Gesundheit durchstehen konnte. Er war nicht mehr jung und hatte ein kaputtes Bein. Keine Chance jenseits einer Kinoleinwand oder den Buchseiten eines Romans.

Ein Polizist, dem Kragenspiegel nach im Rang eines Sergeants, klopfte an die Seitenscheibe auf der Fahrerseite und bedeutete Andrew, die Scheibe herunterzufahren. Nun dann. Andrew betätigte die entsprechende Taste und ließ die Scheibe herunterfahren. „Bitte zeigen Sie mir Ihre Hände.“, ermunterte ihn der Polizist, und Andrew tat wie geheißen. „In Ordnung. Bitte steigen Sie aus.“, wies ihn der Sergeant höflich, aber bestimmt an. Andrew öffnete die Tür und stieg aus. Um ihn hatte sich ein Ring aus Polizisten und Männern, die vielleicht irgendeiner Spezialeinheit oder so etwas angehörten, gebildet. „Bitte heben Sie Ihre Hände über den Kopf, ich möchte sicherstellen, dass Sie keine Waffe tragen.“, kam die nächste Anweisung vom Sergeant. „Wie im Film, mit wem glauben die, es zu tun zu haben?“, dachte Andrew, leistete aber wortlos Folge. Der Sergeant klopfte ihn sorgfältig ab, fand – natürlich – nichts, wovon Gefahr ausging, und sagte zufrieden „In Ordnung, Mr. Summers. Sie können die Hände wieder runternehmen.“

Ein Mann mit grauen Schläfen, etwa in seinem Alter, wie Andrew schätzte, kam auf ihn zu und streckte die Hand aus. „Guten Tag, Mr. Summers. Ich bin Rear Admiral Moore und bitte, unseren dramatischen Auftritt zu verzeihen.“ Andrew zögerte kurz, gab dem angeblichen Rear Admiral dann aber die Hand und fragte „Können Sie sich ausweisen?“. Der RDML verkniff sich ein Schmunzeln, griff in die Tasche und holte seinen Dienstausweis hervor. Andrew studierte das Papier, welches vom GCHQ ausgestellt war. Das Government Communications Headquarters. Davon hatte Andrew vor drei Jahren in einem Magazin im Zusammenhang mit der NSA-Affäre um Edward Snowden gelesen. „Okay, ich habe jetzt eine gewissen Ahnung, wer Sie sind, was Sie hier wollen und woher Sie Ihre Informationen haben.“, sagte Andrew, der langsam Wut in sich aufsteigen fühlte. Was gab diesem Menschen das Recht, seine private Kommunikation zu bespitzeln, mit einer halben Armee auf seinem Grund und Boden aufzutauchen und auf so unverschämte Weise zu konfrontieren?

Offenbar hatte der Marineoffizier ihm seine sich langsam bahnbrechende Wut im Gesicht abgelesen, denn er sagte beschwichtigend „Mr. Summers, es tut mir leid, dass wir hier so uneingeladen aufgetaucht sind und auch für die Art und Weise.“ „Wer glauben Sie eigentlich, wer ich bin, dass Sie hier mit dieser schwerbewaffneten Elitetruppe auflaufen? Sie haben mir einen Heidenschreck eingejagt!“, platzte es aus Andrew heraus. „Das verstehe ich natürlich, aber ich bitte Sie, auch uns zu verstehen. Wir haben, nun ja, unseren Befugnissen entsprechend, eine Information abgefangen, nach der Sie ein Objekt besitzen, welches von Interesse der nationalen Sicherheit sein könnte. Es könnte, in den falschen Händen, dem Vereinigten Königreich möglicherweise Schaden zufügen. In solchen Fällen, selbst wenn wir nur auf Basis von Vermutungen handeln, gehen wir kein Risiko ein uns sichern uns gegen Eventualitäten ab.“, erklärte der RDML. „Was für Eventualitäten? Dass ich insgeheim James Bond bin und Sie alle niedermache?“, schäumte Andrew.

„Hören Sie, Sir, mehr als meine Entschuldigung kann ich Ihnen nicht anbieten. Das kostet doch nur unser aller Zeit hier. Sagen Sie, haben Sie das Objekt bei sich?“ Andrew überlegte. Die Münze steckte in seiner in der Außentasche seines Reisegepäcks, das sich noch im Kofferraum des Vauxhalls befand. Vielleicht könnte er… mechanisch griff er in seine Jackentasche. Einer Art martialischer Choreographie folgend griffen 12 Hände umstehender Marinesoldaten an ihre Maschinenpistolen. Der RDML hob beschwichtigend eine Hand, woraufhin niemand eine Waffe zog. Dennoch blieben die Mitglieder des Security-Team wachsam. Andrew zog die Hand aus seiner Tasche. Auf der Handfläche lag die Kopie aus dem 3D-Drucker, die Professor MacIntyre ihm überlassen hatte.

Der RDML schmunzelte innerlich. Ganz schön dreist von diesem Mr. Summers! Er griff seinerseits in die Manteltasche und zog seinen eigenen 3D-Ausdruck hervor. „Bemühen Sie sich nicht, Mr. Summers, so etwas habe ich selbst. Ich möchte gerne viel lieber das Original sehen.“ Andrew zögerte nur kurz. „Nun, was halten Sie davon, wenn wir das drinnen bei einer Tasse Tee wie unter zivilisierten Leuten klären? Ich habe eine lange Autofahrt und einen ziemlichen Schreck hinter mir und würde das definitiv lieber in einem etwas angenehmeren Ambiente besprechen. Sie können ihre Wachhunde ja mitnehmen, damit die auf mich aufpassen.“ Moore überlegte nur kurz. „Okay. Gehen wir rein.“

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 30

Danach ging alles sehr schnell. Keine 20 Minuten, nachdem der Rear Admiral „los!“ gesagt hatte, stand ein Hubschrauber vom Typ S-61 Sea King mit laufenden Rotoren auf dem Helipad. Das schwer bewaffnete Team, das vor dem startbereiten Drehflügler angetreten war, bestand zum Teil aus jungen Marineinfanteristen, zum Teil als älteren Ex-SAS-Mitgliedern, die sich für die Elitetruppe der ersten Liga schon zu alt, für den Ruhestand aber noch zu jung fühlten. Eben als der Rear Admiral und der Lieutenant Commander den Heli erreichte, brüllte der Chief „Aufsitzen, Jungs! In der Luft in zwei Minuten!“. Die Männer kletterten durch die breite Schiebetür in den Hubschrauber, schnallten sich auf ihren Sitzen an und setzten ihre Kopfhörer auf. Der RDML und der LtCdr taten es ihnen nach. Noch während sie sich anschnallten, schloss der Lademeister die Tür, und die beiden Turbinen heulten auf. Wenige Momente später erhob sich der große Hubschrauber in die Luft und drehte nach Südwesten ab.

Der Flug mit 120 Knoten Reisegeschwindigkeit dauerte nur eine knappe Stunde. LtCdr Chevalier hatte die Zeit genutzt, um mit den Verantwortlichen der Air Base und der Polizei in Portreath zu telefonieren. „Wir landen am südlichen Ende von Runway 06. Dort werde wir von drei Fahrzeugen, die zum Stützpunkt gehören, abgeholt und fahren direkt zur Behausung von Mr. Summers. Praktischerweise liegt diese am Lighthouse Hill, keine Meile von unserem Landeplatz entfernt – die Fahrt dauert also nur wenige Minuten.“, hörte Moore den jungen LtCdr in seinen Kopfhörern. Zur Antwort reckte er nur kurz den Daumen nach oben. „Die Polizei wird mit vier Fahrzeugen und 20 Mann vor Ort sein, alles in Zivil. Außerdem wird sie als Straßenarbeiter getarnte Beamte am Ortseingang positionieren, die sich über Funk melden, wenn das Fahrzeug von Mr. Summers sich nähert. Modell, Farbe und Nummernschild haben die inzwischen recherchiert.“ Der RDML war zufrieden. Genau so hatte er sich das vorgestellt.

Schließlich kam die Air Force Base Portreath in Sicht und der Pilot setzte die Maschine butterweich bald darauf kurz vor der „06“ am südwestlichen Ende der Landbahn auf. Drei Landrover Defender standen schon bereit. Außerdem wurden sie sowohl vom diensthabenden Offizier des Stützpunktes als auch vom Polizeichef erwartet. Während das Security-Team sich bereits auf die bereitstehenden Geländefahrzeuge verteilte, machten der RDML und der LtCdr sich mit den beiden Verantwortlichen der beiden sie unterstützenden Institutionen bekannt, bedankten sich kurz für die Hilfe und erkundigten sich nach der Situation vor Ort. Dann stiegen die beiden Militärs in vorderen der drei Landrover, und die kurze Fahrt zu Mr. Summers Haus begann.

Nach ein paar Minuten erreichten sie Mr. Summers Wohnstatt. Die Männer stiegen aus, die Landrover wendeten und fuhren zurück zum Stützpunkt. An der Straße standen ein paar Autos, die wahrscheinlich zur Polizeieinsatztruppe gehörten, weil sie an den vorgesehenen Stellen parkten. Ansonsten waren sie nicht als Polizeifahrzeuge zu erkennen. Plötzlich regte sich etwas in den Büschen, und ein dunkel gekleideter Mann kam zum Vorschein. Er stellte sich als Einsatzleiter vor, bisher sei alles ruhig, und man erwarte noch die Meldung von den am Ortseingang stationierten Männern. Das Security-Team und die beiden Offiziere suchten sich ebenfalls geeignete Verstecke.

Schließlich knisterte es kurz in den Ohrhörern der Polizisten, und die erwartete Meldung vom Ortseingang traf ein: Das gesuchte Fahrzeug habe soeben mit moderater Geschwindigkeit die Ortsgrenze in Richtung Ortskern überquert. Jetzt kam Bewegung in die Militärs, das Security-Team begab sich in volle Deckung, und auch Moore und Chevalier versteckten sich im Gebüsch. Jetzt hieß es abwarten.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 29

Das Telefon klingelte. Professor MacIntyre nahm ab, meldete sich und wäre fast aus allen Wolken gefallen, als seine Sekretärin ihm sagte, sie habe einen Rear Admiral Moore in der Leitung. Für den Fall, dass er nicht gewillt sein sollte, den Anruf entgegenzunehmen solle sie ihm die Schlüsselwörter „Münze“, „350 g/cm3“ und „ magnetische Suszeptibilität von -1“ nennen und schöne Grüße von Mr. Miles, Mr. Jameson und Mr. Summers bestellen. „Stellen Sie durch.“, stammelte MacIntyre nach einer kurzen Pause. Was zum Teufel war los? „Guten Tag, Professor MacIntyre.“, meldete sich eine sonore Stimme. „Lassen Sie uns bitte nicht um den heißen Brei herumreden. Sie haben gestern und heute ein Objekt untersucht, welches außergewöhnliche Materialeigenschaften aufweist. Es hat eine Dichte, die mehr als zehnmal größer ist als die von Osmium, ist supraleitend und ein idealer Diamagnet bei Raumtemperatur. Sie selbst sind zu dem Schluss gekommen, dass so etwas fast unmöglich hergestellt worden sein, kann, und doch ist es hier.“ Professor MacIntyre schluckte. Wie konnte der angebliche Rear Admiral das so schnell herausgefunden haben? „Ich komme gleich zur Sache. Sie fragen sich natürlich jetzt in diesem Moment, woher ich diese Informationen habe. Ich sage nur soviel, dass ich für eine Behörde arbeite, deren Aufgabe es ist, Informationen von nationalem Interesse zu sammeln und die über sowohl Befugnisse, als auch Mittel und Wege verfügt, an solche Informationen zu gelangen. Und die Informationen, über die Sie und ich verfügen, sind eventuell nicht nur im nationalen Interesse, sondern sogar im Interesse der nationalen Sicherheit. Das wiederum gibt uns die Befugnis, Ihnen – ich sage mal – einige Unanehmlichkeiten zu bereiten für den Fall, dass Sie nicht kooperieren. Habe ich mich da klar ausgedrückt?“ Der Professor schluckte. Konnte es ein Streich seiner Studenten sein? Aber wie konnten die soviel wissen? Und selbst wenn – würden die soweit gehen, ihren Studienplatz zu gefährden, indem sie Drohungen gegen einen ihrer Professoren ausstießen? Und andererseits… es gab ja wirklich staatliche Programme, die alles und jeden überwachten, soviel wußte man ja spätestens, seitdem Edward Snowden ausgepackt hatte.

Dem angeblichen Rear Admiral Moore wurde die Pause zu lang. „Hören Sie: Ich habe nicht die Zeit, persönlich bei Ihnen vorstellig zu werden, und glauben Sie mir: Das wollen Sie auch gar nicht. Es gibt nur eine Sache, die ich wissen will: Wo ist das fragliche Objekt jetzt? Wenn Sie mir das jetzt sofort sagen, sind Sie mich los. Was haben Sie schon zu verlieren?“ Ein weiterer Moment verstrich. Der Professor entschied sich. „Nach meinem Kenntnisstand befindet sich das Objekt nach wie vor im Besitz von Mr. Summers, und der befindet sich nach meinem Wissen gerade auf dem Rückweg nach Portreath in Cornwall.“ „In Ordnung. Vielen Dank für Ihre Kooperation. Ich habe Ihnen vielleicht ein wenig zu viel versprochen, als ich sagte, Sie sein mich los. Da Sie als anerkannte Kapazität im Bereich der Festkörperphysik und der Hochenergiephysik gelten – und ohnehin Kenntnis von der Sache haben – wäre es gut möglich, dass ich noch einmal auf Sie zurückkomme. Im Moment aber war’s das. Ach, eins noch: Ich empfehle Ihnen, Ihren Büro-PC einmal von Ihrer IT überprüfen zu lassen. Auf Wiederhören.“ Es klickte in der Leitung. Professor MacIntyre starrte den Hörer in seiner Hand noch ungefähr zwei Minuten lang ungläubig an, bevor er ihn mit zitternden Fingern auflegte.

„Hören Sie gut zu, mein Junge.“, wandte sich Rear Admiral Moore dem Lieutenant Commander zu, nachdem er aufgelegt hatte. „Sie scheinen ein heller Kopf zu sein, und ich ernenne Sie ab sofort zu meinem persönlichen Assistenten in dieser Angelegenheit. Wie ist überhaupt Ihr Name?“ „James Chevalier.“, antwortete der LtCdr. „Franzose?“, entfuhr es dem RDML. „Meine Großeltern sind Franzosen.“, antwortete Chevalier. Der Admiral unterdrückte mühsam einen Fluch und murmelte ein „Teufelsraketenverkaufende Reptilienfresser!“ in sich hinein. „Sir?“, fragte der LtCdr. „Ach, lassen Sie es gut sein. Ich hatte nur vor ein paar Jahrzehnten eine sehr unangenehme Begegnung mit einer Exocet-Rakete.“ Der LtCdr. schien zum ersten Mal ein wenig aus der Fassung. „Sie haben auf der ‚Sheffield‘ gedient? Oder war es die ‚Coventry‘?“ „Die ‚HMS Sheffield‘, mein Junge. Die ‚Coventry‘, unser Schwesterschiff, fiel einer Bombe zum Opfer, die von einer A4 abgeworfen wurde. Beides hat unser guter Freund, Uncle Sam, den Argentinieren verkauft. Aber so ist das eben im internationalen Waffenhandel: Wenn das große Geld winkt und Arbeitsplätze gesichert werden können, kennt man keine Freunde.“ Chevalier machte für einen kurzen Moment große Augen, kehrte aber dann zu seinem professionellen, aufmerksamen und ansonsten wenig sagenden Gesichtsausdruck zurück.

„Okay, keine Zeit zu verlieren. Wir spielen das so: Organisieren Sie einen S-61 und ein Security-Team. Splitterschutzwesten, MP7, volles Programm.“ „Schießen wir da nicht mit Kanonen auf Spatzen, Sir?“, fragte Chevalier. „Vermutlich. Aber erstens möchte ich diesen Mr. Summers von vorne herein einschüchtern, zweitens habe ich den Eindruck, die Sache könnte zu wichtig sein, um irgendwas dem Zufall zu überlassen, und drittens – wir können das machen, also warum nicht? Die Jungs können ein wenig Auslauf immer mal gebrauchen. Ferner rufen Sie bei der örtlichen Polizei an. Die sollen uns unterstützen, indem sie für die Absperrung sorgen. Wir und das Team fliegen mit dem Sea King zur Air Force Base Portreath und fahren von dort zu Mr. Summers Wohnstatt. Ich schätze, dass uns noch etwa zwei Stunden Zeit bleiben, um vor ihm dort anzukommen, das können wir schaffen.“ Der LtCdr machte eifrig Notizen, während Moore etwas in seinen PC eingab und den Monitor so drehte, das Chevalier ihn sehen konnte. „Hier gibt es reichlich Vegetation, also reichlich Verstecke. Die Polizei soll ihre Autos dort und dort hinstellen und wir positionieren uns hier.“ – Moore deutete auf die entsprechenden Stellen. Chevalier nickte anerkennend. Wenn es dort wirklich so aussah wie auf den Satellitenbildern und sie es richtig anstellten, würde Summers sie erst entdecken, wenn es zu spät zur Flucht war, falls er das beabsichtigen sollte. „Okay. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Regeln Sie das, und dann geht es los!“, verfügte der Rear Admiral. Wenigstens für eine Weile würde er seinem Schreibtisch entkommen, auch wenn es nur für eine Weile war und obwohl das Operationsgebiet ziemlich trocken für seinen Geschmack war. Er fühlte sich energiegeladen und voller Tatendrang wie schon seit Jahren nicht mehr.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 28

Der LtCdr seufzte. „Dazu muss ich leider etwas weiter ausholen.“ „Dann holen Sie aus.“, ermunterte der RDML. So langsam schien die Sache doch interessant zu werden. Wenn er sich selbst gegenüber ganz ehrlich war, so war er sich nicht sicher, ob er wirklich hinter seiner gegenwärtigen Aufgabe stand. Sein Land stand zur Zeit wieder einmal der sehr realen Bedrohung des Terrorismus gegenüber. Diesmal war es nicht die IRA, wie seinerzeit, als er noch zur See fuhr, aber das Ergebnis war immer dasselbe – tote und verletzte Landsleute. Aber die Terroristen waren nicht dumm und wussten genau, dass alle elektronische Kommunikation überwacht wurde, und die brauchte man auch gar nicht, um einen Lieferwagen zu stehlen und damit in eine Menschenmenge zu fahren oder um wahllos in einem Einkaufszentrum mit einem Küchenmesser auf Kunden einzustechen. Auf der anderen Seite bespitzelten er und sein Team hier seine eigenen Landsleute – selbst seine eigene Familie. Seine Frau und seine Kinder nutzten von Telefon und E-Mail über Facebook und Whatsapp die gesamte Palette der elektronischen Kommunikationskanäle. Auch ihnen war klar, dass ihr eigenes Land – und die USA und die Großkonzerne der Welt und wer weiß wer noch alles – ihnen dabei über die Schulter guckte. Aber es war ihnen fast egal. Allerdings wussten sie nicht, dass ihr eigener Ehemann bzw. Vater dazu gehörte. Zum Glück war seine Tätigkeit hoch geheim, selbst wenn er wollte, hätte er seine Familie gar nicht aufklären dürfen.

„Wir haben die Kommunikationsprotokolle von Professor MacIntyre überprüft.“, riss die Stimme des LtCdr Moore aus seinen Gedanken. „Er hat einen Mr. Miles und zwei Begleiter gestern zu sich ins Institut eingeladen. Die ersten Versuchsergebnisse des Professors sind von gestern, es sieht also danach aus, als ob die vier die Tests zusammen durchgeführt hätten. Darauf deutet ebenfalls eine Whatsapp-Dialog zwischen Mr. Saunders und Mr. Lewis von gestern hin.“ „Und weiter?“, drängte der RDML, als eine kurze Pause entstand. „Wir folgten der elektronischen Spur der E-Mail zu Mr. Miles und prüften dessen E-Mails, um Erkenntnisse über die beiden anderen Begleiter zu erhalten. Von Mr. Miles führte die Spur zu einem Mr. Jameson, einem Numismatiker aus Portreath in Cornwall.“ „Einem was?“, unterbrach der RDML. „Einem Fachmann für Münzen. Dem Inhalt des E-Mail-Verkehrs zwischen ihm und Mr. Miles, der ebenfalls Numismatiker ist, zufolge, traf man eine Vereinbarung, um eine seltsame Münze in Cambridge untersuchen zu lassen.“ „Ich vermute, dabei handelt es sich um das metallische Äquivalent meines ‚Pokerchips‘ hier?“, fragte Moore. „Stark anzunehmen. Da noch eine weitere Person involviert war, checkten wir natürlich als nächstes die E-Mails von Mr. Jameson. Wir fanden nichts, was mit der Sache direkt zu tun zu haben schien.“, berichtete der LtCdr. „Haben wir damit nichts über die Identität des dritten Mannes?“, fragte der RDML enttäuscht. „Doch, haben wir. Da wir nichts Konkretes gefunden haben, folgten wir einer E-Mail die nichts enthielt, als eine dringend klingende Bitte nach einem Anruf, gerichtet an einen Mr. Summers, ebenfalls ansässig in Portreath. Also prüften wir die Anrufprotokolle von Mr. Jameson, fanden eine Nummer, die zu einem der beiden in Portreath wohnenden Mr. Summers passte, und besorgten uns das Transkript des Gesprächs.“

„Die Zusammenfassung, bitte.“, bat der RDML. „Zuerst ging es um eine mögliche Gefahr, etwa durch Radioaktivität, die von einem Gegenstand, der als ‚Objekt‘ und auch als ‚Münze‘ bezeichnet wurde, ausgehen könnte. Schließlich erzählte Mr. Jameson von einem Kontakt zu Professor MacIntyre, den sein Kollege Mr. Miles herstellen könne. Man einigte sich darauf, den Besuch in Cambridge zu arrangieren, um ‚das Objekt‘ dort vom Professor analysieren zu lassen. Was dann ja offensichtlich auch gestern und heute passiert ist.“, schloss der LtCdr. „Ich danke für Ihren Bericht. Bleibt die entscheidende Frage: Wo ist ‚das Object‘ jetzt?“. „Das wissen wir nicht mit Sicherheit, Sir. Da es sich, allen E-Mails, die wir geprüft haben, zufolge, in Mr. Summers‘ Besitz befindet, nehme ich an, dass er es nach wie vor bei sich hat. Es sei denn, er hat es Professor MacIntyre zu weiteren Untersuchungen überlassen.“ „Und wo ist Mr. Summers jetzt?“, wollte der RDML wissen. „Wir haben den Kommunikationsprotokollen entnommen, dass er in einem Hotel in Cambridge zusammen mit den beiden anderen Herren untergekommen ist. Wir haben dort bereits angerufen. Demnach hätte Mr. Summers sich um die Buchung für drei Zimmer gekümmert, sei gestern mit dem Auto in Begleitung eines der Herren angereist und heute wieder abgereist.“ „Der andere Herr wird wohl Mr. Jameson sein, der ebenfalls in Portreath ansässig ist, richtig?“ „Davon gehe ich auch aus, Sir. Es ist eine weite Fahrt nach Cornwall. Da sie vor etwas zwei Stunden abgereist sind, werden sie wohl noch drei bis vier Stunden Fahrt vor sich haben.“ Nachdenklich drehte Rear Admiral Moore seinen Kunststoff-Kopie der Münze, die er ‚den Pokerchip‘ nannte, in seiner Hand. „Dann schlage ich vor, dass wir dem Herrn einen Besuch abstatten. Aber vorher telefonieren wir noch mit Professor MacIntyre.“

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 27

Der junge LtCdr legte einen Computerausdruck auf den Tisch. Unterhalb von einem Kauderwelsch von IP-Nummern und anderem, für Moore völlig unverständlichem Zeug stand da folgendes zu lesen:

Joseph Saunders: Kritische Information angekommen! Sensationelle Ergebnisse! triumph
Daniel Lewis: Rück schon rüber, Mann! raised eyebrow
Joseph Saunders: Halt Dich fest! Das Ding hat eine Dichte von über 350 g/cm3, ist bei Raumtemperatur supraleitend und demzufolge auch ein idealer Diamagnet mit einer magnetischen Suszeptibilität von -1!
Daniel Lewis: Das bedeutet... volle Granate Meißner-Ochsfeld-Effekt, ohne dass man ständig flüssigen Stickstoff rüberschütten muss. heart eyes Ernsthaft? Verarsch mich nicht!
Joseph Saunders: Kein Scheiß!
Daniel Lewis: Kraaaaass!!! open mount
Joseph Saunders: Was man mit so einem Material alles anstellen kann! Magnetschwebezüge zum Beispiel.
Daniel Lewis: Ja... aber stell Dir mal vor, wenn das den Militärs in die Hände fällt...
Joseph Saunders: Oh. Ja. Da gäbe es einige Anwendungen... Vielleicht kommt das Ding ja aus dem militärischen Bereich? raised eyebrow
Daniel Lewis: Blödsinn. Sowas kann man nicht herstellen. Das Ding ist nicht aus unserer Welt! open mount
Joseph Saunders: Ja, das dachte ich auch schon. Und dann fragte ich mich, ob ich nicht doch zu viel Science-Fiction konsummiere.
Daniel Lewis: Wie sieht es denn mit den atomaren Eigenschaften aus?
Joseph Saunders: Über den Aufbau der Nukleonen habe ich keine Daten. Das ist wohl auch kaum ausreichend bisher untersucht worden mit der Ausrüstung in unseren Labors. Ich hab nur ein komisches Bild vom Hitachi-Mikroskop - nur eine schwarze Fläche. Sieht eher nach Fehlfunktion aus, aber ProMac hat es abgespeichert. Ansonsten weiß ich nur, dass das Broers-Gebäude nicht evakuiert wurde, nachdem ich dem Prof den Geigerzähler gebracht hatte.
Daniel Lewis: Und jetzt?
Joseph Saunders: Keine Ahnung. Ich kann nur hoffen, dass ProMac die Sache weiterverfolgt und weiter brav alles in seinen Computer eingibt. wink

„Wegen diesem Blödsinn kommen Sie zur mir? Zwei Jungs, die offenbar ihre Teenagerjahre noch nicht ganz abstreift haben, und mit kleinen Smileys auf ihren Handys rumspielen?“, polterte Rear Admiral Moore. „Sir, es gibt gute Gründe dafür, dass ich Sie aufgesucht habe. Der Smileylastige Dialog ist im Gesamtkontext zu betrachten.“ „Und der wäre?“, wollte Moore wissen. „Saunders und Lewis sind Physik-Doktoranden am Cavendish Laboratory in Cambridge. Saunders Mentor ist Professor MacIntyre, dessen Fachgebiete Festkörperphysik und Hochenergiephysik sind. Wie sie wissen, haben wir ein besonderes Auge auf diejenigen unserer Colleges, deren Entdeckungen von nationalem Interesse sein könnten. Bestimmte physikalische Fachgebiete gehören dazu. Unsere Analysesysteme sind so programmiert, in Netzwerken von Universitäten auf besondere Keywords zu reagieren. Dazu gehören beispielsweise physikalische Eigenschaften von Materialien, die ungewöhnlich sind.“, berichtete der Lieutenant Commander. „Langweilen Sie mich bitte nicht mit Details, erzählen Sie mir, warum mich das interessieren sollte.“, drängte der RDML.

„Saunders hat den Bürorechner seines Mentors gehackt und illegalerweise Informationen, die Professor MacIntyre dort gespeichert hat, abgefangen. Sehr klug ist er dabei nicht vorgegangen, er hat die Daten zwar verschlüsselt an einen Server geschickt, von dort aber unverschlüsselt heruntergeladen.“ „Bitte keine Details, wer wie an welche Daten gekommen ist. Worum handelt es sich bei den Daten?“, hakte der RDML nach. „Es sind Versuchsergebnisse. Der Professor hat ein Objekt auf seine physikalischen Eigenschaften hin untersucht, und die sind absolut außergewöhnlich. Einige der Werte, die er gemessen hat, widersprechen eigentlich allem, was die Wissenschaft heute zu wissen glaubt.“ „Was ist das für ein Objekt?“, wollte der RDML wissen. Der LtCdr griff in seine Jackettasche und holte eine Kunststoffscheibe hervor, die er dem Rear Admiral gab. Der blickte den Gegenstand in seiner Hand verständnislos an. „Nun, zu den Daten gehörten exakte, räumliche Maße, die es erlauben, mit einem 3D-Drucker ein Abbild zu erschaffen – natürlich aus Kunststoff, nicht aus dem Original-Material, aber man kann sich so besser verdeutlichen, worum es geht.“, beeilte sich der LtCdr zu erklären.

„Hm. Sieht aus wie ein Pokerchip. Oder, wenn ich es mir aus Metall vorstelle, wie eine Münze. Diese Insel, oder was immer das sein soll, kenne ich nicht.“ „Sir, der Punkt ist, dass es sich bei dem Original um einen Gegenstand mit außergewöhnlichen Materialeigenschaften handelt. Alleine die Dichte ist absolut fantastisch. Im Original wiegt der Gegenstand nämlich mehr als drei Kilogramm.“ „Oh. Ich glaube, ich verstehe langsam, worauf Sie hinauswollen.“, dachte der RDML laut. „Sir, wir haben auch die Notizen des Professors abgefangen. Er kommt zu dem Schluss, dass entweder jemand etwas Unmögliches gelungen ist und diesen Gegenstand irgendwie hergestellt hat, was er als ziemlich unwahrscheinlich ansieht. Alternativen sind ein Fund entweder in den Tiefen des Ozeans oder in tief in der Erdkruste bzw. noch tiefer. Oder, und das hat der Professor als wahrscheinlichste Möglichkeit notiert, ’nicht von diesem Planeten‘. Tja, ich weiß, das klingt fantastisch.“, trug der LtCdr weiter vor.

„Was für eine Reputation hat denn dieser seltsame Professor?“, fragte Moore. „Nun, er hat einen Lehrstuhl am Cavendish Laboratory in Cambridge. So was bekommt schon einmal nicht jeder, die Einrichtung ist nicht nur eine der renommiertesten Lehranstalten für Physik im Vereinigten Königreich, sondern weltweit. Sie hat diverse Nobelpreisträger hervorgebracht, und die Forschungen, die dort betrieben wurden, hat unser Wissen über das Wesen der Materie wesentlich vorangebracht. Und was den Professor selbst angeht, seine Veröffentlichungen in der Fachpresse genießen einen hervorragenden Ruf und er unterhält gute Beziehungen zu Kollegen und Forschungseinrichtungen in aller Welt, zum Stanford SLAC, dem DESY in Hamburg und natürlich zum CERN in der Schweiz, nur um einige zu nennen.“ „Was immer das alles sein mag. Sie meinen also, der Professor ist kein Wirrkopf mit überbordender Phantasie?“, fragte der RDML. „Ja, zu diesem Schluss bin ich nach meinen Recherchen gekommen.“ „Und wo hat er diesen merkwürdigen Pokerchip eigentlich her?“, fragt Moore.

Fortsetzung folgt

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Die Münze – Teil 26

Unbekannter Ort, irgendwo im Vereinigten Königreich, am selben Tag
Rear Admiral Moore saß an seinem Schreibtisch und las die aktuellen Erfahrungsberichte von der ersten Testfahrt der „HMS Queen Elizabeth II“. Der neue Flugzeugträger, der 2020 operationsbereit sein sollte, interessierte ihn einfach weit mehr als das, was die jungen Eierköpfe, für die er verantwortlich war, mit ihren Computern ausbrüteten. Als er vor 35 Jahren hilflos mitansehen musste, wie der brennende Treibstoff einer argentinischen Exocet-Rakete französischer Bauart seinen Zerstörer „HMS Sheffield“ langsam in eine lodernde Fackel verwandelte, wurden Kriege noch nicht von hemdsärmligen, Milchbubis mit Maus und Tastatur geführt. Und der Falkland-Krieg war von den beiden Flugzeugträgern „HMS Invincible“ und „HMS Hermes“ entscheidend zu Gunsten des Vereinigten Königreichs beeinflusst worden.

Und nun saß er hier, nur weil es irgendwelchen Papiertigern gefallen hatten, ihn zu dieser Bande von Lauschern zu schicken. Vermutlich, weil er eine Zeit beim Marinegeheimdienst in seiner Vita aufwies. Leider hatte er dort nach Ansicht seiner Vorgesetzten offenbar keinen allzu schlechten Job gemacht, um es bescheiden zu formulieren. Und was hatte er nun davon? Ein Büro drei Stockwerke tief unter der Erde, weitab von der See, und ohne jede Möglichkeit, aus seinem Bürofenster die Masten und Radarkuppeln von am Kai liegenden Kriegsschiffen sehen zu können. Er hatte diesen Ausblick von seinem Büro in Devonport, wo normalerweise immer ein paar Fregatten der Duke-Klasse lagen, sehr gemocht. So sah seiner Ansicht nach echte Hardware aus, nicht wie diese Schränke mit den blinkenden und mit bunten Kabeln vernetzten Kisten zwei Stockwerke tiefer. „Herzlich willkommen bei Tempora.“, hatten die Typen vom GCHQ zu ihm gesagt, „Hier werden Kriege gewonnen – oder noch besser, verhindert.“ Was immer man heutzutage unter Krieg verstand.

Es klopfte an der Tür. Moore grunzte ein missgelauntes „Herein.“ Ein junger Mann im Range eines Lieutenant Commander erschien und grüßte. Für den Geschmack des Rear Admiral etwas zu lässig, aber naja, er musste sich eingestehen, dass sie hier nun einmal nicht auf dem Deck eines Zerstörers standen und er selbst nur einen verdammten Schreibtisch kommandierte. Immerhin war das Hemd des jungen Mannes frisch gestärkt und die Krawatte gebügelt, selbst das war heutzutage ja nicht mehr selbstverständlich. „Stehen Sie bequem. Was gibt es denn?“, ermunterte er den jungen Mann, zur Sache zu kommen. „Sir, wir haben da etwas abgefangen, was unsere Computer als ‚hoch relevant‘ eingestuft haben.“ „So, ihre Computer haben das also eingestuft, wie? Und wie haben Sie selbst es eingestuft?“, fragte der RDML. Der junge Mann verzog keine Miene. „Nun, ich halte es ebenfalls für zumindest beachtenswert und relevant genug, um an Ihre Tür zu klopfen.“ Moore musste schmunzeln. Der junge Mann hatte offenbar Rückgrat. „Also, was haben Sie denn da?“, fragte er. „Einen Dialog per Whatsapp aus Cambridge.“, war die Antwort. „Hm. Whatsapp… ich glaube, dass ist dieses Ding, welches meine jüngste Tochter auf ihrem Mobiltelefon hat und ohne das sie, glaube ich, nicht leben kann. So was Ähnliches wie SMS, oder? Das überwachen wir auch?“ Der RDML stellte sich absichtlich etwas dümmer als er war, um zu prüfen, ob der Jüngere respektvoll bleiben würde. Das war der Fall, die Antwort war von Tonfall und Wortwahl her absolut korrekt. „Sir, Whatsapp ist eine Applikation für Smartphones, mit der Textnachrichten, Bilder und Videos ausgetauscht werden. Sie ist die verbreitetste ihrer Art und wurde vor ein paar Jahren von Facebook gekauft. Whatsapp wird von einer Milliarde Menschen benutzt – jeden Tag. Und selbstverständlich überwachen wir das.“ „Das könnte angesichts der langhaarigen, ungewaschenen Subjekte, mit denen Alicia leider zu tun zu haben scheint, ja wirklich ganz nützlich sein…“, dachte Moore, sprach den Gedanken aber nicht aus. „Okay.“, sagte er stattdessen, „Um was geht es da genau?“.

Fortsetzung folgt

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Die Münze – Teil 25

Alle sahen auf den Bildschirm. Er zeigte nur eine schwarze Fläche. Wenn darunter nicht einige Zahlen und Schaltflächen zu sehen gewesen wären, hätte man auch denken können, er sei ausgeschaltet. Der Professor hatte eindeutig mit einer anderen Darstellung gerechnet. Er griff zum Telefon, das auch auf dem Schreibtisch stand und sein Finger schwebte kurz über der Kurzwahltaste, neben der ein Schildchen „Hitachi Kundendienst“ zu lesen war. Dann besann er sich eines Besseren und warf einen Blick auf seine linke Hand. „Sowieso schon wieder viel zu lang.“, murmelte er, zog eine Schublade auf, der er eine kleine Schere entnahm. Kurz entschlossen schnitt er sich ein Stück vom linken Daumennagel ab, öffnete die Tür vom „Kleiderschrank“, nahm die Münze heraus und legte stattdessen den abgeschnittenen Daumennagel auf den Objektträger. Dann schloss er die Tür wieder und klickte auf dem Bildschirm erst auf „speichern“ und dann auf „Neue Aufnahme“. Das Kamerabild seines Daumennagels erschien, und MacIntyre zielte mit dem roten Quadrat und drückte eine Taste. Nachdem der Fortschrittsbalken am Ende angekommen war, erschien die Vergrößerung. Diesmal war ein Bild zu sehen, wie es die Männer noch aus dem Biologieunterricht kannten – annähernd ovale Gebilde mit einem dunklen Punkt darin. Zellen. „Ich dachte für einen Moment, das Gerät sei schlicht defekt.“, erklärte der Professor, „Aber dies hier sieht genauso aus, wie es aussehen sollte, und das zeigt mir, dass das Mikroskop absolut in Ordnung ist. Das Objekt von Mr. Summers lässt sich nur nicht seine innere Struktur so einfach entlocken – seine Beschaffenheit ist offenbar so dicht, dass unser Gerät hier nicht hochauflösend genug ist, um sie zu zeigen. Es sei denn…“ „Was meinen Sie?“, fragte Andrew gespannt. „Ach, wahrscheinlich ziemlicher Humbug, aber angesichts der seltsamen Eigenschaften halte ich fast alles für möglich. Es sei denn, das Objekt stört irgendwie gewissermaßen absichtlich die Vergrößerung.“, führte Professor MacIntyre seinen Gedanken zu Ende.

„Wie auch immer, an dieser Stelle stoßen wir hier an unsere Grenzen.“, erklärte der Professor. „Vielleicht hätten wir mit einem Tunnelrastermikroskop mehr Erfolg. Drüben im Zentrum für Nanowissenschaft haben die eins, aber da habe ich keinen Einfluss und kann nicht garantieren, dass wir dort kurzfristig einen Termin bekommen.“ „Was sind denn jetzt unsere weiteren Optionen, wenn wir überhaupt noch welche haben? Und was ist Ihr bisheriges Fazit?“, fragte Andrew. „Nun, Ihr Objekt hat außergewöhnliche Eigenschaften, die nach meinem Wissen bei allen Materialien, egal, ob Element oder Legierung, egal ob natürlichen Ursprungs oder menschengemacht, nirgendwo sonst zu finden sind. Einige dieser Eigenschaften, insbesondere die hohe Dichte, erschweren weitere Untersuchungen. Theoretisch kann ich nur zu drei Schlüssen kommen: 1. Es gibt geheime Verfahren jenseits meiner Vorstellungskraft und jenseits des allgemein anerkannten, wissenschaftlichen Wissens, die es ermöglichen, Material wie jenes, aus dem Ihr Objekt besteht, herzustellen. 2. Es gibt Orte auf diesem Planeten, die unbekannt und wahrscheinlich schwer zugänglich sind, beispielsweise die Tiefsee, an denen man Stoffe findet, die uns noch völlig unbekannt sind. Das ist denkbar, denn wir wissen beispielsweise über ausgedehnte Meeresgebiete unterhalb von ein paar tausend Meter Tiefe weniger, als zum Beispiel über den Mars. 3. Ihr Objekt stammt überhaupt nicht von der Erde. Das klingt fantastisch, aber auch nicht mehr als die ersten zwei Punkte. Und das bringt mich endlich zu der ultimativen Frage: Woher haben Sie Ihre ‚Münze‘, Mr. Summers?“

Andrew seufzte und erwiederte: „Sie haben sich ganz schön lange geduldet, bis Sie diese Frage stellten. Wenn Sie mir versprechen, bis auf Weiteres Stillschweigen über meine Münze und alle Untersuchungsergebnisse walten zu lassen, verrate ich es ihnen. Der Professor versprach es, und Andrew erzählte ihm die Geschichte, die er Mr. Jameson und Mr. Miles am Abend zuvor beim Bier erzählt hatte. „Nun, direkt vom Himmel gefallen. Was es nicht alles gibt.“, staunte der Professor. „Und wie geht es nun weiter?“ „Das weiß ich auch nicht. Haben Sie eine Idee?“, fragte Andrew. „Sie werden sich schon irgendwann damit abfinden müssen, dass Sie mehr Leute einweihen müssen, wenn Sie mehr erfahren wollen. Es sieht so aus, als bräuchte es sowohl die besten Köpfe als auch die besten Gerätschaften, die wir als Menschheit insgesamt zu bieten haben, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Als erstes würde ich eine Untersuchung im CERN in Genf vorschlagen. Wir in Cambridge unterhalten dorthin ausgezeichnete Beziehungen, wir konnten einiges zur Kontruktion von ATLAS, dem großen Detektor des Large Hadron Colliders beitragen. Der LHC wird im allgemeinen als „größte Maschine der Welt“ bezeichnet. „Ist das nicht das Ding, welches womöglich Mini-Schwarze-Löcher produziert?“, platzte Mr. Miles dazwischen? „Ja, und außerdem kann das ‚Ding‘ die Kinder von der Schule abholen, Wäsche waschen, Pizza backen und Geschirr spülen.“, antwortete der Professor trocken. „Alles nur wirre Verschwörungstheorien von Leuten, die einen Synchotronspeicherring nicht von einem U-Bahn-Tunnel unterscheiden könnten. Nun, Mr. Summers, ich könnte da etwas arrangieren. Das würde mindestens einige Wochen, eventuell einige Monate dauern, aber sind Sie grundsätzlich interessiert?“ „Darüber muss ich erst in Ruhe nachdenken. Ich möchte zunächst nachhause fahren, um eine Weile an andere Dinge zu denken und mir dann die weiteren Schritte überlegen. Aber wir sollten unbedingt Kontakt halten.“ „Gewiss.“, antwortete MacIntyre, „Hier haben Sie meine Karte, da steht alles drauf.“ „Vielen Dank. Und auf Wiedersehen. Wir hören voneinander.“, sagte Andrew. Er und Mr. Jameson, der wieder sehr wortkarg geblieben und sich aufs Zuhören beschränkt hatte, verabschiedeten sich von Professor MacIntyre und Mr. Miles, verließen das Mott-Gebäude und begaben sich zum Parkplatz, um mit dem Vauxhall die lange Heimreise anzutreten.

Fortsetzung folgt…

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Die Münze – Teil 24

11. August 2017, 10:15 AM, Cambridge, England
Andrew, Mr. Jameson und Mr. Miles betraten erneut das Cavendish Laboratory und fuhren mit dem Aufzug hinauf in die zweite Etage, wo sie Professor MacIntyre in seinem Büro aufsuchten. Die beiden Männer aus Portreath hatten bereits gepackt und ausgecheckt, als sie sich mit Mr. Miles, der noch einen Tag länger in Cambridge bleiben wollte, zum Frühstück trafen. Nach dem Frühstück waren die drei dann wieder zum Institut gefahren.

MacIntyre bat die drei Männer in sein Büro, nachdem sie angeklopft hatten, und bot ihnen eine Tasse Tee an, die alle dankend annahmen. „Nun, heute steht also die mikroskopische Untersuchung an. Ich habe das Hitachi bereits gebucht, allerdings mussten sich leider einige Studenten, die zuvor auf der Liste standen, hinten anstellen. Eines der kleinen Privilegien, die man als Professor den Studierenden gegenüber genießt.“ Der Professor erlaubte sich ein kleines Lächeln. „Ach ja, Mr. Summers, ich habe noch ein kleines Souvenir für Sie.“, bemerkte MacIntyre, griff in die Tasche seiner Tweedhose und warf Andrew einen Gegenstand zu. Andrew fing das Ding reflexartig auf und erkannte es als eine Art Kopie seiner Münze aus Kunststoff. Er holte das Original hervor und verglicht beides. Die Farbe, das Gewicht und wie sich die Oberfläche anfühlte passte, alles nicht. Die Abmessungen hingegen waren exakt dieselben, und Legende und das Bild „der Insel“ waren erstaunlich genau reproduziert. Der Professor schmunzelte und sagte „Ich habe über Nacht den 3D-Drucker angeworfen, das war kein Problem, nachdem ich ja alle räumlichen Daten nach dem Scan auf meinem Rechner hatte.“ „Möchten Sie das nicht lieber behalten? Ich habe doch schon das Original.“, fragte Andrew. „Ach was. Ich kann mir ja jederzeit eine neue Kopie machen.“, winkte der Professor ab.

„Wollen wir dann?“, fragte der Professor, nachdem alle ihren Tee ausgetrunken hatten. Alle nickten, standen auf und folgten dem Professor auf den Flur. Das Labor für Mikroskopie befand sich in einem benachbarten Gebäude des Instituts, dem sogenannten Mott-Building, wie der Professor unterwegs erklärte. Das Gebäude war ein in seiner Gesamtheit schwer zu erfassendes, architektonisches Monstrum. Es sah ein wenig so aus, als habe man zunächst ein riesiges, flaches Gebäude hochgezogen, um dann, als es für die Zwecke nicht mehr ausreichte, ein ebenso hässliches, etwas kleineres Gebäude auf das Dach des ersten Gebäudes zu setzen. Um dann, als das auch nicht mehr ausreichte, das zweite Gebäude mit weiteren An- und Aufbauten zu versehen. Die flachen Dächer waren voll gestellt mit Klimaanlagen, Rohrleitungen, Photovoltaik-Modulen und anderen Gerätschaften, deren Zweck nicht zu erahnen war. Die vier Männer überquerten einen Weg und betraten das nach dem ehemaligen Cavendish-Professor (und natürlich Nobelpreisträger) Nevill Francis Mott benannte Gebäude.

Sie fuhren mit dem Aufzug in das dritte Obergeschoss, in dem sich die Elektronenmikroskope befanden. Vor einer Tür zückte Professor MacIntyre wieder einmal seine Chipkarte, und die drei Besucher folgten ihm in den Laborraum, der sich dahinter befand. „Das ist es.“, sagte Professor MacIntyre, und deutete auf etwas, das ein wenig aussah wie ein kleiner Kleiderschrank mit angrenzendem Schreibtisch, auf dem sich ein Computerterminal befand. „Das ist was?“, fragte Mr. Miles verständnlislos. „Das ist unser Hitachi S5500, das neuste und beste Gerät im Arsenal. Damit werden wir dem Objekt von Mr. Summers einmal näher auf die Pelle rücken. Wenn ich bitten dürfte?“, antwortete Professor MacIntyre. Andrew griff in seine Umhängetasche und händigte dem Professor die Münze aus. Dieser öffnete eine Tür am „Kleiderschrank“. Dahinter wurden komplizierte Apparaturen sichtbar, offenbar das gepriesene Elektronenmikroskop. Der Professor legte die Münze auf eine Art Schlitten, der offenbar auf drei Achsen verfahrbar war – ähnlich wie bei dem 3D-Scanner am Vortag. Dann schloss er die Tür wieder und setzte sich an das Terminal. Nachdem MacIntyre sich eingeloggt und ein paar Schaltflächen auf dem Bildschirm angeklickt hatte, erschien ein vergrößertes Kamerabild der Münze auf seinem Bildschirm. Er drückte eine Taste, und ein kleines, rotes Quadrat erschien auf der Münze. Mit dem Scrollrad der Maus vergrößerte er den Bildausschnitt, was alleine die Kamera so hochauflösend hinbekam, dass man die sechseckige Form des Punktes auf „der Insel“ erkannte. MacIntyre fuhr den Objektträger ein wenig nach links und nach oben, bis das Sechseck genau in dem roten Quadrat lag. Dann betätigte er eine Taste. Der Bildschirm wurde dunkel, ein Fortschrittsbalken erschien, und ein leises Summen ertönte aus dem „Kleiderschrank“.

Nach etwa zwei Minuten, in denen niemand etwas sagte, erreichte der Fortschrittsbalken den rechten Anschlag, „100%“ stand in grünen Lettern daneben. Der Bildschirm flackerte kurz.
„Was zum Teufel… ?“, rief der Professor aus.

Fortsetzung folgt…

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