No Sleep Till Brooklyn

Schon eine Woche vor Abflug habe ich überlegt, was ich als Wecksong in meinem Handy auswähle. Ich habe mich gegen den naheliegenden Klassiker von Frank Sinatra und für „No Sleep Till Brooklyn“ von den Beastie Boys entschieden. Wegen meines Hotels in eben diesem Stadtteils und der Vorgeschichte mit Musical, den Urlaub später als geplant antreten und ein wenig Geburtstag feiern passte das irgendwie besser… Allerdings wurde ich bereits eine halbe Stunde vorher von einer munteren Snoozetasten-Synphonie für Wecker und iPhone in c-moll geweckt (ich übernachtete bei einem befreundeten Ehepaar in Frankfurt), aber das auch nur, weil jemand so nett war, vor mir aufzustehen und schon mal Kaffee zu kochen.

Boeing 767-300ER Heck

Gategourmet lädt Futter in die 767-300ER

Transfer zum Flughafen und Check-in war ereignislos. Der Flug eigentlich auch, ich war noch nichtmal auf dem Klo… Mein Sitznachbar machte nicht den Eindruck, als habe er Interesse an Konversation. Ich hatte keine Lust zum Lesen. Es gab vier (!) Filme: Planet of the apes rising (aus der brachial eine Szene herausgeschnitten wurde, in der ein Affe einen Hubschrauber an der Golden Gate Bridge zum Absturz bringt, wohl nicht airline-kompatibel…), Mr. Dingsbums und seine lustigen Pinguine mit Jim Carrey, Midnight in Paris (mit Owen Wilson und Carla Bruni, ein Woody Allen Film) und The Tourist mit Angelina Jolie und Johnny Depp. Ich hätte das eine oder andere ja geguckt. Aber der erste Kopfhörer-Adapter löste sich sofort nach dem Einstecken in seine Bestandteile auf. Ich orderte einen neuen, aber das Flugzeug war laut, der Ton leise. Und schließlich zerstörte ich auch noch den zweiten Kopfhörer-Satz samt Adapter, als ich mich einmal beim wieder-Hinsetzen im Kabel verhedderte (ist ja nicht wirklich viel Platz da…). War also nix mit nett Filmchen gucken, also habe ich zwischendurch mal geschlafen, auch wenn das hier dem Titel des Artikels widerspricht.

Kurz vor der Landung am JFK

Fast da - man beachte die Flughöhe und die ausgefahrenen Landeklappen.

Die Einreise verlief ebenfalls problemlos. Anschließend habe ich mich durchgefragt, nutzte den Airtrain bis Howard Beach, bekam ein eine Woche gültiges Unlimited-Ticket für die Metro für 29 Dollar verkauft und fand auch die richtige U-Bahn (zweimal Umsteigen) zu meiner Station. Erst dann begannen die Probleme. Denn ich hatte versäumt, mir den Weg bis zum Hotel auszudrucken. (Ein Freund von mir, der sich über die doch etwas laxe Reisevorbereitung wunderte, mag sich an dieser Stelle bestätigt fühlen…) Der Stadtplan in meinem Reiseführer war nicht detailliert genug, und Google Maps auf dem Handy tat es auch (noch) nicht. Also fragte ich die nächsten NYPD-Cops (Wahnsinn, die gibts wirklich, nicht nur im Film!) nach dem Weg. Der eine kannte zwar die Straße nicht, zückte aber sofort sein iPhone und beschrieb mir den Weg. Vermutlich auch richtig, aber ich hab wohl nicht gut genug zugehört und ging in die falsche Richtung. Obwohl es mir schon dämmerte, ging ich bestimmt zwischen ein und zwei Kilometer die Flushing Ave in die falsche Richtung. Schließlich drehte ich um und stellte dann mein Telefon von AT&T auf das T-Mobile USA-Netz um – und hatte damit auch Internet (man frage besser nicht nach den Kosten…). Mein Freund, der Google, und die amerikanischen NavStar-Satelliten des GPS zeigten mir dann den – leider recht langen – Weg zum Hotel. Zwischendurch sah ich plötzlich durch eine Baulücke die Spitze des Empire State Building in der Ferne und wusste damit, dass ich nun wirklich in New York weilte. Als ich mich meinem Hotel näherte, begegnete ich auffallend vielen Männern, die alle schwarze Hosen, schwarzen Gehrock, weisses Hemd, schwarzen Hut und eine bestimmte Haar- und Barttracht trugen. Dazu später mehr…

Empire State Building - ein bisschen zumindest

Da schau her... plötzlich lugt die Spitze des Empire State Building, von Brooklyn aus sichtbar, hervor.

Ich checkte dann schließlich in meinem Hotel in der Franklin Ave ein, bei einem sehr netten, jungen Mann am Desk namens Andrew. Das Zimmer ist… hm… fast luxoriös. Jedenfalls im Vergleich zu meiner Bleibe in San Francisco. Übrigens eine echte Verschwendung, es ist nämlich ein Zweibett-Zimmer, aber das war mir irgendwann egal. Ich habe sogar eine kleine Küchenzeile mit Spühlbecken, Mikrowelle, Kaffeemaschine und Kühlschrank. First things first, also ab ins W-LAN, Socken in die Schublade, dann die Wertsachen in den elektronischen Safe, den ich übrigens mit meiner Kreditkarte ver- und entriegeln kann. Danach fragte ich Andrew nach einer Möglichkeit, Getränke einzukaufen. Er wies auf einen Supermarkt um die Ecke hin.

Hatzlacha Supermarket

Der jüdische Supermarkt, nicht weit von meinem Hotel

Dies war dann ein jüdischer Supermarkt, in dem viele Leute mit der zuvor erwähnten Kleidung und Aufmachung verkehrten. Ich fühlte mich ob der unrühmlichen (und das ist ja doch sehr dezent formuliert) Vergangenheit unseres Landes mit den Juden ein wenig unbehaglich, als ich den Laden betrat, aber dafür kann ich da koschere Milch erwerben, wenn ich will. Staunend betrachtete ich die vielen interessanten Produkte, die womöglich eigens aus Israel importiert oder hier in Lizenz hergestellt werden. Andrew vom Desk erzählte mir später, dass es hier in Brooklyn vier große, jüdische Gemeinden gibt, insgesamt gesehen, die größte außerhalb Israels. Also, ich finde, irgendwie hat das was. Ich glaube, weil es irgendwie eine mir bisher unbekannte Kultur vermittelt.

Nach dem Getränkeeinkauf (Wasser, Trinkpäckchen IceTea und Apfelsaft, Cola – Bier gabs nicht) und der Einlagerung derselben im Kühlschrank wollte ich doch nochmal los nach Manhatten, ohne großen Plan. Naja, der Plan sah schon vor, ans Wasser (East River) zu gehen und was zu essen. Zuvor musste aber der nicht unerhebliche Fussmarsch zur Flushing Ave Metro Station bewältigt werden. Dabei schnallte ich dann erst so wirklich, dass es zwei Flushing Ave Stationen gab, eine für die G-Line, eine für die M-Line (und andere). Ich wollte aber die M-Line nehmen, also musste ich noch erheblich weiter. (Andrew erklärte mir später, am schnellsten nähme man die G-Line und wechselt nach zwei Stationen in die L, ich hab auch schon selbst vorher drüber nachgedacht, aber in Zweifel ziehe ich ja immer einen längeren Fussmarsch dem Experiment vor – aber morgen versuch ich es schon anders).

Williamsburg Bridge bei Nacht

Williamsburg Bridge mit dem Jogging Trail für fitte New Yorker

Nun, ich gelangte also über die Williamsburg-Bridge nach Manhattan. Das war schon vom Zug aus ein toller Anblick, die berühmte Skyline bei Nacht. Angekommen an der Delancey St/Essex St war es dann noch ein ganzes Stück zum Fluss, ich habe dann über eine Fußgänger-Brücke den Fdr Dr (denke, das bedeutet Franklin Delano Roosevelt Drive) überquert, eine vielspurige, vielbefahrene Hauptverkehrsader. Auf der anderen Seite gab es eine Art „Jogging Trail“, auf dem die New Yorker zwischen East River und Fdr Dr ihrem Feierabendsport nachgingen. Natürlich alles durchtrainierte Leute (auch viele hübsche Frauen), nicht diese „Kingsize“-Amis. Von denen habe ich hier insgesamt noch keine gesehen, muss ich sagen. Der New Yorker scheint sportlich zu sein. Ich ging da nur gemächlich spazieren und versuchte, ein paar Nachtaufnahmen von der Williamsburg Bridge und der Skyline hinzubekommen (und ärgerte mich, dass ich kein Stativ mitgenommen hatte, vielleicht kaufe ich mir noch eins). Da gab es auch Kinderspielplätze und mehrere Fußballplätze (Soccer, nicht Football), auf denen auch gespielt wurde. Und zwar teilweise im Schein von „Instant-Miet-Flutlichtanlagen“, Dieselgeneratoren mit ausfahrbaren Flutlichtmasten auf Rädern, die einfach an eine Anhängerkupplung gehängt werden können.

Instant-Flutlicht

Instand-Flut-Licht-Anlage. Die Amerikaner haben eben immer ihre eigenen Ideen, wie Dinge zu machen sind.

Nun, ich spazierte eine ganze Weile Richtung Norden (eigentlich wollte ich ursprünglich Richtung Südspitze Manhattens, aber die Skyline im Norden zog mich dann eher an). Übrigens war es total warm, nix mehr Schneechaos – meine Wetter-App im Handy meldete 18 Grad, Höchsttemperatur soll 21 Grad gewesen sein. Ich sah dann auch das Empire State Building und das Chrysler Building nun schon etwas näher und prächtig illuminiert, auch einige andere interessante Gebäude, die ich noch nicht zuordnen kann. Das eine mag das sich im Bau befindliche, neue World Trade Center sein.

Empire State Building bei Nacht

Da isses ja - schon etwas näher. Im Vordergrund der Fdr Dr.

Schließlich kehrte ich um, ging den Weg am East River wieder zurück und über die Fußgängerbrücke über den Fdr Dr. Auf der anderen Seite erspähte ich einen Supermarkt, der mir Bier verkaufte (leider hatten die kein Miller Light, mein bisheriger Favorit hier in den USA), außerdem gabs noch n Whopper Menü bei Burger King. Danach dann zurück in die Metro, zurück zur Flushing Ave, zurück zum Hotel. Und das reicht auch für heute. Morgen, so Gott will, gibts dann mehr.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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7 Responses to No Sleep Till Brooklyn

  1. Avatar von Helge Helge sagt:

    Gute Lektüre für die morgendliche U-Bahn-Fahrt…

    Fahrt ist nur zu kurz für diesen Blog-Eintrag 😉

  2. Avatar von Elisabeth van Nguyen Elisabeth van Nguyen sagt:

    Hi Michi,
    auch Dein Blog verspricht selbstverständlich sehr lesenswert zu werden.
    Ach, es werden Erinnerungen wach!! Hotel in Brooklyn, schön schön, hatten wir ja auch gebucht, na ja, ‘n Hostel, um genau zu sein, sicher nichts mit Luxus, aber das hat man uns ja kurz vorher wegen Schließung abgesagt! Aber wir waren ja trotzdem einmal in Brooklyn, um über die gleichnamige Bridge zu wandern, und der Stadtteil hat schon was…
    Ich finde auch, dass das mit den Juden Stil hat, ist überhaupt etwas, was mich da drüben fasziniert, dass man immer mal wieder in andere Kulturen eintauchen kann. Aber mir wäre es auch lieber, wenn sie nicht gleich meine Natiionalität erkennen würden. Darüber können wir wohl immer noch nicht hinweg…
    Weiterhin viel Spaß, freue mich schon auf den nächsten Eintrag!

    (Ich bin natürlich eigentlich zu blöd zum bloggen und habe diesen Kommentar zunächst aus Versehen unter „Was ist das hier?“ gepostet…)

  3. Avatar von Mac Mac sagt:

    Hi Michi!
    Wir haben uns gerade deinen Blog durchgelesen. Sehr schön. Wir waren ja vor einem Jahr da und schwelgen in Erinnerungen. Wir wohnten allerdings in Queens mit Manhattan View. War auch sehr schön. Ein Tipp noch: Unbedingt zum Times Square, im TKTS Center billige Musical Tickets abgreifen und dann UNBEDINGT mit dem Taxi zurück ins Hotel. Spottpreis (auch wenn du bereits eine Metro Karte hast), naja Preise so ca. wie Einzelfahrt mit der Metro, aber unbedingt lohnenswert.
    Liebe Grüße
    Markus und Kirsten

    • Avatar von michikarl michikarl sagt:

      Hm, das TKTS habe ich heute gesehen. Weiss nur noch nicht so genau, ob ich alleine Bock habe, in ein Musical zu gehen. Hier läuft, soweit ich gesehen habe, „Phantom der Oper“, „Anything goes“ und irgendwas mit Spiderman. Achja, und „Lion King“. Und noch so einiges. Aber ich muss das nicht so unbedingt haben.

      Was das Taxifahren angeht: Erstens bin ich ja nun mal alleine, der Preis geht also nicht durch zwei. Zweitens ist die Fahrt zu meinem Hotel vielleicht bisschen länger. Aber vor allem will ich eigentlich Metro fahren, denn hier kriegt man viel mehr vom New Yorker mit. Heute war eine Truppe farbiger Metro-Sänger an Bord eines Zuges, mit dem ich fuhr. Die sangen und vertickten ihre CDs. Vielleicht fahre ich einmal Taxi, um das auch mal gemacht zu haben.

  4. Avatar von Gunnar Gunnar sagt:

    Hallo MIchi!

    Da kann ich mich ja auf viele vergnügliche Lesestunden freuen. Bin schon gespannt, was du in deinem Urlaub noch so alles erleben wirst.
    Weiterhin einen schönen Urlaub und fröhliches bloggen!

  5. Avatar von satayspiess satayspiess sagt:

    *hihi* Lustig zu lesen, dass du auch schon über die ganzen Abkürzungen stolperst. 🙂
    Aber irgendwie gewöhnt man sich irgendwann dran.
    Bei dir ist es nun erst 4 Uhr Nachmittags, während es hier schon 10 Uhr abends ist. Sicherlich bist du noch unterwegs. Viiiiiiiiel Spaß weiterhin, lass‘ dich nicht klauen. 🙂

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