Bei der Hausärztin, beim Fahrradladen, zurück am „Tatort“, Fazit, Folgen

Inzwischen ist es Mittwoch, 02.16 Uhr. Am Montag wachte ich auf, und es war… nun, natürlich nicht so toll. Aber auch nicht so schlimm, wie der Arzt prophezeit hatte „Am schlimmsten ist der Morgen danach, da fühlt man sich wie vom Zug überrollt“. Der Besuch bei der Hausärztin stand an, zum Verbandswechsel und Wundschau. Ich musste ziemlich lange warten, hatte aber eine sehr gute Lektüre dabei („Splitter“ von Sebastian Fitzek, ein wahnsinnig spannender Psychothriller, der sich ein wenig bei dem Film „The Game“ mit Michael Douglas abgeguckt liest, was der Spannung aber keinen Abbruch tut – Leseempfehlung!).

Die Hausärztin entfernte die Verbände, begutachtete mit besorgter Miene meine Wunden, die sich teilweise entzündet hatten, legte silberhaltige Pads auf, behandelte mit Jod, verband neu, verbot mir künftig das Duschen und gab mir einen Termin für bzw. eine Krankschreibung bis Mittwoch (also heute).

Wieder zuhause fühlte ich mich müde und legte mich bis zum frühen Abend erstmal hin. Dann warf ich ne Ladung Wäsche in die Maschine und bestieg mein beschädigtes Rad, um es zu BOC zu bringen, wo ich erst zuvor für über 200 Euro hatte in Topzustand versetzen lassen (neue Bremsbeläge, neue Griffe, neue Kette/mittleres Kettenblatt/Kassette). Das war übrigens nicht nur teuer, sondern auch nervig, weil die erstmal nicht das neue Kettenblatt eingebaut hatten und mir das ansonsten fertiggemachte Rad mit neuer Kette, aber altem Kettenblatt gaben. Das merkte ich erst auf dem Heimweg kurz vor zuhause. Also zurück das Ding, meckern, und kostenlos das neue Teil einbauen lassen (was das Mindeste war für den Zusatzaufwand). Das Rad fuhr sich dann aber auch nach Bremen bis zum Schwarzen Weg auch traumhaft. Nun, also wieder bei BOC, wo mir ein pfiffiger Verkäufer erzählte, was womöglich alles ersetzt werden müsse. Er nahm im Vorderrad eine kleine „Acht“ wahr, die ich gar nicht bemerkt hatte, meinte, das Steuerlager sei auch nicht schön, der Lenker offenbar auch angeschlagen und der angeratschte Vorbau sei eine Sollbruchstelle. Über die Bremshebel, die arg gelitten hatten, brauchte man ja nicht zu reden. Naja… Lenker und Vorbau sind absolut sicherheitsrelevante Komponenten. Pfiffiger Verkaufer hin oder her, das muss dann eben wirklich neu gemacht werden. Übrigens wollte man mich gestern wegen des Kostenvoranschlags anrufen, was nicht erfolgt ist. Mir ist daran gelegen (ich erläutere später, warum), dass Rad möglichst schnell wieder zu bekommen, obwohl ich für den Alltag noch ein Reserverad (mein altes Checker Pig) habe.

Ich ging zu Fuß nachhause, gönnte mir beim Billigbäcker auf dem Weg Caprisonne und Gebäck (hatte kein Kleingeld für die Kaffeemaschine und keine Lust, zu wechseln) und ging dann auf dem Weg nachhause noch Einkaufen. Den Rest des Tages verbrachte ich mit Wäsche aufhängen, Lesen und einem Telefonat.

Gestern, am Dienstag, beschloss ich, den „Tatort“ nochmal aufzusuchen. Mich interessierte, ob es irgendwelche Warnschilder gab, die ich übersehen haben könnte, und wie lang die Schleifspur war, die der Vorbau meines Rades in den Asphalt gezogen hatte. Kurz nachdem ich ein Foto vom Straßenschild gemacht und gerade mein Maßband an die Schleifspur gelegt hatte, hielt ein Auto am Fuße bzw. Rand des Schwarzen Weges. Ein Frau stieg aus und ich sagte ihr, dass ich hier vor zwei Tagen verunglückt sei. Wir kamen ins Gespräch, denn sie erwiederte, das käme nicht zum ersten Mal vor. Meist seien es unvorsichtige Jugendliche, die hier stürzten. Es hätten sich aber auch schon Kinder bei Rodelunfällen schwer verletzt, obwohl die Steigung früher zu Zeiten ihres Vaters angeblich noch steiler gewesen und schon ein wenig entschärft sei. Interessant.

Maßband und Schleifspur

Der Beginn des auf drei Meter ausgefahrenen Maßbandes markiert den Anfang, der Rucksack das Ende der Schleifspur

Nachdem ich das Schlagloch und die Schleifspur fotografiert hatte, machte ich mich auf den Weg nach oben. Dabei kam ich auf die Idee, dass ich mit den Lagesensoren meines Schlaufons den Winkel messen konnte – ich habe sogar eine App, die das neben vielen anderen Funktionen kann. Das Gerät zeigte auf dem steilsten Stück 10 Grad an. Später am heimischen Schreibtisch war ich zu faul und zu eingerostet in Mathe, um mir selbst die Formel herzuleiten, aber lt. Wikipedia ist die Steigung m = tan(α). Es kam 0,176 heraus, also 17,6%. Ich habe schon Warnschilder gesehen, auf denen vor 8% Steigung oder Gefälle gewarnt wurde.

Handy auf dem Schwarzen Weg

Mein grünes Handy auf dem Schwarzen Weg. H10 (weißer Kasten) bedeutet 10 Grad Neigung um die horizontale Achste (wäre das Handy ein Schiff oder Flugzeug würde man von Quer- oder Nickachse sprechen). Die App heißt „GPS Status“ und zeigt alle möglichen Sensor- und GPS-Daten an.

Oben angekommen stellte ich fest: Zwar wurde vor den Bodenwellen gewarnt, nicht jedoch vor dem Gefälle, und der Weg ist mit dem Gebotsschild „Gemeinsame Fuß- und Radweg“ versehen. Das bedeutet auch, dass ein Fußgänger folglich von einem außer Kontrolle geratenem Radfahrer wie mir locker mal getroffen werden könnte. Und dass mir genau im Augenblick, als ich mein Rad hoch- und wieder runter schob und mitten auf dem Weg den Winkel maß womöglich genau das blühen konnte.

Verkehrsschild Schwarzer Weg

Straßenschild Schwarzer Weg mit Gebotsschild „Gemeinsamer Fuß- und Radweg“. Keine Warnung vor dem Gefälle. Einige Meter weiter steht das Warnschild für die Straßenunebenheiten.

Meiner Ansicht nach müsste zumindest oben am Weg mit Schildern besser vor der Gefahr gewarnt werden – wer weiß, vielleicht hätte das bei meiner Entscheidung, da die Zügel schleifen zu lassen, das Zünglein an der Waage in die andere Richtung sein können. Ich kam auf die Idee, das meinen Kollegen von der Redaktion der NOZ mitzuteilen (ich werde ihnen den Link zu diesem Artikel geben). Vielleicht kann ja die Zeitung da etwas draus machen. Allerdings birgt das auch das Risiko, dass Jugendlichen den Schwarzen Weg dann überhaupt erst für zweifelhafte Mutproben für sich entdecken. Aber das lasse ich besser die Redaktionellen entscheiden, die tun es ohnehin.

Schlagloch

Wasserrinne, dann Schlaglöcher. Das linke ist es dann wohl gewesen. Wo der Rucksack steht, sind mein Rad und ich liegen geblieben. Unten der Süberweg, wo mich, wäre ich nicht oder später gestürzt, auch ein Auto hätte erwischen können. Aber die Perspektive täuscht – so dramatisch weit, wie es hier aussieht, bin ich auch nicht geschliddert.

Fazit
Ich muss sagen, ich habe viel Glück gehabt. Keine Knochenbrüche, keine Kopf- oder Rumpfverletzungen, keine Bänder durch, ich muss nicht im Krankenhaus liegen – da kann man nur von Glück sagen, oder aus Sicht des Christen, von Bewahrung.

Ich hoffe, dass mir das eine Lehre sein wird und dass ich in Zukunft vorsichtiger fahren werde. Sofern es sich machen lässt, werde ich nur kosmetische Schäden am Rad nicht reparieren lassen, so dass sie eine Art Mahnmal für mich bleiben.

Komischerweise hat mich bisher der Unfall nicht in ein psychisches Tief gerissen. Seltsamerweise ist eher das Gegenteil der Fall, ich fühle mich fast stärker als vorher. Vielleicht kippt das in den kommenden Tagen noch, damit rechne ich, aber bisher ging es mir eher so. So nach dem Motto „Was mich nicht umbringt, macht mich härter“. Ich schaffe es erstaunlicherweise sogar, mir selbst sozusagen „mental auf die Finger zu hauen“, wenn ich beginne, mit meiner dämlichen Sekundenentscheidung zu hadern. Passiert ist passiert, also heisst es die Folgen akzeptieren und den selben Fehler nicht noch mal zu machen.

Der Unfall hat mich für die Wichtigkeit der Hilfeleistung am Unfallort sensibilisiert. Unterlassene Hilfeleistung ist eine Straftat, und das meiner Ansicht nach völlig zu Recht. Man kann, so hilflos und überfordert man sich fühlen mag, angesichts eines verletztes Unfallopfers, immer irgendwas tun. Und das ist fast immer besser als nichts. Für mich war es psychologisch wichtig, dass jemand da war, der mir half. Und auch die Verbände meiner Ersthelferin, so wenig professionell sie auch ausgeführt waren, waren psychologisch eine Hilfe, weil sie mir das Gefühl gaben, bereits behandelt worden zu sein und meine Wunden verdeckten. Deswegen kann ich nur an alle inklusive mich selbst appellieren, im Notfall immer zur Hilfe bereit zu sein. Und das möglichst nicht nur, weil das Gegenteil strafbar ist, sondern als Pflicht am Mitmenschen.

Ebenfalls beeindruckt haben mich die Profis in der Notaufnahme. Der der deutschen Sprache nicht mächtige Mann und die taubstumme Frau haben mir einen Einblick gegeben, womit diese Leute tagtäglich konfrontiert werden können, und das war sicherlich noch lange nicht das Schlimmste. Natürlich ist das ihr Job, natürlich sind sie dafür ausgebildet, aber letztenendes sind es auch nur Menschen, die da ihre 12-Stunden-Schichte zwischen Schweiß, Blut und Urin abreißen und immer professionell bleiben müssen. Das ist schon was anderes als der Büromensch, der seine Tage in einer Bank damit verbringt, Geld mit einer virtuellen Schaufel von einem Haufen auf einen anderen zu schichten – und dafür meist auch noch viel besser bezahlt wird. Oder auch was anderes als ich Pixelschubser und Codezeilenklempner.

Folgen
Gut, von den Verletzungen werde ich vermutlich noch Wochen etwas haben. Die Reparatur meines Rades wird nach meiner Schätzung wieder 200+ Euro kosten und auch mindestens ne Woche dauern. Plus eventuelle Komplikationen mit BOC… im Prinzip bin ich wegen des Kettenblattes immer noch sauer, habe aber auf die Schnelle keine Alternative für die erneute Reparatur gesehen. Das Ganze hat leider noch, und das ist eigentlich das Schlimmste für mich an der ganzen Sache, eine andere Folge. Vielleicht ist der eine oder andere darauf gekommen, dass die Radtouren nach Münster und Bremen nicht nur alleine aus Spaß- und Fitnessgründen stattfanden, sondern dass es Test und Vorbereitung von Material und mir selbst für meinen kommenden Urlaub war. Der Plan ist – oder war – mit dem Rad von Prag aus nach Cuxhaven zu fahren, den größten Teil entlang der Elbe. Nicht mit Zelt im Gepäck, vielmehr habe ich vor Wochen schon in stundenlanger Planung die Etappen ausgesucht und sämtliche Hotels gebucht. Außerdem habe ich meine alten Packtaschen durch neue ersetzt und mir ein Fahrradnavi bestellt. Der Urlaub ist lange angemeldet. Es sollte am 21. August losgehen. Ich glaube nicht, dass sowohl ich als auch mein Rad in dieser Zeit wieder ausreichend fit werden. Je schneller ich storniere, desto größer ist die Chance, noch möglichst viel von meinem bereits via Expedia.de gezahlten Geld an die Hotels wiederzubekommen. Ich wollte das eigentlich gestern, nach dem Kostenvoranschlag von BOC und der Meldung, wann man welche Ersatzteile bekäme, entscheiden. Aber der Anruf kam ja nicht, also rufe ich heute die Bande an und ziehe dann womöglich die Notbremse. Elender Mist – ich weiß nicht, ob ich jemals die Eier und Motivation haben werde, das noch einmal zu versuchen.

Es hätte allerdings auch etwas Positives an sich, den Urlaub zu stornieren. Ich könnte an einer Hochzeit teilnehmen, was mir eigentlich auch ziemlich wichtig wäre, aber ich habe es bei meiner Urlaubsplanung verbaselt. Auch eine Einladung zu einer Gartenparty von Kollegen könnte ich dann nachkommen.

Anstelle der Radtour fliege ich vielleicht ein Woche nach London oder Rom oder… was weiß ich. Mal sehen.

Angekommen

Worauf es ankommt: Ankommen. Und das habe ich, mit ein wenig Hilfe, dann ja doch aus eigener Kraft geschafft. Ich weiß, die Socken in den Sandalen sind ein modisches No-go. Ebenso wie die „sexy Hose“, die ich für das Bild ein letztes Mal angezogen habe. Aber die Rückseite zeige ich Euch nicht – wollt Ihr eh nicht sehen…

So, das wäre meine kleine, teilweise leider traurige Geschichte. Vielleicht habe ich in ein paar Wochen hier wieder interessante Urlaubseindrücke für Euch. Wer weiß. Bis zum nächsten Mal.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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3 Responses to Bei der Hausärztin, beim Fahrradladen, zurück am „Tatort“, Fazit, Folgen

  1. Avatar von Jürgen Jürgen sagt:

    Na da bleibt mir ja nur gute Besserung zu wünschen und klar wirst du noch einmal die Eier und die Motivation haben das durchzuziehen. Coole Urlaubsidee. Darauf wäre wir nicht gekommen. Wobei ….Marco war ja fast dran .. Mit dem Fahrrad durch Vietnam oder so…. Also bis demnächst beim Subway ….

    • Avatar von michikarl michikarl sagt:

      Danke Jürgen. Na, mal sehen. Immerhin habe ich sämtliche Hotels im Ordner. Ich müsste also nicht ganz von vorne anfangen. Die Idee habe ich übrigens aus „Mobil“, dem Magazin der Bahn. Der Elbradwanderweg soll sich halt lohnen. Tja, Prag, Magdeburg, Lutherstadt Wittenberg… All die schönen unique captures, die mir da entgehen…

  2. Avatar von satayspiess satayspiess sagt:

    Hatte mich schon gewundert über den Schwarzen Weg, war ich mir doch sicher du würdest in einem Weg hoffnungsvollerer Farbe wohnen. Aber das Rätsel hat sich ja nun gelöst. Ich bin froh, dass dir nicht mehr passiert ist. Wie du schon selber geschrieben hast, hätte das viel schlimmer ausgehen können!
    Natürlich ärgerlich wegen dem bereits durchgeplanten Urlaub. Hoffentlich kannst du alle Buchungen stornieren und bekommst dein Geld zurück. Aber wie mein Vor-Kommentator schon schrieb: Klar ziehst du das halt ein anderes Mal durch! Wer weiß wofür es gut ist. Wahrscheinlich werden wir Dauerregen haben und die Elbe wird überall über die Ufer treten, so dass du den Weg sowieso nicht hättest fahren können.
    Rom ist eine tolle Stadt! London kenne ich nur aus der Luft und hörte, dass es ziemlich teuer sein soll. Aber egal wofür du dich entscheidest: du wirst dich dort verständigen können! 🙂

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