Tag 9 – Die Facetten des Lebens, Schlumpfengrüße und eine verhinderte Stadtführung

Der Tag sollte um 7:15 Uhr beginnen. Eigentlich. Aber irgendwie auch doch nicht. Ich kläre das einleitende Gestammel sogleich auf. Der Wecker war auf 7:15 Uhr gestellt, ich war schon vorher wach, aber der Wecker war versehentlich nicht scharf, und ich schlummerte bis 7:22 Uhr. Ups, Frühsport um 7:30 Uhr, das wird eng. Also schnell in die Sportklamotten und ab in den Keller zur Turnhalle, wo man sich schon warm lief. Nach den Dehn- und Gleichgewichtsübungen ging ich zur Sporttherapeutin, um mich nachträglich anwesend zu melden. Sie sah auf ihre Liste und meinte „Sie haben heute gar keinen Frühsport. Sie bekommen allenfalls ein Fleißsternchen.“ Waaaas!? Ich bin nun echt kein Freund des Frühsports, aber ich sah auf den Therapieplan – das ist erst morgen. Mist! Und zu allem Übel also morgen erneut!

Der Therapieplan, den ich in den vorigen Artikel für heute eingestellt habe, ist in Wirklichkeit der für morgen. Und ich habe es nicht mal gemerkt. Aber was hilft’s. Also erst einmal frühstücken, noch in Sportklamotten und unter Zeitdruck, denn sogleich folgte um 8:30 Uhr der nächste (bzw. eigentlich erste) Termin des Tages, ein Gesundheitsvortrag, den meine „Hausärztin“ hielt. Es ging um die Gesundheitsversorgung in Deutschland, welche Institutionen es gibt die in welchen Fällen helfen und welche dieser Institutionen bzw. Maßnahmen von den Krankenkassen und welche von Bundesversicherungsanstalt für Arbeit finanziert werden. Ich hatte das mit „man muss hier vier Vorträge hören“ wohl falsch verstanden (es kam mir auch wenig vor, gemessen an der Zeit, die man hier ist und der Anzahl der Vorträge, die angeboten werden, es gibt eigentlich jeden Tag welche, manchmal sogar zwei). Man soll wohl vier Vorträge zu jedem Thema hören. Naja… so genau nimmt das auch keiner wirklich, weil die Anwesenheit hier nicht festgestellt wird.

Achtung, Ingress-Absatz!
Nach dem Vortrag hatte ich mehr als eine Stunde Zeit ging ich zum Kreisel, meine Portale dort besuchen. Leider ging gar nichts, ich konnte nicht hacken. Ich fragte die hiesige Community, ob die ähnliche Erfahrungen machten. Einige hatten auch Probleme, und irgendwelchen Webseiten zufolge gab es wohl Bundesweit Probleme. Auch in der heimatlichen Community in Osna meldeten einige Schwierigkeiten. War aber ganz seltsam, weil das völlig unabhängig von Standort, Provider oder Handymodell aufzutreten schien. Jedenfalls machten sich so einige (und auch ich) Sorgen um unsere Sojourner-Medal – ohne Hacks würden die bisherigen 13 Tage halt verfallen, und man müsste wieder von vorne anfangen.

Grummel… bisher war es nicht mein Tag. Das Wetter war auch nicht besonders, neblig und kalt.

Wieder in der Klinik ging es alsbald zum ersten „echten“ Sporttermin des Tages, um 11:15 Uhr war Fitnesstraining angesagt. Ich erzählte der Sporttherapeutin, dass ich von der anderen Therapeutin die Geräte für die unteren Extremitäten verboten bekommen habe. Sie war aber anderer Meinung, ich sollte die ruhig machen, aber vorsichtig, nur soweit, dass es nicht zu Schmerzen kommt. Also machte ich diesmal den ganzen Zirkel mit, und das war auch viel befriedigender als halbe Sachen. Aber mal sehen, vielleicht gehe ich auch mal über die komplette Zeit nur aufs Ergometer oder so.

Gib niemals auf!

Keine Ahnung, ob das auch eine Patientenarbeit ist… eigentlich sieht es dafür zu professionell aus. Erinnert mich irgendwie sinnbildlich an das Ringen von uns „Fröschen“ um die Innenstadt in Elberfeld… Hatte schon überlegt, dem Storch eine Schlumpfenmütze auf den Kopf zu montieren.

Nach dem Training gab es Mittagessen, wieder in Sportklamotten und ungeduscht. Denn erstens war keine Zeit zum Duschen, und zweitens stand nach dem Mittagessen noch Walken an. Es gab einen Auflauf mit Gulasch, war sehr lecker, wie ich fand. Und natürlich Salat.

Achtung, Ingress-Absatz!
Ich hatte dann noch die Zeit, nochmal zum Kreisel zu gehen, um meine Sojourner-Medal zu retten. Zum Glück waren offenbar alle Störungen inzwischen beseitigt, es klappte.

Anschließend also Walking. Ja was nun? Therapeutin A hatte mich aus dem Verkehr gezogen, aber das wusste ja Therapeut B nicht. Also musste ich auf jedenfall hin und mich anwesend melden. Was ich auch tat. Therapeut B war genau wie Therapeutin C (die mich alle Fitness-Geräte hat absolvieren lassen) anderer Meinung als Therapeutin A: Nicht die Übung komplett absetzen, sondern eben in einem verträglichen Bereich absolvieren, d.h. beim Walken eben ggf. langsam. Ich wählte von vorneherein die langsame Gruppe. Der Therapeut beobachtete mich, wies mich auf meine Schonhaltung hin und ermahnte mich, gleichmäßig abzurollen. Leider habe ich mir schon lange einen humpelnden, unregelmäßigen Gang angewöhnt, der nicht gut ist. Um da rauszukommen muss ich mich beim Laufen schon sehr konzentrieren. Das übte ich halt beim Walken. Nicht so einfach. Es war auch halt nicht so angenehmes Wetter, und ich freute mich darauf, endlich zu duschen und aus den Sportklamotten rauszukommen.

Zurück in der Klinik ging es dementsprechend unter die Dusche. Anschließend war um 15:00 Uhr Gestaltungstherapie angesagt. Es reichte noch für einen Cappuccino vorher.

Bei der Gestaltungstherapie gab es diesmal keine Einzel-, sondern eine Gruppenaufgabe. Es gab einen riesigen Papierstreifen von der Rolle auf dem Tisch. Die Aufgabe war, „die Facetten des Lebens“ darzustellen, als Gruppenarbeit. Dafür war eine Dreiviertelstunde zur Gestaltung, und eine Dreiviertelstunde für die Reflexion vorgesehen. Also begann erst einmal ziemlich chaotisch ein Brainstorming, wie wir das aufteilen wollten. Schließlich brachte ein Gruppenkollege da etwas Struktur hinein, indem er Optionen aus dem Brainstorming notierte und begann, das Gespräch zu leiten. Das war gut. Leider wurde es dennoch ungemütlich, weil ein Gruppenkollege sich komplett ausklinkte, aber da möchte ich hier nicht so ins Detail gehen. Ich war auch nicht so gut drauf und hatte auch so meine Schwierigkeiten beim Vorgespräch und auch bei der Umsetzung. Aber belassen wir es dabei, ich mag hier im Blog nicht so gern zu viel erzählen, was so persönliche Auseinandersetzungen angeht. Wie auch immer, ich hatte mit einem Gruppenkollegen die Facetten „Wut, Hass, Hunger“ umzusetzen, danach fühlte ich mich auch gerade. Wir haben das meiste als Collage gestaltet. Leider gab es fast nur Frauenzeitschriften. Ich brauchte eigentlich U-Boote und Kampfflugzeuge, aber es gab nur Flolene Silberfisch und so. Also musste ich meine Symbole der Aggression selbst malen. Wie auch immer, ich war die ganze Zeit nicht sehr glücklich. Wir hatten ein bisschen Zeitdruck in der Umsetzung, weil wir im Vorfeld zu lange diskutiert hatten, erinnerte mich an einen typischen Projektverlauf bei der Arbeit. Wir bekamen noch etwas mehr Zeit, aber dann war Schluß, und es wurde jedem die Frage gestellt, „was es denn jetzt mit uns gemacht hat“ – ist schon blöd und klischeemäßig, aber diese Frage kommt tatsächlich manchmal. Genauer gesagt ging es um die Diskussionsrunde vorher, und was wir dabei so gefühlt hatten. Jeder durfte auch die Aussage verweigern. Ich tat es nicht, konnte aber auch nicht so wirklich beschreiben, was mir eigentlich so sehr über die Leber gelaufen war und verzettelte mich in zu viele Worte. Natürlich war das Verhalten des Kollegen, der sich ausgeklinkt hatte, ein Thema. Wie auch immer, es war geschafft und wir verließen den Werkraum.

Ich hatte bis zur nächsten Veranstaltung mehr als eine halbe Stunde Zeit, genug für einen weiteren Cappuccino und ein Stück Gebäck in der Lobby. Als nächstes stand ein Vortrag „Soz. Medizin 1&2 an.“ Der wurde von einer der beiden Damen vom sozialen Dienst vorgetragen. Es war endlos langweiliger Behördenkram. Wie man einen Behindertenausweis beantragt, wer das machen kann, welche Vorteile damit einher gehen können, was die Unterschiede zwischen Behindert und Schwerbehindert sind etc. Okay, für einige war es interessant, es wurden auch einige Fragen gestellt. Und ich denke mir, klar, es kann mich mal durchaus betreffen mit meinen Defekten. Aber wer weiß, wann, und dann habe ich die Namen der Verbände, die einem in so einer Situation helfen können, schon längst wieder vergessen. Eigentlich eher schon jetzt, wenn ich ehrlich bin. War also nicht so pralle.

Anschließend war Abendessen angesagt. Als ich gerade mein Tablett füllte, bekam ich eine Nachricht von zwei Leuten aus der hiesigen Frosch-Community, die, glaube ich, ein Ehepaar sind (zumindest haben sie Kinder zusammen). Die habe ich „in echt“ noch nicht getroffen, aber die haben mich schon mal irgendwann zu einer Stadtführung eingeladen. Und nun fragten sie mich, ob ich heute dabei sein wolle, man könne mich auch abholen. Ich sagte spontan zu, wir klärten meinen Standort, und ich fragte, wann die denn hier wären. Die Antwort war 15 Minuten, wenn der Verkehr es zuließe. Ich sagte, das schaffe ich, schlang mein Abendessen hinunter und ging in mein Zimmer, meine Jacke und einen Zusatzakku holen. Dann kam die Nachricht, man käme etwas später, der Verkehr sei schlimm. Danach die Frage, bis wann ich es nach Barmen schaffen könne. Ich antwortete, ich würde wohl mindestens eine Dreiviertelstunde brauchen. Das war dann zu spät, man würde um 19hundert starten. Hm. Ich war nur ein bisschen enttäuscht, mir ging das ohnehin alles zu hastig. Ich schrieb dann, ich würde da gerne mal teilnehmen, aber bitte mit etwas mehr Vorlaufzeit, weil ich hier nun einmal außerhalb („am Ar… der Welt“, wie die sich ausdrückten), wohne. Ich schrieb denen, dass man eine Klinik nun mal nicht neben die Bayer-Werke baut. Die entschuldigten sich und ich schrieb, gerne ein anderes mal, also alles gut, und ich konnte den Abend gechillt angehen.

Nun, das bedeutet also, den Blog schreiben und nebenbei mit ein paar Leuten chatten. Achja, ich habe meine Verwandten in Hemer angerufen und mit denen klargemacht, dass ich die von Ostersamstag bis Ostersonntag besuchen komme. Da bin ich dann also zumindest einen Teil von Ostern auch gut aufgehoben. Ostermontag ist hier, meines Wissens, ganz normales Programm, weil die Rentenversicherung zwei komplett freie Tage hintereinander hier nicht durchgehen lässt. Was natürlich bedeutet, dass das Personal da auch arbeiten muss.

Wie auch immer, das war also der heutige Tag. So richtig warm mit den Leuten bin ich noch immer nicht geworden, ein paar finde ich ganz sympathisch. Mit anderen habe ich wiederum so meine Probleme. Ein paar Leute, mit denen ich vielleicht mal ganz gerne was machen würde, haben schon ihre Cliquen, und ich möchte mich niemandem aufdrängen. Aber es kommt auch noch was anderes dazu: Ich bin gar nicht sicher, ob ich überhaupt so irre scharf drauf bin, hier mit den Leuten unbedingt was zu machen und Beziehungen zu knüpfen. Denn ich kann mich auch alleine beschäftigen, wenn ich viel Zeit habe, fahre ich nach Wuppertal oder sonst wohin und spiele Ingress und treffe mich mit anderen Spielern. Ich frage mich… will ich hier nur Leute kennenlernen, weil man das von mir erwartet? Auch ich selber? Ich hab hier den ganzen Tag die Leute um mich herum, da mag ich abends meine Ruhe, bisschen bloggen und chatten. Daher habe ich keine Lust, irgendwas zu forcieren. Wenn sich etwas ergibt, gut – aber auch sonst komme ich klar. Beschäftigen kann ich mich immer – ich kann lesen, schreiben (Blog oder Karten und Briefe), ich hab was zum Basteln dabei und kann in der Stadt immer Ingress zocken. Mehr brauche ich nicht unbedingt. Und dann stelle ich mir die Frage… würden solche Klinik-Beziehungen über die Klinik-Zeit hinaus halten? Will ich das auch eigentlich? Ich habe jetzt schon viele Bekannte und Freunde, ich brauche nicht unbedingt mehr. Und Beziehungen nur für die Klinik-Zeit? Will ich das? Ist das nicht den jeweiligen Leuten gegenüber unfair?

Ach, ich mach‘ mir einfach zu viele Gedanken. Ich nehme es einfach, wie es kommt. Morgen kommen neue Leute in die Gruppe. Diejenigen, die bald abreisen, werden noch dabei sein.

Schlumpfenkarte

Grummel… man will mich fertigmachen! Nein, mal wirklich… ich habe mich sehr gefreut! Vielen Dank und ganz liebe Grüße an den ganzen Chor. Die Karte hängt jetzt neben einem „Werk“ von mir aus der Kunsttherapie an meinem Magnetstreifen.

Achja, heute habe ich eine liebe Karte vom Chor bekommen. Vielen Dank an Bärchen für die liebevolle Gestaltung. Aber es hätte gerne eine GRÜNE Karte mit weniger Schlümpfen und mehr Fröschen sein dürfen!!!

So, hier (nochmal, aber jetzt in echt) der Therapieplan für morgen:

07:30 Uhr – Frühsport

09:30 Uhr – Therapeutische Gruppe

13:00 Uhr – Patientenforum

14:00 Uhr – Sport und Bewegung

15:30 Uhr – MAT Gruppe

19:00 Uhr – Wochenendplanung

Kacke, schon wieder Frühsport. Deswegen muss ich auch bald mal ins Bettchen.
Bis bald.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Responses to Tag 9 – Die Facetten des Lebens, Schlumpfengrüße und eine verhinderte Stadtführung

  1. Avatar von das Bärchen das Bärchen sagt:

    Ich habe eine Kröte (also einen großen dicken GRÜNEN Frosch!) gerettet. Sie wollte nicht, aber ich hab sie gezwungen!!! 🙂

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