Tag 14 – „… und dann machen Sie ein Häufchen in die Hand.“

Der heutige Therapieplan:

07:00 Uhr – Frühsport

09:30 Uhr – Einzel-Physio

11:00 Uhr – Walking

13:00 Uhr – PMR-Gruppe

13:30 Uhr – Depressionsgruppe

15:15 Uhr – Visite

15:30 Uhr – SINA/TAF

Aufstehen war heute um 6:20 Uhr angesagt. Ich hatte ja vor dem Frühsport noch die Wäsche einzusammeln, also ging ich den lagen Weg in die Waschküche, holte meine Wäsche mit einem hauseigenen Wäschekorb ab und brachte diesen dann wieder zurück. Um alles zusammenzulegen hatte ich nicht die Zeit, ich hatte ja um 7:00 Uhr Frühsport.

Dieser war nicht weiter erwähnenswert, halt die üblichen Aufwärm- und Dehnübugen, nichts, was ich nicht schon mal hier gemacht hätte. Und natürlich mit den üblichen Problemen dabei.

Ich hatte etwas mehr als eine Stunde Zeit, und überlegte, meinen täglichen Spaziergang zum Kreisel zu machen. Aber als ich draußen war, überlegte ich es mir anders und legte mich noch für eine knappe Stunde auf’s Ohr.

Wegen meiner Hüft- und Knieprobleme hatte ich dann einen Einzel-Physio-Termin. Da hieß es „Hose runter“, und die Sporttherapeutin knetete und zerrte sowohl in stehender als auch liegender Position an mir herum. Wie es aussieht, habe ich auch eine beginnende Arthrose in beiden Knien. Das hat mich nicht besonders geschockt, weil ich das kaum anders erwartet habe. Es gab ein paar Tipps für Übungen, und es wird noch – wenn ich mich recht erinnere – mindestens drei weitere Einzeltermine geben. Erst habe ich gedacht, Mist, mehr Termine… aber dafür bin ich ja da. Und da hier das meiste in der Gruppe standfindet, fand ich es auch irgendwie richtig gut, dass ich da mal eine Therapeutin eine Weile für mich alleine hatte wobei es nur um mich ging.

Wieder etwas Zeit, diesmal machte ich den Weg zum Kreisel. Vor der Tür stand eine Gruppe Raucher und rauchte. Eine Frau, mit der ich zusammen am Tisch sitze, meinte, ich solle doch mal endlich mein Handy an die Wand werfen, es sei ja kein Wunder, dass ich bekloppt sei. Hm. Das gab mir schon zu denken (nicht das erste Mal…), wie blöd es ist, jeden Tag wegen einer blöden, virtuellen Medaille, die ich nicht mal für das nächste Level bei Ingress brauche, jeden Tag diesen Spaziergang zu machen. Andererseits… das ich meine Sache. Man kann es auch so sehen: Diese Frau gibt Geld dafür aus, bei jedem Wetter mehrmals täglich vor der Tür ihre Gesundheit zu ruinieren, ich mache jeden Tag einen 1,6 km langen Spaziergang. Das soll doch jeder mal selbst überlegen, was bescheuerter ist.

Grüne Häkelmedaille

Nun, originell, aber das ersetzt nicht die echte Sojourner… und außerdem brauche ich die nicht in Grün, sondern auf die Dauer in onyx und sechseckig,

Später am Tag bekam ich von ihr eine grüne, gehäkelte Medaille mit einer 1 drauf um den Hals gehangen, mit den Worten, ich müsse dann ja nicht mehr täglich zum Kreisel gehen. Lustige Idee. Ich überlege, ihr anzubieten, jeden Tag, an dem sie aufs Rauchen verzichtet, auf meinen Kreisel-Spaziergang zu verzichten.

Um 11:00 Uhr war Walking angesagt. Da ich merkte, dass ich meine Indoor-Schuhe anhatte, rannte ich noch mal schnell auf’s Zimmer, um die zu tauschen. Als ich wieder runter kam, hatten schon alle Stöcke und waren im Aufbruch – gut, dann ohne Stöcke heute. Die langsame Gruppe führte heute die Therapeutin, die mich vormals beim Walken aussortiert hatte. Aber sie fragte nur, ob das so okay sei bei mir, und ich erzählte ihr von meiner Einzel-Physio und der Meinung der anderen, und dann beließ sie mich in ihrer Gruppe. Ich trage ihr auch nichts nach, es ging ja nur um ihre fachliche Meinung, nichts persönliches. Wir machten langsame ca. 3 km bergab und dann bergauf, danach freute ich mich auf Dusche und Mittagessen.

Nach dem Mittagessen (ich hatte ausnahmsweise die vegetarische Variante, Kaiserschmarrn mit Vanillesoße, gewählt, war lecker) hatte ich PMR-Gruppe (progressive Muskelentspannung). So richtig mein Ding ist das nicht, wenn es um Entspannungstechniken geht, ist mir bisher Autogenes Training lieber.

Weiter ging es zur Depressionsgruppe. [redacted]

Es folgte die wöchentliche Visite meiner hiesigen „Hausärztin“. Die fragte nochmal nach dem Stand meiner Gräten, ließ mich dann selbst noch mal die Hosen runterlassen, fummelte ein wenig am Fahrwerk herum, diagnostizierte dasselbe wie die Sporttherapeutin aus der Einzel-Physio und entließ mich wieder.

Danach hatte ich in der Gruppe eine Einheit SINA/TAF. SINA bedeutet Sinnesaktivierung und TAF bedeutet Training arbeitsrelevanter Fähigkeiten. Eigentlich zwei völlig unterschiedliche Sachen, keine Ahnung, warum die zusammen liegen. Tun sie auch nicht, wenn ich richtig verstanden habe aus einem gegenwärtigen Mangel an Ergotherapeuten in der Klinik oder so, jedenfalls haben wir entweder SINA oder TAF. Heute hatten wir SINA.

Das Thema war „Der Weg unter die Haut“. Die Therpeutin erläuterte grob die drei Hautschichten, die Funktionen der Haut, und dass ein Erwachsener etwa zwei Quadratmeter Haut habe, die ca. 10 kg wöge. Sie sagte, dass das Fühlen lebenswichtig sei, und zwar schon ab der Geburt. Die ersten Sinneseindrücke erlebt man vor allem über die Haut, und diese sind absolut notwendig zur Synapsenbildung. Neugeborene, die komplett nicht berührt werden, sind bei abscheulichen Versuchen gestorben.

Jeder der Gruppe wurde nach dem gefragt, was man am allerliebsten äße und danach, was man am allerliebsten mache – egal ob heute oder früher. Dann wurde die Gruppe gefragt, wie lange es her sei, dass man das Gericht gegessen habe und der Lieblingsaktivität nachgegangen sei. Es ging darum, dass wir oft durch Einschränkungen wie körperliche Gebrechen oder aus reiner Bequemlichkeit anfangen, dass zu vernachlässigen, was wir eigentlich am liebsten tun oder essen. Teilweise wäre das gar nicht nötig, aber wenn wir einmal damit angefangen haben, dann nehmen wir uns das selbst immer mehr weg. Die Therapeutin beschrieb, wir lassen immer mehr Dunkelheit in unser Leben, die und immer mehr Licht nimmt. Auch wörtlich, wenn wir z.B. immer weniger rausgehen und nur noch auf dem Sofa säßen. Das mutete ein wenig mystisch an, war aber ja nur Metapher.

Vor jedem Teilnehmer lag ein blauer Zettel, der dann umgedreht wurde, und auf denen Dinge wie „Da wird mir warm/kalt ums Herz“, „Es läuft mir kalt den Rücken herunter“, „Das geht mir am Allerwertesten vorbei“ u.ä. standen, und die Gruppe wurde nach Erfahrungen dieser Gefühle und nach dem Auslöser gefragt.

Zuletzt gab es eine Erfahrungsübung: Jeder mischte ein wenig Zucker mit ein wenig Öl in einem kleinen Schälchen. Nach den Anweisungen der Therapeutin „Jetzt macht jeder ein kleines Häufchen in die Hand“ (was für unerwünschte Heiterkeit sorgte, weil eigentlich Mund halten und höchste Konzentration auf die Sinneseindrücke gefragt waren) rieben wir uns mit der Paste die linke Hand und den linken Unterarm ein und massierten das Ganze eine Weile. Man mag die Zweckentfremdung von Lebensmitteln beklagen, es gibt dafür eigens Pülverchen und spezielle Öle. Aber: Die Variante mit Speiseöl und Salz oder Zucker ist nicht nur die kostengünstigste, sondern auch auf jeden Fall frei von sämtlichen Allergenen, was bei irgendwelchem teuren Kram mit Düftchen und so weiter nicht der Fall ist. Am Ende wuschen wir uns Hände und Unterarme. Der Zucker klebt nicht, weil er ungelöst bleibt. Danach sollten wir das Gefühl (insbesondere den Unterschied zwischen dem behandelten und dem unbehandelten Unterarm) prüfen und beschreiben.

Fakt ist, dass sich die Haut am behandelten Arm bei mir hinterher ungeheuer weich und zart anfühlte, weniger rau als auf der anderen Seite. Was wir gemacht haben, war nichts anderes als ein Peeling, bei dem wir alte Hautschuppen entfernt haben. Ich mochte die Panscherei nicht besonders, aber das Gefühl hinterher war schon bemerkenswert. Einer aus der Gruppe fand es komplett doof und war da auch völlig ehrlich.

Nach dieser Übung war dann Feierabend, es war erst viertel nach vier oder so. Ich schrieb ein wenig am Blog, wollte noch Tee trinken und lesen, kam aber nicht wirklich dazu. Später schwänzten wir mit einigen Leuten das Abendessen, weil wir Pizza bestellten und futterten.

Später hatte sich eine Mit-Patientin, die ich mag, für den Fernseher im Aufenthaltsraum eingetragen (da kann man auswählen, was man für ein Programm gucken möchte oder den TV für Videos von einer Festplatte oder einem Laptop oder so nutzen). Sie hatte einen Film auf einer externen Platte, den wir uns mit meinem Laptop und dem Fernseher anguckten, so drei weitere Leute schauten mit uns.

Es war ein College-Film über eine weibliche a cappella Truppe, die gegen ein männliches Team im Rahmen eines Wettbewerbs konkurrierte. Nun, diese Filme folgen ja alle einem ähnlichen Schema, und so war die Handlung ziemlich vorhersehbar, aber die Musik war interessant. Besonders die Finalnummer des Frauenteams hat mir gefallen. Und der „Cup Song“.

Die Version im Film ist ja schon cool, aber diese hier finde ich eher noch besser:

Tja, nach dem Film war’s das dann auch… Ab ins Zimmer, Blogeintrag fertig schreiben und dann mal bald ins Bett. Morgen habe ich nur drei Termine:

08:30 Uhr – Indi Stress (Indi steht übrigens für „Indikation“)

10:15 Uhr – Fitnesstraining

13:15 Uhr – Kochgruppe

Wenn also nichts dazu kommt, gibt es einen frühen Feierabend. Und abends steht dann die Tour nach Bochum zu „Starlight Musical“ an. Ich bin gespannt.

Bis morgen.

Avatar von Unbekannt

About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
Dieser Beitrag wurde unter Wuppertal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Responses to Tag 14 – „… und dann machen Sie ein Häufchen in die Hand.“

  1. Pitch Perfect… naja, ist jetzt nicht mein Lieblingsfilm. Ein wenig nervig und quiekig… Der Cup-Song ist aber cool und natürlich weltweit bekannt (ich habe ihn in Taizé gelernt – zumindest den Rhythmus… nicht den Text).

  2. Avatar von Elisabeth Elisabeth sagt:

    Was man in Taizé so alles lernen kann… Ich habe mir die Videos gerade erst angeguckt (dabei sind wir aktuell schon bei Tag 19, aber ich war an Tag 14 wohl zu eilig oder zu müde…) und finde die Cover-Version auch sehr cool!

Hinterlasse eine Antwort zu Elisabeth Antwort abbrechen