Tag 25 – Brennnende Küken im Sauerland

Mein Wecker piepste dummdreist um 07:40 Uhr. Was fällt ihm ein? Ich pfiff auf das Frühstück und stellte das Mistding eine Stunde weiter. Bisher hatte ich mäßig geschlafen. Ich hatte meinen Magensäurehemmer zwischenzeitlich abgesetzt, bei der Ernährung und dem Alkoholverzicht in der Klinik dachte ich, auch ohne klarzukommen. Aber der späte Fisch von gestern wehrte sich mitten in der Nacht noch, und das war ziemlich ekelhaft.

Um 09:00 Uhr gab es einen Vortrag, der von einer Mitarbeiterin aus dem Sozialen Dienst hielt. Es ging um ein etwas seltsames Thema: Märchen. Zuerst wurde grundlegend über Bibliotherapie (Büchertherapie) gesprochen. Denn auch Bücher „machen etwas mit uns“. Märchen versinnbildlichen sehr viel, beispielsweise stehen Wege bzw. Weggabelungen als Bild für Entscheidungen. Märchenhelden sind Vorbilder, sie haben Vertrauen ins Leben, treffen mutig ihre Entscheidungen und machen im Verlauf der Geschichte Fortschritte, bis das Ziel erscheint. Märchen haben eine Funktion, in uns Ängste vor Gefahren oder auch vor eigenem Fehlverhalten zu wecken, aber auch Mut zu haben, Risiken einzugehen und Entscheidungen zu treffen (um sinnbildlich am Ende z.B. die Prinzessin zu heiraten). Wie auch immer, als Beispiel wurde dann die Geschichte vom Rotkäppchen als Beispiel in der Originalfassung von 1857 vorgelesen. Das war ganz angenehm, Augen zu und zuhören.

Anschließend wurde noch eine, wie ich fand, ziemlich abenteuerliche Deutung vorgetragen. Beispielsweite sollen dem Wolf Ziel und Entwicklung des Menschen ein Dorn im Auge gewesen sein. Häh? Ich hab immer gedacht, der hatte einfach nur Bock auf Oma rot-weiß mit lecker Rotkäppchen gehabt. Die Brüder Grimm würden wahrscheinlich mit 2.000 U/min. im Grabe rotieren, wenn sie das mitbekämen. Insgesamt war es ein seltsamer Vortrag, der für mich den Beigeschmack „na, irgendwas müssen wir ja heute anbieten, die Bundesversicherungsanstalt für Arbeit will das so“ hatte.

Anschließen warf ich ein paar Klamotten in meinen Rucksack, wünschte ein paar Mit-Patienten schöne Ostern und ging zum Kreisel. Das Timing war recht eng, ich wollte gerne noch im fünf Minuten zu Fuß vom Kreisel entfernten Gartencenter ein blumiges Geschenk für meine Verwandten im Sauerland erstehen. Aber es klappte. Ich kaufte ein kleines Körbchen mit einem Pflanzenarrangement, ließ es verpacken, bekam noch ein kleines Blümchen im Pott als Oster-Dreingabe und war mit fünf Minuten Puffer an der Bushaltestelle für die 602 zum Bahnhof Oberbarmen.

Dort angekommen hatte ich noch eine knappe halbe Stunde Zeit, die ich zum frühstücken (Käse-Schinken-Brötchen, Latten-Kaffee und eine Vanillemilch nutzte. Dann stieg ich in eine Regionalbahn nach Hagen Hbf. Ich war erst nicht sicher, den richtigen Zug erwischt zu haben, der hatte eine andere Nummer und ein anderes Ziel und eine andere Abfahrtszeit als der, den mit die DB-App angezeigt hatte, aber lt. Anzeigetafel am Bahnsteig sollte der nach Hagen fahren. Tat er dann auch.

In Hagen hatte ich, weil der vorangegangene Zug früher da war, eine gute Viertelstunde Aufenthalt, die ich nutzte, um vor dem Bahnhofsgebäude noch vier unique visits abzugreifen. Dann stieg ich in den Zug nach Iserlohn. Auf der Anzeigetafel stand etwas von Baustelle, Zugteilung und Schienenersatzverkehr. In Letmathe sollte der Zug geteilt werden, ein Teil würde nach Iserlohn fahren, der andere nach Siegen, und ich war mir nicht sicher, ob ich im richtigen Zugteil saß. Kurz vor Letmathe wurde das aber per Durchsage sehr gut durchgesagt, und ich saß schon im richtigen Zugteil. Ich gelangte also pünktlich zum Bahnhof Iserlohn, wo mich meine Verwandten ebenso pünktlich vom Gleis abholten.

Wir fuhren dann so 20 Minuten bis zum Haus meiner Verwandten. Die wohnen in einem sehr alten, wenngleich schön neugestalteten Haus, in dem mein Mutter und ihr Cousin (mein Onkel 2. Grades) zusammen aufgewachsen sind. Dieses liegt sehr schön am Waldrand. Seitdem es hier keine Hunde mehr im Haus gibt, wagen sich die Rehe in der Schonzeit auf Sichtweite heran, und man kann sie vom Fenster aus beobachten. Als wir den Weg hochfuhren, sprang uns gleich ein junges Tier aus dem Weg.

Ich möchte noch erwähnen, dass meine Schwester und ich früher als Kinder schon immer gerne hier gewesen sind. Das große Haus mit dem Wald ringsherum und vor allem auch die herzlichen Gastgeber hier mit ihren damals noch jungen Kindern waren immer ein beliebtes Ziel für Familienbesuche. Dennoch bin ich jetzt zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren wieder einmal hier, und es ist schön, alles wieder zu entdecken, aber auch einige Änderungen seit früher zu besichtigen.

Waldblick

Blick aus meinem Zimmerfenster bei den Verwandten im Sauerland.

Nach der Ankunft heizten wir den Kamin an, und es gab Mittagessen in der Kaminecke. Anschließend zogen wir uns zur Mittagsruhe zurück, und ich schrieb den Beitrag bis hierher.

Brennende Küken

Tja, Pech für das Nachwuchs-Geflügel: Kaum geschlüpft, schon angezündet. Rechts ein noch unangezündetes Küken zum Vergleich.

Man klopfte an meine Tür, und rief zu Kaffee und Kuchen. Lecker. Hier geht es mir gut. Im Scheine einiger traulich brennender Küken (siehe Bild) ließen wir uns Philadelphiatorte und Schokokuchen schmecken.

Felsenmeer

Dies ist nur ein kleiner Teil der riesigen, zerborstenen Felsen des Felsenmeeres bei Hemer.

Ich fragte, ob man nicht einen kleinen Spaziergang machen wolle. Mein Onkel ist nicht mehr ganz so gut zu Fuß, aber wenn man sich nicht allzu schnell bewegt, kann man noch immer Strecke machen. Wir fuhren nach Deilinghofen zum „Felsenmeer„. Das ist ein Waldstück, in dem riesige Felsbrocken herumliegen. Anlässlich einer Landesgartenschau wurde das Ganze schön gestaltet, Wege neu gemacht und eine Brücke mittendurch gebaut. Es gibt eine Sage, nach der das Felsenmeer entstanden ist, nachdem ein Zauberzwerg über den Riesen, die hinter seinem Reichtum her waren eine Höhle hat einstürzen lassen.

Es ist tatsächlich nicht ganz ungefährlich dort, man sollte sich nur auf den ausgezeichneten Wegen aufhalten, da es viele, teilweise von Laub bedeckte Felsspalten gibt. Es hat dort schon Todesfälle gegeben. Also ist es nur allzu verständlich, dass mein Vater vor vielen Jahren nach Erzählungen meiner Verwandten hier früher mal nicht so glücklich darüber war, dort alleine mit allen vier Kindern aus beiden Familien dorthin einen Ausflug zu machen. Ich erinnere mich an die Geschichte allerdings selbst nicht mehr, allerdings schon daran, dass ich einmal als Kind dort gewesen bin.

Baumbogen

Dies gehört zum naturbelassenen Teil des Felsenmeers. Von diesen Baumbögen waren mehrere zu sehen. Die Inschriften im Baum rechts sind teilweise schon Jahrzehnte alt.

Wir hatten wirklich Glück mit dem Wetter, wir waren deutlich vor 18:00 Uhr losgekommen und konnten noch bis 19:00 Uhr bei Tageslicht spazieren gehen, und die tiefstehende Sonne tauchte die Landschaft in ein besonders warmes Licht. Mein Onkel war sehr begeistert, dass er sich hat motivieren lassen, weil der Spaziergang echt was für die Augen bot.

Weg am Waldrand

Ein Weg am Waldrand unmittelbar am Felsenmeer. Man beachte das „schöne Licht“.

Nach dem Spaziergang fuhren wir zurück zum Haus meiner Verwandten. Unterwegs musste meine Tante, die fuhr, einmal stark in die Eisen steigen, weil schon wieder ein Reh auf der Straße stand.

Zurückgekehrt bestückte ich den Kamin neu, während Onkel und Tante in der Küche das Abendessen bereiteten, welches wir wiederum in der Kaminecke einnahmen. Es gab Goulasch, Kartoffeln und Rotkohl und mundete prächtig, insbesondere im Vergleich zum Abendbrot in der Klinik… Ich hatte eigentlich gar keine weitere, warme Mahlzeit erwartet.

Eierfeier

Eierfeier: Die von meiner Mutter jeweils in vierfacher Ausführung verpackten, österlichen Süßwaren wurden gerecht aufgeteilt. Das Bier habe ich getrunken, ist aber alkoholfrei, weil ich zur Zeit auf den Stoff verzichte.

Anschließend lasen wir die Karten meiner Mutter, die sie zu Ostern hierher geschickt hatte. Das dazugehörige Päckchen öffneten wir erst nach Mitternacht. Bis dahin klönten wir gemütlich in der Kaminecke und sahen eine Reportage über das Miniaturwunderland auf Youtube, weil ich den beiden den Besuch dieser Institution bei einem Aufenthalt bei meinen Eltern oder in Hamburg nahelegte. Nach null Uhr wurde das Päckchen meiner Mutter geöffnet und der Inhalt auf vier Parteien verteilt (und drei und die Tochter des Hauses, die in einer Woche hier zu Besuch kommen möchte). Vielen Dank an dieser Stelle an die edle Spenderin der edlen Eier und Lindt-Hasen! Achja, ich selbst bekam von meinen Verwandten auch was Süßes von Lindt, ein Piccolöchen M&M (für nach dem Klinikaufenthalt), eins von den Kücken-Teelichtern zum Anzünden, und ein Windlicht.

Schließlich war es schon nach 01:00 Uhr, und wir gingen langsam in Richtung Bett. Morgen wollen wir den 10:30 Uhr Gottesdienst in der Stadtkirche Iserlohn besuchen.

Bis morgen.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Responses to Tag 25 – Brennnende Küken im Sauerland

  1. Avatar von Elisabeth Elisabeth sagt:

    Bah, voll langweilig, dass man im Felsenmeer nicht mehr rumklettern kann! ich habe daran schönste Erinnerungen. Passi und René hätte das bestimmt auch sehr gefallen. Allerdings wäre ich es dann wohl, die Blut und Wasser schwitzte, wenn die dort rumkraxelten.

    Ach ja, Märchendeutung… hat man auch die tiefenpsychologische Variante ausgepackt? Da weiß man auch manchmal nicht so genau, wie die Gebrüder Grimm das wohl finden würden… Andererseits haben die die Geschichten ja nur gesammelt, die Motive sind ja schon lange mündlich weiter erzählt worden, Und wenn man Märchen aus anderen Kulturen liest, ist es schon verblüffend, dass bestimmte Motive unabhängig voneinander immer wieder auftauchen – der Schuh der Cinderella zum Beispiel. Da klingt die Vermutung nicht ganz unlogisch, dass sich gewisse menschliche Ur-Erfahrungen in bestimmten Symbolen verdichtet haben, die dann eben immer wieder auftauchen. Und abseits dieser tiefenpsychologischen Geschichte finde ich auf jeden Fall, dass Märchen Kindern mit ihrer eindimensionalen Erzählweise helfen können, die Welt zu Ordnen, erste Vorstellungen von Gut und Böse zu entwickeln, Mut zu fassen, ihren Weg zu gehen, etc.

    • Avatar von michikarl michikarl sagt:

      Ich bin nicht sicher, ob man tatsächlich gar nicht mehr klettern kann. Es gibt diesen Hochweg auf Stelzen, mit dem man mitten durch das Felsenmeer hindurch wandern und von oben gut sehen kann, aber es führt auch eine Treppe nach unten, so dass man dort auch herumstrolchen kann.

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