Tag 27 – Vanilliepudding zum Frühstück und die Nimm-2-Therapie

Der Wecker erfrechte sich, um 07:20 Uhr die Stille zu zerbrechen. Ich hatte ab 08:00 Uhr die Waschmaschine gebucht, und um 08:30 Uhr gab es einen Gesundheitsvortrag. Also duschen, rein in die Klamotten, Wäsche in den Rucksack und erstmal ab zur Waschküche durch den Gang unter dem Parkplatz. Die Waschküche ist im Keller von Haus vier. Haus vier steht etwas abseits, man gelangt durch einen langen, unterirdischen Gang dorthin. Daher muss ich irgendwie immer an die „Fünf Freunde“ denken, wenn ich da hindurchgehe…

Ich warf die Klamotten in die Trommel und ging frühstücken. Dort wartete noch ein von einer Ergo-Therapeutin gebastelter Papierhase mit einem Schoko-Artgenossen und Schoko-Eiern auf mich. Hm, sehr nett, aber ich glaube nicht, dass ich deswegen milde gestimmt in die nächste Gestaltungstherapie gehen werde… Aber ich werde mich trotzdem noch bei der Frau bedanken, kann sein, ich sehe die morgen bei SINA/TAF. Achja, und es gab eine riesige Schüssel mit Vanillepudding. Ich erfuhr, dass es am Tag zuvor Obstsalat mit Vanillepudding gegeben hatte, da war wohl noch irre viel von dem Vanillezeug übrig geblieben. Also nahm ich mir einfach ein Schüsselchen, ehe es weggeworfen wird…

Osterhasi

Tja, da hat eine fleissige Ergo-Therapeutin eine Menge Hasen für uns gebastelt. Und es ist sogar ein Schoko-Artgenosse darin…

Nach dem Frühstück versammelten wir uns im Vortragsraum. Ich war spät dran, was aber egal war, weil die Bildübertragung zum Beamer nicht funktionierte. Ein paar Berufene versuchten gerade, das in Gang zu bekommen, auch wurden alternative Laptops aus privaten Beständen herangeschafft. Ich hielt mich da raus, denn erstens fummelten da schon genügend Leute herum, und ich hatte auch absolut keine Lust dazu. Es war auch alles vergebens, also gab es diesmal keine Powerpoint-Folien.

Das Thema des Vortrags war Achtsamkeit. Achtsamkeit (englisch „mindfulness“) ist eine aus dem Buddhismus übernommene Technik, die simplifiziert zwei Punkte umfasst:

  1. Sei bei Dir selbst
  2. Sei im Jetzt

So simpel das klingt, so schwierig ist die Umsetzung. „Sei bei Dir selbst“ bedeutet, nehme Deine Sinneswahrnehmungen ganz bewusst war. Wie fühlt sich das Atmen im Körper an (den Atem zu beobachten ist eine Basisübung, die auch bei anderen Techniken wie beim Autogenen Training oder bei der PMR eine Rolle spielt), wie fühlt sich der Kontakt der Füße mit dem Boden an, wie der des Gesäßes zum Stuhl? Oder auch, wenn man z.B. im Wald spazieren geht, wie nachgiebig ist der Boden, was für Geräusche nehme ich wahr, was für Gerüche? Natürlich ist Konzentration wichtig, aber man soll sich gegen Gedanken nicht wehren, sondern auch diese wahrnehmen, beobachten, nicht bewerten… und wieder ziehen lassen. Hallo Gedanke, tschüss Gedanke. Das Ganze war mir nicht neu, ich habe schon einige Male an Übungsabenden teilgenommen, während ich in Psychotherapie war.

Nachdem uns die wesentlichen Informationen zum Thema gegeben worden waren, machten wir zwei kleine Übungen. Die erste ähnelte AT, das war so eine typische „Spühre-in-dich-selbst-hinein-und-beobachte-deinen-Atem“-Übung. Anschließend wurden Nimm 2 – Bonbons verteilt. Einige Mitpatienten steckten sich die sofort in den Mund, hm, nicht so schlau, es war doch klar, dass es um eine Übung ging. Allerdings beobachtete ich mich selbst, dass ich das Ding auch fast schon auswickelte, ohne darüber nachzudenken. Und das ist genau der Punkt: Achtsamkeit ist ein Schlüssel zum Genuss. Wenn wir uns die Schokolade gedankenlos und „nebenbei“ reinschieben, merken wir kaum, dass wir sie essen, geschweige denn nehmen wir den Geschmack in voller Intensität wahr. Dasselbe gilt natürlich auch für andere Genussmittel wie Alkoholika. Hm… während ich das schreibe, bekomme ich Lust auf … nicht auf Alkohol, sondern auf eine Zigarre. Denn das ist das, was ich tatsächlich am bewusstesten genieße. Nur sehr selten, und ich mache das nie nebenbei, sondern immer als Event an sich. Bei Alkohol ist das leider schon was anderes.

Wie auch immer, auf Kommando verschwanden die Nimm 2 in den Futterluken von uns Patienten. Wir sollten erst nur lutschen und den Geschmack und die Oberfläche des Bonbons wahrnehmen. Der Geschmack ist natürlich eine Mischung aus Süß und Sauer. Durch das Lutschen und Druck mit der Zunge verliert das Bonbon mit der Zeit an struktureller Integrität, und es bildete sich ein Spalt in der Oberfläche, den ich mit der Zunge wahrnehmen konnte. Schließlich sollten wir es zerbeißen. Dann kann man den zersplitterten „Trümmerhaufen“ in seinem Mund fühlen, der aber durch den klebrigen Kern des Bonbons trotzdem noch zusammengehalten wird. Dieser wiederum fühlt sich weich und verformbar und zäh an und hat einen anderen Geschmack als die Außenhülle des Bonbons. Man sieht: Wenn man möchte, kann man beim Konsum eines Nimm 2 Bonbons eine Menge Sinneserfahrungen machen und darüber viele Worte schreiben. Deswegen eignet es sich so gut für so eine Übung. Kann ja jeder selbst ausprobieren, einfach am besten Ruhe im Zimmer, Augen zu, und das Ding langsam und bewusst lutschen und kauen.

Anschließend gab es eine Feedback-Runde. Achtsames Verhalten war zuvor auch als Möglichkeit zur Entspannung zwischendurch am Arbeitsplatz propagiert worden. Zwei Leute opponierten ziemlich heftig, das sei an ihrem Arbeitsplatz nicht möglich, und man würde doch langsamer arbeiten. Im Nachhinein denke ich, das war eigentlich eine blöde Diskussion. Natürlich kann man nicht unbedingt während der Arbeit Achtsamkeitstraining praktizieren, genausowenig wie AT oder PMR. Es geht da eher um Pausen. Es wurde dann auch gefragt, ob man bei einer eher stumpfsinnigen Arbeit voll bei dem, was man tue mache oder in Gedanken woanders sein dürfe. Auch da dachte ich mir, na was ein Quatsch. Wenn ich was extrem langweiliges tue, was völlig automatisiert laufen kann und was ich nebenbei tun kann, ohne in Gefahr zu laufen, mich zu verletzen, dann gehe ich in Gedanken anderswohin. Dann geht die Zeit schneller rum. Ich hatte schon mal genauso einen Job, und das hat für mich hervorragend funktioniert. Da war meine Phantasiebegabte Denkdose echt ein Segen. Wenn ich jedoch genießen möchte, dann ist es sinnvoll, dass ich ganz bei mir und meinen Wahrnehmungen bin. Aber – mal extrem gesagt – es ist nicht unbedingt empfehlenswert, während man gefoltert wird (naja, mal etwas praxisnäher, sagen wir, beim Zahnarzt). Da kann man ruhig mal in Gedanken woanders sein. Ist doch eigentlich nicht schwer und ziemlich logisch, oder?

Nach dem Vortrag legte ich mich erst mal wieder hin, stand zwischendurch auf, um meine Wäsche von der Waschmaschine in den Trockner umzufüllen, legte mich wieder hin. Kurz vor dem Mittagessen wollte ich meine Wäsche aus dem Trockner holen, aber er wollte noch 14 Minuten haben. Damit kam ich ein wenig in Zeitdruck, weil ich ursprünglich unmittelbar nach dem Mittagessen mit ein paar Leuten zur Therme fahren wollte, und die wollten zeitig los. Ich klärte das, und auf zehn Minuten käme es dann doch nicht an. Aber beim Mittagessen ging ich so in mich und hatte doch keine rechte Lust, mitzukommen. Ich wollte mich lieber in aller Ruhe um meine Wäsche kümmern, und dann… ja, was eigentlich?

Nun, erstmal Mittagessen. Ich hatte ausnahmsweise Menü 3 gewählt, das ist die vegetarische Mahlzeit, in diesem Fall eine Gemüselasagne. Das war… nun, essbar. Nach dem Essen wollte der Trockner immer noch 11 Minuten haben. Inzwischen stand da schon jemand anderes, der den nutzen wollte, und ich hatte auch die Nase voll von leeren Versprechungen und öffnete die Trommel. Die Wäsche war auch trocken, also nahm ich sie mit und faltete sie in meinem Zimmer zusammen. Immerhin, das war geschafft. Und jetzt?

Ich ging erstmal mit einem Buch in den abseits gelegenen Teil der Lobby. Dazu hatte ich mir diesen Kaffee bereitet, den mir Freunde geschickt hatten, so ein Tütchen mit Kaffee in einem Filter, der sich so an der Tasse anbringen ließ, dass man da heißes Wasser drauf schütten konnte. Das funktionierte und war auch lecker, dazu ein Marzipan-Nougat-Ei, klasse.

Danach hatte ich aber leider zu nichts recht Lust. Die Therme hatte ich ja sausen lassen. Ich hätte einiges zu schreiben gehabt, auch einiges zu lesen, aber ich legte mich wieder ins Bett. Ich war einfach antriebsschwach. Richtig in die Socken, auch wenn ich nicht die ganze Zeit geschlafen hatte, kam ich erst zur Abendbrotzeit. Hm. Da wäre selbst eine Fahrt nach Elberfeld und Ingress spielen produktiver gewesen. Ich hatte mir die Auszeit einfach gegönnt, war aber hinterher doch unzufrieden mit mir.

Wasserturm

Wasserturm in der Nähe „meines“ Kreisverkehrs. Über 9 km Luftlinie entfernt gibt es in Elberfeld auf einem Stromkasten eine künstlerische Darstellung, die ein Ingress-Portal ist (genau wie der Turm selbst auch). Diese trägt dem Umstand Rechnung, dass das Teil entfernte Ähnlichkeit mit einem Cocktailglas hat. Ich habe ein Bild davon, weil ich davon einen Portalschlüssel habe. Ist natürlich gerade Level 8 blau – wie so viele Portale in Elberfeld. Übrigens lässt sich dieses Bild per Mausklick vergrößert darstellen. Wie fast alle Bilder in diesem Blog.

Achtung, Ingress-Abschnitt
Nach dem Abendessen machte ich dann meinen Sojourner-Spaziergang. Der Tag war im wesentlichen grau, aber trocken gewesen. Abends kam aber noch die Sonne durch, und ich wollte wenigstens noch ein paar Sonnenstrahlen mitnehmen. Am Kreisel sah ich wie immer die prägnante Struktur im Landschaftsbild, den großen Wasserturm. Der war mir natürlich schon bei der allerersten Fahrt zur Klinik nicht entgangen. Natürlich ist der auch ein Portal, aber etwas abseits von der Busroute 602. Daher war das noch ein Unique Visit und ein Unique Capture für mich. Ich peilte das Portal an, demnach war es ca. 350 m Luftlinie vom Kreisel entfernt. Da die Sonne noch einige Handbreit über dem Horizont stand, beschloss ich, hinzugehen. Aus unmittelbarer Nähe ist das schon ein ziemlich gewaltiger Koloss. Ich entschlumpfte das Portal, und auf dem Scanner tauchte schon das nächste an der Busroute 602 Richtung Oberbarmen Bahnhof auf. Okay, da ging ich auch noch eben hin. Das war blau, und auch vermutlich noch ein Unique Capture. Danach ging ich dann aber wieder bergauf zum Kreisel und dann zurück zur Klinik.

Ich schrieb erst eine E-Mail an einen Freund, dann diesen Beitrag. Vielleicht hänge ich noch ein wenig mit einem Tee und/oder einem Buch in der Lobby herum, vielleicht schreibe ich noch weitere E-Mails, aber das war es für heute. Nicht sehr spannend, ein sehr lauer Tag. Aber auch das gehört zu dem, was ich vielleicht mal lernen kann: Mir selbst zu erlauben, auch mal total faul zu sein und nichts zu machen. Aber auch, zu erkennen, wann das angesagt ist, und wann nicht.

Mein Therapieplan für morgen:

07:00 Uhr – Frühsport (yuck!)

11:00 Uhr – Walking

13:00 Uhr – PMR Gruppe (Progressive Muskelentspannung)

13:30 Uhr – Depressionsgruppe

15:30 Uhr – SINA/TAF

17:00 Uhr – Patientenführung

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About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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5 Responses to Tag 27 – Vanilliepudding zum Frühstück und die Nimm-2-Therapie

  1. Mhm… also mindfulness finde ich irgendwie nichtssagend. Wir reden hier eher von awareness würde ich sagen. Eine der größten Herausforderungen: Be aware of what is being aware, also sozusagen beobachtete nicht die Welt, sondern das, was beobachtet in dir selbst. Und wenn du das tibetische Buch des Todes liest, dann werden die dir sagen, dass du, wenn du stirbst, eventuell gefoltert wirst in einem Stadium und dann sollst du erkennen, dass das du bist, der dich foltert, es beobachtet, nicht bewerten und realisieren, dass du etwas in der Art getan hast. Wenn du nicht wegläufst und versuchst es zu verdrängen, kommst du eventuell ins nächste Stadium. Wenn du genügend Stadien durchgehst, dann kannst du eventuell eine „gute“ Wiedergeburt wählen und wenn du immer weiter gehst kommt du vielleicht irgendwann ganz woanders an. Im Nichts. Ist das nicht schön?

  2. Avatar von michikarl michikarl sagt:

    Hmja, ich habe den Eindruck, dass Du von diesen Dingen mehr verstehst als ich. Vielleicht habe ich Achtsamkeit auch schlecht geschrieben. Fakt ist, dass mindfulness der englische Ausdruck dafür ist. Den Ausdruck „awareness“ habe ich auch schon mal gehört, und ich denke, dass es was Ähnliches ist. Was die Religion angeht, da bleibe ich lieber beim Christlichen Glauben und versuche nicht, irgendwelche Ebenen zu erreichen. Aber dass die Meditation und ähnliche Praktiken aus anderen Religionen und Kulturen auch uns gestressten, leistungsorientierten Mitteleuropäern beim Abschalten und Kraft tanken helfen können – wenn auch vielleicht nicht jedem – glaube ich schon.

  3. Avatar von Peter Karl Peter Karl sagt:

    Ist schon ganz schön spannend, wenn sich Herr Hegel und Herr Kant über die philosophischen Hintergründe/Unterschiede von „mindfulness“ und „awarefulness“ austauschen! Das führt einem so richtig vor Augen, was für ein Dummbatz man doch ist!

    • Avatar von michikarl michikarl sagt:

      Keine Ahnung, wie Herr Hauser 😉 hier zu interpretieren ist. Ich persönlich verfüge lediglich über gefährliches Halbwissen. Der schlaue Neffe in Kanada ist der Philosoph. Und mein Vater ganz gewiss kein Dummbatz!

      • Avatar von Elisabeth Elisabeth sagt:

        Was unseren Vater angeht, stimme ich voll zu! Und der Neffe/ Enkel/ Sohn in Kanada ist zwar schon ganz schön schlau, aber wir wollen es mal nicht übertreiben, er ist allenfalls ein Philosophen-Azubi!

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