Tag 36 – Auswärtssieg mit Cheri Cheri Lady

Der Wecker randalierte um 07:30 Uhr. Frühstück, dann Indi Stress um 08:30 Uhr.

Die Sitzung drehte sich um eine Konfliktsituation zwischen zwei Leuten aus der Gruppe. Unsere Therapeutin hatte beobachtet, dass ein Gruppenkollege gut gelaunt morgens auftauchte, nach dem Frühstück in der Gruppe aber einen leicht angeschlagenen Eindruck machte. Sie fragte nach, worauf der Kollege die Situation erläuterte. Das Ganze war eigentlich kein wirklicher Konflikt zwischen den beiden Gruppenmitgliedern, sondern ein typisches Kommunikationsproblem. Der eine Kollege hatte sich interessiert nach dem Grund für die Anwesenheit des anderen in der Klinik erkundigt, aber in einer Weise, die bei dem anderen unangenehm aufstieß. Die Therapeutin analysierte das Problem anhand des bereits auch von mir schon erwähnten Vier-Ohren-Modells und ließ die beiden die Situation nochmals durchspielen, diesmal aber sollte der Fragesteller das richtig und in einer Weise machen, dass es bei dem anderen nicht diesen unerwüschten und auch unnötigen, negativen Effekt hat. Das gelang auch in der „simulierten“ Wiederholung. Ich hatte mit dem Gruppenkollegen schon mal vor zwei Wochen oder so ein ähnliches Problem gehabt, da ist etwas, was der durchaus gut gemeint hat, bei mir völlig verquer gegangen. Damals habe ich mich nicht weiter damit beschäftigt, mich mit dem Kollegen auch nicht ausgesprochen. Aber jetzt passte es zum Thema, deswegen brachte ich es zur Sprache.

Wie auch immer, die Analyse des Problems ist nicht das schwierigste. Das grundlegende Problem ist vielmehr, künftig anders zu kommunizieren. Und das ist nicht einfach. Ein Problem, dass man manchmal schneller spricht als denkt, kenne ich von mir selber zum Teil auch. Und schwupps, sind schon ein paar falsche Worte raus und richten Schaden an. Gerade eine beginnende Beziehung kann das total in die falsche Richtung lenken. Richtig zu kommunizieren erfordert, wenn man da ernsthaft etwas dran tun will, Training und vielleicht sogar Coaching. Man kann vielleicht für sich bestimmte Redewendungen antrainieren und versuchen, andere zu verbannen.

Auf jeden Fall hatten wir das dann auch geklärt. Die Therapeutin war mit ihrer Gruppe zufrieden. Dann machten wir noch eine Vorstellungsrunde, weil schon vier oder fünf neue Leute zu unserer Gruppe gestoßen waren, während sich kommende Woche der Rest von „meiner“ Gruppenbesetzung verabschieden wird – ich ja auch. Dabei sollten wir „alten“ auch unsere Hausaufgabe vorstellen, nämlich, was wir uns konkret für nach der Reha vorgenommen haben. Damit sind konkrete Handlungen und Ziele gemeint. Ich sagte, ich werde künftig an den Wochenenden Sport mit einer Freundin zusammen treiben. Schwimmen oder Inliner fahren. Letzteres wurde mir von meiner Physio-Therapeutin empfohlen, und ich will wohl damit anfangen. Mir ist klar, dass das nur ein Nebenkriegschauplatz bei mir ist. Mein Hauptproblem, das negativ belastete Lernen, was mich davon abhält, mich weiterzuentwickeln, muss ich mit einer nachfolgenden Behandlung angehen, z.B. IRENA. Aber das muss ich mit meiner Therapeutin noch klären.

Direkt im Anschluss war Fitnesstraining angesagt. Bei der Therapeutin, bei der ich zuletzt Einzel-Physio gehabt habe, die mir von jeglichem Krafttraining abrät. Sie hatte mir geraten, beim Fitnesstraining nur das Laufband zu benutzen. Also kletterte ich auf das Ding und warf es an. Langsam. Die gute Frau kam gleich zu mir rüber und kümmerte sich ziemlich lange nur um meine Körperhaltung, machte das Teil etwas schneller, sagte mir, wie ich die Hände zu halten hätte und korrigierte meine Haltung. Ich fand es natürlich gut, dass ich so einen speziellen Service bekam. Dabei quatschten wir nochmal über mögliche Jobangebote für die Dame im Auftrag von Kim Jong-Un oder in Guantanamo Bay. Wir entschieden, das Kuba doch die bessere Wahl im Vergleich zu Nordkorea sei.

Nach dem Fitesstraining war ich dann gleich wieder in Einzel-Physio bei der Dame. Sie wollte sich mal ordentlich meinen Rücken vornehmen, ich machte mich also oben rum frei und legte mich auf den Bauch. Zuerst war sie recht zärtlich in ihren Berührungen, aber das blieb nicht so. Sie ließ mich richtig heftig atmen, langsam ein, schnell aus. Ich sollte gegen ihren Druck anatmen. Sie drückte an meinem Rücken herum, und es tat teilweise höllisch weh. Wahrscheinlich war die Atmerei nur angesagt, weil man nicht gleichzeitig atmen und schreien kann. Tatsächlich meinte sie, ich würde zu flach atmen. Durch das viele Atmen kribbelten meine Hände irgendwann extrem, und zwischendurch hatte ich den Eindruck, mich total zu verkrampfen. Ich befürchtete schon, irgendwann eine Plastiktüte zu brauchen, falls ich hyperventilieren würde… aber meine Peinigerin meinte, das würde nicht passieren. Es passierte auch nicht, obwohl es sich echt krass anfühlte.

Danach waren dann noch ein paar Handgriffe in Rückenlage angesagt, dann hatte ich es überstanden. Die Behandlung ist eine Form aus der traditionellen chinesischen Medizin. Ich bin nicht sicher, was das genau ist, Tuina-Massage oder Akupressur oder so.

Schließlich waren wir durch, und ich konnte unter die Dusche und dann mittagessen gehen.

Mein neuer Frosch

Mein neuer Frosch hat einen Schlumpf gefressen. Komisch, dass dieser trotzdem noch so fidel dreinschaut. Ich hoffe, ein Frosch fängt mal langsam an, den zu verdauen, sonst hüpft der noch wieder raus und treibt sein Unwesen, wie es der Schlumpf an sich halt so tut…

Zuvor hatte ich allerdings im Postfach noch einen Brief von meiner Mutter, und ein geheimnisvoll leichtes Päckchen von der Freundin, mit der ich fast jeden Abend chatte, erhalten. Das war allerdings eine Überraschung. Was mochte es enthalten? Die Neugierde konnte ich bis nach dem Mittagessen nicht ertragen. Also trug ich meine Post in mein Zimmer und öffnete da das Päckchen. Ich war hellauf begeistert, denn es enthielt einen selbstgemachten Frosch, der „meine Sorgen fressen kann“, wie im beiliegenden Brief stand. Total genial gemacht, denn als Maul hat er einen Reisverschluss, und man kann da Dinge hineintun. Allerdings hat der Frosch bereits, bevor er zu mir kam, schon einen Schlumpf gefressen (aber noch nicht verdaut). Als meine Neugierde befriedigt war, konnte ich wirklich mittagessen gehen.

Danach hatte ich im Grunde schon Feierabend, denn es war nur noch ein eher relaxter Termin auf meinem Plan: 15:30 Uhr Abschlussrunde mit der Chefärztin. Bis dahin waren nach dem Mittagessen noch fast drei Stunden Zeit. Das Wetter war fantastisch, sonnig und warm. Viele Mitpatienten hielten sich auf der Sonnenterrasse auf, ich habe wie viele andere auch mein Mittagessen schon da draußen eingenommen. Anschließend trank ich da noch einen großen Café Latte und verbrachte insgesamt noch viel Zeit draußen. So viel, dass ich Sonnenschutzmittel auftrug. Vom Gefühl her war das fast wie Urlaub. Sehr angenehm. Irgendwann bekam ich mit, dass draußen vor der Kliniktür ein Eiswagen stand, also holte ich mir einen Spaghettieis-Becher. Lecker.

Froschi

Mein neuer Frosch auf meinem Kopfkissen

Natürlich musste ich auch allen meinen tollen, neuen Frosch zeigen, und mehr als eine Person hätten den am liebsten behalten oder sich auch so einen bestellt. Ich postete ein Bild auch sowohl in meinen hiesigen als auch in den Osnabrücker Ingress-Kommunikationskanal (Google Hangout). Auch dort kam viel positives Feedback für meinen Frosch. Der ist also schon berühmt!

Zwischendurch schrieb ich noch ein paar Postkarten in meinem Zimmer und ging später zum Postkasten am Kreisel, um sie einzuwerfen. Von dort aus ging ich noch weiter Richtung Hasslingen zur Sparkasse.

Wieder in der Klinik hatte ich noch 20 Minuten Zeit, anschließend trafen wir uns zu acht in der Lobby, um zusammen mit zwei Autos nach Schwelm zu fahren. Hier spielten im Pokalhalbfinale (Niederrheinpokal oder sowas) der Haspe SV gegen den VfB Schwelm. Für Haspe stand ein Gruppenkollege im Tor, und wir anderen aus der Klinik waren als Fans mitgefahren. Wir waren gegen 18:00 Uhr vor Ort, Anpfiff war um 19:30 Uhr, also gingen wir, die wir nicht mitspielten, erst einmal etwas essen. Die nächste Pizzaria auf Google Maps war unsere. Leider dauerte alles recht lange dort. Ich war – im Gegensatz zu den anderen, soweit ich das mitbekam – auch mit meinem Essen nicht so zufrieden, Penne mit Filetspitzen. Die Frau aus Rostock (achja, ich soll sie Ritalinella nennen, obwohl sie das Medikament gar nicht nimmt…), ein anderer Gruppenkollege und ich legten die Kröten für unseren Verzehr auf den Tisch, und gingen vorzeitig zurück zum Spielfeld. Die anderen hatten zum Teil noch Dessert geordert.

Unser Keeper

Einsam auf weiter Flur hält UNSER Keeper seinen Kasten sauber!

Wir drei kamen gerade noch rechtzeitig zum Anpfiff. Nunja, ich verstehe nicht allzuviel von Fussball, mir ging es ja im Wesentlichen um das Event „ich fahre mit den anderen Bekloppten aus der Klappse zum Fussballspiel, juchhee!“ und darum, den sehr netten Gruppenkollegen im Tor ein bisschen zu unterstützen. Der war begeistert, dass wir alle mitgekommen sind und bedankte sich etwa hundertmal dafür (vor und nach dem Spiel). Wir standen, nicht wie ich das von meiner Erfahrung als VfL Osnabrück-Fan her kannte, eher in der Nähe des gegnerischen Tores, um die Tore der eigenen Mannschaft besser bewundern zu können, sondern in der Nähe des eigenen Tores, um UNSEREN Torwart besser bewundern zu können. Ich weiß nicht, welche Liga sein Klub spielt, Kreisklasse, Oberliga, keine Ahnung. Und ich verstehe nix von Fußball. Aber mir fiel schon auf, dass die Art, wie er mit dem Ball umging, irgendwie auf mich ziemlich professionell wirkte. Ich erfuhr erst auf der Rückfahrt, dass er mal vor 15 Jahren für Rot-Weiß Oberhausen in der zweiten Bundeliga zwischen den Pfosten stand, und auch in der U21-Nationalmannschaft…

Wie auch immer, wir ließen ab und an ein bisschen Anfeuerung ertönen (als einzige Zuschauer, übrigens, aber es war uns nicht peinlich – wir zelebrierten ein bisschen unseren Status als „die Bekloppten aus der Anstalt“, die alles dürfen, das war sehr lustig). UNSER Team erzielte in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit irgendwann den Führungstreffer.

Haus Martfeld

Das ehemalige Rittergut Haus Martfeld liegt am östlichen Rand des Stadtgebietes von Schwelm und ging aus einer Wasserburg hervor, deren Ursprünge im 14. Jahrhundert liegen (Wikipedia).

In der Halbzeitpause ging ich ein bisschen Ingress spielen, es gab in einer bequem zu Fuß erreichbaren Entfernung einige Portale. Die lagen in der Nähe von Haus Martfeld, einem ehemaligen Rittergut und Wasserschloss, welches in der aufziehenden Abenddämmerung recht hübsch anzusehen war. Nachdem ich da erledigt hatte, was zu erledigen war, ging ich wieder zurück zum Platz – eine ganze Weile zu spät zum Wiederanpfiff. Ich hatte nicht auf die Zeit geachtet.

Als ich hinter dem Tor, in dem mein Gruppenkollege stand, vorbei kam, kassierte der gerade das 2:1. Was bedeutet, dass ich das 2:0 schon verpasst hatte. Zurück am Zaun standen meine Gruppenkollegen und -innen da und tranken Kaffee. Beim Fussball! Bei Flutlicht! Unglaublich! Naja, ich bin ja enthaltsam, also ging Bier ja bei mir auch nicht, also trank ich einfach mal nichts.

Es fiel dann noch das 3:1 für UNS, und schließlich gewannen WIR das Spiel! Großartig! Wir feierten unseren Keeper begeistert, und er freute sich sowohl über den Sieg als auch über unsere Anwesenheit als Fans. Aus irgendwann während des Spiels hastig aufgebauten Lautsprechern lief Modern Talking, „Cheri Cheri Lady“, und wir zelebrierten zu der Musik (wenn man das Modern Talk’sche Einheitsgedudel denn so nennen darf) zu viert unseren „Gin & Tonic“ Linedance. Naja, wir versuchten es zumindest. Wie gesagt, da wir ja offiziell „die Bekloppten aus der Anstalt“ waren, war uns nichts zu peinlich. Herrliches Gefühl von Freiheit!

Irgendwann mussten die Leute vom Heimverein VfB Schwelm die Musik ausmachen (und außerdem wollten die nach der Niederlage bestimmt auch irgendwann mal nachhause), so dass wir das Feiern einstellen mussten. Wir warteten noch, bis unser Keeper geduscht und umgezogen war, weil er eins der beiden Autos zurück zur Klinik fuhr, dann konnten wir zurückfahren. Es war wirklich lustig gewesen.

Wieder zurück in der Klinik war es schon deutlich nach 22:00 Uhr, und ich hatte keine Lust mehr, den Blogeintrag zu beginnen. Ich chattete noch kurz mit einer Freundin, danach ging ich ins Bett.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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3 Responses to Tag 36 – Auswärtssieg mit Cheri Cheri Lady

  1. Avatar von satayspiess satayspiess sagt:

    Wow, der Frosch ist ECHT toll! Wie schön! 🙂

  2. Avatar von michikarl michikarl sagt:

    Wow, da warst Du aber schnell… so lange war der Artikel noch gar nicht online. Tja, nicht umsonst bin ich damit erst mal angeben gegangen.

  3. Avatar von Elisabeth Elisabeth sagt:

    Auch von mir ein große Kompliment für den supertollen Frosche an die vermutlich sportliche Chat-Freundin!!!

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