Die Münze – Teil 1

Vorwort

Liebe Leser,
inspiriert durch einen Traum formte sich in meinem Kopf die folgende Geschichte. Sie wird insgesamt vielleicht länger als die typische Kurzgeschichte, bisher ist sie allenfalls halb fertig. Ich habe mir überlegt, dass ich sie als Fortsetzungsgeschichte hier im Blog veröffentlichen möchte. Genug der Vorworte, viel Spaß beim Lesen.

Die Münze

01. Juli 2017, 03:12 AM, Portreath, England
Andrew erwachte vom lauten Fiepen des Rauchmelders und saß sofort senkrecht im Bett. Dass es sich um nicht um einen Fehlalarm handeln konnte, meldete ihm seine Nase sofort, die Luft roch sichtlich nach brennendem Holz. Er sprang aus dem Bett und hechtete aus der Schlafzimmertür, so behände, wie man es einem Anfang 60-jährigen kaum zutrauen würde. Er bemerkte den Feuerschein, richtete seinen Blick nach unten und sah, dass im Erdgeschoss der hölzerne Pfosten des Treppengeländers in hellen Flammen stand. Die Flammen griffen bereits auf das Treppengeländer über. Andrew rannte die Treppe herunter, passierte den brennenden Pfahl und erreichte unversehrt die Küche. Dort riss er den Feuerlöscher von der Wand, rupfte den Sicherungssplint heraus, während er schon wieder in den Flur zurück hastete, und deckte dann den brennenden Pfeiler stoßweise mit Löschpulver ein. Das Feuer leistete nicht viel Widerstand, und bald hatte das Löschmittel seinen Dienst, dem Brand die Sauerstoffzufuhr abzuschneiden, getan. Die Flammen waren bald erloschen, doch rauchte der Pfeiler noch ein wenig vor sich hin, so dass Andrew in die Küche zurückging, einen Putzeimer mit Wasser füllte und diesen zur Sicherheit über dem Pfeiler entleerte. Es zischte und dampfte nur wenig, viel Glut konnte nicht mehr am Holz gewesen sein. Andrew fiel aber auf, dass es seltsamerweise eine Stelle im oberen Drittel des verkohlten Holzpfahls gab, die offenbar immer noch viel heißer war, als der Rest. Also holte er einen weiteren Eimer Wasser und goss dieses im Schwall auf den speziellen Bereich, bis auch hier schließlich nichts mehr dampfte und zischte.

Im Wohnzimmer stand auf einem Regal eine Flasche Talisker nebst zwei Gläsern. Andrew nahm sich die Flasche und eins der Gläser, schenkte sich großzügig von dem würzigen Single Malt ein, und kippte den Drink hinunter. Normalerweise genoss er seinen Whisky nippend in kleinsten Schlückchen, doch dies war nicht der Moment für den Alkoholgenuss im ursprünglichen Sinne. Der Alkohol entfaltete schnell seine Wirkung, und das warme Gefühl im Magen beruhigte seine flatternden Nerven. Nun, wo die unmittelbare Gefahr vorüber war, wandten sich Andrew Gedanken der Ursachenforschung zu. Wie war das nur passiert? Der nächste Gedanke versetzte ihn erneut in Angst und Schrecken – konnte es Brandstiftung gewesen sein? Schnell prüfte Andrew alle Türen und Fenster im Erdgeschoss und im ersten Stock. Alles war verschlossen und verriegelt wie immer, wenn er abends schlafen ging. Keine Außentür und auch kein Fenster zeigte das geringste Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens. Andrew atmete tief durch. Gut, offenbar kein Einbruch, keine Brandstiftung, aber was war es dann gewesen, was den Treppenpfeiler in Brand gesetzt hatte? Sollte er die Polizei rufen? Sein Leben lang war Andrew ein Mann der Tat gewesen, jemand, der wichtige Dinge ungern jemand anderem überließ und am liebsten alles selbst erledigte. Er setzte sich auf die dritte Treppenstufe und dachte nach.

Ein elektrischer Fehler kam kaum infrage, in der Nähe des Pfahls verliefen keine Leitungen. Was konnte es dann gewesen sein? Er musste die Überreste des Pfeilers selbst untersuchen. Plötzlich bemerkte Andrew auf dem schwarz verkohlten Überrest einen schwach schimmernden, kleinen, gelben Fleck. Was war denn das? Andrew ging zum Lichtschalter und löschte die Treppenbeleuchtung. Der Fleck war nun deutlich besser zu erkennen. Er ging zum Pfeiler und legte vorsichtig eine Hand auf den Lichtfleck. Nun war der Fleck auf seiner Hand. Andrew ging die Treppe hinauf und bewegte seine Hand so, dass der Fleck auf dem Handrücken blieb. Oben angekommen hob er die Hand weiter und blickte hoch. Dann sah er es: In der Decke war ein kleines Loch, mehr eine Art Riss, durch das der Mond hindurch schien. Etwas hatte offenbar das Dach durchschlagen. Und was immer es gewesen war, es hatte offenbar denselben Weg wie das Mondlicht genommen und dann den Treppenpfosten in Brand gesetzt.

Aber was konnte das gewesen sein? Vielleicht hatte ein Jet im Anflug auf die nahegelegene Basis der Royal Air Force ein Teil aus dem Triebwerk verloren, etwa eine Turbinenschaufel. Wäre das denkbar, dass so ein Teil so schnell und so heiß würde, um das Dach zu durchschlagen und danach das Holz in Brand zu setzen? Allerdings wurde der Stützpunkt, der heutzutage hauptsächlich eine Radar-Frühwarn-Station war, nur selten von Flugzeugen angeflogen. Oder war es doch ein Anschlag gewesen, und jemand hatte das heiße Projektil, welches mutmaßlich nun in dem verkohlten Pfahl steckte, mit einer Art Schleuder oder einer anderen Waffe durch sein Dach geschossen? Oder war es am Ende ein kleiner Meteorit gewesen, der sich ausgesucht hatte, ausgerechnet sein Dach zu durchschlagen und dann seine Treppe zu entzünden? Vielleicht war das sogar noch die plausibelste Theorie, dachte Andrew missgelaunt.

Fortsetzung folgt…

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About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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5 Responses to Die Münze – Teil 1

  1. Avatar von Elisabeth van Nguyen Elisabeth van Nguyen sagt:

    Hey Michi,
    wie ausgeruht bist Du denn schon gerade mal einen halben Tag nach unserer gemeinsamen Rückfahrt aus Burgund??? Hat Dich Taizé doch dermaßen inspiriert? „Dans nos obscurités allume le feu qui ne s’éteint jamais…“ – Aber nein, Du sagst ja, es war ein Traum… Super geschrieben jedenfalls, bin schon gespannt auf die Fortsetzung!

    • Avatar von michikarl michikarl sagt:

      Wow, Du bist ja schnell. Nun, den Traum hatte ich vielleicht vor drei Wochen schon, und ich habe auch schon drei oder vier A4-Seiten vor Taizé geschrieben. Ich habe sehr gut in meinem eigenen Bett geschlafen, hab mir ein Baguette gehört und mit Taizé-Musik aus Spotify gefrühstückt. War sehr entspannend.

      • Avatar von Elisabeth van Nguyen Elisabeth van Nguyen sagt:

        Musste nach einer Woche im Off doch meine Mails checken – und dann konnte ich natürlich nicht widerstehen…

  2. Avatar von Marco Marco sagt:

    Hammer! Liest sich echt gut und macht Laune auf mehr! 🙂

  3. Avatar von Gunnar Bobbert Gunnar Bobbert sagt:

    Deine Geschichte liest sich klasse und ist spannend! Alle Fragen verkneife ich mir und warte erstmal das Ende ab!

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