Die Münze – Teil 17

Nachdem Andrew den Vauxhall in der Tiefgarage des Hotels geparkt hatte, stiegen er und Mr. Jameson aus und fuhren mit dem Aufzug in die Lobby um einzuchecken. Sie bezogen ihre Zimmer, machten sich frisch und trafen sich alsbald wieder in der Lobby und erkundigten sich, ob Mr. Miles ebenfalls eingetroffen war. Dieser hatte eine Nachricht hinterlassen, dass dem so war, und ein kurzes Telefonat später traf auch der Fachkollege des Münzhändlers in der Lobby ein. Man begrüßte sich und stellte sich vor. Andrew schätzte, dass der Schotte wahrscheinlich in einem ähnlichen Alter wie Mr. Jameson war. Er hatte lebhafte Augen, die seine Umgebung förmlich zu scannen schienen, damit ihm ja nichts entging, und er schien ständig ein wenig zu schmunzeln, als hätte die Welt für ihn grundsätzlich etwas zu bieten, was ihn belustigte. Mr. Jameson, der ihm auch noch nie persönlich begegnet war, musterte seinen Kollegen ebenfalls mit einer gewissen Neugierde, wenngleich er versuchte, das hinter einer Fassade aus britischem Understatement zu verstecken.

„Sagen sie, Mr. Summers, ich muss gestehen, ich bin sehr neugierig. Dürfte ich das seltsame Objekt einmal sehen?“, fragte Mr. Miles. „Lieber nicht hier in der Lobby, bitte gedulden Sie sich, bis wir bei Ihrem Freund und zu viert sind. Hier ist mir zuviel Publikumsverkehr.“ Mr. Miles schien ein wenig enttäuscht, hatte aber keine Einwände. „Nun, wollen wir dann? Professor McIntyre, mein Freund am Cavendish Laboratory, sagte, wir könnten von Nachmittag bis Abend einfach bei ihm hineinplatzen, er wäre ohnehin in seinem Büro.“ „Dann wollen wir keine Zeit verlieren.“, drängte Andrew und komplementierte die beiden Älteren mit einem knappen „Bitte hier entlang, meine Herren.“ in Richtung Aufzug. Nachdem Mr. Jameson und Mr. Miles im Vauxhall Platz genommen hatte und Andrews Navigationsgerät das Cavendish Laboratoy anstandslos gefunden hatte, konnte die kurze Fahrt zum Labor beginnen.

Beim Cavendish Laboratory angekommen waren und geparkt hatten, betraten die drei Männer das Gebäude. Für Besucher stand in unmittelbarer Nähe des Eingangs ein Touchscreen-Computer bereits, der eine Raum- und Personensuche ermöglichte. Nachdem Mr. Miles „McIntyre“ eingegeben hatte, zeigte das Gerät zielsicher „Raum 2.05“ an, dazu eine dreidimensionale Grafik, die den Weg vom Eingang zum Aufzug und vom Aufzug in der zweiten Etage zu Raum 2.05 zeigte. „Schöne, neue Welt.“, dachte sich Andrew, als sie zum Aufzug gingen. In der zweiten Etage fanden sie Raum 2.05 schnell, unter der Nummer stand einfach „Prof. McIntyre“. Mr. Miles klopfte, und eine tiefe Stimme antwortete „Immer herein, sofern Sie keine Studenten sind, die mehr Zeit auf dem Hitachi haben wollen.“ Mr. Miles öffnete die Tür, und Andrew, Mr. Jameson und er selbst taten in Professor McIntyres Büro. „Nun, James, Studenten sind wir offensichtlich nicht, und ob wir Zeit auf dem Hitachi, was immer das sein mag, brauchen oder nicht, werden wir sehen.“ Der Professor, ein recht kleiner, aber beleibter Mann mit buschigem Bart, stand hinter seinem Schreibtisch auf, trat hervor, und umarmte Miles herzlich. „Ah, Peter, schön, dass Du es einrichten konntest. Wir sehen uns viel zu selten. Und Sie mögen Mr. Andrews und Mr. Jameson sein. Nur – wer ist wer?“.

Nachdem alle sich vorgestellt hatten, kam Professor McIntyre sofort zur Sache. „Peter erzählte mir von einer seltsamen Münze, mit der niemand in der Fachwelt der Numismatik so richtig etwas anfangen konnte. Ich nenne selbst eine bescheidene Münzsammlung mein Eigen, wenngleich mir auch das Fachwissen wie es Peter vermutlich mit Mr. Jameson teilt, abgeht. Jedenfalls war es dann mein Vorschlag, einmal das Material, aus dem das Objekt besteht, genauer zu untersuchen. Ich nehme doch an, Sie haben es dabei?“ „Ja, das habe ich in der Tat.“, sagte Andrew, der die Münze wieder in der bewährten Umhängetasche bei sich trug. „Ich vermute, dass Sie gleich noch sehr viel mehr daran interessiert sein werden, das Material genauer zu untersuchen. Seien Sie bitte vorgewarnt: Die Münze, oder das Objekt, wie Sie es nennen, ist viel schwerer als man vermutet.“ Der Professor antwortete mit einem erwartungsvollen Blick, dann entnahm er einer Schublade seines Schreibtisches gewohnheitsmäßig ein Paar Einweghandschuhle, die er überstreifte. Andrew gab ihm seine Umhängetasche. „Was haben Sie denn da noch alles drin?“, fragte der überraschte Professor, als er das Gewicht spürte. „Nichts weiter.“, antwortete Andrew, „Ich habe Sie ja vorgewarnt.“ Der Professor griff in die Umhängetasche und holte die Münze unter den wachsamen Augen von Mr. Miles, der ja schon in der Lobby gerne einen Blick darauf geworfen hätte, hervor. „Wirklich sehr schwer. Meine Güte!“ Er wurde blass, griff zum Telefon, wählte eine Nummer und rief „Joseph? Bringen Sie mir bitte sofort ein X5C plus! Es ist dringend!“

Fortsetzung folgt…

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Responses to Die Münze – Teil 17

  1. Avatar von Elisabeth van Nguyen Elisabeth van Nguyen sagt:

    Oha – ein echter cliffhanger!

  2. Avatar von michikarl michikarl sagt:

    Nunja, stellt sich halb so wild heraus. Ich würde gerne öfter Cliffhanger machen, aber es passt halt nicht immer so gut. Heute habe ich erst genauer über das Cavendish Laboratory recherchiert. Und war extrem angetan, da habe ich meinen Protagonisten aber wirklich an einen klasse Ort geschickt, was ehrlich gesagt eher Zufall war. Dachte halt nur: England, also Cambridge ist DIE Uni. Ich war tatsächlich noch nie da, habe nur auf Google Maps gesehen, oha, alles gespickt mit den 31 Colleges und viel Grün. Da hab ich mir das eben so vorgestellt wie beschrieben. Und das Cavendish ist wirklich ein historischer Ort, in der Grundsteine der modernen Physik gelegt wurden, die heute in jedem Physikbuch für Gymnasiasten stehen. Die Sache mit Rutherfords Streuversuch, aus dem sein Atommodell hervorging, bin ich mit René einmal vor einer Physikklausur durchgegangen.

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