Atmen

Ich erinnere mich an eine humorvolle Darstellung einer Bedürfnispyramide: Oben an der Spitze standen Luxusgüter und Reisen, darunter irgendwo Kleidung, darunter Essen und als Basis Wasser. Und darunter wurden von Spaßvögeln zwei „noch wichtigere Dinge“ unserer Zeit geschoben, nämlich: Akku und WLAN.

Die Bedürfnispyramide hat an ihrer Basis die wichtigsten Dinge als Fundament, und darüber die dann immer weniger wichtigen Dinge, ganz oben an der Spitze das, was am ehesten verzichtbar ist. Soweit also klar.

Bei unseren physischen Bedürfnissen denken wir häufig an Essen und Wasser. Klar, denn wenn wir Hunger oder Durst haben, dann merken wir das, und in der Regel haben wir, die wir das Privileg haben, in einer reichen Nation zu leben, dann Gott-sei-Dank die Resourcen, um unsere Bedürfnisse zu decken.

Aber was ist mit der Luft, dem Sauerstoff, den wir brauchen? Das ist bei den physischen Bedürfnissen noch eher das Basis-Segment als Essen, Trinken oder Schlafen. Denn ohne Essen können wir mehrere Tage, gar Wochen überleben. Ohne Wasser auch ein oder zwei Tage. Ohne zu atmen keine zehn Minuten. Das ist uns nur deswegen selten bewußt, weil das Bedürfnis nach Luft bzw. Sauerstoff normalerweise 24/7 jede einzelne Sekunde gestillt wird.

Damit das Bedürfnis nach Luft bzw. Sauerstoff jederzeit gestillt wird, was schlicht gleichbedeutend mit unserem Überleben ist, braucht es zweier Dinge:

  • Für uns atembare Luft, d.h. genügend Sauerstoff, nicht zu viele Schadstoffe
  • Einen funktionierenden Atemapperat, d.h. eine gesunde Lunge und eine gesunde Atemmuskulatur

Da in den meisten Fällen unseres bewußten Lebens beides zur Verfügung steht, denken wir selten darüber nach. Viel seltener als darüber, etwas zu trinken, wohin man zum Abendessen geht, oder wohin man in den nächsten Urlaub fliegt. Vielleicht denkt man einmal daran, wenn man im Schwimmbad versucht, eine 25 m – Bahn zu tauchen. Oder wenn man in einem völlig verrauchten Zimmer ist – die älteren Lese*innen werden sich daran erinnern.

Oder eben dann, wenn der Atemapperat eben nicht gesund ist, sei es beispielsweise aufgrund einer Lungenentzündung, einer durch Rauchen entstandenen Erkrankung oder auch durch Covid-19.

Ich war in einer angenehmen Sommernacht eben draußen und habe, was ich selten tue, ein paar bewusste Atemzüge genommen. Es fühlt sich kaum wie ein Privileg an, es ist doch selbstverständlich. Ein erwachsener Mensch macht ca. 17.000 bis 25.000 Atemzüge am Tag, das ist doch nichts besonderes?

Natürlich sind Atemübungen, bewußtes Atmen und Atemtechniken Teil vieler Therapien und auch z.B. wichtig für Sänger*innen und Blasmusiker. Aber dennoch:

Wie bei vielen Bedürfnissen denkt man nicht darüber nach, solange die Bedürfnisse gestillt werden, aber an nichts anderes mehr, wenn sie nicht gestillt werden. Und doch ruinieren wir unsere Luft durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe, und doch rauchen viele regelmäßig und schädigen ihren Atemapperat und doch gibt es viele, die nicht daran glauben, dass Covid-19 eine ernstzunehmende Krankheit ist, gegen die man sich schützen sollten.

Ja, sind wir denn bescheuert!?

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About michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Responses to Atmen

  1. Avatar von Jähne Udo Jähne Udo sagt:

    Toller Beitrag

  2. Avatar von satayspiess satayspiess sagt:

    Wie wahr, wie wahr, Michi. Schöner Beitrag. *wink*

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