Ich bin halt keine 40 mehr

Im Hotelzimmer, 21.51 Uhr. 24° draußen. Biertemperatur liegt deutlich drunter.

Mittwoch, 2. August – Kanalschippern, Turmbesteigen und Flanieren im Belvedere-Garten

Nach dem Frühstück im Hotel ging ich in mein Zimmer, um kurz meine Optionen zum Bootfahren zu prüfen. Das Wetter war heute wie angekündigt überwiegend sonnig bei bis zu 27°. Was ich kurzfristig an Fahrten auf der Donau gefunden habe, war schon für heute ausgebucht. Ich entschied mich für eine Bootstour auf dem Kanal, Apfelstrudel und Heissgetränk inklusive und buchte das online.

Es war gegen 11.00 Uhr als ich das Hotel verließ und mit der U1 zum Stefansplatz fuhr. Die nächste U-Bahnstation zum Anleger der Kanalbootfahrt war Schwedenplatz, aber ich hatte ja noch Zeit und wollte noch einen Blick auf den Stefansdom werfen. Also stieg ich eine Station vor dem Schwedenplatz aus.

Stefansdom … ein riesiger Sakralbau. Geht nur mit Weitwinkel.

Den Dom sah ich sofort, nachdem ich den Untergrund verlassen hatte – ein Mordsmodul von Kirche! Besonders sind die Mosaik-Dächer, die aus über 240.000 bunten Ziegeln bestehen. Ansonsten bemerkte ich, dass das hier ein echter Touri-Hotspot in Wien ist. Hier war ganz schön was los. Auf dem Stefanplatz starteten offenbar auch Kutschtouren mit Zweispännern.

Der 136 Meter hohe Südturm und ein Teil des Mosaikdaches

Ich lungerte auf dem Platz herum, umrundete den Dom und machte Fotos aus verschiedenen Perspektiven. Am Ende einer vom Platz abzweigenden Straße erspähte ich die Kuppel einer weiteren, beeindruckenden Kirche, die Peterskirche, wie sich später zeigte. Ich nahm nicht den direkten Weg dahin, sondern folgte einer Prachtstraße, an der Shops für Marken wie Mont Blanc, Louis Vitton, Rolex, Omega etc. angesiedelt waren.

Unweit des Stefansplatzes überall prächtige Architektur, wohin das Auge nur schaut.

Hm. Vor dem Petersdom waren, offenbar von Demonstranten, eine Reihe von in Plastik verpackten „verstorbenen Menschen“ abgelegt worden. Ich schaute zunächst nicht genauer hin und vermutete, dass hier gegen das Sterben im Mittelmeer demonstriert würde, was ich als krassen Kontrast zu den teuren Markengeschäften in der Gegend – oder auch nur zu meinem eigenen Urlaub – verbuchte.

Mist. Ich hab noch gar keinen Stift um meine Postkarten zu schreiben. Vielleicht sollte ich einen von den Füllern kaufen? Funktionieren die denn mit Pelikan-Patronen?

Die Peterskirche erreichte ich wenig später. Die Kirchen sind hier ziemlich in Familienhand… fehlen nur noch eine St. Michael- und eine St. Ilse-Kirche – eine Peterskirche, eine St. Elisabeth und eine Karlskirche hab ich ja schon gefunden…

Das Innere der Peterskirche – nur kurz rein, knipsen, raus

Zurück am Stefansdom sah ich mir die Demonstration genauer an. Die prägnante Botschaft auf einem großen Plakat lautete „Russia is a terrorist state“, und ich sah ukrainische und österreichische Fahnen. Der Krieg und die Solidarität mit der Ukraine ist auch hier zu spüren. Auf Schautafeln gab es Texte über das Assow-Brigade zu lesen. Ich hab sie mir nicht durchgelesen, aber überflogen und fotografiert. Die wesentliche Aussage war: Die Brigade wurde Andrij Bilezkyj gegründet, der als Neonazi gilt (zumindest in der russischen Darstellung und der Darstellung westlicher Medien, die das russische Narrativ übernommen hätten), aber sie habe sich grundlegend geändert. Sie kämpfe für die Freiheit der Ukraine. Ich will es noch einmal genauer lesen.

Ukrainische Demonstration auf dem Stefansplatz gegen Russlands Krieg

Es war langsam Zeit, den Weg zum Anleger zurückzulegen. Ich folgte Google und gelangte ziemlich schnell in die Gegend, an der ich am Vortag schon gewesen war, ich sah das Kino, in dem ich „Oppenheimer“ gesehen hatte. Das überraschte mich nicht, ich wusste ja, dass der Schiffsanleger am Schwedenplatz gelegen war, und da war ich ja gestern ausgestiegen, um ins Kino zu gehen.

Im Gebäude, wo man Tickets für die Ausflugsdampfer verschiedener Reedereien kaufen konnte, bekam ich für den QR-Code auf meinem Handy einen Papier-Voucher für Apfelstrudel und Heissgetränk. Wenig später betrat ich das Deck der „MS Blue Danube“. Ich begab mich an einen Tisch auf dem Oberdeck und orderte meinen Apfelstrudel und Kaffee. Dann begann die Tour.

Die Bootsfahrt fand zwischen dem eingezeichneten Wendepunkt (roter Kreis) und der „Schiffstation Wien / Wien-Bratislava“ statt.

Nun, so richtig spannend war es nicht. Die Tour führte in Richtung Donau, bis zu einer Gabelung des Kanals, bevor dieser in die Donau mündete. Danach wendete das Schiff, fuhr wieder in die Gegenrichtung, ein wenig am Startpunkt vorbei bis ungefähr zur Urania-Sternwarte, wendete wieder und legte wieder am Startpunkt an.

Rossauer Kaserne – Sitz des Verteidigungsministeriums

Die interessanten Punkte an der Route waren im Wesentlichen die Rossauer Kaserne, in der heute das Österreichische Ministerium für Landesverteidigung untergebracht ist, eine von Hundertwasser gestaltete Müllverbrennungsanlage und die Urania-Sternwarte. Ich daddelte unterwegs ein wenig Ingress. Nachdem ich Strudel und Kaffee verzehrt hatte, ging ich an eine bessere Ausblicksposition am Bug des Schiffes, neben dem Steuerhaus, um besser knipsen zu können.

Im Vordergrund: „Urban Island (Urbi)“, das Ding mit der goldenen Kugel ist ein Schornstein einer von Hundertwasser gestalteten Müllverbrennungsanlage, das Hochhaus links daneben ist ein Gebäude von Wien Energie.

Nachdem ich das Boot wieder verlassen hatte, ging ich noch ein wenig die Wolfgang-Schmitz-Promenade entlang und kam noch mal an der Urania-Sternwarte vorbei, die ich mir noch einmal aus der Nähe ansehen wollte. Danach ging ich weiter in die Richtung und kam zu einer Strandbar, die ich vom Boot aus gesehen hatte. Ich spielte mit dem Gedanken, hier was zu essen und zu trinken zu mir zu nehmen, entschied mich dann aber doch dagegen. Ich ging wieder in die Gegenrichtung und machte mich anderswo auf die Suche nach etwas zu essen.

Die Urania-Sternwarte

Ich lief durch Gassen, die ich noch nicht durchschritten hatte, wieder in Richtung Schwedenplatz. Es war sonnig und heiss und ich holte mir schnell in einem Supermarkt auf dem Weg noch eine Flasche Wasser, weil der halbe Liter, den ich in meiner Wasserflasche dabei hatte, nicht reichen würde, wie ich annahm. Nach dem Essen wollte ich mich auf die Aussichtsplattform des Südturms des Stefansdoms in ca. 67 Meter Höhe begeben.

Auf der Suche nach etwas Essbaren, was weder Wurst noch Schnitzel ist, landete ich am Ende bei einem Italiener, wo ich eine Pizza Funghi und ein Bier bestellte. Ich muss sagen, der Mann, der da den Laden schmiss, schien mir extrem effizient zu arbeiten und war superhöflich. Ging alles ziemlich fix, und er ließ es dabei noch leicht aussehen. Das Gegenteil der Servicekraft an der Kinokasse gestern.

Nach dem Essen ging ich zurück zum Dom und kaufte erstmal Postkarten und Briefmarken in der Dombuchhandlung. Danach wollte ich auf den Turm – ich hatte schon vor der Bootsfahrt gesehen, dass man da hoch kann. Okay… es gab keinen Aufzug… und ich hatte gerade Pizza und Bier intus…

Die Anzahl der Stufen auf der Treppe zur Türmerstube des Glockenturms (und damit der heutigen Aussichtsterrasse) beträgt 343, das ist (3+4)^{3}, also 7 × 7 × 7.

Wikipedia

Also 343 Stufen hoch. Es gibt lt. Wikipedia viel Zahlensymbolik, die sich im Dom versteckt und mit der Zahl 3 (symbolisch für die Dreifaltigkeit, hm, Trinity, hatten wir das nicht gestern schon in anderem Kontext?) zu tun hat. Aber jetzt galt es erst einmal, die Stufen zu erklimmen. Und das fiel mir nicht leicht. Kurz nachdem ich begonnen hatte, die enge Wendeltreppe zu erklimmen, begann ich, die Stufen zu zählen um zu wissen, wie viel ich noch vor mir hatte. Ich brauchte ein paar Pausen, bei denen ich Gegenverkehr durchließ. Immerhin – es überholte mich niemand von unten, niemand scheuchte mich. Nach vielleicht so etwas über zweihundert Stufen gelangte ich in einen Raum, in dem vielleicht einmal eine Turmuhr untergebracht war. Er war leer bis auf zwei Schautafel, auf einer ging es um die Hauptglocke, die im Volksmund „Pummerin“ genannt wird (das Original wurde beim Brand im zweiten Weltkrieg zerstört, aber es wurde eine Nachfolgerin gegossen, die nun im Nordturm hängt).

Blick vom Südturm des Stefansdoms. Etwas links von der Bildmitte ist die Kuppel der Peterskirche zu sehen. Falls ich irgendwo mal „Petersdom“ geschrieben haben sollte (musste ich schon einmal korrigieren): Das Risiko, das durcheinander zu kriegen ist hoch, und ich bin müde.

Ich war aber viel zu fertig vom Aufstieg, um mich darum zu kümmern, ich musste erst einmal regenerieren, um den restlichen Stufen zu bewältigen. Nachdem ich „ganz oben“ angekommen war, konnte ich durch Fenster auf die Stadt blicken. Die heutige Aussichtsplattform diente einst als Türmerstube – hier wachten 24/7 Männer über die Stadt und warnten mit Fahnensignalen (nachts mit einer Laterne) und einer Flüstertüte vor Gefahren wie Feuer, Sturm oder anrückenden, feindlichen Truppen. Die Laterne und das Sprachrohr hingen noch dort.

Der Abstieg war einfacher, dauerte aber gefühlt recht lange. Meine Gräten und meine Kondition machen das nicht mehr so easy mit wie früher mal. Nun, immerhin kann ich das noch überhaupt machen. Dennoch war ich danach ziemlich fertig und musste mich erst mal setzen und was trinken. Viel war gerade nicht mehr mit mir anzufangen, ich brauchte eine solide Pause. Also fuhr ich mit der U-Bahn zurück zum Hotel und packte mich erst mal anderthalb Stunden ins Bett.

Gegen 18.30 Uhr stand ich wieder auf, um noch etwas mit dem Resttag anzufangen. Ich wollte mir das Schloss Belvedere und die umgebenden, weitläufigen Parkanalagen aus der Nähe ansehen. Diese sind von meinem Hotel fußläufig innerhalb von 10 Minuten zu erreichen, also machte ich mich auf die Socken.

Belvedere-Schloss mit dem grossen Basin vom oberen Belvedere aus (mit gewasserter Raumkapsel oder so)

Wow. Die Sonne stand schon tief und die Gartenanlagen und das Schloss sahen fantastisch in der Abendstimmung aus. Am Rande gab es ein paar Kunstobjekte, unter anderem schien eine Apollo-Raumkapsel in einem Wasserbassin gelandet zu sein. Viele Pflanzen waren, nach französischem Vorbild, teilweise in symmetrische Formen geschnitten. Das weitläufige Gelände hatte zu der Zeit nicht wenige Besucher, aber es war trotzdem kein Getümmel, dazu waren die Parks einfach zu groß. Ein Pärchen aus Begien bat mich, ein Foto von ihnen zu machen, dem kam ich natürlich nach und machte selbst etliche Bilder, vielleicht die schönsten, die ich bisher hier in Wien geschossen habe.

Wenn ich eine Tafel richtig gelesen habe, dann ist dieser Blick Teil des UNESCO-Welterbes

Um 19.30 Uhr ertönte ein Gong, und eine Stimme über Lautsprecher rief dazu auf, den Park zu verlassen, da dieser bald geschlossen würde. Ich verließ die Anlagen am unteren Belvedere, unweit einem Lokal mit Brauerei, Salm Bräu. Verlockend, aber es war ziemlich voll. Also schritt ich den Rennweg in nordwestlicher Richtung entlang und machte mich auf die Suche nach etwas zu essen. Ich kam an einem Soldatendenkmal neben einem großen Springbrunnen vorbei. Die Schriftzeichen waren offenbar kyrillisch, also konnte ich nicht lesen, was da stand, aber ich sah Statuen von Soldaten mit Gewehren. Und ich fand es ätzend. Warum muss der Krieg immer so glorifiziert werden?

Igitt. Das ist zwar ganz schön gestaltet mit den beiden Händen und den Wasserspielen, aber auf dem Bogen und auf der Säule stehen Soldaten mit Gewehren in heroischen Posen. Warum muss der Krieg immer so verklärt werden? Krieg ist töten und sterben. Und nichts daran ist gut. Denkmäler und Gedenksteine find ich ja in Ordnung, aber warum muss das immer so martialisch aussehen?

Lt. Google-Maps handelt es sich um ein „Denkmal zu Ehren der Soldaten der Sowjetarmee“ mit dem dem Untertitel „Denkmal für die Wiener Operation von 1945“. Wahrscheinlich haben damals sowjetische Soldaten Wien von den Nazis befreit. Aller Ehren wert – aber vermutlich wird das heute von denen, die am Stefansdom gegen russische Kriegsverbrechen demonstrierten, etwas differenziert gesehen.

So viele schöne Gebäude überall

Ich war schon wieder etwas aufgebraucht und auf der Suche nach Abendessen, also orientierte ich mich in Richtung Karlsplatz und somit bekanntem Terrain. Allerdings wollte ich nicht irgendwo essen, wo ich schon gewesen bin, und nach Möglichkeit weder Pizza, noch Schnitzel, noch Würstel. Am Ende landete ich bei einem Nahost-Imbiss in der Nähe der U-Bahn-Station „Taubstummengasse“. Einmal den Falafel-Teller und ein Wieselburger Bier, bitte.

Beim Essen biss ich auf ein hartes Objekt und fummelte es aus meinem Mund. Ich beschloss, gar nicht so genau wissen zu wollen, was es denn wäre. Nachdem ich alles aufgefuttert hatte, entlastete allerdings meine Zunge den Kichererbsen-Dealer, denn ich stellte erst dann fest, das mir offenbar ein Stück Zahn (oder Keramik-Füllung) abgebrochen war. Hm. Nicht so schön. Aber auch nicht so schlimm, ich habe keine Schmerzen. Soll wohl noch bis nach dem Urlaub warten können, die Reparatur. Ich hatte sowas kürzlich schon mal. Wie erwähnt: Ich bin keine 40 mehr.

Nach dem Essen erwarb ich noch zwei Dosen Wieselburger und taperte zum Hotel zurück. Hier baute ich mit einem nassen Handtuch und einem Ventilator ein Biernotkühlsystem und warf den Laptop an, um diese Zeilen zu schreiben. Womit ich nun fertig bin, also schnell noch ein paar Bilder dazu und dann ab ins Bett.

Biernotkühlsystem … funktionierte erheblich besser, als gedacht! Macht richtig kalt.

Morgen: Mal sehen. Vielleicht Haus des Meeres, aber die aktuelle Wettervorhersage ist nicht ganz so nass wie gestern noch vorhergesagt. Vielleicht ist das Wetter auch für Draußen tauglich. Wir werden sehen. Bismorgen.

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Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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1 Response to Ich bin halt keine 40 mehr

  1. Avatar von Storasyster Storasyster sagt:

    Hm… Belvédère haben wir damals irgendwie ausgelassen, hatten so viele Ziele… Das habe ich schon mehr als einmal bedauert.

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